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Tal des Mondes

Jack London: Tal des Mondes - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleTal des Mondes
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid22343d03
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Die Pferde, die häufig rasten durften und von der Anstrengung schäumten, hatten den steilen Weg nach dem Moragatal erklommen, und dort, wo es auf der einen Seite zu den Contra-Costa-Höhen hinaufging, senkte sich der Weg plötzlich in die grüne, sonnenbeschienene Stille des Riesentannen-Canyons.

»Sag, ist das nicht herrlich?« fragte Billy, indem er eine Handbewegung machte, die die Bäume, das rieselnde Geräusch des Wassers, das man nicht sah, und das sommerliche Summen der Bienen umfaßte.

»Herrlich«, gab Saxon zu. »Da möchte ich schon auf dem Lande wohnen, was ich noch nie getan habe.«

»Ich auch nicht, Saxon. Ich habe nie in meinem Leben auf dem Lande gewohnt, obwohl meine Familie von dort stammt.«

»Damals gab es noch keine Städte, alle wohnten auf dem Lande.«

»Da hast du sicher recht«, nickte er. »Sie mußten auf dem Lande wohnen.«

Das leichte Fuhrwerk hatte keine Bremse, und Billys Aufmerksamkeit wurde jetzt ganz davon in Anspruch genommen, die Pferde den steilen, gewundenen Weg hinabzulenken. Saxon lehnte sich zurück und schloß mit einem Gefühl unsagbaren Wohlbehagens die Augen.

»Was gibt es?« fragte Billy schließlich nach einem Weilchen unruhig. »Dir ist doch nicht schlecht?«

»Es ist so herrlich, daß ich mich fürchte, es anzusehen. Es ist so stolz, daß es schmerzt.«

»Stolz? Das klingt doch merkwürdig.«

»Vielleicht. Aber so fühle ich es. Es ist stolz. Weder die Häuser noch die Straßen oder sonst etwas von der Stadt ist stolz. Aber dies hier ist es. Ich weiß nicht, warum. Aber es ist so.«

»Ich glaube fast, du hast recht«, rief er. »Jetzt, da du es sagst, fällt es mir auf. Dies hier ist weder Sport noch Streik, weder Schiebung noch Lüge. Die Bäume hier stehen aufrecht, natürlich und redlich wie junge Kerle da, die zum erstenmal im Ring sind, ehe sie lernen, zu schieben und dem Sportteufel und anderm faulen Zauber zu opfern. Ja, es ist stolz. Weißt du, Saxon, du kannst wirklich sehen.« Er schwieg beinahe demütig, betrachtete sie aber mit einem so zärtlichen Blick, daß ein verräterisches Zittern ihren ganzen Körper durchflog. »Weißt du, ich möchte, daß du mich einmal boxen sähest. In einem richtigen Kampf, wo immerzu etwas geschähe. Ich wäre mächtig stolz darauf, wenn du zusähest. Ich würde gewinnen, glaube ich, wenn du zusähest und alles verständest. Das sollte ein Kampf werden, glaube mir. Und merkwürdig, ich habe noch nie in meinem Leben gewünscht, daß eine Frau mich kämpfen sehen sollte. Sie schreien und kreischen und verstehen nichts davon. Aber du würdest es verstehen. Sicher, du würdest es verstehen.«

Als sie kurz darauf in die Talsohle einbogen und durch die Rodung fuhren, wo die Bauernhöfe lagen und das reife Getreide golden im Sonnenschein stand, wandte Billy sich wieder zu Saxon.

»Sag mal, du bist natürlich oft verliebt gewesen. Wie ist es damit?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich bildete mir nur ein, verliebt zu sein, und nicht oft!«

»Doch, oft!« rief er.

»Nie im Ernst«, versicherte sie, während sie sich im stillen über die Eifersucht freute, die er, ohne es zu wissen, verriet. »Ich bin nie im Ernst verliebt gewesen. Wäre ich es, dann würde ich jetzt verheiratet sein. Denn wenn ich in einen Mann verliebt wäre, was sollte ich anders tun, als ihn heiraten?«

»Aber gesetzt, er wäre nicht in dich verliebt?«

»Ach, ich weiß nicht.« Sie lächelte, aber nicht ohne ein gewisses Selbstgefühl. »Ich glaube fast, ich müßte ihn dazu bringen können, sich in mich zu verlieben.«

»Ja, das glaube ich auch«, erklärte Billy begeistert.

»Aber leider«, fuhr sie fort, »machte ich mir nie etwas aus den Männern, die in mich verliebt waren. – Ach, sieh!«

Ein Kaninchen war über den Weg gelaufen und hinterließ eine dünne Staubwolke, die wie ein Rauchstreifen den Weg seiner Flucht bezeichnete. Bei der nächsten Biegung stieg ein Volk Rebhühner gerade vor der Nase der Pferde auf. Billy und Saxon brachen in lauten Jubel aus.

»Großer Gott«, sagte er, »ich wünschte förmlich, daß ich Bauer geworden wäre. Wir Menschen sind nicht dazu geschaffen, in Städten zu leben.«

»Jedenfalls nicht Menschen wie wir«, räumte sie ein. Und nach einer kurzen Pause fügte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Alles ist hier so schön. Es müßte wie ein Traum sein, sein ganzes Leben hier zu leben. Ich wünschte manchmal, ich wäre eine Indianerin.«

Billy wollte ein paarmal etwas sagen, bezwang sich aber immer wieder im letzten Augenblick. Endlich kam es.

»Aber diese Burschen, die in dich verliebt waren. Von denen hast du mir nichts erzählt.«

»Möchtest du das so gern wissen«, fragte sie. »Es hat gar keine Bedeutung.«

»Selbstverständlich möchte ich es gern wissen. Los! Erzähle.«

»Schön. Zuerst war da Al Stanley –«

»Was war der?« fragte Billy halb gebieterisch.

»Er war Spieler.«

Billys Gesicht verzog sich, und sie konnte sehen, wie sich der Zweifel in dem schnellen Blick, den er ihr sandte, sammelte.

»Ja, es ist wahr«, lachte sie. »Ich war erst acht Jahre alt. Du siehst, daß ich mit dem Anfang beginne. Nach dem Tode meiner Mutter nahm Cady mich zu sich. Er hatte ein Hotel und eine Wirtschaft. Es war in Los Angeles, ein ganz kleines Hotel, wo die Eisenbahnarbeiter und dergleichen Leute verkehrten. Und ich glaube, daß Al Stanley von ihrem Lohn lebte. Er war so hübsch und so ruhig und hatte eine so weiche Stimme. Und sehr schöne Augen hatte er und die weichsten, weißesten Hände. Ich sehe sie noch vor mir. Er spielte manchmal nachmittags mit mir, gab mir Bonbons und kleine Geschenke. In der Regel verschlief er den größten Teil des Tages. Damals wußte ich nicht, weshalb. Ich glaubte, er wäre etwas wie ein verkleideter Prinz. Und dann wurde er in der Schankstube getötet. Aber vorher tötete er den Mann, der ihn tötete. So endete diese Liebesgeschichte.

Der nächste kam, als ich das Asyl verlassen hatte – ich war damals dreizehn Jahre alt und wohnte bei meinem Bruder – wir haben seitdem immer zusammen gewohnt. Es war ein Junge, der einen Bäckerwagen fuhr. Ich traf ihn fast jeden Morgen auf dem Schulweg. Er kam zu der Zeit durch die Wood Street und bog in die Zwölfte ein. Vielleicht war es der Umstand, daß er mit einem Pferd fuhr, was mich anzog. Was es auch war, jedenfalls war ich ein paar Monate lang in ihn verliebt. Dann verlor er seine Stellung oder was sonst geschah –, jedenfalls fuhr von jetzt an ein anderer Junge den Bäckerwagen. Und wir gelangten nicht einmal so weit, daß wir miteinander sprachen.

