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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Leider hatte sie den Namen des Salons vergessen, wo sie nicht hingehen sollte. Sie war im Teeraum des Hotels Olymp mit einem Lederwarenfabrikanten ins Gespräch gekommen. Er hatte Lust, seinen Kriegsgewinn mit ihr zu verkleinern. Sie ging bis um acht Uhr darauf ein. Dem Chauffeur wurde die Katze auf drei Stunden in Pension gegeben. Von dieser flüchtigen Bekanntschaft hatte sie manchen Gewinn, die Namen aller Weinstuben waren ihm geläufig, auch mancher Kunstsalon, aber jener Name war nicht darunter. Mit einer nervösen Hast trennte sie sich von ihm; sie fürchtete, Zeit zu verlieren. Sie mußte den ausgefallenen Namen auf andere Weise zurückerobern. Der Lederfabrikant war froh, eine weitere Nummer auf einer Ansichtskarte in Poesie bringen zu können.

Auf acht Uhr war Käterchen herbestellt. Sie war aber noch nicht da. Eine halbe Stunde später kam sie. Sie hatte einen Onkel und eine Tante getroffen. Und eine ganz neue, noch nie bewohnt gewesene Zweizimmerwohnung hatte sie ausfindig gemacht. Ganz außer Atem war sie von ihrer Schilderung. Eine Badestube mit Wanne und Sitzbad, aus Marmor. Ohne das Ungeziefer, das sie in Brüssel gehabt hatten. »Aber wo ist Kätzi?« Susanne stürzte in den Fahrstuhl und erwischte sie gerade noch vom Chauffeur, ehe er loskurbelte.

Während Käterchen die fünf Minuten allein saß, blieb sie nicht untätig, sondern übergoß sich mit der Parfümflasche der Herrin. Damit ging der Gestank von der Destille ein bißchen weg von ihr.

Susanne kam zurück. Und Kätzi nieste sofort wegen der Parfümflasche. »So 'ne dumme Sau«, dachte Käterchen, »ich werde mir noch parfümieren dürfen.« Sie sprach bereits in neuer Mundart. Bis jetzt hatte sie sich parfümiert, und schon von heute an parfümierte sie ihr.

»Sau! Käterchen.« Das ging so geschwind wie der Blitz; in demselben Atemzug frug Susanne: »Wo liegt diese Wohnung?«

»Im Westen.«

»Bist du nobel! Woher weißt du schon, was der feine Stadtteil ist?«

»Es steht ja überall dran: Nach dem Westen.«

»Also die Wohnung ist beziehbar?«

»Fein fein. Bayernallee 193, im Garten. Er ist aber aus lauter Pflastersteinen mit bloß zwei Lebensbäumen.«

»Komm mit!« Susanne war rührsam wie ein Teufel. »Wenn ich das nicht selbst sehe, so ziehen wir auf einen Friedhof.«

»Ich habe es ja fest gemacht, gnädiges Fräulein!« Käterchen heulte beinahe vor Angst.

»Wenn es nichts ganz Feines ist, dann fahre ich auf acht Tage nach Breslau mit einem Lederfabrikanten.« Im Vorüberschießen sah Susanne im Vestibül des Hotels ein Verzeichnis aller Sehenswürdigkeiten. Das studierte sie; Käterchen mußte die Katze halten. Der gesuchte Name war nicht darunter. Sollte sie noch einmal morgen auf die Abteilung V gehen? Sie erschrak; an dem Auto, in das sie einstieg, stand ein Schutzmann mit brauner Revolvertasche. Er sah sie vom Hut bis zur Stiefelspitze an. Dann hielt er noch die Ohren hin, wo man hinfuhr. Zum ersten Mal ging's durch den Tiergarten, er erschien wie ein Wald. Susanne bekam einiges Vertrauen. Und Bayernallee 193 wurde Käterchen mit einer innigen Umarmung belohnt. Käterchen liefen große Tränen über die Wangen, sie hatte sich ja so gemein machen müssen, um das zu finden. Man hatte sie zu einem nackigen Frauenzimmer hochgenommen; sie hätte gar nie geglaubt, daß die so eine feine Dependance hatte. Wo sie heute schon herumgekommen war, davon hatte ja das Fräulein keinen blassen Schimmer! Gegenüber dem Elefantenhaus hatte sie schon einmal auf die Kamele geschaut; aber dort hatte es zu sehr gerochen, sagten sie in der Budike.

