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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Während Herr und Frau Doktor ihre Tiere bändigten, besser gesagt ihre Leidenschaften in ihrem eigenen Käfig zu dressieren versuchten, ging unten das Gebläse des Taifun mit dumpfem Brausen weiter. Wer mit den Ohren der Kunst hörte, der fühlte sich, bei Doktors eingeladen, wie in einem Mühlwerk stehend, unter dem die Turbine rauschte. Dieses Rauschen war das unerhörte Wunder des Taifun.

Wie die Prozesse schließlich ausgingen, das interessierte niemand. Die Hauptsache war, der Schwarm vermehrte sich. Immer neue Völker drangen ein und hingen sich an die saugenden Knäuel tiefster »Erkenntniskunst«. Das war Beweis. Die Sache stand.

Der Taifun stand. Nicht mehr umzuwerfen. Es entwickelte sich sogar eine Kasse, aus welcher Olsamen tüchtige Bezüge hatte, so daß er eine Familie ernähren konnte.

Was bedeutete das Geschrei der Feinde! Der Erfolg bewies.

Schellenhauer, der Verlobte Käterchens, malte fleißig unter Anleitung des toten Müller, und er kam überraschend weit. Schon nach sechs Wochen war er Lehrer der neugegründeten Taifunakademie.

Käterchen war nicht mehr Mädchen, sondern Zofe. Sie wurde mit Clothilde von Susanne und Hermione, die sich abwechselnd in das Phonetische teilten, gemeinsam in der Bühnenkunst ausgebildet. Natürlich fielen ihr die Rollen der Dienstmädchen zu, während Clothilde Gräfinnen übernehmen durfte. Susanne bekam die wichtigere Aufgabe der Bräute, Hermione die letzten Möglichkeiten: die unter dem erschütternden Schluchzen des Taifuntheaters sterbenden Heldinnen.

Im Taifun herrschte überhaupt keineswegs eine unordentliche Kunstwirtschaft, sondern alles bildete sich nach Rängen und Ringen ähnlich wie in la divina comedia, nur umgekehrt: zum Himmel hinauf. Durch ganz seltene Zufälle kam bisweilen ein Künstler oder eine Künstlerin von unteren Sphären in höher gelegene, – höchstens wenn Ossi und Hermione den Zuflüsterungen des Doktors Gehör schenkten. Dann wurde eine goldene Kette ausgeworfen, woran sich der schwebende Jünger hängen mußte, bis er auf die höhere Stufe gezogen war. Wenn solches vor sich ging, sahen alle Jünger und Jüngerinnen gegen den Zenith des Taifunhimmels und ergötzten sich von unten her an den flatternden Röcken des Erkiesten.

Neid gab es dann nicht, denn es war das eigentümliche Wesen der bewegenden Kraft, daß sie willenlos als richtig anerkannt wurde.

Kunst war eben nichts Positives, sondern Kunst wurde gemacht, nicht aber wie bei Kitschhändlern, sondern durch den Geist.

Der Geist war hinter Ossis Stirne, wo er von Olsamen allein geschaut wurde. Dieser Mensch hatte Röntgenaugen, rotgerändert wie die getupfte Forelle.

Hermione und Olsamen sprachen sich ganze Abende lang aus, während Ossi dabei schweigend saß. Nur hie und da ergriff er ihre Hand und führte sie an den Mund, küßte sie innig und gab sie ihr in den Schoß zurück. Dieser Handkuß war ein geheimes Zeichen. Hermione wußte dann, daß sie vorsichtiger sein mußte in der Ausbreitung der Theorien. Niemals durfte jemand bis zur Geheimwissenschaft des Taifun, seiner Herkunft und seines Ziels, vordringen.

Das Prinzip wurde in eine Art spiritistischen Nebel gehüllt. In ihm dampfte auch die Geschichte der Vergangenheit von Ganswinds Körperhaftigkeit. War er als Junge irgendwo unmenschlich erzogen worden, ähnlich dem unglücklichen Sohne Marie Antoinettes? Oder war er bei einer kinderlosen Alten unsinnig verpimpelt worden? Beides war möglich, um diesen besonderen, feinfühligen Menschen zu erzeugen. Man erzählte von ihm, daß er einmal mit einer Löwenmähne umhergegangen sei. Damals habe er schauerlich ausgesehen und sich für Geld befühlen lassen, ob seine Löwenähnlichkeit echt sei. Diese Gestalt habe er erst auf Hermiones Geheiß abgelegt.

