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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Trotzdem konnte der Rechtsanwalt Büffel absolut nicht einsehen, warum das Bild vom Menschen mit dem umgekehrten Kopfe als Glanzstück betrachtet wurde und fast als heilig galt. Er war unglücklich darüber, daß Ganswind nicht davon abkam. Aber er verschwieg diesen Kummer, war allzeit freundlich und von größter Aufmerksamkeit gegen seinen Mieter. Er verbot jede Musik auf dem Hofe. Die Mitternachtsmusik Ganswinds, welche alle anderen Mieter des Hauses rasend machte, blieb geschützt, und Hermione konnte sich nicht satt genug kitzeln an seinen musikalischen Begattungen. Die Küchenfee im vierten Stock weinte, daß die Drehorgel verstummen mußte. Die Beschwerden über Nachtruhestörung blieben alle in den Papierkörben des Polizeibureaus stecken und trieben wie die Asche des unschuldigen Abel gegen den Himmel. Sie wurden totgeschlagen, das heißt: durften nicht zu Worte kommen; der Kain aber schwang die Keule. Zum Dank für die nie verwehrte Nachtmusik mietete Ganswind bereits das dritte Mal eine weitere Etage...

Der Hauswirt war darüber fassungslos, wie für solche Kunst so viel Geld aufgebracht wurde, daß Ganswind die teuere Miete bezahlen und er sie einstecken konnte. Einmal besuchte er wegen der Angelegenheit einen Sachverständigen, ob es dem Hause keine Gefahr plötzlicher Entwertung bringen könnte, falls Ganswind verkrachte. Er warf nämlich Ganswind zuliebe immer wieder neue Mietsparteien aus dem Hause. Da sprach der Sachverständige weise zu ihm: »Seien Sie beruhigt, Herr Rechtsanwalt, lassen Sie das Haus mit Bildern füllen bis unter den Dachboden. Und wird er einmal pleite, so brauchen Sie nur den Hausschlüssel umzudrehen, und die ganze Kunst ist in Ihrem Besitze, dann bringen Sie dieselbe unter den Hammer. Und was der Hammer herausschlägt aus dem Geschmack des Auktionspublikums, das ist Ihre.« Rechtsanwalt Büffel war so klug geblieben wie vorher. Er hätte gern wissen wollen ob auch nur ein Bild wenigstens einen Groschen wert war. Aber darüber waren sich die Gelehrten scheint's nicht einig. Rechtsanwalt Büffel war in steter Besorgnis, daß sich das Ehepaar ums Leben brachte, dann war er schwer geschädigt, denn Ossi und Hermione hatten die ganzen Galerien testamentarisch der Stadt Berlin vermacht. Die Stadt hatte das Testament angenommen, ohne je einmal die Bilder geschaut zu haben. Bezahlte ihm dann die Erbin den großen Mietausfall? Oder bezahlte gar die Stadt sämtliche Kapitalisten des Taifun? Rechtsanwalt Büffel hatte also das größte Interesse, daß die beiden vergnügt und lebensfroh blieben, darum gestattete er ihnen alles. Vortragende Künstler durften im Taifun brüllen, daß sich die Frau Professor des Querflügels aus Verzweiflung zur Morphinistin entwickelte. Die Treppen und Flure mußten sich die übrigen Mieter mit taifunistischen Ölen beschmieren lassen. Nur damit das wahnsinnige Ehepaar in guter Stimmung blieb und an seinen Endsieg glaubte. Mit Riesensummen waren die Kunstwerke in den Katalogen angegeben. Im Jahre des Heils 04 mit 3000 Mark gezeichnete Bilder waren im Jahre des Heils 11 schon auf 40 000 gestiegen. »Herr Rechtsanwalt, ist denn das kein Beweis, wie glänzenden Erfolg der Taifun hat? Solcher Wertzuwachs?«

»Ja aber«, sagte dann Büffel.

