Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jack London >

Tal des Mondes

Jack London: Tal des Mondes - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleTal des Mondes
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid22343d03
Schließen

Navigation:

Von jetzt an schien es Saxon, als sei ihr Dasein ganz ohne Sinn und Zusammenhang. Sie lebte wie in einem bösen Traum. Alles war möglich, selbst das Unwahrscheinlichste. Es gab keinen Halt in der Strömung der Gesetzlosigkeit, die sie zu einer Katastrophe trieb – sie wußte selbst nicht, zu welcher. Hätte sie sich auf Billy verlassen können, so würde sie nichts gefürchtet haben. Aber er war ihr entrissen in dem Wahnsinn, der alle andern gepackt hatte. So vollkommen war die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, daß er fast wie ein zudringlicher Fremder in seinem eigenen Hause wirkte. Es war ein anderer Mann, dessen Blick ihr aus seinen Augen entgegenleuchtete – ein anderer Mann mit gewaltsamen, haßerfüllten Gedanken; ein Mann, der es nirgends gut hatte, und der ein eifriger Vorkämpfer für alles Zuchtlose und Böse dieser Zeit wurde. Dieser Mann verurteilte Bert nicht mehr, sondern murmelte selbst heimlich von Dynamit und Revolution.

Saxon kämpfte schwer, um sich das geistige Gleichgewicht und die Kaltblütigkeit, sowie die körperliche Reinheit und Kühle zu bewahren, auf die Billy früher solchen Wert gelegt hatte. Nur einmal verlor sie die Selbstbeherrschung. Er war sehr schlechter Laune gewesen, und eine besonders brutale, ungerechte Bemerkung brachte sie schließlich auf.

»Mit wem sprichst du?« fragte sie heftig.

Er war sprachlos und verblüfft und konnte nur ihr Gesicht anstarren, das leichenblaß vor Zorn war.

»Wage nicht noch einmal, so zu mir zu sprechen, Billy«, sagte sie gebieterisch.

»Ach, kannst du denn nicht begreifen, daß ich nur schlechter Laune bin?« fragte er, halb zur Entschuldigung, halb im Trotz. »Gott weiß, daß ich genug um die Ohren habe.«

Als er gegangen war, warf sie sich aufs Bett und weinte, als ob ihr das Herz brechen sollte. Denn sie, die so tief demütig beben konnte, war ein stolzes Weib. Nur die Stolzen können wirklich demütig, nur die Starken wahrhaft sanft sein. Was nutzte es, so fragte sie sich, wenn der einzige auf der Welt, der etwas für sie bedeutete, seinen eigenen Stolz, seine Kampfbereitschaft und seinen Gerechtigkeitssinn verlor und sie den schwersten Teil der gemeinsamen Last tragen ließ?

Und wie sie im Kummer über den Verlust ihres Kindes – diesem tiefen Kummer, der in ihrem Organismus selbst wurzelte – allein gewesen war, so trug sie auch diesen neuen Kummer, der in gewissem Sinne noch größer war, allein. Sie liebte Billy vielleicht nicht weniger, aber ihre Liebe war im Begriff, einen andern Charakter anzunehmen, weniger stolz und weniger zuversichtlich zu werden. Sie wollte sich mit Mitleid mischen – dem Mitleid, das zur Verachtung führen kann, und davor schauderte es sie.

Sie kämpfte um die Kraft, dieser neuen Tatsache ins Auge zu blicken. Die Verzeihung schlich sich in ihr Herz, und es war ihr eine Erleichterung, bis ihr einfiel, daß in der wahrsten, höchsten Liebe kein Raum für Verzeihung sein durfte. Und sie weinte wieder, während der Kampf von neuem begann. Schließlich war eines unumstößlich: dieser Billy war nicht der Billy, den sie geliebt hatte. Dieser Billy war ein ganz anderer, ein kranker Mann, und er war ebensowenig verantwortlich wie ein Fieberpatient für seine wilden Phantasien. Sie mußte Billys Pflegerin sein, ohne Stolz, ohne Verachtung, ohne etwas verzeihen zu müssen. Zudem stand er auch wirklich mitten im Kampfe und war schwindlig von den Schlägen, die er gegen andere richtete und die andere gegen ihn richteten.

Und so rüstete Saxon sich zum Kampf, dem schwersten von allen, die in der Weltarena ausgefochten werden – dem Kampf des Weibes. Sie vertrieb alle Zweifel, alles Mißtrauen aus ihrem Gemüt. Sie verzieh nichts, weil es nichts gab das Verzeihung erforderte. Sie verpflichtete sich zu einem absoluten Glauben an die Unbeflecktheit und Unberührtheit von Billys Liebe – so unerschütterlich, wie sie stets gewesen, sollte sie wieder werden, wenn die Welt wieder ins Gleichgewicht kam.

Als er an diesem Abend heimkam, schlug sie ihm als letzten Ausweg vor, ihre Näharbeit wieder aufzunehmen, bis der Streik vorbei war. Aber davon wollte Billy nichts hören.

»Es wird schon alles gehen«, versicherte er ihr immer wieder. »Du brauchst nicht zu arbeiten. Ich werde schon Geld verschaffen, ehe die Woche um ist, und dann kriegst du alles. Und Sonnabend abend gehen wir aus und amüsieren uns – in ein richtiges Theater, nicht ins Kino. Sonnabend abend – bis dahin habe ich Geld, so sicher wie nur was.«

Am Freitag kam er abends nicht heim, und Saxon ärgerte sich, denn Maggie Donahue hatte ihr eine Pfanne voll Kartoffeln und zwei Pfund Mehl, die sie vorige Woche geliehen hatte, wiedergebracht, und ein tüchtiges Essen wartete auf ihn. Saxon hielt bis neun Uhr das Feuer im Herd, dann ging sie widerstrebend zu Bett. Sie wäre viel lieber aufgeblieben, bis er kam, aber sie wagte es nicht, denn sie wußte, wie das auf ihn wirkte, wenn er betrunken heimkam.

Es hatte gerade eins geschlagen, als sie die Gartenpforte zuschlagen hörte. Sie hörte ihn – langsam, schwer, auf eine Art, die nichts Gutes verhieß – die Treppe heraufkommen und das Schlüsselloch suchen. Dann trat er ins Schlafzimmer, und sie hörte, wie er sich mit einem tiefen Seufzer setzte. Sie lag ganz still da, denn sie wußte, wie übertrieben empfindlich die Leute wurden, wenn sie betrunken waren, und sie fürchtete sehr, ihn zu verletzen, wenn sie ihn verstehen ließe, daß sie wach gelegen und auf ihn gewartet hätte. Es war nicht leicht. Sie ballte die Fäuste, daß die Nägel ihr ins Fleisch drangen und ihr Körper in dem heftigen Bemühen, sich ruhig zu verhalten, erstarrte. Noch nie war er in einer solchen Verfassung heimgekommen.

»Saxon!« rief er mit belegter Stimme. »Saxon!«

Sie reckte sich und gähnte.

»Was ist?« fragte sie.

»Willst du nicht Licht machen? Meine Finger sind wie lauter Daumen.«

Sie tat, wie er sagte, ohne ihn jedoch anzusehen, aber ihre Hände zitterten so heftig, daß der Lampenzylinder klirrend gegen die Kuppel schlug und das Streichholz ausging.

»Ich bin nicht betrunken«, sagte er in der Dunkelheit, und seine heisere Stimme zitterte. »Ich habe nur zwei oder drei Ohrfeigen gekriegt.«

Sie versuchte wieder, die Lampe anzuzünden, und diesmal glückte es. Als sie sich umdrehte, um ihn anzusehen, schrie sie laut auf vor Angst. Obwohl sie seine Stimme gehört hatte und wußte, daß es Billy war, erkannte sie ihn doch im ersten Augenblick nicht. Dies Gesicht hatte sie noch nie gesehen. Geschwollen, zerschlagen war es, als hätte jeder Zug die Ähnlichkeit mit dem Gesicht verloren, das sie so gut kannte. Das eine Auge war vollkommen geschlossen, das andere guckte aus einem schmalen Spalt in dem blutunterlaufenen Fleisch hervor. Es sah aus, als wäre die Haut am einen Ohr fast abgerissen. Das ganze Gesicht war eine blutige, geschwollene Masse, und sein rechter Kinnbacken war doppelt so dick wie der linke. Kein Wunder, daß er belegt spricht, dachte sie, als sie die furchtbar zerschlagenen und geschwollenen Lippen betrachtete, die immer noch bluteten. Sie wurde ganz krank bei dem Anblick, und eine Woge von Zärtlichkeit stieg in ihr auf und trieb sie zu ihm hin. Sie sehnte sich danach, ihn in die Arme zu schließen, ihn zu streicheln und zu liebkosen; aber ihr gesunder Verstand verbot es ihr.

