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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Susanne mußte ihren Mann gewaltsam von Torheit zurückhalten. Er wollte in den Taifun hinabgehen und sich entschuldigen. Entschuldigen!, nachdem er den Leib voll hatte. Und wie Ganswind ihr vorher zugesetzt hatte, das konnte sie ihm nicht einmal erzählen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Korridortüre abzuschließen und den Schlüssel an sich zu nehmen.

Susanne setzte ihren Gemahl gefangen.

Der Doktor war trostlos, er sah die ganze aufgebaute Gegenwart und die Zukunft zusammenstürzen. Wenn man die helfenden Hände von ihnen zurückzog, so saßen sie nackt und bloß auf der Straße. Susanne lachte. »Ein Künstler von deiner Qualität sitzt niemals auf der Straße!«

»Ein Künstler wie ich saß auf der Straße.«

»Weil du ein Dummkopf warst, aber jetzt bin ich da, ich werde schon für dich zu sorgen wissen.«

»Du für mich?« Wie trostlos war er. Wie traurig war sein Schicksal, daß Er es nie war, der für andere sorgen konnte. Früher waren es Freunde, die ihn vor dem Schlimmsten bewahrten. Jetzt zeigte sich neben ihm sein herrisches Weib. Aber auf sie vertraute er nicht. Sie hatte das wahrscheinlich noch nicht mitgemacht: ein ganz vogelfreies Dasein.

Susanne blieb unerschütterlich. Sie wußte genau, was den früheren Mißerfolg ihres Mannes verschuldet hatte. Man konnte ihn sogar verprügeln, und er hielt sich noch für den Schuldigen.

Susanne setzte sich an den Schreibtisch und schickte Käterchen mit einem Brief hinab. Sie verlangte für ihren schwer blessierten Gatten Schmerzensgeld. Der Doktor war rasend, daß sie so aller Freundschaft ins Gesicht hieb.

»Fredi schweig'!«

Der Erfolg war überraschend, nicht für Susanne, sondern für den Doktor. Käterchen kam mit einem Scheck auf die Diskontogesellschaft zurück. Es waren zehntausend Mark angewiesen.

»Da hast Du es«, triumphierte Susanne.

Der Doktor griff sich an den Schädel und wußte nicht, woher sein Weib ihren Verstand hatte.

Susanne war sogar entschlossen, eine vollkommene Erpressung durchzuführen; sie wollte sich hinsetzen und hinabschreiben: »Nicht genug, ich verlange das Fünffache«. Aber da schlug er ihr den Federhalter aus der Hand und warf ihn zum Fenster hinaus.

»Sie geben dir alles.«

»Aber wie kann man so rücksichtslos sein!«

»Weißt du, wie jene zu dir wären?«

»Susanne wir sind Menschen.«

»Eben deshalb.«

Nun konnte man die Weltlage freilich verschieden betrachten. Susanne ahnte, wie sich Hermione mit Oskar beflüsterte, daß jetzt jede Noblesse gegen den Doktor Schweigegeld bedeutete. Andererseits erkannte der Doktor darüber hinaus, daß sich die Beiden auch freuten, wenn sie Schweigegeld geben konnten. So band man sich allerdings nach Susannes Methode wieder selbst die Hände, obgleich man dabei gewann.

Was scherte das Susanne! Sie trieb Realpolitik. Sie hatte nun ihrem Mann bewiesen, daß er unpraktisch war. Der Doktor scheiterte an zu viel Überlegung. Frischweg zugestoßen, wo etwas zu krapfen war, das war vernünftiger.

»Fredi, du hattest Glück, daß dich das Schicksal mit mir paarte!«

»Glück?« Der Doktor stammelte es mit ganz unerhörter Verzweiflung. »Ich hatte etwas ganz Ideales in dir zu finden gehofft.«

»Und nun fandest du etwas ganz Gemeines.« Susanne lag ihm mit glutroten Wangen an der Brust. Der Doktor sah sie an und erkannte eine große Welt durch die Spitzbogenfenster ihrer Augen.