»Wieso ja aber?«

»Ich weiß nicht.«

«Das glaube ich, daß Sie nicht wissen. Das weiß auch nicht einmal ein Sachverständiger. Das wissen nur wir und die Künstler, welche zum Teil im Weltkriege gefallen sind, Russen, Franzosen, Italiener, nur keine Engländer, weil die der Bewegung noch ferne stehen. Ferner diejenigen alle, welche meine Postanweisungen nicht erreichen konnten, weil sie so international wohnten, daß sie bald Sibirien als Adresse angaben, um dann wieder von Marokko Nachricht zu geben.«

Der Hauswirt stand einsichtig und überzeugt.

Hermione fuhr fort: »Nein, das ist nicht Ossis Schuld. Ossi tut so viel für die Künstler. Alles tut er für sie. Selbstverständlich haben wir einen Gewinn für uns, aber doch keinen so großen wie die Künstler. Sie blieben ohne Ossi völlig unbekannt. Überhaupt: das ist eine große Sache, für die wir kämpfen. Wir kommen selten vor drei Uhr zu Bett. Ossi müßte einmal aussetzen.«

Büffel seufzte: »Ja, ja. Setzen Sie lieber nicht aus.« Er war ja zufrieden gewesen, zu hören, daß sie einen Gewinn für sich machten. Schließlich, woher und warum, ging ihn nichts an. Die Geldwirtschaft war das Unmoralische, darum auch rein Menschliche, denn die Spatzen fraßen die Kirschen vom Baume ohne Bezahlung, höchstens ließen sie noch etwas fallen. Die Moral war eben etwas ganz Seltsames. Man sperrte ja auch nur die ein, welche den Reichen nicht behagten. Und niemals die Reichen, weil sie den Armen nicht behagten. Büffel war ein im Patentwesen durchaus bewanderter Anwalt, und er patentierte es Ganswind ganz gern, daß sie sich zu den Reichen zählten. Armes Pack hätte er nie im Hause geduldet.

Hermione trug im Sommer sehr »durchbrochen«. Aber Büffel gewahrte durch das Lorgnon seiner Gattin, daß hinter der Durchbrochenheit nicht sofort die gemeine Nacktheit kam, wie bei Bewohnern der Zimmerstraße, sondern wirklich nur ein vorgetäuschtes Nackt in einem feinen, zarten, weichen, schimmernden süßen Trikot. Sie waren reich. Der Schein bewies.

Ganswind erzählte, als er den weiteren Vertrag unterzeichnete, von der Steigerung der Einnahmen, welche die bestimmt hundert neuen Abonnenten brachten.

»Hundert fast in einem Tage?« Das war ein Rekord, mit welchem kaum der New York Herald Schritt hielt.

»Darum erweitere ich sofort.«

»Sie haben ganz recht, Herr Ganswind«, sprach die Wirtin, »wie rasch kommen die Enkel.«

Der Hauswirt und seine Frau waren die einzigen, Ganswind wirklich befreundeten Menschen. Sie erfuhren alles. Auch die Pläne mit Dr. Bäumler bekamen sie zu wissen. Und es wurde dann nicht versäumt, so etwas allüberall weiter zu klatschen. Das Dienstpersonal des Rechtsanwalts und seine Angestellten hatten Vettern und Basen. Die Tochter des Hausschlächters interessierte sich auch sehr für den Taifun.

»Unser Anhang wird so stark«, renommierte Hermione mit leiser, vornehmer Zurückhaltung, so daß gleich wieder ein Mann gefangen war.

Da die Erweiterung sofort in Angriff genommen werden mußte, so war bald ein Aufruhr und Skandal in der Etage, auf welche Ganswind reflektierte. Die Hauswirtin hinkte mit einem Beine und ging selten aus ihrer Wohnung. Sie hieß Elisabeth, trug eine hochgedrehte Schneckenperücke und ein sich alljährlich umformendes Kleid, so daß es allmählich aussah wie eine obskure Hunderasse, in der man den Pudel findet, wenn man den Spitz sucht. Elisabeth erschien ohne jede Vorbereitung in den Räumen des Lampengeschäftes und erklärte, daß geräumt werden müsse.