»Mein armer, armer Junge«, rief sie. »Sag mir nur, was ich tun soll. Ich verstehe nichts von diesen Dingen.«

»Wenn du mir nur helfen willst, mich auszuziehen«, sagte er demütig und mit heiserer Stimme. »Ich bin so steif.«

»Und dann warmes Wasser – das wird dir gut tun«, sagte sie und begann vorsichtig, seinen Rockärmel über eine geschwollene, hilflose Hand zu ziehen.

»Ich sagte dir ja, daß sie wie lauter Daumen sind.« Er schnitt ein Gesicht, hob die Hand und schielte darauf, soweit er noch sehen konnte.

»Setz dich«, sagte sie, »setz dich und warte, bis ich Feuer angemacht und das Wasser gewärmt habe. Es dauert nur einen Augenblick. Dann helfe ich dir weiter beim Ausziehen.«

Als sie in der Küche war, konnte sie ihn leise murmeln hören, und noch als sie wiederkam, wiederholte er immer wieder:

»Wir brauchten das Geld, Saxon. Wir brauchten das Geld.«

Sie konnte sehen, daß er nicht betrunken war, und aus seinen unzusammenhängenden Worten wurde ihr klar, daß er Fieber hatte.

»Er war eine Überraschung«, fuhr er in seinen Betrachtungen fort, während sie ihm beim Ausziehen half und allmählich bruchstückweise erfuhr, was geschehen war. »Er war ein unbekannter Boxer aus Chikago. Sie sagten nicht ein Wort vorher. Ja, der Sekretär vom Elite-Club meinte allerdings, daß er mir zu schaffen machen würde. Und ich würde gewonnen haben, wenn ich in Form gewesen wäre. Aber fünfzehn Pfund weniger im Gewicht und kein Training – das ist keine Form. Dazu habe ich auch die letzte Zeit ziemlich viel getrunken, und so konnte ich nicht fest stehen.«

Aber Saxon, die ihm das Hemd auszog, hörte nicht mehr zu. Wie sein Gesicht, so war auch sein prächtiger muskulöser Rücken – sie kannte ihn nicht wieder. Die weiße glatte Haut war zerrissen und blutig. Die meisten der Risse gingen quer über den Körper, einige aber gingen auch von oben nach unten.

»Wo hast du das nur bekommen?« fragte sie.

»Am Seil. Ich war mehrmals am Seil, und der Gedanke macht mich nicht gerade stolz. Nun ja, er hat mir mein Fett gegeben. Aber ich führte ihn doch an. Knock out kriegte er mich nicht. Ich hielt alle zwanzig Runden durch, und ich will dir nur sagen – er hat ein paar abgekriegt, an die er auch denken wird. Aber welche Prügel! Oha, welche Prügel! So etwas hab ich noch nicht erlebt. Den ›Schrecken von Chikago‹ nennen sie ihn, und ich ziehe meinen Hut vor ihm. Er ist ein tüchtiger Kerl. Aber wenn ich in Form gewesen wäre und mehr Luft gehabt hätte, würde ich doch mit ihm fertig geworden sein. Au, au, paß auf. Das ist wie eine Beule!«

Saxon hatte nach seinem Leibriemen gesucht und hatte dabei einen flammendroten Fleck, so groß wie ein Suppenteller, berührt.

»Das kommt von den Nierenschlägen«, erklärte Billy. »Darin war er der reine Teufel. Fast jedesmal, wenn wir im Clinch waren, stieß er zu, so sicher wie ein Uhrwerk. Es wurde so empfindlich, daß ich dabei direkt zusammenfuhr – bis ich unsicher auf den Beinen wurde und nicht mehr viel von mir wußte. Es ist kein Schlag, der einen erledigt, aber er entkräftet schrecklich, wenn man lange kämpft. Man wird so merkwürdig schlapp davon.«

Saxon hatte Tränen in den Augen, und sie hätte weinen mögen über die Behandlung, die dem Körper ihres schönen, kranken Jungen zuteil geworden war.

Als sie seine Hosen am andern Ende der Stube aufhängen wollte, hörte sie das Klirren von Geldstücken. Er rief sie zurück und zog eine Handvoll Silber aus der Tasche.

»Wir brauchten das Geld, wir brauchten das Geld«, murmelte er immer wieder, während er versuchte, die Münzen zu zählen, und Saxon wußte, daß er wieder irre redete.

Es schnitt ihr ins Herz, denn sie mußte sich der bittern Gedanken erinnern, die in der letzten Woche ihren Glauben an Billy fast niedergerissen hatten. Und schließlich war er ja doch mit seinem ganzen wunderbaren Körper nur ein Junge, ihr Junge. Um ihretwillen, um des Hauses und der Möbel willen, die ihr Haus und ihre Möbel waren, hatte er sich dieser furchtbaren Strafe ausgesetzt. Er sagte es jetzt, als er kaum noch wußte, was er sagte: »Wir brauchten das Geld.« Hier, in seinem halb bewußtlosen Zustand, als die Bande, die seine Seele fesselten, gelöst schienen, trat der Gedanke an sie wieder an die Oberfläche. Wir brauchten das Geld. Wir!

Die Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sich zu ihm hinabbeugte, und es war ihr, als hätte sie ihn nie so heiß geliebt wie in diesem Augenblick.

»Hier, zähl du das Geld«, sagte er, die anstrengende Arbeit aufgebend, und reichte es ihr. »Wieviel kriegst du heraus?«

»Neunzehn Dollar und fünfunddreißig Cent.«

»Das stimmt – soviel kriegt der Besiegte – zwanzig Dollar. Ich trank ein paar Glas und traktierte auch die andern, und dann die Straßenbahn. Hätte ich gewonnen, so würde ich hundert gekriegt haben. Dafür hatte ich gekämpft. Dann wären wir jetzt aus dem Dreck heraus – vorläufig jedenfalls. Aber nimm das Geld und behalte es. Es ist doch jedenfalls besser als gar nichts.«

Als er ins Bett kam, konnte er nicht schlafen, so schmerzten ihm alle Glieder, und Stunde auf Stunde war sie um ihn bemüht, legte ihm frische warme Umschläge auf die geschwollenen Stellen und verschaffte ihm Linderung, indem sie die Risse so behutsam wie möglich mit Coldcream einrieb. Und unterdessen schwatzte er, hin und wieder von einem klagenden Stöhnen unterbrochen, und durchlebte wieder den ganzen Kampf, klagte über das Geld, das ihm entgangen war, und grollte über die Kränkung, die sein Stolz erlitten hatte. Denn schlimmer als alles, was er körperlich litt, war die Kränkung, die seinem Stolz zugefügt war.

Schließlich, als der Tag anbrach, schlief Billy ein. Er stöhnte und jammerte, sein Gesicht war von Schmerz verzerrt, und er warf sich hin und her in seinen vergeblichen Versuchen, Ruhe und Linderung zu finden.

Also das ist Boxen, dachte Saxon. Es war viel schlimmer, als sie es sich gedacht hatte. Sie hatte nicht geahnt, daß man mit Boxhandschuhen solchen Schaden anrichten konnte. Er durfte nie wieder boxen. Dann lieber Radau auf der Straße. Sie dachte darüber nach, wieviel von seiner Seide wohl verloren gegangen sein mochte, als er etwas murmelte und die Augen aufschlug.

»Was ist?« fragte sie, aber im selben Augenblick erkannte sie, daß seine Augen nichts sahen, und daß er im Fieber sprach.

»Saxon! – Saxon!« rief er.

»Ja, Billy. Was ist?«

Er tastete mit der Hand dorthin, wo er sie unter normalen Verhältnissen gefunden hätte.

Dann rief er sie wieder, und sie rief ihm ins Ohr, daß sie bei ihm wäre. Er seufzte erleichtert und murmelte mit gebrochener Stimme:

»Ich mußte es tun – wir brauchten das Geld.«

Er schloß die Augen und schlief jetzt ruhiger, wenn er auch immer noch im Schlafe murmelte. Sie hatte von Gehirnerschütterungen gehört und war sehr ängstlich. Da fiel ihr ein, daß er ihr erzählt hatte, Billy Murphy hätte ihm Eis auf den Nacken gelegt.

Sie warf einen Schal über und lief in die Wirtschaft an der Ecke. Der Kellner hatte gerade aufgemacht und fegte aus. Er gab ihr soviel Eis, wie sie tragen konnte, und zerhieb es ihr in kleine Stücke. Als sie zurückkam, legte sie Billy das Eis in den Nacken und ein warmes Plätteisen unter die Füße und rieb ihm das Gesicht mit Coldcream, die sie auf Eis gelegt hatte, um sie abzukühlen.

Er schlief bei heruntergelassenen Gardinen bis spät am Nachmittag, dann aber wollte er zu Saxons großer Sorge aufstehen.

