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Tal des Mondes

Jack London: Tal des Mondes - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleTal des Mondes
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid22343d03
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Trotz der sorgfältigen Besorgung des Haushalts merkte Saxon doch, sobald sie es in ein System gebracht hatte, daß sie freie Zeit genug hatte. Namentlich, wenn ihr Mann sein Essen mitnahm, so daß sie mittags nicht zu kochen brauchte, stand ihr ein großer Teil des Tages zur Verfügung. An die vieljährige Erfahrung bei der Arbeit in der Fabrik und der Plätterei gewöhnt, konnte sie sich schwer mit diesem Müßiggang versöhnen, und es war ihr kaum erträglich, dazusitzen und nichts zu tun, zumal ihre Freundinnen aus der Mädchenzeit sie nicht besuchen konnten, da sie immer noch in der Fabrik oder in der Plätterei arbeiteten. Die Nachbarfrauen kannte sie nicht, mit Ausnahme einer wunderlichen alten Frau, die nebenan wohnte. Saxon und sie unterhielten sich hin und wieder über das Gitter hinweg, das die beiden Höfe trennte.

Eine Beschäftigung, mit der sie doch immerhin einige Zeit totschlug, erlaubte der viele Müßiggang ihr: sie konnte baden, sooft sie wollte. Als Kind und bei Sarah hatte sie sich mit einem Bad wöchentlich begnügen müssen. Als sie heranwuchs, hatte sie versucht, häufigere Bäder einzuführen. Aber der Versuch scheiterte. Sarah war erstarrt in dem Glauben an das wöchentliche Bad am Sonnabend, und was darüber hinausging, betrachtete sie als damenhafte Eitelkeit und Verdächtigung ihrer eigenen persönlichen Reinlichkeit.

Außerdem war es ein sinnloser Mißbrauch von Brennmaterial und vermehrte die Wäsche des Hauses unnötig mit Handtüchern. Hier aber, in Billys Haus, wo Herd, Wanne, Handtuch und Seife ihr gehörten, und niemand Einspruch erheben konnte, badete Saxon täglich. Die Wanne war allerdings nur ein einfacher Waschzuber, den sie in die Küche stellte und selbst mit Wasser füllte; aber es waren vierundzwanzig Jahre vergangen, ehe sie sich diesen Luxus erlauben konnte. Es war die wunderliche Frau von nebenan, die eines Tages in einer zufälligen Unterhaltung etwas erwähnte, das dieses Bad zum Höhepunkt des Wohlbefindens machte. Eine ganz einfache Sache – nur ein paar Tropfen Ammoniak ins Wasser, aber Saxon hatte nie etwas davon gehört.

Sie sollte mit der Zeit vieles von der wunderlichen Frau lernen. Die Bekanntschaft wurde eines Tages im Hof geschlossen, als Saxon einiges von ihrer feinsten Wäsche zum Trocknen aufhängte. Die Frau, die sich an das Verandageländer lehnte, fing ihren Blick auf und nickte, soweit Saxon sehen konnte, halb ihr, halb der Wäsche an der Leine zu.

»Sie sind jungverheiratet, nicht wahr?« fragte die Frau. »Ich bin Frau Higgins. Aber nennen Sie mich lieber beim Vornamen, Mercedes.«

»Und ich bin Frau Roberts«, antwortete Saxon. Es war ihr noch so ungewohnt zu sagen, daß sie errötete. »Mein Vorname ist Saxon.«

»Ein komischer Name für eine Yankeefrau«, bemerkte die andere.

»Ach, ich bin keine Yankeefrau«, erklärte Saxon. »Ich bin Kalifornierin.«

»Lala«, lachte Mercedes Higgins. »Ich vergaß, daß ich in Amerika bin. In andern Ländern nennt man alle Amerikaner Yankees. Aber nicht wahr, Sie sind jungverheiratet?«

Saxon nickte mit einem glücklichen Seufzer.

»Ach, Sie glückliches, süßes, schönes Geschöpfchen. Ich könnte Sie beinahe hassen – so beneide ich sie. Alle Männer werden sich mit Freuden um Ihren kleinen Finger wickeln lassen. Und dabei machen Sie nicht einmal Ihr Kapital zinstragend. Das tut niemand, ehe es zu spät ist.«

Saxon war verwirrt und verlegen, antwortete aber schnell:

»O doch, ich weiß wohl, wie glücklich ich bin. Ich habe den besten Mann von der Welt.«

Mercedes Higgins seufzte wieder und wechselte den Gegenstand. Nickend wies sie auf die Wäsche.

»Sie legen Wert auf schöne Dinge, sehe ich. Das ist sehr vernünftig für eine junge Frau. So etwas ist Köder für die Männer – eine große Waffe in Kampf zwischen den zwei Geschlechtern. Die Männer werden dadurch gewonnen und festgehalten –« Sie brach plötzlich ab und sagte fast herausfordernd: »Und Sie, Sie wollen Ihren Mann festhalten? Immer, immer – wenn Sie können?«

»Das will ich. Ich will alles tun, damit er mich liebt. Immer, immer.«

Saxon hielt inne, verwirrt und erstaunt, daß sie plötzlich mit einer Fremden so vertraulich geworden war.

»Die Liebe der Männer ist etwas Komisches«, sagte Mercedes. »Und es ist der Fehler aller Frauen, daß sie glauben, die Männer zu kennen wie ein Buch. Und die meisten von ihnen sterben daher am gebrochenen Herzen, sterben, weil sie nichts von den Männern wissen und doch töricht genug sind zu glauben, sie kennten sie so gut. Oh, lala, die kleinen Dummköpfe. So sagen nun auch Sie kleine jungverheiratete Frau, Sie wollen alles tun, daß Ihr Mann Sie immer liebt – nicht wahr? Und so sagen sie alle und bilden sich ein, die Menschen und die Irrgänge der Liebe zu kennen. Es ist viel leichter, das große Los in der Lotterie zu gewinnen. Aber das weiß das kleine jungverheiratete Frauchen erst, wenn es zu spät ist. Aber Sie haben am richtigen Ende angefangen. Halten Sie sich nur weiter fein und schön. Wie Sie Ihren Mann gewonnen haben, so bleiben Sie, um ihn zu halten. Aber das ist nicht alles. Wir beide müssen einmal richtig miteinander reden, und dann werde ich Sie lehren, was wenige Frauen wissen wollen, was wenige Frauen zu wissen bekommen. – Saxon! – ein starker und schöner Name für eine Frau. Aber er paßt nicht zu Ihnen. O ja, ich habe Sie beobachtet. Französisch sind Sie, französisch. Darüber ist nicht zu streiten. Grüßen Sie Ihren Gatten und sagen Sie ihm meine Hochachtung für seinen guten Geschmack.«

Sie schwieg und blieb mit der Hand auf dem Türgriff stehen.

»Und besuchen Sie mich hin und wieder. Sie werden es nicht bereuen. Ich kann Sie vieles lehren. Kommen Sie nachmittags. Mein Mann ist Nachtwächter und schläft den ganzen Vormittag. Augenblicklich schläft er.

Verwirrt und grübelnd ging Saxon hinein. Sie war so anders als andere Frauen, diese magere, dunkelhäutige Frau mit dem welken Gesicht, das aussah, als wäre es im Feuer gewesen, und den großen schwarzen Augen, die wie von einem nie erlöschenden inneren Brand funkelten und flammten. Alt mußte sie sein – Saxon schätzte sie auf zwischen fünfzig und siebzig. In ihrem Haar, das einmal ganz schwarz gewesen sein mußte, waren breite graue Streifen. Namentlich fiel Saxon ihre Sprache auf. Sie sprach englisch und ein besseres Englisch, als Saxon sonst zu hören gewohnt war, und doch war sie keine Amerikanerin. Aber sie sprach auch nicht mit Akzent; es war nur etwas Fremdes in ihrer Art zu sprechen, aber so unbestimmbar, daß Saxon nicht wußte, wo sie es hinbringen sollte.

»Oho«, sagte Billy, als Saxon ihm am Abend die Ereignisse des Tages berichtete. »So, das ist die Frau von Higgins. Er ist Nachtwächter. Und er hat nur einen Arm. Der alte Higgins und sie, das ist ein komisches Paar. Die Leute haben Angst vor ihr, oder doch jedenfalls manche. Die Italiener und manche von den alten Irländerinnen halten sie für eine Hexe. Sie wollen nichts mit ihr zu tun haben. Das hat mir Bert erzählt. Einer von meinen Kameraden im Stall – Henderson, weißt du – sag', sie sei reif fürs Tollhaus.«

»Ach, ich weiß nicht«, antwortete Saxon, die sich getrieben fühlte, ihre neue Bekanntschaft zu verteidigen. »Sie ist vielleicht etwas komisch, aber sie sagt eigentlich dasselbe wie du. Sie sagt, meine Figur sei nicht amerikanisch, sondern französisch.«

»Dann ziehe ich den Hut vor ihr«, antwortete Billy. »Sie kann nicht so verrückt sein, wenn sie das sagt. Sie ist ein kluges altes Huhn, das kannst du ihr von mir bestellen.«

»Sie bat mich, dich zu grüßen und dir zu deinem guten Geschmack zu gratulieren«, lachte Saxon.

