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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Der Doktor bekam den Veitstanz, als plötzlich der Parkettfußboden unter ihm von Ossis Totenmarsch erschütterte.

Susi hörte es oben in der Küche. Bei ihr war blutige Wirklichkeit, während sich in der Etage unter ihr Narren Phantomen hingaben.

Käterchen hatte aufgejubelt vor Entzücken, als Frau Doktor ihr die Verhängung der Todesstrafe über Kätzi mitteilte. Sie hatte nicht nur aufgejubelt, sondern war Susanne um den Hals gefallen. Dadurch war ein heftiger Kampf zwischen ihr und Susanne entbrannt, in dessen Verlauf Käterchen gänzlich in Grund und Boden geschlagen wurde. Sie lag bis aufs Hemd zerrissen unter dem Küchentisch, und Kätzi leckte die blutenden Steinfliesen. Wenn Kätzi starb, so mußte Käterchen wenigstens halb tot geschunden sein. Das war logisch.

Aber nun wendeten sich die blutigen Gedanken Kätzi zu. Waren Kätzis Augen blau? Nein. Sie waren Tyrannen. Waren ihre Lippen rot? Nein. Sie waren grausam und Entsetzen erregend. Hatte sie einen Schnurrbart? Nein. Das waren Stachelschweinsborsten. Hatte sie ein zartes Fell? Nein. Das war entsetzlicher Schimmel. Susanne sah das Tier, wie es das Blut Käterchens leckte, endlich so, wie es der Gemahl wohl monatelang gesehen hatte. Sie nahm den Feuerhaken und fuhr auf Käterchen los, die sich noch ächzend am Boden wälzte -»Willst du sie endlich töten!«

Jetzt fuhr Käterchen auf, löste wild ihre Haare, packte mit den Krallen zu, faßte Kätzi am Schwanze und trat ihr mit dem Fuß auf den Kopf. Es krachte, – und da lag sie schon leblos auf dem Küchentisch. Susanne drängte sich an Käterchen und suchte Schutz vor dem schaudererregenden Anblick. Der rotbeschmutzte Seidenpelz und das dürre gestreckte Hälschen! Die herausgequollenen Schellfischaugen! An Käterchen lief der Schweiß hinab, und Susanne fand es sehr interessant.

Von dem Kadaver abgewandt, kümmerte Susanne sich um die Lebende. Sie schmierte überall lindernde Salbe hin und freute sich, daß es Käterchen wohl tat. Die wimmerte und schrie: »Oh, Schellenhauer! Schellenhauer!«

»Rufe doch, Susanne!«

»Susanne! Susanne! Fressen Sie lieber die Katze!«

Susanne öffnete die Türe. Sie ging durch die Wohnung und überzeugte sich, daß der Doktor nicht da war.

Nun kam das Abziehen. Die animalischen Triebe waren still geworden. An Kätzis Geschlecht war erbärmlich wenig.

Aber sie wurde bestimmt zum Versöhnungsmahl vorgesetzt. »Der Leib, von dem ihr esset!« Wenn Käterchen nicht völlig schwieg, so verhieß ihr Susanne Geißelung mit einem Schlehdorn. Zur Täuschung ging die Frau Doktor und ihr Mädchen mit einem Korb aus. Angeblich saß Kätzi darin, um im Kanal ersäuft zu werden. Der Korb war aber leer, und die irdischen Überreste der heiligen Katze hingen in der Speisekammer, von welcher der Schlüssel abgezogen war.

Als der Doktor vom Taifun zurückkam, war die Küche leer, die Steinfliesen waren blank gescheuert. Die Speisekammer war abgeschlossen? Er konnte keine Geheimnisse ertragen. Er öffnete sie mit einem Brecheisen. Da hing ein kleiner Hase. Er schnalzte mit der Zunge. Das Fell hatte das pfiffige Käterchen zum Ausgang lieber mitgenommen, dafür gab ja auch der Kürschner noch ein paar Groschen.

Dem Doktor war seine Naseweisheit leid. Susischen hatte ihn mit einem Leckerlein überraschen wollen. Er heulte beinahe vor Rührung über das liebe Weibchen. Frauen taten eben Dinge anders, als es Männer begriffen. Susischen hatte ihn nicht betrogen, ganz gewiß noch niemals. Sie hatte das Häslein gekauft und deshalb die Baronin von Büxenstein erfunden. Es wurde ihm so wohl, daß er pfiff wie ein aufgezogener Star, dem die Frühlingsluft in die Kehle strömt.

