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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Ganswind und Hermione kamen herein. Ganswind wußte nicht, ob er dem Polizeirat eine Frage zuflüstern sollte. Er verbeugte sich mehrere Male tief vor der Dame mit der Katze: »Gestatten Sie, gnädiges Fräulein, Ihr ungewöhnliches Schicksal... meine Frau führt mich her... das bestimmte Bewußtsein, daß Sie zu den Unsrigen gehören, da wir uns in unseren auflösenden Prinzipien im Gegensatz zu der übrigen Menschheit befinden, soweit sie nicht bereits unsere Mitgliedschaft erworben hat.«

Susanne hielt sich die Hand vor den Mund, bereit, aufzuschreien, aber die Gegenwart der Dame zwang sie zu gemessenem Anstand. Der Polizeirat hatte sich inzwischen nicht entscheiden können, ob er die Neugekommenen als bekannt sogleich begrüßen sollte oder nicht. Sein Benehmen mußte auf jede Art bei Susanne großes Mißfallen erzeugen. Da Ganswind jetzt unbedingt erwartet hatte, daß die Dame sich entweder erhob oder sie zum Sitzen einlud, so sah er, weil nichts von beiden eintraf, hilfesuchend auf den Polizeirat.

Dieser trat also entschlossen vor und gab folgende Erklärung ab: »Die Leitung des Taifun unternimmt es nun selbst, die Dame zu sich einzuladen.«

Susanne sprang auf, ganz kindlich erfreut und rief mit einem kurzen Schrei: »Taifun!« Endlich hörte sie das Wort wieder.

Ganswind war durch die Freude aufs angenehmste berührt. Auch Hermione. Nur der Polizeirat stand sündenbewußt dabei, er hatte ja Susanne nicht im mindesten eingeladen.

Susanne reichte den beiden sofort wie in alter inniger Herzensfreundschaft die Hand. Diese befreiten sie aus ihrer verhängnisvollen Lage. Den Freund aus der Abteilung V brauchte sie nicht mehr, aber... hatten sie sich nicht gegenseitig zu ihr verabredet?

Ganswind sprach: »Sie werden einigermaßen erstaunt sein, daß sich Menschen Ihrer Angelegenheit in dieser Weise annehmen. Die Presse hatte selbstverständlich das gegenteilige Ziel mit Ihnen im Auge. Diese wollte der Hotel-G.m.b.H. nur eine Reklame schaffen. Aber wieder einmal beabsichtigt der Taifun, hier dazwischen zu fegen. Mein Name ist Ganswind, meine Frau Hermione ist der Leiter des Taifun. Sie dürfen nur zu uns kommen und unsere Abende besuchen, gnädiges Fräulein, dann geschieht dasjenige für Sie, was Sie zur Wiederherstellung Ihrer Ehre und zur inneren Rechtfertigung brauchen. Es kostet Sie diesmal gar nichts, denn Sie genießen schon jetzt unser ganz vorzügliches Gefallen.«

»Ach, ich möchte das nicht einmal umsonst, ich suche ja schon seit zwei Tagen nach Ihnen.«

»Und fanden uns nicht? Ist das möglich bei unserer kolossalen Reklame?« Hermione und er besahen sich vorwurfsvoll, was sie da versäumt hatten, dann blickten sie aber ebenso erstaunt auf den Polizeirat.

Der Polizeirat verteidigte sich. »Ich kam selbst erst vor einer Stunde hierher.«

Ganswind war aber ganz außer sich. Wie war es möglich, daß man sie nicht fand. »Wer hatte Sie denn auf uns aufmerksam gemacht?«

Susanne winkte gegen den Polizeirat.