»Wirklich? Dann grüß sie herzlich von mir wieder. Ich weiß sie zu schätzen. Sie weiß, was gut ist. Aber sie sollte auch dir zu deinem guten Geschmack gratulieren, den du bewiesen hast, als du mich heiratetest.« Ein paar Tage später nickte Mercedes wieder halb Saxon und halb der feinen Wäsche zu, die Saxon gerade zum Trocknen aufhängte.

»Ich ärgere mich über Ihre Wäsche, Sie kleines Frauchen«, sagte sie als Einleitung zu ihrem Gespräch.

»Ich bin doch viele Jahre lang in einer Wäscherei gewesen«, antwortete Saxon schnell.

Mercedes lachte höhnisch.

»Dampfwäsche, ja, danke schön. Das ist ein Geschäft, und ein dummes. Nur gewöhnliche Sachen soll man in eine Dampfwäscherei schicken – das ist die Strafe dafür, daß sie gewöhnlich sind. Aber die guten Sachen, Zeug, so fein wie Spinngewebe – la la, mein Kind, das zu waschen ist eine Kunst. Das erfordert Verstand, Talent und eine Behutsamkeit, so fein wie die Dinge selbst. Ich werde Ihnen ein Rezept für selbstgemachte Seife geben. Sie macht das Zeug nicht hart, sondern weiß, weich und lebendig. Sie können es lange tragen, und feine weiße Wäsche ist etwas, das einen froh machen kann. Ja, feine Wäsche ist beinahe Kunst. Es ist, wie wenn ein Künstler mit Begeisterung und Liebe ein Bild malt oder ein Gedicht schreibt. Es ist ein Sakrament der Schönheit.«

Ich will Sie die Kunst lehren, mein liebes Kind, eine Kunst, die ihr Yankees nicht kennt.« Sie nickte in der Richtung der Leine mit Saxons feiner Wäsche.

»Sie machen kleine Spitzen, sehe ich. Ich kenne alle Arten Spitzen – Malteser, Mechelner – ach, viele, viele Arten herrlicher Spitzen. Ich will Sie einige von den leichten Mustern lehren, so daß Sie sie selbst für sich und ihren hübschen Mann machen können, den Sie immer, immer lieben wollen.«

Bei ihrem ersten Besuch bei Mercedes Higgins bekam Saxon das Rezept für die selbstgemachte Seife, und sie verließ sie, den Kopf voll von genauen Regeln für die Kunst, feines Leinen zu waschen. Die wunderliche alte Frau erzählte ihr alles Neue und Sonderbare, was sie wußte, und es war, als brächte sie ihr Botschaft von einem weiteren Horizont und neuen, unbekannten Himmelsstrichen.

»Sie sind Spanierin?« fragte Saxon vorsichtig.

»Nein und ja. Mein Vater war Irländer, meine Mutter spanische Peruanerin, ihr gleiche ich in Farbe und Aussehen. In vielem andern gleiche ich meinem Vater, dem blauäugigen Kelten mit dem Gesang auf den Lippen und dem heißen Blut, das ihn ruhelos von Ort zu Ort trieb. Dasselbe heiße Blut hat mich ebenso weit und noch weiter getrieben, als er je kam.«

»Ach«, rief Saxon, »da sind Sie Südamerikanerin.« Mercedes zuckte die Achseln.

»Irgendwo muß man ja geboren werden. Es war eine große Viehranch, die meiner Mutter gehörte. Ganz Oakland könnte auf einer von ihren Weiden Platz finden.«

Mercedes Higgins seufzte zufrieden und verlor sich in Erinnerungen. Saxon wollte gern mehr von dieser merkwürdigen Frau hören, deren Leben in vielem an das der spanischen Kalifornier in alten Tagen erinnern mußte.

»Sie haben eine gute Erziehung genossen«, wagte sie sich vor. »Sie sprechen ein so schönes Englisch.«

»Ach, Englisch, das kam später und nicht in der Schule. Aber, nun ja, ich genoß eine gute Erziehung in allem außer dem wichtigsten: Männer. Auch das kam später. Und wenig ließ meine Mutter – sie war eine große Dame, das, was man eine Viehkönigin nennt – wenig ließ meine Mutter sich träumen, daß ich bei der guten Erziehung, die sie mir gab, als Nachtwächtersfrau enden sollte.« Der komische Gedanke ließ sie in herzliches Lachen ausbrechen. »Nachtwächter, Arbeiter, Hunderte, ja Tausende arbeiteten für uns. Die Peonen, die im Grunde nichts waren als Sklaven. Und unsere Cowboys, die zweihundert Meilen von einem Ende bis zum andern reiten konnten, ohne unser Gebiet zu verlassen. Und zahlloses Gesinde in dem großen Hause. La la, im Hause meiner Mutter gab es viele Dienstboten.«

Mercedes Higgins vergaß allmählich alles andere über ihren Erinnerungen.

»Aber unsere Dienstboten waren faul und schmutzig. Chinesen sind glänzende Dienstboten; Japaner auch, wenn man das Glück hat, die richtigen zu finden, aber sie sind nicht so gut wie Chinesen. Japanische Dienstmädchen sind hübsch und heiter, aber man weiß nie, ob sie nicht am nächsten Tage weglaufen. Die Hindus sind nicht stark, aber gehorsam. Sie betrachten Sahibs und Memsahibs als Götter. Ich war eine Memsahib – was Frau bedeutet. Einmal hatte ich einen russischen Koch, der immer in die Suppe spuckte, denn das bedeutet Glück. Es war sehr komisch. Wir ließen es uns gefallen, denn es war Landesbrauch.«

»Sie müssen viel gereist sein, wenn sie so viele sonderbare Dienstboten hatten«, sagte Saxon, die gern mehr gehört hätte.

Die alte Frau lachte.

»Die sonderbarsten von allen waren aber doch die schwarzen Sklaven in der Südsee, kleine, wollköpfige Kannibalen, die sich Knochen durch die Nase steckten. Wenn sie etwas vergaßen oder wenn sie stahlen, wurden sie an eine Kokospalme gebunden und mit einer Peitsche aus Nilpferdhaut gepeitscht. Sie schrien nie. Das war ihr Stolz. Da war der kleine Vibi, er war erst zwölf Jahre alt – er war mein Diener – und als sein Rücken ganz zerfleischt war und ich über ihn weinte, lachte er nur und sagte: ›Warten klein bißchen, dann mich nehmen Kopf, gehören groß fella weiß Master.‹ – Es war Bruce Anstey, ein Engländer, der ihn peitschte. Aber der kleine Vibi bekam seinen Kopf doch nicht. Er lief fort, und da schnitten die Buschleute ihm den Kopf ab und fraßen ihn mit Haut und Haaren.«

Saxon schauderte, und ihr Gesicht war ernst. Mercedes Higgins aber fuhr heiter fort:

»Ach, es war eine lustige, wahnsinnige, wilde, tolle Zeit! Glauben Sie mir, mein Mädelchen, im Laufe von drei Jahren tranken diese englischen Pflanzer Ozeane von Champagner und schottischem Whisky und setzten dreißigtausend Pfund bei dem Abenteuer zu. Nicht Dollar, nein Pfund, das heißt hundertfünfzigtausend Dollar. Sie waren Fürsten, solange es dauerte. Es war prachtvoll, großartig. Und wahnsinnig war es. Ich mußte die Hälfte meines Schmuckes in Neuseeland verkaufen, ehe ich wieder von vorn anfangen konnte. Bruce Anstey schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Roger heuerte für acht Pfund monatlich als Steuermann auf einem Handelsschiff mit schwarzer Besatzung an. Und Jack Gilbraith – das war der merkwürdigste von allen. Er war aus reicher, vornehmer Familie, und er ging heim nach England und stellte auf ihren großen Gütern alles auf den Kopf, bis sie ihm Geld für eine Gummiplantage in Ostindien oder auf Sumatra – oder war es Neu-Guinea – gaben.«

Als Saxon wieder in ihrer Küche stand und das Abendessen für Billy bereitete, fragte sie sich, welches Verlangen und welche Begierde wohl die alte dunkelhäutige Frau von der großen peruanischen Farm durch die ganze Welt bis nach West-Oakland und zu Barry Higgins geführt haben mochte. Und merkwürdig war auch, daß Mercedes immer nur von andern Männern sprach, aber nie von ihm.

Vieles andere hatte sie erzählt, aber bruchstückweise, ohne nähere Erklärungen. Es schien kein Land, keine Stadt in der Alten und Neuen Welt zu geben, wo sie nicht gewesen war. Selbst in Klondike war sie vor zehn Jahren gewesen. Mercedes Higgins schien immer mit Männern zusammen gewesen zu sein, für die Geld wie Wasser war.