»Ich muß mich zeigen«, erklärte er. »Ich will nicht, daß sie mich auslachen.«

Sie half ihm beim Anziehen, was ihm furchtbare Qualen verursachte, und in furchtbaren Qualen verließ er sein Heim, damit die Männer, die seine Welt ausmachten, mit eigenen Augen sehen konnten, daß die Prügel, die er gekriegt hatte, ihn nicht ans Bett zu fesseln vermochten.

Es war ein anderer Stolz als der eines Weibes, und Saxon mußte darüber nachdenken, ob er deshalb weniger bewundernswert war.

 

In den folgenden Tagen gingen die Schwellungen an Billys Körper mit erstaunlicher Schnelligkeit zurück. Daß die Risse so schnell heilten, bewies, wie gesund sein Blut war. Das einzige, was noch blieb, waren die ›blauen Augen‹, die doppelt auffielen in einem so hellen Gesicht wie dem seinen. Es dauerte vierzehn Tage, bis die Umgebung seiner Augen ihre normale Farbe wieder annahm, und in diesen vierzehn Tagen traten verschiedene bedeutungsvolle Begebenheiten ein.

Otto Frank wurde in größter Eile verhört, und, nachdem er von einer, hauptsächlich aus Geschäftsleuten und Angestellten bestehenden Jury für schuldig erklärt worden war, zum Tode verurteilt und nach San Quentin geschafft, wo die Hinrichtung erfolgte.

Der Prozeß gegen Chester Johnson und die vierzehn andern hatte längere Zeit gedauert, war aber auch vor Ablauf der vierzehn Tage beendet. Chester Johnson wurde zum Tode verurteilt, zwei erhielten lebenslängliches Zuchthaus, drei je zwanzig Jahre. Nur zwei wurden freigesprochen, die andern sieben erhielten je zwei bis sieben Jahre.

Diese Entscheidung versenkte Saxon in tiefe Melancholie. Billy ging es auch nahe, aber sein Kampfeifer war nicht unterdrückt.

»In einer Schlacht sterben immer welche«, sagte er. »Darauf muß man gefaßt sein. Aber die Art, wie sie abgeurteilt werden, kann ich nicht in den Kopf kriegen. Sie waren doch alle verantwortlich für die Mordtaten, die schuldig Erklärten genau wie die andern. Oder es war keiner verantwortlich. Waren sie es aber alle, so hätten sie doch alle verurteilt werden müssen. Sie mußten alle gehängt werden wie Chester Johnson, oder es durfte keiner gehängt werden.«

»Ich habe so oft mit Chester Johnson getanzt«, sagte Saxon. »Und ich habe seine Frau, Kittie Brady, vor vielen, vielen Jahren gekannt. Sie saß neben mir in der Kartonagenfabrik. Sie erwartet auch ein Kind. Sie war sehr hübsch und hatte immer eine ganze Schar junger Burschen hinter sich her.«

Die Wirkung, die die harten Urteile auf die Gewerkschaftler ausübten, war sehr ungünstig. Statt ihren Mut zu knicken, machten sie sie nur noch erbitterter. Billys Reue über den Boxkampf und alles Gute und Liebe, das in den Tagen, als Saxon ihn pflegte, bei ihm zum Vorschein gekommen war, war jetzt wie ausgetauscht. Zu Hause brütete er über seinen finsteren Gedanken, und wenn er sprach, tat er es im selben Geist, wie Bert in den letzten Tagen gesprochen hatte, ehe er, der brave Mohikaner, starb. Er war auch länger fort und trank jetzt wieder anhaltend.

Saxon wollte schon alle Hoffnung aufgeben. Sie war schon fast auf die unvermeidliche Tragödie vorbereitet, die ihre krankhaft gereizte Phantasie ihr unter tausend Formen vorgaukelte. Meistens stellte sie sich vor, daß man ihr Billy auf einer Bahre heimbrachte, oder sie wurde ans Telephon beim Krämer an der Ecke gerufen und hörte eine fremde Stimme, die ihr kurz mitteilte, daß ihr Mann ins Hospital oder ins Leichenschauhaus gebracht wäre. Und als die mystischen Vergiftungen von Pferden vorkamen und einem der großen Fuhrleute sein Haus von Dynamit halb zerstört wurde, sah sie Billy im Zuchthaus oder in der gestreiften Gefängnistracht oder auf dem Schafott in San Quentin, während sie gleichzeitig das kleine Haus in der Pine Street von Zeitungsreportern und Photographen belagert sah.

Und doch hatte sie sich in ihrer lebhaften Phantasie die Katastrophe nicht in der Gestalt vorgestellt, in der sie schließlich eintraf. Harmon, der Heizer, der bei ihnen wohnte, war, als er sich zur Arbeit begeben wollte, in der Küche stehengeblieben, um Saxon von einem Eisenbahnzusammenstoß in den Alviso-Sümpfen zu erzählen. Als er die Erzählung fast beendet hatte, kam Billy, und aus der dunklen Glut in den Augen unter den schweren Lidern konnte Saxon sehen, daß er zuviel getrunken hatte. Er warf Harmon einen gereizten Blick zu und stellte sich, ohne ihn oder Saxon zu begrüßen, an die Wand.

Harmon fühlte das Drückende der Situation und versuchte zu tun, als bemerke er nichts.

»Ich erzählte Ihrer Frau gerade –«, begann er, aber Billy unterbrach ihn wütend.

»Es ist mir gleichgültig, was Sie ihr erzählten. Aber ich will Ihnen etwas sagen. Meine Frau hat Ihnen Ihr Bett viel öfter gemacht, als mir gefällt.«

»Billy!« rief Saxon, von Zorn und Kränkung flammend.

Billy tat, als hörte er sie gar nicht. Harmon sagte:

»Ich verstehe nicht –«

»Nun ja, ich kann Ihre Fratze nicht ausstehen«, erklärte Billy. »Machen Sie, daß Sie wegkommen! Hinaus! Verstanden?«

»Ich weiß nicht, was mit ihm ist«, sagte Saxon schnell und atemlos zu dem Heizer. »Er ist nicht bei Sinnen. Ach, wie ich mich schäme, ach, wie ich mich schäme.«

Billy wandte sich zu ihr.

»Willst du gefälligst das Maul halten! Es geht dich gar nichts an.«

»Aber Billy!« wandte sie ein.

»Und dann mach, daß du wegkommst! Geh nach drinnen.«

»Hören Sie«, sagte Harmon. »Das ist kein Benehmen.«

»Ich habe Ihnen schon zuviel Freiheit gelassen«, lautete Billys Antwort.

»Ich habe wohl meine Miete regelmäßig bezahlt, nicht wahr?«

»Und ich sollte Ihnen den Kopf zerschlagen. Ja, und ich kann eigentlich nicht einsehen, warum ich es nicht tun sollte.«

»Wenn du das versuchst, Billy –«, begann Saxon.

»Bist du noch da? Wenn du nicht nach drinnen gehst, dann helfe ich dir.«

Seine Hand umpreßte ihren Arm. Einen Augenblick versuchte sie, Widerstand zu leisten, und in dem Augenblick, als ihr Fleisch von seinen Fingern zerquetscht wurde, wurde sie sich seiner unermeßlichen Kraft bewußt.

Im Vorderzimmer konnte sie sich nur weinend in den großen Sessel werfen und hören, was in der Küche vorging.

»Ich bleibe jedenfalls bis Ende der Woche«, sagte der Heizer. »Ich habe vorausbezahlt.«

»Daß du dich nur nicht irrst«, ertönte Billys Stimme, so langsam, daß sie schleppend wirkte, und doch zitterte sie vor Wut. »Wenn dir deine Gesundheit lieb ist, kannst du nicht schnell genug wegkommen – mit Sack und Pack. Ich kann jeden Augenblick platzen.«

»Ja, ich weiß, daß Sie ein Raufbold sind –«, begann der Heizer.

Dann hörte Saxon einen Schlag – ein Irrtum war nicht möglich; eine Scheibe wurde zerschlagen. Dann wurde an der Hintertür gerungen und endlich ein schwerer Körper die Treppe hinabgeworfen. Danach hörte sie Billy in die Küche zurückkommen und umhergehen – sie wußte, daß er die Glasscherben zusammenfegte. Dann wusch er sich am Ausguß und begann zu pfeifen, während er sich Gesicht und Hände abtrocknete, und kam dann ins Vorderzimmer. Sie sah ihn nicht an – dazu war sie zu elend und traurig. Er blieb unentschlossen stehen, also könnte er nicht recht mit sich einig werden.

»Ich muß in die Stadt«, sagte er schließlich. »Wir haben Versammlung in der Gewerkschaft. Wenn ich nicht wiederkomme, hat der Schwachkopf mich bei der Polizei angezeigt.«

Er öffnete die Hintertür, blieb aber wieder stehen. Sie wußte, daß er sie ansah. Dann schloß sich die Tür, und sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen.

