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Tal des Mondes

Jack London: Tal des Mondes - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleTal des Mondes
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid22343d03
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Dieser Winter wurde weit weniger interessant als der in Carmel verbrachte, und hatte Saxon die Bande in Carmel schon immer gern gehabt, so hatte sie sie jetzt noch lieber. In Ukiah machten sie nur ganz oberflächliche Bekanntschaften. Hier gehörten die Leute mehr der arbeitenden Klasse an wie die, welche sie in Oakland kannten, oder es waren reiche Leute und Automobilbesitzer, die nur miteinander verkehrten. Es gab keine demokratische Künstlerkolonie, die ohne Rücksicht auf Stand und Reichtum gute Kameradschaft abgab.

Und doch war es ein schöner Winter, schöner als je einer, den sie in Oakland verbracht hatten. Billy hatte keine feste Arbeit finden können, so daß er viel zu Hause war, und sie lebten glücklich von der Hand in den Mund in dem winzigen Häuschen, das sie gemietet hatten. Als Aushilfe bei dem größten Fuhrmann hatte Billy so viel freie Zeit, daß er ganz von selber auf den Pferdehandel kam. Das war riskant, und er befand sich nicht selten in Geldverlegenheit, aber deshalb standen auf ihrem Tisch doch immer das beste Ochsenfleisch und der beste Kaffee, und sie sparten nicht übertrieben an ihrer Kleidung.

»Die verfluchten Bauern. – Ich kann nicht mit ihnen fertig werden!« lachte er, als er eines Tages beim Pferdehandel tüchtig übers Ohr gehauen war. »Im Sommer nehmen sie Pensionäre, und im Winter verdienen sie dicke, indem sie sich gegenseitig mit Pferden betrügen. Und ich will dir nur sagen, Saxon, sie haben mich manches hübsche Ding gelehrt. Ich bin ihnen tüchtig nachgekommen, und sie sollen nicht lange mehr Türen mit mir einrennen – darauf kannst du Gift nehmen. Und es ist ein neues Handwerk, das ich gelernt habe. Ich kann mir jetzt überall mein Brot mit Pferdehandel verdienen.«

Billy nahm Saxon oft auf einem überflüssigen Reitpferd aus dem Stall mit, und sein Pferdehandel ließ ihn viel im Land umherschweifen. Sie begleitete ihn auch oft, wenn er mit Pferden fuhr, die ihm zum kommissionsweisen Verkauf übergeben waren. Und beide begannen, unabhängig voneinander, um eine neue Frage bezüglich ihrer Pilgerfahrt zu kreisen. Billy war es, der sie zuerst aufs Tapet brachte.

»Ich bin neulich über einen Wagen gestolpert – er steht irgendwo in der Stadt, und ich habe seither darüber nachgedacht. Es hat keinen Zweck, daß ich dich raten lasse, denn das kannst du nicht. Aber hör zu. Es ist ein richtiger Reisewagen und so fein, wie ich nie einen gesehen habe. Wahrhaftig, er ist so stark wie ein Haus. Er ist am Puget Sound gemacht und ist den ganzen Weg hierher gefahren. Alles kann man ihm zumuten, und er kann alles transportieren. Der arme Kerl, der ihn sich bauen ließ, hatte Schwindsucht. Er hatte einen Arzt und einen Koch mit auf der Reise, aber hier in Ukiah ging er um die Ecke, und das ist zwei Jahre her. Wenn du ihn doch nur sehen könntest! Er hat alle möglichen Bequemlichkeiten – und Platz für alles mögliche – ja, es ist ein ganzes Haus auf Rädern. Wenn wir ihn bekämen und ein paar Mähren dazu, dann könnten wir wie die Könige reisen und auf das Wetter pfeifen.«

»Ach, Billy, davon habe ich den ganzen Winter geträumt. Das wäre herrlich! Und – nun ja, manchmal, wenn wir auf der Wanderung sind, weiß ich nicht recht, ob du nicht vergißt, was für ein nettes Frauchen du hast. Aber wenn wir einen solchen Wagen hätten, dann könnte ich doch alles mögliche Hübsche mitnehmen.«

In Billys Augen trat ein warmer Schimmer, der sich wie eine Wolkendecke über das tiefe Blau zog, und sie waren brennend wie eine Liebkosung, als er ruhig antwortete:

»Daran habe ich auch schon gedacht.«

»Und du könntest deine Büchse und eine Schrotflinte und Angelruten und alles mögliche mitnehmen«, fuhr sie schnell fort. »Und eine richtige Axt statt des kleinen Dinges, über das du immer klagst. Und Possum kann sich immer ausruhen. Und – aber wenn du ihn nun nicht kaufen kannst? Wieviel verlangen sie?«

»Hundertundfünfzig blanke Dollar«, antwortete er, »aber das ist für den Wagen gar nichts. Dafür ist er direkt geschenkt. Ich sage dir, er hat wenigstens vierhundert gekostet, und ich kann schon sehen, ob solch ein Wagen gut gearbeitet ist – ja, im Dunkeln sogar. Ich könnte jetzt das Geschäft mit Caswells sechs Pferden machen – ja, du merkst doch, daß ich gerade heute mit dem Pferdeaufkäufer zusammengekommen bin. Wenn er sie kauft, glaubst du, schickt er sie dann hin? An den Alten in Oakland. Du sollst ihm einen Brief schreiben. Ich kann schon hin und wieder Pferde billig kriegen, und wenn der Alte darauf eingeht, verdiene ich die übliche Händlerprovision. Aber er muß mir natürlich eine ganze Menge Geld anvertrauen, und das wird er nicht tun, wenn er an all die Streikbrecher denkt, die ich verprügelt habe.«

»Wenn er dir die Aufsicht über seinen Stall geben will, wird er wohl auch keine Angst haben, dir Geld anzuvertrauen«, sagte Saxon.

Billy zuckte die Achseln, als verböte seine Bescheidenheit ihm, ihr zu glauben.

»Nun ja, wenn ich, wie gesagt, Caswells sechs Pferde verkaufen kann, dann können wir alle Rechnungen für diesen Monat hinausschieben und den Wagen kaufen.«

»Aber Pferde?« fragte Saxon besorgt.

»Die kommen – hinterher – und wenn ich für zwei oder drei Monate feste Arbeit übernehmen soll. Das einzige Dumme ist, daß es ziemlich spät im Sommer wird, ehe wir weiterreisen können. Aber komm jetzt mit zur Stadt – dann zeige ich dir den Wagen und die Wagenausrüstung.«

Saxon sah den Wagen und war so begeistert, daß sie in Erwartung und Spannung eine schlaflose Nacht verbrachte. Dann wurden Caswells sechs Pferde verkauft, die Rechnungen einen Monat hinausgeschoben, und der Wagen gehörte ihnen. An einem Regenmorgen, zwei Wochen später, begab Billy sich für den ganzen Tag aufs Land, um sich nach Pferden umzusehen, aber er hatte sich kaum verabschiedet, als er auch schon wiederkam.

»Komm!« rief er Saxon von der Straße aus zu. »Zieh dich an und komm. Ich möchte dir gern etwas zeigen.«

Er fuhr mit ihr zu einem Stall am andern Ende der Stadt und zeigte ihr einen großen eingehegten, überdachten Raum hinter dem Hause. Hier führte er sie zu zwei starken, flammenden, kastanienbraunen Pferden mit weißgelben Mahnen und Schweifen.

»Ach, wie schön die sind! Wie schön die sind!« rief Saxon und drückte ihre Wange an das sammetweiche Maul des einen, während das andere sie schelmisch mit dem Kopf anstieß, um auch sein Teil zu bekommen.

»Ja, nicht wahr?« sagte Billy begeistert und ließ sie vor ihrem bewundernden Blick traben. »Dreizehnhundertundfünfzig jedes – aber sie wirken gar nicht so schwer, so fein sind sie gebaut. Ich wollte es gar nicht glauben, ehe ich sie auf der Waage hatte. Zweitausendsiebenhundertundsieben Pfund alle beide. Ich habe sie vor zwei Tagen auf dem Lande probiert. Gute Pferde, fehlerlos, sie ziehen gut und sind Autos und alles andere gewohnt. Ich möcht wetten, daß sie besser ziehen als irgendein Gespann, das ich je gesehen habe. – Sag, wie, meinst du, würden sie sich vor unserm Wagen ausnehmen?«

Saxon sah es im Geiste und schüttelte langsam bedauernd den Kopf, als ihr aufging, wie unmöglich das war.