 

Saxon war immer klarsichtig gewesen, wenn ihr Horizont auch begrenzt gewesen war. Klarsichtig war sie gewesen seit den Kinderjahren, die sie bei dem Gastwirt Cady und seiner gutmütigen, aber unmoralischen Frau verbracht hatte, sie hatte vieles beobachtet und später eine gewisse allgemeine Lehre von dem Verhältnis zwischen Mann und Frau daraus gezogen. Sie kannte das Problem, das nach der Ehe entsteht – nämlich: sich die Liebe des Mannes zu bewahren – das nur wenige Frauen, gleichgültig welcher Klasse, kennen, und sie kannte auch das Problem, das der Ehe vorausgeht, das Problem, sich einen Mann zu wählen, wie es nur wenige junge Mädchen der arbeitenden Klasse kannten.

Sie hatte sich auf eigene Faust eine außerordentlich vernünftige Theorie über die Liebe gebildet. Instinktiv und doch halb bewußt hatte sie die Gefahren gemieden, die entstehen, sobald etwas gewohnheitsmäßig und alltäglich wird. Nie hatte Billy sie in den Wochen, die ihre Ehe jetzt dauerte, nachlässig gekleidet oder verdrießlich gesehen. Und sie hatte bewußt dafür gesorgt, daß die Atmosphäre von Kühle, Frische und Gleichgewicht, die über ihr selber lag, sich auch auf das ganze Heim verbreitete. Es hatte ihr auch nicht an Verständnis für den Wert von Begriffen wie Überraschung und Anmut gefehlt. Ihre Phantasie hatte nicht geschlafen, und sie war von der Natur mit Klugheit begnadet. Sie hatte das große Los in der Lotterie gezogen, als sie Billys Liebe gewann, und sie wußte es. Sie wußte, daß er ein starker Liebhaber war, und darauf war sie stolz. Seine Freigebigkeit, sein Wunsch, ihr das Beste von allem zu verschaffen, seine persönliche Sauberkeit und Zuverlässigkeit erhoben ihn weit über das übliche Maß. Er war nie plump. Er begegnete Feingefühl mit Feingefühl, wenn ihr auch einleuchtete, daß die Initiative in allen diesen Punkten immer von ihr ausgehen mußte.

Aber obgleich sie immer eine klare Vorstellung davon gehabt hatte, wie sie sich Billy am besten als Liebhaber bewahren konnte, war es doch ein weit größeres Panorama, das Mercedes Higgins vor ihren Augen aufgerollt hatte. Die alte Frau hatte ihre eigenen Schlüsse bestätigt, hatte ihr neue Ideen geschenkt, hatte alte Vorstellungen bestätigt und sogar mit großer Leidenschaft die traurige Bedeutung des ganzen Problems nachgewiesen. Saxon erinnerte sich vieler Einzelheiten aus dieser wahnsinnigen Predigt. Wenn auch vieles aus Mangel an Erfahrung und Verständnis über sie hinweggegangen war, so erriet und fühlte sie doch vieles, und das half ihr, sich eine noch größere und stärkere Theorie von der Liebe zu bilden.

Mit erneutem Eifer stürzte Saxon sich auf ihre Hausarbeit, ihre hübschen Dinge und alles andere, womit sie Billy gewinnen konnte. Sie machte ihre Einkäufe in dem lebendigen Gefühl, daß es galt, das Beste zu finden, wenn sie auch andererseits die Sparsamkeit nicht aus den Augen ließ. Aus den Sonntagsbeilagen und den Frauenzeitschriften in der Volksbibliothek hatte sie allerhand gelernt, wie sie sich ihre Schönheit bewahren konnte. Sie trieb Gymnastik, und gewisse Stunden des Tages verwandte sie stets zu Gesichtsmassage und ähnlichem, um sich ihre festen runden Linien und frischen Farben zu bewahren. Davon wußte Billy nichts. Diese Geheimnisse gingen ihn nichts an. Nur die Ergebnisse waren für ihn berechnet.

Sie studierte oft die Schaufenster der Konfektionsgeschäfte in den feineren Stadtteilen und war nicht darüber erhaben, wenn sie irgendeine Kleinigkeit kaufte, die Ladentische mit der handgestickten Wäsche zu untersuchen. Sie hatte sogar eine Zeitlang Pläne, sich handgemaltes Porzellan zu kaufen, gab es aber wieder auf, als sie hörte, wie teuer es war.

Allmählich ersetzte sie die bescheidene Wäsche aus ihrer Jungmädchenzeit durch bessere Stücke, die, wenn auch immer noch bescheiden, doch mit schöner französischer Stickerei, mit Spitzen und Einsätzen versehen waren. Sie häkelte feine Spitze an das billige wollene Unterzeug, das sie im Winter trug. Sie verfertigte kleine Untertaillen und Hemden aus feinem, aber nicht besonders teurem Leinen, und ihre mit kleinen Blumenmustern versehenen und ungewöhnlich schön gewaschenen und geplätteten Nachthemden waren immer hübsch und zierlich. In irgendeiner Zeitschrift hatte sie eine Notiz gelesen, daß französische Damen sich mit entzückenden kleinen Häubchen am Frühstückstisch zeigten. Es machte keinen Unterschied für sie, daß sie in diesem Falle selbst zuerst für das Frühstück sorgen mußte. In größter Eile verschaffte sie sich ein Meter Punktmull und war bald eifrig damit beschäftigt, verschiedene Formen auszuprobieren und ihren kleinen Spitzenvorrat zu untersuchen, um das Brauchbarste zu finden. Das zierliche kleine Ding, das das Ergebnis all dieser Mühe war, erregte den begeisterten Beifall von Mercedes Higgins.

Saxon nähte sich auch einige einfache Hausblusen aus nettem Gingang mit hübschen Umlegekragen, die ihren reizenden runden Hals gut zur Geltung kommen ließen. Eine Arbeit, die Billys Bewunderung erregte, war eine gehäkelte Bettdecke.

Die Monate vergingen in eitel Glück, und sie war nie müßig. Auch Billy wurde nicht vergessen. Als es kalt zu werden begann, strickte sie Pulswärmer für ihn, Pulswärmer, die er gewissenhaft trug, wenn er das Haus verließ, und in die Tasche steckte, sobald er draußen war. Die beiden Sweater; die sie für ihn verfertigte, waren ihm hingegen sehr willkommen und ebenso die Pantoffeln. Sie bestand darauf, daß er sie trug, wenn sie die Abende daheim verbrachten.

Der gesunde, praktische Verstand der Mercedes Higgins kam Saxon im hohen Maße zugute. Sie stand dem wirtschaftlichen Problem gegenüber, in einer Gesellschaft hauszuhalten, wo die Kosten schneller stiegen als der Lohn für ehrliche Arbeit. Und hier erteilte die alte Frau ihr einen so gründlichen Unterricht im Einkaufen, daß sie mit einem halben Dollar ebensoweit, ja weiter kam als die andern Frauen der Nachbarschaft mit einem Dollar.

Jeden Sonnabend abend schüttete Billy ihr seinen ganzen Wochenlohn in den Schoß. Er verlangte nie eine Abrechnung von ihr, wiederholte aber immer wieder, daß er noch nie so gut gelebt hätte. Und solange der Wochenlohn noch unangetastet in ihrem Schoß lag, ließ sie ihn gern nehmen, was er in der kommenden Woche brauchte. Und sie forderte ihn nicht nur auf, reichlich zu nehmen, sondern hielt streng darauf, daß er so viel nähme, wie er im Laufe der Woche brauchen konnte. Und ebenso streng hielt sie darauf, daß er ihr nicht erzählen durfte, wozu er das Geld brauchte.

»Du hast immer Geld in der Tasche gehabt«, sagte sie, »und daß du dich verheiratet hast, ist kein Grund, daß es anders sein soll. Oh, ich weiß schon, wie Männer sind, wenn sie zusammenkommen. Zuerst spendiert der eine, dann der andere, und das kostet Geld. Wenn du jetzt nicht ebenso flott wie die andern spendieren kannst, ja, dann wirst du gar nicht mehr mitmachen, so gut kenne ich dich doch. Und das würde nicht richtig sein. Ich will, daß du mit andern Männern zusammen bist. Das tut Männern gut.«

Und Billy preßte sie an sich und sagte, sie sei das prachtvollste Frauenzimmerchen, das je in einem Paar Schuhe gegangen wäre.