»Können Sie das erklären, Herr Polizeirat? Warum setzten Sie sich nicht sofort mit uns durch den Fernsprecher in Verbindung? Wir hätten ja das Fräulein sogleich abgeholt.«

»Auf ein paar Worte.« Der Polizeirat nahm Ganswind mit hinaus. Draußen ging er mit ihm auf und ab. »Bedenken Sie doch, das Fräulein ist nicht ganz normal.«

Ganswind war sehr skeptisch. »Ich habe nicht den Eindruck.«

»Ich bitte Sie, das Fräulein ist sozusagen in der Irrenzelle untergebracht. Es ist dasselbe Zimmer, in welchem alle geistesgefährlichen Gäste untergebracht werden. Sie erkennen es an der doppelten Tür.«

»Die doppelte Tür ist mir allerdings aufgefallen.«

»Sehen Sie, wenn ich nicht sofort Zweifel an ihrem Zustand gehabt hätte, so hätte ich auch bei Ihnen angerufen. Aber so wollte ich heute selber noch einmal beobachten. Zu meinem größten Erstaunen fand ich nun das Fräulein bereits hier in der Zelle.«

»Sind Sie schon weit mit ihr gekommen? Verzeihen Sie meine Indiskretion.«

»Bitte, noch gar nicht weit. Nur sie konnte sich schwer von mir trennen. Sie ist eben fremd hier und hängt sich leicht an diejenigen, welche sich für sie zuerst interessieren.«

»Ihre kindliche Freude, als sie uns begrüßen konnte, war aber ganz klar, gar nicht umnachtet.«

»Nun, ich hatte ihr auch den Taifun in Farben geschildert, können Sie sich denken.«

Ganswind legte für diese Freundlichkeit den Arm um den Polizeirat. »Ja, wie meinen Sie nun, sollen wir sie trotzdem für den Doktor einladen?«

»Ich bin ja sehr froh, daß sie endlich hingeht.«

»Daß sie unsern Salon nicht wußte, stimmt wohl gar nicht?«

»Herr Ganswind, es wäre möglich, das bitte ich mir zu verzeihen, ich sprach vielleicht stets vom Taifun und versäumte, Straße und Hausnummer anzugeben.«

»Franz Josephsdamm 104 hätte sie doch finden können.«

»Selbstverständlich.«

»Wir stehen doch überall an Plakatsäulen, im Adreßbuch, doch wohl auch hier unter Sehenswürdigkeiten, im Hotel Olymp?«

»Ohne alle Frage, das beweist eben, was ich sage.«

»Schade.« Ganswind ging eine Weile schweigend neben dem Polizeirat.

»Ich meine aber, für den Doktor nicht einmal unpassend.«

»Wie? Glauben Sie das im Ernst?«Ganswind stand mit ihm still.

»Das Fräulein hat schon heute einen großen weiblichen Anhang in Berlin und –«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Ich bitte Sie, sie ist bereits Mitglied vom Katzenklub West.«

Ein heiseres, wieherndes Gelächter von Ganswind war die Antwort. »Das ist nicht einmal unpraktisch. So wollen wir doch den ganzen Katzenklub zu uns hereinbringen.«

»Wenn Sie das nicht für gefährlich halten.«

»Lieber Herr Polizeirat. Ich bin Vorkämpfer aller extravaganten Richtungen, namentlich wenn ich dabei verdiene.«

Der Polizeirat lachte nun seinerseits. »So habe ich Ihnen womöglich eine große Errungenschaft gemacht.«

»Außer Zweifel. Wir müssen das Fräulein scharf auf den Doktor lancieren. Und da wollen wir dann doch sehen, wie es mit den Katzendamen des Klubs West steht, ob sie sich nicht energisch zu der Angel drängen.«

»Der Klub hat meines Wissens fünfundsechzig Mitgliederinnen.«

»Hähä. Mitgliederinnen.« Ganswind lief dem Polizeirat voraus ins Zimmer hinein. Der Polizeirat folgte und strich seinen Bocksbart. Er war einstweilen zufrieden, seine ursprünglich rein egoistischen Pläne mit Susanne vor Ganswind versteckt zu haben. Es kam nun darauf an, wie sich der Leiter des Taifun, Hermione, inzwischen mit ihr zusammengefunden hatte.

