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Tal des Mondes

Jack London: Tal des Mondes - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleTal des Mondes
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid22343d03
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Südwärts fuhren sie, die Küste entlang, jagten, fischten, schwammen und kauften Pferde, und Billy verschickte seine Einkäufe mit den Küstendampfern. Sie zogen durch Del Norte und Humboldt County und durch Mendocino nach Sonoma – Kreise, größer als die östlichen Staaten, bahnten sich ihren Weg durch riesige Wälder, fischten in unzähligen Forellenflüssen und fuhren durch zahllose reiche Täler. Und immer noch suchte Saxon nach dem Mondtal. Zuweilen, wenn alles andere ausgezeichnet schien, fehlte eine Eisenbahn, zuweilen fehlten Madronjos oder Manzanitas, und meistens gab es zuviel Nebel.

»Wir müssen hin und wieder einen Sonnencocktail haben«, sagte sie zu Billy.

»Ja«, antwortete er, »zuviel Nebel könnte uns leicht schlaff machen. Das, was wir suchen, liegt so in der Mitte, und wir müssen etwas von der Küste abhalten, um es zu finden.«

Es war Herbst, und sie verließen den Stillen Ozean bei dem alten Fort Ross und fuhren in das Russian-River-Tal, weit unterhalb Ukiahs, über Cazadero und Guerneville. Bei Santa Rosa wurde Billy durch das Verschicken einiger Pferde etwas aufgehalten, und erst am Nachmittag fuhr er in südöstlicher Richtung nach dem Sonomatal.

»Ich glaube nicht, daß wir das Sonomatal vor Schlafenszeit erreichen«, sagte er und maß mit den Augen den Abstand der Sonne vom Horizont. »Dies ist das Bennettal. Hier setzt man über eine Wasserscheide und kommt dann bei Glen Ellen heraus. Sieh, das ist nun ein mächtig schönes Tal, wenn jemand dich danach fragen sollte. Und ein prachtvoller Berg dort drüben.«

»Der Berg ist wirklich schön«, erklärte Saxon. »Aber die andern Höhen sind zu kahl. Und ich sehe keine großen Bäume. Es gehört reicher Boden dazu, daß die Bäume so groß werden.«

»Ich will ja nicht behaupten, daß es das Mondtal ist – das würde mir nicht einfallen. Aber doch, Saxon, der Berg dort ist keine Kleinigkeit. Sieh nur all das Holz darauf. Ich möchte wetten, daß es dort Hirsche gibt!«

»Ich möchte wissen, wo wir dieses Jahr den Winter verbringen werden«, meinte Saxon.

»Weißt du – ich habe auch gerade darüber nachgedacht. Laß uns im Winter nach Carmel gehen. Mark Hall ist wiedergekommen und Jim Hazard auch. Was meinst du dazu?«

Saxon nickte.

»Aber diesmal brauchst du doch nicht alle mögliche Gelegenheitsarbeit zu verrichten?«

»Nein, wir können uns damit begnügen, Pferde aufzukaufen, wenn das Wetter gut genug zum Ausfahren ist«, bestätigte Billy, und sein Gesicht strahlte vor Zufriedenheit. »Und wenn dieser herumspazierende Dichter aus dem Marmorhaus in der Nähe ist, dann werde ich schon die Boxhandschuhe an ihm versuchen, nur um ihn daran zu erinnern, daß er mir einmal beinahe die Beine in den Leib getrabt hat.«

»Oh, Oh!« rief Saxon. »Sieh nur, Billy! Sieh!«

Bei einer Wegbiegung kam ein Mann in einem mit einem schweren Pferd bespannten Wagen gefahren. Das Tier war von schimmernder kastanienbrauner Farbe, mit weißgelber Mähne und Schweif. Der Schweif fegte fast den Boden, und die Mähne war so schwer, daß sie sich wie ein Kamm am Halse hob und über die Seiten wogte. Das Tier witterte die Stuten und blieb stehen, warf den Kopf zurück, das große Büschel der gelbweißen Mähne wogte im Winde. Es beugte den Kopf, bis die weitgeöffneten Nüstern die zitternden Knie berührten, und zwischen den stark gespitzten Ohren kam ein mächtiger, fast unglaublich gebogener Hals zum Vorschein. Dann warf es wieder den Kopf zurück und zerrte zornig am Gebiß, während der Kutscher weit ausbog, um keine Gefahr zu laufen. Sie konnten den blauen Glanz in den wildschimmernden Augen des Pferdes sehen, und Billy griff vorsichtig nach den Zügeln und hielt selbst weit ab. Er hob die Hand, um dem Mann mit dem Hengst ein Zeichen zu machen, und als sie aneinander vorbei waren, hielt er an, und sie plauderten über Arbeitspferde.

Unter anderm erfuhr Billy, daß der Hengst Barbarossa hieß, daß es sein Besitzer war, der ihn fuhr, und daß er in Santa Rosa zu Hause war. »Es gibt von hier zwei Wege nach dem Sonomatal«, sagte der Mann. »Wenn Sie an den Kreuzweg kommen, müssen Sie links über Bennet Peak nach Glen Ellen abbiegen – es ist dort drüben.«

Hoch über weitgedehnte Stoppelfelder erhob sich der Bennet Peak in der warmen Sonne, zwischen einer Reihe von Höhen, die sich an seinen Fuß lehnten. Aber Höhen und Berge an dieser Seite waren kahl und verbrannt, wenn auch von der schönen, sonnenverbrannten, gelbbraunen Farbe, die für Kalifornien eigentümlich ist.

»Der Weg rechts führt auch nach Glen Ellen, aber er ist weiter und steiler. Nun, Ihre Pferde sehen nicht aus, als ob sie das stören würde.«

»Welcher von den Wegen ist der schönere?« fragte Saxon.

»Oh, der rechts – das ist kein Zweifel«, sagte der Mann. »Das ist der Sonomaberg, und der Weg geht ein gutes Stück hinauf und dann durch Coopers Grove.«

Als sie sich verabschiedet hatten, fuhr Billy nicht gleich weiter. Er und Saxon sahen über die Schulter nach dem erregten Barbarossa zurück, der steigend und in sehr aufrührerischer Stimmung nach Santa Rosa davonsetzte.

»Nun«, meinte Billy, »hier möchte ich schon nächstes Frühjahr sein.«

Beim Kreuzweg machte Billy halt und sah Saxon an. »Was tut es, wenn der Weg auch etwas länger ist?« sagte sie. »Sieh, wie schön es ist – alles mit grünen Bäumen bedeckt, und ich bin sicher, daß es Riesentannen in den Canyons gibt. Man kann es nie wissen. Das Mondtal könnte doch irgendwo dort oben liegen. Und wir dürfen es uns doch nicht entgehen lassen, nur um eine halbe Stunde zu sparen.«

Sie bogen nach rechts ab und fuhren über eine Reihe steiler Anhöhen. Als sie sich näherten, sahen sie, daß das Wasser immer reichlicher floß. Sie fuhren an einem Bach vorbei, und obwohl die Weinberge trocken von der Sommerhitze waren, standen doch große, prachtvolle Baumgruppen auf den Bauernhöfen und rings auf der Ebene.

»Es mag merkwürdig klingen«, sagte Saxon, »aber ich habe den Berg schon richtig liebgewonnen. Es ist fast, als hätte ich ihn früher schon irgendwo gesehen, und – nun ja, er ist ganz herrlich.«

Sie fuhren über eine Brücke, bogen plötzlich um eine Ecke und standen inmitten einer geheimnisvollen kühlen Dunkelheit. Auf allen Seiten erhoben sich stattliche Riesentannen. Der Wald war ein rosiger Teppich von Herbstfarnen. Hin und wieder durchbrach ein Sonnenstrahl den tiefen Schatten und erwärmte das düstere Dunkel des Hains. Verlockende Pfade wanden sich zwischen den Bäumen hindurch und verschwanden in den anheimelnden Winkeln, gebildet von roten Säulen, die im Kreise um den Staub verschwundener Vorfahren wuchsen – ein Zeugnis von den titanenhaften Ausmaßen ihrer Vorfahren.

