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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Im Taifun war Familienabend. Mit einer von Freude hochhüpfenden Musik, die Ganswind aus dem Stegreif komponierte, wurde das Wiedersehen gefeiert. Hermione sagte immer wieder: »Spiele!«Und dann spielte er, und sie tanzte wie Salome, nicht um ein blutendes Haupt, sondern um die Gemeinschaftlichkeit von Seele und Leib aller im Taifunhimmel eingegangenen Freunde.

Der Abend fand statt, bevor die Neuvermählten die nötige Zeit gefunden hatten, sich in ihrer neuen Wohnung umzusehen. Sie hatten nur hastig abgelegt, dann war Susanne gleich die Treppe hinuntergegangen, um mit einem Schwall von Worten die süßen Erlebnisse zu erzählen. Hermione kraulte an der kleinen Blutschmarre von Susannes Wange. Der Doktor lächelte verlegen. Daß er kein Landhaus geheiratet hatte, verschwiegen beide aber sorgfältig. Man ließ das Landhaus besser in der Phantasie der Freunde aufgerichtet und erzählte von seinem köstlichen Hausfrieden, man galt dadurch doch noch was. Susanne, so innig sie mit Hermione stand, sprach auch mit ihr nie von Tatsächlichem. Alle Konversation, die sie für den Taifun trieb, bewegte sich in Anknüpfungen an Stoffe der Phantasie. Ossi wußte das wohl, aber er ließ die Freundin, ohne es auch nur einmal zu rügen oder nur leise auszusprechen, gewähren, denn diese Lügenwahrheiten stimmten ausgezeichnet zu den Problemen des Futurismus und Dadaismus. Die Kunst brauchte keine Realitäten zu ihrer Existenz außer Farbenfabrikaten, welche in den großen chemischen Fabriken noch immer reichlich, ohne Kriegseinschränkung, hergestellt wurden.

Nur von einem sprach sie als einer Wirklichkeit, vom Bauern Rambiet, daß er Kätzi so ausgezeichnet besorgt habe. Dies aber flüsterte sie Hermione leise ins Ohr. Hermione lachte darüber und streifte mit ihren schillernden blauen Nordlichtern den Doktor, dem es einen Stich gab. Es gab also noch ein Geheimnis zwischen ihm und seiner Gattin. Er kriegte schlaffe Bäckchen und bemühte sich, den gleichgültigen Knaben zu posieren.

In den wenigen Tagen mußte sich eine große Umwälzung im Taifun geboren haben, denn die Frau Polizeirat, die gute Clothilde, kam mit ganz freien Gebärden und wagsamerem Umsichblicken in den Salon, die Wiederkehr mitzufeiern. Sie sollte zur Schauspielerin umgeformt werden! Deshalb war auch die Träne auf die letzte Ansichtskarte geheuchelt worden, weil der Doktor brennend nötig da sein mußte, um die Ausbildung der Eleven und Elevinnen in die Hand zu nehmen.

Das waren die ersten Anfänge der Taifunbühne, die ins Leben wachsen sollte, als krönendes Ende oder als endliches Ziel. Die Taifunbühne sollte endlich den inneren Menschen auf die Bühne bringen. Dazu waren bereits Dramaturgen und Dichter scharenweise geködert worden. Dies stützte gewaltig, denn wo es sich um neue Bühnen handelt, da stürzen die Menschen mit Geist und Geld scharenweise daher. So kalkulierte Ganswind sehr richtig. Ob es nun davon kam, daß die große Menschheit eigentlich in der gesellschaftlichen Geltung nach Emanzipation strebte, oder daß sich die huldigenden Kreise den Anschein geben konnten, als lebten sie nicht nach Konvention, das blieb im Effekt gleichgültig. Ganz klar war, daß deswegen von vornherein derjenige von der Bühne auszuschließen war, der sie allein innerlich verkörperte, denn das Bühnenspiel war nur möglich, wenn sich die unfähigen Kräfte balgten um Direktion und Publikum, mit Einschluß der Dichter.

Der Doktor reichte der Frau Rat erstaunt die Hand. Mußte er sie auf diese Weise an sich fesseln, die Schülerin an den Lehrer?! Mit leichthin ausliefernder Gebärde zu den Anwesenden folgte der Polizeirat seiner Frau. Das mitfühlende Auge des anwesenden Taifundichters Olsamen verstand wohl die künftige Naive oder tragische Iphigenie, aber zur Besinnung über sich selbst war weder Entschluß noch Wille vorhanden. Ein Hauptprogrammpunkt des Taifun war die gänzliche Traumhaftigkeit jeder menschlichen Handlung.