In Hermione wohnte ein Wesen, so sanft wie eine Anemone, und gleichzeitig so scharf wie Pfeffer und Salz.

Pfeffer und Salz rühmte sie stolz auch Ossi nach, trotzdem es niemand glauben mochte, daß dieser Mann manchmal auch forsch auftreten konnte. Nur wer zufällig dazu kam, wenn eine Rechnung zu bezahlen war, der sah seine Boxerfäuste. Bezahlt wurden Schulden grundsätzlich nicht, es wurden nur Schulden eingenommen.

Für Susanne und den Doktor sollte nun am dritten Tage der Ehe das Studium des Taifun seinen Abschluß erfahren. Sie wußten zwar von allen Beteiligten längst am meisten über das, was Ossi und Hermione als ihren Willen markiert haben wollten, – trotzdem, um eine Vertretung beider übernehmen zu können, gehörten noch wichtige Aufschlüsse her.

Diese Aufschlüsse empfingen sie. Ganswinds machten eine Reise nach Island, wo sie den Expressionismus der Eskimos eingehend studieren wollten. Einstweilen sollte der Doktor Hermione, Susanne aber Ossi vertreten.

Diese Reise geschah, um Doktors von dem bereits lastenden Gefühl der schwankenden Ehe abzulenken.

Für Kätzi war ein Kinderbett gekauft worden. So erwarb sich das vom Ehegemahl verstoßene Tierchen das Recht... nun ebenso harmlos zu sein wie ein Baby. Der Doktor lief mit Groll umher.

Wie er jetzt im Taifun Hermione vertrat, verspürte er plötzlich, wie unsonnig seine Miene geworden war. Er bemühte sich, ein Vergißmeinnichtgesicht aufzusetzen. Susanne begann die kluge Schweigerin zu werden. Die Wirkung dieser Erziehung war außerordentlich fruchtbringend.

Während Hermione in Pelzhosen auf Skandinavien und dem nördlichen Archipel herumkletterte, schmolz der schon dick gefrorene Haß des Doktorehepaares. Offenbar hatte es ihnen an genügender Beschäftigung gefehlt. Auch die Erhabenheit des Gefühls, Taifunleiter zu sein, wirkte versöhnend.

Hauptsächlich aber war die Versöhnung das Produkt eines gemeinsamen Vertrauensbruches.

Bekanntlich war Ganswinds Privatsalon aufs herrlichste eingerichtet. Und viele Vermutungen knüpften sich an Herkunft und Zweck mancher seltener Möbel.

Susanne sprach zu Alfred: »Wir sind bisher sehr unwissend geblieben, auch die letzten geheimen Anweisungen Hermiones vor der Abreise können einem vernünftigen Menschen nicht genügen, um ihn zufrieden zu machen. Alle Menschen verwahren doch irgendwelche Familienintimitäten. Diese stelle ich mit nun bei Ossi und nicht weniger bei Hermione sehr reizend und wissenswert vor. Wir müssen alles durchsuchen und aufschließen, um zum Gipfel der Erkenntnis zu gelangen, was dem Taifun eigentlich seine Existenz erhält.«

Der Doktor wollte schwer darauf eingehen. Aber endlich ließ er sich doch von Susanne verführen. Und das versöhnte.

Da stand ein sonderbarer geschnitzter, kleiner Schrank, die Imitation eines Schnitzwerks aus der Zeit der Nürnberger Meister, der bekannten Vorstufe der modernen Expressionisten – wenigstens war es so im Kollegheft einer Schülerin der Taifunakademie niedergeschrieben.

Dieser Schrank mußte die Kraft besitzen, den Blinden sehend und den Stummen redend zu machen. Vor allem existierte für ihn allein kein Schlüssel.

Als die erste Karte aus Christiania eintraf, machten sich der Doktor und Susanne am fünfundzwanzigsten Juli Mitternacht zwölf Uhr an die Arbeit.

Es erforderte viel Kunst, das Möbel ohne Schlüssel zu öffnen, noch mehr aber verlangte das Alleinsein in den vielverzweigten Räumen große Nervenkraft.