Susanne rührte keinen Finger krumm, bis Käterchen mit allem fertig war. Vorerst wohnte das Fräulein weiter im Hotel, bis die Möbel kamen. Und Käterchen bei Onkel und Tante, die eine Südfruchthandlung besaßen, in der sie seit einigen Monaten einen Weinschank eingerichtet hatten. Wie sie plötzlich zu diesen Verwandten gekommen war, konnte Käterchen so wenig angeben, als Susanne die Herkunft ihres Landhauses.

Käterchen hörte auch heute zum erstenmal davon. »Hier ist es so fein wie in meinem Landhaus!« hatte das Fräulein ausgerufen.

Recht ungeschickt war jetzt Kätzi. Überall war sie im Wege. Schon am nächsten Morgen wurde Susanne in aller Form gebeten, das Hotel zu verlassen: die Gäste beschwerten sich über die Katze.

»Das sind Affen! diese Menschen!« schrie Susanne. »Und so kleinlich wie auf dem Dorfe.« Das wollte Käterchen nicht zugeben. Bei ihr auf dem Lande, da kümmerte sich niemand darum, ob der andere eine Katze hatte. Aus Widerspruch bezahlte Susanne die vorgelegte Rechnung nicht. Sie bezahlte nur, wenn man sie nicht hinauswarf. »Die Wahrheit« brachte diese Sensation durch die Zeitungsausrufer ans Licht. Und noch am gleichen Tage meldete sich die Vorsitzende des Katzenklubs West bei ihr im Hotel.

Es war eine Dame mit eisgrauem Haar und hoher Schönheitsstirn in schwarzem Atlaskleid. Sie war sichtlich überrascht, ein so junges Wesen schon als solche Katzenverehrerin anzutreffen. Sie sprach in wohlgeformten Sätzen und war eine Berufsaristokratin. Natürlich forderte sie Susanne zum Beitritt auf. Der Klub führte dann sogar den Prozeß mit dem Hotelbesitzer der Olymp-G.m.b.H. für sie.

Weil Susanne fürchtete, in ein schiefes Licht gesetzt zu werden, wenn sie den Beitritt verweigerte, so erklärte sie sich einverstanden. Sie bezahlte sofort zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür die gedruckten Satzungen und das Mitgliederverzeichnis. Susanne blätterte es oberflächlich durch und war nicht wenig erstaunt, daß man sie in diesen vornehmen Klub aufgenommen hatte. Es waren Gräfinnen, Freiinnen und Handelsfirmen darunter. Die nächste Versammlung fand im Jagdschloß Grunewald statt, anschließend an einen Kneippmalzkaffee mit Straßmanntorte.

Vor dem Abschied rückte die hohe Dame noch mit einer Broschüre heraus, in welcher Susanne das ergreifende Schicksal der Madame Hastenteufel aus Ehrenbreitstein am Rhein lesen konnte. Sie hatte siebzehn Katzen, von denen jede einzelne ihr Extrageschirrchen besaß. Weil sie solch hingebende zärtliche Tierfreundschaft hatte, bekam sie durch die Bosheit der Nachbarn keine Dienstboten mehr ins Haus. Das letzte Mädchen war ein so freundliches, liebenswürdiges Mädchen gewesen, und es hatte ihr bei den siebzehn Katzen am ersten Tage so gut gefallen. Aber am nächsten Tage lief auch sie wieder davon. Angeblich weil sie es nicht aushalten konnte, wie die siebzehn Katzen ihr zwischen den Röcken und Beinen krabbelten. Das war aber nicht wahr. Der Grund war gewesen, daß die Nachbarn sie aufgehetzt hatten. Und nun mußte die vornehme Dame ihre Arbeit allein besorgen, für die Katzen selbst abwaschen, ohne jegliche fremde Hilfe! Sie wurde dadurch so nervös, daß sie täglich drei große irdene Milchtöpfe zerschlug. Aber trotz dieses Schicksals blieb sie fest und katzentreu. Sie starb am 15. November 1916 aus Gram. Und noch mehrere ähnliche Novellen standen in der Broschüre des Bundes für Katzenschutz.

