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Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 17
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Akt

Die große gewölbte Halle des Schlosses.

Erste Szene

In der Mitte der linken Seitenwand mündet eine hohe breite Holztreppe. In der Hinterwand links Bogenfenster, rechts ein breites, eisernes Ausgangsgitter, durch das man auf den mondbeschienenen Burghof sieht. In der Mitte der rechten Wand ein Kamin, zu dessen Seiten zwei niedrige Steinbänke in den Raum vorspringen. Vor den Fenstern hinten ein Tisch, an dem Dinas, Ganelun und der Erste und Zweite Baron sitzen und Schach spielen. Vorn ein Tisch und eine Truhe mit aufgestellten Schachbrettern. Der Tisch, zunächst der Steinbänke, steht auf einem Tritt, der nach hinten durch ein Geländer abgeschlossen wird. Auf dem Tritt und davor auf den Fliesen liegen Teppiche. Schenke nehmen von einer Anrichte, die links neben der Treppe steht, Weinkrüge und
setzen sie vor die Schachspieler. Vor dem erhöhten Tisch liegt Ugrin, der Narr des Königs, und schläft. Die Ölflammen verbreiten nur mäßiges Licht. Es wird einen Augenblick lang schweigend gespielt.

Der erste Baron. Nimm deine Königin in acht, wenn du
Sie nicht etwa an meine Bauern willig
Verschenken willst, wie König Marke Isot
An seine Siechen.

Ganelun.                   Wart, ich zieh den Läufer.

Der zweite Baron. Schach, Dinas. Schach und matt. Ihr machts mir leicht.
Ihr hättet nie den Springer opfern dürfen,
Dadurch entkam mein Turm und griff Euch an.

Dinas. Verzeiht, mir fehlen die Gedanken heut.

Zwei Ritter kommen vom Hof herein.

Der erste Ritter. Ich kann mir keinen Vers aus allem machen!
Grüß Gott, Herr Ganelun!

Er reicht den Anwesenden die Hand.

Der Zweite Ritter ebenso.       Beim Schach! Beim Schach!
Das nenn ich mir ein ruhig Blut, ihr Herren!
    Geht nach vorn.

Ganelun. Der König hat zum Spielen uns entboten
Und Wein bestellt auf unsren Tisch, weil es
Gar dunkel blieb und öd im Schloß heut abend,
Wenn auch Frau Isot wohl geborgen ist.

Der erste Ritter. Auch uns ließ König Marke herbescheiden!

Ugrin. »Gott, Menschen, Menschen! Licht und Menschen« schrie
Mein Vetter hier vor einer halben Stunde
Wie einer, dems zu lustig wird allein!

Der zweite Baron. Was sagt ihr zu dem großen Wunder?

Der zweite Ritter.                                                               Wißt ihr,
Daß Kad, Herrn Markes alter Pferdeknecht,
Den heiligen Georg hat von der Burg
Herunterspringen sehn, gerade dort,
Wo Fels und Mauer hundert Klafter messen?

Die Barone stehen auf und treten zu ihm.

Der erste Baron. Den heiligen Georg?!

Ganelun.                                                 Was sagt Ihr!

Dinas.                                                                             Wißt
Ihr mehr?

Der zweite Ritter.   Nur was der Kad erzählt. Er führte
Des Königs Pferde grad zur Tränke fort,
Als plötzlich oben auf der Mauerkante
Der Burg, hochaufrecht, die erhabene Gestalt
Des Heiligen ersteht.

Der erste Baron bekreuzigt sich
                                    Gott schütze mich!

Der zweite Baron. Und was geschah?

Der zweite Ritter.                                 Der Kad hielt ihn zunächst
Für einen schlichten Sterblichen und schrie
Ihm zu, jedoch im selben Augenblick
Sprang schon der heilige Ritter von der Mauer
Die hundert Klafter tief hinab und war,
Als Kad zur Stelle lief, in nichts zergangen!

Der erste Baron. In nichts?

Der zweite Baron.               Wie seltsam!

Dinas.                                                         Wunderbar!

Ganelun.                                                                         Doch sagt,
Woran erkannte Kad den Heiligen?

Der zweite Ritter. Ich weiß es nicht. Er nennt ihn so, und mit ihm
Jubelt das ganze Volk nun über diese
So wunderbare Tat des Drachentöters.

Der erste Ritter. Was sagt Herr Marke zu den Wunderzeichen
Der Rettung? Dinas, saht Ihr ihn?

Dinas zum Tisch zurückkehrend.           Des Königs
Seele ist gar bedrängt und schwer.

Der zweite Ritter.                                 Und Frau
Isolde?

Der Erste.   Sprach Herr Marke sein Gemahl?

Ganelun. Er sah und sprach sie nicht, denn beide fürchten
Erwähnung dessen, was geschah, weil es
Noch tobt in ihren Adern . . .

Der zweite Baron.                     Doch er sandte
Auf einem Silberschilde wortlos Frau
Isolden jene Hand, die heute falschen
Schwur ihm getan, und das war recht.

Der zweite Ritter.                                     Der Herr
Denovalin mußte einer heiligen Faust
Ruhmlos erliegen!

Dinas.                         Nach Verdienst, ihr Herrn!

Die Barone und Ritter sitzen wieder am Tisch. Herr Marke kommt unbemerkt langsam die Treppe herunter, er geht bedrängt und verstört umher und bleibt zuletzt an den Eckpfosten des Treppengeländers gelehnt stehen und hört den Gesprächen zu.

Der erste Ritter. Ein Siecher ist gesteinigt worden, weil er
Lubin durchschrie, der Teufel selber habe
Die Tat getan.

Dinas.                   Des Teufels oder Gottes
Muß solcher Sprung wohl sein.

Ganelun.                                         Gewiß, ihr Herrn,
Kein Sterblicher kann hundert Klafter springen.

Marke tritt an den Tisch und legt seinen Arm um Dinas' Nacken.

 

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