Saxon war vollkommen betäubt. Sie konnte nicht denken. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Alles war so unfaßbar, so unglaublich. Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen im Sessel zurück, ohne einen einzigen klaren Gedanken im Kopf, und zu Boden gedrückt von dem bleischweren Gefühl, daß jetzt alles aus war.

Die Kinder, die auf der Straße spielten, riefen sie in die Wirklichkeit zurück. Es war Abend geworden. Sie suchte tastend nach einer Lampe und zündete sie schließlich an. In der Küche blieb sie stehen und starrte mit bebenden Lippen auf das karge, halbzubereitete Essen. Das Feuer war ausgegangen, das Wasser von den Kartoffeln verkocht. Als sie den Deckel abnahm, stieg ein brenzlicher Geruch aus dem Topf auf. Methodisch wie immer, reinigte und wusch sie den Topf, brachte alles in Ordnung und schnitt die Kartoffeln in Scheiben, so daß sie sie am nächsten Tage braten konnte. Und ebenso methodisch entkleidete sie sich und ging zu Bett. Ihre vollkommene Ruhe war unnatürlich, so unnatürlich, daß sie sofort die Augen schloß und fast im selben Augenblick eingeschlafen war.

Es war seit ihrer Verheiratung die erste Nacht, die sie ohne Billy verbrachte. Sie war ganz verblüfft, daß sie nicht wach gelegen und sich um ihn geängstigt hatte. Mit weit offenen Augen, fast ohne Gedanken in ihrem Hirn, blieb sie liegen, bis sie bemerkte, daß ihr Arm schmerzte. Dort hatte Billy sie gepackt. Als sie die schmerzende Stelle untersuchte, sah sie, daß sie ganz schwarz und blau war. Sie war überrascht, nicht darüber, daß der Mensch, den sie über alles auf der Welt liebte, ihr diesen Schaden zugefügt hatte, sondern über das rein Physische, daß ein Druck, der nur einen Augenblick dauerte, solchen Schaden anrichten konnte. Die Kraft eines Mannes war etwas Fürchterliches. Sie ertappte sich dabei, wie sie, ganz unpersönlich, darüber nachdachte, ob Charley Long wohl ebenso stark wie Billy sei.

Erst als sie sich angekleidet und Feuer gemacht hatte, begann sie, an Näherliegendes zu denken. Billy war nicht wiedergekommen – also war er verhaftet worden. Was sollte sie tun? Ihn im Gefängnis lassen, ihrer Wege gehen und ein neues Leben beginnen? Selbstverständlich war es unmöglich, weiter mit einem Mann zusammenzuleben, der sich so wie er benommen hatte. Dann aber tauchte ein anderer Gedanke auf – war es wirklich unmöglich? Trotz allem war er ja ihr Mann. In guten und schlechten Tagen – den Satz wiederholte sie sich immer wieder, als monotone Begleitung zu ihren Gedanken; im Hintergrund ihres Bewußtseins. Ihn zu verlassen, hieß, alles aufzugeben. Sie brachte die Sache vor den Richterstuhl der Erinnerung an ihre Mutter. Nein, Daisy hätte nie aufgegeben. Daisy hatte Kampfblut in den Adern. Also mußte auch sie, Saxon, kämpfen. Und zudem – das gab sie willig, wenn auch kalt und tot, zu – zudem war Billy besser als die meisten Ehemänner. Und sie erinnerte sich seines Feingefühls und Taktes bei so vielen früheren Gelegenheiten und namentlich seines ewigen Kehrreims: Nichts ist zu gut für uns.

Um elf Uhr kam Besuch. Es war Bud Strothers, Billys Kamerad bei der Streikwache. Er erzählte ihr, daß Billy sich geweigert hätte, Kaution zu stellen, sich geweigert hätte, einen Rechtsanwalt zu nehmen, gebeten hätte, ihn vor Gericht zu stellen, gestanden hätte und zu einer Strafe von sechzig Dollar oder dreißig Tagen Gefängnis verurteilt wäre. Er hätte sich auch geweigert, die Kameraden die Strafe für ihn bezahlen zu lassen. »Er ist ganz durchgedreht«, schloß Strothers. »Er will keine Vernunft annehmen. Er sagt, er wolle seine Zeit absitzen. Ich denke, er hat ein bißchen reichlich getrunken und ist etwas wirr im Kopf davon. Aber hören Sie, er gab mir einen Brief für Sie. Wenn Sie etwas entbehren, so schicken Sie nur zu mir. Alle Kameraden werden Billys Frau unterstützen. Sie gehören zu uns. Wie steht es mit Geld?« Sie erklärte stolz, kein Geld zu brauchen, und erst, als ihr Gast Abschied genommen hatte, las sie den Brief:

Liebe Saxon – Bud Strothers hat mir versprochen, Dir diesen Brief zu geben. Mach Dir keine Sorge um mich. Ich will meine Strafe verbüßen. Ich verdiene sie – das weißt Du auch selber. Ich muß ja ganz verrückt gewesen sein. Aber deshalb tut es mir doch leid, daß ich mich so benommen habe. Du sollst mich nicht besuchen. Wenn Du Geld brauchst, wird die Gewerkschaft es Dir geben. In einem Monat komme ich wieder heraus. Und, Saxon, Du weißt ja, daß ich Dich liebe, und sage Dir nur selbst, daß Du mir dies eine Mal verzeihst – dann sollst Du es nicht wieder nötig haben.

Billy.

Bud Strothers war kaum zur Tür hinaus, als auch schon Maggie Donahue und Frau Olsen als gute Nachbarinnen kamen und versuchten, sie ein wenig zu erheitern.

Nachmittags kam James Harmon. Er hinkte ein wenig, und Saxon erriet, daß er sich bemühte, es zu verbergen. Sie versuchte, sich zu entschuldigen, aber er wollte sie nicht anhören.

»Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Frau Roberts«, sagte er. »Ich weiß ja, daß es nicht Ihre Schuld war. Aber Ihr Mann war nicht recht bei Sinnen, denke ich mir. Er war so wild darauf, sich mit irgend jemand zu prügeln, und es war mein gewöhnliches Pech, daß ich ihm gerade in den Weg laufen mußte.«

»Aber deshalb –«

Der Heizer schüttelte den Kopf.

»Ich kenne das alles so gut. Ich habe früher auch gern eins getrunken und manche Dummheit gemacht. Und es tut mir leid, daß ich ihn anzeigte. Aber ich war auch wütend. Jetzt bin ich ruhiger geworden, und es tut mir leid, daß ich es getan habe.«

»Das ist furchtbar nett von Ihnen«, sagte sie, und dann begann sie zögernd und stotternd vorzubringen, was sie bedrückte. »Sie – Sie können nicht hierbleiben, während er – fort ist, verstehen Sie?«

»Nein, das geht wohl nicht. Aber ich will Ihnen etwas sagen: Ich packe meine Sachen und gehe weg, und um sechs schicke ich einen Wagen und lasse alles holen. Hier ist der Schlüssel zur Hintertür.«

Trotz aller Einwände zwang sie ihn, das Geld für die restlichen Tage der Woche zurückzunehmen. Er drückte ihr herzlich die Hand beim Abschied und versuchte, ihr das Versprechen abzunehmen, daß sie sich an ihn wenden würde, wenn sie je Geld gebrauchte.

»Es ist alles in Ordnung«, versicherte er ihr. »Ich bin verheiratet und habe zwei Jungens. Die Lunge von dem einen ist nicht ganz in Ordnung, und meine Frau ist mit ihnen in Arizona. Die Eisenbahn hat ihnen dazu verholfen.«

Und als er die Treppe hinunterging, dachte sie, wie es wohl kam, daß es einen so guten, freundlichen Mann in einer Welt gab, die sonst so schlecht war.

