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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Auf dem Standesamt hatte der Doktor einen tödlichen Angriff auf den Standesbeamten gemacht.

Stadtrat Waldeck hockte hinter einer Schanze von Folianten und schützte sich dadurch vor Hieben. Er machte alle möglichen Besänftigungsversuche, aber der Doktor ließ sich nicht aufhalten.

Der Doktor verlangte die Vernichtung des Eheprotokolls. Damit wäre die Ehe in einer Sekunde geschieden gewesen. Der Stadtrat zitterte, denn er fürchtete sich sehr vor diesem Irren. Wie konnte er ein amtliches Schriftstück vernichten? Es mußte ein Mensch nicht normal sein, wenn er solches Verlangen stellte.

Doch der Doktor bestand darauf, weil der Stadtrat das Protokoll vollzogen hatte, das ihm diese furchtbare Fessel anlegte. Er brüllte wie ein Stier: »Befreien Sie mich von der Katze!«

Der Stadtrat versicherte immer wieder, er habe ihn nicht mit einer Katze verehelicht, sondern mit einer Dame aus Deutschbelgien.

»Sie sind ein elender Verbrecher«, schrie der Doktor, »Sie haben mir das Versprechen abgenommen, daß ich meiner Frau gehören wolle, bis der Tod uns scheide. Haben Sie?«

»Ich habe. Aber dies schreibt die Formel vor«, wimmerte der Stadtrat.

»Wollen Sie mich wegen einer Formel töten?« Der Doktor war außer sich wie ein wütender Elefant, den nur noch ein Gewehrschuß in den Schädel beschwichtigt.

»Wir sind Sklaven dieser Vorschriften!«

»Wollen Sie nun lieber mich töten, oder wollen Sie lieber den Fetzen Papier vernichten?«

»Es wäre ein entsetzlicher Schritt von Ihnen, wenn Sie sich ums Leben brächten. Ein Papier kann nicht vernichtet werden.«

Der Doktor schlug sich an die Stirn. »Ein Papier kann nicht vernichtet werden? Und ein Menschenleben wird der Willkür seiner Handlung überantwortet. Weiß ich denn heute, was ich tue? Ich bringe mich um, ohne mir Rechenschaft darüber zu geben. Denn so will ich keine Stunde länger leben. Die Katze liegt in der Suppe! Suppe!« Er schoß im Zimmer umher.

Nun verstand wohl der Beamte den Zusammenhang nicht gänzlich. Aber wie der auch sein mochte, er konnte unmöglich den gesetzlichen Beleg über die vollzogene Ehe vernichten. Der Doktor war wahnsinnig. Er fürchtete, seine Verteidigungsstellung hinter den Büchern könnte noch von dem Doktor erobert werden, ehe die telephonisch herbeigerufene Hilfe kam. Der Doktor war in seiner Wut imstande, ihm die Kehle zuzudrücken.

Der Dezernent für Irrenangelegenheiten vom Präsidium ließ lange auf sich warten. Noch einmal sprach der Stadtrat dort hinüber: »1574, rasch Zimmer 12, Zwangsjacke.«

Natürlich wähnte das ganze Rathaus, der Standesbeamte wäre selbst übergeschnappt. Die Brautpaare, die erledigt sein wollten und auf den Augenblick mit Sehnsucht warteten, wo sie durften, stauten sich bereits vor dem Zimmer.

Von dem brausenden Geräusch der Menge wurde der Doktor noch mehr verwirrt. Der Schweiß trat bei ihm aus, bis er zu weinen begann. Er überweinte mit einem in sich gekehrten Blick sein schreckliches Dasein.

Sollte er sich etwa hinter der Schanze hervorwagen und den armen Mann trösten? Stadtrat Waldeck entschloß sich, sitzen zu bleiben, bis Hilfe da war.

Endlich ging die Tür auf.

Wer trat herein? Polizeirat Löwe mit zwei Schutzleuten, welche die Zwangsjacke und schwere eiserne Ketten trugen.