Diesbezüglich war die Überraschung groß, als sie eintraten. Hermione hatte ihre Strohschute am Arme hängen und hielt die Hände mit Susannes verschlungen. Sie schienen miteinander geschwätzt zu haben.

Hermione strahlte über das ganze Gesicht und rief ihrem Ossi entgegen: »Susi hat ein Landgut an der Aisne.«

Ganswind war darüber derart freudig erregt, daß er sein Schnupftuch, das wie ein Chrysanthemum aus der Brust hervorstand, an die Nase schob, Susannes Hand ergriff und sie küßte. »So sehen Sie eher aus«, sagte er. »Wußten Sie auch das, Herr Polizeirat?«

»Ich kann mich der Beschuldigung nicht erwehren, meine Herrschaften, ich habe von diesem holdseligen Fräulein so viel gewußt, daß mir der Kopf etwas verwirrt wurde.« Dieses Bekenntnis stand ihm sehr gut zu Gesicht.

Hermione lachte ihn aus. »Ich glaube, Herr Polizeirat hätte Susanne Flaubert gerne vorher zur Linken sich angetraut. Wir kamen sehr geschickt, Ossi. Du müßtest eigentlich der Redaktion der ›Wahrheit‹ einen ulkigen Brief schreiben.«

»Ich kann mich in der Tat nicht gänzlich verstecken, verehrte Frau Direktor, mein Hut und mein Stock stehen im Garderobenschrank.« Er kratzte sich im Bart. Und Ganswind patschte sich auf die Kniee. »Das ist ganz ausgezeichnet.«

Der Polizeirat holte zur Verstärkung des Scherzes gleich seinen Hut mit Bedacht hervor. Nach dem allgemeinen Gelächter hielt es indes Ganswind für gelegen, die nächsten Entschließungen zu besprechen. Er setzte sich dazu auf einen Stuhl. »Wann kommen Sie das erste Mal zu uns?«

»Du bist zu spät, Ossi. Sie ist bereits Schwesterchen geworden. Wir haben uns für morgen vormittag verabredet.«

»Holst du sie ab, Baby?« Er küßte Hermione auf die Hand.

Diese Art des Verkehrs gefiel Susanne ganz außerordentlich. »Ach«, sprach sie, »ich finde allein hin.«

»Oder gehen wir noch ins Café Finkensieb?« wurde von Hermione vorgeschlagen. »Herr Polizeirat übernimmt es gewiß, seine Dame nachher wieder hierherzubringen.«

Der Polizeirat kratzte sich am Kopfe. »Wenn ich die Wirkung meiner allzu großen Zuneigung dadurch abschwächen kann.«

Susanne warf ihren Seidenbehang über und zog einen Spitzenschleier über den Kopf. »Kätzi muß ich aber mitnehmen.«

Sie sahen sich alle an.

»Ich kann Kätzi nämlich nicht hier allein lassen. Der Hoteldirektor könnte sie mir stehlen lassen. Wenn ich später in der Bayernallee wohne, so bleibt sie meistens bei meinem Mädchen.«

»Gut also. Kätzi kommt mit.« Sie brachen gemeinsam auf. Der Polizeirat bot dem Fräulein sogar den Arm an.

Susanne lachte an seinem Arm. »Ich habe doch wenigstens endlich erfahren, daß Sie Herr Polizeirat Löwe sind.«

Er antwortete ihr: »Vielleicht, wenn Sie das früher gewußt hätten, so hätten Sie mir nichts von dem hohen Klub erzählt, dem Sie beigetreten waren.«

»Wieso?«

»Ich fühle mich diesen hocharistokratischen Kreisen nicht gewachsen, meine Dame.«

Ganswind machte kehrt nach ihnen. »Es wäre gänzlich verfehlt gewesen, Herr Polizeirat, wenn wir diese Gelegenheit nicht ergriffen hätten.«