Der kleine Donahue warf eine Abendzeitung zu ihr herein, und sie sah, daß das Blatt Billy eine halbe Spalte geopfert hatte. Es war nicht gerade schmeichelhaft. Es wurde erwähnt, daß er sich dem Gericht mit Augen, die Zeichen früherer Prügeleien trugen, gestellt hätte. Er wurde als Bandit, als Raufbold, professioneller Boxer beschrieben, den zu ihren Mitgliedern zu zählen eine Schande für die Gewerkschaften sei. Der Überfall, dessen er sich schuldig gemacht, wäre widerwärtig, roh und ohne den geringsten Anlaß unternommen, und wenn alle streikenden Fuhrleute so wie er wären, dann würde es das einzig Vernünftige für Oakland sein, die Gewerkschaft zu sprengen und alle Mitglieder zur Stadt hinauszujagen. Und endlich beklagte die Zeitung sich darüber, daß das Urteil zu milde sei. Er hätte mindestens sechs Monate haben müssen, Es wurde ein Ausspruch des Richters angeführt, der bedauerte, nicht imstande gewesen zu sein, ihn zu sechs Monaten zu verurteilen, die Sache sei aber, daß die Gefängnisse schon überfüllt wären von den vielen, die sich bei den verschiedenen Streiks Gewalttätigkeiten hätten zuschulden kommen lassen. Als Saxon sich am Abend zu Bett legte, fühlte sie zum erstenmal, was Einsamkeit hieß. Es war, als schnurrte ihr alles durch den Kopf, und ihr Schlaf wurde beständig von Versuchen unterbrochen, Billy zu fassen, der, wie sie meinte, neben ihr lag. Schließlich zündete sie die Lampe an, lag da und starrte mit offenen Augen die Decke an, während sie immer wieder in allen Einzelheiten das Unglück überdachte, das sie mit so lähmender Wucht getroffen hatte. Sie konnte verzeihen und konnte es doch nicht. Der gegen ihre Liebe gerichtete Schlag war zu heftig und brutal gewesen. Ihr Stolz war zu sehr mißhandelt, als daß sie in ihren Gedanken ganz zu dem andern Billy hätte zurückkehren können – den sie geliebt hatte. Sie weinte, wie sie allein in dem großen Bett dalag und mit sich kämpfte, um Billys unfaßbare Grausamkeit zu vergessen, ja, sogar mit stummer Zärtlichkeit ihre Wange auf den mißhandelten Arm legte. Aber immer wieder flammte die Kränkung in ihr auf, ein ewiger heftiger Protest gegen Billy und alles, was Billy getan. Ihre Kehle brannte wie Feuer, in ihrer Brust war ein dumpfer Schmerz, der nie aufhörte, und sie wurde von dem Gefühl bedrückt, daß alles aus war. Warum? Warum? Aber auf dieses Lebensrätsel erhielt sie keine Antwort. Am Morgen kam Sarah zu Besuch – der zweite Besuch seit ihrer Verheiratung; und es war nicht schwer zu erraten, was die Schwägerin wollte. Saxon brauchte sich nicht anzustrengen, daß ihr Stolz sich aufbäumte. Sie wollte Billy nicht im geringsten verteidigen. Es gab nichts zu verteidigen und nichts zu erklären. Alles war, wie es sein sollte, und jedenfalls ging es keinen etwas an. Das reizte Sarah nur noch mehr.

»Ich warnte dich ja. Ich habe immer gewußt, daß er nichts wert war, ein Zuchthauskandidat, ein Bandit, ein Raufbold. Das Herz sank mir in die Schuhe, als ich hörte, daß du mit einem Berufsboxer gingst. Das sagte ich dir schon damals. Aber nein, du wolltest nicht auf mich hören, du mit deinem Feingefühl und deinen vielen Schuhen – mehr als eine anständige Frau haben sollte. Du warst natürlich klüger als ich. Und da sagte ich zu Tom: ›Tom‹, sagte ich, ›jetzt ist Saxon geliefert.‹ Das waren meine Worte. Wer Pech anrührt, besudelt sich. Wenn du doch nur Charley Long geheiratet hättest! Dann hätte die Familie nicht diese Schande erleben müssen. Das ist nur der Anfang. Denk an das, was ich dir sage, das ist nur der Anfang. Wo es enden soll, das mögen die Götter wissen. Er wird noch gehängt werden wegen Mord, der Bandit, mit dem du verheiratet bist. Ja, warte nur, du wirst ja sehen. Wie man sich bettet, so liegt man, und wenn man einen Zuchthauskandidaten –«

»Ach was«, antwortete Saxon überlegen. »In dieser Zeit scheinen alle einen Vorgeschmack vom Zuchthaus zu bekommen. Ist nicht selbst Tom bei einer sozialistischen Straßen Versammlung verhaftet worden? Alle Menschen kommen jetzt ins Gefängnis.«

Sie sah gleich, daß der Pfeil getroffen hatte.

»Aber Tom wurde freigesprochen«, erwiderte Sarah.

»Deshalb hat er aber doch die Nacht gesessen.«

Dagegen war nichts zu sagen, und Sarah ging zu ihrer Lieblingstaktik über und machte einen Flankenangriff.

»Es ist übrigens hübsch, wie es mit dir geendet hat, bei deiner schönen und guten Erziehung – daß du dich mit einem Zimmerherrn einläßt.«

»Wer sagt das?« fragte Saxon in flammendem Zorn, den sie jedoch gleich wieder bezwang.

»Ach, das kann doch ein Blinder zwischen den Zeilen lesen. Ein Zimmerherr, eine junge Frau, die ihre Selbstachtung verloren und einen Boxer geheiratet hat. Weshalb sollten sie sich sonst prügeln?«

»Genau wie jeder andere Familienstreit, nicht wahr?« sagte Saxon mit ruhigem Lächeln.

Sarah wurde so wütend, daß sie im ersten Augenblick kein Wort hervorbringen konnte.

»Und das will ich dir nur sagen«, fuhr Saxon fort. »Eine Frau muß stolz sein, wenn Männer sich um sie schlagen. Und ich bin stolz darauf, hörst du? Ich bin stolz darauf, das kannst du gern all deinen Nachbarn, allen Menschen erzählen. Ich bin keine Kuh, Männer lieben mich, Männer schlagen sich meinetwegen, Männer gehen meinetwegen ins Gefängnis. Und jetzt kannst du gehen, Sarah, und zwar sofort, und den Leuten erzählen, was du willst. Erzähl ihnen, daß Billy ein Zuchthauskandidat ist, und daß ich eine schlechte Frau bin, hinter der alle Männer her sind. Ruf es von den Dächern herunter, und möchtest du Freude daran haben. Und nun geh und setze nie wieder deinen Fuß in mein Haus. Du bist eine zu achtbare Frau, um hierherzukommen. Dein guter Ruf könnte darunter leiden. Und denk an deine Kinder. Aber jetzt geh! Geh!«

Erst als die verblüffte und entsetzte Sarah zur Tür hinaus war, warf Saxon sich heftig weinend aufs Bett. Sie hatte sich bisher nur über Billys Brutalität und Ungerechtigkeit geschämt. Jetzt aber wußte sie, wie andere die Sache ansahen. Das war Saxon bisher nicht eingefallen. Sie war überzeugt, daß es auch Billy nicht eingefallen war. Sie kannte seine Haltung von Anfang an. Er war immer dagegen gewesen, einen Zimmerherrn zu nehmen, weil er zu stolz war, seine Frau arbeiten zu lassen. Nur die harte Not hatte ihm seine Einwilligung abgezwungen. Und jetzt, da sie zurücksah, dachte sie daran, wie sie ihm diese Einwilligung fast mit List abgerungen hatte.

Aber alles das konnte die Anschauung der Nachbarn und aller, die sie gekannt hatten, nicht ändern. Und das war auch Billys Schuld. Das war furchtbarer als alles, was er sonst getan. Sie konnte nie wieder einem Menschen ins Auge sehen. Maggie Donahue und Frau Olsen waren beide sehr freundlich gewesen, aber was mochten sie wohl gedacht haben, als sie mit ihr sprachen? Und was mochten sie wohl miteinander gesprochen haben? Ja, was sagten die Leute überhaupt – an Gartenpforten und auf Hintertreppen? Und die Männer an Straßenecken und in Wirtschaften?

Als sie später vom Weinen völlig erschöpft war und keine Tränen mehr hatte, wurde sie unpersönlicher und dachte an das Unglück, das so viele Frauen seit Ausbruch des Streiks betroffen hatte – Otto Franks Frau, Hendersons Witwe, die hübsche Kittie Brady, all die Frauen anderer Männer, die jetzt in ihrer Gefängniskleidung in San Quentin waren. Ihre Welt wollte zusammenstürzen. Niemand ging frei aus. Aber ihre Schande war größer als die aller andern. Sie klammerte sich verzweifelt an die Einbildung, daß sie schliefe, daß alles ein böser Traum sei, daß der Wecker im nächsten Augenblick läuten, und daß sie aufstehen würde, um Billys Frühstück zu bereiten.