Löwe fiel rückwärts an die Wand und stammelte: »Sie, Herr Doktor?«

Der Doktor stand bei dieser unerwarteten Begegnung völlig still. Sein ganzes zielbewußtes Hirn bremste, gerade als wenn ein Motorwagen eine Panne erhielt.

Polizeirat Löwe strauchelte, was er zu tun hatte, nur einige Sekunden. Es wäre ihm jetzt eine Kleinigkeit gewesen, den Doktor, dem er wegen Clothilde mißtraute, für alle Ewigkeit unschädlich zu machen.

Der Doktor besah ihn aber so zuversichtlich, daß er ihm nur als Bekannter gegenüber stand. Ein fremder Mann hätte jetzt beim Anblick Löwes gedacht: »Mensch, was bist du für ein Tier, ein gutes oder ein böses?« Löwe entschied sich, er winkte seinen Begleitern abzutreten.

Der Doktor ließ seine Hand zur Begrüßung nehmen.

Nun wagte der Standesbeamte, sich hinter den Barrikaden zu erheben.

Polizeirat Löwe schüttelte die Hand des Doktors so kräftig, daß ihm der Druck wirklich Schmerzen erzeugte. »Was machen Sie für Sachen, Herr Doktor?« sprach er.

Der Doktor frug gedämpft und zaghaft: »Kommen Sie meinetwegen?«, und er sah Löwe mit einem schräg durch den Kneifer gesandten Blick an, runzelte dabei seine Stirn und ließ seine Wange schlaff herabhängen.

»Selbstverständlich. Danken Sie es Ihrem Schöpfer, daß Sie das Glück haben, mit mir zusammenzustoßen!« Dann wandte er sich zu Stadtrat Waldeck: »Sie gestatten doch, Herr Stadtrat, daß ich ihn ein bißchen besänftige.« Er rieb dabei schmunzelnd die Hände.

Stadtrat Waldeck, als großer Menschenfreund und Menschheitsapostel, hatte nichts einzuwenden. Er bat seinen Ratskollegen sogar, ihm nicht übel zu nehmen, daß er für seinen guten Freund die Zwangsjacke bestellt habe.

Dem Polizeirat war es nicht recht, den Doktor als seinen guten Freund bezeichnen zu hören. Seine Augen weiteten sich und mit bedeutendem Ernst stellte er sich jetzt dem Doktor gegenüber.

Der Doktor machte eine sehr verdrießliche Miene, als wenn er Spinnen gegessen hätte. Er hätte viel lieber weiter getobt und wäre lieber nicht von einem Bekannten ertappt worden. Polizeirat Löwe fühlte das, und er nahm seine Aufgabe doppelt wichtig. »Sie haben ein ungewöhnliches Glück, Herr Doktor. Noch vor einem Monat war ich in der Abteilung für Zensur, damals stützte ich den Taifun in mancher heiklen Angelegenheit. Jetzt fällt mir in der Abteilung für Irrenkranke die schwere Aufgabe zu, Sie vor der Einkapselung zu behüten. Ich muß wirklich ein unnützlicher Mensch sein.«

»Schwere Aufgabe?«

»Ja, meinen denn Sie, Herr Doktor, ich könne nun sofort von Ihrer Festnahme Abstand nehmen?«

»Wenn Sie nicht wollen, – ich werde den Tod schon finden.« Das sagte der Doktor so ruhig und bitter, daß man wirklich glauben konnte, er sei lebensüberdrüssig. Es war für den Stadtrat Zeit, einzugreifen und dem Polizeirat zu erzählen, was bisher vorgegangen sei.

Der Polizeirat gackste: »Sie wollen sich tatsächlich scheiden lassen. Gerade wollte ich noch Ihr Glück rühmen, daß auch ich es war, der seinerzeit auf der Abteilung für Paß und Fremdenwesen die Gattin für Sie gefunden hatte.«

Der Doktor frug: »Hatte sie damals eine Katze bei sich?«

Die hatte Susanne allerdings damals bei sich gehabt.

Polizeirat Löwe bejahte.