Der Konflikt mit den Gesetzen wurde verhütet, indem man die Gemeinschaft der Heiligen ständig prüfte. Das geschah so leicht: Ganswind durfte einem Mitglied nur im Vorbeigehen auf die Zehen treten. Wie es »Au« schrie, daraus zog Hermione die Weissagungen und Schlüsse. Olsamen war ein gefährlicher Mensch, er hatte Erfolg in allen Lagern. Weil man ihn vom Taifun nicht mehr abschütteln konnte, ohne sich selbst den Garaus zu machen, darum riß man ihn durch die Verkündigung seiner Überherrschaft über alle Lebendigen und Schaffenden mit einem geschwinden Propagandastoß in den höchsten Taifunhimmel, wo er im Zenith als Polarstern festgenagelt wurde. Das bedeutete eine Stillegung ohne Schädigung seines Ruhmes. Natürlich der Lebensgenuß, auf den Olsamen spekuliert hatte, blieb ihm dadurch auf alle Ewigkeit versagt.

Die Empfangsgesellschaft des Ehepaares bildeten acht Menschen, denn Olsamen hatte noch eine Frau, und der Hauswirt büffelte als ein Hauptstück heute herum, denn er hatte die Zukunft des Doktors finanziert, wie er auch die ganze Wohnung mit Teppichen hatte belegen lassen. Verschwenderischer als er konnte man nicht sein; für die Taifunisten schwärmte er mit Herz und Nieren, wobei er ganz unabsichtlich verdiente.

Der Doktor befand sich in einer glanzvollen Stimmung. Sein erstrebtes Lebensziel hielt er für erreicht: sorgenfreie Existenz, Ruhm und unumstößliches Glück. Der höchste Himmelspunkt, der Knopf der Achse, wie sollte man an ihm auch rütteln können! Wenn es jetzt wieder zum Sturz kam, so fiel das ganze Weltall mit ihm ein.

Seine Äuglein schimmerten selig durch den Kneifer.

Susanne dagegen wurde, je tiefer es in die Nacht hineinging, immer ernster. Es bildeten sich Runzeln auf ihrem Gesicht, als ob die Rosenschminke wie geschmolzenes Wachs von ihren Wangen tropfte.

Ihre Sorgen teilte eine Treppe höher Käterchen. Sie war während der Abwesenheit der Herrschaften in die tollste Verzweiflung geraten, sie hatte kaum gewußt, wie sie die Peinigungen ihres Geschlechts die paar Wochen ertragen sollte. Sich zu beruhigen, hatte sie die ausgesuchtesten Experimente gefunden. Schellenhauer hatte ihr dazu noch lockende Geschenke mit Holzschnitzereien gemacht. Und dieser faunhafte Kommis hatte nie genug, seinen eigenen Nerv zu kitzeln. In der Afrikaausstellung hatte er seine Phantasie an den mit Messern gespickten Holzgöttern in diesen Tagen zu der Erkenntnis geläutert, daß die Empfindungsgabe nur durch Eindringen in den menschlichen Tierzustand zu stacheln war. Er hatte Käterchen zu einem demoralisierten Wrack geschliffen. Und nun stand sie in der Erwartung Susannes allein. Auf dem Bette der Herrin schlief Kätzi.

Und sie, Käterchen, sollte die Aufgabe übernehmen, dem Hausherrn endlich die blaue Katze vorzustellen.

Bisher war sie vor dem Doktor verborgen worden. Aber die nun aufgehende Sonne der langen Ehe konnte natürlich keinen Schatten mehr auf dem Tierchen lassen, denn das Versteckspiel des Lieblings wäre für die Arrangeure zu ungemütlich gewesen.

Das waren Susannes Stirnrunzeln. Und dem lächelnden Doktor nahte vielleicht die große Katastrophe seines Lebens.

Während die »Ideale« des Taifuns ihrer höchsten Erfüllung zubrausten, mit dem Aufwand aller Blasekraft seiner Windventile, drohte dem Pol der Sturz durch ein – Katzenhaar.

