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Tal des Mondes

Jack London: Tal des Mondes - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleTal des Mondes
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid22343d03
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Dort müssen Hügel und Täler sein und reiches Land und Wasserläufe mit klarem Wasser und gute Fahrwege und eine Eisenbahn nicht allzu weit weg, ein Land mit viel Sonnenschein, aber doch kalt genug, daß man nachts Decken braucht, und nicht nur Kiefern, sondern alle möglichen andern Bäume, mit freien Weiden, wo Billys Pferde und Vieh grasen können, und mit Rehen und Hasen, die man schießen kann, und mit vielen Riesentannen – und – nun ja, und kein Nebel«, schloß Saxon ihre Beschreibung des Hofes, den sie und Billy suchten.

Mark Hall lachte heiter.

»Und Nachtigallen in allen Bäumen«, rief er, »und Blumen, die weder welken noch vertrocknen, Bienen ohne Stachel, jeden Morgen Honigtau, Manna, der hin und wieder vom Himmel herab regnet, Jungbrunnen und ganze Steinbrüche vom Stein der Weisen – ja, ich kenne eben eine solche Stelle. Lassen Sie sie mich Ihnen zeigen.«

Sie wartete, während er eine Eisenbahnkarte der Vereinigten Staaten studierte. Als das nicht das geringste Ergebnis brachte, nahm er einen großen Atlas hervor, aber obwohl es eine Karte über alle Länder der Welt war, konnte er doch nicht finden, was er suchte.

»Nun, es ist ja auch einerlei«, sagte er. »Kommen Sie heute abend, dann kann ich es Ihnen vielleicht zeigen.« Abends führte er sie auf die Veranda zum Fernrohr, durch das sie den Vollmond betrachtete.

»Dort oben, in irgendeinem Tal, werden Sie den Hof finden können«, neckte er sie.

Frau Hall sah ihn fragend an, als sie wiederkamen.

»Ich habe ihr ein Tal im Mond gezeigt, wo sie denkt, Landwirtschaft betreiben zu können«, lachte er.

»Als wir aufbrachen, waren wir auf eine lange Wanderung vorbereitet«, sagte Saxon, »und wenn wir ganz bis zum Mond sollen, so können wir das wohl auch.«

»Aber liebe Kinder, Sie können sich doch unmöglich denken, ein solches Paradies auf Erden zu finden«, beharrte Hall. »Zum Beispiel gibt es keine Riesentannen ohne Nebel. Die beiden Dinge sind unzertrennlich. Riesentannen wachsen nur im Nebelgürtel.«

Saxon bedachte sich einen Augenblick.

»Nun ja, ein bißchen Nebel könnten wir uns ja noch gefallen lassen«, gab sie zu, »wir könnten uns alles, gefallen lassen, um nur Riesentannen zu bekommen. Ich weiß nicht, was der Steinbruch vom Stein der Weisen ist, aber wenn es so etwas ist wie der Marmorbruch Haflers, und wenn es eine Eisenbahn in der Nähe gibt, dann würde es schon gehen. Und man braucht nicht nach dem Mond zu reisen, um Honig zu finden. In Nevada streifen sie ihn von den Blättern der Büsche. Das weiß ich ganz bestimmt, denn mein Vater hat es selbst meiner Mutter erzählt, und die hat es mir wieder erzählt.«

Etwas später am Abend, nachdem sie sich fast ausschließlich über Landwirtschaft unterhalten hatten, entwickelte Hall ausführlich seine Ansicht über das »Paradies der Spieler«, wie er die Vereinigten Staaten nannte.

»Wenn man an die wunderbare Chance denkt«, sagte er. »Ein neues, vom Meere begrenztes Land, auf dem richtigen Breitengrad gelegen, mit dem reichsten Boden und den mächtigsten natürlichen Hilfsquellen der Welt, von Auswanderern bewohnt, die sich aus dem Trott der alten Welt herausgerissen und demokratische Prinzipien durchgesetzt haben. Es gibt nur eines in der Welt, das sie hindern könnte, die demokratische Verwaltung durchzuführen, mit der sie begonnen haben, und das ist ihre Gefräßigkeit.

Sie begannen alles zu verschlingen, was sie erblickten, wie eine Schweineherde, und während sie es verschlangen, ging die Demokratie zum Teufel. Ihre Gefräßigkeit wurde zur Spielerleidenschaft. Es ist eine Nation von Berufsspielern. Jedesmal, wenn ein Mann alles verloren hatte, was er besaß, brauchte er nur die Grenze ein paar Meilen westwärts zu stecken und zu versuchen, sich etwas Geld zu verschaffen. Sie bewegten sich über die Erde wie ein Heuschreckenschwarm. Vernichteten alles – Indianer, Boden, Wälder, ganz wie sie den Büffel und die Wandertaube vernichteten. Ihre Moral in Geschäft und Politik war Spielermoral. Ihre Gesetze waren Spielergesetze – es galt nur, richtig zu spielen. Alle Menschen spielten. Deshalb – es lebe das Spiel! Keiner erhob Einwände, weil alle spielen konnten, und wie gesagt, die Verlierenden verrückten nur die Grenze weiter nach Westen, um neues Geld zu gewinnen. Wer heute gewann und morgen verlor, konnte übermorgen vielleicht wieder alle Karten in der Hand haben.

Und so fraßen und spielten sie sich vom Atlantischen Ozean bis zum Stillen Ozean durch, bis sie ein ganzes großes Festland gefressen hatten. Wenn sie mit der Erde und den Wäldern und den Wiesen fertig waren, kehrten sie um, begannen von vorne und spielten um die Kleinigkeiten, die sie möglicherweise übersehen hatten, spielten um Stimmrecht und Monopole und gebrauchten die Politik, um ihre Winkelzüge in Geschäften und anderen Dingen zu decken. Und die Demokratie war zum Teufel gegangen.

Und jetzt kam die allerkomischste Zeit. Die Verlierenden konnten kein Geld mehr zum Spielen bekommen, und die Gewinnenden spielten miteinander weiter. Die Verlierenden standen, die Hände in den Taschen, ringsumher und sahen zu. Wenn sie hungrig wurden, nahmen sie den Hut in die Hand und bettelten die glücklichen Spieler um Arbeit an. Die Verlierenden begannen für die Gewinner zu arbeiten, und seitdem haben sie gearbeitet. Sie, Billy Roberts, haben nie in ihrem Leben mitgespielt, das kommt daher, daß Ihre Familie unter denen war, denen es schlecht ging.«

»Und Sie selber?« fragte Billy. »Ich habe noch nie gesehen, daß Sie gute Karten hatten.«

»Das ist auch nicht nötig. Ich zähle nicht mit. Ich bin ein Parasit.«

»Was ist das?«

»Ein Floh, eine Laus, alles, was etwas bekommt, ohne etwas dafür zu geben. Ich mäste mich an der räudigen Haut der Arbeiter. Ich brauche nicht zu spielen. Ich brauche nicht zu arbeiten. Mein Vater hat genügend gewonnen, daß ich es nicht zu tun brauche. – Ach, brüsten Sie sich deswegen nicht, Kamerad! Ihre Familie war genau so toll wie die meine. Aber Ihre Familie verlor, und deshalb pflügen Sie meinen Kartoffelacker.«

»Ich verstehe das nicht«, erklärte Billy eigensinnig. »Ein Mann, der einen guten Kopf hat, kann es in der Welt zu etwas bringen –«

»Auf Staatsboden?« fragte Hall schnell.