Zunächst wollte sich der Lampenmann zur Wehr setzen, als er aber bedachte daß der Wirt ein Rechtsanwalt war und solchen Prozeß mit allen Schikanen betreiben würde, gab er nach und hing seine Lampen in die Oranienstraße.

Die Wirtin krähte es frohlockend Ganswind entgegen, daß er hineinkönne. »Da darf nur ich kommen!« prahlte sie und lachte tagelang vergnügt. Ganswind bezahlte einen bedeutend höheren Preis als der Hinausgeekelte. Sein Geschäft betrieb auch eine viel fruchtbarere Sache. Wer brauchte heutzutage eine Lampe? Die Ölquellen waren durch den Krieg versiegt, das Gas doppelt so teuer und Elektrizität so gemein und alltäglich wie früher Talgbeleuchtung. Die Räume des Vorderhauses sahen den Lampen mit ihrem Glasgeklinge wehmütig nach, als sie fortzogen, und wurden ganz schamrot, als sie ihre Wände von dem Wurm dieser Kunst überschmiert sahen.

Die Hauswirtin stand drei Tage lang vormittags um zehn Uhr und nachmittags um die Kaffeezeit bei den Handwerkern, hatte ein großes Vergnügen, wenn ihr Ganswind Gesellschaft leistete und von Susanne Flaubert erzählte, was er wußte. Sie verglich sie dann mit Hermione, die schon ein feines Mensch war, und konnte den Teeabend fast nicht erwarten, wo sie die Doktorbraut sah, die noch abenteuerlicher zu sein schien.

Ihr allein, ganz im Verschwiegenen, hatte es Ganswind anvertraut, daß von den zuströmenden Damen schon im voraus Susanne für den Doktor bestimmt sei. Sie hatte die größte Reklame im Hintergrund, war bereits nach einem Tag Anwesenheit in Berlin in die Zeitung gerückt worden, besaß ein reiches Landgut und eine halbe Million Mitgift, die er selber hinzudichtete. Was mußte das für ein Frauenzimmer sein, dachte die Wirtin, und streute die unglaublichsten Gerüchte aus, soweit der Schwall ihrer Klatschkraft reichte, machte aus der Halbmillion Zweimillion, aus dem Landgut einen Adelssitz. Sie verschrie Susanne als die Braut und sprach gleichzeitig von einer allgemeinen Konkurrenz. Es meldeten sich infolgedessen auch solche Leute, welche dem Kampf um die Wahl nur interessiert folgen wollten, ohne an sich selbst zu denken.

Die Klatschlust und die Klatschkraft verursachen eigentlich Erfolg und Ruhm bei allen Geschäften, Kunst wie Heirat.

Ganswind konnte sich gestatten, den Doktor etwas länger als die versprochene Frist zappeln zu lassen, weil er seine grandiosen Vorbereitungen zu der Sensation nachweisen konnte. Er machte es Dr. Bäumler in einem Briefe klar, daß es viel mehr auf eine volle Sensation ankomme, als bloß darauf, daß er ein Weib kriege. Diesen Brief las Dr. Bäumler jeden Tag zehn-, zwölfmal, weil er die Stimme seiner Wünsche war. Er wollte wieder hochkommen, mit einem Ruck wollte er wieder auf die Bühne gestellt sein, und diesmal so, daß ihn niemand zu verkleinern wagte.

Den Doktor hielt man mit Briefen warm. Mit Susanne schloß man sogleich eine enge Freundschaft. Hermione duzte sich mit ihr, ausdrücklich mit Ossis Erlaubnis. Auch Ossi schmollierte. Diese Maßregel war vorbeugend. Es wäre möglich gewesen, daß der Doktor nach der Verlobung den Taifun auf Nimmerwiedersehen im Stich ließ.

Die Verständigung mit Susanne sicherte vor des Doktors Hochmutsteufel. Hermione interessierte sich im allgemeinen nicht für Frauen. Die Männer waren ihr faßlicher. Susanne hatte aber das Vermögen, in Hermiones Busen hinabzusteigen.