Der dritte kam, als ich sechzehn Jahre alt war, er war Buchhalter. Es scheint fast, daß ich zu Buchhaltern passe. Der, den Charley Long überfiel, war auch Buchhalter. Diesen traf ich, als ich in Hickmeyers Fabrik arbeitete. Er hatte auch weiche Hände. Aber ich hatte bald genug von ihm. Er war – nun ja, er war so wie dein Chef. Und offen gestanden, Billy, ich war nie ernsthaft in ihn verliebt. Ich fühlte von Anfang an, daß er nicht war, wie er sein sollte. Und als ich in der Kartonagenfabrik arbeitete, glaubte ich eine Weile, in einen Kommis aus Kahns Warenhaus, du weißt, in der Elften Avenue, verliebt zu sein. Er war ungeheuer korrekt. Das eben war das Langweilige an ihm. Er war zu korrekt – gar kein richtiger Mann. Aber er wollte mich zur Frau haben. Das war mir noch nicht einmal aufgegangen. Das beweist, daß ich nicht in ihn verliebt war. Er war schmalbrüstig und mager, und seine Hände waren immer kalt und feucht. Aber du großer Gott, wie er gekleidet ging! Wie aus einem Modejournal ausgeschnitten. Er sagte, er wolle ins Wasser gehen und dergleichen, aber ich machte doch Schluß.

Und danach ... ja, danach gibt es nichts mehr. Ich war vielleicht etwas anspruchsvoll geworden, aber ich traf keinen, in den ich mich hätte verlieben können. Mit den Männern, denen ich begegnete, war es eher eine Art Spiel oder Kampf. Und keiner von uns kämpfte ganz ehrlich. Charley Long, der war allerdings ehrlich, und der Bankkassierer übrigens auch. Aber die ließen mich nur desto stärker fühlen, wie schwer der Kampf war.«

Sie hielt inne und betrachtete aufmerksam sein reines Profil, während er auf die Pferde achtete. Plötzlich sah er sie forschend an, und sie lächelte ihn schläfrig an, während sie die Arme reckte.

»Ja, das ist alles«, schloß sie. »Ich habe dir alles erzählt, was ich noch nie einem Menschen erzählt habe. Und jetzt bist du an der Reihe.«

»Da ist nicht viel zu erzählen, Saxon. Ich habe mir nie etwas aus Mädchen gemacht – ich meine, nicht so, daß ich sie hätte heiraten mögen. Ich habe mir immer mehr aus Männern gemacht – aus solchen wie Billy Murphy. Außerdem hatte ich zuviel mit Trainieren und Boxen zu tun, als daß ich Zeit gehabt hätte, mich um Mädchen zu kümmern. So sicher ich nicht ganz gewesen bin, wie ich hätte sein sollen – du verstehst, was ich meine – so sicher habe ich noch zu keinem Mädchen von Liebe gesprochen.«

»Aber die Mädchen sind doch in dich verliebt gewesen«, neckte sie ihn, während ihr Herz vor verwunderter Freude über sein keusches Geständnis schwoll. »Nun ja, dafür konnte ich nichts«, sagte er nachdenklich. »Du weißt nicht, Saxon, wie sie einem Boxer nachlaufen. Aber der Mann, der sich so von ihnen in die Tasche stecken läßt, ist ein guter Dummkopf.«

»Vielleicht bist du ein Mensch, der sich gar nicht verlieben kann«, meinte sie herausfordernd.

»Kann sein«, lautete seine wenig ermutigende Antwort. »Jedenfalls kann ich es mir nicht gut denken, mich in ein Mädchen, das es darauf anlegt, zu verlieben.«

»Meine Mutter sagte stets, Liebe sei die größte Macht in der Welt«, sagte Saxon. »Sie schrieb auch Gedichte darüber. Einige davon wurden im ›San José Mercury‹ veröffentlicht.«

»Und was meinst du dazu?«

»Oh, ich weiß nicht«, warf sie leicht hin, begegnete aber seinem Blick mit einem neuen trägen Lächeln. »Ich weiß nur. daß es gut ist, einen Tag wie diesen zu erleben.«

»Mit einer Ausfahrt wie heute – ja, da hast du recht« fügte er schnell hinzu.

 

Um ein Uhr bog Billy von der Landstraße ab und fuhr in eine Lichtung unter den Bäumen. »Hier essen wir«, verkündete er. »Ich dachte, es wäre besser, selbst das Frühstück zu machen, als in einem Wirtshaus an der Landstraße zu essen. Und jetzt will ich die Pferde abschirren. Wir haben massenhaft Zeit. Wir können den Frühstückskorb auspacken.«

Als Saxon den Korb ausgepackt hatte, war sie über seine Verschwendung entsetzt. Sie holte ein verblüffendes Arsenal von Butterbroten mit Schinken, Krabbensalat, hartgekochten Eiern, Schweinsfüßen in Gelee, reifen Oliven, Essiggurken in Dill, Schweizerkäse, Salzmandeln, Apfelsinen, Ananas und mehrere Flaschen Bier hervor. Nicht allein die Menge verblüffte sie, sondern auch die Vielfältigkeit. Es machte auf sie den Eindruck, als hätte er kühn versucht, ein ganzes Delikatessengeschäft aufzukaufen.

»Es war doch nicht nötig, soviel zu kaufen«, sagte sie, als sie sich neben ihn gesetzt hatte. »Das ist ja genug für ein Dutzend Maurer.«

»Aber es ist gut, nicht wahr?« fragte er.

»Ja«, gab sie zu. »Nur zuviel.«

»Dann ist es also richtig«, entschied er. »Ich habe immer gern alles reichlich. Laß uns mit einem Schluck Bier den Staub aus dem Hals spülen, ehe wir uns ans Essen machen. Sei vorsichtig mit den Gläsern. Ich muß sie zurückgeben.«

Als sie mit dem Essen fertig waren, legte er sich auf den Rücken, rauchte eine Zigarette und fragte sie nach ihrer Vergangenheit aus. Sie hatte ihm gerade von ihrem Leben im Hause ihres Bruders erzählt, wo sie viereinhalb Dollar wöchentlich bezahlte. Mit fünfzehn Jahren hatte sie die Gemeindeschule verlassen und dann Arbeit in der Jutefabrik für vier Dollar wöchentlich gefunden, von denen sie Sarah drei bezahlte.

»Aber dieser Gastwirt?« fragte Billy. »Wie ging es zu, daß er dich zu sich nahm?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß es eigentlich nicht – vielleicht, weil es der Familie schlecht ging. Sie schienen nicht weiterkommen zu können. Sie konnten sich gerade durchschlagen, aber mehr auch nicht. Cady – der Gastwirt – hatte in der Kompagnie meines Vaters gestanden, und er schwor auf Kapitän Kit, das war der Spitzname meines Vaters. Mein Vater hatte die Ärzte verhindert, ihm das Bein zu amputieren, und das vergaß er ihm nie. Er verdiente viel Geld mit seinem Hotel und seiner Wirtschaft, und später erfuhr ich, daß er geholfen hatte, die Ärzterechnungen für meine Mutter und ihre Beisetzung neben meinem Vater zu bezahlen. Ich hätte eigentlich bei Onkel Will leben sollen – das war der Wunsch meiner Mutter; aber es hatte Unruhen in den Venturabergen gegeben, wo er eine Viehranch hatte, und einige Männer waren getötet worden. Es war etwas mit der Markscheide, Viehhürden oder dergleichen, und wie es nun zuging, jedenfalls kam er ins Gefängnis und saß lange, und als er herauskam, hatten die Rechtsanwälte ihm seine Farm genommen. Er war damals schon alt und gebrochen, seine Frau wurde krank, und er bekam eine Stellung als Nachtwächter für vierzig Dollar den Monat. Er konnte also nichts für mich tun, und so nahm Cady mich zu sich.