Susanne frug: »Bin ich damit gemeint?«

Die Gegenantwort verschlangen die vorbeisausenden Wagen der Großen Berliner. Im Café gaffte alles nach der Strohschute der nordischen Hermione. Die kleinere Susanne konnte selbst trotz Katze nicht in dem Maße auffallen. Man machte tiefe Komplimente. Ganswind hielt es kaum für nötig, durch Gruß zu erwidern. Er schlenkerte nervös seine Zigarette von Mundwinkel zu Mundwinkel, bis er an dem stets reservierten Tisch angelangt war. Das machte alles einen hochbegüterten Eindruck auf Susanne. Es war ihr höchstens bange davor, wenn es schließlich aufkam, daß die Zeitung gar nicht so unrecht gehabt hatte, sie als Hochstaplerin zu bezeichnen.

Aber wenn es ihr wohl ergehen konnte, warum hätte sie da fernbleiben sollen. Ihr Tischnachbar hätte sie offenbar gern zum Dauerverhältnis genommen, wenn sie sich in kleine bescheidene Verhältnisse hätte fügen können. Aber sie war lieber Berlin W., das schon ihr Käterchen als allein stilvoll erkannt hatte. Wo wohnte er denn? Ach, das mußte sie ihn gleich fragen. »Wo wohnen Sie denn, Herr Polizeirat?«

Er sah sie an und ärgerte sich über die Frage. Eigentlich ging er sie gar nichts mehr an. Er tat nur so vor Ganswind, als würde es ihm dauernd Sitzschmerzen erzeugen, so kühl bei Susanne zu sitzen. »In Friedenau.«

»Ist das auch W.?«

Hermione fiel schnell dazwischen. »Das ist alles ein und dasselbe. Eigentlich ist es nicht W., aber es ist auch W. Eigentlich ist es Vorort. Aber die Menschen wohnen sehr gern dort.«

Susanne war unterrichtet. Es war also nicht W.; ganz so sah er auch aus. Sie begriff nur nicht, wie der hausbackene Rat mit ihresgleichen in so nahem Verkehr stand. Mit Hermione fühlte sie sich ganz auf einer Ebene. Als Fisch wäre sie mit ihr in einem Bassin geschwommen, sie hätten vergnügt miteinander gespielt und einander dabei das Futter abgejagt. Mit ihr sprach sie so leicht und gewandt, denn die Welt der Erfindungen war leichter zu beherrschen als die Welt der Tatsachen. Heiter und vergnügt war sie diesen ganzen ersten Abend mit ihnen zusammen. Es freute sie besonders, daß ihr liebender Rat mit so nachdenklicher Miene dasaß, sobald das Gespräch stockte. Er meinte gewiß, sie habe es Hermione gesagt, daß sie nicht in den Taifun gehen solle. Aber so klug war sie schon, nicht so offen zu sein.

Jedes starke Lachen von ihr hörte der Polizeirat mit Verdacht an. Er war eigentlich zu gutmütig gewesen, daß er mitgegangen war. Es war ihm eben gegangen wie seinem Freunde, dem Pfarrer von Afalterbach, der, um seine Blähungen zu vertuschen, recht nahe auf die Menschen aufrückte. Die Musik war, nach Ganswinds fortwährenden Äußerungen und Gesichtszuckungen zu schließen, heute sehr miserabel. Er machte Susanne darauf aufmerksam, wie man bei den Stücken dieser Komponisten immer schon vorher wisse, was komme; jedem Piano folge ein heftiges Forte, es wäre eigentlich, wie wenn man eine Karussellmusik vernehme, die der Windstoß einem von ferne bald zuträgt, bald wegbläst.

Auf Susannes Frage: »Spielen Sie auch Klavier?« gab er gar keine Antwort sondern schnaubte und besann sich, ob er mit solcher Gans nicht zu früh operiert hatte. Hermione mußte erst die Antwort geben. Und sie war nicht leicht. Unter Umständen unterbrach er aus Rache die mitternächtliche Fidelei mit ihr. Sie sagte: »Ossi spielt Flügel.«

Ossi küßte für diese hübsche Antwort Baby vor allen Menschen im Lokale.

