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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Wer beim Anblick eines schlafenden Weibes noch an eine Göttin denkt, dem seien seine Sünden vergeben, denn solcher sündigte aus hellem Unverstand. So war der Doktor allmählich geworden, seit er durch den Flurschütz so schamverletzt worden war. Er war völlig ausgereift in seiner Weltbetrachtung. Das Lächerlichste war auf Erden eigentlich jegliche Anbetung und Verehrung anderer Menschen, sowie ihrer Götter. Götzendienst und Fetischismus waren voll tiefer Wahrheiten und voll Schönheit. Was er nicht gleich vom Taifun verstanden hatte, das begriff er jetzt, als er in seiner Junggesellenwohnung allein war. Wie mit Zungen und Händen kitzelten die geschauten Bilder seine Nerven. Es war ein Totemkultus, der in berückender Form den Weltstadtmenschen geschenkt wurde.

Nur welche der geschauten Ungeheuerlichkeiten sollte er als sein Wahrzeichen annehmen? Das Bild mit der leckenden Katzenzunge marterte ihn. Und wie von einem stechenden Kopfschmerz besessen, hantierte er in seiner Küche. Er wohnte seit dem zweiten Kriegsjahre in Stube und Küche, Gartenhaus einer ff. Gegend. Vom Unglück wurde er aber an diesem Tage dauernd verfolgt. Er zerschlug nicht weniger als zwei Einkochgläser, die er reinigen wollte, um Aprikosen zuzusetzen. Dann mahlte er mit der Kaffeemühle Graupen, um sie in den Brotteig zu mischen. Aber die Graupen gingen nicht durch die Mühle, weil die Körner nicht hart genug waren. Mit aller Kraftanstrengung drehte er die Kaffeemühle, welche er zwischen die Kniee geklemmt hielt. Da fiel ihm die Schublade mit dem Mehle heraus, und er schüttete das schweißtriefend gewonnene Mehl in die Fersen seiner Filzschuhe über die Strümpfe. Dieses vielfache Ungeschick alterierte ihn so, daß er sich an den Schreibtisch setzte und sein Testament schrieb. Wenn auch noch das Pech wirtschaftlichen Mißgeschicks seinem dürftigen Geldbeutel Schabernack zufügte, dann war es zum Heulen und Verzicht auf das bißchen Leben.

Einer Frau wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Und überhaupt, wenn er Geld hätte, so wäre alles ganz anders. Er malte sich das sonnigste Dasein aus mit einer Gattin, Dienstboten, mindestens sechs Zimmern, Heizung und Telephonanschluß nach einer Depositenkasse. Und dann, dann holten sie ihn gewiß wieder, und er wurde noch einmal und vielleicht erst jetzt die große Berühmtheit.

Der Polizeirat traf zu Hause noch mit dem Hausfreunde zusammen. Er lebte in aufrichtiger Ehe, in der jedes dem anderen die Zweifel durch die Gewißheit verscheucht hatte. Ob er seine Kratzer beim Taifun verübte oder wo anders, war Frau Clothilde gleichgültig. Sie interessierte sich sehr für alles, was er von seinen Entdeckungsreisen nach Hause brachte, und sie ließ sich auch dann und wann zu den entdeckten Inseln und Wundern mitschleifen. Sie gab sich sogar dazu her, ihm Hilfsdienst zu leisten, wenn er sich etwas erobern wollte. So glich er einer Art Raubritter in der Liebe, und sie auf ein Haar Dido.

»Ich habe Kopfweh«, trat er ein.

»Das kommt davon«, erwiderte sie.

»Quatsch, ich habe ein Bild gesehen von einem Menschen, dem der Kopf verkehrt auf der Halsstange steckt. Ich kann dir sagen, Clothilde, der Taifun erschöpft bald meine Fassungskraft.«

»Du wirst doch nicht schon alt werden.«

»Also, du willst es selbst haben, daß ich immer wieder hingehe? Es wird jetzt ein Damenkonzern gebildet werden.«

»Das paßt ja für dich.«

»Nun höre! Du denkst an junge siebzehnjährige Mädchen. Das ginge schon, aber man braucht dazu bereits Kapitalwild.«

»Ich bitte dich, in einer Viermillionenstadt werden sich doch mindestens gegen fünfzig junge Mädchen finden lassen, die bereits über Kapital frei verfügen können. Eventuell auch durch Vormünder.«