Cady war ein guter Mann, wenn er auch nur Gastwirt war. Seine Frau war groß und hübsch, und ich glaube, sie war nicht, wie sie sein sollte – das habe ich später gehört. Aber zu mir war sie gut. Als er starb, ging sie ganz vor die Hunde, und dann kam ich ins Waisenhaus. Da war es nicht gerade angenehm, und ich war drei Jahre lang dort. Dann aber hatte Tom sich verheiratet und feste Arbeit bekommen, und er nahm mich heraus, und seitdem habe ich stets für mein tägliches Brot arbeiten müssen.«

Sie sah traurig über die Felder hinaus, bis ihr Blick auf einem Gatter haften blieb, an dem flammender Mohn wuchs. Billy, der auf dem Rücken gelegen, zu ihr aufgesehen und seinen Blick mit Wohlbehagen auf dem feinen Oval des schmalen Mädchenantlitzes hatte ruhen lassen, streckte jetzt langsam die Hand aus und murmelte: »Armes Tierchen.«

Seine Hand schloß sich im innigen Mitgefühl um ihren rechten Unterarm, und als ihr Blick den seinen suchte, las sie sowohl Überraschung wie Freude darin.

»Nein«, sagte er, »wie kühl deine Haut ist. Fühl mich an, ich bin immer warm. Fühl meine Hand an.«

Die Hand war warm und feucht, und jetzt bemerkte sie auch winzige Schweißperlen auf seiner Stirn und seiner glattrasierten Oberlippe.

»Aber, Lieber, du bist ja ganz verschwitzt.«

Sie beugte sich über ihn und wischte ihm mit ihrem Taschentuch Stirn und Lippen und dann die Handflächen ab.

»Ich atme durch die Haut, glaube ich«, erklärte er. »Die klugen Leute auf dem Trainingsplatz und in den Turnsälen sagen, daß das gute Gesundheit bedeutet. Aber augenblicklich schwitze ich doch mehr als gewöhnlich. Komisch, nicht wahr?«

Um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen, hatte sie ihren Arm freimachen müssen; als sie aber fertig war, nahm er ihn wieder.

»Aber wie kühl doch deine Haut ist«, wiederholte er mit derselben Bewunderung als früher. »Und so weich wie Samt und so glatt wie Seide anzufühlen.«

Sanft und untersuchend ließ er seine Hand von ihrem Handgelenk bis zum Ellbogen und wieder zurück gleiten. Der lange Vormittag im Sonnenschein hatte sie müde und schläfrig gemacht; sie gab sich dem Wohlbehagen hin, das sie bei dieser Berührung fühlte, und ertappte sieh dabei, wie sie sich halb träumend sagte, daß hier der Mann war, den sie lieben konnte, ihn, seine Hände und seinen ganzen Körper.

Sanft ließ er seine Hand ihren Arm hinaufgleiten, und während sie auf seine Lippen sah, dachte sie an das bange Beben, das sie bei ihrer ersten Begegnung gefühlt hatte.

»Sprich weiter«, fuhr er nach etwa fünf Minuten seligen Schweigens fort. »Ich sehe so gern deine Lippen, wenn du sprichst. Es ist merkwürdig, aber jede Bewegung, die du machst, ist wie ein kleiner Kuß.«

»Wenn ich etwas sage, so weiß ich nicht, ob es dir gefallen wird.«

»Nur los«, drang er in sie. »Du kannst nichts sagen, was mir nicht gefiele.«

»Nun ja, drüben an der Hecke steht Mohn, den ich gern pflücken möchte.«

»Ich lasse dich gleich los«, lachte er. »Aber ich will dir etwas sagen – du mußt ›Wenn die Tage des Herbstes vorbei‹ singen und mich dabei den andern deiner kühlen Arme halten lassen, und dann fahren wir.«

Als sie das Lied gesungen hatte, befreite sie ihren Arm und erhob sich.

Die Sonne ging schon unter, als sie in einem großen Bogen nach Osten und Süden die Wasserscheide der Contra-Costa-Berge erreichten und den langen Hügel, der an Redwood Peak vorbei nach Fruitvale führte, hinabzufahren begannen. Unter ihnen glitt die flache Küste in die Bucht hinaus, wie ein Schachbrett in Felder und Städte eingeteilt – Elmhurst, San Leandro und Haywards. Der Rauch von Oakland verschleierte den westlichen Horizont wie ein dunkler Nebel, und auf der andern Seite der Bucht sahen sie San Franzisko.

Die Dunkelheit senkte sich auf sie herab, und Billy war so merkwürdig schweigsam. In der letzten halben Stunde hatte er anscheinend ihr Dasein ganz vergessen, nur daß er einmal sie und sich zum Schutz gegen den kalten Abendwind fester in die Decke wickelte. Saxon saß eng neben ihm. Die Wärme ihrer Körper vermischte sich, und ein inniges Gefühl von Ruhe und Freude überkam sie.

»Hör mal, Saxon«, begann er plötzlich. »Es hat keinen Zweck, daß ich länger schweige. Ich hab es den ganzen Tag auf den Lippen gehabt – seit dem Frühstück. Was meinst du dazu, mich zu heiraten?«

Sie wußte – und es war Sicherheit und Freude in dem Gefühl –, daß es sein Ernst war. Instinktiv aber fühlte sie den Drang, ihn zurückzuhalten, ihn ein wenig zu quälen, sich kostbar und dadurch noch begehrenswerter zu machen, ehe sie nachgab. Außerdem waren ihr Feingefühl und ihr weiblicher Stolz ein wenig verletzt. Billys Draufgängertum war beinahe abstoßend. Aber doch sehnte sie sich wieder schrecklich nach ihm – wie sehr, wußte sie erst jetzt.

»Nun, so sag doch etwas, Saxon. Laß es mich wissen, gut oder böse. Aber laß es mich wissen. Und noch eins. Denk daran, daß ich dich liebe. Bei Gott, ich liebe dich ganz wahnsinnig, Saxon. Natürlich, das muß ich ja, wenn ich dich frage, ob du mich heiraten willst; denn das habe ich noch nie ein Mädchen gefragt.«

Wieder trat Schweigen ein, und Saxon fühlte, wie ihre Gedanken um den warmen, zitternden Körper unter der Decke zu kreisen begannen. Als sie merkte, wo diese Gedanken sie hinführen wollten, wurde sie in der Dunkelheit glühend rot.

»Wie alt bist du, Billy?« fragte sie so unerwartet, daß er jetzt ebenso verblüfft war, wie sie bei seinen ersten Worten gewesen.

»Zweiundzwanzig«, antwortete er.