Sie stand an diesem Tage gar nicht auf. Sie schlief auch nicht. Ihre Gedanken arbeiteten unaufhörlich, mit rasender Schnelligkeit, verweilten zuerst ausführlich, anhaltend bei dem Unglück, das sie betroffen hatte, um dann den phantastischen Verzweigungen dessen, was sie für ihre Schande ansah, zu folgen und endlich zu den Tagen der Kindheit zurückzukehren. In Gedanken verrichtete sie in all den Berufen, die sie je gehabt hatte, die unzähligen mechanischen Bewegungen, die für jede einzelne Arbeit eigentümlich waren – das Formen und Zusammenkleben der Schachteln in der Kartonagenfabrik, die Webarbeit in der Jutefabrik, das Plätten in der Plätterei, die Behandlung von Obst in der Konservenfabrik. In Gedanken erlebte sie wieder alle die Bälle und Waldausflüge, an denen sie je teilgenommen hatte; sie durchlebte ihre Schultage und erinnerte sich jedes ihrer Klassenkameraden, wie sie aussahen, wie sie hießen und wo sie saßen; erlitt die grauen, trüben Jahre im Kinderheim, zog jede Erinnerung, jede Geschichte von der Mutter hervor und durchlebte wieder ihre Ehe mit Billy. Aber immer wieder – und das war das Quälende – wurden ihre Gedanken, wenn sie noch so weit flogen, zurückgeführt zu der Pein des Augenblicks, zu dem brennenden Gefühl in der Kehle, zu dem dumpfen Schmerz in der Brust und dem Gefühl, daß alles vorbei war.

 

Sie schlief die ganze Nacht, ohne sich zu rühren, ohne zu träumen, und erwachte ganz normal und zum erstenmal seit vielen Wochen von ihrem Schlaf erfrischt. Sie hatte das Gefühl, als sei eine schwere Last von ihren Schultern genommen oder ein Schatten entfernt worden, der zwischen ihr und der Sonne gestanden hatte. Ihr Kopf war klar. Der eiserne Reif, der ihn so hart umpreßt hatte, war verschwunden. Sie war froh und heiter. Sie ertappte sich sogar dabei, wie sie laut trällerte, während sie die Fische in drei Portionen teilte – eine für Frau Olsen, eine für Maggie Donahue und eine für sich. Sie freute sich auf die Unterhaltung mit ihnen, und als sie wieder heimkam, begann sie in guter Laune in ihrem vernachlässigten Haus Ordnung zu schaffen.

Alles war so klar und einfach wie es nur sein konnte. Ihr Gehirn war krank und sie war nicht verantwortlich gewesen. Alles kam von ihren Sorgen – Sorgen, an denen sie selbst schuldlos war. Und mit Billy war es ebenso. Er hatte sich merkwürdig benommen, aber er war nicht verantwortlich dafür. Und alle ihre Sorgen waren eine Folge davon, daß sie in einer Falle gefangen gesessen hatte. Die Falle war Oakland. Aber Oakland war ein guter Startplatz.

Sie überdachte alles, was in ihrer Ehe geschehen war. Die Streiks und die schlechten Zeiten waren an allem schuld gewesen.

Sie hatte ihren Entschluß gefaßt. Die Stadt war kein Ort für sie und Billy, kein Ort für Leute, die sich liebten, oder für kleine Kinder. Deshalb gab es nur einen Ausweg. Sie mußten Oakland verlassen. Nur die Dummen blieben und beugten sich dem Schicksal. Aber sie und Billy waren nicht dumm. Sie wollten sich nicht beugen. Sie wollten fortwandern und dem Schicksal die Stirn bieten. Wohin, wußte sie nicht. Aber das kam schon. Die Welt war groß. Jenseits der Berge, die die Stadt umgaben, hinter dem Goldenen Tor fanden sie schon, was sie suchten. In einem hatte der Junge unrecht gehabt. Sie war nicht an Oakland gebunden, wenn sie auch verheiratet war. Die Welt stand ihr und Billy offen, wie sie den wandernden Geschlechtern vor ihr offen gestanden hatte. Überall blieben nur die Dummen zurück, wenn das Geschlecht auswanderte. Die Starken zogen weiter. Und sie und Billy gehörten zu den Starken. Sie wollten fortgehen, über die braunen Contra-Costa-Berge oder zum Goldenen Tor hinaus.

An dem Tage, ehe Billy aus dem Gefängnis entlassen werden sollte, traf Saxon ihre letzten bescheidenen Vorbereitungen für seinen Empfang. Sie hatte kein Geld, und wenn sie nicht entschlossen gewesen wäre, Billy nicht mehr auf diese Art zu kränken, so würde sie sich zehn Cent von Maggie Donahue geliehen haben, um mit der Fähre nach San Franzisko zu fahren und einige ihrer feinen Dinge zu verkaufen. Aber sie hatte doch jedenfalls Bratkartoffeln und gesalzenen Fisch im Hause, und nachmittags ging sie bei Ebbe hinaus und sammelte Muscheln zur Suppe. Sie las auch Treibholz auf, und es war neun Uhr abends, als sie mit einer Last Brennholz auf dem Rücken, einem kurzschaftigen Spaten in der einen und einem Eimer mit Muscheln in der andern Hand aus den Sümpfen heimkam. An der Ecke wählte sie die dunklere Straßenseite und eilte über den erleuchteten Kreis, um nicht von der Nachbarschaft gesehen zu werden. Aber eine Frau kam ihr entgegen, sah sie hastig forschend an und blieb dann stehen. Es war Mary.

»Mein Gott, Saxon!« rief sie. »Steht es so schlimm?«

Saxon sah ihre alte Freundin forschend an, und im selben Augenblick sah sie die ganze Tragödie vor sich. Mary war schlanker, wenn ihre Wangen auch mehr Farbe hatten – eine Farbe, über die Saxon ihre Zweifel hatte. Marys kluge Augen waren schöner und größer – zu groß und fieberhaft klar, zu rastlos. Sie war gut gekleidet – zu gut, und sie war offenbar sehr nervös. Sie wandte furchtsam den Kopf, um in das Dunkel hinter sich zu spähen.

»Mein Gott!« sagte Saxon kaum hörbar. »Und du –« Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr dann fort: »Willst du nicht mit mir kommen?«

»Wenn du dich schämst, dich mit mir sehen zu lassen –« brach es aus Mary heraus, der der Zorn offenbar ebenso schnell kam wie früher.

»Nein, nein«, protestierte Saxon. »Es sind nur das Treibholz und die Muscheln. Ich will nicht, daß die Nachbarn das sehen. Komm.«

»Nein, ich kann nicht, Saxon. Ich möchte gern, aber ich kann nicht. Ich muß mit dem nächsten Zug nach San Franzisko zurück. Ich habe hier gewartet. Ich klopfte an deine Küchentür, aber es war überall dunkel. Billy sitzt immer noch, nicht wahr?«

»Ja, aber morgen kommt er heraus.«

»Ich las es in den Zeitungen«, sagte Mary und sah sich hastig um. »Ich war in Stockton, als es geschah.« Ein fast drohender Klang kam in ihre Stimme. »Du tadelst mich doch nicht deshalb, nicht wahr? Ich konnte nicht in die Plätterei zurück, nachdem ich verheiratet gewesen war. Ich war der Arbeit so überdrüssig. Ich war ganz herunter und bin ja auch eigentlich nie viel wert gewesen. Und wenn du wüßtest, wie ich die Plätterei haßte, ehe ich heiratete. Es ist eine dreckige Welt. Das glaubst du vielleicht nicht? Saxon, ich schwöre dir, daß du nicht ein Hundertstel von all den dreckigen Dingen ahnst, die es in der Welt gibt. Ach, ich wünschte, ich wäre tot – ich wünschte, ich wäre tot und weg von allem. Sag – nein, ich kann jetzt nicht! Ich höre den Zug bei Adeline pfeifen. Ich muß laufen, um mitzukommen. Aber ich komme –«

»Na wird's bald«, ertönte plötzlich eine Männerstimme hinter ihnen.

Der Redende, der sich bisher im Hintergrund gehalten, tauchte jetzt aus dem Dunkel auf. Er war kein Arbeiter, das sah Saxon gleich. Aber trotz seiner guten Kleidung stand er im Urteil der Welt doch weit tiefer als ein Arbeiter.

»Ich komme, warte nur eine Sekunde«, sagte Mary beruhigend.

Und aus dem Klang ihrer Stimme erkannte Saxon, daß sie den Mann fürchtete, der lichtscheu an der Grenze zwischen Licht und Dunkelheit stand.

Mary wandte sich zu ihr.

»Ich muß gehen, lebe wohl!« sagte sie und tastete nach etwas, das sie in ihrem Handschuh hatte. Dann ergriff sie die Hand, die Saxon frei hatte, und Saxon fühlte, wie eine kleine warme Münze hereingesteckt wurde. Sie versuchte, Widerstand zu leisten, die andere zu zwingen, sie zurückzunehmen.

»Nein, nein«, flehte Mary. »Um unserer alten Freundschaft willen. Du kannst vielleicht auch einmal etwas für mich tun. Ich komme bald wieder. Lebe wohl!«

Plötzlich umschlang sie Saxon und preßte laut schluchzend ihr Gesicht an ihre Brust. Dann riß sie sich los, trat einen Schritt zurück und starrte in heftiger Bewegung Saxon an.