Es war für Susanne ein starker Rückhalt, dieser mächtige Klub. Gegen die Hotel-G.m.b.H. trat sie jetzt mit mutigstem Schneid auf. Die betreffende Zeitung wollte sie sich noch kaufen. Das gab's ja nicht, daß man sie, die ihr gutes Recht behauptete, eine Hochstaplerin nannte.

Käterchen sprach zwar: »Ich hab's ja gesagt.« Aber Käterchen mußte sich fügen, sie war eine weltverstoßene Witwe und hatte nichts zu sagen.

Im Direktorzimmer des Hotels war abends um sieben Uhr noch einmal ein großer Krach. Sie wollten das Fräulein über Nacht durchaus nicht mehr hier lassen. Der Lederkönig aus Breslau fuhr schleunigst ab, weil er mit dem Katzenskandal nicht in Verbindung kommen wollte. Das hatte die Wut entfacht. Der Direktor wollte Susanne die Katze entreißen.

»Das tun Sie!« fauchte Susanne und zitterte vor höchster Erregung. »Ich bewerte das Tier mit fünfmalhunderttausend Mark, wenn ihr ein Haar gekrümmt wird.«

»Ist es denn eine dressierte Varietékatze?«

»Nein.«

»Wie kommen Sie dann auf fünfmalhunderttausend Mark? Sie haben einen Vogel. Da fehlt es Ihnen.« Der sonst so vornehm tuende Direktor bekam sehr lockere Gelenke und grobe Gesten.

Jetzt berief sich Susanne auf ihre adeligen Bekannten. »Wenn Sie an dieser hohen Bewertung Zweifel hegen, so wenden Sie sich an die Baronin von Büxenstein, Freiin Edle von der Schelde, die Gräfin von der lahmen Zunge, Fürstin zu Kloppenrede.« Diese Namen hatte sie als die auffälligsten bereits auswendig gelernt. Sie flossen ihr aus dem Munde.

Der Direktor verstummte vor solchen Namen und setzte auf den andern Tag eine Stunde fest, bis zu welcher sie das Zimmer geräumt haben müsse. Er dachte aber nicht mehr daran, Ernst zu machen. Im Gegenteil, er erlaubte sich, Fräulein Flaubert ein etwas separiert liegendes Zimmer, aber in glänzendsten Lage, anzubieten. Davon machte sie Gebrauch. Sie wohnte jetzt in demselben Zimmer, in welchem vor bereits fünfzehn Jahren die Herzogin von Uvermonde ihre Hundeleidenschaft ausgetobt hatte, bis sie der Tod erlöste.

Das Zimmer war mit einem Ausblick auf das Denkmal des Großen Fritz gelegen. Susanne speiste um dreiviertel acht Uhr schon dort und unterhielt sich aufs einträchtigste mit dem Direktor, der an ihren großen Landbesitzen an der Aisne einen Affen gefressen hatte. Er ließ sich auch intime Beobachtungen über den Lederfabrikanten mitteilen, so zum Beispiel, daß er eine große zottige Franse am Beine hatte. Der Direktor kratzte sich am Kopf und versuchte den Rang auf Susannes Herz zu nehmen, aber er getraute sich nicht, und nun wurde er gestört und mußte aus dem Zimmer der Freundin verschwinden. Er war ein dicker kleiner Kerl und hatte Not, mit seinen kleinen Schritten vorher noch bis an die Türe zu kommen, ehe der Besuch eintrat. Jetzt, da sich ein Herrenbesuch meldete, stieg sie an Ansehen wie ein Gasballon.

Susanne glaubte dunkel zu ahnen, wer der Herr sein müsse. Er hatte sich nicht namentlich melden lassen, sondern nur »wegen des Zeitungsartikels«... Entweder war es ein Redakteur, der sich entschuldigte im Namen seines Chefs, oder... Aber der Lederfabrikant war abgereist.... vielleicht ein Beauftragter desselben, möglicherweise auch ein Rechtsvermittler, oder ein neuer Klub?