»Sie sind für dreihundert bar zu haben«, fuhr Billy fort, »und es ist ein verflucht guter Kauf. Der Besitzer braucht das Geld so notwendig, daß er ganz versessen darauf ist. Er ist gezwungen, sie zu verkaufen – und das sofort, und Saxon, bei Gott, man könnte auf einer Auktion in der Stadt fünfhundert dafür kriegen. Sie sind beide Stuten, Schwestern, fünf und sechs Jahre alt, Abkommen eines registrierten Belgiers und einer schweren Rassestute, die ich gut kenne. Sie sind für dreihundert zu haben, und ich habe sie drei Tage an der Hand.«

Jetzt wurde Saxons Bedauern von ehrlichem Zorn abgelöst.

»Aber warum zeigst du sie mir denn? Wir haben doch keine dreihundert, und das weißt du gut. Alles, was ich im Hause habe, sind sechs Dollar, und du hast nicht einmal so viel.«

»Du meinst vielleicht, daß ich dich nur deshalb hergebracht habe«, antwortete er geheimnisvoll. »Aber so ist es doch nicht.«

Er hielt inne, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und trat verlegen von einem Fuß auf den andern.

»Hör jetzt zu, bis ich dir alles erzählt habe – ehe du etwas sagst. Verstanden?«

Sie nickte.

»Und du öffnest nicht den Mund?«

Diesmal schüttelte sie nur gehorsam den Kopf.

»Es hängt nämlich so zusammen«, begann er zögernd. »Da ist ein junger Bursche, der von San Franzisko hergekommen ist – sie nennen ihn den ›jungen Sandow‹ – und den ›Stolz von Telegraph Hill‹. Er ist ein glänzender Schwergewichtsboxer, und er sollte Sonnabend mit Montana Red kämpfen, aber da hat Montana Red sich gestern beim Training den Arm gebrochen. Die Leute, die den Kampf arrangieren, haben nichts davon gesagt, und sie schlagen jetzt folgendes vor: Es sind viele Billetts verkauft, und das Haus wird Sonnabend ausverkauft sein. Um die Leute nicht anzuführen, wollen sie mich im letzten Augenblick Montanas Platz einnehmen lassen. Ich bin hier ganz unbekannt. Nicht einmal der junge Sandow kennt mich. Er ist erst nach meiner Zeit aufgetaucht. Ich werde als Bauernboxer auftreten und kann mich ja den Pferderoberts nennen.

Nun warte einen Augenblick! Der Gewinner bekommt dreihundert richtige Menschendollar. Ja, warte nur, jetzt kommt es. Es ist die reine Leichenfledderei. Sandow ist ein mutiger Kerl – einer von denen, die auslangen und gut festhalten. Ich habe seine Karriere in den Zeitungen verfolgt. Aber er ist nicht gerissen. Ich bin langsam, das stimmt schon, aber ich bin gerissen, und ich kenne Sandow und weiß, wie ich mit ihm fertig werden soll.

Sieh, jetzt mußt du entscheiden. Wenn du ja sagst, gehören die beiden Pferde uns. Wenn du nein sagst, dann wird nichts aus dem Boxkampf, und dann arbeite ich als Stallknecht, bis ich mir ein Paar Mähren verdient habe. Aber vergiß nicht, es werden nur Mähren! Sieh mich nicht an, während du deinen Entschluß faßt. Guck die Pferde an.«

Saxon sah die schönen Tiere an und wußte weder ein noch aus.

»Sie heißen Hazel und Hattie«, warf Billy pfiffig ein. »Wenn wir sie kriegen, könnten wir sie die beiden H's nennen.«

Aber Saxon vergaß das Gespann und sah nur Billys furchtbar zerschlagenen Körper vor sich, wie er andern Abend nach dem Boxkampf mit dem »Schrecken von Chikago« ausgesehen hatte. Sie wollte gerade etwas sagen, als Billy, dessen Blick nicht von ihren Lippen gewichen war, einfiel:

»Spann sie nur einmal in Gedanken vor unsern Wagen, wie das aussieht. Es gibt nicht viele, die sie ausstechen können.«

»Aber du bist doch gar nicht im Training«, sagte sie plötzlich, ohne daß sie es hatte sagen wollen.

»Hm?« sagte er höhnisch. »Das ganze letzte Jahr bin ich doch wohl halb im Training gewesen. Meine Beine sind wie Eisen. Sie halten mich, solange ich auch nur die geringsten Kräfte in meinen Armen habe, und die habe ich stets. Außerdem lasse ich ihn nicht sehr lange schlagen. Er ist ein Draufgänger, und Draufgänger sind gerade etwas für mich. Die fresse ich lebendig. Gerissene Burschen mit Rückgrat und Ausdauer sind es, mit denen ich nicht fertig werde. Aber dieser junge Sandow ist gerade etwas für mich. Ich werde in der dritten oder vierten Runde mit ihm fertig – verstehst du, ich nehme ihn aufs Korn, fahre auf ihn los und erledige ihn. Das ist so sicher wie etwas, sage ich dir. Weiß Gott, Saxon, es ist beinahe eine Schande, das Geld zu nehmen.«

»Aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß du so furchtbar mißhandelt werden sollst«, sagte sie, wie um Zeit zu gewinnen. »Wenn ich dich nicht so heiß liebte, wäre es vielleicht etwas anderes. Aber du könntest doch Schaden nehmen.«

Billy lachte, stolz und übermütig im Bewußtsein seiner Jugend und seiner Muskeln.

»Du wirst gar nicht wissen, daß ich überhaupt gekämpft habe, nur dadurch, daß wir dann Hazel und Hattie besitzen. Und im übrigen, Saxon, muß ich einmal irgend jemand meine Faust ins Gesicht stecken. Du weißt, daß ich monatelang fromm und sanft wie ein Lamm sein kann, dann aber beginnen mir plötzlich die Fäuste zu jucken. Und sieh, da ist es doch viel vernünftiger, den jungen Sandow zu verprügeln und Dreihundert dafür zu kriegen, als irgendeinen Bauernlümmel zu vermöbeln, vor Gericht geschleppt und zu einer Strafe verknackt zu werden. Guck dir noch einmal Hazel und Hattie an. Sie sind ein prächtiges Inventar für einen Bauernhof und werden großartig ins Mondtal passen. Sie sind auch schwer genug, daß man sie vor den Pflug spannen kann.«

An dem Abend, als der Kampf stattfinden sollte, trennten Saxon und Billy sich um viertel nach acht. Um viertel nach neun, als sie mit warmem Wasser, Eis und allem andern bereit saß, ihn zu empfangen, hörte sie die Pforte zuschlagen und Billys Schritte auf der Treppe. Sie hatte gegen ihre Überzeugung die Einwilligung zum Kampf gegeben und es jede Minute, die sie hier wartete, bereut, und als sie die Tür öffnete, war sie auf alles mögliche vorbereitet. Aber der Billy, den sie sah, war genau wie der Billy, der sich von ihr verabschiedet hatte.

»Aber gab es denn keinen Kampf?« rief sie, so offensichtlich enttäuscht, daß er laut lachte.

»Sie heulten alle: ›Schiebung! Schiebung!‹, als ich ging und wollten ihr Geld wieder haben.«

»Nun, ich habe doch jedenfalls dich«, lachte sie, ihn in die Stube ziehend, aber im geheimen sagte sie mit einem Seufzer Hazel und Hattie Lebewohl.

»Aber ich habe unterwegs etwas für dich gekauft, was du dir lange gewünscht hast«, sagte Billy gleichgültig. »Mach die Hand auf und die Augen zu, und wenn du sie aufmachst, sollst du etwas Großartiges sehen.«

Etwas sehr Schweres und sehr Kaltes wurde in ihre Hand gelegt, und als sie die Augen öffnete, sah sie, daß es ein Stapel Zwanzig-Dollar-Stücke war.