Gleich wie sie am ersten Tage dastand. Im Salon. Tief ergriffen. Wortlos. Mit großen erstaunten Augen, ein Perlenkollier um den Hals. Das offenbarte ihren ganzen Verstand, ihre tiefe Bescheidenheit und ihr künstlerisches Wollen.

»Es ist zuviel auf einmal«, sagte sie. Davon hatte sie in Brüssel nichts gewußt. Es kam ihr vor, als ob der Taifun die größte Sehenswürdigkeit Berlins wäre. Daß Künstler so etwas zu malen wagten! Porträts von trächtigen Eseln, in welchen das Junge sichtbar im Bauche lag.

Aber dann das Bild mit dem umgekehrten Kopfe und der – Katze. Susanne machte hier einen Schritt vorwärts gegen das Bild und prüfte die Augenfarbe der Katze, dann rief sie. »Genau wie bei Kätzi!«

Ganswind und Hermione stellten fest: »Sie haben ein seltenes Talent.« Susanne errötete wegen dieser Schmeichelei bis hinter die Ohren; und erst jetzt wurde sie zur Künstlerin geboren. Bisher hatte sie es für einen Polizeischerz gehalten, aber nun dachte sie wahrhaftig daran, auch so was zu versuchen. Ob das sehr für die Qualität dieser Kunst sprach?! Vielleicht. Indem es bewies, daß ihr Betätigung Freude machte. Oder vielleicht nicht, – indem jeder Hinzugelaufene glaubte, solches auch leisten zu können.

Es hätte sich also zur Entscheidung der Qualitätsfrage tatsächlich darum gehandelt, daß Hunderttausende den Versuch machten, die vorgestellten Motive in freien Wiedergaben nachzuahmen. Gelang es vielen davon, so war die Kunst gering. Gelang es keinem, so stand diese Kunst auf höchster Stufe.

Ganswind wußte, es gelang keinem. Jeder der Meister war eine Persönlichkeit. Wenn also Susanne so tief errötete, so bewies es, daß sie das Ziel für unerreichbar hielt. Solch ein Menschenkind war noch entwicklungsfähig und abzurichten. Ganswind versicherte ihr noch verschiedene Male: »Sie werden in kurzer Zeit Ihr erstes Werk ausstellen.«

Susanne dachte sich, wie sie einfach einen Pinsel nehmen werde und ordentlich auf der Leinwand durcheinanderfahren, dann wollte sie mal sehen, ob man da nicht auch Bild oder Sonnenlandschaft darunter schrieb, und es auch mit viertausend Mark auszeichnete.

Aussprechen wollte sie ihre Absicht, in dieser Weise zu malen, nicht. Dazu war sie zu klug. Aber sie sah den großen Salon als Hochstapelei an. Nichtsdestoweniger gefiel er ihr ausgezeichnet. Sie schien hier auf dem rechten Pfade zu sein, den sie lange gesucht hatte.

Eine Hochstaplerin der Kunst mit dem Ruf einer echten Künstlerin! Hier waren die Zehntausende zu verdienen, mit denen man ein Landhaus tatsächlich bauen konnte, ohne es in die Luft schwindeln zu müssen.

Allerdings wer ein Landhaus nicht bewohnt, für den bleibt es gleichgültig, ob es eine geographische oder eine aerostatische Lage hat. Die Phantasie Susannes war jedenfalls sehr lebhaft und sie eine größere Künstlerin, als sie sich im Ernste zutraute. Darum eben ging sie jetzt täglich im Taifun aus und ein, dieses Zutrauen zu gewinnen. Und was sie anfänglich für unbegreiflichen Unsinn hielt, das vereinigte sich langsam und sicher mit ihrem Verstande.

Sie steckten an. Wer Hermione und Ganswind nicht auf tausend Schritte fernblieb, der erkrankte am Bazillus der umgekehrten Weltbetrachtung. Pegoud, der berühmte Franzose, flog mit umgekehrtem Aeroplan, Ganswind lief mit umgekehrtem Kopfe. Die Taifunisten sahen das; ihnen waren die Augen, es zu sehen, nicht blind, aber die Normaleuropäer waren mit Blindheit geschlagen, strafweise, daß sie nicht erkennen konnten.