»Na, mach jetzt, mach jetzt«, ertönte die Stimme des Mannes gebieterisch aus dem Dunkel.

»Ach, Saxon«, schluchzte Mary, und im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

Als Saxon ins Zimmer trat und die Lampe anzündete, sah sie das Geldstück. Es waren fünf Dollar – für sie ein Vermögen. Da dachte sie an Mary und den Mann, vor dem sie sich fürchtete. Das war wieder ein dunkler Punkt im Strafregister von Oakland. Auch Mary gehörte zu denen, die es vernichtet hatte. Sie lebten durchschnittlich nur fünf Jahre, hatte Saxon irgendwo gehört. Sie sah das Geldstück an und warf es in die Aufwasch. Als sie sich daran machte, die Muscheln zu säubern, hörte sie es in das Ablaufrohr klirren.

Es war der Gedanke an Billy, der Saxon am nächsten Morgen veranlaßte, unter die Aufwasch zu kriechen, den Verschluß abzuschrauben und das Fünfdollarstück herauszufischen. Man bekam nicht gut zu essen in den Gefängnissen, und der Gedanke, Billy nach dreißigtägiger Gefangenenkost Muscheln und trockenes Brot vorzusetzen, war zu schrecklich. Sie wußte, daß er gern Butter auf dem Brot hatte, dicke Butter, und daß er gute, dicke Scheiben gebratenes Rindfleisch liebte, und daß er Kaffee liebte und ihn in großen Mengen trinken konnte.

Es war nach neun, als Billy kam, und sie hatte sich zu seinem Empfang ihre beste Hausbluse angezogen. Sie hielt nach ihm Ausschau, als er langsam herankam, und sie wäre ihm entgegengelaufen, hätte nicht eine kleine Schar von Nachbarkindern drüben auf der Straße ihm nachgestarrt. Aber die Tür öffnete sich, ehe er die Hand auf den Türgriff legte, und als er drinnen war, schloß er die Tür, indem er seinen Rücken dagegenstemmte, denn seine Arme hatten genug zu tun, um Saxon an sich zu pressen. Nein, er hatte nicht gefrühstückt, und er brauchte auch nichts. Jetzt hatte er ja Saxon. Aber er wollte schrecklich gern ein Bad und reines Zeug haben. Sie durfte ihm nicht in die Nähe kommen, ehe er sauber war.

Als alles das getan war, setzte er sich in die Küche und sah ihr zu, wie sie das Essen zubereitete, und er bemerkte das Treibholz und fragte nach dem Zusammenhang. Immer eifrig beschäftigt, erzählte sie ihm, wie sie das Holz gesammelt hatte, wie sie ausgekommen war, ohne Schulden bei der Gewerkschaft zu machen, und als das Essen endlich auf dem Tisch stand, war sie in ihrer Erzählung bis zu ihrer Begegnung mit Mary am vorigen Abend gelangt. Die fünf Dollar erwähnte sie nicht.

Billy, der gerade den ersten Bissen Fleisch genommen hatte, sah sie mit einem Ausdruck an, daß sie erschrak. Dann spie er das Fleisch auf den Teller.

»Du hast das Geld für das Fleisch von ihr bekommen«, sagte er langsam und vorwurfsvoll. »Du hattest kein Geld und keinen Kredit mehr beim Schlachter, und doch steht Fleisch auf dem Tisch. Hab ich recht?«

Saxon beugte den Kopf.

»Was hast du sonst noch gekauft?« fragte er – nicht brutal, nicht zornig, aber mit furchtbarer Kälte, eine Folge der Wut, welche er nicht in Worten ausdrücken konnte.

Zu ihrer Überraschung blieb sie vollkommen ruhig. Was bedeutete das alles? Nur was man zu erwarten hatte, wenn man in Oakland lebte – etwas, das verschwand, wenn Oakland ein zurückgelegtes Stadium, ein Platz war, von dem aus man gestartet war.

»Den Kaffee«, antwortete sie, »und die Butter.«

Er schüttete den Inhalt seines und ihres Tellers in die Bratpfanne mit der Butter und dem Stück Fleisch, das auf dem Tisch stand, und obendrauf schüttete er den Inhalt der Kaffeedose. Dann trug er alles in den Hof hinaus und warf es in den Mülleimer. Die Kaffeekanne leerte er in die Aufwasch.

»Wieviel hast du noch von dem Geld?« lautete seine nächste Frage.

Saxon hatte schon ihr Portemonnaie geholt und das Geld herausgenommen.

»Drei Dollar achtzig«. Sie reichte ihm das Geld. »Ich habe fünfundvierzig Cent für das Fleisch bezahlt.«

Er ließ den Blick über das Geld schweifen, zählte es und ging zur Haustür. Sie hörte, wie sie geöffnet und wieder geschlossen wurde, und wußte, daß er das Silber auf die Straße geworfen hatte. Als er wiederkam, setzte Saxon Bratkartoffeln auf den Tisch.

»Nichts ist zu gut für uns beide, Saxon«, sagte er, »aber weiß Gott, so etwas kann mein Magen nicht verdauen. Es ist so verdorben, daß es stinkt.«

Er sah auf die Bratkartoffeln, die neue Scheibe trockenes Brot und das Glas Wasser, das sie neben seinen Teller stellte.

»Du kannst ganz ruhig sein«, lächelte sie, als er noch zögerte. »Hiervon ist nichts besudelt.«

Er warf ihr einen hastigen Blick zu, als fürchtete er, daß sie sich über ihn lustig machte, und setzte sich dann mit einem Seufzer. Im nächsten Augenblick war er wieder aufgesprungen und breitete ihr die Arme entgegen.

»Ich werde gleich essen, aber zuerst möchte ich gern mit dir reden«, sagte er, setzte sich und preßte sie an sich. »Also höre! Du bist das einzige, was ich auf der Welt habe. Du hast dich wegen meines Benehmens vorhin nicht vor mir gefürchtet, und darüber freue ich mich. Aber jetzt wollen wir nicht mehr an Mary denken, wenn ich auch voller Mitleid mit ihr bin. Sie tut mir ebenso leid wie dir. Ich würde alles für sie tun. Ich würde ihr die Füße waschen, wie Christus tat. Ich würde sie an meinem Tisch essen und unter meinem Dach schlafen lassen. Aber deshalb brauche ich nichts von dem anzurühren, was sie verdient hat. Aber laß uns nicht mehr an sie denken. Es handelt sich um dich und mich, Saxon, nur um dich und mich, und der Teufel soll alle andern holen. Du brauchst dich nie mehr um mich zu ängstigen. Der Whisky und ich, wir vertragen uns nicht recht miteinander, und deshalb sage ich: keinen Whisky mehr für mich! Ich bin ganz von Sinnen gewesen, und ich war nicht zu dir, wie ich hätte sein sollen. Aber jetzt ist das alles vorbei.

Sieh mal diese Geschichte. Ich hätte nicht so heftig sein sollen. Aber ich war es nun einmal. Die Sache kam zu plötzlich. Das ist etwas, was ich mir nicht gefallen lassen kann, was ich mir nicht gefallen lassen konnte. Und du willst auch nicht, daß ich das tue, ebensowenig wie ich will, daß du dir etwas gefallen lassen sollst, was du dir nicht gefallen lassen kannst.«

Sie richtete sich auf seinen Knien auf und sah ihn an, eifrig beschäftigt mit der neuen Idee, die in ihrem Kopf aufgetaucht war.

»Ist das dein Ernst, Billy?«

»Das ist es.«

»Dann will ich dir sagen, was ich mir nicht mehr gefallen lassen will. Ich sterbe, wenn ich es mir gefallen lassen soll.«

»Und das ist?« fragte er, nachdem er sie eine Weile forschend angesehen hatte.

»Du mußt den Entschluß fassen«, sagte sie.

»Also los.«

»Du weißt nicht, worauf du dich einläßt«, sagte sie warnend. »Zieh dich lieber zurück, ehe es zu spät ist.«

Er schüttelte eigensinnig den Kopf.

»Was du dir nicht gefallen lassen willst, das sollst du dir auch nicht gefallen lassen.«

»Erstens«, sagte sie, »muß es Schluß sein mit dem Verprügeln von Streikbrechern.«

Er öffnete den Mund, drängte aber den Protest zurück, der unwillkürlich über seine Lippen kommen wollte.

»Und zweitens muß es Schluß sein mit Oakland.«

»Ich verstehe nicht recht.«

»Schluß mit Oakland. Wir wollen nicht mehr in Oakland leben. Ich sterbe, wenn ich hierbleiben soll. Wir müssen unsere Zelte abbrechen und sehen, daß wir vor hier fortkommen.«

Er dachte eine Weile über ihre letzte Bemerkung nach. »Wohin?« fragte er schließlich.