Aus dem kleinen Walde kamen sie heraus, gelangten zur Wasserscheide, und von hier ging der Weg über wogende Ebenen und durch kleine Einschnitte und Canyons, die alle bewaldet waren und von Wasser troffen. Stellenweise war der Weg von Quellen am Wegrande benetzt.

»Dieser Berg ist ja der reine Schwamm«, sagte Billy. »Da steht er nun hier nach einem langen, trockenen Sommer, und der Boden ist so undicht wie ein Sieb.«

»Ich weiß, daß ich noch nie hier gewesen bin«, sagte Saxon laut vor sich hin. »Aber es ist mir alles so wohlbekannt. Ich muß es geträumt haben. – Und da sind Madronjos! – Ein ganzer Wald! Und Manzanitas! Mir ist, als sei ich heimgekommen. – Ach, Billy, wenn es sich nun zeigt, daß dies unser Tal ist!«

»An einen Berg angeklebt?« lachte er skeptisch.

»Nein, das meine ich nicht. Ich meine, daß wir unterwegs zu unserm Tal sind. Weil der Weg – alle Wege – nach unserm Tal schön sein müssen. Und dies – ich habe alles schon einmal gesehen, davon geträumt.«

»Das ist großartig«, sagte er begeistert. »Ich möchte nicht eine Quadratmeile wie diese gegen das ganze Sacramentotal mit allen Flußinseln und dem Middle River dazu vertauschen. Wenn es dort oben keine Hirsche gibt, müßte ich mich sehr irren. Und wo Quellen sind, sind auch Bäche, und Bäche bedeuten wieder Forellen.«

Sie kamen an einem großen, gut eingerichteten, von Scheuern und Kuhställen umgebenen Bauernhof vorbei, zogen weiter unter den Bogengängen des Waldes und kamen neben einem Felde heraus, das Saxon gleich sehr gefiel. Es ging in einem ebenmäßigen Bogen vom Wege den Berg hinan, wo es von einer Reihe von Bäumen begrenzt wurde. Das Feld flammte wie mattes Gold im Schimmer der Sonne, die gerade untergehen wollte, und in der Mitte stand eine einsame große Riesentanne mit verbranntem Wipfel, der aussah, als hätte er Adlern als Wohnung gedient. Die Bäume dahinter kleideten den Berg in einförmiges Grün bis dort hinauf, wo der Gipfel begann. Als sie aber weiter fuhren und Saxon sich nach dem umsah, was sie ihr Feld nannte, sah sie den wirklichen Gipfel des Sonomas hoch darüber hinausragen, während der Berg bei ihrem Feld nur ein Ausläufer des größeren Kolosses war.

Vor ihnen, nach rechts, über scharfen Bergkämmen, durch tiefe grüne Canyons getrennt und weiter abwärts sich zu wogenden Obstgärten und Weinbergen erweiternd, sahen sie zum erstenmal einen Schimmer des Sonomatals und der wilden Berge, die die Ostseite einrahmten. Zur Linken schauten sie ein goldenes Land mit kleinen Hügeln und Tälern. Weiter fort, nach Norden sahen sie einen andern Teil des Tales und im Hintergrund, als entgegengesetzte Wand des Tales, eine Gebirgskette, deren höchster Gipfel seinen roten, mitgenommenen alten Krater von einem rosigen Himmel in gedämpften Farben abhob. Von Norden nach Südosten schlängelte sich der Bergrand, beleuchtet von den klaren Strahlen der Sonne, während die Abendschatten schon über Saxon und Billy lagen. Er sah Saxon an, bemerkte den begeisterten Ausdruck in ihrem Gesicht und hielt die Pferde an. Der ganze östliche Himmel war von einem tiefen roten Schimmer gefärbt, der sich über die Berge legte und ihnen eine Farbe wie Wein und Rubine verlieh. Im Sonomatal begannen die dunklen, tiefvioletten Nebel aufzusteigen, sie umspülten den Fuß der Felsen und hoben sich darüber, sie überschwemmend und in einem Strom von Tiefviolett ertränkend. Saxon wies, ohne etwas zu sagen, in das Tal und zeigte ihm, daß die tiefviolette Flut der Schatten des Sonomaberges im Sonnenuntergang war.

Billy nickte, trieb dann aber die Pferde an, und sie fuhren weiter in der warmen, von Farben gesättigten Dämmerung.

Jedesmal, wenn sie etwas höher hinaufkamen, fühlten sie gleich die kühle, herrliche Brise vom Stillen Ozean, der vierzig Meilen entfernt lag, während aus jeder kleinen Senkung und Höhlung der warme Hauch der Herbsterde mit würzigem Geruch von sonnentrockenem Gras, gefallenen Blättern und welkenden Blüten kam.

Dann erreichten sie den Rand eines tiefen Canyons, der aussah, als reichte er bis ins Herz des Sonoma-Berges hinein. Wieder hielt Billy den Wagen an, mit einem Blick auf Saxons Gesicht, und ohne daß ein Blick gewechselt wurde. Der Canyon war sehr schön, von einer seltsamen, wilden Schönheit. In seiner ganzen Länge standen hohe Riesentannen in ihm. Am entferntesten Rande befanden sich drei mit dichten Tannen und Eichenwäldern bedeckte unebene Höhen. Zwischen den Höhen kam ein kleiner Canyon zum Vorschein, der in den Hauptcanyon mündete und ebenfalls von Riesentannen eingerahmt war. Billy zeigte auf ein Stoppelfeld am Fuße der Höhen.

»Auf solchen Weiden sehe ich meine Stuten grasen«, sagte er.

Sie kamen jetzt in den Canyon, wo der Weg einem Bache folgte, der unter Ahorn und Erlen dahinrieselte. Der Feuerschein des Sonnenunterganges, der sich in den treibenden Wolken des Herbsthimmels spiegelte, badete den Canyon in rotes Licht, und darin flammten und schwelten Madronjos mit roten Stämmen und Manzanitas mit Weinranken. Die Luft war von Lorbeer gewürzt. Die wilden Traubenranken bildeten eine Brücke von Baum zu Baum über den Bach, Eichen vielerlei Art waren mit Spitzen aus leichtem spanischen Moos verschleiert. Allerlei fruchtbare Farne wuchsen am Bache. Von irgendwoher hörten sie das Gurren der Turteltauben. Fünfzig Fuß über dem Boden, gerade zu ihren Häupten, sprang ein Eichhörnchen über den Weg – ein graubrauner Schimmer zwischen zwei Bäumen, und sie konnten seinen Weg durch die Luft daran verfolgen, daß die Zweige sich beugten.

»Ich habe das Gefühl –«, sagte Billy.

»Laß mich erst mal sehen«, bat Saxon.

Er wartete, den Blick auf ihr Gesicht geheftet, während sie sich begeistert umsah.

»Wir haben unser Tal gefunden«, flüsterte sie. »Ist es nicht das?«

Er nickte, schwieg aber beim Anblick eines kleinen Knaben, der eine Kuh vor sich her auf dem Wege trieb. In der einen Hand trug er ein lächerlich großes Gewehr, in der andern ein ebenso lächerlich großes Kaninchen.

»Wie weit ist es noch bis Glen Ellen?« fragte Billy.

»Anderthalb Meilen«, lautete die Antwort.