Susanne sah dem Direktor mit einer gewissen Liebe hinterher, es schmeichelte ihr, wegen Kätzi in die Zeitung gekommen zu sein. Und es schien, daß sie dadurch mit den Verborgenheiten bekannt wurde. Ohne diese kennen zu lernen, hatte das Leben keinen Wert. Allerdings, vieles sah sich romantisch an, was man las; und Auge gegen Auge war es doch werktäglich. Vielleicht konnte sie überhaupt nichts finden, weil sie alles durch ihr eigenes Wesen besaß. Daß sie nun zum Beispiel das berühmte Zimmer bewohnte – und jetzt selbstverständlich unentgeltlich, das hätte sie sich nie vorher zugetraut. Die Tür ging leise auf, der livrierte kleine Anton öffnete dem Besuch. Er wechselte dabei einen zärtlichen Blick mit Susanne.

Susanne stand von ihrem Sofaplatze neben der Katze auf, um zu begrüßen. Sie mußte aber gleich nach einer Stuhllehne greifen das war ja der Beamte von Abteilung V! Die Tür wurde geschlossen, und ein Augenblick tiefen Grabesschweigens herrschte im Zimmer.

Susanne zitterte und sah zu Boden, da kam der Polizeirat auf sie zu, nahm ihre Hand und küßte sie. Sie sah ihn nur mit großen Augen an. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Ich wußte, daß Sie sich in Not befanden. Darf ich mich als Ihr väterlicher Freund beweisen?« Nun glaubte er, Erfolg zu haben.

Susanne blickte in eine Ecke halb rechts, um ein Lachen besser unterdrücken zu können. Der Polizeirat hielt das Wegsehen für Scham. Zum Kuckuck, er wußte nicht, was er reden sollte, obgleich er sonst ein großer Festredner war. Er sah sich fast verlegen im Zimmer um, vom Sofa aus waren die Augen der Katze aufmerksam auf ihn gerichtet, fast wie zum Fürchten.

Susanne hatte sich inzwischen entschlossen, dem alten Sünder nachzuhelfen. Sie lächelte und sagte schüchtern. »Man hätte mich beinahe auf die Straße gesetzt.«

»So.« Das war nun doch eine freundschaftliche Mitteilung. Der Polizeirat rutschte auf einen Stuhl und ließ sie auf seinen Schoß gleiten. Er verlor beinahe die Fähigkeit, überhaupt noch zu sprechen, so überrascht war er, daß sie dazu so stillhielt. Sollte er... jetzt sah Susanne nach ihm herum, was er tat. Sie lachte ihn dann lustig an, und er verlor den Mut.

»Sie haben wegen der kleinen Katze schon recht viel Unannehmlichkeiten gehabt.«

»Nein, durchaus nicht. Woher wußten Sie eigentlich, daß ich das war, die das Abenteuer hatte?«

»Das war zu vermuten. Und wenn sich meine Vermutung nicht bestätigt hätte, so säße jetzt vielleicht eine andere Dame auf meinem Schoß.«

»Das halte ich doch für einen großen Irrtum. Ich hatte mich für besonders schmiegsam gehalten. Es gibt mir nicht sehr viel Geschmack an Ihnen, daß Sie sich als so unwiderstehlich hinstellen wollen.«

»Ich bin es aber, liebes Fräulein Susanne. Ich hätte Sie zwar lieber erst auf meinem Schoß sitzen gehabt, wenn ich mich über unsere Kartoffelwirtschaft in nüchterner, unleidenschaftlicher Art mit Ihnen auseinandergesetzt hätte.«

»Glauben Sie denn immer noch, daß ich es auf Geldgewinn anlege?«

»Meine Erfahrung ist zu groß, geliebte Katze. Sie können auch wirklich Ihre Hotelrechnung nicht bezahlen.«

»Wer sagt Ihnen das?«

»Das steht in der Zeitung.«

»Die werd ich mir kaufen!« Sie sprang von seinem Schoß auf. »Ich habe Geld, aber ich bezahle in diesem Hotel nun überhaupt nichts. Für die erlittene Beleidigung und Verletzung meiner Ehre kann ich diese Vergütung beanspruchen.«

»Sind Sie doch nicht so naiv. Was fragt eine Hotel-G.m.b.H. nach Ihrer beleidigten Ehre. Es ist nicht anders üblich, als daß Damen, welche sich so exponiert aufführen, vogelfrei sind.«

»Ist das auch Ihre Meinung?« Susanne stand mit hochgezogenen Brauen vor ihm und war auf dem Sprung, handgreiflich zu werden.