Susanne nahm ihr Mündchen zwischen die Hand und rieb es ab, so leid war es ihr, daß sie nicht auch geküßt wurde.

Und nun kam bald die Polizeistunde. Um elf Uhr wurde ohne jede Rücksicht das Licht gelöscht, daß die Gäste im Dunkel saßen, und wenn sie Lust hatten, sich morden und prügeln konnten. Der Kellner verlangte Bezahlung. Ganswind und Hermione sahen sich an. – Susanne zahlte selbst.

Es machte ihr viel Freude, daß sie ihr goldenes Beutelchen zeigen konnte. Den Polizeirat biß es derart in den Augen, daß er gähnen mußte. Er hatte offenbar schändlich Hunger. Mit seinen scharfen Zähnen machte er einen blutdürstigen Eindruck. Dabei sprach er fortwährend: »Ja, würde bald Friede werden!« Er sprach das nicht bloß, um seine Verlegenheit vor der wertvollen Börse, der er nie gewachsen gewesen wäre, zu verheimlichen, sondern auch, weil es nicht einmal mehr eine anständige Blutwurst zu essen gab.

Susanne sagte: »In Brüssel gibt es noch alles.«

Der Polizeirat hätte sie für diese Frechheit am liebsten hintergeschluckt und sie in die Backen gebissen, die sich so lügenrot und sammetweich wölbten. »Und da reisen Sie nach Berlin?« war seine Entgegnung.

»Ach, Herr Polizeirat, ich esse sehr wenig.«

»Es ist schändlich, mir knurrt dauernd der Magen, und die Damen ernähren sich schon von der Luft. Wenn man da auch noch Liebe spenden soll!«

Hermione dachte an das Sprichwort: »Ein guter Hahn wird selten fett.«

Und der Polizeirat kehrte es um: »Ein dürrer Mensch ist selten Hahn.«

Nun war er Susanne richtig verekelt. Wenn auch noch Ernährungsfragen für seine Leidenschaften in Betracht kamen! Oder hatte sie darüber noch nie richtig nachgedacht? Wie ein Streiflicht ging das Erlebnis mit einem Möbelspediteur durch ihren Kopf. Der hatte die ganze blaue Schürze voll dicker Schweineschmalzstullen und aß immer und tat immer, als könnte er nicht genug kriegen, die Möbel auf- und abzutragen.

Ganswind betonte noch: »Es ist wahr, was Herr Polizeirat sagt, das Geld nützt Ihnen in Berlin fast nichts. Es ist trotz allem nichts zu haben.«

»Und meinen Sie, ich bezahle hundert Mark für eine Gans?«

Die andern lachten, auch jemand am Nebentisch. Susanne verzog spöttisch die Lippen; sie hatte eine Art an sich, oft nicht lachen zu wollen. Sie nahm es Hermione fast übel, daß sie nicht gleich aufstand und mit ihr vom Tische ging. Das war doch so grob und bäurisch geredet. Natürlich hatte er nur nicht die hundert Mark. Gänse gab es genug.

Ganswind bemerkte so kurz vor Schluß mit Besorgnis das launische Gesicht der interessanten Belgierin. Er mußte notwendig Susanne noch einen Blick in die Zukunft tun lassen, damit sie sich nicht in ordinärer Gesellschaft fühlte. Hermione hatte ihn dazu mit dem Ellbogen angestoßen. Er sprach plötzlich von dem berühmtesten Schauspieler der deutschen Weltbühne, von Dr. Bäumler. Und mit ganz geschickter Bezugnahme. Er frug Hermione, indem er ihr von unten in die Vergißmeinnichte sah: »Hat eigentlich Dr. Bäumler schon seine Verlobung angezeigt?«

