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Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Knappen schreiten vorüber in die Kirche, die Kirchentür bleibt nun offen.

Ein Mädchen. Wer wird die Königin geleiten, Gilain?

Die erste Wache. Herr Marke und der Henker.

Das Mädchen.                                                     Ach, die Arme!

Eine Alte. Du weinst wohl gar!?

Ein Kruzifix wird vorbeigetragen.

Ein Alter.                                     Bekreuzigt euch, der Heiland.

Der Hirte beugt sich vor, so daß er über den Hof in die Halle des Schlosses hineinsieht.
Dort kommt sie! Gott, wie ist sie schön, wie Engel . . .

Der Knappe. Dies, Freund, ist nur Gimelle, ihre Dame!

Gimelle geht vorüber.

Die zweite Wache.                                                           Du,
Du sollst nicht drängen.

Der Hirte.                           Dort! Wie eine Hindin!
Ja, sie ist schöner als Gimelle! Seht doch!
Ich will mich niederknieen, wenn sie kommt,
Denn sie ist schön! Sie ist wie eine Lilie
So schön!

Der Knappe.   Bleibt aufrecht, Bursch, denn dies ist nur
Brangäne, unsrer Frauen treue Magd.

Brangäne geht vorüber.

Der Hirte. Auch sie war schön. Kann man noch schöner sein!
Was hat Herr Marke viel der schönen Frauen
In seinem Schloß! So schöne Damen sah ich
Noch nie. In Toste leben keine Damen . . .
Und diese . . . Gott . . . Die Sonne fällt . . . es strahlt.
    Er bricht in die Kniee.

Der Knappe leise.
Dies ist die Königin!

Isolde schreitet im Purpurmantel mit nackten Füßen zwischen dem König und dem Henker heran. Paranis geht hinter ihr. Das Volk kniet zum Teil nieder.

Der Hirte starrend.         O Frau Isolde,
Du Blonde!

Ein Mädchen.   Liebste, Schönste!

Ein Anderes. O lächle nur noch einmal, Frau Isolde,
Nieder auf uns!

Ein Klappern ertönt. Hinter den Säulen tritt der fremde Sieche hervor. Sein bärtiges Gesicht wird von der Kapuze des Mantels beschattet, das Volk weicht entsetzt zurück. Der Zug stockt. Der Sieche beugt sich knieend vor Isolde so tief, daß seine Stirne fast den Boden berührt.

Eine Stimme.           Ein Siecher. Seht!

Ein Mädchen.                                         Maria!

Ein Andres. Wo kam er her?

Ein Drittes.                             Er hatte sich versteckt!

Marke langsam.
. . . Du kamst zu früh, mein Freund!

Der Sieche verschwindet seitlich hinter der Treppe. Der Zug geht in die Kirche, wo Orgelmusik anhebt. Die Knappen und das Volk schließen sich an.

Ein Mädchen schlägt die Hände vors Gesicht.
                                                          O unsre arme,
Die schöne Königin!

Ein Anderes.                 Wie Marmor war sie,
So kalt und bleich.

Ein Drittes.                 Sie hat die Augen keinmal
Geöffnet auf dem bangen Weg.

Ein Viertes.                                     Sie wollte
Nichts sehn!

Das Erste.         O pfui, daß Marke sie so schändet!

Die zweite Wache. Eilt euch. Ihr müßt hinein.

Die erste Wache zum Hirten, der an der Treppe lehnt.
                                                                      Wach auf, du Bursch,
Du mußt mit in die Kirche kommen. Vorwärts.

Der Hirte. Die Sonne fuhr an mir vorbei . . .

Ein Mädchen.                                               Ich will
Von Herzen beten für die Königin.

Ein Zweites. Wir wollen alle beten und den König
Verfluchen!

Die dritte Wache.   Willst du schweigen, Dirne! Vorwärts,
Hinein mit euch.

Die erste Wache.     Man hört die Siechen schon!

Die dritte Wache. Dir fiel dein Tuch.
    Er hebt es auf.

Das Mädchen.                                     Ich dank dir!

Die erste Wache streckt dem Alten den Arm hin.         Faß mich an,
Schnell, Alter!

Die Kirchentüren werden geschlossen. Die Bühne bleibt einen Augenblick lang leer. Die Orgeltöne wachsen an, und ein Gesang erschallt. Dann hört man in zwei Absätzen, einmal ferner, einmal näher, das rhythmisch gebundene Klappern der Siechen.

 

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