»Was ist das für ein Bach?« fragte Saxon.

»Wildwasser. Eine halbe Meile weiter abwärts mündet er in den Sonoma.«

»Forellen?« fragte Billy.

»Wenn Sie die zu fangen verstehen«, lachte der Junge.

»Gibt es Hirsche auf dem Berg?«

»Es ist noch nicht die Jahreszeit«, sagte der Junge ausweichend.

»Du hast wohl noch nie einen Hirsch geschossen?« meinte Billy schlau und wurde belohnt durch ein:

»Ich kann Ihnen das Geweih zeigen.«

»Hirsche stoßen das Geweih ab«, setzte Billy seine Neckerei fort. »Die kann jeder finden.«

»An meinem ist Fleisch. Es ist noch nicht trocken –« Der Knabe hielt inne und sah erschrocken die Grube die Billy ihm gegraben hatte.

»Mach dir nichts daraus, mein Junge«, lachte Billy und fuhr weiter. »Ich bin kein Wildwächter. Ich kaufe nur Pferde.«

Wieder drei springende Eichhörnchen, mehrere rotstämmige Madronjos und majestätische Eichen, mehrere Elfenringe von Riesentannen und dann, immer noch an dem plaudernden Bach, eine Gartenpforte. Davor stand ein primitiver Briefkasten mit der Aufschrift »Edmund Hale«. Und in der aus Zweigen verfertigten Pforte standen ein Mann und eine Frau, die ein so schönes Bild boten, daß es Saxon den Atem benahm. Sie standen nebeneinander. Die Frau hatte ihre feine kleine Hand in die des Mannes gelegt, die aussah, als sei sie dazu geschaffen, sich segnend auf die Köpfe der Menschen zu legen. Und dieser Eindruck wurde durch sein Gesicht verstärkt – ein Gesicht mit einer schönen Stirn, großen, wohlwollenden grauen Augen und einem Reichtum von weißem Haar, das wie gesponnenes Glas leuchtete. Er war groß und schwer, und die Frau neben ihm war fein und leicht gebaut. Sie war safranbraun, wie Frauen der weißen Rasse zuweilen sein können, und ihre lächelnden Augen waren vom tiefsten Blau. In ihrer phantastischen seegrünen Draperien und mit ihrem lebhaften Gesichtchen erinnerte sie Saxon an eine Frühlingsblume.

Vielleicht war das Bild, das Saxon und Billy boten, wie sie durch das goldene Licht des Sonnenunterganges gefahren kamen, ebenso schön. Die zwei Paare hatten nur Augen für einander. Die kleine Frau sah strahlend froh aus, und der Segen, der die ganze Zeit im Antlitz des Mannes zu lesen gewesen war, brach nun durch und machte es so unsagbar warm und milde. Saxon hatte dasselbe Gefühl wie bei dem Feld am Berge und beim Berge selbst – ihr schien, als hätte sie dieses liebe Paar stets gekannt. Sie wußte, daß sie sie liebte.

»Guten Abend«, sagte Billy.

»Gott segne euch, Kinder«, sagte der Mann. »Ich möchte wissen, ob ihr wißt, wie lieb ihr ausseht.«

Das war alles. Der Wagen hielt nicht an, sondern fuhr weiter den Weg entlang, der von einem knisternden Teppich herabgefallener Ahorn-, Eichen- und Erlenblätter bedeckt war. Dann kamen sie zu der Stelle, wo die beiden Bäche sich trafen.

»Ach, welch eine Stelle für ein Heim«, rief Saxon und zeigte über den Bach. »Sieh, Billy, die Ebene über der Wiese.«

»Es ist reicher Flußboden, Saxon, die Ebene ist auch sehr reich. Sieh die großen Bäume, die dort wachsen. Und es gibt sicher Quellen.«

»Laß uns hinfahren«, sagte sie.

Sie verließen den Hauptweg und fuhren auf einer schmalen Brücke über den Wildwasserbach, und dann gelangten sie auf einen alten Weg mit vielen Radspuren, die an einem ebenso alten, aus Riesentannenzweigen geflochtenen Zaun entlang liefen. Sie kamen zu einer Pforte, die offenstand und aus den Angeln gerissen war, und durch die führte der Weg auf die Ebene.

»Hier ist es – ich weiß es!« sagte Saxon mit tiefster Überzeugung. »Fahr hinein, Billy!«

Ein kleines, weißgestrichenes Bauernhaus mit zerschlagenen Scheiben kam zwischen den Bäumen zum Vorschein.

»Du mit deinen Madronjos –«

Billy zeigte auf den Vater aller Madronjos, der groß und stark, am Boden sechs Fuß im Durchmesser, vor dem Hause stand.

Sie dämpften ihre Stimmen, während sie unter großen Eichen um das Haus gingen und vor einer kleinen Scheune stehenblieben. Sie warteten nicht, bis sie die Pferde abgeschirrt hatten, sondern banden sie an den Zaun an und begaben sich dann auf ihre Entdeckungsreise. Der Hang von der Ebene zur Wiese hinab war steil, aber dicht mit Eichen und Manzanitas bewachsen. Als sie sich durch das Gebüsch drängten, scheuchten sie ein Dutzend Wachteln aus ihren Nestern auf und verjagten sie.

»Wie steht es mit Wild?« fragte Saxon.

Billy lachte und betrachtete eine Quelle, die einen klaren, quellenden Strom in die Tiefe entsandte. Hier war der Boden von der Sonne ausgetrocknet und an vielen Stellen gespalten.

Ein enttäuschter Ausdruck trat in Saxons Gesicht aber Billy, der einen Klumpen Erde zwischen den Fingern zerkrümelte, war noch nicht zu einem festen Ergebnis gelangt.

»Es ist reicher Boden«, erklärte er. »Der beste und feinste Boden, der seit zehntausend Jahren von den Bergen herabgespült ist. Aber –«

Er unterbrach sich, sah sich nach allen Seiten um studierte die Konturen der Wiese, ging zu den Riesentannen hinüber und kam dann wieder.

»Wie er jetzt ist, hat er keinen Wert«, sagte er. »Aber wenn er richtig behandelt wird, wird er so gut, wie nur etwas sein kann. Alles, was dazu gehört, ist ein bißchen gesunder Menschenverstand und tüchtige Dränage. Die Wiese bildet einen Steilhang auf der andern Seite, mit Riesentannen bis zum Bache hinab. Komm, ich will es dir zeigen.»

Sie gingen zwischen den Riesentannen hindurch und kamen an den Sonomabach. Hier gab es kein Plätschern, der Strom lief geradeswegs in einen stillen Binnensee. Die Weiden an dieser Seite berührten das Wasser. Der Seite gegenüber war eine steile Böschung, und Billy maß die Höhe mit den Augen und die Tiefe des Wassers mit einem Stück Treibholz.

»Fünfzehn Fuß«, erklärte er, »da kann man vom Ufer aus tauchen, so tief man will. Und zum Schwimmen sind es hundert Meter hin und zurück.«

Sie gingen am See entlang. Er verengte sich zu einer Stromschnelle, die über nackten Felsboden in einen neuen See führte.

Während sie noch schauten, sprang eine Forelle mit blinkenden Schuppen in die Luft, und ihre Blicke folgten ihr, und sie sahen die Ringe auf der ruhigen Oberfläche immer größer und größer werden.

»Ich glaube doch nicht, daß wir den Winter in Carmel verbringen werden«, sagte Billy. »Der Ort hier, Saxon, ist für uns beide bestimmt. Morgen früh müssen wir sehen herauszubringen, wem das hier gehört.«

Eine halbe Stunde später, als er für die Pferde sorgte, lenkte er Saxons Aufmerksamkeit auf das Pfeifen einer Lokomotive.