»Du bist groß«, flüsterte er.

»Nein du«, entgegnete sie. Diese Schmeichelei, denn Susanne sah in Wirklichkeit diese Größe nicht, bezog der Doktor auf seine physische Stabilität. Er lächelte und verspürte die Wirkung des genossenen Bratens. Im Zimmer wurde es dunkel. – Eine Zwietracht konnte nach dem Leichenschmause nicht mehr entstehen. Besonders merkte der Doktor, daß er als Junggeselle oftmals weniger gehungert hätte, wenn er die Vorurteile gegen gewisse Fleischarten, die ohne Marken erhältlich waren, überwunden hätte.

»Soll ich mir eine neue Kätzi holen?« frug Susanne.

Der Doktor vergaß vor Schreck über die Frage, an die Zukunft zu denken, und begattete sie mit unverantwortlichem Leichtsinn.

»Was machst du? Fredi!«

Der Doktor wurde es zu spät gewahr.

»Wenn es bis jetzt noch zweifelhaft war, so ist es nunmehr gewiß.«

»Susanne hasse mich deswegen nicht!«

»Fredi, komm herab, deswegen lieb ich dich.«

Sie bekannten sich wie zwei hilfesuchende Flüchtlinge zur Natur. Die Natur war wirklich kein stinkendes Ragout. Sie war das Axiom des Geistes. Er und sein Weib hatten im Unbewußtsein einen geistigen Menschen gezeugt.

Für Susanne war der erste Teil ihres Lebens abgeschlossen. Wie tausende Male waren die Pumpenstöße des Herzens zwecklos gegangen, war es Brüssel gewesen, Paris oder Berlin. Und in diesen zuckenden zweiundvierzig Sekunden waren alle diese zwecklosen Takte als ein Nichts vergangen und als ein zahlbares Etwas das Neue erstanden.

Susanne wußte, daß sie dem Doktor gehörte. Er war ihre Heimat. Alle gehabten Freunde fuhren wie weggespuckt aus ihr.

Sie tröstete ihren Mann nun gänzlich. »Vergiß Fredi, die Welt ist nicht der Taifun. Der Taifun ist nur ein winziges Zweckchen in der das All füllenden Natur.«

»Das All bist du. Weib.«

»Was ist Hermione?«

»Eine arme Phantasie.«

»Eine zur Unfruchtbarkeit verdammte Mutter.«

Von unten drangen die Töne einer wehklagenden Musik. Susanne und der Doktor horchten auf. Beide empfanden ein tiefes Mitleid mit den andächtig dem Spiele sich Hingebenden. Sie sprachen es nicht gegeneinander aus, sie entschliefen nur in ihrem leise wehenden lauschendem Atem, ohne die körperliche Vereinigung jemals zu verlieren. Was er dachte, dachte sie, und was sie träumte, träumte er. Über das gezeugte Zwischenglied wogte das Blut in einem Kreise.

Es war, als stünden die Augen vor ihnen, mit denen Ganswind vom Flügel auf nach Hermione sah. Hermione stand mit stolz gebogenem Nacken; ihre Augen hatten einen hassenden, verachtenden Ausdruck. Man sollte nicht glauben, daß die Feindschaft sie um ihre Existenz brachte. Ihre zarte Hand glitt über Ossis breite Stirn, und ihre Lippen preßten einen heißen Kuß auf diese Stirne. Der Hexenmeister weinte, seine Musik schluchzte auf. Diesmal standen sogar die Hausbewohner auf. Sie hielten es nicht in den Betten aus. Als stächen von unten lauter spitze Nadeln durch die Matratzen, so waren diese Akkorde. Was hatte der Taifun zu klagen! Noch nie war solch tiefe Empfindung mit diesen grandiosen Tonballaden erstanden. Das ganze Haus fühlte sich mitfühlend und freundschaftlich hingezogen.

Büffel kam mit seiner Alten herab.