Sah man eigentlich die Spur vom Brecheisen an der Speisekammertür? Er nahm ein Läppchen und fummelte daran herum, daß er sich wie ein Warenhausfensterputzer vorkam.

Der Doktor empfand, daß er durch die Ehe an innerem Wert noch nicht gewachsen war. Er nahm sich vor, seiner Expression einen ordentlichen Ruck zu geben. Er mußte Susanne ganz anders gegenüber treten. Von heute ab! So wie er sich bis jetzt gegeben hatte, war es eigentlich eine unmögliche Aufgabe für seine liebe Frau, Respekt vor ihm zu haben. Vor ihr hatte er, seit er den Hasen in der Speisekammer hatte hängen sehen, einen ungeheuren Respekt. Das war die Liebe. Liebe war Respekt, einfacher gesagt, Achtung. Er nahm sich vor, Susanne seine große Achtung vor ihr künftig mehr zu zeigen. Er erschauderte vor seiner eigenen Physiognomie, die er bis jetzt seinem Weibe gezeigt hatte. Gott sei Dank mußte er sich einen neuen Klemmer kaufen. Aha! Das war ein Einfall.

Wenn Susanne zurückkäme, wollte er sie mit einem neuen Kneifer überraschen. Er zog sich an und ging in die orthozentralmächtige Kneifergesellschaft. Der Laden war ja nicht weit. Das Neueste waren Modelle, bei denen die Gläser durch improvisierte Stege über der Nase gehalten wurden. Die Stege waren unsichtbar, und die Gläser tanzten vor den Augen, surrend wie Libellenflügel. Durch die ungeheure Geschwindigkeit des Surrens kam die Objektivität einer Linse zustande, und andererseits waren sie infolge der tausendumdrehlichen Sekunde unsichtbar. Der Erfinder dieser Augengläser war auch im Taifun aus und ein gegangen und hatte seine Erfindung durch Hermiones persönliche Schoßgüte patentiert erhalten. Er hieß Orthos, d. h. auf deutsch Richtung, endete jedoch trotzdem im Siechenheim vom guten Geist. Solches Libellenflügelpaar vor den Augen kostete mit Motor, den man unter dem Haarscheitel verborgen trug, während man die Akkumulatoren in der Westentasche hatte, dreitausendfünfhundert Mark, aber man war normalsichtig, ohne für kurzsichtig gelten zu müssen. Und nichts entstellte. Der Apparat war phänomenal. Wenn man morgens Toilette gemacht hatte, so setzte man den Kneifer auf und sah zuerst entsetzlich aus mit der Maschine auf der Nase. Sobald sie aber die nötige Tourenzahl hatte, verschwand sie den Blicken gänzlich. Es blieb nur ein geheimnisvolles Surren in der Umgebung solcher Menschen.

Rechte Traute hatte er im Laden nicht, den Kauf zu tun. Er ließ durch den Geschäftsführer Schiller 5533 in den Fernsprecher schreien. Darauf meldete sich Clothilde. Sie sollte noch einmal die gütige Fee über seine Entschlüsse werden. Während er 27 Minuten mit Probieren verschwitzte, hatte Clothilde Zeit zu nahen. Sie kam und lächelte den Doktor freundlich an, hoch erfreut, daß sie ihm Hebamme werden durfte. Clothilde fand die Sache bis auf die dreitausendfünfhundert Mark gigantisch. Namentlich würde der Doktor bei seinen Vorträgen große gesteigerte Wirkungen erzielen, wenn künftig seine Augen zitterten. Aha, daran hatte er noch nicht einmal gedacht! Er gab Clothilde ein dankbares Küßchen, verstohlen hinter die Haarlocke über dem Schwanennacken. Wenn er seine großen Ekstasen rasen ließ, so konnte er durch rascheres oder langsameres Fahren der Augenmaschine die Gläser unsichtbar oder leicht vibrierend sichtbar machen. Das war ein Riesenschlager!! Wenn des Vortragsgenies Augen selbst in surrende Bewegung gerieten! Wie mußte das Publikum in starrer Angst vor ihm an die Wand genagelt werden! Dann hieß fortab, den Taifun besuchen: sich auf die Schrecken der Illusion mit narkotischem Gegengift gefaßt machen. Clothilde war so gütig und stieg zu Büffel hinauf; dieser schob den Scheck über das Geld durch ein Schubladenfenster. Er war gerührt, Clothilde am Werke zu sehen. Diese Beiden hätten auch viel besser zusammengepaßt als die eulenäugige Glaukopis und der glaukopisäugige Uhu.