Wie hallten die Böses beginnenwollenden Schritte auf dem spiegelglatten Parkett! Die Bilder wankten an den Wänden, und viele furchtbare Gestalten stiegen aus ihren Rahmen. Der wiedererstandene Mann mit dem umgekehrten Kopfe begann sich zu heben und zu senken. Und zuletzt setzte er ihn gerade auf den Hals und sah nun mit leibhaftigen Augen auf Susanne. Die herumstehenden Vasen und Gläschen füllten sich mit Likör und boten sich an zum Austrinken. Die afrikanischen Götzen, deren Brüste mit Messerklingen, den Opfern und Andenken der Anbetung von hilfesuchenden Negern, gespickt waren, glotzten schief aus dem ersten Zimmer herüber. Des Doktors Gesicht war aschfahl, und Susannes sonst geschminkte Wangen schienen gelb wie altes Pergament. Zu sprechen wagten sie nicht, weil sie fortwährend auf den Besuch irgendeines aus dem Bilde gestiegenen Menschen gespannt waren. Eine Kubistenplastik begann bereits die Glieder zu verdrehen.

Nur die Finger arbeiteten an dem Wunderschrank. Sie wollten schon alle Hoffnung aufgeben, ihn öffnen zu können, da sprang er mit einem Male auf und ein eigentümliches Licht strahlte aus ihm. Sie sahen mit Gewalt in das Licht und entdeckten nichts, was irgendwie als körperhafter Inhalt zu betasten war.

In dem Schrank war nichts und war doch Licht? War das etwa das Geheimnis?

Susanne und Alfred sahen sich an und wollten lachen. In diesem Augenblick spielte der große Flügel im Musikzimmer.

Susanne preßte sich an Alfred, daß sich ihre Rippe, die sie mehr als er hatte, an seinem untersten Westenknopfe schnitt. Beide standen voll Entsetzen und Angst: als sie sich nach dem Schranke umsahen, stand er wieder geschlossen.

Waren Ossi und Hermione überhaupt auf der Reise nach Island? Plötzlich zeigte sich beiden zugleich der Kopf von Ossi unter der Türe nach dem Damenzimmer in mittlerer Höhe des Türpfostens. Er öffnete den Mund und verkündete einer großen Schar Hörer ein noch nie gehörtes Evangelium. Dieser Kopf war der des Cheops, dessen Pyramide von Millionen Verehrern gebaut worden war.

Der Taifun fegte dahin und Cheops Ganswind war eine Mumie.

Die Mumie... Wo war sie?

Susanne und Alfred schlichen sich aneinandergepreßt auf den Zehen davon; da fühlten sie beim Gehen, daß der Boden unter ihnen lebte. Hermiones Gesicht blickte aus einem geschnürten Wickel durch eine Glasscheibe. Das war die andere Mumie.

Waren sie nicht nach Island unterwegs?

Susanne preßte sich mit Alfred durch die Türe auf den Flur hinaus, daß die Türflügel krachten und zerbrachen. Da war es ganz dunkel. Sie sahen sich an und schämten sich, weil sie ihre Gesichter nicht wahrnahmen.

In dieser Nacht schliefen sie das erstemal eng zusammengeschmiegt.

Am andern Morgen beim Frühstück sprachen sie miteinander kein Wort. Jedes schien sich an die seltsamen Vorgänge der Nacht zu erinnern. Die Fräulein im Taifun verwunderten sich, daß sich der Doktor und Susanne heute nicht sehen ließen.

Die Putzfrau ging durch die Räume und fand eine zerbrochene Kristallkaraffe.

Nun wußte man, warum Doktors nicht zum Vorschein kamen.

Als sie erst zwei Tage später wieder im Taifun erschienen, sah sie jedermann scheu und erstaunt an, vorwurfsvoll.

Susanne tätschelte und schmatzte seit langer Zeit wieder an Käterchen herum. Das war sehr auffallend. Aber Käterchen ließ sich immer wieder von Susanne fangen.

Käterchen erzählte ihr von der zerbrochenen Karaffe, obgleich im Taifun von allen strenges Schweigen ausgemacht war, genau nach der Vorschrift Hermiones vor der Abreise, daß niemand weder den Doktor noch Susanne in dem freien Umgang mit allem, was der Taifun enthielt, behindern dürfe.