»Ich bin vierundzwanzig.«

»Als ob ich das nicht wüßte! Wenn ich weiß, wie alt du warst, als du das Waisenhaus verließest, und wie lange du in der Jutefabrik, in der Konservenfabrik, in der Kartonagenfabrik und in der Plätterei arbeitetest, glaubst du, ich könnte das nicht zusammenrechnen? Ich wußte dein Alter bis auf deinen Geburtstag genau.«

»Das ändert nichts an der Tatsache, daß ich zwei Jahre älter bin.«

»Und wenn schon? Wenn das etwas zu bedeuten hätte, so würde ich dich nicht lieben, nicht wahr? Deine Mutter hatte recht. Liebe ist alles. Nur darauf kommt es an. Kannst du das nicht einsehen? Ich liebe dich, und ich muß dich haben. Das ist doch so natürlich, sollte ich meinen. Es gibt keine andere Möglichkeit, Saxon, ich muß dich haben, und Gott weiß, mein innigster Wunsch ist, daß auch du mich haben möchtest. Mag sein, daß meine Hände nicht so weich sind wie die des Buchhalters und die des Kommis, aber sie können für dich arbeiten und sich für dich schlagen wie der Teufel, und, Saxon, sie können dich lieben.«

Der instinktive Trieb, sich zu wehren, den sie bisher stets Männern gegenüber gefühlt hatte, schien diesmal verschwunden zu sein. Dies war kein Kampf. Es war, worauf sie gewartet, wovon sie geträumt hatte. Billy gegenüber war sie wehrlos. Sie konnte ihm nichts abschlagen. Und aus diesem großen Gefühl erwuchs ein anderes, das noch größer war – er war nicht so.

Sie sagte nichts. Aber während ihr eine Flamme durch Leib und Seele schoß, legte sie ihre Hand auf seine Linke und versuchte, sie von den Zügeln fortzuziehen. Er verstand das nicht; als sie aber nicht losließ, legte er die Zügel in die rechte Hand und ließ ihr mit der andern ihren Willen. Sie beugte sich darüber und küßte die harte Haut in seiner Kutscherfaust.

Einen Augenblick saß er wie vom Himmel gefallen da.

»Ist das wahr?« stammelte er.

Statt zu antworten, küßte sie zum zweitenmal seine Hand und murmelte:

»Ich liebe deine Hände, Billy. In meinen Augen sind es die schönsten Hände der Welt, und ich brauchte viele Stunden, um dir alles zu sagen, was sie mir bedeuten.«

»Prrr!« sagte er zu den Pferden.

Er brachte sie zum Stehen, sprach ihnen beruhigend zu und befestigte die Zügel am Peitschenstiel. Dann wandte er sich zu ihr, umschlang sie mit den Armen und drückte seine Lippen auf die ihren.

»Ach, Billy, ich will dir eine gute Frau sein«, schluchzte sie, als er sie losließ.

Er küßte ihre nassen Augen und fand ihre Lippen wieder.

»Jetzt weißt du, woran ich dachte, und warum ich so schwitzte beim Lunch. Ich konnte es nicht länger aushalten, ich mußte es dir sagen. Du weißt ja, daß du mir vom ersten Augenblick an gefielst.«

»Und ich glaube, ich habe dich auch vom ersten Tage an geliebt, Billy. Ich war den ganzen Tag so stolz auf dich, denn du warst so gut, rücksichtsvoll und so stark, und alle Männer hatten solchen Respekt vor dir, und die Mädchen waren in dich verliebt. Einen Mann, auf den ich nicht stolz wäre, könnte ich weder lieben noch heiraten. Und ich bin so stolz auf dich, ach, so stolz.«

»Nicht halb so stolz, wie ich es selber jetzt auf mich bin«, antwortete er, »und zwar, weil ich dich gewonnen habe. Das ist alles zu schön, um wahr zu sein, und in zwei Minuten wird vielleicht der Wecker rasseln und mich wecken. Nun, selbst wenn es so ist, so will ich doch jedenfalls so viel wie möglich von diesen beiden Minuten haben.«

Er schloß sie in seine Arme und. preßte sie so an sich, daß es fast schmerzte. Nach einer kleinen Weile, die für sie wie eine ewige Seligkeit war, ließ er sie los, und es war, als müßte er sich gewaltsam hierzu aufraffen.

»Und noch hat die Uhr nicht geweckt«, flüsterte er an ihrer Wange. »Und es ist dunkle Nacht, und dort vor uns liegt Fruitvale und stehen King und Prince mitten auf dem Wege. Ich kann dich nicht loslassen, und wir haben noch ein Stück zu fahren. Gift und Galle, aber wir müssen weiter.«

Er ließ sie ganz los, stopfte die Decke um sie fest und gab den ungeduldigen Pferden einen kleinen Schmitz mit der Peitsche.

Eine halbe Stunde später sagte er: »Prrr!«

»Jetzt weiß ich, daß ich wach bin, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich all das andere nicht geträumt habe, und ich muß meiner Sache sicher sein.«

Und wieder machte er die Zügel fest und schloß sie in seine Arme.

 

Die Tage vergingen Saxon im Fluge. Sie arbeitete wie gewöhnlich in der Plätterei und leistete sogar noch mehr Überarbeit als sonst, aber jede Stunde, die sie frei hatte, war den Vorbereitungen zu der großen Veränderung und – Billy gewidmet. Als allsiegender Liebender von Gottes Gnaden hatte er bestimmt verlangt, daß sie schon am Tage nach dem Antrag ihre Hochzeit feiern sollten, und mehr als eine Woche Aufschub weigerte er, zu bewilligen.

»Warum sollten wir warten?« fragte er. »Wir werden nicht jünger, und denk an alles, was wir uns mit jedem Tage, den wir warten, entgehen lassen.«

Zuletzt gab er sich mit einem Monat zufrieden, und das war ein Glück, denn vierzehn Tage darauf wurde er mit einem Dutzend anderer Kutscher nach den großen Ställen von Corberly & Morrison in West-Oakland versetzt. Damit erübrigte sich alles Wohnungssuchen am anderen Ende der Stadt, und sie wählten die Pine Street in unmittelbarer Nähe von den Werkstätten der Süd-Pazifik-Bahn, wo Billy und Saxon ein hübsches Häuschen mit vier kleinen Zimmern für zehn Dollar monatlich mieteten.

»Das nenne ich geschenkt, wenn ich daran denke, wie ich für die Löcher, in denen ich bisher wohnte, bluten mußte«, erklärte Billy. »Für das zum Beispiel, das ich zur Zeit bewohne – es ist nicht einmal so groß wie das kleinste von diesen – bezahle ich sechs Dollar monatlich.«

»Aber es ist möbliert«, wandte Saxon ein. »Das ist der Unterschied. Verstehst du?«

Aber das verstand Billy nicht.