Nun war die Sache so weit gut. Clothilde wartete solange in der Wohnung, bis Frau Doktor zurückkam. Es war eine Tortur für den Doktor, in dieser Stunde nicht schwätzen zu können, was er gerne geredet hätte. Die Lippen blieben stumm, während die Herzen redeten – –.

»Was denkst du Freundin über die surrenden Gläser?«

»Sie gefallen mir, weil ich sie zuerst empfand, ganz besonders.«

»Was wird aber Susanne dazu sagen?«

Da kam sie. Der Doktor stand vor ihr.

»Was brummst du so?« frug ihn Susanne.

Zur Antwort stellte der Doktor die Maschine ab, da stand er plötzlich wie ein Vampyr vor ihr. Susanne riß ihm den ganzen Apparat vom Kopf und aus der Tasche und warf den ganzen Maschinenklemmer zum Fenster hinaus.

»Dreitausendfünfhundert Mark! Bist du wahnsinnig?«

»Ich sollte doch wohl mein Urteil fällen!? Also erlaubte ich mir's. Was spielt Geld bei armen Leuten für eine Rolle? Ob ich dreitausend zum Fester hinauswerfe oder dreißigtausend ist hier ganz einerlei. Von jetzt ab wirst du überhaupt ohne Glas bleiben.«

Der Doktor lief umher und stieß sich sofort eine Beule am Türpfosten auf die Stirne. Er schrie auf. Clothilde bat für ihn um Einsehen. Susanne lachte bloß. Das erste Mal fühlte sie, was diese Frau für eine Bedeutung im Leben Alfreds hatte.

»Ich finde Sie häßlich«, sprach Clothilde.

»Meinen Sie im Gesicht oder im Betragen?«

»Im Betragen.« – Clothilde ging.

Und der Doktor war blind.

Susanne seufzte. Da hatte sie geglaubt, nach Kätzis Tod würde sonniger Friede sein. Nun war eine neue Ehenot. Wie konnte sie einen kurzsichtigen Menschen heiraten?!

Eigentlich hätte sie an ihm froh werden können! Wenn er sich die Blindheit gefallen ließ, so war er auch anderen Frauen nicht mehr gefährlich, höchstens wenn sie ihm auf drei Zoll naherückten.

»Aber ich muß doch etwas sehen!« wimmerte Alfred. »Hab doch Mitleid, ich stoße mir ja Kommodenecken wie Bajonettstiche in den Bauch und Türpfosten wie Beilhiebe in den Kopf.«

Susanne war ohne Mitleid. Sie hatte wahrhaftig alles für den Mann geopfert. Sie hatte Kätzi ersäuft; nun sollte er dafür auch die Püffe der körperhaften Umwelt aushalten!

Susanne fand das Gesicht des aufs Geratewohl in die Welt stierenden Menschen ausnehmend blöd und stupid. Sie setzte sich tiefbetrübt auf den Diwan, weil sie seinetwegen die Katze hingegeben hatte. Aber das war immer so: wenn man ein Weltopfer darbrachte, so geschah es für den Kretinen ebenso wie für den schönsten Adonis. Eine Ehe war ja entsetzlich! Unter ganz normalen Menschen mochte sie denkbar sein; aber wenn der Mann alle Fehler hatte wie ein Abdeckerpferd...

Es war möglich, daß sie ihn verkraftete, wenn sie sich einige Mühe gab, den Widerwillen zu überwinden. Aber das war leider notwendig. Paradiesisch war daran nichts. Sie hatte einmal die Vorstellung gehabt, die Ehe sei eigentlich eine Allegorie vom Paradies. Um Gottes willen! Da war ein Mann viel zu sehr Geißbock. Das Leben war eine Art Fasching. Unter ein paar Fetzen Webstoff gestikulierte es mit allerlei Fratzen und Gebärden.

Sie begriff. Diese fratzenhaften Gestikulationen waren der Expressionismus.

Der Doktor ballte sich mit ihr auf der Chaiselongue zu einer verkneteten Kugel. »Es wäre aber viel schöner«, meinte er, »wenn ich dich sehen würde.«

Er empfing einen innigen Kuß und andern Tags einen altmodischen Klemmer zu zehn Mark und fünfzig Pfennig.