»Ich sagte dir ja, daß es die reine Leichenfledderei wäre«, sagte er triumphierend, als er lachend aus dem Wirbelwind von Puffen und Stößen und Umarmungen auftauchte, in den sie ihn hineingerissen hatte. »Es gab gar keinen Kampf. Willst du wissen, wie lange es dauerte? Nur siebenundzwanzig Sekunden – weniger als eine halbe Minute. Und wieviel Stöße ausgeteilt wurden? Nur einer! Und ich war es, der die Ohrfeige gab. Komm, jetzt will ich es dir zeigen. Es war nur so – ja, es war einfach zum Lachen!«

Billy stand, etwas vorgebeugt, mitten in der Stube, das Kinn gegen die schützende linke Schulter gedrückt, mit geballten Fäusten, die Ellbogen eingezogen, um die linke Seite des Unterleibs zu schützen, und die Unterarme dicht an den Körper gepreßt.

»Es ist die erste Runde«, erklärte er. »Die Glocke läutet, und wir haben uns die Pfoten gedrückt. Selbstverständlich haben wir keine Eile, da es ein langer Kampf ist und wir einander nie in Tätigkeit gesehen haben. Wir fühlen uns gegenseitig vor, und gehen so um einander herum. Das dauert siebzehn Sekunden, ohne daß ein einziger Schlag fällt – nicht einer. Und da auf einmal ist es aus mit dem großen Schweden. Ich brauche einige Zeit, um es zu erzählen, aber es geschah alles im Handumdrehen, in weniger als einer Zehntelsekunde. Ich hatte es selbst nicht erwartet. Wir waren schrecklich dicht aneinander. Sein linker Handschuh ist nicht einen Fuß von meinem Kinn entfernt, und mein linker Handschuh nicht einen Fuß von seinem. Er tut, als wolle er mit der Rechten auslangen, und ich weiß, daß er nur so tut, mache die linke Schulter ein bißchen krumm und fahre mit meiner rechten Hand vor. Dabei kommt er ungefähr einen Zoll aus der Verteidigungsstellung heraus, und ich nehme die Gelegenheit wahr. Meine Linke ist nicht einen Fuß von ihm entfernt, und ich halte sie nicht zurück. Ich setze sie von dort aus, wo sie sich befindet, in Gang, drehe sie wie einen Korkenzieher um seine rechte Verteidigungsstellung und schwinge mich in die Hütte, um das Schultergewicht in den Schlag zu kriegen. Und es stimmt! Gerade auf die Spitze vom Kinn. Er fällt um wie ein Lamm. Ich gehe wieder in meine Ecke, und weiß Gott, Saxon, ich muß doch bei mir grinsen, es war so einfach. Der Richter bleibt stehen und zählt, er verzieht nicht eine Miene. Die Zuschauer wissen nicht, was sie glauben sollen und sitzen wie gelähmt da. Seine Sekundanten tragen ihn in seine Ecke und setzen ihn auf den Stuhl. Aber sie müssen ihn festhalten, damit er nicht fällt. Fünf Minuten darauf schlägt er die Augen auf – aber er sieht nichts. Sie sind wie gebrochen. Noch fünf Minuten, und er steht aufrecht. Sie müssen ihn halten, und seine Beine knicken wie Würste unter ihm zusammen. Und die Sekundanten müssen ihm aus dem Seil heraushelfen, und sie gehen durch den Mittelgang bis zu seiner Kabine, und immer noch müssen sie ihn stützen. Da beginnt der ganze Chor zu rufen, es sei Schiebung, und sie wollen ihr Geld wiederhaben. Siebenundzwanzig Sekunden – ein Schlag – und ein feines Gespann für die beste Frau, die Billy Roberts je in seinem Leben gehabt hat.«

Die Freude, die Saxon schon immer an dem Körper ihres Mannes empfunden hatte, erwachte in diesem Augenblick zu neuem, vielfältigen Leben. Er war in Wahrheit ein Held, würdig der Schar, die mit ihren Flügelhelmen aus den spitzschnäbligen Booten auf den blutigen englischen Strand sprang.

Am nächsten Morgen wurde er durch einen Kuß geweckt, den sie auf seine linke Hand drückte.

»Ha! Was tust du?« fragte er.

»Ich gebe Hazel und Hattie einen Guten-Morgen-Kuß«, antwortete sie mit ehrbar niedergeschlagenen Augen. »Und jetzt will ich auch dich zum Guten Morgen küssen. – Und wo hat der Schlag getroffen?–Zeig' es mir.«

Billy tat, wie sie wünschte, und berührte die Spitze ihres Kinns mit seinen Knöcheln. Mit beiden Händen schob sie seine Hand zurück und versuchte sie dann vorwärts zu reißen, so daß es ein Stoß wurde. Aber Billy leistete Widerstand.

»Wart einen Augenblick!«' sagte er. »Du willst doch nicht, daß ich dir das Kinn ganz zerschlage. Ich will es dir zeigen. Ich kann es mit einem viertel Zoll tun.«

Und aus einer Entfernung von einem viertel Zoll traf er ihr Kinn mit einem winzigen Stoß.

Im selben Augenblick kam ein weißer Funke; es war, als spränge etwas in ihrem Hirn, während ihr ganzer Körper erschlaffte, gefühllos, schwach und willenlos wurde und ihre Augen sich verschleierten und ihre Sehkraft verloren. Im nächsten Augenblick aber kam sie wieder zu sich, und ein entsetzter, verständnisvoller Ausdruck war in ihren Augen.

»Du trafst ihn aus einer Entfernung von einem Fuß«, murmelte sie mit Andacht in der Stimme.

»Ja, und mit meinem ganzen Schultergewicht obendrein«, lachte Billy. »Ach, das ist gar nichts! – Jetzt will ich dir etwas anderes zeigen.«

Er suchte und fand ihren Solar Plexus, den er leicht mit dem Mittelfinger antippte. Dieses Mal war es, als würde sie am ganzen Körper gelähmt, und ihr Atem stockte, wohingegen ihr Gehirn und ihre Sehkraft vollkommen klar blieben. Und ungefähr im selben Augenblick waren auch diese ungewohnten Gefühle schon verschwunden.

»Ja«, meinte Billy, »jetzt kannst du dir vielleicht denken, wie es ist, wenn der andere von den Knien aus stößt, das war der Stoß, der Bob Fitzsimmons seine Weltmeisterschaft verschaffte.«

Saxon schauderte, ließ es sich aber doch gefallen, daß Billy scherzend alle Schwächen der menschlichen Anatomie an ihr selbst demonstrierte. Er preßte die Spitze eines Fingers an eine Stelle mitten an ihrem Unterarm, und sie fühlte einen wahnsinnigen Schmerz. Zu beiden Seiten des Halses, unterhalb der Stelle, wo er begann, drückte er ganz leicht mit seinem Daumen, und sie fühlte ihr Bewußtsein schwinden.

»Das ist einer von den Todesgriffen der Japaner«, sagte er und fuhr fort, wobei er die verschiedenen Griffe und Stöße andauernd mit Erklärungen begleitete. »Dies ist der Zehenstoß, mit dem Gotch Hackenschmidt erledigte. Den habe ich vom Farmer Burns gelernt. Und dies ist ein halber Nelson, ja, und denk dir jetzt, du machst Skandal in einem Ballsaal, und ich bin Festleiter und soll dich hinauswerfen.« Mit der einen Hand griff er um ihr Handgelenk, und mit der andern um ihren Unterarm, worauf er wieder sein eigenes Handgelenk packte. Bei dem geringsten Druck hatte sie das Gefühl, daß ihr Arm ein Pfeifenrohr war, das zerbrechen wollte.