Billy verschluckte die Pille.

»Aber deshalb kann er es doch in der Welt zu etwas bringen«, wiederholte er.

»Selbstverständlich – er kann die Arbeit von andern gewinnen. Ein junger starker Bursche mit gutem Verstand wie Sie kann überall Arbeit gewinnen. Aber denken Sie daran, wie schwer es den Leuten gemacht wird, die verlieren. Wie viele von den Vagabunden, die Sie unterwegs getroffen haben, konnten mit vier Pferden für den Fuhrmann in Carmel fahren? Und einige waren in ihrer Jugend ebenso stark wie Sie. Alles in allem haben sie nichts, womit sie prahlen können. Wenn man um einen Kontinent gespielt hat, ist es ein mächtiger Rückgang, um Arbeit spielen zu müssen.«

»Aber immerhin –« begann Billy wieder.

»Ach, es steckt ihnen im Blut«, fiel Hall ihm überlegen ins Wort »und warum nicht? Alle hierzulande haben gespielt, viele Generationen hindurch. Es lag in der Luft, als sie geboren wurden. Sie haben es ihr ganzes Leben lang eingeatmet. Sie haben selber nie im Spiel gewonnen, aber sie schreien immer danach und ziehen den Hut davor.«

»Aber was sollen alle wir Verlierenden tun?« fragte Saxon.

»Nach der Polizei schicken und die Spielhölle schließen«, empfahl Hall. »Es ist kein ehrliches Spiel.«

Saxon runzelte die Stirn.

»Tut, was eure Vorfahren nicht taten«, fuhr er fort. »Führt die volle Demokratie ein.«

Saxon mußte an eine Bemerkung von Mercedes denken. »Eine meiner Freundinnen sagt, Demokratie sei ein Zauber.«

»Das ist sie – in einer heimlichen Spielhölle. Millionen Jungens in den Gemeindeschulen verschlingen die Geschichte von dem Holzhacker, der Präsident von Amerika wurde, und Millionen von würdigen Bürgern schlafen jede Nacht ruhig in dem Bewußtsein, daß sie bei der Verwaltung des Landes mitzureden haben.«

»Sie sprechen wie mein Bruder Tom«, sagte Saxon, die ihn nicht ganz verstand. »Wenn wir uns alle mit der Politik abgeben und schwer arbeiten, um etwas Besseres zu erreichen, dann können wir es vielleicht erreichen – in tausend Jahren oder so. Aber ich will es jetzt haben.« Sie preßte leidenschaftlich die Hände gegeneinander. »Ich kann nicht warten; ich will es jetzt haben.«

»Aber das ist es ja gerade, was ich Ihnen erzähle, mein Kind. Das ist das Unglück bei allen Verlierenden. Sie können nicht warten. Sie wollen es jetzt haben – ein Haufen Jetons, und dann wollen sie selbst mitspielen. Nun ja, aber dazu kommt es nicht. Und so ist es auch mit Ihnen, die Sie nach einem Tal im Monde jagen. Das ist es mit Billy, der vor Sehnsucht brennt, mir im Pedro zehn Cent abzugewinnen, und mich im stillen verflucht, weil ich Unsinn schwatze.«

»Na ja – Sie hätten eigentlich das Zeug zu einem guten Agitator«, bemerkte Billy.

»Und ich wäre auch ein guter Agitator geworden, wenn ich nicht zu viel damit zu tun gehabt hätte, den ungesetzlich erworbenen Mammon meines Vaters wieder durchzubringen. Es geht mich nichts an. Lassen Sie ihn verfaulen. Sie würden übrigens ebenso verrückt sein, wenn Sie oben auf dem Kuchen säßen. Es kommt alles aus einer Wurzel – blinde Fledermäuse, ausgehungerte Schweine und ekelhafte dreckige Dummköpfe –«

Aber jetzt legte Frau Hall sich ins Mittel:

»Hör jetzt auf, Mark, sonst bist du nachher nur schlechter Laune.«

Er schüttelte seine mächtige Mähne und lachte ein wenig angestrengt.

»Nein, das bin ich nicht«, sagte er. »Ich werde Billy schon zehn Cent im Pedro abgewinnen. Er hat nicht die geringste Aussicht.«

Saxon und Billy gediehen ausgezeichnet in der lustigen, ausgesprochen menschlichen Atmosphäre Carmels, und sie genossen vollauf das Gefühl, daß sie wirklich etwas galten. Saxon fühlte, daß sie mehr war als eine Wäschereiarbeiterin, die mit einem unter den Gesetzen der Gewerkschaft stehenden Kutscher verheiratet war. Sie war nicht mehr von dem engen Arbeiterklassenmilieu der Pine Street und der umliegenden Straßen bedrängt. Ihr Dasein war reicher geworden. Es ging ihnen körperlich, materiell und geistig besser; und all das spiegelte sich in ihren Zügen und in ihrer ganzen Haltung. Sie wußte, daß Billy nie besser ausgesehen und auch nie besser in Form gewesen war.

Er schwor, daß er einen Harem hätte, und daß sie seine zweite Frau wäre – doppelt so schön wie die erste, die er geheiratet hätte. Und sie erzählte ihm mit ehrbar niedergeschlagenen Augen, daß Frau Hall und einige andere von den verheirateten Frauen an dem Tage, als sie im Carmelfluß geschwommen waren, ihre Gestalt bewundert hätten. Sie hatten sich um sie gesammelt und sie eine Venus genannt, und sie hatten sie veranlaßt, sich zu beugen und verschiedene Stellungen einzunehmen.

Billy verstand sehr gut den Hinweis auf Venus, denn in Halls Wohnzimmer stand eine Marmorvenus mit abgebrochenen Armen, und der Dichter hatte ihm erzählt, daß die ganze Welt sie als das Ideal der weiblichen Gestalt anbetete.

»Ich habe immer gesagt, daß du bergehoch über Annette Kellermann ständest«, sagte Billy, und er sah so stolz und siegesbewußt aus, daß Saxon errötete und zitternd ihr brennendes Gesicht an seiner Brust barg.