Als Kind hatte Olsamen, der Dichter, oft geträumt von Riesenzahlen und Massen und einem plötzlichen Zusammenschrumpfen. Dieser Traumzustand hatte ihn allemal so in Schweiß getrieben, daß er nach Atem rang wie in einem Todeskampf. Dann schrie er jedesmal nach seiner Mutter, und während er erwachte, stand sie an seinem Bette, tröstete ihn und führte ihn in die Wirklichkeit zurück.

Diesem schrecklichen Traumzustand vergleichbar war das ganze Wesen des Taifun- nichts und doch alles.

Der Doktor hatte ehemals in Ibsens »Brand« Regie geführt. Sein Streben war gewesen, um das »alles oder nichts« dieses Dramas die Bühne zu bauen. Aber er war nie zu Heil damit gekommen. Er wußte, es war etwas falsch in diesen Worten. Nur ahnte er nicht was. Vielleicht brachte die nächste Sekunde die Klarheit. Das große Dichterwort Olsamens »alles und nichts« hörte er beim Empfangsabend zum erstenmal. Der Dichter las eine kurze Episode aus seiner Komödie, »Punkt« betitelt.

Die Gestaltung dieser neuesten dramatischen Erfindung sollte wahrscheinlich die Eröffnung der Taifunbühne werden. Es galt nicht Ibsen, sondern Olsamen. Wie wichtig war doch der Unterschied zwischen »und« und »oder«.

Die Welt und ihre ganze Wirklichkeit war nur einer gespannten Seifenblase vergleichbar, die in Ewigkeit nicht platzte, wohl aber durch einen kleinen Stich verletzt springen konnte, daß nichts übrigblieb, – höchstens Unorganisches.

Die sichtbare Welt war das Leben, welche der Geist in Spannung hielt. Der Geist hauchte darin wie der heiße Luftstrom des Seifenbläsers. Hörte der Hauch auf, so kam der zuckende Riß.

Ganswind und alle Anwesenden waren von dem Stoffe und seiner Behandlung ganz hingerissen. Olsamen war endlich der gesuchte größte Dichter der Welt, denn »er« hatte erkannt.

Der Doktor ahnte nicht, daß wirklich solch ein Nadelstich in die Seifenblase auch Tatsache werden konnte. Im allgemeinen blies Gott in die Seife; und weil sein Geist ewig war, so war keine Gefahr, daß der schöne Ball, in dem Zitronen glühten und Schornsteine rauchten, zersprang. Nun aber stellte doch für jedes Farbenfünkchen ein kleines Differential den Antrieb dar, diese Differentiale konnten eliminiert und tatsächlich innerhalb des Integrals zerstört werden.

Oh, dieses Weltweben war verschlungen eingerichtet, weil der blasende große Geist Gottes stark war und dick wie ein massierter elektrischer Starkstrom, dicker als die zusammengepackten Strahlen aller Weltsonnen. So rücksichtslos und unbekümmert wirkend, daß er selbst nicht wußte und fühlte, was in ihm vorging.

Olsamen wußte, es gab kein Sein, das durch klaren Verstand begründet war. Der Traum seiner Kindheit war ihm im reiferen Alter zum Bewußtsein geworden. War er nicht Gott selbst, infolge des Erkennens, so war er mindestens sein Verräter.

Solchem Menschen wäre es besser gewesen, er wäre nie geboren worden, denn die armseligen Menschenkreaturen, wenn die seine Weisheit hörten oder lasen, so schnappten sie über, entleibten sich entweder oder verfielen in Größenwahn.

Der Doktor stieg die Treppe an Susannes Arm hinauf und lallte »Olsamen, Taifunbühne, endlich, Genie, Erfüllung, Schluß, Leben nicht oder sondern und Tod.«

Käterchen hatte alle Lampen auf dumpfes Licht gesetzt. Bei dunklem Licht sollte der Hausstand des Ehepaares beginnen, damit der Doktor wenigstens die Katze nicht gar so klar sah wie eine königliche Porzellanmanufaktur, sondern dämmernd wie ein geisterhaftes Weltwesen.

Der nüchternste und selbstsüchtigste Punkt des menschlichen Seins, das Bett, war erreicht.

Im Bett wird am energischsten geliebt und gehaßt. Käterchen stand hinter den beiden liebeszitternden Gestalten, bereit, die Betten aufzuschlagen.