Der Taifun wütete im Morgenland.

Oh armselige Menschheit, die Berlin für eine Tatsache hielt und sich daran festklammerte. Wie herrlich war das Bild des Künstlers, der den »Frühling in Mückendorf« gemalt hatte. Es waren die Quallen und Meeresschlünde des Indischen Ozeans in der Gegend der Philippinen. Man sah Polypenkämpfe und Seesterne mit Tintenfischen ringend, aber das Gefühl war Mückendorf, wenigstens insofern, als man sich übers Gesicht strich, um das Picken und Jucken der Mückennerven zu entfernen.

Susanne war sehr froh, daß sie hier eine zweite Heimat gefunden hatte. Sie liebte das Ungewöhnliche, das Nicht-Vulgäre. Und der Taifun war exklusiv, indem er allen Narren und Unzufriedenen Unterschlupf bot. Es war aber nur eine Frage der Zeit, wie Ganswind versicherte, bis alle Menschen bei ihm unterschlüpfen wollten. Gab nicht schon der berühmteste Dichter der Zeit seine Werke in seinen Verlag? Dieser Dichter konnte doch nicht so wahnwitzig sein, zu glauben, daß sein Werk den Taifun überstand?

Susanne war oftmals Zeuge solcher Vorträge und Besprechungen, wie sie von Ganswind seiner Hermione gehalten wurden, die geduldig zuhörte, bis sie das Gesicht einer schmelzenden Butter bekam und durstig sagte: »Spiele!« Susanne wurde sogar darin eingeweiht, was die musikalischen Körperübungen zu bedeuten hatten, und sie war infolgedessen auch gern dabei, und bephantasierte sich gespannt, wann es von ihm ging und er matt zusammenbrach. Es war das einfachste Mittel, Susanne immer wieder da zu haben, und man brauchte ihr noch lange nichts vom Doktor zu erzählen. Sie sollte nicht ahnen, daß sie hier noch geheiratet wurde. Sonst betrug sie sich zu auffallend zwischen den anderen Damen, zu siegesbewußt und verdarb ihnen die ganze Laune.

Seltsame Andeutungen wurden gemacht, und Susanne verfiel dadurch in moralische Reflexionen.

Sie hatte mit dem Direktor des Olymp-Hotel ein lustiges Verhältnis. Sie hüpfte Sprungseil vor ihm auf ihrem Zimmer, und er sah ihr zu, wie dabei das leichte Seidenhemd in wirbelnden Flug kam und ihm das Paradies zeigte. Sie wurden schließlich so vertraut, daß alles verschwand und der dicke Mensch oftmals wiederholt einverstanden dazu nickte. Wenn er zu ihr hinkam, so war er ein lieber Kerl. Und die Hitze der Hochsommertage war erträglich.

Nun kam die Nacht vor dem Abschied. Die Möbel waren in die Bayernallee gefahren worden, und Käterchen hatte ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet. Die Herrin hatte keine Zeit, sie mußte im Taifun ihre Kunstbildung genießen. Und was von der Zeit noch übrig blieb, das holte sich der Direktor.

Die ideale Weltauffassung des Freundes Polizeirat wurde mit Toiletteseife unschädlich gemacht. Es war die schwülste Nacht. Selbst um die tiefste Mitternacht war noch ein heller Tagstreifen am Horizont. Susanne ging befreit im Zimmer umher. Es war ihr nicht im geringsten unwohl, wie es andern Menschen unter solchen Umständen wird, wenn sie gar nichts anhaben, die vor lauter Vermissen der Kleidung sich kaum zu bewegen wagen. Infolgedessen lag eine süße Anmut über ihren Bewegungen. Der Hoteldirektor hatte geglaubt, sich dasselbe für seine Mißgestalt leisten zu können, benutzte den Garderobenschrank und grinste nach Susanne hinüber. Diese stand aufmerksam still mit erstaunten Augen. Als er sich dann zu bewegen anfing, und wie ein Teigmischer in der Backstube ging, da überkam sie doch eine sittliche Entrüstung. Sie verstand plötzlich, wie gemein das war gegenüber den ungegenständlichen Nacktheiten des Taifun! Sie bereute den Direktor, lief nach ihrem Sprungseil, nicht um wie bisher darüber zu springen, sondern um dem Direktor eine Belehrung über Anstand damit überzuziehen.