Die Männer in der kleinen Kolonie äußerten oft ihre Bewunderung für Saxon, und immer auf die gleiche natürliche Art. Aber sie mißverstand es nicht und verlor nicht die Besinnung. Das war nicht zu fürchten, denn ihre Liebe zu Billy war stärker als je. Und sie machte sich auch keiner übertriebenen Bewunderung schuldig. Sie wußte, was er war, und ihre Liebe war nicht blind. Er hatte keine Büchergelehrsamkeit und wußte nichts von Kunst wie die anderen Männer. Seine Sprache war schlecht, das wußte sie gut, und sie wußte auch, daß sich das nie ändern würde. Und doch hätte sie ihn gegen keinen der andern eingetauscht, nicht einmal gegen Mark Hall mit dem großen Herzen, diesen Mann, den sie ungefähr ebenso liebte, wie sie seine Frau liebte.

Sie fand auch, daß Billy eine gewisse Gesundheit und einen Gerechtigkeitssinn, eine Redlichkeit hatte, die in eben seinem Wesen wurzelte, und die sie höher schätzte als Bücherweisheit und alle Bankkonten. Diese Gesundheit, dieser Gerechtigkeitssinn und diese Redlichkeit waren es, durch die er Hall an dem Abend, als der Dichter sich in seinem Pessimismus verlaufen wollte, in der Diskussion besiegt hatte. Billy hatte ihn geschlagen, nicht durch Gelehrsamkeit, sondern nur, indem er ganz er selber war und ehrlich die Wahrheit, die in ihm lebte, aussprach. Und das beste war – er wußte nicht einmal, daß er den andern geschlagen hatte, und hatte den ganzen Beifall als gutmütige Neckerei aufgefaßt. Aber Saxon wußte es, wenn sie auch kaum sagen konnte, woher, und sie vergaß nie, wie Shelleys Frau ihr hinterher mit leuchtenden Augen zugeflüstert hatte: »Ach Saxon, wie glücklich Sie sein müssen!«

Hätte Saxon versuchen sollen auszudrücken, was Billy für sie bedeutete, so würde sie es mit dem einen Wort »der Mann« gesagt haben. Das war er immer für sie. Die Bezeichnung »der Mann« stand immer in flammender Strahlenglorie vor ihr, wenn sie an Billy dachte. Zuweilen, wenn sie allein war, konnte sie die Freudentränen kaum unterdrücken bei der Erinnerung, wie er irgendeinen Burschen darauf aufmerksam machen konnte, daß er ihm zu nahe trat. »Du trittst mir auf den Fuß. Mach, daß du wegkommst!« Das war Billy. Das war ihr prächtiger Billy. Und dieser Billy war es, den sie liebte. Das wußte sie. Er liebte sie allerdings weniger wild, andererseits aber auch mit größerer Innigkeit und Reife. Es war die Liebe, die dauern sollte – wenn sie nur nicht in die Stadt zurückkehrten, wo all die feinen Regungen der Seele zugrunde gingen und das wilde Tier seine Zähne fletschte.

 

Anfang des Frühlings reisten Mark Hall und seine Frau nach New York. Die beiden japanischen Diener wurden entlassen, und Billy und Saxon zogen in das Haus, um es zu versorgen. Jim Hazard war auch wie alljährlich nach Paris gereist, und wenn Billy ihn auch sehr vermißte, so setzte er doch sein Schwimmen in der Brandung fort. Hall hatte seine beiden Reitpferde in seiner Obhut hinterlassen, und Saxon hatte sich ein sehr hübsches Reitkleid aus gelbbraunem Cord angefertigt, das gut zu ihrem Haar stand. Billy übernahm keine Gelegenheitsarbeit mehr. Als Kutscher verdiente er bei dem Fuhrmann viel mehr, als sie brauchten, und lieber als Geld verdienen wollte er Saxon reiten lehren, und so machte er Tagesausflüge mit ihr durch die Umgegend. Ihr Lieblingsritt ging die Küste entlang nach Monterey, wo er sie in dem großen Del Monte-Bassin schwimmen lehrte, und abends pflegten sie über die Hügel zurückzukehren. Sie begann ihn auch zu begleiten, wenn er frühmorgens auf die Jagd ging, und das Leben war für sie wie eine einzige lange Ferienreise.

»Ich will dir etwas sagen«, meinte er eines Tages, als sie ihre Pferde anhielten und in das Carmeltal hinabblickten. »Ich will nie mehr für einen Menschen ständig arbeiten – so lange ich lebe.«

»Arbeit ist nicht alles«, gab sie zu.

»Nein, das sollte ich meinen. Sag, Saxon, was würde es bedeuten, wenn ich als Kutscher in Oakland für eine Million Dollar täglich eine Million Jahre lang arbeitete und weiter dort wohnen und so leben sollte, wie wir damals lebten? Es war ja nichts als Arbeit von morgens bis abends, drei reguläre Mahlzeiten und Kino, wenn wir uns amüsieren wollten. Kino! Jetzt erleben wir selbst einen Film. Lieber ein Jahr, wie wir es hier in Carmel haben und dann sterben, als tausend Millionen Jahre wie das in der Pine Street.«

Saxon hatte Hall und seiner Frau geschrieben, daß sie und Billy, sobald der Sommer käme, weiterziehen und nach dem Mondtal suchen wollten. Glücklicherweise brachte das den Dichter nicht in Verlegenheit, denn Bideaux, der Eisenmann mit den Basiliskenaugen hatte seinen Traum, Geistlicher zu werden, aufgegeben und sich entschlossen, Schauspieler zu werden. Er verließ das katholische Seminar und kam rechtzeitig in Carmel an, um die Aufsicht über die Villa zu übernehmen. Zu Saxons großer Freude war die Gesellschaft ganz betrübt, als sie fortzogen. Der Fuhrmann in Carmel bot Billy einen besseren Posten zu neunzig Dollar monatlich an, und ein ähnliches Angebot erhielt er von einem andern großen Fuhrmann in der Nähe.

»Wo wollt ihr hin?« rief der verrückte irische Dramatiker ihnen zu, als er sie auf dem Bahnsteig in Monterey traf. Er war gerade von einer Reise nach New York zurückgekommen.

»Nach einem Tal auf dem Monde«, antwortete Saxon heiter.

Er betrachtete ihre wohlgeordneten Bündel.

»Weiß Gott!« rief er. »Ich tue es! Weiß Gott! Laßt mich mitkommen!« Dann aber glitt ein Schatten über sein Gesicht. »Aber ich habe ja den Kontrakt unterschrieben«, stöhnte er. »Drei Akte! – hört, ihr seid wirklich ein Paar glückliche Menschen, und obendrein noch zu dieser Jahreszeit!«

 

Vorigen Winter kamen wir zu Fuß in Monterey angetrabt, aber jetzt fahren wir«, sagte Billy, als der Zug den Bahnhof verließ und sie sich auf dem Sitz zurücklehnten.