Die Sache wäre unter Umständen sehr rasch vonstatten gegangen, denn die Eröffnungsfeier des ehelichen Liebesladens lag schon geraume Zeit zurück, in der Ruine im Aisnetale, wo bereits das von den Eseln abgeknabberte Gras wieder zu wachsen begann. Doch leider besaß der Doktor einen sehr subtilen Geruchssinn. Er schnobberte in alle Zimmerecken. »Nach was riecht es denn da?«

»Riechen? – – nach den Blumen des Polizeirats vielleicht, oder nach den blauen Pflaumen der Polizeirätin.«

»Nein, das ist etwas anderes. Hier riecht es nach einem ganz eigenartigen Tee, wie aus dem chinesischen Distrikt Schantung.« Der Doktor wurde sehr beunruhigt. Sollte er etwa in solchem Geruch dauernd die Ehepflichten erfüllen?! Da mußte mindestens ein Räucherkerzchen gegenarbeiten oder der feine züngelnde Qualm seiner türkischen Zigaretten.

»Du willst doch nicht etwa im Schlafzimmer rauchen?!«

»Ja, aber es darf doch im Schlafzimmer überhaupt kein Geruch herrschen.«

Susanne war fast beleidigt. War sie etwa verdammt, alle Monate etwa drei Tage lang in einem Extrazimmer zu liegen? Sie hatte es aber bisher an Alfred noch gar nicht entdecken können, daß er so feinfühligen Geruchssinn hatte. Er hatte ja nicht einmal die große Papierfabrik in Lüttich gerochen, auch nicht die Lichter- und Seifenfabrik in Hannover, oder gar die Roßgerberei in Bocksdorf. Selbst gegen die Abdeckerei und Leimhütte in Sobanz hatte er sich völlig stumpf gezeigt, wo sie selbst beinahe in Ohnmacht fiel. Wie kam es, daß er sich über das Gerüchlein Tee so erregte.

Der Doktor wurde in der Tat von einer sich steigernden Unruhe erfaßt. Er sagte endlich: »Hier riecht es ja nicht wie Tee, sondern wie Katzen – Katzen – Katzendreck.«

Susanne krallte an Käterchens Hüften nach Halt. Nun kam wahrscheinlich die längst vorhergesehene Katastrophe. Die ganze bisher aufgewendete Kunst, den Mann zu fangen, zerstob wie Dunst und Rauch. Käterchen stellte sich noch so, daß der Doktor die Katze nicht sehen konnte. Sie stand vom Herrn in drei Schritte Abstand.

Mit einem arroganten Beben der Nasenflügel fuhr er sie jetzt an: »Stinken Sie so greulich?«

»Nein, ich bin es nicht«, antwortete Käterchen errötend.

Trotzdem wurde sie hinausgewiesen. Aber Susanne wagte nicht, allein mit ihm zu sein, und verlangte, daß Käterchen im Zimmer blieb. Das gab nun den Anlaß zu einem schweren Konflikt. Der Doktor glaubte den Mann und Haushaltungsvorstand behaupten zu müssen und duldete ein für allemal keinen Widerspruch. Käterchen drohte er schließlich, wenn sie nicht sofort ging, mit Hinauswerfen. Und Käterchen, die bis jetzt nur das Regiment Susannes über sich gefühlt hatte, das bis zum Zähnebluten streng und unerbittlich war, widersetzte sich mit Hohn und Spott, weil ja Susanne selbst keinen Wert auf ihren Abgang aus dem Zimmer legte.

Der Doktor geriet in Wut und erhob die Faust gegen Susanne, während er mit der einen Hand an seinen Kehlkopf griff, um vor dem verhaßten Geruche nicht zu ersticken.

Susanne kniete vor ihm, sah ihn mit großen, furchtsamen, flehenden Augen an und sprach leise: »Schlage mich.«

Er setzte nur seine Faust sachte auf ihren Scheitel.

Käterchen befiel eine große Angst und Furcht vor dem Herrn; sie rannte zum Schlafzimmer hinaus auf die Treppe und schrie um Hilfe.

Damit war der Gipfel des Auftritts erreicht.