»Ja«, sagte er triumphierend, »nicht nur, daß ich besser esse, besser lebe, ebenso gut wie alle Kameraden auskomme; ich spare auch direkt Geld oder vielmehr, du tust es für mich. Hier sitzen wir in Möbeln, die ich regelmäßig jeden Monat abbezahle, und mit einer kleinen Frau, nach der ich ganz verrückt bin, und obendrein habe ich noch Geld auf der Sparkasse. Wieviel ist es jetzt?«

»Zweiundsechzig Dollar«, sagte sie. »Das ist ein sehr hübscher kleiner Notgroschen. Du könntest ja krank werden oder zu Schaden kommen oder sonst etwas.«

Eines Tages im Winter kam Billy heim und begann, mit sichtlicher Anstrengung mit Saxon von Geld zu sprechen. Sein alter Freund Billy Murphy hatte Influenza, und eins seiner Kinder war beim Spielen auf der Straße von einem Wagen überfahren worden. Das Kind war schlimm zugerichtet, und Murphy, der immer noch schwach von zweimonatigem Krankenlager war, hatte Billy gebeten, ihm fünfzig Dollar zu leihen.

»Das Geld ist ganz sicher«, schloß er. »Ich kenne ihn, seit wir zur Schule gingen. Er ist der ehrlichste Mensch von der Welt.«

»Das hat nichts damit zu tun«, sagte Saxon vorwurfsvoll. »Wenn du unverheiratet wärest, würdest du es ihm doch gleich geliehen haben?«

Billy nickte.

»Dann kann es nicht anders sein, weil du verheiratet bist. Es ist dein Geld, Billy.«

»Es ist, weiß Gott, nicht mein Geld!« rief er. »Es ist unseres! Und ich könnte mir nicht denken, jemand etwas davon zu geben, ohne erst mit dir darüber gesprochen zu haben.«

»Das hast du ihm doch hoffentlich nicht gesagt?« rief sie erschrocken.

»Nein«, lachte Billy. »Ich wußte ja gut, daß du wütend werden würdest, wenn ich das täte. Ich sagte, ich wollte nachrechnen, ob es sich machen ließe. Nun, ich war übrigens sicher, daß du das Geld geben würdest, wenn du es hättest.«

»Ach, Billy«, sagte sie leise, mit einem tiefen, zärtlichen Klang in der Stimme. »Du weißt es vielleicht selber nicht, aber das ist mit das Schönste, was du mir gesagt hast, seit wir verheiratet sind.«

Je mehr Saxon mit Mercedes Higgins zusammenkam, desto weniger verstand sie sie. Daß diese Frau furchtbar geizig war, das zu entdecken, brauchte sie nicht lange. Und sie konnte diesen Zug nicht recht mit all ihren Geschichten von den Reichtümern, die sie verschwendet hatte, zusammenreimen. Andererseits war sie ganz verblüfft über Mercedes' Verschwendung in allem, was ihre eigene Person betraf. Ihre selbstverständlich mit der Hand genähte Wäsche war sehr kostbar. Das Essen, das sie Barry vorsetzte, war gut, aber das Essen, das sie sich selber vorsetzte, unvergleichlich besser. Und dennoch stand beides zusammen auf dem Tisch. Während Barry mit gewöhnlichem Ochsenfleisch vorliebnahm, aß Mercedes nur Mürbebraten. Gab es ein mächtiges zähes Hammelkotelett für Barry, so aß Mercedes selbst winzige kleine französische Koteletts. Der Tee wurde in verschiedenen Töpfen bereitet. Während Barry Tee für fünfundzwanzig Cent das Pfund aus einem großen, schweren Topf trank, bekam Mercedes Tee, der drei Dollar das Pfund gekostet hatte, und sie trank ihn aus einer winzigen Teetasse, so zerbrechlich wie eine Eierschale. Ebenso wurde sein Kaffee zu fünfundzwanzig Cent mit Milch gemischt, ihr eigener echter Mokka zu achtzig Cent hingegen mit Sahne.

»Das ist gut genug für den Alten«, sagte sie zu Saxon. »Er kennt es nicht besser, und es wäre ein Jammer, Gottes Gaben an ihn zu verschwenden.«

Die beiden Frauen begannen allmählich Geschäfte miteinander zu machen. Als Mercedes Saxon die Kunst gelehrt hatte, sich auf der Ukulele zu begleiten, was namentlich ein geschmeidiges Handgelenk erfordert, schlug sie ihr einen Tauschhandel vor. Die Zeit sei vorbei, daß sie sich etwas aus derlei Dummheiten mache, und sie bot Saxon das Instrument im Tausch gegen ein Morgenhäubchen an, das sie so bewunderte.

»Sie ist immerhin einige Dollar wert«, sagte Mercedes. »Sie hat mich selbst zwanzig gekostet, aber das ist natürlich einige Jahre her. Aber sie ist immer noch so viel wert wie ein Morgenhäubchen.«

»Aber geht das Morgenhäubchen nicht auch unter dem Begriff Dummheiten?« fragte Saxon, obgleich sie mit dem Tausch sehr zufrieden war.

»Es ist nicht für meine eigenen grauen Locken«, erklärte Mercedes offen. »Ich verkaufe es und bekomme Geld dafür. Viele von den Dingern, die ich verfertige, wenn die Gicht meine Finger nicht untauglich, macht, verkaufe ich. La la, mein Kind, für Barrys fünfzig Dollar monatlich kann ich mir nicht alle teuren Gewohnheiten leisten. Den Rest verschaffe ich mir selber. Und alte Leute brauchen Geld für Dinge, von denen junge Menschen keine Ahnung haben.«

»Ich bin mit dem Tausch sehr einverstanden«, sagte Saxon, »und ich kann mir ja, wenn ich mir Geld für das Material gespart habe, ein neues Häubchen machen.«

»Machen Sie gleich mehrere«, riet Mercedes. »Ich verkaufe sie für Sie – natürlich gegen eine kleine Provision für meine Mühe. Ich kann Ihnen sechs Dollar für jedes geben. Wir können ja immer noch darüber reden. Für das, was Sie an dem Geschäft verdienen, können Sie sich Material für ihr eigenes verschaffen und noch etwas dazu.«

 

Vier große Ereignisse trafen im Laufe des Winters ein. Bert und Mary heirateten und mieteten ein Häuschen in der Nähe von Saxon und Billy. Billys Wochenlohn wurde wie alle andern Fuhrmannslöhne in Oakland herabgesetzt. Billy begann einen Rasierapparat zu benutzen. Und endlich hatte Saxon sich als schlechte Prophetin erwiesen und Sarah als eine gute. Saxon wollte ihrer Sache erst ganz sicher sein, ehe sie es Billy erzählte. Anfangs, als es nur ein Verdacht war, hatte sie sich bei dem Gedanken an das Neue, Unbekannte nicht von einer gewissen Unruhe und Angst befreien können. Dann hatten sich wirtschaftliche Sorgen gemeldet, und sie dachte an die unumgängliche Folge: vermehrte Ausgaben. Als sie aber allmählich ihrer Sache ganz sicher wurde, spülte eine warme Freudenwoge alle Sorgen fort. Ihr und Billys Kind! Der Satz tauchte immer wieder in ihren Gedanken auf, und jedesmal gab es ihr vor Freude einen Stich im Herzen.

An dem Abend, als sie Billy die große Neuigkeit mitteilte, hielt er zurück, was er ihr von der Lohnherabsetzung hatte erzählen wollen, und war ebenso glücklich über das kleine Wesen, das bald kommen sollte.

»Was machen wir? Gehen wir zur Feier des Tages ins Theater?« fragte er, und seine Arme, die sie so hart gepreßt hatten, lockerten sich so weit, daß sie antworten konnte. »Oder wollen wir zu Hause bleiben, nur du und ich und – und wir drei?«

»Laß uns zu Hause bleiben«, erklärte sie. »Du sollst mich nur festhalten und immer festhalten.«

Es lag Frost in der Luft, und Billy holte den großen Sessel und stellte ihn vor den Herd. Saxon kuschelte sich hinein, den Kopf an seiner Schulter, und er drückte ihre Wange an sein Haar.

»Wir haben doch nicht falsch gehandelt, daß wir uns heirateten, als wir uns erst eine Woche kannten«, sagte er nachdenklich. »Ja, weißt du, Saxon, wir sind beinahe verliebter ineinander als in der ersten Zeit – und jetzt – – lieber Gott, Saxon, es ist fast zu herrlich, um wahr zu sein. Der kleine Spitzbube! Ich möchte darauf wetten, daß es ein Junge wird! Und du kannst darauf schwören, daß ich ihn lehren will, seine Fäuste zu gebrauchen und sich durchzuschlagen. Und Schwimmen soll er auch lernen. Wenn er nicht schwimmen kann, ehe er sechs –«

»Aber wenn er nun ein Mädchen wird?«

»Sie muß ein Junge sein«, antwortete Billy.

Sie lachten beide, küßten sich und seufzten vor Zufriedenheit.