Der Doktor lachte ein paarmal kurz auf. Dann knurrte er unverständlich und knarfelte mit den Zähnen. Die Wut kochte in ihm. Er hätte nun am liebsten auf den Polizeirat eingeschlagen, nach seinem Empfinden gehörte der Mensch gesteinigt, der ihm Susanne in den Weg geführt hatte.

Der Polizeirat rechtfertigte sich. Er war der Ansicht, daß des Doktors Verbindung gar nicht so übel sein konnte, denn es war doch auffallend, daß in seinem ganzen langen Junggesellenleben keine Dame bis zur Heirat mit ihm gekommen war, dagegen Susanne ihn sofort hingerissen hatte. Woher konnte das kommen? Einfach davon, weil Susanne durch den Katzenverkehr ein ganz besonders bezauberndes Benehmen erlangt hatte.

Der Doktor ballte die Fäuste und hüpfte mit einem Satz auf den Polizeirat los. Er brüllte. »Bezaubernd? Katzenfalsch ist sie! Susanne ist genau wie das Vieh!« Er meinte die Katze.

Den Polizeirat belustigte es im Innersten, wie der Doktor raste und seine Frau verwünschte. Kannte er sie doch selbst ziemlich genau.

Dem Stadtrat wurde jetzt die Suppenschüssel diskutabel. Er bedauerte, daß auch er da nicht weiter gegessen hätte, wenn eine Katze darin gebadet hatte.

Der Polizeirat hatte das noch gar nicht gewußt. Er kratzte sich vor Vergnügen die Mundwinkel. An Susanne schien eine Köchin verloren gegangen zu sein. Er erzählte einen Spaß von zu Hause. Als er ein kleiner Knabe war, hatte einmal seine Mutter eine Maus aus dem Milchkrug gezogen. Damals hatten alle Kinder unbesonnen in aller Seelenruhe von der Milch getrunken. Man sah also, daß solche Dinge auf dem Erdball passierten. Nun allerdings kam beim Doktor erschwerend hinzu, daß er die Katze schon vorher haßte bis aufs Messer. Selbige Maus hatte ganz indifferent in der Milch gelegen, war auch bereits darin ertrunken gewesen.

»Die Katze zappelte und schrie auf und verschmutzte das ganze Tafeltuch!« Den Doktor durchschütterte die Vision solcher Erinnerung. Nein, nun mußte er davon loskommen, war es tot oder lebendig.

Indem der Polizeirat besinnlich durchs Zimmer schritt, hielt der Stadtrat eine feurige Ansprache an den verzweifelten Ehemann.

»Herr Doktor, es verbindet mich mit Ihnen das tiefste Mitgefühl. Seien sie aber überzeugt, ich bin völlig schuldlos. Sie sind auf mich mit dem Spazierstock losgegangen, weil Sie glaubten, daß mir die Person Ihrer Frau bekannt gewesen wäre. Dessen versichere ich Sie aber: wenn ich gewußt hätte, daß Ihre damalige Braut eine Katze hatte, so hätte ich Sie ausdrücklich aufs Gewissen gefragt, als ich Sie zusammengab vor dem Angesicht Gottes, ob Sie sich bewußt wären, welche Kalamitäten durch eine Katze für eine Ehe entstehen können. Das scheint mir das Vergehen Ihrer Frau Gemahlin, daß sie von dem Vorhandensein einer Katze gänzlich geschwiegen hatte, absichtlich vielleicht. Leider steht es aber fest, daß Sie deswegen zur Scheidung Ihrer Ehe nirgends Unterstützung finden werden, weil es kein Mensch glaubt, was ein Tier für eine Macht ist über den Menschen. Bekanntlich war die Katze den Ägyptern heilig. Schon deswegen ist Ihre Revolution sehr aussichtslos. Menschen beteten zu der Katze, die Sie wahrscheinlich am liebsten in das Ofenloch steckten, um sie lebendigen Leibes zu verbrennen. Unsere Gesetze sind darin rückständig. Ich für meine Person hätte diese Ehe nie geschlossen, denn ich weiß, was für Einflüsse von einem Tier ausgehen. Ist es nicht zur Genüge bekannt, daß jeder Hundebesitzer z. B. so aussieht wie sein Hund? Par exemple: wer besitzt Bulldoggen? Meistens Destillenbesitzer. Haben diese Destillenbesitzer nicht meist ein sehr bissiges Maul? Die Ähnlichkeit des Herrn mit seinem Tier geht sogar so weit, daß ich Ihnen bei jedem Menschen auch seinen Hund nennen kann. Par exemple: ich kenne einen Herrn, zufällig meinen Verleger, welcher nächstdem die ersten Bände meiner gesammelten Grabreden veröffentlichen wird; für ihn würde nur der Hühnerhund sich eignen, ganz sein Blick...«