Hermione blieb durch die Frage äußerlich sehr kalt, und doch schoß ihr die Röte ins Gesicht. Das mußte natürlich auf Susanne einen anzüglichen Eindruck machen. da hatte ja soeben eine verheiratete Frau ihre verbotene Liebe verraten. Susanne klopfte das Herz. Was sie wohl antworten würde? Oh, wie ihr die Antwort schwer wurde! Die Röte wich erst einer kreideweißen Blässe. Aber der Gemahl wollte die Antwort. Endlich zuckte ein neckisches Blitzen, vielleicht auch eine räuberische Gier, durch die Vergißmeinnichte, und Hermione antwortete: »Ich meine doch, er denkt gar nicht daran, solange er in unserem Salon verkehrt.«

Der Polizeirat sah listig in seinen Bierrest, den er austrank. Dann, als er das Glas absetzte, war ihm die richtige Beteiligung eingefallen. Er tat, als wenn er sich stark verschluckt hätte, keuchte und hustete.

Ganswind sah Susanne verstohlen an, und Hermione erhob sich, um nach Hause zu gehen.

Sie müssen doch nicht glücklich sein, dachte Susanne, sprang gleichfalls auf und hängte sich an Hermiones Arm. Sie wanderten miteinander voraus. Hinter ihnen die Männer.

Hermione machte Susanne auf das reizende Lokal aufmerksam; sie zeigte ihr, wie fein und sorgfältig alles zusammengestellt war. Die Vorhänge: schwedische Motive. Und die Beleuchtung in wechselnder Farbe. Susanne hatte keine rechte Aufmerksamkeit. Sie dachte darüber nach, ob sie nicht den Doktor zu Entschlüssen veranlassen könnte. Ihr Puls klopfte heftig, wenn sie an sich dachte. Sie war fähig, jeden zu berücken. Sie hielt auch Frau Ganswind, der sie wie eine Freundin am Arm hing, nicht für so überschön, daß man ihren Mann nicht von der Eifersucht befreien konnte.

Susanne wäre jetzt am liebsten ohne den Polizeirat ins Hotel gegangen, um dem Roman zwischen Hermione und ihrem Mann, der sich ihr durch den eigentümlichen Haarschnitt so tief einprägte, in den leer gewordenen Straßen ungestört nachspüren zu können. Die Szene, welche Ganswind zum Schlusse gemacht hatte, war so peinlich für Hermione gewesen, daß sie beim Abschied sogar vergessen hatten, wegen morgen noch einmal »auf Wiedersehen« zu sagen.

Es blieb ihr belanglos, was sie bis zum Hotel redeten. Sie mußten sogar vom Wetter sprechen, denn die gegenseitigen Gefühle gingen einander nichts mehr an. Dem Polizeirat war das recht, er erkannte aus ihrer Einsilbigkeit, daß sie sich mit beiden Ganswinds verkettet hielt. Und beim Abschied sagte Susanne in mitleidsvollem Ton: »Gute Nacht.« So konnte der Polizeirat pfeifen und gern zu seiner Frau gehen. Das gute Kind hatte ihn nicht an Ganswind verraten.

Clothilde fiel es auf, wie gern er zu ihr kam. Da hatte der Abenteurer eine Enttäuschung erlebt. Aber sie war ein herrliches Weib und ermunterte ihn zu neuen Kühnheiten. Es zischte ihm durch den Kopf vor Willen, an anderen Wesen seine eheliche Meisterschaft zur Anerkennung zu bringen. Er erzählte Clothilde von der Fremden, die der Doktor kriegen sollte; sie sei hochnäsig und habe ihm den Erfolg unmöglich gemacht, weil er einen Beitrag für den Katzenklub West nicht wiedererstatten könne.

»Paß nur auf, Männi«, sagte sie zu ihm, wie er mit schwüler heißer Stirne in ihrer Achselmulde lag, »ich werde es der Katze wieder heimzahlen.« Er war dafür so dankbar, daß er seine Leidenschaft für ihren Körper, in dem solche Seelengröße wohnte, gar nicht mehr bändigte.

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