»Da hast du deine Eisenbahn«, sagte er. »Das ist ein Zug, der nach Glen Ellen fährt, und nur eine Meile von hier.«

Als sie abends unter den Decken lagen, und Saxon einschlafen wollte, weckte Billy sie.

»Wenn nun der Schwachkopf, dem es gehört, nicht verkaufen will?«

»Er verkauft, daran ist kein Zweifel«, antwortete Saxon mit ruhiger Zuversicht. »Hier gehören wir her. Ich weiß es.«

 

Sie wurden von Possum geweckt, der ärgerlich ein Eichhörnchen ausschalt, weil es nicht herunterkommen und sich töten lassen wollte. Das Eichhörnchen plauderte und war so geschwätzig, daß Possum in seiner Wut einen wahnsinnigen Versuch machte, den Baum zu erklettern, und Billy und Saxon lachten und amüsierten sich köstlich über den Ärger des Terriers.

»Wenn wir uns hier niederlassen, dann werden keine Eichhörnchen geschossen«, sagte Billy.

Saxon drückte ihm die Hand und stand auf. Vom Hang ertönte das Singen einer Lerche.

»Jetzt haben wir alles, was wir uns wünschen können«, sagte sie mit einem glücklichen Seufzer.

»Ja, außer den Papieren für den Hof«, berichtete Billy.

Nach einem hastigen Frühstück begannen sie Untersuchungen anzustellen, folgten der unregelmäßigen Grenze und gingen mehrmals vom Zaun zum Bach und wieder zurück. Sieben Quellen fanden sie am Fuße des Hanges bei der Wiese.

»Hier haben wir Wasser«, sagte Billy. »Wenn die Wiese dräniert und die Erde ordentlich durchgearbeitet wird, so kann man sich mit Dünger und all dem Wasser eine Ernte nach der andern das ganze Jahr hindurch verschaffen. Es müssen fünf Morgen von diesem Boden sein.«

Sie standen in einem alten Obstgarten auf dem Hange, wo sie siebenundzwanzig sehr vernachlässigte, aber im übrigen gute und große Bäume gezählt hatten.

»Und oben auf dem Hang, hinter dem Hause, können wir Obststräucher ziehen.«

Der Sonomabach bildete die Grenze des kleinen Gehöfts auf der einen langen Seite, zwei Seiten wurden von dem Zaun und die vierte vom Wildwasser begrenzt.

»Denk dir – daß wir die zwei schönen Menschen zu Nachbarn bekommen«, sagte Saxon nachdenklich. »Der Bach bildet die Grenze zwischen ihrem und unserm Hof.«

»Es ist noch nicht unser Hof«, meinte Billy. »Laß uns hingehen und sie besuchen. Sie können uns vielleicht über alles Bescheid sagen.«

»Es ist schon so gut wie unser«, antwortete sie. »Die Hauptsache war, es zu finden. Und wem das Haus auch gehört, so hat er sich jedenfalls nichts daraus gemacht. Seit langer, langer Zeit hat niemand hier gewohnt. Und – ach, Billy, bist du denn zufrieden?«

»Ich bin mit jeder Kleinigkeit zufrieden«, gab er ehrlich zu, »jedenfalls, soweit es reicht. Aber das Unglück ist, daß es nicht weit genug reicht.«

Ihr enttäuschter Ausdruck ließ ihn indessen seinen Lieblingstraum aufgeben.

»Wir kaufen es – darüber reden wir nicht mehr«, sagte er. »Aber hinter der Wiese ist so viel Wald, daß es nicht viel Weide gibt, nur gerade genug für ein paar Pferde und eine Kuh. Aber das muß alles warten. Wir können nicht alles auf einmal haben, und was da ist, ist richtig.«

»Dann nennen wir es eben einen Anfang«, tröstete sie ihn. »Später können wir ja mehr dazu kaufen – vielleicht das Stück am Wildwasser bis zu den drei Hügeln, die wir gestern sahen –«

»Wo ich sagte, daß meine Pferde weiden könnten«, sagte er, und seine Augen leuchteten bei dem Gedanken. »Ja, warum nicht? Es ist so viel in Erfüllung gegangen, seit wir unsere Wanderung begannen, so wird auch das in Erfüllung gehen.«

»Wir können ja arbeiten, um es zu erreichen, Billy.«

»Ja, wir wollen arbeiten wie der Teufel«, erklärte er.

 

Sie gingen durch die einfache Gartenpforte und einen Weg entlang, der sich durch ein Stück gepflegten Waldes schlängelte. Es war nicht das geringste vom Hause zu sehen, bis sie ganz plötzlich zwischen den Bäumen standen, die es umgaben. Es war ein achteckiges Haus und so gut in seinen Verhältnissen, daß seine zwei Stockwerke nicht hoch wirkten. Das Haus gehörte auf den Platz. Es war mit dem Boden verwachsen wie die Bäume. Es war kein Garten im üblichen Sinne, der Wald reichte bis zur Tür. Die Haustür mit dem niedrigen Vorbau lag nur eine Stufe über dem Boden. »Trillium Zuflucht« stand mit seltsam geschnitzten Buchstaben über der Tür.

»Kommt nur herauf, Kinderchen«, ertönte eine Stimme aus dem oberen Stock, als Saxon anklopfte.

Sie traten zurück und sahen einen Balkon, von wo die kleine Frau zu ihnen herablächelte. Sie trug ein loses Hauskleid aus weichem rosa Stoff und erinnerte Saxon wieder an eine Blume.

»Macht nur die Tür auf und kommt – den Weg findet ihr schon selber«, lautete ihre Anweisung.

Saxon ging voran, und Billy folgte ihr auf den Fersen. Sie kamen in eine helle Stube mit vielen Fenstern und einem großen Granitkamin, in dem große Scheite schwelten. Auf dem steinernen Bord über dem Kamin stand eine mächtige, mit Herbstlaub und feinen leichten Weinranken gefüllte mexikanische Vase. Die Wände waren mit Holz in einer warmen natürlichen Farbe bekleidet, das schwach gebeizt, aber nicht poliert war. Die Luft war rein und angenehm, mit einem starken Duft von Holz. In einer Ecke der Stube stand ein Nußbaumharmonium, in einer andern Ecke befanden sich Regale mit vielen Büchern. Durch die Fenster über einer niedrigen Ruhebank, die offenbar gebraucht wurde, konnte man die friedliche Herbstlandschaft mit gelben Bäumen und verblichenem Gras sehen; viel betretene Gänge führten nach allen Richtungen über den kleinen Hof. Eine schöne kleine Treppe ging an mehreren Fenstern vorbei nach dem oberen Stock. Dort stand die kleine Frau, empfing sie und führte sie in eine Stube, die, wie Saxon sofort sah, ihre eigene war. Auch hier gab es viele Fenster und Bücherregale, von dem langen Fensterbrett bis zum Fußboden. Überall standen und lagen Bücher, auf dem Arbeitstisch, auf dem Ruhebett und im Schreibpult. In dem offenen Fenster stand wieder eine Vase mit Herbstlaub, und der ganze Raum war von derselben Anmut und Feinheit geprägt wie die kleine braune Frau selbst, die sich auf einen winzigen Kinderschaukelstuhl aus spanischem Rohr setzte, der leuchtend rot gestrichen war.

»Ja, es ist ein komisches Haus«, sagte Frau Hale mit frohem, jungmädchenhaftem Lachen. »Aber wir lieben es. Edmund hat es mit eigenen Händen gemacht, selbst die Klempnerarbeit – obgleich es ihm sehr schwer wurde, bis es klappte.«

»Auch den Fußboden unten und den Herd?« fragte Billy.