Sie hatten sich entschlossen, nicht die Strecke zu wandern, die sie schon einmal zurückgelegt hatten, sondern fuhren mit der Bahn nach San Franzisko. Mark hatte sie vor dem entnervenden südlichen Klima gewarnt, und sie waren jetzt unterwegs nach kälteren, nördlicheren Gegenden. Ihre Absicht war, über die Bucht nach Sausalito zu fahren und die Küste entlang zu wandern. Hier, hatte Hall ihnen erzählt, würden sie die wahre Heimat der Riesentannen finden. Aber Billy, der in den Raucherwagen gegangen war, um sich eine Zigarette anzustecken, setzte sich zufällig neben einen Mann, der der Anlaß werden sollte, daß sie ihren Kurs änderten. Es war ein dunkeläugiger Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht, und Billy, der sich der Ermahnung Saxons erinnerte, immer zu fragen, nahm die Gelegenheit wahr und begann ein Gespräch mit dem Manne.

Es dauerte nicht lange, so erfuhr er, daß der Mann Gunston hieß und Kommissionär war, und bald war er sich im reinen darüber, daß das, was der andere sagte, zu wertvoll war, als daß Saxon es nicht hätte hören sollen. Als er sah, daß der andere seine Zigarre aufgeraucht hatte, bat er ihn denn auch gleich, mit in den nächsten Wagen zu gehen und Saxon zu begrüßen. Etwas derartiges hätte Billy vor dem Aufenthalt in Carmel nie tun können, und so viel Beweglichkeit hatte er also jedenfalls erreicht.

»Er hat mir gerade von den Kartoffelkönigen erzählt, und ich wollte gern, daß du es auch hörst«, erklärte er Saxon, als die Vorstellung erfolgt war. »Also los, Herr Gunston, erzählen Sie ihr von dem Chinesen, der im vorigen Jahr neunzehntausend mit Spargel und Sellerie verdiente.«

»Ja, ich habe Ihrem Mann gerade erzählt, wie die Chinesen am San Joaquin es machen. Es würde sich für Sie lohnen, hinzufahren und es sich anzusehen. Es ist jetzt gerade die beste Zeit – zu früh für Moskitos. Sie können bei Black Diamond oder Antioch aussteigen und auf kleinen Dampfern zwischen den großen angebauten Inseln herumreisen. Die Fahrt kostet nicht viel, und mehrere von den Motorbooten, wie die Duchess und die Princess, sind schon fast große Dampfer.«

»Erzählen Sie ihr von Chow Lam«, sagte Billy eindringlich.

Der Kommissionär lehnte sich zurück und lachte.

»Chow Lam war vor ein paar Jahren ein elendes, ruiniertes Gerippe von Spieler. Er besaß nicht einen Groschen, und seine Gesundheit war nicht die beste. Er hatte in den Goldminen gearbeitet, bis ihm der Rücken ganz steif war, und hatte ausgewaschen, was die Minenarbeiter der ersten Jahre übriggelassen hatten. Und alles, was er gewann, verlor er im Spiel. Er schuldete auch den sechs Gesellschaften dreihundert Dollar – Sie wissen, es sind chinesische Unternehmungen. Und vergessen Sie nicht – es war erst vor sieben Jahren – seine Gesundheit war ruiniert, er war dreihundert schuldig und hatte keine Beschäftigung. Nun, so endete Chow Lam in Stockton und fand Arbeit als Tagelöhner in den Torfmooren. Es war eine chinesische Aktiengesellschaft am Middle River, die Sellerie und Spargel baute. Bei der Gelegenheit packte er sich selber am Nacken und begann, über die Geschichte nachzudenken. Ein Vierteljahrhundert in den Vereinigten Staaten – der Rücken nicht so stark, wie er gewesen war, und nicht einen Groschen auf die hohe Kante gelegt, so daß er nach China zurückkehren konnte. Er sah, wie die Chinesen in der Gesellschaft es gemacht – wie sie ihren Lohn gespart und Aktien gekauft hatten.«

»So sparte er denn zwei Jahre lang seinen Lohn und kaufte sich eine Aktie in einer Gesellschaft von dreißig Aktien. Das ist erst fünf Jahre her. Sie pachteten dreihundert Morgen Torfmoor von einem Weißen, der lieber in Europa herumreisen wollte. Für das, was er in dem ersten Jahr an seiner Aktie verdiente, kaufte er sich zwei Aktien in einer andern Gesellschaft. Und im Jahre darauf gründete er mit den Einnahmen aus den Aktien selbst eine Aktiengesellschaft. Dann kamen schlechte Zeiten, und er stand ungefähr so, wie er die ganze Zeit gestanden hatte. Das war vor drei Jahren. Im folgenden Jahr, als es eine riesige Ernte gab, bekam er viertausend für sich. Im nächsten Jahr fünftausend. Und im letzten Jahr hatte er einen Nettoverdienst von neunzehntausend Dollar. Ausgezeichnet, nicht wahr, für einen alten ruinierten Burschen wie Chow Lam.«

»Gott, mein Gott«, war alles, was Saxon sagen konnte. Ihr lebhaftes Interesse spornte indessen den Kommissionär an, fortzufahren.

»Sehen Sie zum Beispiel Sing Kee – den Kartoffelkönig in Stockton. Ich kenne ihn sehr gut. Ich habe mehrere große Geschäfte mit ihm gemacht und an ihm weniger verdient als an irgendeinem andern, den ich kenne. Er war nur Kuli, und vor zwanzig Jahren schmuggelte er sich in die Vereinigten Staaten ein. Begann als Tagelöhner, und ging dann herum und verkaufte Gemüse in einem Paar Körben, die an einer Stange befestigt waren, und dann eröffnete er in der Chinesenstadt in San Franzisko ein Geschäft. Aber er hatte ein gutes Köpfchen und kannte bald die chinesischen Bauern, die in seinem Geschäft handelten, und wußte, was sie sich vornahmen. Er konnte mit dem Laden nicht so viel Geld verdienen, wie er wollte. So zog er denn nach San Joaquin. Ein paar Tage tat er nicht viel anderes als die Augen offen zu halten, dann stürzte er sich hinein und pachtete zwölfhundert Morgen zu sieben Dollar den Morgen.«

»Mein Gott!« sagte Billy verdutzt. »Achttausendvierhundert Dollar nur als Pacht im ersten Jahr. Ich kenne fünfhundert Morgen, die ich für dreihundert Dollar kaufen kann.«

»Können Kartoffeln darauf wachsen?« fragte Gunston.

Billy schüttelte den Kopf. »Und wohl auch nicht viel anderes«, sagte er.

Sie lachten alle drei herzlich, und der Kommissionär nahm seine Erzählung wieder auf.

»Die sieben Dollar waren nur der reine Pachtpreis. Wissen Sie vielleicht, was es kostet, zwölfhundert Morgen zu pflügen?«

Billy nickte feierlich.