Nun frug natürlich Susanne den Doktor, ob sie in der Nacht eine Kristallkaraffe zerbrochen hätten. Er erinnerte sich so wenig wie sie. Allmählich wollte es ihnen dämmern, was sie angestellt hatten. Sie waren berauscht gewesen.

Das Eigentümliche war nur, daß sie beide dieselben Gesichte gehabt hatten. Deshalb glaubten sie steif und fest an die Offenbarung eines Geheimnisses.

Sie scheuten sich um des Zaubers willen, der vom Taifun ausging, und den sie durch das Alleinsein in ihm erst kennengelernt hatten, an Ehescheidung zu denken.

Da Kätzi nachts nicht mehr dazwischenkroch, so war des Doktors markverzehrende Angst geschwunden. Nur wenn sie bei Tische saßen, schaute er noch mit finsteren Blicken über die Oberkanten seines Glases nach Kätzi hinüber. Susanne versuchte ihm Wohlgefallen an dem gesitteten und graziösen Pfötchen der Katze beizubringen. Aber niemals konnte er davon entzückt sein, wenn Kätzi Susanne den Bissen vom Munde weg atzte. Susanne fand diese Tat süß und komisch.

Von dem Widerspruch in der Katzenfrage ging allmählich ein gegenseitiger Widerwille aus. Der Zauber des Taifun hielt sie nur solange gewaltsam zusammen, bis Ossi und Hermione vom Nordland zurückkamen.

Hermione trat in weißen Fellhosen ein, und die Eisbärmütze machte ihr Gesicht jung und kindlich. Namentlich gab dieses Kostüm Ossis Liebesphantasie neue Einfälle. Hermione lauschte und beobachtete mit zuckendem Herzen die neuen Wege seiner Hände. Die Kompositionen auf dem Flügel schwankten, brausten und schoben wie Treibeis. Dann und wann ein Bersten, da sah man ihn aufstürzen und über sie herfallen. Sie stellten sich vor, Eisbären zu sein und ergötzten sich an den Weichheiten ihrer Felle.

Natürlicherweise expreßte sich dieser Hang, nördliche Landschaften, nördliche Tiere nachzufühlen, in der ganzen Epoche der nächsten Kunst.

Der Maler William machte den größten Treffer. Er stellte die weiße Leinwand in einen weißen Gipsrahmen und hing das Bild auf.

Alles schrie. »William! William!« William konnte nicht genug solche Bilder liefern. Die Kunst bestand einfach darin, das Bild ohne Rußflecken in den Handel zu bringen. War nur ein Stäubchen auf der weißen Landschaft, so war sie nicht mehr nordisch. Die Nordische Landschaft bedeutete eben das »Letzte« in Weiß.

Eines Tages war die einunddreißigste Ausstellung. Sie wurde von William allein gedeckt. Eine ungeheure Reklame war vorhergegangen. Die Räume waren am ersten Oktober so drückend voll, daß eine Schutzmannskette vor den einzelnen Meisterwerken aufgestellt werden mußte. Diese Kette war dem Polizeirat von Amts wegen gern überreicht worden. Die begeisterten Zuschauer sahen daher alle zunächst einen Schutzmann und dann erst den echten William.

In einer fernen Ecke des Salons wagte ein Besucher das Wort »Schwindel!« Er wurde dafür von den Taifunisten verkeilt und von der Schutzmannskette verhaftet.

Die Bilder hatten verschiedene Größe. Eine Dame stand wegen des Kaufpreises mit Ganswind in lebhaftester Unterhaltung. Sie wollte siebentausend gerne geben, während der Salon siebentausendfünfhundert Mark forderte.

Das Bild maß 70 × 100, das daneben 65 × 95. Dieses kostete nur sechstausend Mark. Die Dame hielt sich daher für übervorteilt, daß sie für die Ausweitung von je fünf Zentimeter eintausendfünfhundert zahlen sollte, statt nur tausend.

Auf Hermiones Augenzwinkern durfte Ossi aber unter keinen Umständen nachgeben. So geschah das Unfaßbare. Die Dame bezahlte die Summe, mit der das Werk fünfzehn, echter William, »Eislandschaft«, ausgezeichnet war, voll ohne Abzug.

Diese Bilder gingen reißend, in allen Größenlagen beziehungsweise Preisverhältnissen. William bekam fünfzig Prozent des Erlöses. Der Tag brachte fünf Millionen Umsatz. Das war gar nicht so viel. Der Gips und die Leinwand waren beide so teuer, daß jeder Maler besser daran tat, seinen Bedarf im Taifun und nicht in Buchbinderläden zu decken.