Clothilde trauerte, wie übel es dem armen Doktor bei Susanne erging. Da hatte er sich insgeheim gefreut, sie mit einer Neuheit zu überraschen. Und nun trat sie so schroff gegen ihn auf. Das Mitleid mit dem Doktor, der in so unglücklicher Ehe lebte, sickerte durch den ganzen Taifun hindurch gerade zu der Zeit, als sich die innere Verständigung der Beiden anbahnte. Es war stets so gewesen: wenn sich zwei Menschen feindlich gegenüber standen, so hielt sie der Leumund gewaltsam zusammen. Wenn sie sich wie Eins waren, so suchte sie der Klatsch zu spalten. Dies rührt weniger von der Verschiedenheit der Menschen her als von der Unwissenheit, wie sich die Ereignisse im Weltenall ablösen. Ganswind allein blieb Philosoph. Er beharrte darin, daß die Ehe Anderer keinen Menschen sonst was anginge. Er war ein gesunder Reaktionär. Der Liberalismus vertrat die Anschauung, daß das Privatleben im modernen Staatswesen mehr und mehr auch die Öffentlichkeit anginge. Wie falsch diese Anschauung war! Mord und Totschlag wurden darum doch nie beseitigt. Die Einmischung der Öffentlichkeit wäre berechtigt gewesen, wenn jeder Akt zwischen den Beiden auch zu öffentlicher Kenntnis gelangt wäre. Ganswind hielt die Allwissenheit, die in der Kontrolle durch die Öffentlichkeit bestand, mit Recht für ein Unglück.

Wie unsinnig ist ein allwissender Gott. Kann doch jeder Autor schon zur Erkenntnis durchdringen, daß alle Schöpferkraft durch das Wissen gehemmt wird. Wenn Sokrates sein Nichtwissen bekannte, so war es weniger Bescheidenheit als die Erkenntnis der Gottnähe, die im Unwissen ruhte. Ganswind war im persönlichen Umgang ein sehr angenehmer Mensch. Leider aber war er ein zu großer Wisser, um der Weltapostel zu werden, als den ihn Hermione so gern gesehen hätte.

Wichtig und nicht gleichgültig war es für Ganswind nur, wie sich die Bäumlersche Kunstehe zum Expressionismus stellte. Das Hinauswerfen des expressionistischen Augenglases war wiederum eine stark feindselige Handlung Susannes. Sie bewies fort und fort, daß sie der neuen Kunstentwicklung nicht grün war.

Und was für eine geniale Abstraktion von der Kurzsichtigkeit war es doch, wenn das Übel der Augen durch das Brummen der Augenmaschine in eine Äußerung der Stimmorgane transformiert wurde! Gerade wer die Transformation in der Kunst nicht verstand, der sollte sich lieber aufhängen. Doch wer konnte wissen, ob Susanne nicht Sinn und Verstand, Vernunft und allen Witz nur in vertieftem Maße besaß, um die Welt transformieren zu können!

Eben daher kam es ja, daß Susanne mit so verächtlichen Lippen im Taifun umherging: weil ihre Kunst Praxis war. Bereits hatte Fredi einen Hasen gesehen, wo Meister Reineke nur eine Katze erkannt hätte. Susanne hätte viel lieber im alltäglichen Leben ein unklareres, phantasievolleres, abstrakteres Dasein gehabt als in der Kunst. Gerade daß die modernen Künstler so spießhafte Gesellen waren, so nüchtern, so normal, – das gefiel ihr nicht. Sie glaubte schließlich an Fredi, aber nur, weil sie ihn als ungewöhnlich blöde erkannte. Der Künstler konnte nur das Besondere sein, wenn er sich im Leben wie im Fach als Gegensatz zu der Herkömmlichkeit erwies. Susanne führte darüber erbitterten Streit mit Hermione. Hermione faßte ihre Kunstlieferanten wie Tischler und Schlosser auf, die gerne vesperten. Susanne schwärmte für solche, die Heuschrecken nicht verschmähten.

Fredi fraß gewiß Fliegen.

Seit Kätzi tot war, spielte sie mit ihm sehr niedlich. Er mußte das Mäulchen öffnen und eine Fliege kauen, die sie für ihn erhaschte. Sie band ihm seidene Schleifchen an die Ohren, um den Hals und an das Schwänzchen. Sie freute sich an jedem Härchen, das auf seinem Leib wuchs. Unter dem Arme konnte man ihm Zöpfchen flechten, und wo immer solche Vergnügung möglich war, genoß sie diese fanatisch. Der Doktor war von dieser Veränderung sehr überrascht. Nun sah er erst, wie viel Liebe ihm das Katzenvieh gestohlen hatte! Nun war er's selber. Mitunter schrie er auch auf, vor Weh, wenn die Schmatzerei zu toll und schmerzhaft wurde. Käterchen äußerte dazu in melancholischen Apotheosen: »Geradeso hat Kätzi manchmal aufgeschrien und ist ihr entlaufen, dann kam sie allemal zu mir in die Küche.« Susanne blitzte vor Lust. Liebe und Quälen war ihr dasselbe.