»Und er erzielte hundertundsechzig Säcke auf jedem Morgen im ersten Jahr«, fuhr Gunston fort. »Kartoffeln wurden zu fünfzig Cent verkauft. Mein Vater machte damals das Geschäft, ich weiß es also genau. Und Sing Kee hätte für fünfzig Cent verkaufen und viel Geld daran verdienen können. Aber glauben Sie, daß er das tat? Sie können sich drauf verlassen, die Chinesen kennen den Markt. Sie sind viel klüger als die Kommissionäre. Sing Kee hielt sich zurück. Als fast alle Menschen ausverkauft hatten, begannen die Kartoffeln zu steigen. Er verlachte unsere Aufkäufer, als sie sechzig Cent, siebzig Cent, einen Dollar boten. Wissen Sie, wofür er sie schließlich verkaufte? Für einen Dollar fünfundsechzig den Sack. Sagen wir, daß sie ihn vierzig Cent kosteten! Hundertundsechzig mal zwölfhundert – macht – zwölf mal Null ist Null und zwölf mal sechzehn ist hundertundzweiundneunzig – hundertundzweiundneunzigtausend Säcke zu ein und einem viertel Dollar Nettoverdienst – hundertzweiundneunzig durch vier sind achtundvierzig plus hundertzweiundneunzig – ja, da sehen Sie selbst zweihundertundvierzigtausend Dollar Nettoverdienst im ersten Jahr.«

»Und ein Chinese!« klagte Billy. Dann wandte er sich zu Saxon. »Es müßte ein neues Land für uns Weiße geben. Großer Gott – ja, wir sitzen wahrhaftig auf der Treppe, daran ist kein Zweifel.«

»Aber selbstverständlich war das etwas Ungewöhnliches«, beeilte Gunston sich hinzuzufügen. »Die Kartoffeln hatten in andern Gegenden eine Fehlernte ergeben, und es war eine Hausse, aber auf irgendeine mystische Art und Weise machte Sing Kee mit. Er hat nie wieder eine solche Einnahme gehabt. Aber er schlägt sich sehr gut durch. Voriges Jahr hatte er viertausend Morgen mit Kartoffeln, tausend mit Spargel, fünfhundert mit Sellerie und fünfhundert mit Bohnen. Außerdem hat er sechshundert Morgen mit Saatgetreide. Selbst wenn die eine Ernte fehlschlägt, kann er doch nicht an allem zusammen verlieren.«

»Ich habe zwölftausend Morgen mit Apfelbäumen gesehen«, sagte Saxon. »Und ich möchte gern viertausend mit Kartoffeln sehen.«

»Das kannst du haben«, antwortete Billy mit großer Entschlossenheit. »Wir gehen nach San Joaquin. Wir wissen nicht, was wir in unserem eignen Land haben. Da ist es nicht weiter merkwürdig, wenn wir auf der Treppe sitzen.«

»Ja, Sie werden eine Menge Könige dort finden«, erzählte Gunston. »Hon Lee – sie nennen ihn den großen Jim – und Ah Pock und Ah Whang, und dann Shima, den japanischen Kartoffelkönig. Er ist mehrfacher Millionär. Er lebt wie ein Fürst.«

»Aber warum haben die Amerikaner denn nicht ebensoviel Glück?« fragte Saxon.

»Wohl weil sie selbst nicht wollen. Nichts hindert sie, vorwärts zu kommen – außer ihnen selber. Eins will ich Ihnen sagen – ich mache gern Geschäfte mit Chinesen. Der Chinese ist ehrlich. Sein Wort ist ebenso gut wie seine Unterschrift auf einem Kontrakt. Wenn er sagt, daß er irgend etwas tun will, so tut er es. Und unter allen Umständen hat der Weiße keinen Begriff von Landwirtschaft. Selbst der moderne weiße Bauer begnügt sich mit einer Ernte auf einmal und Wechselbau. Aber unser Freund, der Chinese, ist ihm ein gut Teil voraus, bei ihm wachsen zur gleichen Zeit und auf demselben Fleck zwei Ernten. Ich habe es selbst gesehen – Radieschen und Gelbe Wurzeln, zwei Ernten, die auf einmal gesät waren.«

»Aber das kann doch nicht stimmen«, wandte Billy ein. »Dann kann es doch nur die Hälfte von jedem geben.«

»Nichts zu machen, mein Freund«, sagte Gunston lustig. »Gelbe Wurzeln müssen ausgezogen werden, wenn sie groß genug sind. Und Radieschen auch. Aber Gelbe Wurzeln wachsen langsam, Radieschen schnell. Die langsam wachsenden Gelben Wurzeln werden gebraucht, um Platz zwischen den Radieschen zu schaffen. Und wenn die Radieschen herausgezogen werden, und fertig zum Verkauf sind, dann schafft es Platz für die Gelben Wurzeln, die später kommen. Nein, der Chinese ist schon pfiffig.«

»Ich kann nicht begreifen, warum ein Weißer nicht dasselbe tun kann wie ein Chinese«, protestierte Billy. »Das ist natürlich sehr richtig«, antwortete Gunston. »Tatsache ist eben nun, daß der Weiße es nicht tut. Der Chinese gönnt sich nie Ruhe, und er gönnt auch seinem Boden nie Ruhe. Er versteht, System in die Arbeit zu bringen. Wer hat je von weißen Bauern gehört, die Bücher führten? Das tut der Chinese. Für ihn gibt es kein Raten. Er weiß genau, wie er steht, bis auf den letzten Heller, und zwar jederzeit und mit jedem Feld. Und er kennt den Markt. Er fängt am richtigen Ende an. Wie er das macht, geht über meinen Verstand, aber er weiß vom Markt mehr als ein Kommissionär. Und dabei ist er geduldig, aber nicht eigensinnig. Gesetzt, er irrt sich, sät etwas, und entdeckt dann, daß der Markt fehlschlägt. In einer solchen Situation wird der Weiße eigensinnig und verbeißt sich wie eine Bulldogge in seine Ware. Aber so macht der Chinese es nicht. Er begrenzt den Verlust. Die Erde ist da, um zu arbeiten und Geld zu schaffen. Ohne zu blinzeln oder die geringsten Gewissensbisse zu fühlen, führt er augenblicklich seinen Pflug durch das Feld, pflügt die ganze Geschichte um und pflanzt etwas Neues. Er hat ein Köpfchen. Er braucht nur einen Keim, der aus der Erde kommt, anzusehen, um zu wissen, was daraus wird – ob es etwas wird oder nicht, ob es gut wird – mittelmäßig oder schlecht. Das ist die eine Seite. Aber nun die andere. Er beherrscht seine Ernte. Er verkauft sie oder hält sie zurück, je nachdem der Markt ist. Und wenn der Markt ist, wie er sein soll, so ist er mit seiner Ernte auch im rechten Augenblick da.«