Es blieb jedem freigestellt, ob er den William dauernd weiß lassen wollte, oder ihn mit unsinnigen, die Nordlandschaft niemals wiedergebenden Farben übermalte.

Da die Ausstellung innerhalb zwei Stunden verkauft war, so stellte sich der Doktor noch aufs Rednerpult und trug das Gedicht Nordpol vor. Er stammelte:

»Weiß weiß
William
William William William
weiß
weiß weiß weiß weiß weiß.«
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Nachdem er endlich geendet hatte, weil er derart schwitzte, daß man die Kälte und die Starrung des Eises nicht mehr glauben konnte, betrat William selbst die Bühne und gab das Versprechen ab, nicht müde zu werden, und noch weitere Eislandschaften zu malen.

Unter tosendem Beifall verschwand er hinter einem schamhaften Vorhang, der die Erde nicht ganz berührte.

William stand auf dem letzten Kreise der Taifunkünstler in Ehren unmittelbar neben Müller.

Schellenhauer war tief traurig, und er glaubte nicht mehr an die Möglichkeit, vom fünfzehnten Kreis nach oben zu kommen. Er saß bei Käterchen auf dem Zimmer. Sie polierte gerade die Lackschuhe Susannes.

Käterchen gab sich alle Mühe, den Bräutigam auf neue, noch genießbare Einfälle zu bringen. Sie riet ihm, einmal nur den Rahmen aufzuhängen, wer konnte wissen, ob Oskar diese Idee nicht genial fand.

»Das ist niemals genial«, seufzte Schellenhauer. »Du verstehst es nicht... der wahre Künstler kann schaffen, was er will, er wird nie anerkannt.« Er legte sein Haupt, welches jetzt mit großen blonden Locken überwuchert war, traurig in Käterchens Schoß, wobei ihm der Benzingeruch des Wichsmittels in die Nase stach. Den glatten Scheitel hatte er aufgegeben, nicht etwa um künstlerhaft auszusehen, sondern nur weil der Pomadepreis seinem Einkommen nicht mehr entsprach.

Der Künstler auf dem fünfzehnten Kreis hatte nur ein karges Auskommen, derjenige auf dem zwanzigsten Kreis verdiente Null, während alle diejenigen, die Schüler waren oder freie, noch nicht anerkannte Künstler, vom dreißigsten bis zwanzigsten Kreis, alles selbst aufbringen mußten, worin noch eine hohe Steuer an den Taifun, stufenweise abnehmend, allmählich sich an die Null des zwanzigsten Kreises annähernd, mit enthalten war.

Käterchen tröstete ihn und flüsterte ihm in die Ohren. Sobald sie heirateten, verließen sie beide den Taifun. Und dann wollten sie doch einmal sehen, ob sich nicht ein anderer Salon für »Schellenhauer« interessierte.

Sie hatte das Empfinden, daß er allmählich wirkliche Bilder zu schaffen vermochte. Die Porträts, die er von ihr dutzendweise anfertigte, bekamen allmählich treffliche Ähnlichkeit.

Während sich auf Käterchens Zimmer die Verkennung ausseufzte, tobte im Speisezimmer eine wütende Schlacht.

Susanne war empört, daß Alfred ihr gegenüber den Williamschwindel nicht zugab, daß er sogar den vollen Ernst seiner vorgetragenen Dichtung aufrecht erhielt.

Susanne wurde darüber so wütend, daß ihr Kätzi aus dem Arm geglitten und in die heiße Suppe gefallen war.

Sie wollte nun die Suppe durchs Sieb gießen und weiter essen lassen. Darüber geriet Alfred außer sich, er nahm die ganze Schüssel und warf sie durchs geschlossene Fenster auf den Hof hinab, sodaß die Scheiben lustig klirrten.

Susanne schluchzte, während sie lindernde Salbe auf die verbrühte Katze strich, über diese Vergeudung und die alle Schranken vergessende Tobsucht.

Dann hatte er, weil sonst nichts zu essen da war, sein Zigarettenetui hervorgezogen. Es war leer. Und als Susanne gestand, daß sie gestern die Zigaretten zu kaufen vergessen hatte, schalt er sie eine »blöde Ente«. Es war Sonntag und kein Geschäft offen.