»Das nennt man: ›Kommt mit!‹ und hier ist der ›starke Arm‹. Ein Junge kann mit diesem Griff einen Mann werfen. – Und wenn jemand sich mit einem andern prügelt, und seine Nase gerät ihm zwischen die Zähne, und man will ja nicht gern seine Nase verlieren, nicht wahr? Ja, dann macht man das hier, so schnell wie der Blitz.«

Sie schloß unwillkürlich die Augen, als Billy die Daumenspitzen darauf drückte. Sie konnten den fliegenden Schmerz fühlen, der einer dumpfen, furchtbaren Qual vorausging.

»Und wenn er dann noch nicht losläßt, dann preßt man hart zu, und seine Augen fallen ihm aus dem Kopf, und er wird stockblind für den ganzen Rest seines Lebens. Ach, er soll schon loslassen.«

Er ließ sie los, und sie lehnte sich lachend zurück.

»Wie fühlst du dich?« fragte er. »Das sind zwar keine richtigen Boxertricks, aber sie kommen einem sehr zu statten, wenn man mal in eine Schlägerei gerät.«

»Ich fühle, daß ich mich rächen muß«, sagte sie und versuchte, den ›Komm-mit‹-Griff an seinem Arm anzuwenden.

Als sie aber zudrücken wollte, schrie sie laut vor Schmerz, denn sie tat sich nur selber weh. Billy grinste über ihre fruchtlosen Anstrengungen. Sie grub ihre Daumen in seinen Hals, um einen japanischen Todesgriff auszuführen, und sah mit tiefstem Bedauern ihre gebogenen Nägel. Sie klopfte ihn hart auf die Spitze des Kinns und schrie wieder laut, dieses Mal, weil sie sich ihre Knöchel geschlagen hatte.

»Das kann mir aber jedenfalls nicht weh tun«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen, und schlug mit der geballten Faust auf seinen Solar Plexus.

Billy brüllte laut vor Lachen. Unter dem Überzug von Muskeln, der wie ein eiserner Panzer wirkte, war das verhängnisvolle Nervenzentrum vollkommen unzugänglich.

»Nur weiter, nur immer weiter!« spornte er sie an, als sie, vor Anstrengung stöhnend, den Kampf aufgab. »Es ist ein so komisches Gefühl, als ob du mich mit einer Feder kitzeltest.«

»Na ja, Verehrtester!« sagte sie drohend. »Du kannst, so viel du willst, von deinen Griffen und Totschlägen reden, aber das tun die Männer alle. Ich weiß etwas, das mehr ist als alles andere, und das einen starken Mann so hilf los wie ein Kind macht. Warte nur einen Augenblick. So! Mach die Augen zu. Fertig? Es dauert nur einen Augenblick.«

Er wartete mit geschlossenen Augen, und so weich wie Rosenblätter, die zu Boden fallen, berührten ihre Lippen seinen Mund.

»Ich gebe mich besiegt«, sagte er ernst und begeistert und schloß sie in seine Arme.

 

Am Morgen ging Billy zum Pferdehändler und erlegte den Preis für Hazel und Hattie. Saxon war so ungeduldig, sie zu sehen, daß er ihrer Meinung nach für ein so einfaches Geschäft furchtbar lange brauchte. Aber sie verzieh ihm, sobald er sich mit den beiden Pferden vor dem Wagen einstellte.

»Das Geschirr mußte ich mir leihen«, sagte er. »Reich mir Possum herauf, und klettere selbst neben mich, dann will ich dir die beiden H's zeigen – und es ist ein flottes Gespann, darauf kannst du Gift nehmen.«

Saxons Freude war unbegrenzt und machte sie beinahe stumm, als sie hinter den flammenden, kastanienbraunen Pferden mit den weißgelben Schweifen und Mähnen zur Stadt hinausfuhren. Der Kutschbock war gepolstert, hochlehnig und bequem, und Billy war ganz außer sich vor Begeisterung über die prachtvolle, kräftig wirkende Bremse. Er ließ das Gespann auf der harten Landstraße traben, um die Durchschnittsgeschwindigkeit, die sie leisten konnten, zu zeigen, und fuhr sie einen steilen Feldweg hinan, obwohl der Schlamm fast bis zu den Radnaben ging, um zu zeigen, daß sie nicht umsonst von einem leichten Belgier abstammten.

Als Saxon schließlich in völliges Schweigen versank, beobachtete er sie besorgt mit hastigen Seitenblicken. Sie seufzte und fragte:

»Wann, glaubst du, können wir reisen?«

»Vielleicht in zwei Wochen – vielleicht in zwei bis drei Monaten.« Er seufzte, ernst und nachdenklich. »Wir sind wie der Irländer, der einen Koffer hat und nichts hineinzutun. Wir haben Wagen und Pferde, aber nichts zu fahren. Ich kann eine kleine Büchse kriegen – ein Prachtstück, sage ich dir. Aber denk an all das Geld, das wir schuldig sind. Auch eine neue kleine Schrotflinte für dich und eine etwas schwerere, mit der wir Rehe schießen können. Und du brauchst auch eine gute zerlegbare Angelrute, wie meine. Und Angelschnüre kosten ein verfluchtes Geld. Und ein Geschirr wie das, welches ich haben will, macht fünfzig gute Dollar aus der Tasche. Und der Wagen müßte auch gestrichen werden. Dazu kommen Weideleinen, ein Futterbeutel, ein Geschirrputzkasten und vieles andere. Und Hazel und Hattie leiden nur durch das Warten. Ich bin selbst ganz darauf versessen, wegzukommen.«

Er hielt plötzlich verwirrt inne.

»Nun, Billy, was denkst du jetzt? Ich kann es deinen Augen ansehen!« sagte Saxon.

»Ja, siehst du, Saxon, es hängt so zusammen. Er – Sandow ist nicht zufrieden – er ist toll wie ein Stier. Er hatte gar keine Gelegenheit, mich auch nur anzurühren. Er hatte nicht die geringste Chance, und jetzt verlangt er Revanche. Er läuft in der Stadt herum und erzählt, daß er mich besiegen kann, wenn ihm die eine Hand auf dem Rücken gebunden ist und solchen Unsinn mehr. Aber das ist es nicht. Die Sportidioten sind ganz wild nach einem Revanchekampf. Sie bekamen das letztemal nichts für ihr Geld. Es wird pfropfenvoll. Der Direktor hat schon mit mir gesprochen, und deshalb kam ich so spät. Sonnabend in acht Tagen warten Dreihundert auf mich, ich brauche mich nur zu bücken und sie aufzuheben. – Und selbstverständlich mußt du ja sagen. Es ist genau so, wie ich dir früher sagte. Ich werde leicht mit ihm fertig. Er glaubt immer noch, daß ich ein Bauernlümmel bin, und daß mein Stoß der reine Zufallstreffer war.«

»Aber Billy, du hast mir doch immer gesagt, daß Boxen deine Seide verdürbe. Deshalb hast du es doch aufgegeben und angefangen zu fahren.«

»Aber ich habe das Zeug fürs Boxen«, antwortete er. »Mit dem werde ich leicht fertig. Ich lasse ihn ungefähr bis zur siebten Runde stehen. Nicht, daß es notwendig wäre, nur damit die Zuschauer etwas für ihr Geld haben. Natürlich kriege ich ein paar Beulen ab, und etwas Haut wird auch abgeschrammt. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, gebe ich ihm eins auf sein Kinn, daß er gleich, umfällt. Was meinst du dazu? Sag, Saxon.«

 

Am Sonnabendabend, zwei Wochen später, lief Saxon an die Tür, als die Pforte zuschlug. Billy sah müde aus. Sein Haar war naß, seine Nase geschwollen, die eine Backe ebenfalls, die Haut an den Ohren war verschrammt, und beide Augen ein bißchen blutunterlaufen.

»Ich will mich hängen lassen, wenn der Kerl mich nicht anführte!« sagte er, als er ihr die Goldstücke in die Hand legte, sich hinsetzte und sie auf seinen Schoß zog. »Er ist ein tüchtiger Kerl, wenn er erst richtig in Gang kommt. Statt ihn in der siebten Runde zu erledigen, mußte ich bis zur vierzehnten kämpfen. Dann fing ich ihn auf die Art, wie ich es dir erzählt habe. Es ist schade, daß er ein so empfindliches Kinn hat. Er ist schneller, als ich glaubte, und er kann einem tüchtig zusetzen, so daß ich von der zweiten Runde an Respekt vor ihm hatte. – Aber wieder dieses Kinn! Bis zur vierzehnten Runde hatte er es in Watte gepackt, aber dann kriegte ich es.