Der Doktor frug Susanne: »Was nun?«

Susanne antwortete: »Alfred, wir wollen zu Bett gehen.«

»Niemals geh ich in diesem Gestankzimmer in ein Bett.«

Susanne rang sich an ihm empor und küßte ihn. Da war's ihm, als müßte er vollends ersticken. Sie hatte ihn auf den Schaukelstuhl niedergedrückt und kniete sich über seinen Schoß. Der Doktor war überwältigt und fiel in Mattigkeit zusammen. Susanne holte ein Taschentuch hervor, band es ihm über die Augen, zog ihn vom Stuhle empor und führte ihn mit geschlossenen Augen an ihr Bett. Er sollte sich alles gefallen lassen. Der Doktor gehorchte ihr wie ein schwach gewordenes Kind. Als er aber das Knie beugte, um in das Bett hineinzusteigen, stieg ihm der chinesische Geruch tief in die Nasenlöcher.

Er fühlte, hier mußte die Geruchsquelle sein, und riß die Binde von den Augen. Da stand Kätzi mit hochgezogenem Buckel und steifem Schwanz auf der seidenen Bettdecke des anderen Bettes und fauchte ihn an.

Also doch! Eine Katze war da. Er hatte sich nicht getäuscht. Er taumelte an den Wandschrank und krallte sich krampfhaft an der glatten Wand fest in Todesangst vor dem Schreckgespenst.

Susanne warf einen höhnenden Mund nach ihm hin: »Ich bitte dich, Alfred, dein Betragen ist geradezu kindisch. Es ist mein kleines zahmes Schoßkätzchen.«

»Es ist ein Drache!« brüllte er dagegen. »Beseitige sie, oder ich werde wahnsinnig.«

Susanne nahm Kätzi liebkosend und ließ sie in das Nebenzimmer hinausspringen. Dann begab sie sich zum Gemahle und wischte ihm den Schweiß von der Stirne.

Er hauchte: »Ist sie draußen?« Dann sank er zusammen. –

Susanne stand lange ratlos neben ihm. Das war also die Ehe. Sie konnte nur eins von beiden haben, entweder eine Katze oder einen Mann.

Daß sie ihn mit dem Landhause betrogen hatte, war ihr sehr schnell verziehen worden. Aber ihr Katzenbetrug kostete vielleicht die Scheidung.

Und nun kam Ganswind samt Olsamen und Polizeirats. Sie waren Zeugen des tragischen Vorgangs. Der Doktor lag da wie ein leerer Frack. Und Susanne blickte steif vor sich hin.

Sollte noch vor dem Ehebett der Kampf um die Zentralgewalt beginnen?

Der Polizeirat kannte Susanne zu gut, und er erinnerte sich ihrer besonderen Affekte im Hotel Olymp. Er lächelte wie ein spanischer Reiter und gönnte dem Doktor die bevorstehende Politur. Susannes hoher Haarschnörkel stand spitz gegen den tausendfarbigen Plafond, ihr Auge grollte, und ihr Mund retterte wie der eines Zeugfeldwebels.

Ossi und Hermione sahen sich an.

Hermione sprach zuerst, indem sie Alfreds Frack aufhob, wodurch er mit hochgezogen wurde: »Kinder, was habt ihr schon wieder?«

»Schon wieder? schon wieder?« Wie kam Hermione auf »wieder«. Von der Prügelei in der Aisneruine hatte doch kein Mensch bisher etwas gestanden. Sie waren den Taifunfreunden doch nur als schmetternder Star und girrendes Täubchen bekannt.

Alfred fand die Antwort; aber diese löste Susannes Wut völlig aus. Er sprach: »Stets ist es sie.«

Die Folge dieser Antwort war, daß sich alle mit dem Ellbogen anstießen. Hermione lachte, so sehr, daß sie ein gelindes Kitzeln in den Hüften verspürte. Man konnte sich nun allerhand vorstellen, wie dieses Paar bereits in Gockelkämpfen bewandert sein mußte.

Susannes Empörung erstreckte sich bis in die Anfänge ihrer Kindheit. Sie verbat es sich, daß irgend jemand gegen ihre Katze Partei nahm. Sie war das reine belgische Opfer aus lauter Gutmütigkeit, aus lauter Mitgefühl mit dem verdatterten Junggesellen. Es fiel ihr nicht ein, die Katze wegzugeben. Als Ossi mit diesem Vorschlag herausrückte, wäre er beinahe mit dem Brieföffner erdolcht worden.