»Und jetzt werde ich das Geld festhalten«, erklärte er, als sie eine Weile in tiefe Gedanken versunken dagesessen hatten. »Keine Runde mehr für die Kameraden! Nein, jetzt halten wir uns an den Wasserwagen. Und der Tabak wird auch ein bißchen herabgesetzt. Hm, warum sollte ich mir nicht selbst meine Zigaretten drehen können? Das ist zehnmal billiger, als wenn man fertige kauft. Ich kann mir auch den Bart stehen lassen. Es ist eine Menge Geld, die der Barbier im Jahre aus einem herauszieht. Ja, für die Summe kann man sich ein Kind halten.«

»Wenn Sie sich den Bart stehenlassen, Herr Roberts, lasse ich mich von Ihnen scheiden«, drohte Saxon. »Du bist so hübsch mit einem glattrasierten Gesicht. Ich liebe dein Gesicht zu sehr, als daß ich es mir verdecken lassen wollte. Oh, mein lieber, lieber Billy! Ich habe nie gewußt, was Glück ist, ehe wir heirateten.«

»Ich auch nicht.«

»Und so soll es bleiben, nicht wahr?«

»Darauf kannst du Gift nehmen«, versicherte er.

Und Billy verschwieg ihr hartnäckig die Lohnherabsetzung. Erst zwei Wochen später, als sie in Kraft trat, und er ihr die verminderte Summe in den Schoß schüttete, erzählte er ihr den Zusammenhang. Am nächsten Tage kamen Bert und Mary, die jetzt schon einen Monat verheiratet waren, zum Mittagessen und sprachen davon. Bert war sehr pessimistisch und machte unheilverkündende Andeutungen von einem bevorstehenden Eisenbahnerstreik.

»Wenn ihr nur den Mund halten wolltet«, sagte Mary scharf, »so würde alles gut gehen. Aber die Gewerkschaftsagitatoren machen die Eisenbahner ganz wild. Es ist direkt, um Krämpfe zu kriegen – wie sie die Leute aufputschen. Wenn ich Chef wäre, würde ich allen, die sie anhörten, die Löhne herabsetzen.«

»Aber du bist doch selbst Mitglied der Plätterinnengewerkschaft«, sagte Saxon mit mildem Vorwurf.

»Ja, weil ich mußte – wenn ich Arbeit haben wollte.«

»Aber sieh doch, Billy«, fuhr Bert fort. »Die Fuhrleute haben nicht gemuckst, alles sieht schön und herrlich aus, und da, bums, auf einmal eine Herabsetzung von zehn Prozent. Zum Kuckuck, welche Möglichkeiten haben wir? Wir verlieren. Es ist kein Platz für uns in dem Land, das wir und unsere Väter und Mütter für uns geschaffen haben. Wir werden zerquetscht – und dabei sind wir der alte Stamm, Söhne und Töchter der weißen Leute, die sich von England losrissen, die die Sklaven befreiten, mit den Indianern kämpften und den ganzen Westen machten.«

»Aber was sollen wir denn dabei machen?« fragte Saxon besorgt.

»Kämpfen. Das ist alles. Das Land ist in den Händen einer Räuberbande. Seht die Süd-Pazifik-Bahn. Die regiert ganz Kalifornien.«

»Ach Unsinn, Bert«, fiel Billy ihm ins Wort. »Du läufst mit halbem Wind. Die Eisenbahn kann doch nicht Kalifornien regieren.«

»Du bist ein Esel«, sagte Bert spöttisch. »Und eines Tages, wenn es zu spät ist, werden du und die andern Esel das erkennen. Es ist faul, sage ich dir. Es stinkt! Ja, wahrhaftig – jeder, der in das Parlament hinein will, muß nach San Franzisko fahren, auf dem Kontor der Süd-Pazifik antreten und demütig um Erlaubnis bitten. Ich sage euch, die Gouverneure von Kalifornien sind Direktoren der Eisenbahn gewesen und das schon, ehe du und ich geboren waren. Hu! Du kannst mir nicht widersprechen. Wir sind erledigt. Aber ich möchte gern helfen, einige von den dreckigen Dieben aufzuhängen, ehe ich selber flötengehe. Wißt ihr, was wir sind? Wir, der alte weiße Stamm, der im Kriege kämpfte, das Land schuf und es zu dem machte, was es ist? Soll ich es euch sagen? Wir sind die letzten Mohikaner.«

»Er ängstigt mich zu Tode mit seiner Heftigkeit«, sagte Mary mit einer Bitterkeit, die sie nicht zu verbergen suchte. »Es endet noch damit, daß er aus der Werkstatt rausgeschmissen wird. Und was sollen wir dann tun? An mich denkt er überhaupt nicht. Aber eines sage ich euch, und das ist mein Ernst. In die Plätterei gehe ich nicht wieder.«

»Ach, ich weiß, wo du hinwillst«, sagte Bert hart. »Und das sage ich dir nur, ob ich lebendig oder tot bin, ob ich Arbeit habe oder nicht, ja, und wie es mir auch geht – wenn du den Weg gehst, ist es aus.«

»Na, ich hab' mich doch brav gehalten, bis ich dich traf«, antwortete sie und warf den Kopf zurück. »Und seit ich dich traf, habe ich mich auch brav gehalten, und das will nicht wenig sagen.«

Bert wollte heftig antworten, aber Saxon legte sieh ins Mittel und stiftete Frieden. Sie hatte große Angst, wie es den beiden in ihrer Ehe gehen sollte. Beide hatten ein sehr hitziges Temperament, beide waren heftig und reizbar. Und ihre ewigen Streitereien prophezeiten nichts Gutes für die Zukunft.

 

Der Rasierapparat war eine der großen Taten Saxons. Sie beriet sich im geheimen mit einem Bekannten, einem Kommis in Pierces Eisenhandlung, und kaufte dann den Apparat. Als Billy am Sonntagmorgen nach dem Frühstück zum Barbier gehen wollte, führte sie ihn ins Schlafzimmer, zog hastig ein Handtuch beiseite und zeigte ihm Rasierapparat, Becken, Seife, Pinsel und Wasser – alles gebrauchsfertig. Billy trat ein paar Schritt zurück, begann dann aber alles neugierig zu untersuchen. Er sah den Rasierapparat mitleidig an.

»Hm, und das nennt man eine Männerwaffe!«

»Tausende von Männern gebrauchen das täglich!«

Aber Billy schüttelte den Kopf und wandte sich ab.

»Du läßt dich dreimal wöchentlich rasieren«, sagte sie eindringlich. »Das macht fünfundvierzig Cent, sagen wir, einen halben Dollar die Woche, und das Jahr hat zweiundfünfzig Wochen. Sechsundzwanzig Dollar jährlich für Rasieren. Komm jetzt, mein Freund, und versuch ihn. Zahllose Männer schwören darauf.«

Er schüttelte den Kopf, und in der Tiefe seiner Augen, wo die Wolken immer kamen und gingen, zog es zum Sturm auf. Sie liebte den verdrossenen Ausdruck, der ihn so hübsch und jungenhaft machte, und sie küßte ihn lächelnd, worauf sie ihn auf den Stuhl niederzwang, ihm den Rock auszog und Hemd und Sweater öffnete.

Und mit der Drohung: »Wenn du den Mund aufmachst, kriegst du es direkt in den Hals«, begann sie ihn einzuseifen.

»So«, sagte sie, als sie ihm das Gesicht gründlich eingeseift hatte. »Jetzt kannst du anfangen; aber bilde dir nicht ein, daß ich das immer für dich tue.«

Halb im Ernst, halb im Scherz eifrig protestierend, ließ er den Apparat ein paarmal über das Kinn gleiten. Dann fuhr er heftig zusammen und rief:

»Heiliger Bimbam!«

Er untersuchte sein Gesicht im Spiegel, und mitten im Seifenschaum kamen ein paar Tropfen Blut zum Vorschein.

»Ich habe mich geschnitten, und das mit einem Rasierapparat! Und auf sowas schwören die Leute!«

»Wart einen Augenblick!« flehte Saxon. »Er muß eingestellt werden. Das sagte mir der Kommis selber. Sieh die kleine Schraube hier. So – so ist es richtig. Dreh sie ein bißchen.«

Billy führte wieder den Apparat über sein Kinn. Als er es ein paarmal getan hatte, untersuchte er sich im Spiegel, grinste und rasierte weiter. Schnell und gewandt kratzte er sich den Seifenschaum vom Gesicht. Saxon klatschte in die Hände.

»Großartig!« sagte Billy begeistert. »Großartig. Gib deine Hand – da sollst du sehen, wie es geht.«

Er rieb ihre Hand an seinem Kinn. Mit einem kleinen Schrei riß Saxon sich los und begann, ihn kritisch zu untersuchen.

»Aber er hat ja gar nichts abgenommen«, sagte sie.

»Die Geschichte ist Schwindel; er schabt die Haut, aber nicht den Bart ab. Ich bitte um einen Barbier.«

Aber Saxon wollte sich nicht geschlagen geben.

»Du hast es noch nicht richtig gemacht. Er ist zu stark angeschraubt. Laß mich versuchen. So – halbwegs. So, jetzt seif dich wieder ein und versuch es noch einmal.«

Diesmal konnten sie deutlich ein kratzendes Geräusch wie von Sandpapier hören – es waren die Bartstoppeln, die abgeschnitten wurden.