Die Unterhaltung mit Gunston dauerte mehrere Stunden, und je mehr er ihnen von den Chinesen und ihren landwirtschaftlichen Methoden erzählte, desto unzufriedener wurde Saxon. Sie bezweifelte die Tatsachen nicht. Das Unglück war nur, daß sie nicht verlockend waren. Es war, als könnte sie keinen Platz dafür in ihrem Mondtal finden. Erst als der freundliche Mann den Zug verließ, gab Billy ihr eine ganz deutliche Vorstellung von dem, was sie gestört hatte, ohne daß sie richtig hätte sagen können, was es war. »Ach, wir sind keine Chinesen. Wir sind Weiße. Hat ein Chinese vielleicht je Lust, auf einem Pferd zu reiten, verteufelt, wenn es sein soll, und sich überhaupt zu amüsieren? Hast du je einen Chinesen in der Brandung bei Carmel schwimmen sehen? – Oder boxen, ringen, laufen und springen, weil es ihm Spaß macht? Hast du je einen Chinesen eine Büchse auf die Schulter nehmen, sechs Meilen weit traben und glücklich mit einem einzigen räudigen Kaninchen wiederkommen sehen? Was tut ein Chinese? Er rackert sich ab, das verfluchte Aas – das ist alles, wozu er taugt. Verteufelt in der Arbeit, das ist das einzige – und ich habe übrigens das meine getan und halte mit den Besten Schritt. Aber wozu taugt das? Saxon, eins habe ich gelernt, und zwar gehörig, seit wir beide zu wandern begannen, nämlich, daß Arbeit am allerwenigsten im Leben gilt. Du großer Gott! – wäre das alles, was das Leben bietet, dann könnte ich mir ebensogut gleich den Hals abschneiden. Ich will Gewehre und Büchsen haben und ein Pferd unter mir. Ich will nicht immer so müde sein, daß ich meine Frau nicht lieben kann. Wer kümmert sich darum, ob ich reich werde und Zweihundertundvierzigtausend an Kartoffeln verdiene. Sieh Rockefeller an! Er muß von Milch leben. Ich will saftiges Rindfleisch haben und einen Magen, der Sohlenleder verdauen kann. Und ich will dich haben und massenhaft Zeit, um mit dir zusammen zu sein und mich mit dir zu freuen. Was ist das Leben wert, wenn man nicht ein bißchen Vergnügen hätte?«

»Ach, Billy!« rief Saxon. »Das habe ich mir die ganze Zeit klarmachen wollen. Es hat mich lange, lange gequält. Ich fürchtete, daß etwas mit mir nicht stimmte, daß ich mich doch nicht recht dazu eignete, auf dem Lande zu leben. Was wir brauchen, ist ein Mondtal, wo es nicht allzuviel Arbeit, wohl aber all das Vergnügen gibt, das wir haben wollen. Und wir wollen weiter suchen, bis wir es finden. Und wenn wir es nicht finden, dann gehen wir weiter und lassen es uns gut sein, wie wir es gehabt haben, seit wir Oakland verließen. Und Billy – wir werden uns nie tot arbeiten, nicht wahr?«

»Nein, darauf kannst du dich verlassen«, brummte er zornig.

Mit ihren Bündeln auf dem Rücken zogen sie in Black Diamond ein. Es war ein Dorf mit weit auseinanderliegenden kleinen, schäbigen Hütten und einer Hauptstraße, die ein bodenloser Morast von schwarzem Schlamm nach dem letzten Frühjahrsregen war. Die Bürgersteige gingen auf und ab in unebenen Treppenstufen und Absätzen. Alles sah unamerikanisch aus. Die Namen an den merkwürdigen, armseligen Läden waren unsagbar fremdartig. Das einzige, sehr wenig saubere Hotel wurde von einem Griechen betrieben. Griechen waren es alle. Dunkelhäutige Männer in Seestiefeln und Seemannsmützen, barköpfige Frauen, in bunte Farben gekleidet, Horden gesunder Kinder, die alle eine fremde Sprache redeten und mit ihren schrillen, lebhaften Stimmen durcheinanderriefen, wie man sie an den Küsten des Mittelmeeres rufen hört. »Huh! Das sind ja gar nicht die Vereinigten Staaten«, murmelte Billy.

Am Hafen fanden sie eine kleine Fischkonservenfabrik und eine kleine Spargelkocherei. Es war gerade mitten in der Saison, und unter den Arbeitenden sahen sie sich vergebens nach Gesichtern von dem wohlbekannten amerikanischen Typ um. Billy erklärte, daß die Buchhalter und Vorarbeiter Amerikaner wären, der ganze Rest aber Griechen, Italiener und Chinesen.

Auf dem Dampferkai sahen sie die griechischen Boote, mit starken Farben bemalt, ankommen, ihre Ladungen von prachtvollen Lachsen löschen und dann wieder verschwinden. Der New Yorker Kanal, wie die Schlammpfütze hieß, machte eine Biegung nach Westen und Norden und mündete in ein mächtiges Gewässer, gebildet aus dem Sacramento und dem San Joaquin, die hier zusammenflossen.

Auf der andern Seite des Dampferkais treppten sich die Fischerkais ab, und hier trocknete man Netze; und hier, fern vom Lärm und Getöse der fremden Stadt, legten Billy und Saxon ihre Bündel nieder und ruhten sich aus. Das hohe, raschelnde Schilf wuchs dicht bei der verfallenen Landungsbrücke, auf der sie saßen, aus dem tiefen Wasser hervor. Der Stadt gegenüber lag eine lange, flache Insel, auf der sich eine ungleiche Reihe von Pappeln gegen den Horizont abhob. »Es ist genau wie das Bild einer holländischen Windmühle, das Mark Hall hat«, sagte Saxon.

Billy wies von der Mündung des Sumpfes über die breite Wasserfläche hinweg auf einen Haufen windiger weißer Gebäude, hinter denen wie eine leuchtende Fata Morgana die niedrigen Montezuma-Berge sich mit ihren langen Wellenlinien erhoben.

»Die Häuser dort sind Collinsville«, erklärte er ihr. »Dort fließt der Sacramento, und man fährt auf ihm hinauf bis nach Rio Vista und Isleton und Walnut Grove und all den Orten, von denen Herr Gunston uns erzählte. Lauter Inseln und Sümpfe, die in einer Reihe bis nach San Joaquin zurückführen.«

»Ist die Sonne nicht herrlich?« sagte Saxon und gähnte. »Und wie still es hier ist – so nahe bei den merkwürdigen Ausländern! Und wenn man bedenkt – in den Städten mißhandeln und prügeln sich in eben diesem Augenblick Männer, um Arbeit zu bekommen.«

Hin und wieder sauste ein Überlandzug in der Ferne vorbei, und das Getöse hallte wider von einem Hintergrund niedriger Ausläufer des Mount Diablo, der sich groß und mächtig mit seinen Zwillingsgipfeln und seinen grünen Hängen vom Himmel abhob. Dann senkte sich die schläfrige Stille wieder über alles, um hin und wieder von einem fernen Ruf in irgendeiner fremden Sprache oder von einem Motorfischerboot unterbrochen zu werden, das fauchend in die Mündung des Sumpfes einfuhr.

 

Saxon und Billy fuhren in einer altertümlichen Fähre ein kleines Stück oberhalb Rio Vistas über den Sacramento und befanden sich damit im Flußlande. Was Saxon von der Höhe des Deiches aus sah, war wie eine Offenbarung. Unter ihr, niedriger als der Fluß, dehnte sich, soweit das Auge reichte, ein breites, flaches Land aus. Nach allen Richtungen gingen Wege, und sie sah zahllose Bauernhöfe, von denen sie, als sie auf dem einsamen Fluß, wenige Fuß jenseits der Weidenhecke, gefahren war, nichts geahnt hatte.