»Mit meiner Gelehrsamkeit ist es nicht weit her, Saxon. Aber ein einfaches Rechenexempel kann ich doch lösen. Es ist schon vorgekommen, daß ich meine Uhr versetzen mußte, wenn ich in der Klemme war, und ich weiß, was Zinsen sind. Wieviel, meinst du, wird es kosten, das Haus hier zu möblieren, mit Teppichen auf dem Fußboden, Linoleum in der Küche und allem andern?«

»Für dreihundert Dollar können wir es wirklich hübsch machen«, antwortete sie. »Ich habe darüber nachgedacht und glaube bestimmt, daß es dafür zu machen ist.«

»Dreihundert«, murmelte er und runzelte die Stirn vor lauter Eifer. »Dreihundert, sagen wir, zu sechs Prozent. Das macht sechs Cent auf einen Dollar, sechzig Cent auf zehn Dollar, sechs Dollar auf hundert Dollar. Kannst du sehen, daß ich fabelhaft mit zehn multiplizieren kann? Jetzt achtzehn durch zwölf, das macht einen Dollar fünfzig monatlich.« Er hielt inne, zufrieden, daß er seine Behauptung bewiesen hatte. Dann fiel ihm etwas anderes ein. »Ho! Wir sind noch nicht fertig. Was machen die Zinsen, wenn man vier Zimmer möbliert. Also – was macht ein Dollar fünfzig durch vier?«

»Fünfzehn durch vier – drei und drei im Kopf«, begann Saxon mit großer Zungenfertigkeit. »Dreißig durch vier sind sieben, achtundzwanzig, zwei im Kopf, und zwei Viertel ist ein halb. Da hast du's.«

»Na ja, du scheinst es auch zu können.« Er besann sich einen Augenblick. »Ich bin nicht mitgekommen. Wieviel, sagst du, macht es?«

»Siebenunddreißigeinhalb Cent.«

»Schön. Laß uns jetzt sehen, wieviel man mir für mein eines Zimmer abgenommen hat. Zehn Dollar monatlich für vier Zimmer macht zweieinhalb für eines. Dazu siebenunddreißigeinhalb Cent für die Möbel, macht zwei Dollar und siebenundachtzigeinhalb Cent, abgezogen von sechs Dollar – –«

»Drei Dollar und zwölfeinhalb Cent«, warf sie hastig ein.

»Richtig! Um drei Dollar und zwölfeinhalb Cent werde ich also für das Zimmer, in dem ich wohne, betrogen. Da siehst du es! Es ist direkt eine Ersparnis, wenn man heiratet. Nicht wahr?«

»Aber die Möbel werden abgenutzt, Billy.«

»Ja, Teufel auch, daran dachte ich nicht. Das muß man selbstverständlich mitrechnen. Na, was denn! Es ist nun doch rein geschenkt, und Sonnabend mußt du sehen, daß du früh in der Plätterei fertig wirst, damit wir die Ausstattung kaufen können. Ich war gestern abend bei Salingers. Ich soll fünfzig anzahlen und den Rest mit zehn Dollar monatlich abtragen. Fünfundzwanzig Monate, dann gehört alles uns. Und vergiß nicht, Saxon, nimm und kauf alles, wozu du Lust hast – einerlei, was es kostet. Keine Knauserei, wenn es für dich und mich ist. Verstehst du?«

Sie nickte, und nichts in ihrem Gesicht verriet die Unzahl von Ersparnissen, die sie zu machen gedachte. Ein feuchter Glanz trat in ihre Augen.

»Du bist so gut zu mir, Billy«, murmelte sie und trat zu ihm, und seine Arme waren gleich bereit, sie zu empfangen.

»Also hast du es doch getan«, meinte Mary eines Morgens in der Wäscherei. Sie hatten noch keine zehn Minuten gearbeitet, als ihre Augen auch schon den Topasring am Ringfinger von Saxons linker Hand gesehen hatten. »Wer ist der Glückliche? Charley Long oder Billy Roberts?«

»Billy«, lautete die Antwort.

»Huh! Du willst also einen jungen Menschen haben, den du dir erziehen kannst?«

Saxons Gesicht zeigte deutlich, daß die boshafte Bemerkung getroffen hatte, und Mary bereute sie sofort.

»Kannst du keinen Spaß verstehen. Ich freue mich schrecklich. Billy ist ein fabelhafter Mann, und ich freue mich, daß er dich haben soll. Ihr seid wie für einander geschaffen, und du wirst eine bessere Frau für ihn sein als jede, die ich kenne. Wann steigt es?«

Ein paar Tage darauf traf Saxon Charley Long auf dem Heimweg von der Plätterei. Er versperrte ihr den Weg und begann, mit ihr zu reden.

»So, du gehst also mit einem Boxer?« knurrte er. »Wo das hinführt, kann man ja mit einem halben Auge sehen.«

Zum erstenmal in ihrem Leben hatte Saxon keine Furcht vor diesem schwergliedrigen dunklen Mann mit den schwarzen Brauen und den behaarten Händen und Fingern. Sie hob ihre linke Hand.

»Sieh her! Den konntest du mir nicht an den Finger stecken, so groß und stark du auch bist. Aber Billy Roberts konnte es – und das in weniger als einer Woche. Er hat dich besiegt, Charley Long, und mich obendrein. Er ist nicht so einer wie du. Er ist durch und durch ein Mann – ein feiner Mann mit einem reinen Leben.«

Long lachte heiser.

»Ich könnte dir vielleicht etwas anderes von ihm erzählen. Offen gesagt, Saxon, er ist nicht der, für den er sich ausgibt. Wenn ich erzählen wollte, was ich weiß –«

»Geh lieber«, unterbrach sie ihn, »sonst sage ich es ihm wieder, und du weißt, was es dann setzt, du großer Lümmel.«

Long verzog sich unwillig mit widerstrebenden, schleppenden Schritten.

»Ja, du bist gefährlich«, sagte er halb bewundernd.

»Das ist Billy Roberts auch«, lachte sie und ging weiter. Als sie ein Dutzend Schritte gegangen war, blieb sie stehen. »He!« rief sie.

Der große Mann machte sofort kehrt.

»An der Ecke«, sagte sie, »sah ich einen Mann mit einem Hüftschaden. Den solltest du niederschlagen.«

Eine einzige Ausschweifung erlaubte sich Saxon in ihrer kurzen Verlobungszeit. Sie opferte einen ganzen Tageslohn auf ein halbes Dutzend Kabinettphotographien von sich. Billy hatte erklärt, daß er nicht leben könnte ohne ein Bild von ihr, das er ansehen könnte, ehe er zu Bett ginge und sobald er des Morgens aufstände. Dafür war ihr Spiegel mit zwei Photographien von ihm geschmückt, einer im Werktagszeug und einer im Boxertrikot. Während sie die letztere ansah, fiel ihr die Geschichte ein, die ihre herrliche Mutter von den alten Sachsen und ihren Raubzügen an den Küsten Englands erzählt hatte. Aus der Kommode, die die Reise über die Prärie mitgemacht hatte, nahm sie eine ihrer teuren Reliquien – ein Poesiealbum, das ihrer Mutter gehört hatte, und in das viele gedruckte Verse aus der kalifornischen Pionierzeit eingeklebt waren. Es enthielt auch verschiedene Abbildungen von Gemälden und alten Holzschnitten aus Magazinen, die eine Generation oder länger zurücklagen.

Saxon blätterte mit geübten Fingern darin, bis sie das Bild fand, das sie suchte. Zwischen stolzen Felsen und unter einem grauen, wolkigen Sturmhimmel sah man ein Dutzend Boote, lange, schmale und dunkle Boote mit Steven wie gewaltige Vogelschnäbel, die an einem sandigen, schaumweißen Strand landen wollten. Die Männer in den Booten waren halbnackt, muskulös, abgehärtet und trugen Flügelhelme. Schwerter und Speere hielten sie in den Händen, und sie sprangen bis zu den Hüften in die Brandung und wateten an Land. Fellbekleidete Wilde, die jedoch nicht Indianern glichen, hatten sich in Scharen am Strande versammelt und gingen bis zu den Knien ins Wasser, um sie an der Landung zu verhindern. Die ersten Hiebe waren gewechselt, und hie und da sah man schon Tote und Verwundete in der Brandung. Ein blondlockiger Strandräuber lag über der Reling eines der Boote; der Pfeil in seiner Brust erzählte, daß er tot war. Aber über ihn hinweg sprang in das Wasser, das Schwert in der Hand, ihr Billy. Ein Irrtum war nicht möglich. Die verblüffende Blondheit, das Gesicht, die Augen, der Mund, es war Billy. Der Gesichtsausdruck war der Billys an jenem Festtage, als er den wilden Long in Schach hielt.