Er fand Ossi weinend und die tröstende Hermione. »Was ist denn geschehen?«

»Fragen Sie das nicht! Fragen Sie nur, was wird denn geschehen?«

»Wird Ihr Kunstpublikum gegen Sie Front machen?«

»Wir sind darauf gefaßt.«

»Sie sind gefaßt? Aber wenn Sie gefaßt sind, so müssen Sie doch vorzubeugen wissen. Wird mein Grundstück in Lebensgefahr schweben? Herr Ganswind, spielen Sie nicht so tragisch, sonst begehen meine Mieter samt und sonders Selbstmord. Dann ist mein Haus verrufen, und kein Mensch wird es mehr betreten wollen! Es gibt verschiedene solche Häuser in Berlin, die gänzlich leer stehen. Man verwunderte sich darüber, aber es ist gerade, als wenn sie den Aussatz hätten.« Der Hauswirt war außer sich.

»Herr Rechtsanwalt, seien Sie getrost, wenn ich untergehe, so gehen Sie mit unter«, sagte Ganswind mit rauh wieherndem Lachen.

»Und Sie lachen? Ich will nicht untergehen! Sie müssen aus meinem Hause. Ich werde die Polizei gegen Sie aufbieten. – Hängt Ihre Furcht mit jenem Schellenhauer zusammen? Bäumlers Käterchen erzählte meiner Frau von dem ungeheuren Schwindel.«

»Wir schwindeln nicht! Das Publikum schwindelt, indem es nicht offen und ehrlich zu sein wagt. Daran habe ich bis jetzt verdient.«

»Daran werden Sie alles verlieren. Polizei! Polizei! Ich werde nicht mit verlieren.« Büffel stürzte noch in tiefer Finsternis auf das Polizeipräsidium und bat um das Verbot der morgigen Ausstellung. »Ganswind ist ja wahnsinnig«, sprach er zu seiner Alten, »nun soll er erkennen, daß ich sein wahrer Freund bin. Ich lasse ihn nicht mit offenen Augen in den Abgrund stürzen. Jetzt hilft nur das Verbot. Die Zensur ist gut, wenn sie künstlerische Existenzen vor der Vernichtung durch das Publikum rettet! Glaub es mir, Natalie!«

Natalie stand leicht bekleidet, den Hals zwischen die Achseln gezogen, neben ihrem Manne.

Das Polizeipräsidium war schlaftrunken und wollte nichts von dem nächtlichen dringenden Antrag wissen. Das konnte erst übermorgen entschieden werden.

Büffel war verzweifelt. Morgen, heute am Sonntag sollte die Ausstellung sein. Oh, diese Ämter sollten in den Boden versinken! Stets waren sie als Schädlinge vorhanden, niemals wenn man sie dringend gebrauchte. Löwe! Löwe! Es fiel ihm Löwe ein. Er fuhr mit Nachtdroschke nach dem Westende, wo Löwe neuerdings wohnte.

Löwe knurrte wütend: »Lassen Sie mich schlafen! Die Sache ist vollkommen geregelt.«

»Ja, Lieber, ahnen Sie denn nicht die furchtbare Gefahr, in welcher der Taifun schwebt.«

»Exmittieren Sie Bäumler!«

»Den Doktor soll ich exmittieren? Einen anständigen Menschen, der nächstens Familienvater wird? Nein, dazu werde ich mich nie hergeben. Der Staat wird auf seine Seite treten.«

Natalie klapperte vor Kälte wie ein Totengerippe. Der Ruin ihres Hauses stand schrecklich vor ihr. Büffel sah und hörte ihr klapperndes Frieren. Er schwitzte vor Not und Pein. Was sollte er tun? Sollte er morgen sein Haus verschließen? so daß niemand herein konnte und die Ausstellung besuchen. Das war die letzte und beste Idee. Er trank um viereinhalb Uhr in der Früh, daheim angekommen, mit Natalie eine Flasche Kirschgeist, so daß sie sich versehentlich umschlangen und in gemeinschaftlichen gleichen Träumen einschliefen. Allein es ergab sich nichts als die gemeinsame Idee der Hauszinsen.