»Mußt du immer rauchen?!« schrie Susanne auf.

»Morgen sind wir geschieden!« stieß der Doktor mit allen aus seinen Lungen pfeifenden Registern hervor. Er ging hinaus, knallte die Türe hinter sich zu und verschloß sich.

Längst kam niemand mehr an die Türe und erhob Beschwerde gegen den Schlachtendonner dieses Ehepaares. Allmählich hatte sich das ganze Haus daran gewöhnt, und immer war auf jede Beschwerde geantwortet worden: »Der Herr und die gnädige Frau proben.« Was sollte man also machen!

Diesmal war es aber letzter Ernst.

So große, zerbrochene, doppelte Fensterscheiben konnten unmöglich der Inhalt eines Theaterstückes sein. Wo sollte ein Direktor hinkommen, wenn er solche Splitter täglich zu tragen hatte? Auch wählte man, beim Einstudieren solcher Nummer, sicherlich unzerbrechliches Material.

Hermione und Ossi sahen sich an, als die dunkle Schwalbe am Fenster vorbeiflog. Während es klirrte, erbebten sie. Es lief eiskalt über sie hinweg. Warum zürnte Zeus? Als Hermione hinabsah, erkannte sie, daß es eine Suppenschüssel war. Gab eine Suppenschüssel das Signal, daß der Taifun vor einer Katastrophe stand? Diese klirrenden Töne waren schärfer als der Widerhall des Nebelhorns in den Korallenriffen der Südsee.

»Sollen wir hinaufgehen?« frug Ossi.

»Laß sie, wenn sie nicht zu Verstand zu bringen sind«, erwiderte Hermione.

So kam es, daß sich die Tragik vollendete, weil im entscheidenden Augenblick alles flügellahm war. Eine Redensart wie »das hätte man verhüten können«, bleibt ewiger Unsinn. Eine Katastrophe hat man nie verhüten können, deswegen wurden sie seit Menschengedenken stets vom Schicksal herbeigeführt. Selbst Katastrophen, die man voraussah, konnten nicht verhindert werden. »Denke daran«, sprach Hermione, »als die ›Titanic‹ auf den Eisberg stieß, sahen ihn verschiedene Augen herankommen, dennoch konnte niemand den Zusammenstoß verhüten.«

»Sie hätten einander nie heiraten dürfen«, erwiderte Ossi.

»Wie kannst du das sagen, es heiratet einander alles, weil es muß. Es muß sein. Es muß aber für den Taifun keine Katastrophe werden. Katastrophen gibt es nur, wenn hart gegen hart ist.«

Ossi leuchtete das ein, und er freute sich nun beinahe, weil sein Sonnengott Alfred samt seiner Diana ins weiche Gras fiel. Er konnte den Taifun immerhin vorbereiten, daß es bald eine Veränderung in den höheren Regionen geben würde.

»Was willst du vorbereiten?« sprach Hermione, »laß es doch alles herankommen.«

Das war das Klügste. Wenn nur Ossi und Hermione vorbereitet waren, dann wollten sie den Taifun schon an den Zügeln fassen, wenn die Zeit erfüllet war.

Hermione lachte sich halbtot, als sie von Schellenhauer erfuhr, daß die Katze in die Suppenterrine gefallen war. Und sie fand es ulkig, daß Susanne die Suppe durchs Sieb hatte gießen wollen. Unter allem Gelächter nahm man trotzdem für den Doktor Partei, denn es war verzeihlich, wenn er die Suppe hinunterwarf.

Susanne wußte fortab, daß sie in dem Kampf mit ihrem Gatten auf die Unterstützung durch den Taifun nicht zählen durfte. Daß sie alleinstand, verstärkte eher ihre Stellung, denn ob die Richter mit einer Partei, wie dem Taifun, sympathisierten, war zweifelhaft.

Susanne schimpfte offen über den ganzen Taifunschwindel. Man ließ sie ruhig schimpfen, sie verstand es eben nicht besser. Um so mehr schlüpfte der Doktor zufluchtsuchend bei Hermione hinein.

Der Polizeirat erinnerte an die Irrenzelle des Hotel Olymp. Damals hatte er's zu überlegen gegeben, ob man sich mit Susanne einlassen sollte.