Der Polizeirat unterbrach: »Sie gestatten Herr Kollege, was für eine Hunderasse bevorzuge ich?«

Der Stadtrat sah ihn eine Weile durchdringend an, dann sagte er: »Herr Kollege, Sie haben gar keinen Hund, weil Sie keine Steuer für ihn übrig hätten.«

Polizeirat Löwe grinste bis an die Ohren. Die Antwort stimmte genau. »Aber was hätte ich für einen Hund?«

Der Stadtrat besann sich das Zweitemal, dann antwortete er entschieden: »Sie hätten einen Windhund.«

»Warum?«

»Weil Sie diesen unentwegt prügeln müßten, fast alle fünfzig Schritte. Sie müssen mich aber nicht mehr unterbrechen. Es gilt für mich, den lieben Herrn Doktor dem Leben zu erhalten. Trost vor allem! Herr Doktor, in Ihrem Haushalte handelt es sich um eine Katze, Ihre Frau hat allem Anschein nach ganz das Wesen dieser Bestie angenommen – –«

Der Polizeirat stutzte; selbst der Doktor, der bis jetzt ergebungsvoll zugehört hatte, war perplex. Daß seine Frau einer Bestie gleiche, hatte er selbst noch nicht einmal gedacht.

Der Stadtrat bemerkte die ungeschickte Wirkung seiner letzten Worte. Es krabbelte ihn im ganzen Leibe, denn er pflegte nie seine Zuhörer zu verletzen. Mit seinen Grabreden waren die Hingeschiedenen bis jetzt stets zufrieden gewesen. Er war als Redner allgemein beliebt, – wie sollte er sich jetzt in seinem Ausdruck verhauen haben! Er frug schüchtern: »Herr Doktor ist wohl noch in gewisser zartfühlender Berührung mit Frau Gemahlin?«

Der Doktor kam nicht mehr zur Antwort, weil Ganswind und Hermione zur Tür hereintraten. Der gewählte Augenblick war dem Auftritt dieser Beiden günstig. Dem Doktor war etwas wehmütig ums Herz geworden, weil man Susanne eine Bestie genannt hatte. Als er jetzt Hermione vor sich stehen sah, ein Weib, ein ander Weib, da wurde er in seiner Haltung unsicher. Er setzte sich gebrochen auf einen Stuhl. Waren Kräfte am Werke, die ihn von seinem Entschlusse zurückzogen? Zugleich lehnte sich sein Trotz auf, nicht nachzugeben.

Ganswind stellte dem Doktor die Zukunft klar vor Augen. Durch die Scheidung war der Taifun selbst gefährdet. Susanne schlug sich in das Lager der Taifungegner; und dadurch konnte sie dem Taifun den Garaus machen, wenn sie die Unsumme von Geschäftsgeheimnissen verriet. Namentlich konnte sie beweisen, daß der letzte große Erfolg mit William unverdient war, da sie wußte, daß man nur die Leinwand in den Gipsrahmen gestellt hatte. Die Katastrophe war dann vollständig.