»Alles, alles!« antwortete sie stolz. »Und die Hälfte von den Möbeln. Das Zedernholzpult dort und den Tisch – alles mit eigenen Händen.«

»Und dabei sind es so zarte Hände«, rief Saxon unwillkürlich.

Frau Hale warf ihr einen schnellen Blick zu, und ein dankbarer Ausdruck trat in ihr lebhaftes Gesicht.

»Sie sind zart«, sagte sie mit weicher Stimme, »die zartesten Hände, die ich je gekannt habe. Und es ist lieb von Ihnen, daß Sie das bemerkt haben, denn Sie sahen ihn ja nur gestern im Vorbeifahren.«

»Ich konnte es einfach nicht lassen«, sagte Saxon.

Ihr Blick glitt von Frau Hale auf die Wand hinter ihr, die mit einem reizenden Muster von Bienenwaben, hie und da mit goldenen Bienen, geschmückt war. An der Wand hingen einige wenige eingerahmte Bilder.

»Sie stellen nur Menschen vor«, sagte Saxon, die sich der schönen Gemälde in Mark Halls Villa erinnerte.

»Meine Landschaftsbilder habe ich dort«, antwortete Frau Hale und wies zum Fenster hinaus. »Drinnen will ich nur Bilder von meinen Lieben haben, die nicht immer bei mir sein können. Einige davon sind schreckliche Landstreicher.«

Sie gingen durch das helle Vorzimmer und trafen den großen, schönen Mann in seinem Zimmer, wo er in seinem bequemen Schaukelstuhl saß und las. Neben dem Schaukelstuhl stand wieder ein kleiner rotlackierter Kinderschaukelstuhl aus spanischem Rohr. Auf den Knien des Mannes lag eine ungewöhnlich große gestreifte Katze, die den Blick auf ein Stück Brennholz im Kamin richtete. Wie ihr Herr, wandte sie den Eintretenden den Kopf zu, um sie willkommen zu heißen. Saxon fühlte wieder die Liebe und den Segen, die ihr entgegenströmten aus dem Gesicht dieses Mannes, seinen Augen und von seinen Händen, die ihr Blick ganz unwillkürlich suchte. Die Zartheit dieser Hände bezauberte sie einfach. Es waren zärtliche Hände. Es waren Hände, die von einem Männertyp erzählten, von dem sie sich nie etwas hatte träumen lassen. Niemand in der heiteren Schar in Carmel hatte sie ahnen lassen, daß ein solcher Mann existierte. Das dort waren Künstler gewesen. Hier war der Wissenschaftler, der Philosoph. Statt dem leidenschaftlichen Aufruhrdrang der Jugend stand sie hier dem in Weisheit begründeten Wohlwollen gegenüber. Diese zarten Hände hatten alle Bitternis des Lebens von sich gestoßen und nur seine Süße behalten. So gern sie auch die heitere Schar in Carmel hatte, schauderte ihr doch bei dem Gedanken, wie einige von ihnen wohl im Alter sein würden.

»Hier hast du die beiden lieben Kinder, Edmund«, sagte Frau Hale. »Und kannst du dir denken – sie wollen die Madronjoranch kaufen. Sie haben drei Jahre lang danach gesucht – aber ich habe übrigens vergessen zu erzählen, daß wir zehn Jahre lang nach ›Trillium Zuflucht‹ gesucht haben. Erzähl ihnen jetzt alles, was du weißt. Herr Naismith will wohl immer noch verkaufen?«

Sie setzten sich auf die großen einfachen Stühle; Frau Hale in den winzigen Schaukelstuhl neben dem großen, und ihre feine Hand lag wie eine Ranke in der Edmunds. Und während Saxon zuhörte, erfaßte ihr Blick alle Einzelheiten des strengen Raumes mit den hohen Bücherregalen. Ihr begann aufzugehen, daß ein Gebäude aus Holz und Stein sehr wohl dem Geist des Mannes, der es sich erdacht und erschaffen hat, Ausdruck verleihen kann. Die zarten Hände hatten alles dies geschaffen – selbst die Möbel – wie sie sich sagte, während ihr Blick vom Pult zum Stuhl, vom Arbeitstisch zum Lesetisch neben dem Bett in dem anderen Zimmer schweifte, wo eine Lampe mit grünem Schirm stand und große geordnete Stapel von Zeitschriften und Büchern lagen.

Mit der Madronjoranch, sagte er, sei es sehr einfach. Naismith wolle verkaufen. Er wolle schon seit fünf Jahren verkaufen, seit er angefangen habe, die Mineralquellen weiter abwärts im Tal zu erschließen. Es sei ein Glück, daß er der Besitzer sei, denn fast der ganze Boden in der Gegend gehöre einem Franzosen – einem Ansiedler aus der frühesten Zeit – der auch nicht einen Fußbreit verkaufen wolle. Er sei Bauer mit der ganzen Liebe des Bauers zu seiner Erde, und diese Liebe sei bei ihm zu einer Art Besessenheit, einer Krankheit geworden. Er sei ein Geizhals mit seinem Bodengeiz. Da er aber gleichzeitig ein schlechter Geschäftsmann, alt und eigenwillig wäre, sei er doch ein armer Mann, und es sei eine offene Frage, was zuerst kommen würde – sein Tod oder sein Konkurs.

Die Madronjoranch gehörte Naismith, der den Boden auf fünfzig Dollar den Morgen taxierte. Das machte tausend Dollar, denn es waren zwanzig Morgen. Als landwirtschaftliche Spekulation und nach alten Methoden bewirtschaftet, war es das nicht wert. Als Geschäftsspekulation, ja, denn die Außenwelt hatte gerade jetzt das Tal und seine Möglichkeiten entdeckt, es gab keine bessere Lage für ein Sommerheim. Und als Spekulation in Freude an einer schönen Umgebung und einem herrlichen Klima war es tausendmal den Preis wert, der verlangt wurde. Und er wußte, daß Naismith den Hauptbetrag lange stunden würde. Edmunds Vorschlag ging darauf hinaus, daß sie das Haus auf zwei Jahre mit Vorkaufsrecht pachten sollten, so daß die Pacht von der Kaufsumme abgezogen würde, wenn sie sich dazu entschlössen. Naismith hatte einmal ein gleiches Arrangement mit einem Schweizer gehabt, der eine monatliche Abgabe von zehn Dollar bezahlte. Dann aber war seine Frau gestorben, und er hatte alles aufgegeben.

Edmund erriet bald, daß Billy hier zu einer Entsagung gezwungen war, wenn ihm auch nicht ganz klar wurde, worauf diese Entsagung hinausging, und durch ein paar Fragen erfuhr er, was es war – der alte Ansiedlertraum von mächtigen Landstrecken, von Vieh, das auf hundert Hügeln weidete, und von hundertundsechzig Morgen Land als Minimum für ein Gütchen.

»Aber Sie brauchen all das Land gar nicht, mein lieber junger Freund«, sagte Edmund milde, »ich sehe, Sie verstehen wirklich etwas von intensiver Landwirtschaft. Haben Sie je an Pferdezucht gedacht?«

Billy blieb der Mund offenstehen, so lähmend neu erschien ihm der Gedanke. Er versuchte, ihn durchzudenken, konnte aber die beiden Dinge nicht miteinander vereinigen. Ein ungläubiger Ausdruck trat in seine Augen.

»Das müssen Sie mir zuerst erklären«, rief er.

Der Ältere lächelte freundlich.