Das Haus lag endlich in Ruhe. Doch die nachtleuchtenden Augen der Eule sahen noch immer zwei Menschen in nicht schlummerfindendem Harme.

Ossi und Hermione saßen nebeneinander unter dem Bilde des großen Müller. Der umgekehrte Kopf des Mannes machte riesenhafte Anstrengungen, gerade auf den Rumpf zu kommen.

»Hast du eine Heimat?« frug Ossi.

»Meine Eltern haben mich verstoßen.« Dazu nickte das Bild Müllers. Alt bekannte Tatsache.

»Vielleicht gibt es doch eine himmlische Gerechtigkeit.«

»Wenn wir ehrenvoll untergehen, so werden wir Gnade finden.«

»Dann gibt es neuen Aufbau.«

»Wie würdest du neu anfangen wollen?«

»Ich würde wieder mit Müller beginnen.«

»Müller ist wahrhaft groß.«

»Schellenhauer ist ein Lump. Daß er sich dazu hergab, sich auf solchen Humbug einzulassen!«

»Schellenhauer wird dabei gewinnen. Er wird sein Tun als Rache für die nichtgefundene Anerkennung rechtfertigen.«

»Und dann?«

»Dann wird er große Anerkennung finden.«

»Bei wem?«

»Bei den andern, die uns verfolgen.«

»Dann sind aber die andern dasselbe, was man uns vorwarf zu sein.«

»In der Kunst gibt es nur Feindschaft und Glaube.«

Bumms! Da schnappte plötzlich der pendelnde Kopf des umgekehrten Müller in seinem Wirbel. Und als die Sonne zu dem Hinterfenster des Hofgebäudes in den Müllersalon hereinschien, erwachten Ossi und Hermione mit starren, kalten Gliedern. Sie erhoben sich ohne einen Gedanken und legten sich zu Bett.

Der Sonntag der siebenunddreißigsten Ausstellung ging über den Erdball, zunächst ohne auffällige Anzeichen.

Aber gerade die Tage, die so unauffällig begannen, hatten dicke Enden.

Die anständigsten unter den Hausbewohnern gingen zur Kirche, wo immer noch gepredigt wurde. Susanne selbst hatte eine fromme Anwandlung. Sie trat mit Alfred unter einer goldenen Kuppel ein. Hier gewann sie aber nicht, sondern verlor sie. Es war ja unmöglich, daß es so vielerlei Götter gab.

»Mein Gott sieht anders aus«, sprach der Doktor und zog Susanne nahe an sich. Er sah ihr tief in die Augen, daß es sie durchschauerte. Da verstand sie ihn. Sie gaben sich gegenseitig das Versprechen, an dieser Religion gemeinsam festzuhalten.

Die Menschen strömten in großen Mengen aus den Gotteshäusern. Nun sollte man bloß wissen, warum sie dorthin geströmt waren. Damit man fünfundneunzig Minuten des Tages umgebracht hatte. Etliche mochten in eine weihevolle Gemütsstimmung verfallen sein. Aber war diese zur Überwindung der harten Lebensdrangsal je nützlich?

Das Eigentümlichste fand der Doktor in der Gepflogenheit, allein die Kirchen als Baudenkmäler zu gestalten. Warum gab es nicht auch Wohnhäuser, die als Kulturdenkmäler den Zahn der Zeit aushalten konnten?

»Werde darüber nicht melancholisch!« sprach Susanne.