Hermione kämpfte mit. »Kein anderer Mensch kann sonst wissen, daß es nur die weiße Leinwand ist. Und wenn es einer weiß, so wagt er es mindestens nicht zu sagen. Darum handelt es sich. Du mußt dich mit Susanne aussöhnen. Warte bis zur nächsten Ausstellung mit der Scheidung. Wenn sie wieder den großen Erfolg hat, man weiß es ja nie voraus, dann sind wir so reich, daß wir nichts mehr zu fürchten brauchen. Dann kann Ossi alles machen. Dann ist Ossi das anerkannte Genie.«

»Was wollt ihr ausstellen?« frug der Doktor. »Wie soll ich bei Susanne noch bis dahin aushalten?«

»Wir werden diesmal nur Rahmen ausstellen«, erwiderte Ossi, »die die suggestive Wirkung ausüben, daß alles, was hinter ihm von der Wand sichtbar wird, als Bild geschaut wird. Verstehst du?«

»Werdet Ihr damit gewiß Erfolg haben?«

»Ossi rechnet mit 10 Millionen Umsatz. Ein Rahmen 50 × 80 kostet schon 50 000 Mark. Die Leiste hierzu hat vielleicht einen Wert von 15 Mark; da kannst du dir ausrechnen, was wir verdienen. Es wird sich dann fragen, ob Ossi überhaupt noch weiter ausstellt, oder ob wir uns nach Sveden begeben. Ossi kann sich dann kaum noch übertreffen. Das ist das Letzte.«

Ossi küßte Hermione die Hand.

Der Doktor nahm dem Taifun gegenüber gern jede Rücksicht, aber wie sollte er bei Susanne so lange aushalten, bis soviel Rahmen fabriziert waren! Das dauerte mindestens vierzehn Tage. Wie sollte er sich wieder an den Tisch mit ihr setzen!

Hermione erbot sich, die nächsten Wochen mit ihm gemeinsam im Esplanade zu essen.

Der Doktor wimmerte und stöhnte: »Es bleibt immer noch die furchtbare Nacht!«

Alle sahen sich an. Niemand verstand ihn. Der Polizeirat war auf dem Sprunge, ihm seine Vertretung anzubieten. Es fehlte dem Doktor offenbar jeder Schwung in der Liebe. Oder war er so verdüstert, daß ständig Katzen um seine Sinne kreisten? Vielleicht war sein Gehirn in ein Katzenfell eingewickelt.

Käterchen kam zur rechten Zeit. Sie trug Kätzi auf dem Arm.

Der Doktor war plötzlich wie umgewandelt. Er lachte auf vor heller Freude. Käterchen hatte Wort gehalten. Nun mußte sich die ganze Welt verändern. »Beglückwünscht mich«, rief er, »denn um 11 Uhr wird das Vieh im Landwehrkanal ersäuft sein!«

Man drängte sich um Käterchen. Diese erzählte, wie gerissen sie es angestellt hätte, daß sie unentdeckt hergekommen sei. Der Doktor mußte ihr dafür eine Extratour gewähren. Den Kuß erhielt sie sogar vor Begeisterung voraus. Der Stadtrat wechselte seinen Rock, um sich beim Ersäufen zu beteiligen. Ganswind wollte die ganze Gesellschaft rasch in seinem Benzinwagen an den Ort der Tat bringen.

»Was hat sie doch für ein blödes Gesicht, Kätzi!« rief der Doktor und schlug dem Tierchen eine Backpfeife rechts und links, daß es sich geduckt zusammenzog.

Der Stadtrat wusch sich noch geschwind die Hände, das pflegte er stets beim Verlassen des Bureaus zu tun. Er erzählte dabei wiederum eine Geschichte aus seiner Kindheit, wie sie eine Katze zehnmal ersäuften und sie immer wieder heraus kam, daß sie schließlich an ein Wunder glaubten. Aber, er werde bei Kätzi seine ganze gesammelte Erfahrung von damals anwenden, damit sie sofort ersaufe.

Der Doktor schlug Kätzi immer wieder, als wollte er ihr alle erlittene Qual persönlich zurechnen. Das Gewissen der andern war viel weniger skrupellos, sie dachten insgeheim alle an Susanne, was die zu der heimlichen, bösen Tat sagen würde.