»Nein. Meine Meinung von Ihnen ist eine sehr gute, ich hätte Ihnen kein Verhältnis angeboten.«

Susanne senkte den Kopf. Dieser Mann hatte Erfahrung und hielt sie trotzdem für eine Ausnahme, sie prüfte noch einmal. »Woher wollen Sie meine Vermögenslage kennen?«

»Ja, gutes Kind, daß Sie von einer Vermögenslage sprechen, ist schon der Beweis, daß Sie sich in keiner Vermögenslage befinden.«

Susanne versuchte das zu verstehen. Sie sah den bocksbärtigen, zynischen Menschen an und wußte gar nicht, wie die Röte ihrer Wangen verriet und sprach. Wahrhaftig, Farbe, Miene und Bewegung zeigten einem Naturbewanderten mehr als die Worte aussprachen, Worte, die durch absichtliche Lügen entstellt hervorkamen, und in der Tat die Gedanken verbergen sollten.

»Mein Fräulein«, sprach der Polizeirat, »ich fühle, daß Sie von aller Weit geliebt werden, daß Sie es aber häufig unterlassen, diese Liebe zu beantworten. Ich würde Ihnen den Rat geben, auf den Gedanken zu verzichten, für erlittene Beleidigungen den Schadenersatz im Hotel abzusitzen. Lassen Sie mich einspringen und geben Sie lieber mir noch ein Geschenk dafür, damit Sie reicher werden. Wenn Sie hierbleiben, so gewinnen Sie nichts, das Hotel gewinnt alles, an dem Aus- und Eingehen Ihrer leuchtenden Anmut hat die Hotel-G.m.b.H. mehr, als wenn Sie lumpige Rechnungen bezahlen.«

Susanne erschien das einleuchtend. Sie lachte und sah ihren Gast sehr lockend an. Es wurde ihm gestattet, ihr einen Kuß zu geben. »Ist damit unser Vertrag abgeschlossen? Wenn ich hier weggehe, so kann ich immer noch nicht meine eigene Wohnung beziehen.«

»Mieten Sie ein möbliertes Zimmer.«

Dieser Vorschlag entsetzte Susanne, sie sah ihn wie entfremdet an. Wahrscheinlich war er sehr erfahren, aber in seinen Ansprüchen doch sehr zurückgeblieben. Er erinnerte sie an einen burschikosen, doch alt gewordenen Studenten. Und womöglich war er eifersüchtig, das war so die Sitte der möblierten Buden. Sie wollte da noch so manches vorher zur Sprache bringen. Ach richtig, er hatte ihr einen Kunstsalon verboten. Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern: »Freund, warum ist mir der Kunstsalon verboten?«

»Er ist Ihnen nicht verboten. Ich, ich«, er strauchelte in der Rede, »ich müßte Sie eventuell selbst dort einführen.«

Susanne rief voll Freude aus: »Es muß aber gewiß sein.«

»Ein Monat muß mindestens gemeinsam vorher umgebracht sein.«

»Dreißig ganze Tage! Warum denn? Glauben Sie mich dann genug zu haben?«

»Ich kriege nie genug.«

»Was ist es dann?«

»Der Kunstsalon wird umgebaut.«

»Ist das wahr?« Sie fühlte, daß er unoffen sprach. »Wenn ich nicht gleich dorthin darf, so bezahlt der Katzenklub meine Hotelrechnung.«

»Sind Sie dort Mitglied?« Der Polizeirat war darüber sehr verwundert.