»Lassen Sie uns sehen! Erstens brauchen Sie die zwanzig Morgen nur zum Ansehen. Die Wiese ist fünf Morgen groß. Sie brauchen nicht mehr als zwei, um vom Verkauf des Gemüses leben zu können. In Wirklichkeit können Sie und Ihre Frau, selbst wenn Sie von Tagesanbruch bis zum Dunkelwerden arbeiten, nicht einmal die beiden Morgen ordentlich bewirtschaften. Bleiben drei Morgen übrig. Sie haben reichlich Wasser von den Quellen. Sie dürfen sich nicht mit einer Ernte im Jahr begnügen wie die andern unmodernen Landwirte hier im Tal. Betreiben Sie alles, wie Sie das Stückchen mit Gemüse betreiben, bis zur äußersten Tragfähigkeit des Bodens und das ganze Jahr hindurch, in Ernten, die zum Futter für Pferde benutzt werden können, und indem Sie beständig berieseln, düngen und Wechselwirtschaft betreiben. Auf den drei Morgen können Sie so viele Pferde halten wie auf einem, Gott mag wissen, wie großen Areal vernachlässigter, unbesäter Weide. Denken Sie über die Sache nach. Ich will Ihnen Bücher über den Gegenstand leihen. Ich weiß nicht, wie groß Ihre Ernten werden, und weiß auch nicht, wieviel ein Pferd frißt – das müssen Sie selber herauszufinden suchen. Aber ich bin ganz sicher, daß Sie sich, wenn Sie sich einen Mann mieten, der Ihrer Frau bei dem Gemüse helfen kann, allmählich so viele Pferde anschaffen können, wie Sie auf Ihren drei Morgen ernähren können. Und dann wird es Zeit sein, mehr Boden, mehr Pferde, mehr Reichtum zu erwerben, wenn das Sie glücklich macht.«

Billy verstand ihn und brach begeistert aus:

»Sie verstehen etwas von Landwirtschaft, das muß ich sagen!«

Edmund sah seine Frau lächelnd an.

»Sag du ihm, was du dazu meinst, Annette.«

Ihre blauen Augen funkelten, als sie der Aufforderung nachkam.

»Der liebe Mensch, er betreibt nie die geringste Landwirtschaft und hat es nie getan. Aber er versteht sich darauf.« Sie machte eine Handbewegung über die gefüllten Bücherregale an den Wänden. »Er studiert das Gute. Er studiert alles Gute, das alle guten Männer unter der Sonne verrichtet haben. Sein Vergnügen ist es, zu lesen und Tischlerarbeiten zu verfertigen.«

»Vergiß nicht Dulcie«, protestierte Edmund sanft.

»Ja, und Dulcie!« Annette lachte. »Dulcie ist unsere Kuh. Jack Hostings kann sich nie darüber klar werden, ob Edmund Dulcie mehr liebt oder Dulcie Edmund. Wenn er nach San Franzisko reist, ist Dulcie ganz verzweifelt. Und das ist Edmund auch, und es endet damit, daß er Hals über Kopf heimkommt. Ja, ich bin oft ganz eifersüchtig auf Dulcie gewesen. Aber ich muß gestehen, daß er sie wie kein anderer zu nehmen weiß.«

»Ja, das ist der einzige praktische Gegenstand, den ich aus Erfahrung kenne«, bestätigte Edmund. »Ich bin eine Autorität in bezug auf Jersey-Kühe. Wenn Sie einen guten Rat brauchen, so wenden Sie sich nur an mich.«

Er stand auf und trat an die Bücherregale, und sie sahen, wie groß und gut gewachsen er war. Er blieb mit einem Buch in der Hand stehen, um eine Frage zu beantworten, die Saxon an ihn richtete. Nein, es gäbe keine Moskitos, wenn auch in einem Sommer, als der Südwind volle drei Tage wehte – etwas ganz Unerhörtes –, ein paar Moskitos von der San Pablo-Bucht hergekommen wären. Und was den Nebel beträfe, so sei er es, der das Tal zu dem machte, was es wäre. Und da es im Schutz des Sonomaberges läge, gehörten die Nebel fast immer den höheren Luftschichten an. Sie kämen vom vierzig Meilen entfernten Ozean, stießen dann gegen den Sonomaberg und würden hoch in die Luft getrieben. Und noch eines – ›Trillium Zuflucht‹ und die Madronjoranch lägen sehr geschützt in einem schmalen Wärmegürtel, so daß die Temperatur an den kalten Wintermorgen mehrere Grad höher als im übrigen Tal sei. In Wirklichkeit sei Frost etwas sehr Seltenes im Wärmegürtel, was deutlich daraus hervorginge, daß man mit Erfolg gewisse Apfelsinen- und Zitronenarten gezüchtet hätte.

Edmund las ihnen weiter Titel vor und nahm Bücher heraus, bis er einen ganzen Stapel zusammen hatte. Er schlug das oberste, Bolton Halls »Drei Morgen und Freiheit« auf und las ihnen von einem Manne vor, der sechshundertundfünfzig Meilen jährlich ging, um auf veraltete Weise zwanzig Morgen zu bebauen, von denen er dreitausend Scheffel schlechter Kartoffeln erntete, und von einem andern Mann, einem »modernen« Landwirt, der nur fünf Morgen bebaute, zweihundert Meilen ging und dreitausend Scheffel Frühkartoffeln erntete, die er zu einem weit höheren Preise verkaufte als der erste Mann.

Saxon nahm die Bücher und belud, nachdem sie die Titel gelesen hatte, Billy damit.

»Ihr könnt mehr holen, wenn ihr sie braucht«, sagte Edmund freundlich. »Ich habe Hunderte von Büchern über Landwirtschaft und alle landwirtschaftlichen Berichte –, und sobald ihr einen Tag Zeit habt, müßt ihr kommen und Dulcie kennenlernen«, rief er ihnen nach, als sie durch die Tür schritten.

 

Als ihre Freundin Frau Mortimer mit Sämereikatalogen und Büchern über Landwirtschaft kam, fand sie Saxon in den Büchern vergraben, die sie sich von Edmund Hale geliehen hatte. Saxon zeigte ihr alles, und sie war sehr begeistert, auch über den Mietskontrakt und das Vorkaufsrecht.

»Und jetzt«, sagte sie, »wollen wir sehen, wie wir es anpacken. Setzt euch, alle beide! Jetzt haltet ihr Kriegsrat, und ich bin der einzige Mensch in der Welt, der euch erzählen kann, was ihr zu tun habt. Und das sollte ich wohl noch fertigbringen! Ein Mensch, der eine große Bibliothek umgeordnet und katalogisiert hat, sollte wohl noch zwei junge Menschen in Gang bringen können. So, wo wollen wir anfangen?«

Sie bedachte sich einen Augenblick.

»Zunächst ist die Madronjoranch ein ausgezeichneter Kauf. Ich verstehe mich auf Boden, ich verstehe mich auf Klima, ich verstehe mich darauf, was schön ist. Die Madronjoranch ist eine wahre Goldgrube. Es steckt ein Vermögen in ihr. Wie ihr sie bewirtschaften sollt – aber das will ich euch später erzählen. Erstens habt ihr den Boden. Zweitens – was wollt ihr damit machen? Ihr wollt euer Brot damit verdienen? Ja, Gemüse? Selbstverständlich. Was wollt ihr damit machen, wenn ihr es geerntet habt? Verkaufen? Aber wo? – Nun hört mal zu! Ihr müßt es machen wie ich. Ihr müßt den Zwischenhändler ausschalten. Verkauft direkt an den Verbraucher. Trommelt euch euern eigenen Markt zusammen. Wißt ihr, was ich vom Zug aus sah, als ich nur ein paar Meilen von hier durch das Tal fuhr? Hotels, Quellen, Sommerhäuser – Bevölkerung, Menschen, die gefüttert werden wollen: den Markt. Wie wird der Markt versorgt? Ich sah mich vergebens nach Handelsgärtnereien um! Billy, spannen Sie die Pferde vor den Wagen und machen Sie mit Saxon und mir eine Spazierfahrt. Um das übrige braucht ihr euch vorläufig nicht zu kümmern. Laßt es nur gehen, wie es will. Hat es einen Zweck zu fahren, wenn man nicht einmal die Adresse weiß? Wir wollen uns heute nachmittag nach der Adresse erkundigen. Dann werden wir wissen, wie es steht.«

Aber Saxon fuhr nicht mit. Es war zu viel zu tun; in dem vernachlässigten Hause aufzuräumen und dafür zu sorgen, daß Frau Mortimer eine Stelle hatte, wo sie schlafen konnte. Und Billy und Frau Mortimer kehrten erst spät nach der üblichen Abendbrotzeit zurück.