Der Stadtrat schlug alle Zweifel zurück: »Wenn sie weg ist, ist sie weg.«

»Wenn sie weg ist, ist sie weg«, wiederholte Ossi. Nun hatte der Stadtrat den steifen Hut vom Haken genommen, und die Reise konnte losgehen. Der Doktor ließ Käterchen und Hermione bei sich einhängen. Wenn Kätzi im Wasser untergegangen war, dann wollte er noch einmal die Rückkehr zu Susanne versuchen.

»Paß auf, Fredi, sie prügelt dich«, mahnte Hermione. Der Doktor wollte davon nichts hören. Unter großem Gelächter über die Unternehmungslust des Doktors setzte sich die Gesellschaft in Bewegung, als – – Susanne hereinstürzte, die Katze an sich riß, Käterchen einen Stoß gab, daß sie hinfiel, dem Doktor den Kneifer von der Nase schlug, daß er zerbrach, vor Ossi ausspuckte und den Stadtrat einer verbotenen Amtshandlung bezichtigte. Zu Hermione sprach sie. »Das hätte ich nie von euch gedacht!«

Susanne nahm Kätzi, die infolge der Ohrfeigerei ein ganz verändertes Gesicht hatte, wild und scheu aussah, auf die Arme, herzte sie, und preßte sie an sich. »Das sind keine Menschen«, sagte sie. »Gestern fielst du in die heiße Suppe und verbrühtest dich, und heute wollen sie dir ans Leben. Du armes Tierchen.« Heftige Tränen brachen hervor.

Käterchen wagte sich noch immer nicht zu rühren. Das machte Susanne wütend. Sie stieß ihr mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht, daß sie hochsprang und zur Türe hinausrannte mit den Worten: »Mein Bräutigam kann seine Idee zurückziehen.«

»Hören Sie, hören Sie?« sagte Ossi. »Der Taifun wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn nicht sofort allgemeiner Friede geschlossen wird.« Käterchen hatte die Idee gemeint, welche eigentlich von ihr stammte: daß Schellenhauer als der ganz »Große« ausstellte, nämlich die leeren Bilderrahmen.

»Ich habe keinen Krieg erklärt«, betonte Susanne.

»Habe ich Krieg erklärt?« frug der Doktor.

»Niemand hat den Krieg erklärt«, sprach der Standesbeamte. »Der Krieg war in dieser Ehe ausgebrochen durch eine Katze. Es ist genau wie bei unserem Weltkrieg: irgend etwas fiel in die heiße Suppe.«

»Irgend etwas fiel in die heiße Suppe«, wiederholte Ossi.

»Nur die Katze«, fügte der Doktor mit Nachdruck hinzu.

»Es ist nicht wahr, was du sagst«, entgegnete ihm Susanne. »Du hast eine Wut, seit wir die Hochzeitsreise machten, weil ich kein Landhaus mehr habe. Ich kann aber nicht dafür, daß es im furchtbaren Artilleriefeuer völlig vom Erdboden verschwunden ist.«

Endlich gab sich der Doktor Luft, und er brach mit seiner Meinung heraus, die er bisher in sich verschlossen gehalten hatte. Er rief: »Lügnerin, du hattest ja gar kein Landhaus.«

Wenn er nun glaubte, Susanne als Hochstaplerin hierdurch entlarvt zu haben, so irrte er sich. Susanne lächelte. »Du entlarvst dich, nicht mich. Du bist ein Flegel. Genau so, wie Williams Bilder echte Nordlandschaften waren, hatte ich ein Landhaus an der Aisne besessen.«

Ossi und Hermione fielen nun gemeinsam über den Doktor her. »Susanne hatte ein Landhaus. William Nordlandschaften.«

Der Doktor knirschte noch einmal mit den Zähnen, dann schwieg er. Das Unrecht war, vom Taifun so entschieden, auf seiner Seite. Es schien nun, als hätte er bisher gar nicht wegen der Katze Groll gehegt, sondern wegen des materiellen Besitzes von einem Luftschlosse. Das ließ er ungern auf sich sitzen, denn er kehrte stets gerne den Idealisten hervor. Er sprach: »Wenn ihr so von mir denkt, so will ich noch einmal mit Susanne zurückkehren.«

Susanne fiel ihm sofort um den Hals.