Von diesen kriegerischen Recken müssen Billys Vorfahren abstammen und meine auch, dachte sie, als sie das Buch schloß und wieder in die Kommode legte. Und irgendeiner dieser Vorfahren hatte eine alte mitgenommene Kommode verfertigt, die über das Salzmeer und die Prärie gereist und im Kampfe mit den Indianern bei Little Meadow von einer Kugel durchbohrt war. Sie meinte fast, die Frauen sehen zu können, die ihren Staat und ihre hausgewebten Beiderwandstoffe in diesen Laden aufbewahrt hatten – die Frauen dieser wandernden Geschlechter, die die Großmütter und Urgroßmütter und Urahnen ihrer eigenen Mutter gewesen waren. Nun ja, seufzte sie, es ist jedenfalls eine gute Rasse, von der man abstammt, eine Rasse, gleich geeignet für Arbeit und Kampf. Sie dachte, wie ihr Leben sich wohl gestaltet hätte, wenn sie eine Chinesin oder eine der kleinen, schwerfälligen, dunkelhäutigen Italienerinnen gewesen wäre, die sie so oft barhaupt oder mit bunten Kopftüchern gesehen hatte, wenn sie mit großen Treibholzlasten auf dem Kopfe vom Strande kamen. Dann mußte sie über ihre eigene Torheit lachen, sie dachte an Billy und das Vierzimmerhaus in der Pine Street und ging zu Bett, zum hundertsten Male den Kopf voll von Gedanken an die künftige Wohnung.

 

»Mein Gott, Bert! Du bist ja betrunken!« rief Mary vorwurfsvoll.

Zu viert saßen sie am Tisch in einem Zimmer bei Barnum. Das Hochzeitsmahl, das an sich recht einfach war, Saxon aber verschwenderisch erschien, war soeben beendet. Bert stand mit einem Glas kalifornischen Rotweins – von der Art, wie das Gasthaus ihn für fünfzig Cent die Flasche liefert – in der erhobenen Hand da und versuchte, eine Rede zu halten. Sein Gesicht war rot, und seine schwarzen Augen glühten wie im Fieber.

»Du hast getrunken, ehe du herkamst«, fuhr Mary fort. »Das kann ich mit einem halben Auge sehen.«

»Geh zum Augenarzt, mein Schatz«, antwortete er. »Bertram weiß, was er tut. Und hier ist er nun aufgestanden, um einem alten Kameraden die Pfote zu drücken. – Bill, alter Junge, ich grüße dich. Du bist jetzt ein verheirateter Mann, Bill, und das wirst du wohl bleiben. Fertig mit den Kameraden, kein Urlaubsschein mehr. Du bist in den Hafen eingelaufen, du mußt jetzt für dich selber aufpassen, ja, und dir eine Lebensversicherung kaufen und dich gegen Unfall versichern und Aktionär eines Bauvereins und einer gegenseitigen Darlehens- und Beerdigungskasse werden –«

»Jetzt hör aber auf, Bert«, unterbrach Mary ihn.

»Von Beerdigung redet man nicht bei einer Hochzeit. Du solltest dich schämen.«

»Hallo, Mary, immer sachte! Ich sagte, was ich sagte, weil ich es meinte. Ich meine nicht dasselbe wie Mary. Was ich meine – jetzt will ich euch sagen, was ich meine. Ich sagte Beerdigungskasse, nicht wahr? Nun, das tat ich nicht, um die Freude an dieser festlichen Zusammenkunft zu verderben. Das sei weit von mir –. Soll ich euch sagen, warum? Weil du, Bill, so eine verteufelt hübsche Frau gekriegt hast, ja, Bill, so eine verteufelt hübsche Frau gekriegt hast, ja eben darum! Alle Kameraden sind wild nach ihr, und wenn sie anfangen, ihr nachzulaufen, was tust du dann? Du kriegst was zu tun. Und brauchst du keine Beerdigungskasse, wenn sie in die Erde kommen? Doch. Kurz, es war ein Kompliment, das ich deinem guten Geschmack machen wollte, als Mary mich überfiel.«

Seine schimmernden Augen ruhten einen Augenblick mit gutmütigem Triumph auf Mary.

»Wer sagt, daß ich betrunken bin? Ich? Keine Spur! Ich sehe alles in einem klaren weißen Licht. Und da sehe ich Bill, meinen alten Freund Bill, und ich sehe nicht zwei Bills, ich sehe nur den einen. Billy gehörte nie zu denen, die zwei Gesichter haben. Billy, alter Junge, wenn ich dich als frischgebackenen Ehemann da sitzen sehe, dann tut es mir leid–« Er schwieg plötzlich und wandte sich zu Mary. »Geh nur nicht gleich in die Luft, altes Mädel. Ich weiß, was ich sage. Bill, wenn ich dich hier sitzen sehe, dann kann ich nicht anders, ich muß trauern.« Er sah Mary herausfordernd an. »Über mich selber, wenn ich dich da sitzen sehe und weiß, welchem Glück du entgegengehst. Hör, was ich sage. Du bist ein kluger Satan, Gott segne die Frauenzimmer! Du hast gut angefangen. Mach weiter so! Heirate, wer heiraten will, Gott mit ihm! Bill, ich grüße dich. Du bist der Mohikaner mit dem Skalp am Gürtel. Und du hast eine Frau gekriegt, die eine richtige Squaw ist. Minnehaha, ich grüße dich. Ich grüße euch beide, und die Kinderchen mit. Der Teufel hole sie!«

Er trank das Glas aus und sank auf seinem Stuhl zusammen, wo er sitzen blieb und dem jungen Paar zublinzelte, während die Tränen unbeachtet über seine Wangen rollten. Mary legte tröstend ihre Hand auf die seine, was ihm den Rest gab.

»Bei Gott«, schluchzte er. »Ich habe Grund genug zum Weinen. Ich verliere meinen besten Freund. Es wird nie wieder, wie es war – nie. Wenn ich an all den Spaß und all die frohen Stunden denke, die Billy und ich zusammen gehabt haben, dann könnte ich dich fast hassen, Saxon, wie du dasitzt und seine Hand hältst.«

»Schon gut, Bert«, lachte sie. »Sieh die an, deren Hand du hältst.«

»Ach, er hat nur einen Anfall«, sagte Mary mit einer Härte, der doch ihre freie Hand widersprach, die tröstend sein Haar streichelte. »Ermanne dich jetzt, Bert. Es ist alles in schönster Ordnung. Und jetzt ist Billy an der Reihe, dir auf deine feine Rede zu antworten.«

Bert trank ein Glas Wein und kam schnell wieder zu sich.