»Das ist nicht ohne weiteres verantwortungsfähig. Ich schwöre zwar auf die Lorbeeren der Taifungesellschaft, aber zunächst wird sie noch als ein ganz windiges Unternehmen angesehen. Und ich möchte bei der nachher ausbrechenden Revolution nicht als ein Schieber in Frage kommen.«

»Revolution?«

»Selbstverständlich, wenn von fünfzig Damen eine nur einen Mann kriegen soll und kann. Solange darum gelost wird, solange geht es, aber nachher, wenn die eine die Gewinnerin geworden ist, was dann?«

»Wenn es sich darum handelt.« Es entstand eine nachdenkliche Pause.

»Darum ist es besser, man wendet sich an solche Individuen, die sich bereits an die Enttäuschungen des Sitzenbleibens sattsam gewöhnt haben.«

»Welchem Herrn soll denn die Schur gelten?«

»Einem Schauspieler vom Passagetheater, Dr. jur. Alfred Bäumler.«

Frau Polizeirat machte da plötzlich ein ganz verschmitztes Gesicht. Ihre scheinbar so hausbackene Erscheinung verklärte diese vergnügte Neugierde aufs reizvollste. »Ich will dir sagen«, sprach sie, »um einen Schauspieler würde ich mich selber noch gern daranwagen.«

»Selbstverständlich, du darfst dich beteiligen. Der Taifun hofft darum auf eine rasche hohe Einnahme, weil eben diese Sensation groß ist. Ich bin dir sogar dankbar, wenn du ihn als Jungfrau mit umwirbst; du kannst nachher den Taifun der Entrüstung, welcher nach der Verlobung ausbrechen wird, leicht niederschlagen.«

»Und wenn der Schauspieler mich wählte?«

»Das wäre ein schreckliches Pech für mich.«

Die Frau des Polizeirates ging eilends durch das Berliner Zimmer nach dem Schlafzimmer. Ihr Mann mußte vorn sein, um die Polizeiordonnanz abzufertigen. In der Abteilung für Paß- und Fremdenwesen war zur Zeit große Aufmerksamkeit nötig. Polizeirat Löwe arbeitete mit Vergnügen und Liebe. Auf morgen vormittag ließ er sich wieder eine ganze Kolonne interessanter Menschen persönlich vorstellen.

Vielleicht rührte von seiner täglichen Berührung mit den absonderlichsten exotischen Wesen seine Neigung zu Neuerfindungen in der Kunst. Stand denn nicht manchem dieser Menschen der Kopf verkehrt auf dem Rumpf? Und seit die ganze Welt im Kriegszustand lebte, fehlte die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen im Amte. Die Darbietungen des Taifun waren dem Abwechslung liebenden Manne Ersatz für den Kriegsverlust.

Er befaßte sich seit langem mit eigener Dichtung. Es waren Couplets für die bunten Paare in Bars und Kabaretts und Tingeltangel. Sie waren nicht phantastisch, sondern urberlinerisch, von kräftiger Sprache und mokantem Witz.

Sie behandelten eigentlich jene weitgereisten Herren und Damen, wie es ihnen, in die Umwelt Berlins verschlagen, erging. Er vergaß dabei, daß jene Menschen den Welterscheinungen ganz anders gegenüberstanden, als er. Sich selbst kam er wie ein Weltendurchstreifer vor, und er blieb trotz aller Exkursionen nach Afrika, Asien und Amerika ein enger Weltstädter.

Vielleicht stand es um den Taifun ebenso. Es war eine gewisse Philisterhaftigkeit, daß sich sein Wirbelkreis für ausschließlich international hielt. Deswegen fanden allerdings die Verkannten ganz Europas in Berlin allein einen Unterschlupf. Das Ausland war in herrischem Bewußtsein stärker und ungläubiger gegenüber der Ausschließlichkeit einer Sache, ob sie nun Kunst hieß oder Technik.

Und dann hatte der Krieg noch eine eigenartige Entwicklung gezeitigt. Die Zeitungen wimmelten von Inseraten, in denen Gemälde und Galerien zum Verkauf ausgeboten wurden. Es waren extra Kunstauktionshäuser entstanden, die mit riesenhaften Gewinnen Versteigerungen veranstalteten, Sammlungen von Schweizern und Holländern.