»Wann ist das Versöhnungsmahl?« rief der Polizeirat.

»Hierzu möchte ich auch eingeladen werden, um die Tischrede halten zu können!« eiferte der Stadtrat Waldeck. »Es ist ein großes Phänomen, wie der Friede so schnell ausbrechen kann. Dies werde ich mit einer großen Replique auf die Weltlage, bei feurigem Schaumwein, Sie trinken doch Sekt?, in erschöpfender Grabrede auf den Kriegszustand würdigen. Ich danke Ihnen sehr für die freundliche Einladung. Zum wievielten Oktober wird das Mahl stattfinden?«

Zwar hatte ihn kein Mensch eingeladen. Indes wurde der 18. Oktober festgesetzt. Das Friedensessen sollte diesmal bei Susanne eingenommen werden.

Die Gesellschaft ging, wie sie war, zur »schwarzen Katze«. Die draußen harrenden Brautpaare mußten warten, bis Herr Waldeck dort das Frühstück eingenommen hatte, das mindestens eineinhalb Stunden mit Hin- und Rückfahrt dauerte, trotzdem er im Wagen Ganswinds fahren konnte.

Der vermeintliche Gefahrzustand war vorbei. Allein der Keim zur großen Taifunrevolution war geschaffen.

Während im Chat noir bei geschlossenen Fensterläden Hermione mit Ganswind am Flügel operierte, daß der Stadtrat vergaß, als Kopulationsbeamter geboren zu sein, stand Käterchen in den Taifunsälen, Schellenhauer bei ihr, um sie herum alle Besucher und Angestellten. Sie hielt eine ketzerische Rede gegen die Niederhaltung des wahren Künstlers. Sie fühlte ihre Lage stark, weil die kommenden 10 Millionen davon abhingen, ob Schellenhauer seine Idee zur Ausführung bringen ließ oder nicht.

Als Ganswind und der Doktor endlich mit ihren beiden Gattinnen aus der »schwarzen Katze« heimkamen, weinselig und seelenvergnügt, Kätzi in Susannes Muffe steckend, stob die Volksversammlung im Taifun auseinander. Und man konferenzte mit Käterchen und Schellenhauer allein, ob dieser denn ein so dummer Geselle wäre, seine Idee für patentamtlich geschützt zu halten. Solche Idee war vogelfrei. Allein man gestand ihm gerne seine Bedeutung zu und erhob ihn bald in den ersten Rang im Taifunhimmel. Auch erhielt er die Erlaubnis, mit Käterchen in der ersten Weihnachtswoche Hochzeit zu machen. Bis dahin konnte ihre wirtschaftliche Lage gesichert sein, denn 0,1 % von dem Gewinn warf Ganswind bereitwilligst für den Künstler aus.

Susanne fühlte, wie sehr Käterchen die Not drückte. Sie zog sich auf eine Stunde mit ihr in ihre Wohnung zurück. Dort heulte Käterchen große Reuetränen in Susannes Schoß. Susanne war glücklich, daß ihretwegen geweint wurde. Die Leidenschaft ihres Mädchens war neu entfesselt und diente ihr mit zitternden Händen. Es war Susanne zuwider, sich nochmals anzukleiden, sie legte sich in des Doktors Bett und erwartete ihn. Der Schmerz Käterchens brach vor ihr in die Knie. Schon wieder peinigte man sie nach so kurzer Gnade. Käterchen mußte den Doktor selbst heraufholen. Er kam angerannt, riß seine Kleider herab, und seine hagere Gestalt hatte den Kneifer auf der Nase, damit seine Augen lieben konnten. Sein Gefühl war ohne die Augen stumpf, der Tastsinn war in seinen Gliedern allmählich abgehungert.

Kätzi schlief in ihrem Bettchen und träumte von den blauen Lichtwellen des Weltäthers. Die Brandwunden schmerzten und versetzten das ganze Tierchen in ein zuckendes Kreisen.