Sie fuchtelte und schlug.

»Was, was!« brüllte er. Es entspann sich ein regelrechter Nacktkampf, dem Hermione durch das Schlüsselloch des anderen Schrankabteils zusah, wenigstens in der Idee, als es später erzählt wurde. Die Bewegungen des Dicken wurden endlich schwungvoller und von leidlicher Zier, ganz verwirrt und zerschmettert dagegen die ehedem ruhigen Linien Susannes. Sie wollte sich mit einem Froschgriffe als letzte Rettung seiner erwehren, aber das hatte nicht den geringsten Erfolg, sondern den gegenteiligen, daß sie dem Schwächling die Kraft erleichterte, er sie überwand und verhaute.

»Kein Kind, kein Kind!« schrie sie und entwand sich ihm. Während er sich plump und schwerfällig über die Kante wälzte, raffte sie das Sprungseil von der Mitte des Stubenbodens hoch; dort hatte es als zuschauende Schlange gelegen. Zeit, damit zu schlagen, hatte sie nicht mehr, denn das Blut mußte dem schändlichen Menschen entgegentreiben. Sie bildete mit dem Seile eine lange Viertelstunde kreisende Regenbogen, die sie heftig übersprang wie die berühmteste Sonnenkünstlerin, bis sie vom Seilhüpfen matt zusammenbrach. Schweißtriefend. Niemand half ihr vom Boden auf, die Kleider hatten sich aus dem Garderobenschrank wieder über den Direktor begeben und waren voll schlechten Gewissens mit ihm hinausgegangen, hinab in den fensterlosen, nur elektrisch erhellbaren Hazardroom, wo gewöhnliche Spießbürger sich um die Existenzberechtigung brachten.

Die Katze schlief ruhig und schneeweiß während des ganzen Vorgangs auf der seidenen Decke. Susanne kam zu sich und faßte sich, sie richtete sich auf und ging zu der weiß phosphoreszierenden Kätzi hin, nahm sie zärtlich auf und frug sie: »Warum schläfst du, während ich wache, konntest du nicht die Stunde bei mir wachen?« Kätzi verstand kein Wort davon, streckte die Krallen aus ihren vier von sich gereckten Beinen und schlief ruhig weiter, als sie wieder hingelegt wurde.

Susanne bekam von da ab einen Widerwillen gegen ihre lufthungrige Gewohnheit, weil sie immer den wüsten Menschen vor sich sah. Und im Meinungsaustausch mit Hermione und Ganswind über die Frage der nackten Menschennatur ließ sie sich überzeugen, daß es nicht uninteressant war, bei Nacht ein froschartiges Trikot anzunehmen, bei dem der Rücken grün war, die Unterseite gelb. Hermione täuschte so dem Liebhaber Nattern, Kröten, Eidechsen, vorzüglich Amphibien, aber auch bunte Vögel vor. Susanne lauschte gierig und frug, ob sie nicht Unterricht nehmen könne.

»Sehr gern, Unterricht kannst du haben«, sagte Hermione. Von da ab waren sie Du geworden. Mit welcher Zartheit dieser Unterricht gegeben wurde, darüber war Susanne hochüberrascht. Niemals war es roh oder brutal, und noch weniger gemein. Denn nichts geschah ohne den sachte hingeführten Willen.

Das Geheimnis jeder Schwärmerei für alle Dinge und Gewalten beruhte auf der Art des Weges zur Überzeugung.

Die vergötterte Unnatur war die Natur des Geistes.

Die Welt ist roh, wenn sie nackt ist. Die Nacktheit ist nur roh, wenn sie ohne Phantasie ist. Solche Erkenntnis schrieb sich Susanne in den hohen und interessanten Kopf. Und da ging noch mehr hinein.

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