Und weißt du was. Ich freue mich mächtig, daß es wirklich vierzehn Runden lang dauerte. Meine Seide ist noch in Ordnung – das merkte ich gleich. Ich brauchte nicht nach Luft zu schnappen, und meine Beine waren wie Eisen. Ich hätte vierzig Runden kämpfen können. Und weißt du, ich habe nie etwas gesagt, aber ich war die ganze Zeit mißtrauisch, seit der ›Schrecken von Chicago‹ mich verprügelte.«

»Ach Unsinn, das mußt du doch längst gewußt haben«, rief Saxon. »Denk doch an all deine Box- und Ringkämpfe und deine Läufe in Carmel.«

»Nicht hier.« Billy schüttelte den Kopf, überlegen wie einer, der alles weiß. »Das ist etwas ganz anderes. Das lähmt einen nicht. Es muß das Richtige sein, sich mit einem Kerl, der all seine Seide hat, ums Leben zu schlagen, und dann – wenn man nicht kaputt geht und das Herz einem nicht so klopft, daß es beinahe zerspringt, und einem die Beine nicht schlapp werden, und man keinen wirren Kopf kriegt – ja, dann weiß man, daß man noch all seine Seide hat. Und ich habe sie, ich habe all meine Seide. Und ich werde sie nicht in weiteren Prügeleien riskieren. Das ist sicher. Das leicht verdiente Geld ist in der Regel auch das teuerste. Von jetzt an wird mit Pferden in Kommission gehandelt, und wir wandern weiter, bis wir das Mondtal finden.«

 

Früh am nächsten Morgen verließen sie Ukiah. Possum saß auf dem Bock zwischen ihnen und sperrte vor lauter Aufregung seinen rosigen kleinen Rachen auf. Sie hatten ursprünglich die Absicht gehabt, von Ukiah aus direkt nach dem Meere zu fahren, aber es war noch zu früh im Jahr, die weichen Sandwege waren nach dem Gewitterregen noch nicht fahrbar, und deshalb bogen sie, in der Richtung des Seedistrikts, nach Osten ab, in der Absicht, durch das obere Sacramentotal und über die Berge nordwärts nach Oregon zu fahren. Dann wollten sie den Kreis nach der Küste beschreiben, wo zu dieser Zeit die Wege gut instand waren, und so das Goldene Tor erreichen.

Das ganze Land war grün und mit Blumen übersät, und als sie in die Berge kamen, war jedes kleine Tal wie ein Garten.

»Huh!« meinte Billy höhnisch und wandte sich ganz allgemein an die Umgebung. »Es heißt, daß rollende Steine kein Moos ansetzen. Aber wir haben doch eine ganz nette Menge angesetzt. Ich hab' nie in meinem Leben so viel auf einmal besessen – nicht einmal in den Tagen, als ich nicht rollte. Zum Teufel, nicht einmal die Möbel gehörten uns. Nur die Kleider, in denen wir gingen und standen, ein paar alte Socken und dergleichen.«

Saxon streckte die Hand aus und berührte die seine, und er wußte, daß es eine Hand war, die die seine liebte.

»Nur eins tut mir leid«, sagte sie. »Daß du alles allein verdient hast. Ich habe keinen Anteil daran gehabt.«

»Oho! – du hast sehr viel Anteil daran gehabt. Du bist wie ein Trainer beim Boxen. Du sorgst dafür, daß ich froh und vergnügt und in guter Form bin. Man kann nicht richtig kämpfen, wenn man nicht einen guten Trainer hat. – Teufel, glaubst du, ich würde hier sitzen, wenn du nicht gewesen wärest! Du warst es, die mich alles liegen und auf die Wanderung gehen ließ. Wenn du nicht gewesen wärest, so hätte ich mich tot getrunken oder wäre in San Quentin aufgeknüpft worden, weil ich zu hart mit einem Streikbrecher umgegangen war oder dergleichen. Und sieh mich an! Sieh die Geldrolle« – er schlug sich auf die Brust – »damit soll ich Pferde für den Alten kaufen. – Es ist wie Ferien, die nie ein Ende nehmen sollen, und obendrein haben wir unser gutes, reichliches Auskommen. Und ich habe einen neuen Beruf bekommen – Pferde für Oakland zu kaufen. Wenn ich zeige, daß ich Verstand habe, und ich weiß, daß ich das habe, werden alle Firmen in San Franzisko angelaufen kommen und mich bitten, Pferde für sie zu kaufen. Und das ist alles deine Schuld – denn du hast mich dazu gekriegt, und wenn Possum uns jetzt nicht anguckte, dann würde ich – aber was, zum Teufel, kümmere ich mich darum, ob er es sieht.«

Und Billy beugte sich zu ihr und küßte sie.

Der Weg wurde hügelig und beschwerlich, als sie höher hinaufkamen, aber das letzte Stück bis zur Wasserscheide war nicht schwierig, und bald fuhren sie in den Canyon bei den blauen Seen ein, durch fruchtbare Felder mit goldenem Mohn. Auf der Sohle des Canyons schlängelte sich ein breites Band von tiefstem Blau. Weit vor ihnen schlossen die Hügel sich wie Falten am Horizont, und in der Ferne war ein blauer Berg, der eine Art Mittelfigur im Bilde ausmachte.

Sie richteten einige Fragen an einen schönen, schwarzäugigen Mann mit grauem, lockigem Haar, und er antwortete ihnen mit deutschem Akzent, während eine Frau mit vergnügtem Gesicht ihnen aus einem hohen Gitterfenster in einer Schweizer Villa, die oben auf einem Hange lag, zunickte. Billy gab seinen Pferden in einem hübschen Hotel, weiter abwärts im Canyon, Wasser, und der Wirt erzählte ihnen, daß er selbst das Hotel nach einer Zeichnung des Mannes mit dem lockigen grauen Haar gebaut hatte – er war Architekt und wohnte in San Franzisko.

»Wir kommen vorwärts, wir kommen vorwärts!« sagte Billy und lachte bei sich, als sie weiter zwischen den Hügeln hindurch an einem zweiten See vom tiefsten Blau vorbeifuhren. »Kannst du sehen, jetzt, da wir fahren, behandeln sie uns schon anders als zu der Zeit, da wir mit unsern Bündeln auf dem Rücken herumwanderten? Wenn Hazel und Hattie und Saxon und Possum und meine Wenigkeit hier in dem vornehmen Wagen angefahren kommen, glauben die Leute, daß wir Millionäre auf einer Vergnügungsreise sind.«

Der Weg wurde breiter. Große Wiesen, hin und wieder mit Eichengruppen und grasendem Vieh, lagen zu beiden Seiten. Dann tauchte ein neuer See wie ein kleines Meer im Lande auf, weißschäumend von dem Wind, der von den hohen Bergen herabstrich, auf deren nördlichen Hängen der Schnee immer noch in schimmernd weißen Flecken lag.

»Frau Hazard war ganz begeistert vom Genfer See«, sagte Saxon, »aber ich möchte wissen, ob er schöner ist als der hier.«

»Aber der Architekt nannte dies hier auch die kalifornischen Alpen«, bestätigte Billy. »Und wenn ich mich nicht irre, ist das da vorn Lakeport. Das ist alles ganz wild, und es gibt keine Eisenbahn.«

»Und auch kein Mondtal«, sagte Saxon kritisch. »Aber es ist schön, ach, wie schön!«

»Aber hier ist es im Sommer sicher heiß wie die Hölle, das möchte ich wetten«, erklärte Billy. »Nein, das Land das wir suchen, liegt näher an der Küste. Aber deshalb ist es hier doch schön – wie ein Bild an der Wand. Was meinst du dazu, wenn wir hier haltmachen und ein bißchen schwimmen?«

 

Zehn Tage darauf fuhren sie in Williams in Colusa County ein, und dort stießen sie zum erstenmal auf eine Eisenbahn. Billy sah sich nach ihr um, weil hinter seinem Wagen zwei prachtvolle Arbeitspferde liefen, die er unterwegs gekauft hatte und nach Oakland schicken wollte.