Sie verbrachten drei Wochen auf den reichen Inseln, wo beständig Deiche aufgeworfen wurden und Tag und Nacht gepumpt wurde. Es war ein einförmiges Land, überall mit demselben reichen Boden, und nur mit einem einzigen Kennzeichen – dem Mount Diablo, der sich im Azur des Mittags schlummernd, groß und mächtig mit seinen krausen Konturen vom Abendhimmel abhob oder wie ein Traum aus der silberschimmernden Morgendämmerung aufstieg. Zuweilen zu Fuß, häufiger aber mit Dampfbooten kamen sie den Fluß bis zu den Torfmooren am Mittelriver hinauf und San Joaquin bis nach Antioch hinab und den Georgina Slough hinauf bis Walnut Grove am Sacramento. Aber es war wie ein fremdes Land. Es wimmelte von Tausenden von Landarbeitern, und doch waren Billy und Saxon tagelang gegangen, ohne einen einzigen Menschen zu treffen, der Englisch sprach. Sie trafen zuweilen ganze Dörfer mit Chinesen, Japanern, Italienern, Portugiesen, Schweizern, Hindus, Koreanern, Norwegern, Dänen, Franzosen, Armeniern, Slaven – fast allen Nationen außer Amerikanern. Am unteren Lauf des Georgiana trafen sie einen Amerikaner, der sich seinen Lebensunterhalt verschaffte, indem er mit Reusen fischte. Ein anderer Amerikaner, der Tod und Verderben auf alles, was mit Politik zu tun hatte, herabschwor, war wandernder Bienenzüchter. In Walnut Grove, wo Leben und Geschäftigkeit herrschten, bestanden die wenigen Amerikaner aus dem Kaufmann, dem Gastwirt, dem Schlachter, dem Speicheraufseher und dem Fährmann. Und doch waren zwei aufblühende Städte in Walnut Grove, eine chinesische und eine japanische. Der größte Teil des Bodens gehörte Amerikanern, die anderswo lebten und ihn beständig an Ausländer verkauften oder verpachteten.

In dem japanischen Stadtteil gab es eine Prügelei oder ein Fest – was von beiden, wußten sie nicht –; als Saxon und Billy auf der »Apache« mit dem Kurs nach Sacramento den Hafen verließen.

»Ja, auf der Treppe sitzen wir schon, das ist sicher«, sagte Billy gereizt. »Und bald werden sie uns auch da herunterschmeißen.«

»Im Mondtal gibt es keine«, sagte Saxon ermutigend. Aber er war untröstlich und bemerkte bitter:

»Und nicht einer von den verfluchten Ausländern kann mit Pferden umgehen wie ich. Aber auf Landwirtschaft verstehen sie sich, darauf kannst du Gift nehmen«, fügte er hinzu.

Und Saxon sah sein verdrießliches Gesicht und mußte plötzlich an eine Lithographie denken, die sie in ihrer Kindheit gesehen hatte. Sie stellte einen Indianer auf der Prärie dar, der in Kriegsbemalung und Federschmuck zu Pferde saß und verwundert einen Eisenbahnzug anstarrte, der auf den kürzlich gelegten Schienen dahinbrauste. Der Indianer war von dem neuen Leben verdrängt worden, das mit der Eisenbahn über das Land gespült war. Und, dachte sie bei sich, waren Billy und seinesgleichen vielleicht verurteilt, von diesem neuen, erstaunlich fleißigen Leben verdrängt zu werden, das von Asien und Europa hereinströmte?

In Sacramento blieben sie zwei Wochen, Billy arbeitete bei einem Fuhrmann, um Geld für die Weiterreise zu bekommen. Das Leben in Oakland und Carmel, beide an der Salzküste gelegen, hatte es ihnen unmöglich gemacht, im Innern des Landes zu wohnen. Zu warm! lautete ihr Urteil über Sacramento, und sie folgten der Eisenbahn nach Westen, durch die sumpfige Gegend bis nach Davisville. Hier wurden sie vom geraden Wege fortgelockt, und sie zogen nach Norden in das schöne Woodland, wo Billy für einen Obstfarmer fuhr und Saxon, sehr gegen seinen Wunsch, die Erlaubnis von ihm erzwang, daß sie ein paar Tage in der Obsternte arbeiten dürfte. Wenn Billy sie fragte, was sie mit dem Geld, das sie verdiente, machen wollte, tat sie sehr geheimnisvoll, und er neckte sie dann solange damit, bis er die ganze Geschichte vergaß. Sie erzählte ihm auch weder von dem Brief, den sie an Bud Strothers schickte, noch daß in dem Brief ein Scheck und ein blauer Schein lag.

Sie begannen unter der Hitze zu leiden. Billy erklärte, daß sie das Klima, wo man Decken brauchte, jetzt hinter sich gelassen hätten.

»Hier gibt es keine Riesentannen«, sagte Saxon. »Wir müssen nach Westen, in der Richtung der Küste gehen. Dort werden wir das Mondtal finden.«

Von Woodland zogen sie nach Westen und Süden auf den Hauptstraßen nach dem Obstparadies von Vacaville. Hier arbeitete Billy zuerst als Obstpflücker und dann als Kutscher, und hier bekam Saxon einen Brief und ein winziges Postpaket von Bud Strothers. Als Billy nach beendetem Tagewerk zu ihr kam, gebot sie ihm, zu schweigen und die Augen zu schließen. Ein paar Minuten nestelte sie an seinem baumwollenen Arbeitshemd herum. Einmal fühlte er einen kleinen Stich, wie von einer Stecknadel, und begann zu grunzen, aber sie lachte und befahl ihm, die Augen weiter geschlossen zu halten.

»Jetzt mach die Augen auf und gib mir einen Kuß«, sang sie. »Dann will ich dir etwas zeigen.«

Sie küßte ihn, und als er nachsah, was sie an seinem Hemd befestigt hatte, erblickte er die goldene Medaille, die er an dem Tage, als sie im Kino gewesen waren und die Idee, aufs Land zurückzukehren, bekommen hatten, versetzt hatte.

»Du dummes Mädel!« rief er und preßte sie heftig an sich. »So, also dazu wolltest du dein Obstgeld gebrauchen? Und davon hab ich nicht das geringste geahnt! – – Aber ich will dich lehren!«

Und sie unterwarf sich wieder dem wonnigen Zwang, der von diesem starken Manne ausging, und er preßte sie an sich und tanzte mit ihr herum, bis die Kaffeekanne überkochte, und sie sich von ihm losriß, um soviel wie möglich zu retten.