»Die Freifrau von Stubbenrode war heute bei mir, und ich bezahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag.«

Der Polizeirat taumelte auf einen Stuhl und warf einen vernichtenden Blick auf die Katze. Susanne sah ihm zu. Warum traf ihn diese Mitteilung so gewaltig? War sie ihm zu vornehm geworden?

Die Aufklärung kam bald. Der Polizeirat erhob sich, er wollte ihr die Hand geben und sich aus dem Staube machen. Das konnte sie sich nicht gefallen lassen. Er hatte sich ihr verpflichtet. Sie trat ihm kurz vor der Tür in den Weg: »Warum wollen Sie Knall auf Fall aufbrechen?«

»Ich hatte die Katze nur für Ihr Spielzeug gehalten.«

»Das ist sie auch.«

»Im Katzenklub West sitzen lauter Geisteskranke.«

»Das wußte ich nicht.«

»Treten Sie sofort wieder aus!« Diese Aufforderung klang wie ein strenger Befehl.

»Aber meine zwanzig Mark?«

»Die lassen Sie schwimmen.«

»Bei Ihnen muß man alles schwimmen lassen.«

»Weiß das Hotel um Ihre Mitgliedschaft?«

»Gewiß.«

»Ich verwunderte mich doch, daß Sie in dem Zimmer mit der Doppeltüre sind.«

»Was ist das für ein Zimmer?« frug Susanne bestürzt.

»Hier wohnen die Geistesirren.«

»Das ist nicht möglich. Ich bin ja völlig gesund.«

Der Polizeirat sah sie sehr mißtrauisch an. Ehe er auf weiteres mit ihr einging, mußte er bei Abteilung X anfragen, ob Susanne dort gemeldet war. Verschiedene Beobachtungen an ihr waren verdächtige Symptome. Sollte er sie nicht doch lieber in den Taifun einführen? Dann war er aller Verpflichtungen wieder ledig. Und dem Doktor kam ohne Neid die zugewanderte Irre zugute. Er besah Susanne, sie trug ein kamelfarbenes Abendkostüm, und ihre hohe Stirne mit dem nach hinten getürmten Kopf fiel ihm das erste Mal unangenehm auf. Er gratulierte sich insgeheim, daß er sie vorhin nicht mißbraucht hatte. Verrücktheit war die ansteckendste unter allen nicht ansteckenden Krankheiten. Er sah das Engelbild seiner Frau vor sich, wie die ihn bedauerte, wenn er solch einen Zwischenverkehr pflegte. Aber da stand sie vor ihm und bohrte ihre starren Augen in ihn hinein. Mitleid war durchaus nicht angebracht. Er mußte wieder entkommen. Es half nur eine List. Er nahm seinen Hut und seinen Stock, hing beides in den Garderobenschrank und tat, als wollte er sich bereits für die Nacht häuslich einrichten.

Susanne sprach immer noch nicht, sie war zu schwer gekränkt. Desto gewisser war's ihm, daß sie übergeschnappt war. Er setzte sich auf den gefährlichsten ansteckendsten Platz, neben die Katze. Diese glotzte ihn mit ihren verrückten Augen fortwährend an. Susanne zog er mit Gewalt zu sich auf das Sofa,. Er strich ihr mit der Hand über den Kopf, da brach sie endlich in heftige Tränen aus. Der Polizeirat streichelte sie nur immer zärtlich weiter, als wollte er sagen: »Ja, arme Irre, du kannst ja selbst nichts dafür.« Er wollte nun den Abend bei ihr so lange verbringen, bis sie zufällig einmal das Zimmer verließ, dann nahm er Hut und Stock geschwind aus dem Schrank und entfloh.

Die Sofagruppe war gerade besonders rührend, als die Doppeltür aufging und Ganswind in der Türfüllung erschien, hinter ihm Hermione.

Sie wollten erst wieder zurückprallen, weil sie den Polizeirat nicht stören wollten, aber sein Zuruf hielt sie auf. Er gab vor, das Zusammentreffen sehr kurios zu finden, schlug mit der Faust auf den Tisch, lachte wie ein Berserker und erhob sich. Susanne dagegen blieb regungslos sitzen und zog ihre Katze an sich.

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