»Los, Bill«, rief er. »Jetzt bist du an der Reihe.«

»Ich bin kein großer Redner«, brummte Billy. »Was soll ich sagen, Saxon? Es hat keinen Sinn, zu erzählen, wie glücklich wir sind, denn das wissen sie.«

»Sag ihnen, daß wir gedenken, immer glücklich zu bleiben«, sagte sie. »Dank ihnen für alle guten Wünsche, und wir wollen immer zusammenhalten, wir vier, wie in alten Tagen. Und sag ihnen, daß sie Sonntag zum Mittagessen in die Pine Street 507 eingeladen sind – und Mary, wenn du Lust hast, schon Sonnabend zu kommen, so kannst du im Fremdenzimmer schlafen.«

Billy klatschte in die Hände. »Das hast du viel besser gesagt, als ich es je gekonnt hätte. Du hast es prachtvoll gesagt, und ich glaube nicht, daß noch viel hinzuzufügen wäre. Aber einerlei – ich will auch etwas sagen.«

Das Glas in der Hand, stand er auf. Seine klaren braunen Augen schienen tiefer als sonst unter den dunklen Brauen und im Schatten der dunklen Wimpern, die sein Haar und seine Haut noch heller aussehen ließen. Die runden Backen waren gerötet, nicht vom Wein, denn es war erst sein zweites Glas, sondern von Gesundheit und Freude. Saxon sah ihn an, und ihr Herz jubelte vor Stolz. Er war so gut gekleidet, so stark, so schön, so rein, der große Junge, der ihr Mann war. Und nicht weniger stolz war sie auf sich selber, auf ihren weiblichen Wert, der ihr einen so herrlichen Mann verschafft hatte.

»Schön, Bert und Mary, hier sitzt ihr also bei Saxons und meinem Hochzeitsschmaus. Wir werden uns all eure guten Wünsche ans Herz legen und euch dasselbe wünschen, und wenn wir das sagen, so meinen wir damit mehr, als ihr vielleicht glaubt. Saxon und ich glauben daran: wie du mir, so ich dir. Deshalb wünschen wir, daß der Tag bald kommen möge, da der Tisch wieder für vier gedeckt ist, und da wir Gäste bei euerm Hochzeitsschmaus sind. Und wenn ihr dann Sonntags zum Essen kommt, dann könnt ihr beide die Nacht über in dem Zimmer bleiben, das wir übrig haben. Ich glaube, es war klug von mir, es zu möblieren. Nicht wahr?«

»Das hätte ich nie von dir gedacht, Billy!« rief Mary. »Du bist genau so roh wie Bert. Aber einerlei.«

Ihre Augen waren plötzlich feucht geworden, und die Stimme versagte ihr. Sie lächelte ihm durch Tränen zu, dann wandte sie sich um und sah Bert an, der den Arm um sie legte und sie auf seinen Schoß zog.

Als sie das Restaurant verließen, gingen sie alle vier nach dem Broadway, wo sie an der Straßenbahn haltmachten. Bert und Billy waren verlegen und schweigsam, etwas merkwürdig Kaltes und Fremdes war zwischen sie getreten. Aber Mary umarmte Saxon zärtlich.

Der Schaffner klingelte, und die beiden Paare trennten sich in plötzlicher Verwirrung.

»O du Mohikaner!« rief Bert ihm nach, als der Wagen abfuhr. »O du Minnehaha!«

»Denk daran, was ich gesagt habe«, war das letzte, was Saxon von Mary hörte.

Der Wagen hielt an der Ecke der Pine Street, wo die Endstation war. Es war nur ein kurzes Stück bis zum Hause. Vor der Tür zog Billy den Schlüssel aus der Tasche.

»Komisch, nicht wahr?« sagte er, als er den Schlüssel im Schloß umdrehte. »Du und ich. Nur du und ich.«

Während er die Lampe im Wohnzimmer anzündete, nahm Saxon ihren Hut ab. Dann ging er ins Schlafzimmer und zündete die Lampe drinnen an, kam aber wieder zurück und blieb in der Tür stehen. Saxon, die sich unbegreiflich lange mit ihrer Hutnadel zu schaffen machte, sah ihn verstohlen an. Er breitete seine Arme aus.

»Komm«, sagte er.

Sie kam zu ihm, und er fühlte sie in seinen Armen beben.

 

Am ersten Abend nach der Hochzeitsnacht traf Saxon Billy in der Tür, als er gerade hereinwollte. Als sie sich umarmt hatten, wanderten sie Hand in Hand durch die Stube und in die Küche, und hier sog Billy mit hörbarem Wohlbehagen die Luft durch die Nase ein.

»Herrgott, wie gut dieses Haus riecht. Saxon! Es ist nicht der Kaffee – den rieche ich auch! Es ist das ganze Haus. Es riecht wie, nun ja, es riecht gut, soviel weiß ich.«

Er wusch sich am Ausguß, und unterdessen setzte sie die Bratpfanne auf das vorderste Herdloch. Während er sich die Hände trocknete, wichen seine Augen nicht von ihr, und er gab laut seinen Beifall zu erkennen, als sie das Fleisch auf die Bratpfanne legte.

»Wo hast du gelernt, Beefsteak auf einer trockenen, heißen Pfanne zu braten? Das ist die einzig richtige Art, aber es gibt verflucht wenig Frauen, die sie kennen.«

Als sie den Deckel von einem Topf nahm und begann, den duftenden Inhalt mit einem Küchenmesser umzurühren, stellte er sich hinter sie, legte ihr die Arme in die Achselhöhlen, so daß seine Hände auf ihrer Brust ruhten, und beugte den Kopf über ihre Schulter, bis seine Wange die ihre berührte.

»Oh – um-um-m-m! Bratkartoffeln mit Zwiebeln, wie Mutter sie zu machen pflegte. Das ist etwas für mich. Das riecht gut. Um-um-m-m-m!«

Seine Hände ließen sie los, und seine Wange glitt liebkosend an der ihren herab; dann umschlossen seine Hände sie wieder. Sie fühlte seine Lippen auf ihrem Haar und hörte ihn tief und zufrieden atmen.

»Um-um-m-m-m! Und du riechst auch gut. Ich habe nie verstanden, was man meinte, wenn man sagte, ein Mädchen sei süß. Aber jetzt weiß ich es. Und du bist die süßeste, die ich je gekannt habe.«

Seine Freude war grenzenlos. Als er sich im Schlafzimmer gekämmt hatte und sich ihr gegenüber an den Tisch setzte, hielt er inne, Messer und Gabel in der Hand.

»Weißt du, verheiratet sein ist wahrhaftig nicht wenig mehr, als man glauben sollte, wenn man verheiratete Leute reden hört. Weiß Gott, Saxon, wir können ihnen etwas zeigen, wir beide! Nur eines ärgert mich.«

Die Furcht, die sich sofort in ihren Augen zeigte, ließ ihn vor Lachen glucksen.

»Und das ist, daß wir uns mit dem Heiraten nicht mehr beeilt haben. Eine ganze Woche habe ich verloren.«

Ihre Augen strahlten vor Dankbarkeit und Glück, und in der Tiefe ihres Herzens gelobte sie sich feierlich, daß es, solange sie lebten, nie anders werden sollte.

Als sie gegessen hatten, räumte sie ab und begann, die Teller aufzuwaschen. Als er Miene machte, sie zu trocknen, faßte sie ihn am Rockaufschlag und stieß ihn rückwärts in einen Stuhl.

»Jetzt rate ich dir, hübsch sitzenzubleiben – und vergiß nicht, was ich sage. Jetzt nimmst du dir eine Zigarette – nein, du sollst mich nicht ansehen. Neben dir liegt die Morgenzeitung. Und wenn du dich nicht ein bißchen beeilst und sie liest, dann bin ich mit den Tellern fertig, ehe du angefangen hast.«

Ein paar Minuten vergingen, dann legte Billy die Zeitung mit einem Seufzer hin.