»Wie geht es jetzt?« fragte sie besorgt.

»Er nimmt – au – das Haar weg«, grunzte Billy; während er die Stirn runzelte und eine Grimasse schnitt. »Aber – au – es reißt wie der Teufel – au!«

»Nur weiter«, ermunterte sie ihn. »Gib nicht gleich den Kampf auf, du großer Indianer. Denk an das, was Bert sagte, und tu, als seist du der letzte Mohikaner.«

Eine Viertelstunde später wusch er sich die Seife vom Gesicht und trocknete sich mit einem Seufzer der Erleichterung ab.

»Das ist selbstverständlich auch eine Art, sich zu rasieren, Saxon, aber ich kann nicht sagen, daß ich gerade begeistert bin.«

Dann stöhnte er laut, als dächte er an ein neues Unglück.

»Was ist jetzt los?« fragte sie.

»Mein Nacken. Wie kann ich mich im Nacken rasieren?«

Saxons Bestürzung war direkt tragisch; aber sie dauerte nur einen Augenblick. Dann nahm sie selbst den Pinsel in die Hand.

»Setz dich, Billy.«

»Wie? Willst du es tun?« fragte er bestürzt.

»Ja eben! Wenn irgendein Barbier gut genug ist, dich im Nacken zu rasieren, so kann ich es auch.«

Billy ergab sich stöhnend und seufzend auf Gnade und Ungnade und ließ sie tun, was sie wollte.

»So, jetzt ist es gut«, sagte sie, als sie fertig war. »Es ist kinderleicht. Und außerdem bedeutet es sechsundzwanzig Dollar jährlich. Dafür kann man ein Kinderbett und einen Kinderwagen und eine ganze Menge anderer Dinge bekommen. So, sitz noch ein bißchen still.«

Sie wusch und trocknete ihm den Hals und puderte ihn zuletzt mit Talkum.

»Jetzt bist du so fein und hübsch wie ein kleines Kind, mein süßer Billy.«

Die unerwartete Berührung ihrer Lippen, die sich in einem langen Kuß auf seinen Nacken preßten, ließ ihn sich wie in Schmerzen winden, aber wenn seine Gefühle auch sehr gemischt waren, so waren sie doch keineswegs unangenehm.

Zwei Tage darauf ließ er sich wieder von Saxon beim Rasieren helfen, wenn er sich auch in der Zwischenzeit geschworen hatte, daß er nichts mehr mit der Höllenmaschine zu tun haben wollte. Diesmal ging es schon leichter.

»Das ist gar nicht so schlecht«, räumte er ein. »Ich komme der Geschichte auf die Spur. Es liegt alles am Regulieren. Man kann sich so fein rasieren, wie man will. Das kann ein Barbier nicht. Ab und zu schneidet er mich doch.«

Von jetzt an machte er eifrig Reklame für den Rasierapparat. Er konnte Berts Besuch nicht abwarten, sondern schleppte den Apparat in sein Haus, um ihn ihm zu zeigen.

»Wir sind ein paar schöne Idioten gewesen, Bert, all die Jahre, die wir uns in den Barbierstuben allen möglichen Krankheiten ausgesetzt haben. Sieh mal her. Sieh, wie das geht. Weich wie Seide. Leicht wie gar nichts. Sechs Minuten nach der Uhr. Kannst du es besser? Wenn ich erst richtige Übung habe, mache ich es in drei. Man kann im Dunkeln damit arbeiten. Man kann sich einfach gar nicht schneiden, selbst wenn man es möchte. Und ich spare sechsundzwanzig Dollar im Jahr damit. Saxon hat es selbst ausgerechnet, und sie versteht sich darauf, sage ich dir.«

 

Billy schien es fast, als ginge es ihm bald zu gut. Er hatte das Gefühl, im Verhältnis zu dem Lohn, den er verdiente, zu wohlhabend zu sein. Bei dem Geld, das immer auf die Sparkasse gebracht wurde, bei der Miete und der Abzahlung auf die Möbel, bei dem reichlichen Taschengeld und der ausgezeichneten Kost konnte er nicht verstehen, wie Saxon sich noch das Material für all ihre feinen Dinge anschaffen konnte. Er hatte mehrmals erklärt, daß er nicht begreifen könnte, wie sie es machte, und jedesmal hatte Saxon gelacht, ein geheimnisvolles Lachen, das ihn nur noch mehr verwirrte.

»Ich verstehe nicht, wie du das mit dem Geld machen kannst«, sagte er eines Abends.

Er wollte noch mehr sagen, beherrschte sich aber und grübelte fünf Minuten lang mit gerunzelten Brauen.

»Hör einmal«, sagte er schließlich. »Was ist aus dem Morgenhäubchen mit all den Spitzen geworden, an dem du so fleißig arbeitetest? Ich habe dich nie damit gesehen, und für das Kleine war es doch zu groß.«

Saxon bedachte sich einen Augenblick, während sie ihn mit zusammengepreßten Lippen und einem necklustigen Ausdruck in den Augen ansah. Es war ihr immer schwer geworden, eine Unwahrheit zu sagen, und Billy gegenüber war es ihr ganz unmöglich. Sie konnte sehen, wie ein Sturm in den blauen Augen aufzog, und wie sein Gesicht gleichsam erstarrte, wie es immer tat, wenn er zornig werden wollte.

»Sag mal, Saxon – du – du verkaufst doch wohl nicht deine Arbeit?«

Da erzählte sie ihm alles, auch von Mercedes Higgins' Anteil an dem Geschäft. Aber Billy wollte sich nicht ablenken lassen. In Ausdrücken, die alles eher als zweideutig waren, verkündete er Saxon, daß sie nicht für Geld arbeiten durfte.

»Aber ich habe doch so viel freie Zeit, lieber Billy«, sagte sie flehentlich.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, daraus wird nichts. Davon will ich nichts hören. Ich habe dich geheiratet, und ich werde auch schon für dich sorgen. Niemand soll sagen, daß Bill Roberts' Frau arbeiten muß.«

»Ja, aber Billy –«, begann sie wieder.

»Nein, das ist das einzige, was ich mir nicht gefallen lasse, Saxon. Nicht, daß mir deine Handarbeiten nicht gefielen, aber ich will sie an dir sehen. Mach du nur weiter, was du willst, aber mach es für dich selber – ich werde es schon bezahlen. Sieh, ich pfeife den ganzen Tag vor lauter Freude bei dem Gedanken an dich und den Jungen, und ich kann dich zu Hause all die hübschen Dinge arbeiten sehen, weil ich weiß, wie glücklich du bist, wenn du es tust. Aber, weiß Gott, Saxon, die ganze Freude wäre mir verdorben, wenn ich wüßte, daß du es für Geld tätest. Bill Roberts' Frau braucht nicht zu arbeiten.«

»Du bist so gut, Billy«, flüsterte sie und war trotz ihrer Enttäuschung sehr glücklich.

»Ich will, daß du alles haben sollst, worauf du Lust hast«, fuhr er fort. »Und du sollst es schon bekommen, solange ich diese beiden Fäuste habe. Ich weiß auch wohl, wie sehr mir die hübschen Sachen, die du trägst, gefallen. Ich habe, ehe ich dich kannte, manches gelernt, was ich besser nicht gelernt hätte. Aber ich weiß, wovon ich rede, und ich habe nie eine Frau gesehen, deren Wäsche sich mit deiner messen konnte. Ach –«

Er hob verzweifelt die Hände, als sei er nicht imstande auszudrücken, was er dachte und fühlte. Und dann versuchte er es wieder:

»Es kommt nicht allein auf die Sauberkeit an, obgleich das schon viel bedeutet. Es gibt massenhaft Frauen, die sauber sind. Aber das ist es nicht. Es ist mehr und etwas ganz anderes. Es ist – nun ja, es ist so, wie es aussieht, so weiß und hübsch und lecker, das setzt sich einem im Kopf fest. Du kannst nach meinem Geschmack nicht zu viel hübsche Dinge bekommen, und du kannst sie auch nicht zu hübsch bekommen.

Deswegen also, Saxon, mach nur weiter. Man kann massenhaft Geld verdienen, ganz kinderleicht. Billy Murphy bekam fünfundsiebzig blanke Dollar – und das ist erst eine Woche her –, weil er den ›Stolz der Nordküste‹ schlug. Von dem Geld hat er uns die fünfzig zurückbezahlt.«

Aber diesmal war es Saxon, die protestierte.