»Ihr beiden glücklichen Kinder!« begann sie, sobald sie zur Tür hereingetreten war. »Das Tal hat eben angefangen sich zu regen. Hier habt ihr euern Markt. – Nicht eine Konkurrenz in dem ganzen Tal. Mir schien ja schon, daß die Hotels so neu aussahen – Caliente, die Thermalquellen von Boyes, El Verano und die ganze Reihe durch. Und auch in Glen Ellen gibt es drei kleine Hotels, direkt nebeneinander. Oh, ich habe mit allen Besitzern und Verwaltern gesprochen.«

»Sie ist prachtvoll«, sagte Billy bewundernd. »Sie würde direkt zum lieben Gott fahren und mit ihm über Geschäfte reden. Du hättest sie nur sehen sollen.« Frau Mortimer dankte für das Kompliment und fuhr fort:

»Und wo kommt all das Gemüse her? Mit dem Wagen zwölf und fünfzehn Meilen weit, von Santa Rosa und oben von Sonoma. Das sind die nächsten Höfe, die sich mit Gemüse abgeben, und wenn sie nicht die steigende Nachfrage befriedigen können, was oft geschieht, dann müssen die Verwalter sich das Gemüse aus San Franzisko schicken lassen. Ich habe ihnen Billy vorgestellt, und sie haben sich bereit erklärt, ihn zu unterstützen. Das ist auch besser für sie. Ihr könnt ihnen ebenso gutes Gemüse zum selben Preis liefern. Ihr müßt sehen, daß ihr etwas Besseres liefert, frischeres Gemüse; ihr dürft ja nicht vergessen, daß ihr billiger liefern könnt, weil ihr ein kürzeres Stück zu fahren habt.

Hier gibt es keine ganz frischen Eier, kein Eingemachtes, kein Gelee; aber ihr habt massenhaft Platz auf dem Hang, wo ihr kein Gemüse anbauen könnt. Morgen will ich euch zeigen, wie ihr Hühnerställe und einen Hühnerhof anlegen könnt. Und auch Kapaunen für den Markt in San Franzisko müßt ihr haben. Ihr fangt selbstverständlich klein an damit, nur als Nebengeschäft. Ich werde euch schon Bescheid sagen und euch Bücher schicken. Ihr müßt eure Köpfe anstrengen. Laßt die andern die Arbeit tun. Das müßt ihr euch ein für allemal richtig klarmachen. Es ist immer teurer, jemand zur Beaufsichtigung zu haben als für die Arbeit selbst. Ihr müßt buchführen. Ihr müßt wissen, wie ihr steht. Ihr müßt wissen, was sich lohnt, was sich nicht lohnt, und was sich am besten lohnt. Das werden die Bücher euch sagen. Ich will euch alles zeigen – wenn es so weit ist.«

»Und alles das auf zwei Morgen!« murmelte Billy.

Frau Mortimer warf ihm einen strengen Blick zu.

»Was ist das für ein Unsinn mit zwei Morgen?« sagte sie strenge. »Fünf Morgen! Und dabei könnt ihr nicht einmal die Nachfrage befriedigen. Und Sie, mein junger Freund, werden schon nebst Ihren Pferden genug zu tun bekommen, um die Wiese zu dränieren, wenn der erste Regen kommt. Das werden wir alles morgen besprechen. Auch die Frage bezüglich des Beerenobstes auf dem Hang – und feiner Spaliertrauben – zum Rohessen. Dafür erzielen Sie ganz phantastische Preise. Und Brombeeren – Burbanks, er lebt in Santa Rosa – Loganbeeren, Mammutbeeren. Aber verschwendet keine Zeit auf Erdbeeren. Das ist eine ganze Arbeit für sich. Die sind nicht wie Weinstöcke, versteht ihr? Ich habe den Obstgarten untersucht. Es ist gutes Material, das nur bearbeitet werden muß. Später können wir über Okulieren und dergleichen reden.«

»Aber Billy will doch drei Morgen von der Wiese haben«, erklärte Saxon, sobald sie ein Wort einwerfen konnte.

»Wozu?«

»Für Heu und sonstiges Futter für die Pferde, die er züchten will.«

»Kaufen Sie das für einen Teil des Verdienstes, den Sie mit den drei Morgen erzielen«, erklärte Frau Mortimer rasch.

Billy mußte wieder entsagen.

»Na ja«, sagte er mit einem ehrlichen Versuch, froh und vergnügt auszusehen. »Dann lassen wir den Vogel fliegen – und halten uns ans Gemüse.«

In den Tagen, die der Besuch Frau Mortimers dauerte, überließ Billy es den Frauen, alles zu ordnen, wie es ihnen gefiel. Für Oakland hatte eine Periode des Aufstiegs begonnen, und vom Fuhrmann dort war eine dringende Nachfrage nach weiteren Pferden gekommen. Folglich war Billy früh und spät unterwegs und durchstöberte die ganze Gegend, um junge Arbeitspferde zu finden. Auf die Weise lernte er das Tal gleich gründlich kennen. Der Stall wollte auch eine Anzahl Pferde verkaufen, denen die Füße auf dem harten Steinpflaster in den Städten verdorben waren, und ihm wurde, was er brauchte, zu sehr billigen Preisen angeboten. Es waren gute Tiere. Das wußte er, denn er kannte sie von früher her. Der weiche Boden mußte den Schaden bald kurieren, namentlich wenn er ihnen anfangs eine Weile ohne Eisen Ruhe auf der Weide gönnte. Selbstverständlich konnten sie nie wieder fürs Pflaster gebraucht werden, aber für Landarbeit waren sie noch viele Jahre lang zu verwenden. Und dann mußte er ja auch an das Gestüt denken. Aber er wagte es nicht, sich auf den Kauf einzulassen. Er kämpfte heimlich mit sich und sagte Saxon nichts davon.

Abends saß er in der Küche und rauchte, während er zuhörte, was die beiden Frauen im Laufe des Tages verrichtet und geplant hatten. Es war schwer, die richtigen Pferde zu finden und, wie er sich ausdrückte, es wurde den Bauern so schwer, als sollten sie sich einen Zahn ziehen lassen, wenn sie sich auch nur von einem einzigen trennen sollten, und das, obgleich er ermächtigt war, die Kaufsumme um fünfzig Dollar zu erhöhen. Trotz den Automobilen stieg der Preis für schwere Arbeitspferde beständig. Solange Billy denken konnte, war der Preis für große Arbeitspferde immer gestiegen. Nach dem großen Erdbeben war eine plötzliche Steigerung gekommen, aber die Preise waren nie wieder gefallen.