»Hier ist es zu heiß«, erklärte Saxon, und sah über die schwachleuchtende Fläche des mächtigen Sacramentotals hinaus. »Keine Riesentannen. Keine Hügel. Keine Wälder. Keine Manzanitos. Keine Madronjos. Einsam und traurig –«.

»Wie die Flußinseln«, fiel Billy ihr ins Wort. »Verflucht reicher Boden, aber die Arbeit scheint zu schwer zu sein. Das ist gut für Leute, die auf Mühe versessen sind – aber Gott mag wissen, daß es einen hier nicht reizt, immer zu bleiben. Keine Fischerei, keine Jagd – nichts als Arbeit. Wenn ich gezwungen wäre, hier zu leben, würde ich selber anfangen, mich abzurackern.«

 

Viele Tage fuhren sie in Hitze und Staub über die kalifornische Ebene nach Norden, und überall sahen sie »neue« Landwirtschaft – große Rieselkanäle, die gegraben waren oder gegraben wurden, Boden, der von elektrischen Leitungen von den Bergen durchschnitten war und viele neue Bauernhäuser auf kleinen eingehegten Gütern. Die großen Höfe aus der guten alten Zeit wurden ausgestückt. Und doch gab es immer noch viele große, fünf- bis zehntausend Morgen umfassende Höfe, die sich vom Ufer des Sacramentos bis an den Horizont erstreckten und zitternd, mit großen Taleichen übersät, unter den Hitzewellen lagen

»Solche Bäume brauchen reichen Boden«, sagte ein Bauer auf einer kleinen Zehn-Morgen-Wirtschaft zu ihnen. Sie waren hundert Fuß weit vom Wege bis zu seiner winzigen Scheune gefahren, um Hazel und Hattie Wasser zu geben. Ein schöner junger Obstgarten nahm den größten Teil seiner zehn Morgen ein, aber außerdem gab es noch weißgestrichene Hühnerhäuser und mit Drahtzäunen umgebene Ausläufe, in denen sich Hunderte von Hühnern befanden. Er hatte gerade mit einem kleinen Fachwerkbau begonnen.

»Den Grund und Boden kaufte ich mir in den Ferien«, erzählte er, »und pflanzte die Bäume. Dann kehrte ich wieder zu meiner Arbeit zurück und blieb dabei, bis alles gerodet war. Jetzt bin ich für immer hier, und sobald das Haus fertig ist, lasse ich meine Frau kommen. Sie ist nicht besonders kräftig, und es wird sehr gesund für sie sein. Wir haben viele Jahre gearbeitet und uns abgerackert, um aus der Stadt wegzukommen.« Er hielt inne und seufzte zufrieden. »Und jetzt sind wir frei.«

Das Wasser im Trog war warm von der Sonne.

»Warten Sie«, sagte der Mann. »Das dürfen Sie sie nicht trinken lassen. Ich gebe ihnen etwas kaltes Wasser.«

Er ging zu einem kleinen Schuppen und drehte einen Schalter, worauf ein kleiner Motor von der Größe einer Obstkiste sich summend in Bewegung setzte. Ein fünfzölliger blinkender Wasserstrahl spritzte in den seichten Graben, der die Hauptader seines Berieselungssystems war, und strömte in vielen Seitenkanälen durch den Obstgarten.

»Ist das nicht herrlich – herrlich, herrlich!« rief der Mann begeistert. »Das bedeutet Knospen und Früchte. Blut und Leben. Sehen Sie nur! Das macht eine Goldmine zu einem Witz und ein Schanklokal zu einem bösen Traum. Ich weiß es. Ich – ich bin einmal Kellner gewesen. Ich bin tatsächlich mein ganzes Leben lang Kellner gewesen. Damit habe ich mir das Geld verdient, um diesen Hof zu kaufen. Und ich habe die Arbeit mein ganzes Leben gehaßt. Ich bin auf einem Bauernhof geboren, und immer habe ich mich nach dem Lande gesehnt.«

Er wischte sich die Brille ab, um besser sein heißgeliebtes Wasser sehen zu können, dann ergriff er eine Hacke und wanderte mit ihr den Hauptgraben entlang, um weitere Nebenkanäle anzulegen.

»Das ist der komischste Kellner, den ich je getroffen habe«, meinte Billy. »Ich glaubte, er sei irgendein Geschäftsmann. Es muß irgend so ein stilles Hotel gewesen sein.«

»Du darfst nicht gleich weiter fahren«, erklärte Saxon. »Ich möchte gern noch mit ihm reden.«

Er kam wieder, putzte sich die Brille und strahlte über das ganze Gesicht, als er das Wasser betrachtete, das eine Art Zauber auf ihn ausübte. Um ihn in Gang zu bringen, brauchte Saxon sich nicht mehr anzustrengen, als er es getan, um seinen Motor in Gang zu bringen.

»Anfang der Fünfziger nahmen Pioniere alles dies in Besitz«, sagte er. »Die Mexikaner waren nie so weit gekommen, alles war Staatsboden. Alle Menschen bekamen hundertundsechzig Morgen. Und welch einen Boden! Die Geschichten, die sie von all dem Weizen erzählen, den sie bekamen, sind beinahe unglaublich. Dann erfolgten verschiedene Veränderungen. Die schlauesten und vernünftigsten Pioniere behielten, was sie hatten, und kauften von den andern dazu. Und allmählich wurde alles zu großen Höfen.«

»Das waren die glücklichen Spieler«, warf Saxon ein, die sich erinnerte, was Mark Hall gesagt hatte.

Der Mann nickte beifällig und fuhr fort:

»Die Alten rechneten und sammelten und machten ihre großen Höfe immer größer, und sie bauten die großen Scheunen und Häuser und legten Obst- und Blumengärten an. Die Jungen wurden von all dem vielen Reichtum verdorben, sie gingen in die Stadt, um ihn durchzubringen. Und in einem waren Alte und Junge sich einig: Den Boden auszusaugen. Jahr auf Jahr beuteten sie ihn aus und verschafften sich Riesenernten. Sie gaben ihm nichts dafür, und der Boden, den sie zurückließen, war vollkommen ausgepreßt. Ja, große Stücke waren so ausgenutzt, daß sie fast wie eine Wüste dalagen.

Die großen Bauern aus der wirklich guten Zeit sind jetzt alle tot – ja, Gott sei Dank! – und dadurch haben wir kleinen Bauern unsere Chance bekommen. Es wird nicht viele Jahre dauern, bis das ganze Tal in kleinen Stellen wie die meine bewirtschaftet wird. Sehen Sie, was wir ausrichten! Wir kriegen ausgenutzten Boden, der keinen Weizen mehr erzeugt, übergießen ihn mit einem Strom von Wasser und behandeln die Erde gut, ja, sehen Sie nur unsere Obstgärten!

Wir haben das Wasser – von den Bergen und von den unterirdischen Quellen. Ich las neulich einen Bericht, in dem stand, daß alles Leben von der Nahrung abhängt. Aber alle Nahrung hängt wieder vom Wasser ab. Es gehören tausend Pfund Wasser dazu, um ein Pfund Nahrung, zehntausend Pfund Wasser, um ein Pfund Fleisch zu erzeugen. Wieviel Wasser trinken Sie in einem Jahre? Ungefähr eine Tonne. Aber Sie essen ungefähr zweihundert Pfund Gemüse und zweihundert Pfund Fleisch im Jahre – das heißt, daß Sie hundert Tonnen Wasser in Form von Gemüse und tausend Tonnen in Form von Fleisch in sich aufnehmen – und das heißt wieder, daß elfhundertundeine Tonne Wasser jährlich dazu gehören, um eine kleine Frau wie Sie zu erhalten.«

»Teufel auch!« Das war alles, was Billy sagen konnte.