»Ich bin immer ein klein wenig stolz darauf gewesen«, gestand er, als er sich nach dem Abendessen seine Zigarette drehte. »Sie erinnert mich an meine Knabentage, als ich Amateur war und mich schlug, daß es krachte. Ich war ein tüchtiger Bengel damals – das will ich dir nur sagen. Und Oakland ist für mich, als trennten tausend Jahre und zehntausend Meilen dich und mich davon.«

»Dann wird dies hier es dir vielleicht wieder mehr vor Augen führen«, sagte Saxon und öffnete Buds Brief und las ihn ihm vor.

Bud hatte es als gegeben angesehen, daß Billy wußte, wie der Streik zu Ende gegangen war, und deshalb beschränkte er sich auf Einzelheiten, wie zum Beispiel die, daß er wieder angestellt und wer ausgeschlossen worden war. Zu seinem eignen Erstaunen war er selbst wieder angenommen und fuhr jetzt Billys Pferde. Noch überraschender war, was er weiter zu berichten hatte. Der alte Vorarbeiter in den Ställen war gestorben, und seitdem hatten zwei andere Vorarbeiter nur Unordnung gemacht. Das Wichtigste war, daß der Chef am selben Tage mit Bud gesprochen und sich über Billys Verschwinden beklagt hatte.

»Versteh mich ja nicht falsch«, schrieb Bud. »Der Alte kennt ausgezeichnet all die Schlachten, die du geschlagen hast. Ich möchte wetten, er weiß den Namen jedes einzigen Streikbrechers, den du verprügelt hast. Und doch sagte er zu mir: ›Strothers, wenn Sie mir seine Adresse nicht geben dürfen, so schreiben sie ihm von mir, daß er wiederkommen und einen Versuch machen soll. Ich will ihm Hundertfünfundzwanzig monatlich und die Oberaufsicht in den Ställen geben.‹«

Saxon wartete mit gut verhehlter Angst, bis er mit dem Brief fertig war. Billy, der der Länge nach auf dem Boden lag und sich auf seinen Ellbogen stützte, blies nachdenklich den Rauch in Ringen von sich. Sein billiges Arbeitshemd – es sah ganz strahlend aus im Goldglanz der Medaille, die im Schein des Feuers funkelte – stand vorne offen, so daß die glatte Haut und die stolze Wölbung der Brust zu sehen war. Er sah sich um – sein Blick schweifte über die Decken, die im Schutz eines Schirmes von Grün und Blättern ausgebreitet lagen, auf das Feuer und die schwarze verbeulte Kaffeekanne auf die abgenutzte Axt, die halb in einem Baumstamm vergraben war, und zuletzt auf Saxon. Sein Blick fiel auf sie mit einem bedächtig forschenden Ausdruck. Aber sie half ihm nicht im geringsten.

»Ja«, sagte er schließlich, »du brauchst nur Bud Strothers zu schreiben, daß ich den Alten nebst seinem verfluchten Angebot gehenkt sehen will! Und da wir gerade mal dabei sind, so glaube ich, ich will ihm das Geld schicken, um meine Uhr einzulösen. Du kannst ausrechnen, wieviel es mit Zinsen wird. Der Überzieher kann meinetwegen verfaulen.«

Aber die Hitze im Innern des Landes war nicht recht gesund für sie. Sie verloren an Gewicht. Sowohl geistig wie körperlich verloren sie ihre Spannkraft. Wie Billy sich ausdrückte – ihre Seide begann an den Rändern auszufasern. So luden sie sich denn ihre Bündel auf den Rücken und lenkten ihre Schritte westwärts über die kahlen Berge. Im Berryessatal bekamen sie sogar Augen- und Kopfschmerzen von den flimmernden Hitzewogen und wanderten deshalb nur in der frühen Morgenstunde und spät am Nachmittag. Sie gingen immer weiter nach Westen, über mehrere Berge, bis zu dem schönen Nappatal. Das nächste Tal von hier war das Sonomatal, wo Hastings seinen Hof hatte, und wo sie ihn besuchen sollten. Und sie würden auch seiner Aufforderung gefolgt sein, hätte Billy nicht zufällig in einer Zeitung eine Notiz gefunden, daß der Schriftsteller verreist war, um irgendeine Revolution zu studieren, die irgendwo in Mexiko ausgebrochen war.

»Wir können ihn ja später besuchen«, sagte Billy, als sie nach Nordwesten durch die Weinberge und Obstgärten des Nappatals abbogen. »Wir sind wie der Millionär, von dem Bert immer sang, nur daß es Zeit ist, wovon wir so viel haben, daß wir nicht wissen, was damit tun. Eine Richtung kann ebensogut wie die andere sein – aber Westen ist nun doch am besten.«

Dreimal wurde Billy im Nappatal Arbeit angeboten, und dreimal lehnte er sie ab. Andererseits sah Saxon mit Freuden, daß in den kleinen Canyons, die die westliche Mauer des Tales durchschnitten, Riesentannen wuchsen. In Calistoga, wo die Eisenbahn endete, sahen sie die Post mit sechs Pferden nach Middletown und dem Lower Lake fahren. Sie berieten, welche Strecke sie wählen sollten. Der Weg führte nach dem Seedistrikt und nicht an die Küste, so daß Billy und Saxon weiter ostwärts durch die Berge nach dem Tal von Healdsburg wanderten, wo der Russian River entspringt. Sie gingen eine Zeitlang durch die reichen Hopfenfelder, wo Billy sich jedoch weigerte, mit Indianern und Chinesen zusammenzuarbeiten.

»Ich könnte nicht eine Stunde neben einem von ihnen arbeiten – ohne ihnen den Kopf einzuschlagen«, erklärte er. »Außerdem sieht der Fluß sehr hübsch aus. Komm, wir wollen hier haltmachen und schwimmen.«

Und so schlenderten sie denn durch das reiche, fruchtbare Tal nach Norden, und in ihrem Glück vergaßen sie ganz, daß die Arbeit eine Notwendigkeit war, während das Mondtal wie ein goldener, ferner Traum lockte, der eines Tages sicher in Erfüllung gehen mußte. In Cloverdale hatte Billy das Glück, Arbeit zu finden. Teils wegen Krankheit, teils wegen einiger Unfälle wurden Kutscher im Poststall gesucht. Täglich brachte der Zug ganze Wagenladungen von Passagieren zu den warmen Quellen, und Billy lenkte ein Gespann von sechs Pferden über die Berge, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan. Auf der zweiten Fahrt saß Saxon neben ihm auf dem hohen Kutschbock. Nach vierzehn Tagen kam der Kutscher, den er vertreten hatte, zurück. Billy wurde feste Arbeit im Stall angeboten, aber er lehnte ab, nahm seinen Lohn und wanderte in nördlicher Richtung weiter.

Saxon hatte einen jungen Foxterrier adoptiert und nannte ihn Possum, nach dem Hund, von dem Frau Hastings ihnen erzählt hatte. Er war so jung, daß er bald wunde Füße bekam, und sie trug ihn selbst, bis Billy ihn oben auf sein Bündel band und darüber murrte, daß Possum an seinem Nackenhaar nagte, bis es ganz zerfasert war.

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