»Irgendwohin. Das ist einerlei. Rauch jetzt eine Zigarette und denk darüber nach.«

Er schüttelte den Kopf und sah ihr forschend ins Gesicht.

»Ist das dein Ernst?« fragte er schließlich.

»Das ist es. Ich kann Oakland ebensowenig ertragen, wie du das Fleisch, den Kaffee und die Butter ertragen konntest.«

Sie konnte sehen, wie er mit sich rang. Sie konnte sehen, wie er seelisch mit sich rang, ehe er antwortete: »Na ja, wenn du durchaus willst! Dann gehen wir also weg. Wir sagen Oakland Lebewohl. Teufel auch, es hat nie etwas für mich getan, und ich bin doch auch schließlich Manns genug, um unseren Lebensunterhalt überall zu verdienen. Und jetzt, da es abgemacht ist, kannst du mir erzählen, was du gegen Oakland hast.« Und sie erzählte ihm alles, was ihr eingefallen war, zählte alle ihre Klagepunkte gegen Oakland auf, ohne etwas zu vergessen, nicht einmal ihren letzten Besuch bei Doktor Hentley oder Billys Trinken. Aber er zog sie nur fester an sich und versicherte ihr nochmals, daß er seinen Entschluß gefaßt hätte. Die Zeit verging. Die Bratkartoffeln wurden kalt, und das Feuer im Herd ging aus.

Als sie sich ausgesprochen hatten, stand Billy auf. Er sah auf die Bratkartoffeln.

»Eiskalt«, sagte er und wandte sich zu ihr. »Aber, weißt du, jetzt geh hinein und zieh dir dein bestes Zeug an. Wir gehen in die Stadt, um etwas zu essen zu kriegen und uns zur Feier des Tages zu amüsieren. Ich finde, wir haben jetzt einen Grund zu feiern, wenn wir aufbrechen und die alte Stadt mit Sack und Pack verlassen wollen. Und wir brauchen nicht zu Fuß zu gehen, ich kann mir immer zehn Cent vom Barbier leihen, und ich habe altes Zeugs genug zu verkaufen.«

Sein ›altes Zeugs‹ waren ein paar goldene Medaillen, die er bei verschiedenen Amateurboxkämpfen gewonnen hatte. Sie kamen in die Stadt und fanden eine Pfandleihe, und als sie sie verließen, hatte Billy eine Handvoll rasselndes Silbergeld in der Tasche.

Er war ausgelassen wie ein Schuljunge, und sie war ebenso froh und heiter wie er. Vor dem Zigarrengeschäft an der Ecke blieb er stehen, um eine Tüte Bull Durham zu kaufen, änderte aber plötzlich seinen Entschluß und kaufte statt dessen Imperialzigaretten.

»Ach, ich bin heute ganz toll«, lachte er. »Nichts ist zu gut – nicht einmal fertiggekaufte Glimmstengel. Und ich will nichts von billigen Speisehäusern oder japanischen Wirtschaften hören. Wir gehen zu Barnum.«

Sie schlenderten nach dem großen Restaurant, wo sie an ihrem Hochzeitstage gegessen hatten.

»Du kannst bestellen, wozu du Lust hast«, sagte Billy freigebig, als sie sich gesetzt hatten. »Hier gibt es Lendenbraten für einen Dollar fünfzig. Was meinst du dazu?«

»Ja«, sagte sie eifrig, »und nachher Mokka, und vorher Austern – ich möchte sie gern mit den Austern vom Rock Wall vergleichen.«

Billy las die Theateranzeigen. Dann sah er von der Zeitung auf. »Matinée in Beils Theater. Für fünfundzwanzig Cent können wir reservierte Plätze haben – Teufel auch!« Sein Ausruf war so gekränkt und erbittert, daß sie ein ganz erschrockenes Gesicht machte. »Wenn ich doch nur daran gedacht hätte«, sagte er ärgerlich, »dann hätten wir zum Essen ins Forum gehen können. Das ist das feine Restaurant, wo Burschen wie Roy Blanchard verkehren und das Geld vergeuden, für das wir andern uns abrackern müssen.«

Sie kauften sich numerierte Plätze für Beils Theater; aber die Vorstellung begann erst etwas später, und so gingen sie den Broadway hinab und in das Electric-Theater, um sich die Zeit mit einem Film zu vertreiben. Sie sahen zuerst einen Cowboyfilm, dann ein französisches Lustspiel, und dann kam ein ländliches Drama, das im Mittelwesten spielte. Es begann mit einer Szene in einem Bauernhof. Die Sonne schien warm auf die Ecke einer Scheune und einen Zaun, während der Boden von großen Bäumen beschattet wurde. Da waren Hühner und Enten und Truthähne, die auf dem Hofe scharrten und herumwatschelten. Eine große Sau marschierte, von einem prächtigen Wurf sieben kleiner Ferkel gefolgt, majestätisch durch den Kükenschwarm, daß er beiseite stob, während die Hühner sich an den Ferkelchen rächten und nach ihnen hackten, sobald sie sich von ihrer Mutter entfernten. Und hinter dem Zaun stand ein Pferd, das schlaff und schläfrig zusah, und hin und wieder, in gleichmäßigen Zwischenräumen, träge mit dem Schweif schlug.

»Es ist ein warmer Tag, da sind Fliegen – merkst du?« flüsterte Saxon.

»Gewiß. Und der Pferdeschweif! Das ist das lebendigste, was man sich vorstellen kann.«

Jetzt kam ein Hund auf die Szene. Die Muttersau machte kehrt und verschwand mit lächerlichen kurzen Sprüngen in Begleitung ihrer Nachkommenschaft, eifrig verfolgt von dem Hunde. Ein junges Mädchen erschien. Ein breitrandiger Strohhut hing ihr im Nacken, und die Schürze war vorn aufgesteckt und voller Körner für das unruhige Federvieh. Tauben flogen vom Bildrand herab und schlossen sich dem geschäftigen Schwarm an, und alle stritten sich um ihren Anteil am Futter. Der Hund kam wieder und drängte sich durch die gefiederten Geschöpfe hindurch zu dem jungen Mädchen, das er, mit der Rute wedelnd, anstarrte. Und dahinter stand das Pferd, nickte über den Zaun und schlug mit dem Schweif.

Ein junger Mann erschien, und das Publikum wußte gleich, was er wollte. Aber Saxon hatte keinen Sinn für die Liebesszene, für die leidenschaftlichen Bitten des jungen Mannes und die schamhafte Zurückhaltung des jungen Mädchens. Ihr Blick suchte immer wieder die Küken, die Sonne und die Schattenflecken unter den Bäumen, die sonnenbeschienene Scheunenmauer und das schläfrige Pferd, das mit dem Schweif schlug.

Sie schmiegte sich enger an Billy, und ihre Hand, die sie unter seinen Arm gesteckt hatte, suchte die seine.

»Ach, Billy«, seufzte sie. »Ich würde vor Freude sterben, wenn ich an einem solchen Ort wohnen könnte.« Und als der Film zu Ende war, sagte sie: »Wir haben noch sehr viel Zeit, ehe das Theater anfängt. Laß uns bleiben und den Bauernhof noch einmal sehen.«

Sie blieben sitzen und sahen die ganze Vorstellung noch einmal, und als sie zu der Szene im Bauernhof kamen, wurde Saxon immer begeisterter, je länger sie sie sah. Diesmal erfaßte sie noch mehr Einzelheiten. Sie sah die Felder um den Hof, die wellenförmigen Hügel im Hintergrund, den bewölkten Himmel. Sie erkannte einige von den Hühnern wieder, namentlich ein altes, aufsässiges Huhn, das böse war, weil die Sau es mit ihrem Rüssel fortschob. Saxon ließ den Blick wieder über die Felder bis zu den Höhen und zum Himmel schweifen und atmete den großen, freien Raum und die Zufriedenheit ein, die darüber ruhte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie weinte still vor lauter Freude.

»Und jetzt weiß ich auch, wo wir hinwollen, wenn wir Oakland verlassen«, sagte sie.

»Wohin denn?«

»Dorthin.«

Er sah sie an und folgte dann der Richtung ihres Blicks, der sich immer noch auf die Leinwand heftete.

»So«, sagte er und fügte nach kurzem Bedenken hinzu: »Nun ja, warum nicht?«

»Ach, Billy, willst du wirklich?«

Ihre Lippen bebten, so eifrig war sie, und ihre Stimme zitterte so stark, daß er ihr leises Flüstern kaum hören konnte.

»Aber gewiß«, sagte er. Es war ihr großer Tag, und er wollte mit königlicher Freigebigkeit schenken. »Was du dir wünschst, sollst du haben, und wenn ich mir die Nägel von den Fingern arbeiten muß, um es dir zu geben. Und ich habe selbst immer große Lust gehabt, auf dem Lande zu wohnen.«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.