Der Taifun überbot noch jene Auktionshäuser, indem er einfach die Erzeugnisse der Ausländer mit Beschlag belegte und seinem Besitze zuführte. Es gelang ihm dadurch, durch die freie Verfügung über teilweise seltene Werke, den Schein eines großen Reichtums vorzutäuschen, und die Preise solcher Besitzungen nach Belieben hochzuschrauben. Auf Einzelheiten und ganze Sammlungen fand er Kredit. Fast jedes halbe Jahr vergrößerte er seine Räume.

Es war dem Polizeirat oft bedenklich zumute, ob er sich als Beamter so sehr in fremde private Angelegenheiten verwickeln durfte. Besonders das Nichtwissen, wie eigentlich der Taifun fundiert war, brachte ihm manche schlaflose Nacht. Er fürchtete fast stets den Krach, und daß er mit hineingezogen würde. Aber es ging ihm wie einem Spieler am Roulette, er kam nicht mehr davon weg. Hermione zog wie ein Magnet, und zahlreiche niedliche Elevinnen stachelten immer neu. Es stand sogar so schlimm um ihn, daß er oft mitten in Amtsgeschäften an seine Herzgrube fuhr, wenn ihm eine Erinnerung an irgendwelche Absonderlichkeit Sehnsucht und Heimweh erzeugte. So hing er jetzt den wonnesamsten Gedanken nach, wie er die Damen, welche auf den Doktor losgelassen wurden, selber anzog.

Er besann sich krampfhaft auf alle möglichen und unmöglichen Gesellschaftskreise. Und gar manche einmal flüchtig gestreifte Unbekannte suchte er in seinem Gedächtnis zu ermitteln und festzustellen.

Ganswind beherrschte solches Ermittlungsverfahren von Grund aus. Und fast mühelos gewann er vorher nie geahnte Verbindungen. Es war dem Polizeirat ganz unklar, wie er schon am nächsten Morgen nicht weniger als sechs Adressen im Fernsprecher erfuhr, wohin bereits am Nachmittag Einladungen ergehen würden. Die Tochter der Schwarzen Kreuzbrauerei war ihm sogar vorgestellt worden vor fünf Jahren, aber sie war ihm nicht eingefallen. Er erinnerte sich jetzt, daß es ein Fräulein war, welches mindestens einen Zentner und neunzig Pfund wog. Wie konnte denn dieser fast spinnendünne Mensch mit solchen Maltersäcken in ein Verhältnis treten! Und er selber war als ehemaliger Husar auch mehr der leichten Reiterei zugetan. Er lachte in das Mikrophon, daß fast ein Bruch im Stromnetze entstand.

Mit ungewöhnlicher Heiterkeit empfing er heute die vorgemerkten Fremden. Die Damen besah er sich natürlich gleich aufs genaueste. Er hatte gerade den Taschenkamm eingesteckt und wollte sich vor seinen Schreibtisch setzen, als im Gange draußen vor der Tür ein lautes gilfendes Geschrei vernehmbar wurde.

Der Polizeirat lauschte. Es handelte sich offenbar um eine Katze. Lange blieb er auch nicht im Zweifel. Es krachte gegen seine Türe, dann gab es ein lautes Weinen und Jammern. Löwe schnellte empor und riß die Tür auf. Da bot sich seinen Augen ein fast bedauernswerter Anblick.

Am Boden lag eine elegante Dame, und ein Schutzmann kniete über ihr. Zwischen beiden war ein weißer Pelz erkennbar, dessen Enden hüben und drüben von Dame und Schutzmann gehalten wurden. Um ihn schien sich die Balgerei entspannen zu haben.

»Sie Grobian! Sie verdammter Hund, Sie! Sie werden mir meine Katze nicht entreißen!« schrie die Dame.