»Oder denk an Karl Hensen«, fuhr Billy fort. »›Sharkey den Zweiten‹ nennen die Idioten, die Sportreferenten, ihn. Und er nennt sich selbst ›Champion der Marine der Vereinigten Staaten‹. Nun, den habe ich mir jetzt angesehen. Er ist ein richtiger Bär. Ich habe ihn kämpfen sehen, und ich kann ihm einen Schlaftrunk geben – ganz einfach. Der Sekretär des Sportklubs hat versprochen, einen Match zwischen uns zu arrangieren, und der Gewinner verdient hundert blanke Dollar.«

»Wenn ich nicht für Geld arbeiten darf, so darfst du auch nicht boxen«, lautete Saxons Ultimatum, das sie jedoch gleich wieder zurücknahm. »Aber es soll nicht gleich und gleich zwischen uns beiden heißen. Und wenn du mich auch für Geld arbeiten lassen wolltest, so würde ich dir das Boxen doch nicht erlauben. Und wenn du nicht boxt, dann werde ich auch nicht mehr für Geld arbeiten – ja das ist meine Meinung. Und mehr noch – ich werde nie etwas tun, das du nicht haben willst, Billy.«

»Einverstanden«, meinte Billy. »Aber ich möchte doch verflucht gern ein einziges Mal den Ochsenschädel Hensen verhauen.« Er lächelte vergnügt bei dem Gedanken. »Aber weißt du, laß uns jetzt alles vergessen und spiel ›Wenn die Tage des Herbstes vorbei‹ auf dem – ja, zum Teufel, wie nennst du doch das Instrument?«

Sie sang das Lied, das er wünschte, zur Begleitung der Ukulele, und als sie fertig war, schlug sie sein trauriges Lied »Die Klage des Kuhhirten« vor. So wunderbar und unerklärlich sind die Wege der Liebe, daß sie das einzige Lied ihres Mannes liebgewonnen hatte. Weil er es sang, hatte sie dieses sinnlose, langweilige Lied gern, am meisten aber, so schien es ihr, liebte sie seine völlig hoffnungslosen falschen Töne. Sie konnte es sogar mit ihm zusammen singen, ebenso gründlich und entzückend falsch wie er. Und sie erschütterte ihn nicht in seinem großartigen Glauben an sich.

»Ich fürchte nur, daß Bert und alle andern mich necken werden«, sagte er.

»Ja, wir beide machen das großartig«, sagte sie, indem sie die Wahrheit vorsichtig umging. Denn in derlei Dingen hielt sie Unwahrheit nicht für eine Sünde.

 

Im Laufe des Frühlings kam der Eisenbahnerstreik. Am Sonntag, bevor der Streik erklärt wurde, aßen Saxon und Billy bei Bert. Saxons Bruder war auch da, ohne Sarah, da er sie nicht dazu hatte bewegen können, ihre Tagesarbeit so zu unterbrechen. Bert befand sich in sehr düsterer Stimmung.

Mary ging umher und bereitete das Mittagessen mit einem Gesicht, das deutlicher als Worte sagte, daß sie sehr aufrührerisch gestimmt war, und Saxon krempelte sich die Ärmel auf, band sich eine Schürze um und begann, die Frühstücksteller aufzuwaschen. Bert holte eine Kanne schäumendes Bier aus der Wirtschaft an der Ecke, und die drei Männer rauchten und unterhielten sich über den bevorstehenden Streik.

»Er hätte vor mehreren Jahren kommen sollen«, erklärte Bert. »Je früher desto besser, sage ich, aber jetzt ist es zu spät. Wir sind zu schlapp geworden, und jetzt kriegen die letzten Mohikaner, was ihnen gut tut, und das gerade auf den Deetz!«

»Ach, ich weiß nicht«, begann Tom vermittelnd – er hatte dagesessen und feierlich seine Pfeife geraucht. »Die Arbeiterorganisationen werden mit jedem Tage stärker. Ich erinnere mich noch der Zeit, als es in Kalifornien überhaupt keine Gewerkschaften gab. Und sieh nur jetzt – Löhne, feste Arbeitszeit und alles.«

»Du redest wie ein Agitator«, spottete Bert, »von der Art, die den Idioten was erzählen. Aber wir wissen besser Bescheid. Mit allen Gewerkschaften und Normallöhnen können wir für unsere Arbeit nicht so viel bekommen wie in alten Tagen, als wir nicht organisiert waren. Sie haben uns in der Klemme. Denk nur an San Franzisko – dort betreiben die Arbeiterführer eine noch dreckigere Politik als die alten Parteien, prügeln sich um Trinkgeld und lassen sich bestechen, während – ja, was machen die Zimmerleute in San Franzisko? Ich will dir etwas sagen, Tom Brown, wenn du dir alles anhörst, was gesagt wird, dann wirst du erfahren, daß jeder Zimmermann in San Franzisko Gewerkschaftler ist und vollen Gewerkschaftlerlohn bekommt. Glaubst du das? Es ist verfluchte Lüge! Es gibt nicht einen Zimmermann, der nicht jeden Sonnabend dem Unternehmer einen gewissen Prozentsatz von seinem Lohn geben muß. Und die Führer reisen für das Geld, das sie aus den Idioten herauspressen, nach Europa, wenn sie es nicht an die Rechtsanwälte hinausschmeißen müssen, um nicht eingesperrt zu werden.«

»Ja, das ist sehr richtig«, gab Tom zu. »Niemand wird das leugnen. Das Schlimme ist, daß den Arbeitern die Augen noch nicht geöffnet sind. Sie sollten sich selbstverständlich mehr um Politik kümmern, aber es muß die richtige Politik sein.«

»Man muß wirklich ehrliche Männer finden«, sagte Billy. »Das ist das ganze Unglück. – Nicht, daß ich auf den Sozialismus hielte, denn das tue ich nicht Alle unsere Vorfahren haben seit langer Zeit in Amerika gelebt, und was mich betrifft, so will ich mir nicht gefallen lassen, daß eine Herde schmutziger russischer Juden mir erzählen, wie ich mein Land regieren soll, wenn sie nicht einmal meine Sprache richtig sprechen können.«

»Dein Land!« rief Bert. »Aber, du Esel, du hast ja gar kein Land. Das ist ja nur etwas, das die Leute, die von Bestechung leben, dir erzählen, sooft sie dich noch mehr plündern wollen.«

»Aber dann dürfen wir nicht mehr für die Männer stimmen, die von Bestechung leben«, ereiferte Billy sich. »Wenn wir ehrliche Männer wählten, würden sie auch ehrlich gegen uns sein.«

»Ich wünschte, du kämest manchmal zu unsern Versammlungen, Billy«, sagte Tom ernst. »Wenn du das tätest, würden dir die Augen geöffnet werden, und du würdest bei der nächsten Wahl für die Sozialisten stimmen.«

»Nein, das tue ich nicht, darauf kannst du Gift nehmen«, erklärte Billy. »Ich laufe nicht zu Sozialistenversammlungen, ehe sie gelernt haben, wie weiße Männer zu reden.«

Bert summte:

»Wir leben in einer komischen Zeit,
In der der Dollar rollt.«

Mary war zu zornig auf ihren Mann wegen des Streiks und seiner ketzerischen Bemerkungen, um sich weiter mit Saxon zu unterhalten, die deshalb darauf angewiesen war, der Unterhaltung der Männer zuzuhören.

»Aber wo soll das alles enden?« fragte sie mit einer Unbesorgtheit, welche die Angst in ihrem Herzen verdecken sollte.

»Enden?« knurrte Bert. »Es ist ja schon vorbei.«

»Aber Fleisch und Petroleum sind schon wieder gestiegen«, sagte sie empört. »Und Billys Lohn ist herabgesetzt und der Lohn der Eisenbahner auch voriges Jahr. Es muß etwas geschehen.«

»Es ist nichts zu tun, als wie der Teufel zu kämpfen«, antwortete Bert. »Kämpfen und kämpfend untergehen. Das ist alles. Wie es auch gehen mag, wir sind erledigt, aber wir wollen doch wenigstens ein bißchen Vergnügen davon haben.«

»So darf man nicht reden«, sagte Tom vorwurfsvoll.

»Die Zeit, da Reden einen Zweck hatte, ist überhaupt vorbei, alter Wetterhahn. Jetzt heißt es kämpfen.«

»Ja, und du hättest große Aussichten gegen reguläre Truppen und Maschinengewehre«, antwortete Billy.

»Ach, ich meine nicht so. Es gibt etwas wie schmierige Stöcke, die mit großem Lärm in die Luft fliegen und Löcher machen. Es gibt etwas, das Schmirgel heißt –«

»Ach so«, fiel Mary ihm ins Wort, die Hände in die Hüften gestemmt. »So, das ist die Meinung. Dazu sollte der Schmirgel in deiner Westentasche also gebraucht werden?«

Ihr Mann antwortete nicht. Tom rauchte seine Pfeife mit besorgtem Ausdruck. Billy war sehr peinlich berührt. Das konnte man ihm ansehen.

»Das machst du doch nicht mit, Bert?« fragte er, und aus dieser Frage ging deutlich hervor, daß er ein Nein von seinem Freund erwartete.

»Natürlich mache ich mit, wenn du es durchaus wissen willst. Ich möchte sie in der Hölle sehen, wenn ich könnte – ja, die ganze Bande, ehe ich abhaue.«

»Er ist der richtige, blutdürstige Anarchist«, klagte Mary. »Leute wie er sind es, die McKinley und Garfield ermordet haben. Er wird noch gehängt werden. Ja, ihr werdet schon sehen, daß ich recht bekomme.«

»Es ist sein gewöhnlicher Unsinn«, tröstete Billy sie.