»Wir machen uns keinerlei Vorwürfe«, sprach Hermione, »wir haben aber auch gar keine Furcht vor Susanne. Was kann uns Susanne tun? Kann sie den Taifun etwa verraten? Fürchtet doch das nicht! Sie ist durch ihre Katze völlig bloßgestellt. Braucht es hier überhaupt Worte? Daß sie gleich, nachdem sie in Berlin ankam, in der Zeitung stand, das allein schon ist furchtbar.«

Der Polizeirat und auch Clothilde machten ein sehr bedenkliches Gesicht. Wie es um die Person des Doktors stand, wußte ja niemand. Der Taifun konnte recht kompromittiert sein, wenn es sich herausstellte, daß der Doktor Susanne in alles eingeweiht hatte.

»Nicht bloß der Doktor hat eingeweiht, wir alle. Laßt sie doch eingeweiht sein. Wir haben so viele Leute gegen sie. Den Hoteldirektor und auch noch mehr solche. Aus dem Katzenklub ist sie sogar ausgetreten. Susanne hat nur Feinde.« Hermione wußte es genau.

Im Handumdrehen war Susanne zum Feind gemacht. Und wie der Taifun gegen Feinde vorging, davon konnte der Riese Goliath erzählen, auch der Chefredakteur mancher Tageszeitung. Dem Taifun war nichts heilig, wenn es galt, den Feind zu zerschmettern.

Die Stimmung war im Taifun schon am Sonntag Nachmittag so überhitzt, daß es für den Doktor gar keine andere Möglichkeit gab, als gegen Susanne, beziehungsweise ihre Katze, entscheidend vorzugehen.

Als sich Susanne auf den Abend im Salon zeigte, war selbst Hermione kühl gegen sie. Und Ossi sah verlegen zur Seite. Der Polizeirat schnarrte mit einer nach ihren Begriffen sehr dummen Stimme die Frage an sie hin: »Es ist doch, seitdem Sie nach Berlin gekommen sind, alles Mögliche passiert, Frau Doktor. Hm?«

Susanne fand das sehr unverschämt. Das klang ja geradeso, als ob sie bereits geschieden wäre. Ehe man von »passieren« redete, mußte sie wenigstens noch dieses Abenteuer hinter sich haben. Sie zahlte die schlechte Behandlung allen miteinander heim und erwiderte dem Polizeirat kühn und gerade heraus: »Ich kam als Kunststudierende nach Berlin und sah bisher kein bißchen Kunst. Alles was der Taifun hervorbringt, – sieht man das auch irgendwo anders ausgestellt?«

Ossi erhob sich stolz und entgegnete mit der Frage: »Sehen Sie die berühmten Werke eines Leonardo oder van Dyk irgendwo anders als in ganz bestimmten Museen?«

»Ich sehe sie tausendmal, in Reproduktionen.«

Ossi hatte daraufhin nur ein mitleidiges Verziehen der Mundwinkel, bis er zu antworten geruhte: »Das ist eben der Unterschied: kleine Kunstwerke werden nachgeahmt, große nicht.«

Susanne wurde blaß vor Empörung. Man wagte, diese ruhmbedeckten Werke alter Meister kleine Kunstwerke zu nennen, William und Müller aber unvergleichbare Meister. »Ich sehne mich wahrhaftig nach einer Veränderung«, rief sie, »aus dieser Sackgasse muß ich heraus.«

Hermione stand auf. Wie ihre stolze Gestalt in rauschender altrömischer Toga durch den Salon schritt, wie sie mit dem Brillantfinger die Zigarette aufgriff und durch das spitze Mäulchen den Rauch blies, das verwirrte Susanne. Und sie hätte am liebsten hinausgeweint.

Hermione sah sie an. Sie fühlte die Kraft ihrer Wirkung auf die eitle Belgierin. Susannes Augen standen weit auf wie die Fensterbogen eines gotischen Domes. Das eine zog sie an und das andere stieß sie ab. Warum war das Abstoßende und das Anziehende im Taifun so unzertrennbar vereinigt? Es erschien ihr das erstemal wie ein Fluch, daß Hermione und Ossi so fest verkittet waren. Am liebsten hätte sie dieses Empfinden kundgetan, aber wäre darauf nicht bloß ein helles Lachen der anderen erfolgt?!