»Sie ordinäres Frauenzimmer, ich werde Ihnen die Katze in zwei Teile reißen, wenn Sie sie nicht hergeben.«

»C'est l'Allemagne! Das ist Deutschland! Gott, wie unüberlegt konnte ich handeln. Lassen Sie mir meine Katze, oder ich speie Ihnen ins Gesicht!«

»Wagen Sie's, dann erhalten Sie einen Faustschlag.«

Jetzt schrie die Dame. »Er schlägt mich! Man schlägt mich! Hilfe! Hilfe!«

»Sie dürfen nur die Katze hergeben. Sind Sie nicht so einsichtslos! Die Katze ist in der Tierabteilung abzufertigen!«

»Ich will ja mit ihr dahin gehen.«

»Das ist ausgeschlossen. Die Tierabteilung darf von einem Menschen keines Standes betreten werden.«

Susanne war ordentlich naß geworden von dem eifrigen, speichelreichen Wortschwall des Wachtmeisters. Ihre Kraft begann nachzulassen. Und es kam ihr so vor, als wäre Kätzi bereits der Halswirbel ausgerenkt. Ihrer Alteration gab sie nur noch in einem heftigen Weinkrampfe Luft.

Der Wachtmeister stand auf, hatte die Katze in den Armen und wischte sich den Schweiß ab. »Was einem doch die Damen für Schweißtropfen auspressen!« Der Polizeirat hob mit einem hinzugekommenen Gehilfen des Zimmers 59 die Dame vom Boden auf. Dem Polizeirat bebte sein weißer Haarhahn, und mit einem auffressenden Blicke verzehrte er das entzückende Kind.

Er sprach: »Gnädiges Fräulein, Sie haben auf Deutschland geschimpft, es ist das eine ziemlich gewohnte Regel; aber nachdem Sie in meinen Armen gelegen haben, schwöre ich, kein entzückenderes Wesen je auf Händen getragen zu haben.«

»Was wird mit Kätzi?« unterbrach ihn die Dame.

»Aber welch süßes Tier! Das Ebenbild jener Katze hinter dem verkehrten Menschen. Ob Sie mich zwar verstehen werden, weiß ich nicht. Doch soviel mir das Ressort vertraut ist, Sie werden es in längstens einer Viertelstunde wiederschauen. Sie sind eine Fremde, Sie müssen sogar bei mir hier eintreten. Und ganz gegen meinen gewohnten amtlichen Verkehr bitte ich Sie, mich nur eines Blickes aus Ihren schönen Augen zu würdigen.« Polizeirat Löwe war ganz hingerissen. Als ihn der euphorbische Blick aus den Tränenaugen traf, war es, als spränge in ihm eine Sprungfeder in die Höhe. Er krümmte sich ein paarmal, und dann schlug er sich an die Stirn, taumelte auf seinen Strohsessel zu und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Tintenfaß hochhüpfte. Und fast mürrisch verstimmt über sein Lebenslos setzte er hinzu. »Ich bitte um Ihren Paß.«

Die Dame stand aber noch unter der Tür und blickte ihrer Katze nach, welche der Wachtmeister in das Kellergewölbe trug, wo sie mit Röntgenstrahlen auf ihren Inhalt untersucht wurde, daß ja kein Spionageverdacht an dem Vieh war. Es war eigentlich eine Art Entlausung vom Gefühle der Unsicherheit. Dort unten heulten verschiedene noch nicht abgeholte Hunde. Kätzi standen die Haare zu Berg in dieser Folterkammer. Aber der Wachtmeister ging derart liebevoll mit ihr um, daß sie über dem vorsichtigen Bedacht seiner Handlungen endlich selbst lachen mußte.

Ehe die Katze wieder zurückgebracht war, vermochte die Dame kaum Auskunft zu geben und die gestellten Fragen zu beantworten. Dem Polizeirat waren die Fragen, die er stellen mußte, höllisch zuwider; nach jeder Frage schlug er auf den Tisch und wand sich wie ein kiemenentzündeter Fisch. Er wollte damit zeigen, daß er ja viel lieber Liebesbeteuerungen ausgestoßen hätte, als eine bureaukratische Verhandlung zu führen.

