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Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 13
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Szene

Die Siechen betreten den Hof, ein verwildertes Gesindel in bunten Lumpen: faltige, ärmellose Mäntel mit Kapuzen, hohe Stöcke, Krücken, farbige Tücher um dunkle Stirnen, sonnengebräunte Gesichter, schlohweiße Haare, flatternde und geschorene Haare, nackte Arme, nackte Füße, eine vielfarbige und dennoch durch die Beize eines gleichen Lebens zu einer Einheit bezwungene Schar und wettergedörrte Spreu vor dem Winde. Sie halten sich scheu, schaukeln und wanken auf ihren dürren verzogenen Gliedmaßen ruhlos und lautlos, Gespenster im Sonnenlicht, und suchen während des ganzen Auftrittes ihre Stimmen zu
dämpfen.

Iwein betritt als erster den Hof und läßt die Siechen an sich vorbei.
                            Kommt! Sie sind schon alle drin!

Ein Siecher. Hier wird die Katz den Vogel fangen!

Ein junger Siecher trägt einen Kranz aus drei oder vier großen roten Blumen im schwarzen Haar.
                                                                              Heißa!

Iwein. Leise, daß ihr den Dienst nicht stört! Sprecht leise!

Ein alter Siecher blöde, auf eine Krücke gestützt, im Ton des Rufers, beinahe singend.
Heute soll Isot, unsres Königs Marke
Gemahl, an uns, uns Sieche von Lubin
Gegeben werden. Dieses rief der Rufer!

Der junge Sieche.                                         Bruder,
Brüderlein, tanz mit mir! Ich bin der Bräutigam!

Der alte Sieche im gleichen Ton.
Es soll Isote . . .

Jedesmal, wenn der alte Sieche anhebt, wird er von den anderen zur Ruhe gezischt.

Der junge Sieche stößt ihn.
                          Narr!
    Zum vierten Siechen   Tanz du!

Der vierte Sieche.                           Geh, laß mich!
Des Mittags rohe Rüben fressen und
Des Nachts bei einer Königin im Stroh
Schlafen, ich lache . . .

Ein rothaariger Siecher.   Marke soll uns Wein
Zur Hochzeit geben!

Der junge Sieche tanzend.   Tanzen, Brüder, tanzen!

Ein sechster Siecher. Ich will sie anschaun und dann trunken sein!

Der junge Sieche. So tanz mit mir, mein Herzensbruder, tanze!

Iwein vom Tor kommend.
Schweigt still und stellt euch ordentlich der Treppe
Grad gegenüber auf, daß wir sie sehn,
Wenn sie der Henker bringt.

Der erste Sieche. setzt sich auf die Erde.
                                              Ich mag nicht stehn!

Iwein. So kriech und kaure, Frosch.

Ein siebenter Siecher.                     Isolde Blondhaar,
Der Siechen Braut und Königin!
    Er lacht.

Der Rothaarige.                                 So soll
Sie heißen, Bruder!

Der alte Sieche.           Heute soll Isolde . . .

Ein achter Siecher. Ich will sie Feiertags zur Morgenstunde!

Der Erste. Ich abends spät.

Der Rothaarige.                   Ich nehme sie zuerst!

Der Sechste. Nein, Iwein tuts, denn er ist unser König!

Der junge Sieche zum roten.
Wer? Du?!

Ein neunter Siecher.   Wer bist denn du, du roter Lump!

Ein Zehnter ruft.
Der will Isolde kirren, sagt er, hört!

Der Erste. Schlagt ihm aufs Maul!

Der junge Sieche.                           Ich will sie gleich, ihr Freunde.
Mir lechzt und brennt das Eingeweide, mir!

Iwein. Der Henker wird euch peitschen, wenn ihr lärmt.

Der Rothaarige. Ich schlag euch Krüppel krüppliger, so ihr
Sie mir nicht mindestens für eine Woche
Zum Küssen gebt!

Iwein.                         Was krähst du, roter Hahn!
Ihr werdet nach mir um die Reihe losen.

Ein elfter Siecher. Ja, laßt uns losen!

Der Rothaarige.                                   Daß die Pest euch beiße!

Der vierte Sieche. Sie biß uns schon! Gebt Lose her.

Der Sechste                                                                   Ja, losen!

Der alte Sieche. Zuerst soll sie mir meine Kleider flicken!

Der Vierte zerreißt ein Tuch.
Ich reiße sie!

Der Erste.           In meinen Mantel. Kommt.

Sie drängen sich um ihn. Der fremde Sieche ist aus dem Dunkel der Säulen auf die Treppe getreten.

Ein zwölfter Siecher. Seht dort . . . da ist noch einer!

Der Rothaarige.                                                           Wo?

Der Sechste.                                                                         Dort drüben!

Der Zehnte. Wer ist das?

Der Neunte.                     Seht nur!

Der junge Sieche tritt vor die Treppe.   Du –! Wer bist du?

Iwein.                                                                                   Sprich,
Bist du ein Siecher so wie wir?

Der junge Sieche.                           Was willst du?

Der alte Sieche zum fremden herüber.
Heute soll Isot, unsres Königs Marke
Gemahl . . .

Der Rothaarige.   Schweig, Schuft!

Iwein.                                                 Willst du nicht Rede stehn?
Ich bin der Iwein, dieser Siechen Führer!
Was willst du hier?

Der fremde Sieche wirft Geld unter sie.

Der erste Sieche springt mit anderen dem Gelde nach.
                                Holla!

Der Zehnte.                             Er wirft uns Geld!

Der fremde Sieche. Ich bin ein Siecher aus Karesch und will
Hier bei euch wohnen in Lubin.

Der Vierte.                                       Du hast
Den Vogel wohl gerochen, guter Freund!

Der Rothaarige. Wir nehmen keinen auf als neuen Freier!

Der Neunte. Mach, daß du heimwärts kommst!

Der Elfte.                                                             Hast du noch Geld?

Der fremde Sieche hebt einen Beutel.
Der Iwein soll es unter euch verteilen,
So ihr mich aufnehmt!

Der Zwölfte.                       Potz, du bist ein reiches
Diebchen!

Der Erste.       Er soll nur bleiben.

Der Vierte.                                     Mir tuts nichts,
Obs einer mehr, obs einer weniger ist.

Iwein. So komm zu uns herab. Wie heißest du?

Der fremde Sieche tritt von den Stufen herab.

Der siebente Sieche. O sieh, wie groß du bist; wenn mich der Godwin
Bedroht, sollst du ihn prügeln!

Der junge Sieche.                           Sag, wie heißt du?

Der fremde Sieche. Ruft mich den Traurigen, das ist mein Name!

Iwein. So komm, du Trauriger, und stell dich auf,
Man wird uns nicht mehr lange warten lassen
Auf unsre Frau!

Der sechste Sieche zum fremden.
                          Herr Marke ist ein guter
Mildtätiger König, daß er uns bedenkt
Mit einer Frau!

Der alte Sieche ebenso.
                          Der Rufer rief, daß heute
Des Königs Marke Ehgemahl Isolde
Von Irland hier an uns . . .

Iwein.                                       Seid still, wir wollen
Mit unsern Klappern laut ein Zeichen geben!

Sie klappern.

Der zwölfte Sieche. Das Tor, das Tor!

Der junge Sieche.                               Schweigt, schweigt, sie kommt heraus!

Iwein. Schweigt alle still!

 

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