»Doch, mein Liebchen, laß mich einige Augenblicke darüber nachdenken. Es ist sonderbar, daß von den Häusern der modernen Großstadt in späterer Zeit unmöglich noch ein einziges stehen kann. Das heißt, sonderbar ist es nicht, sondern sehr begreiflich. Sonderbar ist nur, daß alle jetzt stehenden Häuser keine Häuser sind, sondern Häuser, immer nur die Häuser sind des alten deutschen Stils. Unsere ganze neue Kultur wächst eben nicht auf dem Boden, sondern alles fährt im blinden Nebel herum, aus der Luft und Phantasie geboren, die keine Phantasie ist. Ich wette«, setzte er plötzlich zusammenzuckend hinzu, »die Bilder Müllers werden sich länger halten als der liniensichere Sauhaufen, den die Anerkannten zusammenschmieren.«

»Errege dich nicht, Fredi!«

Sie kamen dem Taifun näher. Man spürte es schon von weitem. Hier wehte immer der Südost.

Menschenansammlungen gab es hier stets. Das war nicht mehr verwunderlich. Allein als sie ins Haus hineinwollten, erschraken sie. Es war verschlossen. Oben wehten die Flaggen aller Nationen. Der große Frühjahrssalon war eröffnet.

Die Menschen wollten alle hinzuströmen, ihr Eintrittsgeld loszuwerden. Sie trafen Freunde und Bekannte, die gleichfalls hineinwollten. Bemerkte denn Ganswind davon gar nichts?

Der Doktor, der sich unter dem Plebs stehend nicht lange ertragen konnte, rief: »Natürlich, gestern hat er eine Katze gefressen!« Er schrie es mit vollem Ärger.

»Wer hat eine Katze gefressen?« Sofort verbreitete sich der Ruf, die Frage, wie ein Lauffeuer.

»Der Taifundirektor.«

Nun war die Geduld der Menge zerrissen. Einige kletterten an den Hausschildern empor, bis sie die wehenden Flaggen greifen konnten. Sie rissen und zerrten, schwangen sich wie die Affen in die Räume des Taifun, Fenster zertrümmernd. Ein tolles Gebrüll der Menge brauste um das Haus. Der Hauswirt schrie oben mit geballten Fäusten in den Weltenraum, der nichts von seinen Wünschen verstand.

Es war auffallend. Der Taifundirektor war nicht zwischen seinen Bildern. Wo steckte er? Einige Wilde drangen in das Schlafzimmer ein. Hermione fuhr aus dem Schlafe empor: »Die Affen!«

Ossi wurde wach. »Welche Affen?«

»Herr Direktor hören Sie denn nicht? Sehen Sie denn nicht?« Ossi fuhr in die Beinkleider, seine Augen flimmerten durch die schräggeschliffenen Okulare. Hermione legte die Perücke auf den Porzellankopf. Wie haarsträubend war es, daß man sie so gesehen hatte! Ossi war von dem erlebten unfaßbaren Schrecken noch ganz wirr. Er packte nacheinander die Schellenhauerschen Werke, bestehend aus leeren Gipsrahmen, und warf sie zum Fenster hinaus auf die Köpfe der Menge.

Nun geschah das Wunderbare. Das Volk murrte gegen die wilden Zerstörungen von Kunstwerken. Der Taifundirektor gehöre ins Narrenhaus, schrie man von unten, weil er Kunstwerke, die er mit großem Eifer gesammelt hatte, selber vernichte. »Roheit! Gemeinheit! Katzenfresser!«

Diese Wendung war glänzend. In Hermione zuckte ein Strahl von Hoffnung auf. Der Mensch war verdammt, aber die Kunst war gerettet. »Glänzend, glänzend«, rief sie und stürzte sich zum Fenster hinaus. Sie wurde von begeisterten Freunden aufgefangen, damit sie ihre schönen Glieder nicht brach.

Nun war sie wenigstens im Freien und konnte aufklären. Niemand hatte die Katze gefressen. Die war ersäuft worden.

Das hörte der Doktor. Er rannte mitten in den Haufen, stieß und trampelte mit den Beinen. »Was ist die Wahrheit?!« Die Folge war, daß man ihn lynchte. Susanne rang die Arme, als sie die Stücke ihres geliebten Mannes verteilt sah.