Susanne lag die kommende Nacht allein, Kätzi im Arm. Der Doktor lief in seinem Zimmer die ganze Nacht auf und ab. Käterchen saß mit Schellenhauer traurig zusammen.

Susanne dachte darüber nach, ob die Vereinigung Hermiones und Ossis nicht bloß das Ergebnis irgendeiner Rachsucht war. Ossi war, hörte man, schon einmal verheiratet gewesen und von seiner Frau schnöde verlassen worden. Konnte Hermione, die schöne Frau, Ossi mit all seinem extremen Wollen nur deshalb durchsetzen, um jener Frau Anklagen gegen ihre Untreue zu erzeugen? Wie's nun sein mochte! Tatsache blieb, daß sich die beiden durch den Zweck verbunden fühlten. Aber welchem Zwecke diente ihre Verbindung mit dem Doktor? Daß sie sich gegenseitig beschimpften.

Käterchen mußte sich zwischen ihm und ihr teilen. Dieser Zustand war unerträglich. Nun hatte ihr der Doktor befohlen, am Montagmorgen um elf Uhr mit Kätzi am Landwehrkanal zu sein. Ja, konnte sie denn das, wenn ihr Susanne befahl, mit Kätzi um elf Uhr beim Tierarzt zu sein? Wem sollte sie gehorchen? Sie hatte es allmählich aufgegeben, bloß Susanne ihr Vertrauen zu schenken. Sie fühlte oft recht innerliche Neigung, dem Doktor recht zu geben.

Der Doktor fiel in der Frühe auf einem Sessel in tiefen Schlaf. Er hatte sich todmüde gelaufen und war entkräftet, weil er keine Nahrung mehr zu sich nahm. Ein Gang von zwölf Stunden durch das Zimmer war nicht weniger ermüdend als eine Fußwanderung von Berlin nach Magdeburg.

Als er erwachte, schauderte ihn durch alle Glieder. Er fror, obwohl die Zentralheizung bereits wieder die volle Wärme durch den Raum strahlte. Es gelüstete ihn zu essen. Aber er durfte das nicht, sonst lief er Gefahr, von seinem Vorsatz abzukommen. Er wollte zunächst einmal auf das Standesamt gehen und den Standesbeamten als den für seine Ehe verantwortlichen Menschen in Stücke schlagen. Von der Behandlung einer Ehescheidung durch das Gericht und den Rechtsanwalt Büffel wollte er nichts wissen. Das ging ihm zu langsam. Büffel hatte zwar schon die Vorarbeiten für diesen Prozeß seit langem getan, so daß er nur auf den Knopf zu drücken brauchte, um die Fontäne springen zu lassen. Aber das behagte dem Doktor nicht. Und in dem durch die Ermattung der Fußwanderung und vom nagenden Hunger völlig verschobenen Gehirne war kein Verständnis mehr für die rauhe Wirklichkeit. Der Doktor kam nicht davon weg, daß er sich an den Standesbeamten zu halten habe.

Um zehn Uhr kam er dahin.

Susanne ging hinter ihm her und beobachtete ihn bis zum Rathauseingang, dann ging sie zurück und sah von weitem Käterchen mit Kätzi.

Susanne war darüber gar nicht erstaunt. Als ihr aber klar wurde, daß der Tierarzt in einer ganz anderen Gegend wohnte, zog sie sich in eine Hausnische zurück, ließ Käterchen an sich vorbei, dann folgte sie auch ihr.

Was war das! Käterchen begab sich mit Kätzi ebenfalls aufs Rathaus. Susannes Herz pochte wild. Käterchen verriet sie mit Kätzi. Das war gewiß. Es war ihr, als habe jemand ihr ganzes Leben vernichtet. Wenn an Kätzi ein Verbrechen begangen wurde! Eine fürchterliche Ahnung stieg in ihr auf. Sie rannte ins Rathaus hinein.

Im Vorbeistürzen erkannte sie das Auto Ganswinds. Aha! Es hatte sich eine Verschwörung gegen sie zusammengeballt. Die Füße, die ihr zuerst wie Blei anhingen, so daß sie kaum vorwärts kommen konnte bei der gierigen Verfolgung Käterchens, wurden ihr plötzlich gelöst. Wenn alles gegen sie vorging, so war ihr leicht ums Herz. Auch Käterchens Verrat würgte sie hinab.

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