»Sie sehen also, wie abhängig die ganze Bevölkerung vom Wasser ist«, fuhr der frühere Kellner fort. »Nun ja, wir haben das Wasser, einen unermeßlichen unterirdischen Vorrat, und im Laufe weniger Jahre wird dieses Tal so dicht bevölkert sein wie Belgien.«

Ganz bezaubert von dem fünfzölligen Strom, der von demselben Motor aus dem Boden geholt und ihm wiedergegeben wurde, hielt er in seiner Darlegung inne und starrte ihn an, verzaubert, ohne einen andern Gedanken, während seine Gäste weiterfuhren.

»Und der hat Getränke ausgeschenkt«, sagte Billy bewundernd. »Er würde sich sicher viel besser dazu eignen, in einer Temperenzlerwirtschaft zu bedienen – das kannst du jedem sagen, der dich danach fragt.«

»Es ist ein so schöner Gedanke – all das Wasser – und all die glücklichen Menschen, die hier wohnen –«

»Aber es ist nicht das Mondtal«, lachte Billy.

»Nein«, antwortete sie. »Im Mondtal brauchen sie den Boden nur zu überrieseln, wenn sie Alfalfa und dergleichen pflanzen wollen. Was wir brauchen, ist Wasser, das ganz natürlich aus der Erde quillt und sich in kleinen Bächen über den Hof verbreitet, und an der Grenze einen richtigen kleinen Fluß. –«

»Mit Forellen«, fiel Billy ihr ins Wort. »Und mit Weiden und allen möglichen andern Bäumen an seinen Ufern, und hie und da einer Stromschnelle, wo man Forellen fangen kann und einer tiefen Stelle zum Schwimmen und Tauchen. Und Eisvögel und Kaninchen, die zum Trinken an den Fluß kommen, und vielleicht auch ein Hirsch.«

»Und Lerchen auf den Wiesen«, fügte Saxon hinzu. »Und in allen Bäumen Turteltauben. Wir müssen Turteltauben und große graue Waideichhörnchen haben.«

»Na ja, in dem Mondtal – da gibt es wenigstens etwas«, sagte Billy nachdenklich und wippte mit seiner Peitsche eine Fliege weg, die sich auf Hatties Flanke gesetzt hatte. »Glaubst du, daß wir es finden?«

Saxon nickte mit großer Sicherheit.

 

Immer nordwärts, durch ein fruchtbares, blühendes, verjüngtes Land, mit Aufenthalt in den Städten Willows, Red Bluff und Redding, durch die Bezirke Colusa, Glenn, Tehama und Shasta fuhr der elegante Reisewagen, gezogen von den flammenden Kastanienbraunen mit den weißgelben Mähnen und Schweifen. Billy fand nur drei Pferde, die er nach Oakland schicken konnte, obgleich er viele Bauernhöfe besuchte. Saxon sprach mit den Frauen, während er mit den Männern den Bestand durchsah, und sie überzeugte sich immer mehr, daß das Tal, welches sie suchten, nicht hier lag.

Bei Redding setzten sie in einer Seilfähre über den Sacramento, und in brennender Hitze reisten sie einen ganzen Tag über niedrige Ausläufer der Berge und flache Ebenen. Die Hitze wurde immer unerträglicher, und Bäume und Sträucher waren versengt und tot. Dann kamen sie endlich nach Sacramento, wo die großen Schmelzhütten in Kennet die Vernichtung, die die Vegetation betroffen hatte, erklärten.

Sie klommen aus der Schmelzstadt heraus, wo hochgelegene Häuser einen unsicheren Halt auf dem steilen Hang gefunden hatten. Es war ein breiter, gut angelegter Weg, der sie den meilenweiten Hang hinauf und von dort steil abwärts in den Sacramento Canyon führte. Der Weg, der in die Felswand des Canyons gehauen war und sich gleichmäßig senkte, wurde so schmal, daß Billy sich fürchtete, einem andern Fuhrwerk zu begegnen. Tief unten lief der Fluß schäumend oder gleichmäßig gleitend über den steinigen Boden oder stürmte vorwärts über große Steine und Wasserfälle in seiner wilden Jagd nach dem großen Tal, das sie soeben verlassen hatten.

Zuweilen wurde der Weg etwas breiter, und dann kutschierte Saxon, während Billy zu Fuß ging, um den Wagen zu erleichtern. Sie bestand darauf, es auch hin und wieder zu tun, und wenn er die stöhnenden Pferde anhielt, damit sie auf dem steilen Hang Luft schöpften, und wenn Saxon dann neben ihren Köpfen stand, sie streichelte und ermunterte, den Weg fortzusetzen, dann war Billys Freude zu innig, als daß er sie in Worten hätte ausdrücken können, und er konnte nur seine schönen Pferde und seine schöne Frau ansehen, die so frisch und zierlich in ihrem goldbraunen Cordkleid, die festen Waden in braunem Cord unter dem kurzen, straffen Rock, dastand. Und wenn sie ihn dann mit einem Blick ansah, in dem er dieselbe Freude las, die sein Gemüt erfüllte, und sich die ehrlichen grauen Augen plötzlich betauten, dann konnte er sich nicht mehr bezwingen, sondern wußte, daß er etwas sagen mußte, um sich Luft zu machen.

»Oh, du Liebes!« rief er.

Und sie antwortete strahlend: »Oh, du Lieber!«

Eine Nacht verbrachten sie in einer tiefen Senkung des Canyons, wo ein kleines Dorf mit einer Kistenfabrik lag, und wo ein zahnloser Greis, der mit seinen blassen Augen ihre Reiseausstattung betrachtete, fragte: »Seid ihr Zirkuskünstler?«

Sie kamen an Castle Crags vorbei, das mit seinen mächtigen Bastionen flammendrot von dem in der Hitze zitternden blauen Himmel abstach. Dann sahen sie den ersten Schimmer des Mount Shasta, einer rosigen Schneezinne, die sich, schön wie ein Traum, im Sonnenuntergang zwischen und über den grünen Wänden eines Canyons erhob – ein Kennzeichen, das sie viele Tage lang vor Augen haben sollten. Wenn sie einen steilen Hang hinaufkamen, konnte der Shasta plötzlich bei einer Wegbiegung, immer noch in der Ferne, erscheinen, jetzt mit zwei Gipfeln und Gletschern von schwachleuchtendem Weiß. Meile auf Meile, Tag für Tag mühten sie sich bergan, während der Shasta in seinem Sommerschnee immer neue Formen annahm.

»Ein Kino am Himmel«, sagte Billy schließlich.

»Ach, das ist alles so schön!« seufzte Saxon. »Aber es ist kein Mondtal.«

Sie begegneten einer wahren Landplage von Schmetterlingen, und viele Tage lang fuhren sie durch zahllose Schwärme der schönen flammenden Geschöpfe, die eine einförmige samtbraune Decke auf dem Wege bildeten. Und die ganze Zeit war es, als höbe sich der Weg unter den Nüstern der schnaubenden Pferde, während die Luft von lautlosen Wesen erfüllt wurde, die in Wolken von Braun und Gelb, weich und leicht wie Schnee, vom Winde dahingetrieben wurden oder sich in ganzen Bergen an den Hecken sammelten und sich hilflos in den Rieselgräben am Wege entlang treiben ließen. Hazel und Hattie gewöhnten sich allmählich daran, aber Possum fürchtete sich wahnsinnig vor ihnen.

»Hu! Wer hat je von Pferden gehört, die sich nicht mehr vor Schmetterlingen fürchteten?« neckte Billy. »Das steigert ihren Wert um fünfzig Dollar.«

»Warten Sie nur, bis Sie über die Grenze von Oregon nach dem Rogue-River-Tal kommen«, sagten die Leute zu ihnen. »Das ist ein wahres Paradies auf Erden – Klima, Landschaft und Obstgärten; Obstfarmen, die nach einer Schätzung von fünfhundert Dollar den Morgen zweihundert Prozent ergeben.«

»Nun ja«, sagte Billy, als sie außer Hörweite waren. »Der Bissen ist zu fett, da kriegt man Leibschmerzen.«

Und Saxon sagte: »Ich weiß nichts von Äpfeln im Mondtal, aber das weiß ich, daß es zehntausend Prozent Glück geben soll nach einer Schätzung von einem Billy, einer Saxon, einer Hazel, einer Hattie und einem Possum.«

Durch Siskiyou und über hohe Berge kamen sie nach Ashland und Medford und rasteten am wilden Rogue.