»Ossi hat die größten Meisterwerke zertrümmert, weil er sich eurer Wut preisgegeben glaubte.«

»Furchtbares Unglück! Katastrophe!« brüllte die Menge.

Jeder sah zu, wie er eines Rahmenschenkels habhaft werden konnte. Die Taifunisten nutzten die Situation geschickt aus. Sie ließen sich einzelne Rahmenstücke nur gegen hohes Entgelt entwinden. Für ein Bruchstück solcher Reliquie wurden oft Tausende gegeben.

Nun öffnete der Hauswirt. Das Publikum strömte ein. Der Taifun war gänzlich ausverkauft. Den Taifunisten wurde auf schlaue Weise wieder abgejagt, was sie unverdientermaßen gewonnen hatten. Hermione inszenierte im neuen Springgarten ein Badefest. Wer seine Kleider ablegte, dem war die letzte Barschaft abgewonnen. Alles floß in die Kasse des Hexenmeisters.

Das Geld floß für Kunst! Und Susanne raufte sich auf den Geleisen der Straßenbahn stehend, die Wagen hemmend, ihre Haare, schluchzte und suchte verzweifelt nach den irdischen Trümmern ihres Doktors.

Den Taifundirektor frugen etliche Bürger aufs Gewissen. »Haben Sie Katze gefressen?«

»Blödsinn! Wie sollte ich Katze fressen!«

»Drum eben, wenn Sie Katze gefressen hätten, wäre es aus mit allem menschlichen Verkehr zwischen uns.«

Ganswind polsterte den guten liebenswürdigen Bürgern mit freundlichem Zureden und Handauflegen die fetten Rücken. Er grinste und freute sich. Die Katze war ja längst verdaut und in der Wirrnis der Meinungen längst zu einer fata morgana geworden.

Hermione sah Susanne stehen. Sie lächelte mitleidig. »Wie dumm war Susanne, daß sie hatte glauben können, ein Mensch würde für sie Partei nehmen! Wie naiv war das von ihr! Wer das Wesen der Kunst kannte, der wußte, daß, wenn sie einmal eingeführt war, sie nicht mehr vernichtet werden konnte!«

Susanne wandte sich ab, als sie Hermiones Gesicht sah, mit roten Weinbacken und grellem Lachen um die blauen Augen. So sah sie aus, wenn sie noch keine Zeit gefunden hatte, sich von der »Kunst« schminken zu lassen.

Susanne weinte bald still vor sich hin, auf einer Tiergartenbank sitzend: »Oh, Doktor, Doktor! Wo bist du, Süßer?«

Er tobte im Taifunsalon einen neuen Hymnus auf Schellenhauer.

»Schellenhauer hauer hauer
schell schell schell
Schell
Hauer schell.«

Schellenhauer verneigte sich mit frisch pomadisiertem Kopfe. Er gab Käterchen eine Ohrfeige, als sie sich ihm anhängen wollte.

Käterchen suchte nach Susanne. Und sie fand sie auf der Bank, wo sie das erstemal geweint hatte, als sie nach Berlin gekommen war.

»Warum weinen Sie, Frau Doktor?«

»Sie haben meinen Mann gelyncht.«

»Ich hörte ihn aber ›Schellenhauer hauer hauer schell‹ deklamieren.«

»Das ist nicht möglich. Ich sah ihn ja in Stücke zerrissen!«

»Es ist aber so. Gehen Sie hin, und überzeugen Sie sich, Frau Doktor.«

»Verräter«, schrie Susanne. »Ich gehe nicht hin!« Susanne war ganz gebrochen an Leib und Seele. Sie hatte geglaubt, ihren Mann für sich gewonnen zu haben. Und nun stand er wieder vor dem Rednerpult und schämte sich nicht, sich zur Lüge zu bekennen.