»Er will dich nur necken«, sagte Saxon beruhigend. »Er neckt immer so gern.«

Aber Mary schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es. Ich höre ihn im Schlafe reden. Er flucht und zieht vom Leder, daß es ganz schrecklich ist, und knirscht mit den Zähnen.«

Tom sagte etwas von Vernunft und Gerechtigkeit, und Bert wandte sich gegen ihn.

»Gerechtigkeit, sagst du, Gerechtigkeit? Ja, das ist auch so ein verfluchtes Hirngespinst. Soll ich dir zeigen, welche Gerechtigkeit es für die arbeitende Klasse gibt? Erinnert ihr euch an Forbes – J. Alliston Forbes, der das Alta-California-Verwaltungsinstitut ruinierte und zwei Millionen in seine eigene Tasche steckte? Gestern sah ich ihn in einem großen Auto, das geradeswegs in die Hölle fuhr. Was hat er bekommen? Acht Jahre. Wie lange hat er gesessen? Nicht einmal zwei. Ihm wurde die Strafe erlassen – aus Gesundheitsrücksichten. Gesundheitsrücksichten – ich will ihn gehängt sehen! Wir sind alle tot und verfault, ehe er abfährt. Da! Seht aus dem Fenster! Könnt ihr die Rückseite des Hauses sehen, wo das Geländer zerbrochen ist? Dort wohnt Danakers Witwe. Sie wäscht für andere. Ihr Mann wurde im Dienst der Eisenbahn getötet. Nicht einen Groschen Schadenersatz – Unvorsichtigkeit, Nachlässigkeit oder sonst ein Quatsch. Das kriegte sie bei den Gerichten heraus. Ihr Junge, Archie, war sechzehn Jahre alt. Er war ein richtiger kleiner Vagabund. Er brach in Fresno ein, und ein Betrunkener kam dabei um. Wollt ihr wissen, wieviel er erwischte? Zwei Dollar und achtzig Cent. Habt ihr verstanden – zwei Dollar – und – achtzig Cent. Und was versetzten die Richter ihm? Fünfzig Jahre. Er ist jetzt schon seit acht Jahren in San Quentin. Und dort bleibt er, bis er krepiert. Seine Mutter sagt, daß er Tuberkeln hat – die hat er im Gefängnis gekriegt. Aber niemand verschafft ihm die Freiheit. Ein Kerl wie Archie stiehlt einem Betrunkenen zwei Dollar und achtzig Cent und kriegt fünfzig Jahre dafür. J. Alliston Forbes beschwindelt die Alta um zwei Millionen und kriegt nicht einmal zwei Jahre. Wem gehört das Land nun, wenn ich fragen darf? Euch und Archie? Nein, euch weiß Gott nicht! J. Alliston Forbes!«

Mary, die an die Aufwasch trat, wo Saxon gerade den letzten Teller fertig hatte, band ihr die Schürze ab und küßte sie mit dem Mitgefühl, das nur Frauen füreinander hegen, wenn eine von ihnen bald Mutter sein soll.

»Na, setz dich, Kind. Du darfst dich nicht so ermüden – es ist noch lange bis dahin. Jetzt hol ich dir dein Nähzeug, und dann kannst du auf das Geschwätz der Männer hören. Aber höre nicht auf Bert. Er ist ganz verrückt.«

Saxon nähte und hörte zu, und Berts Gesicht wurde finster und bitter, als er das Kinderzeug sah, das sie auf dem Schoß hielt.

»Ja, so ist es!« rief er plötzlich. »Kinder in die Welt setzen, das könnt ihr, aber ihr habt nicht die geringste Gewähr dafür, daß ihr sie ernähren könnt.«

»Du hast heute wohl ordentlich eingeheizt?« lachte Tom.

Bert schüttelte den Kopf.

»Nun ja«, sagte Billy. »Was hilft es, sich die Laune zu verderben? Es ist doch sonst ein sehr braves Land.«

»Es war ein sehr braves Land«, antwortete Bert, »als wir alle noch Mohikaner waren. Aber jetzt nicht mehr. Wir sind betrogen. Wir sind in eine Ecke gedrängt. Wir haben unsere Ohrfeigen abgekriegt und sind rausgeschmissen. Meine Vorfahren haben für dieses Land gekämpft, das haben eure auch, alle. Wir gaben den Negern die Freiheit, töteten die Indianer, hungerten, froren und schwitzten und kämpften. Das Land hier gefiel uns. Wir rodeten es und bebauten es, legten Wege an und bauten Städte. Und es gab mehr als genug für uns alle. Und wir schlugen uns weiter dafür. Ich hatte zwei Onkel, die bei Gettysburg getötet wurden. Aber alle unsere Vorfahren hatten Bauernhöfe, Pferde und Vieh, auch Marys –«

»Und sie hätten klug daran getan, es festzuhalten«, warf sie ein.

»Ja, das ist sicher«, fuhr Bert fort. »Das ist es eben. Wir sind ausgeplündert. Wir konnten nicht mit falschen Karten spielen wie die andern. Wir sind die Weißen, die um die Ecke gegangen sind. Seht ihr, die Zeiten haben sich geändert. Und es gab zweierlei Menschen – Löwen und Pferde. Die Pferde rackerten sich ab, und die Löwen fraßen. Sie fraßen die Farmer, die Minen, die Fabriken und jetzt haben sie auch die Regierung gefressen. Wir sind geschunden. Versteht ihr?«

»Aus dir könnte ein guter Volksredner werden«, meinte Tom, »wenn du nur ein bißchen mehr Form hineinkriegen könntest.«

»Es klingt sehr richtig, Bert«, sagte Billy, »ist es aber nicht. Jeder kann heute reich werden.«

»Ja, oder Präsident der Vereinigten Staaten«, sagte Bert gereizt – »gewiß kann man es. Aber ich habe noch nicht gehört, daß du Aussicht zum Millionär oder zum Präsidenten hast. Warum nicht? Weil du nicht vom rechten Schlage bist. Du bist ein Pferd! Ein armes Tier, das ist es. Weg mit dir! Weg mit uns allen!«

Beim Mittagessen sprach Tom von den Freuden des Landlebens, das er als Knabe und junger Mann gekannt hatte. Und er vertraute ihnen an, daß es sein Traum sei, wegzugehen und ein Stück Boden zu pachten, wie seine Vorfahren es getan hatten. Aber leider war Sarah, wie er erklärte, so festgewurzelt, daß es sein Traum bleiben mußte.

Etwas später, als Bert gerade wieder mit seinem Lamento angefangen hatte, ertappte Billy sich dabei, wie er Vergleiche anstellte. Dieses Haus war nicht wie sein Heim. Hier war keine angenehme Atmosphäre. Es war, als läge keine Harmonie über allem. Er dachte daran, daß die Frühstücksteller noch nicht aufgewaschen waren, als sie kamen. Männer beachten selten solche Einzelheiten, und er tat es sonst auch nicht. Aber er hatte doch durch tausend Dinge im Laufe des Vormittags den festen Eindruck erhalten, daß Mary als Hausfrau nicht so tüchtig war wie Saxon. Ja, das war eine Frau! Aber seine Gedanken wurden durch Bert unterbrochen.

»Heh, Billy, ich glaube, du denkst, daß ich verärgert bin. Gewiß. Das bin ich. Ich habe meine Erfahrungen gemacht. Du bist immer Kutscher gewesen und hast ein schönes Geld mit deinem Boxen verdient. Du hast keinen Streik durchgemacht, du hast keine alte Mutter zu versorgen gehabt und warst daher nicht gezwungen, ihretwegen jede Arbeit zu übernehmen. Erst als sie tot war, konnte ich tun und lassen, was ich wollte.

Zum Beispiel, als ich es bei der Straßenbahn versuchte, ja, da könnt ihr sehen, was ein Arbeitstier sich gefallen lassen muß. Der Oberchinese mißt mich von Kopf bis zu Fuß, stellt eine Menge Fragen und gibt mir ein Formular zum Ausfüllen. Ich fülle es aus und bezahle einem Doktor, zu dem sie mich schicken, einen Dollar, damit er mir ein Attest gibt. »Ich arbeitete nur einen Monat. Dann organisierten wir uns, und sie sprengten die Gewerkschaft, so daß es aus war.«

»Und ebenso wird die Eisenbahn eure Gewerkschaften sprengen, wenn ihr streikt, ihr Idioten!« erklärte Mary.

»Das hab ich ja die ganze Zeit gesagt«, sagte Bert. »Wir haben nicht die geringste Aussicht.«

»Aber warum tut ihr es dann?« fragte Saxon.

Er sah sie einen Augenblick mit einem merkwürdig erloschenen Blick an und antwortete dann:

»Warum wurden meine beiden Onkel bei Gettysburg getötet?«

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