Was war nun Liebe? Der Doktor lag da mit geflochtenen Zöpfen und winselte, war aber zur Philosophie genötigt, weil er selbst nichts daran machen durfte. Liebe war ein Teleskop. Die Menschen waren so verschieden, weil alles Liebe war. Wenn einer einen Betrug verübte, so geschah es gewiß aus Liebe. Wahrhaftig, den Doktor dämmerte die Erkenntnis: Liebe, Geschlecht, Gott. Susanne war eine leibliche erdgewordene Madonna.

Nur unter dieser Erkenntnis war Tröstung über die Weltgeschichte möglich. Konnte man nicht selbst unter Spinoza verzweifeln und ein Narr werden, in der Anbetung Gottes als Affe angesehen zu sein?! Nur die Erkenntnis des Geschlechts als Gotteskraft bot Trost. So allein brauchte man über den Lustmörder den Stab nicht zu brechen, den man bisher brechen mußte, ohne zu verstehen warum. Wie wußten doch alle Menschen, daß die Geschlechtsgier hinriß! Der menschliche Beruf war also nur, dem Geschlechte die richtige Leitung zu geben, dann war man der Gefahr der Todsünde entronnen. Daß Susanne ihn als Katze auffaßte, war vielleicht aus seiner ungenügenden Männlichkeit zu verzeihen. Und noch war zu bedenken, daß jede Balgerei mit dem Gesetz der Natur ihren Abschluß fand.

Es fieberte in ihnen nur die Sucht, die Grenzen zu überschreiten, denn sobald sich bei Susanne ein gewisses Kopfstechen einstellte, gab sie sich reumütig und unterwürfig der männlichen Gewalt des Gatten.

Die Tage bis zum Versöhnungsfeste, nach welchem sich Stadtrat Waldeck täglich erkundigte, damit es ihm ja nicht entwischte, waren den konzentrierten Versäumnissen seit der Rückkehr aus Belgien geweiht.

Das Bewußtsein, versäumt zu haben wegen der Ränke zwischen Hund und Katz war in Beiden so stark, daß sie nicht mehr richtig aufstanden. Es war ein ewiges Weiterwälzen zu den Abenteuern neuer Erfindungen. Käterchen besorgte den Haushalt, oft unter Tränen über die Unordnung, die wie Unkraut um sie emporschoß. Sie brachte den Kaffee bald ans Bett, bald ins Bett, bald zum Diwan; bald aßen die Herrschaften im Badezimmer zu Mittag, bald im Wintergarten, einmal halbangetan, das anderemal in feierlichem Paradieskostüm, hergestellt bei Schneider und Traiteur. Alle Hemden wurden von Frau Doktor durchprobiert. Feine Pantöffelchen waren zur Auswahl geliefert worden. Und ganze Parfümlager kreisten unter Stühlen und Kissen. In diesem Wust sollte sie noch wirtschaften.

Hermione war einmal »intermistisch« eingeladen. Aber Käterchen wunderte sich, daß es nachher noch genau so aussah, nachdem sie untergemistet hatte.

Am Tage ehe die Gäste kamen, wurde erst gewaltsam Halt gemacht. Dem Doktor waren die Sehnen aller Glieder wie ausgerenkt. Jetzt als die Ruhe eintrat, spürte er es erst. Er war wirklich in einen Pelikan transformiert. Dieser offenkundige Expressionismus seiner Frau! Wenn da noch jemand was einzuwenden hatte! Dem schlug er die Zähne in den Rachen.

Susanne war die Höchste unter den Weibern. Neben ihr war Hermione ein bloßer Schatten.

Jetzt war es erwiesen, warum jener Dichter sang: »Oh nie verspürte Qual!« Das sollte nie verspürte Liebe heißen. Der Kitt zwischen ihm und ihr war fest. Das konnte durch Spülung im heißesten Wasser nicht mehr auseinandergehen. Um so rühriger waren die von außen wirkenden spaltenden Kräfte.

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