»Frau Doktor«, sprach Käterchen, »gehen wir doch unsere eigenen Wege.«

»Ich habe ja etwas.«

»Das ist ungeschickt.«

Susanne fuhr in einer letzten Empörung empor. »Ich werde es aber beweisen daß er Katze gefressen hat!«

»Das glaubt Ihnen niemand, Frau Doktor.«

»Ich werde eine Diebstahlsanzeige machen, daß man mir Kätzi gestohlen habe. Dann wirst du für Ganswind Partei nehmen und beschwören, daß sie gefressen wurde. Willst du?«

»Frau Doktor, lassen Sie das Kindel kommen, wie's kommt. Nichts mehr wissen wollen von der Kunst! Basta damit.«

Susanne ließ sich von Käterchen unter die Arme greifen und von der Bank hochziehen. Sie schritt mit schwerfälligem Gang ihrer Wohnung zu. Den Taifun, das schwor sie, betrat sie nie mehr.

Nach Schluß der Veranstaltung, die Ganswind ein reiches Millionenvermögen einbrachte, dem Maler und Kommis a. D. Schellenhauer eine angemessene Pfründe von tausend Mark, sah der Doktor oben in der Wohnung nach seinem Weibe. Er war vergnügt und aufgeräumt, denn noch nie hatte der Beifall auf seinen variationsreichen Wortschwall derart gerast wie heute.

Susanne empfing ihn sehr gleichgültig. Sie frug nur, ob er wenigstens etwas von dem geraubten Gelde bekommen habe.

Der Doktor starrte verwundert auf sie: »Von dem geraubten Gelde?«

»Von dem Gelde, das dem Publikum aus der Tasche gestohlen wurde.«

»Nun hör einmal, du drückst dich sehr beleidigend aus. Wenn ich darum bitten würde, so werde ich bestimmt ein Extrageschenk erhalten.«

»Geschenk! Nun besinne dich einmal, wäre denn nicht das Ganze schrecklich gescheitert, wenn du den Mut gehabt hättest, vor den tobenden Massen die Katze zu bekennen?«

»Ich wäre in Stücke zerrissen worden!«

»Mag dich das entschuldigen!« Susanne seufzte. »Zehn Prozent Tantiemen vom heutigen Erlös halte ich aber für deinen kleinsten Anspruch.«

»Das wäre ja eine halbe Million! Wo denkst du hin?«

»Ich fürchte mich vor derartigen Summen durchaus nicht, wenn ich gleich die Art hasse, mit der das ganze Kapital erpreßt wurde. Die Menschen sind allzumal Narren!«

»Liebe Susi, für einen Splitter vom Kreuze Christi gaben Menschen sogar ihr ganzes Vermögen hin.«

»Aber für einen Gipsfetzen, der ein Nichts, dieses höchste und letzte Kunstwerk eines Schellenhauer, umrahmte, schwindelerregende Summen zu geben, das ist doch Wahnwitz!«

»Wahnwitz? Das sehe ich nicht ein. Schellenhauer ist ein Modernist. Und ich erinnere dich nur an den treffenden Vers: Am Ende war Herr Jesu Christ, auf Erden nur ein Modernist. – In gewissem Sinne ist alles ebenso Schwindel, wie auch alles gleichzeitig höchstes Ideal sein kann.«

»Geh hinein! Wir wollen uns an den Tisch setzen.« Susanne beherrschte sich mit Aufbietung ihrer ganzen Nervenkraft. Ihr Gesicht verfärbte sich schwefelgelb. Sie war kaum imstande, einen Bissen zu genießen. Dabei verspürte sie einen quälenden Hunger. Daß dieser von dem kleinen Mitmenschen herrührte, der in ihr keimte, wußte sie nicht; sonst hätte sie sich überwunden und hätte ohne alle Rücksicht auf den Blödsinn ihres Gemahls gegessen.

Am Nachmittag sollte sie mit ihm und Ganswind ins Café gehen, um ein bißchen Sonntagsbild und Luxus vor den Fremden zu machen. Zu so etwas hatte sie sich bisher ganz gerne hergegeben, aber heute lehnte sie energisch ab.