»Es hat keinen Zweck«, klagte er. »Ich kann nicht lesen.«

»Was ist los?« neckte sie ihn. »Sind deine Augen schlecht?«

»Ja«, antwortete er. »Sie tun weh. Und nur eines kann helfen, nämlich, daß ich dich ansehe.«

»Ja – ja, armer kleiner Billy; ich bin gleich fertig.«

Die salzige Kühle in der Luft, die nach Sonnenuntergang der Segen aller Hafenstädte ist, drang zu ihnen herein. Vom Bahnhof her konnten sie das Schnaufen der Rangiermaschinen und das Poltern der Lokalbahn hören, wenn sie langsam von der Mole nach dem West-Oaklander Bahnhof fuhr. Von der Straße hörte man den Lärm von Kindern, die im Sommerabend spielten, und von den Treppen der Nachbarhäuser die leise Unterhaltung der Hausfrauen.

»Weißt du«, sagte Billy, »jedesmal, wenn ich an mein möbliertes Zimmer zu sechs Dollar denke, werde ich krank vor Ärger, weil ich mir so vieles habe entgehen lassen. Aber eines tröstet mich. Wenn ich die Veränderung früher vorgenommen hätte, würde ich dich jetzt nicht haben. Vor ein paar Wochen wußte ich ja noch nichts von dir.«

Seine Hand glitt über ihren Unterarm und in den Ärmel am Ellbogen.

»Deine Haut ist so kühl. Nicht kalt, aber kühl. Sie fühlt sich so gut an.«

»Es dauert wohl nicht lange, dann nennst du mich deinen kleinen Kühlapparat«, lachte sie.

»Und deine Stimme ist kühl«, beharrte er. »Sie gibt mir genau dasselbe Gefühl wie deine Hand, wenn du sie auf meine Stirn legst. Es ist etwas Merkwürdiges, und ich kann es nicht erklären, aber deine Stimme geht gleichsam durch mich hindurch, kühl und fein. Sie ist wie eine schwache Brise. Wie die erste Brise vom Meer, wenn sie abends nach einem brennendheißen Tage durch die Stadt streicht. Und zuweilen, wenn du leise sprichst, klingt es so rund und schön wie das Cello im Macdonough-Theater. Ich denke mir, daß die Engel im Himmel, wenn es welche gibt, solche Stimmen haben müssen.«

Ein paar Minuten vergingen, in denen sie sich so unsagbar glücklich fühlte, daß sie immer nur ihre Hand durch sein Haar gleiten ließ und sich an ihn schmiegte, und dann begann er wieder:

»Jetzt will ich dir sagen, woran du mich erinnerst. Hast du nie Vollblutstuten gesehen, wenn sie im Stall stehen und glänzen? Haar wie Seide, und eine Haut so dünn und weich, daß der geringste Schmitz mit der Peitschenschnur sich abzeichnet. Nerven durch und durch, fein und empfindsam. Und dabei können sie an Ausdauer den stärksten Ochsen bezwingen und können sich wie ein Blitz eine Sehne verzerren und erfrieren, wenn sie nur eine Nacht ohne Decke stehen. Ich will dir nur sagen, daß man nicht viel in der Welt sehen kann, was so schön ist. Sie sind so feinfühlend und empfindsam und zart. Du bist von andern Frauen ebenso verschieden wie eine solche Stute von einem gewöhnlichen derben Arbeitspferd. Du bist ein Vollblut. Du hast Linie, Geist und Figur. Du bist reizend. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Andere Frauen sind nicht wie du gewachsen. Du gehörst in ein anderes Land. Du bist französisch, das ist es. Du bist wie eine Französin gewachsen, aber viel schöner – die Art, wie du dich bewegst, wie du gehst, wie du sitzt, und wenn du nichts tust.«

Und er, der nie außerhalb Kaliforniens, ja nicht einmal eine Nacht außerhalb seiner Geburtsstadt Oakland gewesen war, hatte recht in seinem Urteil. Sie war eine Blüte der angelsächsischen Rasse, eine Seltenheit mit ihren ungewöhnlich kleinen Händen und Füßen, mit der Frische ihrer Haut, mit ihrer Anmut – sie war ein Rückschlag in jene fernen Zeiten, da die französischen Normannen ihr Blut mit der kräftigen sächsischen Rasse vermischten.

»Und wie du deine Kleider trägst! Sie sind mit dir verwachsen. Sie sind gleichsam ein Teil von dir, wie deine Haut und die Kühle deiner Stimme. Sie sind immer, wie sie sein sollen und könnten nicht anders sein. Und weißt du, ein Mann zeigt sich nun einmal gern mit einem Mädchen wie du, deren Kleider wie ein Traum an ihr sitzen, und hört gern die andern Männer sagen: ›Das ist Billys neues Mädel? Donnerwetter, ist die gut! Die möcht ich gern mal zu fassen kriegen!‹ Und dergleichen mehr.«

Und Saxon drückte ihre Wange gegen die seine und fühlte sich reich belohnt für die vielen nächtlichen Stunden, die sie mit Nähen verbracht, die vielen qualvollen Stunden, da sie schläfrig über dem Nähzeug genickt hatte, todmüde nach der Arbeit des Tages, während sie für ihren eigenen Bedarf die Ideen neu schuf, welche sie von den eleganten Kleidungsstücken, die unter ihrem fleißigen Eisen dampften, gestohlen hatte.

»Wirst du meiner nie überdrüssig werden?« fragte sie.

»Deiner überdrüssig? Weiß Gott, wir sind doch für einander geschaffen.«

»Ist es nicht wie ein Wunder, Billy, daß wir uns treffen sollten! Denk, wenn wir uns nie getroffen hätten. Es war doch der reine Zufall.«

»Wir sind Glückskinder«, erklärte er. »Das ist sicher.«

»Vielleicht ist es mehr als Zufall«, meinte sie.

»Gewiß. Es ist Schicksal. Nichts in der Welt hätte uns voneinander fernhalten können.«

Sie saßen schweigend da, aber das Schweigen zitterte von einer Liebe, die keine Worte fand. Langsam zog er sie an sich, seine Lippen zitterten an ihrem Ohr, und sie hörte ihn flüstern: »Was meinst du, wollen wir zu Bett gehen?«

Viele Abende verbrachten sie auf diese Art. Zuweilen aber gingen sie aus und tanzten oder gingen ins Orpheum oder ins Bell-Theater oder ins Kino und zu den Freitagskonzerten im City-Hall-Park. Sonntags packten sie oft einen Frühstückskorb und fuhren in die Berge.

Jeden Morgen wurde Saxon vom Wecker geweckt. Am ersten Morgen hatte Billy darauf bestanden, daß er mit ihr zusammen aufstehen und Feuer im Herd machen sollte. Sie erlaubte es ihm am ersten Morgen; aber später legte sie alles abends zurecht, so daß sie am Morgen nichts zu tun hatte, als ein Streichholz anzuzünden. Und dann zwang sie ihn, im Bett zu bleiben und weiterzuschlafen, bis sie ihn rief, wenn das Frühstück fertig war. In den ersten Wochen gab sie ihm sein Essen mit. Dann kam eine Woche, in der er mittags nach Hause kam. Dann mußte er wieder Essen mitnehmen. Es hing davon ab, wie weit er zu fahren hatte.

»Du machst es nicht richtig mit deinem Mann«, versicherte Mary ihr. »Du bedienst ihn zu sehr. Du verziehst ihn ja. Und er sollte dich verziehen.«

»Er ist der Versorger«, antwortete Saxon. »Er arbeitet schwerer als ich. Ich habe so viel Zeit übrig, daß ich nicht weiß, was ich damit machen soll. Außerdem verziehe ich ihn, weil ich ihn liebe und weil ... nun, weil ich es will.«

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