»Also Sie heißen Susanne Flaubert, reisen mit einem kleinen Vermögen, einer Katze und einem Dienstboten namens Käterchen. Warum haben Sie die nicht mit hierhergebracht?«

»Sie mietet mir ein Logis.«

»Das Fragezeichen hinter ihrem Namen sollte für mich ein Zeichen sein, daß ich hier eine vorsichtige Untersuchung über die Personalien Ihres Dienstboten anstellen möchte.«

»Sie ist eine Schwarzwälderin.«

»Ja, das seh ich schon. Aber nun, mein Fräulein, wollen wir keine langen Erörterungen darüber beginnen. Es ist eine weit wichtigere Anfrage, die ich an Sie, gnädiges Fräulein, habe.« Er stand dabei auf und sah ihr wie ein Sperber in die Augen. Er fuhr dann fort: »Ich habe Sie nicht ohne eine gewisse Teilnahme am Boden liegen sehen –«

»Ich würde mich gegen diese empörende Behandlung auflehnen, wenn ich nicht fürchtete, dann nur als lästige Person ausgewiesen zu werden«, entgegnete Susanne in aufbegehrendem Tone.

»Sie sollten mich reden lassen, meine Schöne. Sie haben ein rasch aufzüngelndes Feuer der Liebe in mir entfacht. Ich durfte Sie in den Armen halten, als ich Sie aufhob. Würden Sie mir einen Besuch gestatten, um mich für das Vorgehen des Beamten persönlich zu entschuldigen –.«

Susanne sah ihn kühn an und stellte sich auf hohe Absätze vor ihm. »Sie sind verheiratet, mein Herr –.«

»Gewiß, aber meine Frau läßt mir fast völlige Freiheit.«

»Sie müssen sehr wenig wert sein.«

»Mein Fräulein!« Der Polizeirat sah sie mit so bittenden und verlegen lachenden Augen an, daß Susanne husten mußte. Sie war verwirrt, dann aber besann sie sich: Herr Gott, du bist ja auf einem Polizeibureau. Gehe nicht in die Falle! Sie wich vor ihm zurück, indem sie der Tür näher trat.

Der Polizeirat hatte aber gleich ihre Gedanken von der Stirn abgelesen. Er entwickelte sofort einen neuen Film. »Meine Dame, es ist ein unerlaubtes persönliches Interesse, das ich an Ihnen nehme. Sie sind Kunststudierende. Und ich bin ein Dichter.« Er gab sich einen stolzen Ruck und stand gravitätisch vor ihr.

»Ich muß darin einen großen Gegensatz empfinden«, lächelte Susanne. Sie wollte den Bemühungen des Helden, der um sie warb, jede Aussicht auf Erfolg nehmen.

»Meine Dame, ich muß Ihnen mehr enthüllen, Sie werden bei Ihren Studienreisen durch Berlin auch dem berühmten Salon des Taifun begegnen. Dort dürfen Sie nicht hingehen. Ich möchte Ihre künstlerische Entwicklung in meine eigenen Hände nehmen.«

»Wie kommen Sie auf solch väterliche Ideen?«

Es war dem Polizeirat unangenehm, daß sie »väterlich« sagte. Er wollte sich als Freund aufspielen. Entzückt war er von ihr wie von einem seltenen Vogel. Wie konnte er ihr denn hier auf dem Bureau die ganzen Zusammenhänge erklären! Er war in Todesangst, das Vögelchen könnte ihm entflattern. Der Taifun fing sie ein und opferte sie an den Doktor, den er in seiner Seele nicht leiden mochte. Was sollte er jetzt antworten? »Sie reisen nur mit einem kleinen Vermögen?«

Aha, dachte Susanne. Er meint es ernst. Jetzt mußte sie schwindeln. »Oh, mein Vermögen ist klein, vielleicht aber nur nach meinen Begriffen; ich besitze große Liegenschaften, darunter ein herrliches Anwesen an der Aisne, mit schönem, achtzig Morgen großem Park, Wiesen und Feldern, sowie einem idyllischen Landhaus. Ich werde in Berlin auf eigenen Füßen leben können.« Es war rump und stump erlogen, daß sie ein Landhaus besaß. Aber der Polizeirat wurde durch diesen kalten Strahl steif gemacht.

Da hatte er sich also getäuscht. Und nun hatte er eine große Dummheit gemacht. Er hatte sie extra auf den Taifun aufmerksam gemacht. Schon sah er sie mit dem Doktor vereinigt. Und er war ewig an seine Alte gefesselt. Er überlegte, starrte einige Sekunden durch das Fenster. Und wie dumm das! Er hatte ihr gesagt, sie solle nicht in den Taifun hingehen. Das hätte Ganswind nicht wissen dürfen. Und nun ging sie natürlich bloß in den Taifun. Na. Das waren alberne Grübeleien. Nicht für einen Weltmenschen. Wie sie dort hinkam, war gleichgültig. Ganswind hätte sie mit seinem feinen Spürsinn sowieso geködert. Sein Herz schlug aufgeregt bei dem Gedanken, wie das Fräulein nachher erschrecken würde, wenn sie dann im Taifun wieder zusammentrafen. Er lachte und sah die Kunstschülerin mit Hohn an.