Sie erklärte, daß sie nicht für den Taifun auf der Welt sei, sondern ausschließlich um die Frau eines Doktors und Deklamationsgenies zu sein, eines Mannes, den sie zwar für einen Schwachkopf halte, dem sie aber nicht abgeneigt wäre, einen Sohn zu schenken, der sicher gescheiter würde als sein Vater.

Der Doktor brachte trotz aller Mühe heute Susanne nicht an die frische Luft. Hermione und Ossi kamen deshalb herauf, um Beide abzuholen. Susanne konnte mit der Wahrheit nicht zurückhalten. Sie schleuderte Ganswind die giftigsten Ausdrücke ins Gesicht. Diese parierte Hermione mit schlagfertiger Zunge.

In erhitzter Kampfgier stand Hermione Susanne gegenüber. Die Männer verloren alle Einwirkung auf ihre Frauen.

Hermione warf Susanne den schlechten Geschmack der Mutterschaft vor. Und Susanne schlug sich stolz auf den erhofften Bauch, nannte Hermione eine hysterische Dirne.

»Wie kann eine moderne Frau so unverständig sein, und eine Kollegin deshalb beschimpfen, weil sie ein großes Vermögen gewann«, erwiderte darauf Hermione.

»Eine Kollegin? Du H – – – –«, hauchte Susanne. Der Doktor hielt ihr den Mund zu. Nun schlug ihm Susanne die Hand weg und schrie laut: »Ihr gewannt ein Vermögen. Und wir? Wollt Ihr uns nicht die rechtmäßigen Prozente geben?«

Diesmal wollten Ganswinds aber nichts herausrücken. Susanne sollte nur nicht glauben, daß sie sich heute wieder so erpressen ließen wie gestern...

Der Taifun war leer und ausverkauft. Das Schäfchen war geschoren. Ganswind verzog verächtlich den Mund. Und der Doktor war einfältig genug, Abstand von aller Forderung zu nehmen. Er hielt eine nichtvertragliche Forderung für einen unfreundschaftlichen Akt.

Susanne gab daraufhin eine Kriegserklärung ab. Sie sagte: »Bisher bin ich mit dem Taifun nicht einverstanden gewesen, ich haßte ihn, allerdings nur ganz privatim; aber künftighin werde ich ihn aus Prinzip bekämpfen!«

»Du solltest dich scheiden lassen, Fredi!« rief Hermione.

Susanne traten die Augen weit hervor. »Ihr könnt ja solche Schufte an mir werden, und mich als werdende Mutter ruinieren.« Sie brach zusammen.

»Susanne, beruhige dich, du mußt dich von der Kunst fern halten. Die Beschäftigung mit der Kunst bekommt dir nicht. Sie macht dich krank«, beruhigte der Doktor.

»Nein, sie versteht Kunst nicht«, setzte Hermione hinzu. »Es ist wahr, wir müssen Susanne aufs Land bringen, damit sie fern ist.«

»Das ist das Richtige. Den Gesunden bringt man aufs Land. Und Ihr, die Ihr alle entweder infame Schwindler seid oder völlig geisteskrank, euch läßt man hier«, erwiderte darauf Susanne.

»Wir passen zum Publikum der Großstadt«, fügte Hermione schnippisch hinzu.

»So geht! Auf mich könnt Ihr für alle Zeiten verzichten.«

Susanne ging in ein anderes Zimmer und verriegelte die Türe hinter sich.

Die drei Zurückgebliebenen flüsterten miteinander. »Sie ist krank. Sie muß in ein Sanatorium!« Der Doktor schloß sich Ganswinds an, und sie gingen zusammen, laut über Kunst debattierend, ins Café Josty. Ganswind war ziemlich still. Dagegen lief Hermiones Mundwerk den ganzen Nachmittag wie mit feinstem Olivenöl geschmiert.

Kunst! Wer Kunst nicht einsah, dem war nicht zu helfen!

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