»Billy, Sie verdienen als Pferdehändler wohl mehr, als Sie als gewöhnlicher Arbeiter hatten?« fragte Frau Mortimer. »Nun ja! Aber Sie sollten sich lieber daran machen, die Wiese zu dränieren, zu pflügen oder dergleichen. Sie kaufen weiter Pferde. Sie müssen mit dem Kopf arbeiten. Aber von dem, was Sie verdienen, werden Sie gefälligst einen Mann entlohnen, der mit Saxon im Gemüse arbeiten kann. Das ist eine gute Geldanlage, und so etwas bringt hohe Prozente – ja, und das schnell.«

»Gewiß«, antwortete er. »Deshalb bezahlt man wohl einen Mann – um an ihm zu verdienen. Aber wie Saxon und ein Mann mit den fünf Morgen fertig werden sollen, wenn Herr Hale sagt, daß wir zwei nicht alle Arbeit auf zwei Morgen verrichten können – das geht über meinen Verstand.«

»Saxon soll auch nicht selber arbeiten«, antwortete Frau Mortimer. »Habt ihr vielleicht gesehen, daß ich in San José etwas arbeitete? Saxon soll ihren Kopf gebrauchen – es wird bald Zeit, daß ihr das merkt! Anderthalb Dollar täglich. Das verdienen Leute, die nicht mit dem Kopfe arbeiten. Und sie soll sich nicht mit anderthalb Dollar den Tag begnügen. Hört mal! Ich hatte heute Nachmittag eine lange Unterhaltung mit Herrn Hale. Er sagt, daß man tatsächlich keine ordentlichen Leute zur Arbeit hier im Tal bekommen kann.«

»Das weiß ich gut«, warf Billy ein. »Alle tüchtigen Leute gehen in die Städte. Nur der Bodensatz bleibt. Und die guten, die bleiben, arbeiten nicht für andere.«

»Ja, das ist Wort für Wort wahr. Aber hört einmal, Kinder. Ich weiß das sehr gut, und ich habe mit Herrn Hale darüber gesprochen. Er ist bereit, alles für euch zu ordnen. Er versteht sich darauf, und er kennt den Inspektor. Kurz, ihr könnt zwei bedingt begnadigte Gefangene aus San Quentin für die Gartenarbeit bekommen. Es gibt dort eine Menge Chinesen und Italiener, und die sind bei weitem die besten Handelsgärtner. Auf die Weise schlagt ihr zwei Fliegen mit einer Klappe. Ihr helft den armen Gefangenen, und ihr helft euch selber.«

Saxon war erschrocken und wußte nicht, was sie sagen sollte, während Billy den Vorschlag mit tiefem Ernst überlegte.

»Ihr kennt doch John?« fuhr Frau Mortimer fort. »Ich meine, Herrn Hales Gärtner. Wie gefällt er euch?«

»Ach, ich habe erst heute morgen gedacht, wie nett es wäre, einen Mann wie John zu bekommen«, sagte Saxon eifrig. »Er ist eine freundliche, treue Seele. Frau Hale hat mir viel Gutes von ihm erzählt.«

»Aber eines hat sie nicht erzählt«, sagte Frau Mortimer lächelnd, »nämlich, daß John ein bedingt begnadigter Strafgefangener ist. Vor achtundzwanzig Jahren geriet er mit einem Mann um fünfundsechzig Cent in Streit, und in der Heftigkeit erschlug er ihn. Er ist jetzt seit drei Jahren bei der Familie Hale. Erinnert ihr euch an den alten Franzosen, den ich hatte? Mit dem war es genau ebenso. Darüber sind wir uns also einig. Wenn eure zwei kommen, natürlich müßt ihr ihnen einen guten Lohn zahlen – und wir wollen schon dafür sorgen, daß sie von der selben Nationalität sind, Chinesen oder Italiener – nun ja, wenn sie kommen, dann wird John mit ihnen zusammen und unter Aufsicht von Herrn Hale eine kleine Hütte für sie bauen, wo sie wohnen können. Wir können selbst die Stelle dafür aussuchen. Wenn aber der Betrieb erst in vollem Gange ist, müssen wir sehen, euch mehr Hilfe zu verschaffen. Sie müssen eben die Augen ein wenig offen halten, Billy, wenn Sie durch das Tal wandern.«

Am nächsten Abend war Billy zur gewöhnlichen Zeit nicht heimgekommen, und um neun Uhr erschien ein reitender Bote von Glen Ellen mit einem Telegramm. Billy hatte es von Lake County geschickt. Er war auf der Suche nach Pferden für Oakland.

Erst am dritten Tage kam er heim, todmüde, aber sehr stolz, was er nicht zu verhehlen suchte.

»Nun, was haben Sie in den drei Tagen gemacht?« fragte Frau Mortimer.

»Ich habe meinen Kopf gebraucht«, antwortete er mit großem Selbstbewußtsein. »Ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, und ich habe eine ganze Schar geschlagen. Hm! Ich hörte etwas davon in Lawndale, und ich will Ihnen nur sagen, daß Hazel und Hattie fast zuschanden gefahren waren, als ich sie in einen Stall in Calistoga stellte und mit der Post weiter nach St. Helena fuhr. Ich kam gerade zurecht und kriegte sie zu fassen – acht starke Tiere – sie gehörten alle einem Fuhrmann in den Bergen. Es waren junge Tiere, so gesund und frisch, wie man sie sich nur wünschen kann, und das leichteste von ihnen wog über fünfzehnhundert. Ich habe sie heute abend in Calistoga verladen. Und – das ist noch nicht alles. Zuerst habe ich in Lawndale mit dem Mann gesprochen, der für den Steinbruch fährt, Pferde verkaufen? Er war ganz versessen darauf, welche zu kaufen. Ja, er wollte sie sogar mieten, sagte er.«

»Und da schicktest du ihm die acht, die du gekauft hattest«, fiel Saxon ihm ins Wort.

»Du mußt noch einmal raten. Ich kaufte die acht mit dem Geld des Alten in Oakland, und sie wurden nach Oakland geschickt. Aber ich redete mit dem Fuhrmann, und er ging darauf ein, mir bis zu sechs Pferden für je fünfzig Cent täglich abzumieten. Dann telegraphierte ich dem Alten, daß er mir sechs von den Pferden mit wundgelaufenen Füßen schicken sollte. Bud Strothers sollte sie auswählen, und das Geld könnte er von meiner Provision nehmen. Bud weiß schon, was ich haben will. Sobald sie kommen, dann ab mit den Eisen, und dann kommen sie zwei Wochen auf die Weide. Danach gehen sie direkt nach Lawndale. Mit der Arbeit werden sie leicht fertig. Es geht auf einem weichen Sandweg den Hügel hinab zur Eisenbahn. Fünfzig Cent das Stück – das macht drei Dollar den Tag, die ich in den sechs Tagen der Woche an ihnen verdiene. Ich brauche weder für Futter noch Eisen oder sonst etwas zu sorgen und kann mich noch davon überzeugen, daß sie gut behandelt werden. Drei Dollar täglich – nun ja. Das deckt schon die Kosten für die beiden Leute zu anderthalb Dollar täglich für Saxons Gemüse, wenn sie sie nicht Sonntags arbeiten läßt. Hm, das Mondtal! Es dauert nicht lange, und wir können uns Diamanten kaufen. Nun ja. Man könnte tausend Jahre lang in einer Stadt herumlaufen, ohne eine solche Chance zu finden. Das ist besser als eine chinesische Lotterie.«

Er stand auf.

»Jetzt gehe ich, gebe Hazel und Hattie Wasser und Futter, ja, und dann sollen sie Ruhe haben. Sobald ich wiederkomme, möchte ich gern mein Abendbrot haben.«

Die zwei Frauen sahen sich mit leuchtenden Augen an und wollten gerade etwas sagen, als Billy noch einmal den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Etwas habt ihr vielleicht noch nicht richtig begriffen. Ich nehme jeden Tag die drei Dollar ein, aber dabei gehören die sechs Pferde doch mir. Sie gehören mir. Sie sind mein. Versteht ihr?«

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