Der Doktor fühlte sich stolz auf seine gigantischen Gebärden, zu denen er von Susanne allmählich gebracht war, und glaubte, das sei Kraft, während die Tore von seines Weibes Augen aus einer ländlichen Ferne den Garbenwagen erwarteten, den andere Arme, schöne bronzenbraune Bauernarme geladen hatten.

Mit vergeblichem Aufwand versuchte der Doktor einen Punkt in die kreisende Welt zu zentralisieren. Oft gelang es ihm beinahe. Susanne wurde schließlich todunglücklich und verdrießlich. Er flehte, warf den gelangweilten Körper herum, bis endlich ein dumpfes Stöhnen den Raum des Zimmers zusammenzog. Susanne ergab sich dankbar und entschlief. Der Garbenwagen war in die Tore eingefahren, der Doktor hatte braune Arme. Ohne diesen Trug erlebte sie keine Auflösung.

Der Doktor lag noch lange wach. Er glaubte nicht, daß Susanne durch ihn glücklich wurde. Seine ganze Raserei hielt er für nutzlos verschwendet. Mißmut kreiste der Raum. Die Katze schlief glücklicher als er. Wie ein müder Gladiator lag er mit aufgestützten Armen und lauschte auf Atemzüge. Er verwünschte die seinigen. Einmal mußte er den rechten Handgriff tun, gegen sich selbst. Er paßte nicht in die kraftglühende Welt. Seine Lebensgleichung hatte einst mit einer moralischen Formel begonnen; das war verkehrt gewesen. Die Menschheit war nationalistisch, gesetzlos, existenzheischend ohne klare Wünsche. Wünsche waren die törichten Erziehungsbeigaben seiner materiell bevorzugt gewesenen Jugend. Nun merkte er, daß alle anderen Menschen über ihn hinwegschritten. Er fühlte sich wie von Rädern überfahren. Hätte er doch auch schlafen können wie Susanne!

Hinter der Wand des Schlafzimmers liebte Schellenhauer wie ein Krösus. Wie die starren Tannen aus dem Schwarzwaldmoose hervordringen, so erdverwachsen war sein Kunstgenie mit einer Schwarzwälderin. Käterchen vergaß immer wieder rasch die Leidenschaften, welche Susanne aus ihr herauszuholen verstand, Schellenhauer verkaufte die Liebe gewohnheitsmäßig noch immer wie einst Salzheringe aus dem Faß draußen im Kolonialwarengeschäft.

Erst als die brausenden Akkorde von Ganswinds Ritt nach dem Monde von unten durch den Stubenboden dröhnten, legte sich der Doktor neben Susanne nieder und schlief mit dem Klemmer auf der Nase ein.

Die Musik des Taifun schuf endlich die einschlummernde Versöhnung. Die ganze Welt schlief. Nur Ossi, der Zauberer und Hermione seine Narzisse, waren auf dem Fluge nach dem Monde. Auf diesem Fluge erblickten sie die Bilder, welche sie bisher von Künstlern nicht gemalt sahen. Nun wollten sie schleunigst Reichtum gewinnen, alsdann begann erst das Programm ihrer Kunst, deren Wesen sie jetzt noch vor der Mitwelt verschleierten. Sie beteiligten sich mit scheinbarer Überzeugung an der Ausschöpfung der Dummheit einer kunstsüchtigen Menschheit. Vielleicht kam bald die große Erlösung, der Umschwung zu strengster Gewissenhaftigkeit. Dann suchten sie nicht mehr Müller oder William, sondern die Rembrandts, die jetzt versteckt lebten, weil sie nicht wagten, mit ihren Werken hervorzutreten.

Der Taifun konnte dann liegen bleiben wie eine leere Ballonhülle. Zwischen Ossi und Hermione war das nicht ausgesprochen, aber von beiden gewünscht und gefühlt. Wie herrlich war der Augenblick, wo sämtliche Anbeter des Taifun als Narren gebrandmarkt waren!

Das Herannahen dieses Augenblicks konnte erwartet werden; bereits zeigten sich die Anzeichen. Die meisten Werke aus dem 3. bis 15. Rang befriedigten nicht mehr.

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