»Es ist alles herrlich und prachtvoll«, erklärte Saxon, »aber es ist nicht das Mondtal.«

»Nein, es ist nicht das Mondtal«, sagte Billy zustimmend, und das sagte er auch noch am Abend desselben Tages, als er ein Ungeheuer von Forelle gefangen hatte, bis an den Hals in dem eiskalten Rogue stand und ganze vierzig Minuten mit seiner Beute kämpfte, bis es ihm glückte, sie ans Ufer zu ziehen, wo er sie mit einem Geheul wie ein Comanche an den Kiemen packte.

»Wer sucht, findet«, prophezeite Saxon, als sie über den Grant Paß fuhren und nordwärts über die Berge den fruchtbaren Oregontälern zusteuerten.

Als sie eines Tages in der Nähe des Umpqua rasteten, beugte Billy sich über den ersten Hirsch, den er je geschossen hatte, und begann ihn abzuziehen. Dann sah er zu Saxon auf und meinte:

»Wenn ich nicht Kalifornien kennte, so würde ich glauben, daß Oregon etwas für mich sei.«

Als sie sich abends am Hirschfleisch satt gegessen hatten, sagte er, während er, auf die Ellbogen gestützt, dalag und seine Zigarette nach dem Abendessen rauchte:

»Vielleicht gibt es gar kein Mondtal. Und wenn nicht – was dann? Wir könnten ja unser ganzes Leben lang weiter suchen. Ich wünsche mir nichts Besseres.«

»Ja, aber es gibt ein Mondtal«, sagte Saxon, »und wir werden es schon finden. Wir müssen es finden. Es ginge doch nicht, daß wir nicht eine feste Wohnung hätten. Dann würde es ja keine kleinen Hazels und Hatties oder – kleine – Billys geben –«.

»Oder kleine Saxons«, warf Billy ein.

»Oder kleine Possums«, fügte sie schnell hinzu und streichelte gleichzeitig den Foxterrier, der begeistert an einem Hirschknochen nagte. Ein gereiztes Knurren und ein giftiges Schnappen nach ihren Fingern, die sie hastig zurückziehen mußte, war ihr Lohn.

»Possum!« schalt sie und streckte wieder die Hand aus.

»Laß ihn!« warnte Billy sie. »Er kann nichts dafür, und das nächste Mal beißt er dich.«

Noch drohender war das Knurren, das Possum ausstieß, als seine Kinnbacken sich um den Knochen preßten, und seine Augen flammten wie im Wahnsinn, während sich die Haare auf seinem Halse sträubten.

»Es ist ein guter Hund, der für seinen Knochen kämpft«, sagte Billy zu seiner Entschuldigung. »Ich möchte keinen Hund haben, der das nicht täte.«

»Aber er ist mein Possum«, protestierte Saxon. »Und er liebt mich. Er muß mich mehr lieben als einen alten Knochen. Und er muß gehorchen, wenn ich etwas sage. Hörst du, Possum, gib mir jetzt den Knochen. Gib mir den Knochen, mein Herr.«

Sie streckte vorsichtig die Hand aus, und das Knurren wurde immer stärker und schriller, bis es in einem gereizten Schnappen endete.

»Ich sage dir, es ist Instinkt«, wiederholte Billy. »Er liebt dich, aber er kann das einfach nicht lassen.«

»Er hat das Recht, seinen Knochen gegen Fremde zu verteidigen, aber nicht gegen seine eigene Mutter«, ereiferte Saxon sich. »Ich werde ihn schon dazu bringen, daß er mir den Knochen läßt.«

»Ein Foxterrier ist schrecklich empfindlich, Saxon. Du machst ihn nur hysterisch.«

Aber sie war entschlossen, ihren Kampf durchzuführen, und sie hob einen kurzen Zweig vom Boden auf.

»So, mein Freund, gib mir jetzt den Knochen.«

Sie drohte dem Hund mit dem Zweig, und der Hund wurde wütender als je. Wieder schnappte er nach ihr. um sich dann auf seinen Knochen zu stürzen und sich daran festzuklammern. Saxon hob den Stock, wie um zu schlagen, und er ließ plötzlich den Knochen los, rollte sich vor ihren Füßen auf dem Rücken, alle viere in der Luft, die Ohren demütig zurückgelegt und mit tränenerfüllten, flehenden Augen.

»Großer Gott!« sagte Billy ernst und feierlich. »Sieh ihn nur an – wie er daliegt und seinen Solar Plexus, seine Eingeweide und seinen ganzen Leib präsentiert – vollkommen wehrlos, als wollte er sagen: ›Hier liege ich. Prügele los auf mich! Tritt mir das Leben zum Leibe heraus! Ich liebe dich, ich bin dein Sklave, aber ich kann es nicht lassen, meinen Knochen zu verteidigen. Mein Instinkt ist stärker als ich. Töte mich – aber ich kann nicht anders.‹«

Saxons Zorn war verschwunden. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie sich niederbeugte und das winzige Geschöpf in ihre Arme nahm. Possum war außer sich vor Erregung, er winselte und zitterte, wand und drehte sich und leckte ihr Gesicht – alles, um ihre Verzeihung zu erlangen.

»Ein Herz von Gold, mit einer Rose im Mund«, summte Saxon, während sie ihr Gesicht in dem weichen, zitternden Bündel von Nerven und Empfindsamkeit vergrub. »Es tut Mutter leid. Sie wird dich nie mehr so quälen. So, so, mein Kleines. Sieh! Hier ist dein Knochen – nimm ihn.«

Sie setzte den Hund auf den Boden, aber er stand unentschlossen da, als wüßte er nicht, was er wählen sollte – sie oder den Knochen, und er sah sie an, um sich zu vergewissern, daß er wirklich ihre Erlaubnis hatte, zitterte aber gleichzeitig immer noch vor Bewegung über den furchtbaren Kampf zwischen Verlangen und Pflicht, der ihn fast zu zerreißen drohte. Erst als sie ihre Erlaubnis wiederholt und mit einem Kopfnicken auf den Knochen gezeigt hatte, nahm der Hund ihn wieder auf. Und einmal, als eine Minute vergangen war, hob er in plötzlichem Schreck den Kopf und sah sie fragend an. Sie nickte lächelnd, und Possum seufzte tief und zufrieden und machte sich dann wieder an seinen teuren Knochen.

»Mercedes hatte recht, als sie sagte, daß die Menschen um Arbeit kämpfen wie Hunde um einen Knochen«, sagte Billy langsam. »Es ist Instinkt. Ich konnte es ebensowenig lassen, einen Streikbrecher zu verprügeln, wie Possum es lassen konnte, nach dir zu schnappen. Man kann es nicht erklären. Was man tun muß, das muß man tun. Wenn man etwas tut, so zeigt das, daß man es tun muß, ob man es nun erklären kann oder nicht. Was man tun muß, muß man tun. Mehr ist darüber nicht zu sagen. Ich hatte nicht den geringsten Grund, unsern Zimmerherrn Jimmy Harmon zu verprügeln. Er war ein braver Bursche, in jeder Beziehung anständig. Aber ich mußte es einfach tun, als der Streik in die Brüche ging und alles in mir so bitter war, daß ich es direkt schmecken konnte. Ich habe es dir nie erzählt, aber ich habe einmal nach meiner Entlassung mit ihm darüber gesprochen, als meine Arme heilten. Ich ging in den Lokomotivschuppen, lauerte ihn auf und bat ihn dann um Entschuldigung. Warum ich ihn um Entschuldigung bat? Das weiß ich nicht – wohl aus demselben Grunde, aus dem ich ihn verprügelte – ich konnte es nicht lassen.«

Und so erklärte Billy auf seine eigene, realistische Art das Gesetz von Ursache und Wirkung am Ufer des Umpquas, während Possum es auf ähnliche Art mit gierigen Zähnen an seinem Knochen darlegte.

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