Dieses höhnische Lachen machte Susanne nicht mehr unsicher. Sie wußte, daß sie das unerlaubte persönliche Interesse los war.

Und nun kam auch der Schutzmann mit Kätzi zurück. Mit einem tanzenden Jubelschritt stürzte sie ihm entgegen, »Kätzi!«Sie küßten dann einander die Rosamündchen und schlüpften ineinander.

»So, nun können Sie's wieder mitnehmen«, sprach der Wachtmeister und schlurfte mit schweren Elefantentritten den Flur entlang. In diesem Manne lag so etwas Gutmütiges, und es tat Susanne fast leid, daß sie ihn durch ihren Widerstand gereizt hatte. War ihr Benehmen nicht diesem höheren Beamten gegenüber noch frivoler? Sie war eigentlich arm wie eine Kirchenmaus. Und es war ihr von Brüssel her bekannt, daß Damen ihrer Art oft recht gute Verhältnisse mit solchen Organen des Staatswesens gehabt hatten. Sie verglich diesen Beamten mit ihrem Kapitän. Offen gestanden war sein einziger Fehler, daß er ein bißchen wild aussah. Seine männlichen Qualitäten schienen eher verheißungsvoll. Konnte sie überhaupt ohne weiteres davonlaufen? Nein, so selbstbewußt war sie nicht. Sie lächelte mit Kätzi auf dem Arm dem Manne noch einmal freundlich zu und wartete auf seine Anrede. Er tat aber nicht dergleichen, sondern setzte sich mit mürrischer Miene in scheinbarer Geschäftsvertiefung an seinen Schreibtisch.

Polizeirat Löwe merkte die Verlegenheit der Dame wohl; ein schlaues verschmitztes Lachen verbarg er in seinen Mundwinkeln.

Susanne versuchte den Eindruck ihres Wartens zu verwischen, sie strich immer wieder über die Falten ihres Seidenkleides, dann ging sie endlich und verneigte sich stumm.

Sie war eigentlich töricht gewesen, sich nicht auf das angebotene Abenteuer einzulassen. Dieser Mann hätte sie in sichere und vorteilhafte Beziehungen zu bevorzugten Genüssen gebracht. Wenn er solch ein Strolch und Vagabund war, daß ihn seine Frau einfach wild laufen ließ, so hätte sie ihn vielleicht als Tanzbären benutzen können. Aber sie war ja noch keine versteinerte Matrone, sondern leichtfüßig, und mit neugierigen Augen strich sie durch die Weltstadt, die eigentlich einem getretenen Tiere glich, das immerzu aufschrie. Sie vergaß den Polizeibeamten um so leichter, als sie bald erkannte, daß eine fremde Stadt keine Sehenswürdigkeit war, sondern sie mit ihrer weißen Katze. Die Welt war etwas sehr Kleines. Was zog denn die vielen Millionen hier zusammen? Doch nicht des Ortes innere Fruchtbarkeit an Wundern. Sie wollten alle Berlin bewundern, und sahen sich alle nur an wie Mondkälber. Eine Katze, die draußen auf dem Dorfe in der Sonne lag, war eben gar nichts gegenüber einer solchen, welche eine Dame mit Reiher durch die Straßen trägt, zu Fuß oder im Auto fahrend. Wie sollte sie nun hier Verbindungen mit den Verborgenheiten gewinnen? Darauf kam es an, wenn man Anspruch darauf erheben wollte, kein vulgärer Mensch zu sein. Susanne bildete sich ein, zur Auslese zu gehören. An sogenannte Innerlichkeiten ohne äußerlichen Auftrumpf glaubte sie nicht.

In gewissem Sinne bestand eine Berechtigung zu diesem Unglauben. Wie sollte sich ein Mensch ohne äußeren Anreiz auf dem Wege der Phantasie bewegen können?

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