Natürlich durfte man sich nicht denken, daß der verlotterte Frack so faltig blieb, er begann mit der Zeit zu fuchteln, und in den Hosenbeinen und Ärmeln zeigten sich beinerne Gliedmaßen. Der Doktor hieb aus, setzte die Faust in wütender Sachtheit auf Susannes Kopf, daß sie mit einer erheuchelten Ohnmacht zusammenbrach. Damit war natürlich das Recht dem Doktor entwunden. Olsamen nahm tragische Stellung gegen das Züchtigungsrecht des Gatten. Wenn heutigentags ein Eheteil zur Prügelei berechtigt war, so war es die Frau, denn allein ihre Seele stand im Kontakt mit dem Weltall.

Clothilde, die mäßige, schweigsam überlegende, wußte allein eine Besänftigung herbeizuführen. Vor allen Dingen lüftete sie das Zimmer, öffnete die Fenster, damit der Fliederduft von dem zwei Kilometer entfernten Tiergarten hereinströmte. Dafür glitt des Doktors Blick liebend an ihr hinab. Dann ging sie hinaus und ließ von Käterchen Likör bringen.

Als die Sauferei im Gange war, klingelte es stürmisch im Flur. Es waren Büffels. Sie waren sehr schnell innen. Büffel stieß geradewegs zu. »Das durfte nicht sein, nein, wenn Doktors so begannen, was sollte das für ein Ende nehmen! Da passierte ja noch ein Gattenmord in seinem Hause.«

Die Hauswirtin stand mit Lorgnon und ließ sich über die Vorgänge, die von Ossi als Lappalie hingestellt wurden, nicht täuschen.

»Dieser Likör«, sprach sie, »ist die Beschwichtigung des Satans.«

Wer sollte der Satan sein?!

Ossi war in der größten Verlegenheit. Ihn traf die Verantwortung. Er hatte diese Leute ins Haus empfohlen. Die Hauswirtin war sehr unnachgiebig und zäh. »Das Mädchen hat uns alles wahrheitsgetreu berichtet«, sprach sie.

Käterchen lief heulend hinaus. Der Frau Büffel erzählte sie nichts mehr. Susanne rannte ihr hinterher und warf ihr das Likörglas an den Kopf. Es war ein harter runder Glaskopf. Zerbrechen konnte er nicht, aber Käterchen hatte die Beule am Kopf.

Erst nach dieser Szene gab die Hauswirtin mit vergnügter Befriedigung nach. Es war nach ihrer Meinung der Keil zwischen Dame und Mädchen getrieben. Sie hatte ja keine Ahnung, daß Käterchen ganz andere Martern gewohnt war.

Nachdem das Büffelehepaar beruhigt war, trank es mit, und als noch früh um vier der Doktor des furchtbare Gedicht von der »Menschheit« vortrug, mit Dämonengebrüll und vulkanischem Zittern aller seiner Knochen, dachten Büffels entfernt nicht mehr an die übrigen Mieter, welche in ihrem Schlafe gestört würden.

Die Eröffnung der Ehe und des Haushalts in dieser Weise war sehr wichtig, denn es konnte nicht zeitig genug festgestellt werden, wie der Hase lief, ob genau ebenso oder anders. Ebenso wie im Ganswindschen Revier oder anders, wie bei ungemütlichen Leuten.

Außer der Katze war Susanne nun doch gewiß sehr gemütlich. Auch im Bäumlerischen Haushalt wurde schrankenlose Teilnahme an allen Leiden und Freuden zugesichert. Es schien eigentlich noch hübscher als unten, denn Hermione verstand es, jede Disharmonie mit Ossi zu verstecken. Bei Bäumlers war aber gerade das Nette, daß sie sich vor den Leuten hackten.

Ossi und Hermione bedauerten wohl, daß Susanne mit der Katze sich so wenig als Expressionist gab. Viel schöner wäre es von ihr gewesen, nur innerlich Katze zu sein, und sie äußerlich, also die Naturkatze, zu vertilgen. Ossi und Hermione hatten überhaupt nie Zank, weil sie reinen Expressionismus betrieben. Alle ihre Taten und Worte waren der Kunst unterwürfig. Bäumlers wollten aber mehr von der Materie wissen und fuhren mit der Kunst nur Schlitten, wenigstens Susanne.

Vielleicht war es doch nicht so ganz die richtige Partie, welche der Doktor gemacht hatte. Susanne, nachdem sie die markerschütternden Zuckungen des dichtungserzeugenden Organs Alfreds fünfmal gehört hatte, verbot ihm die Übungen in der Wohnung, sie habe Nerven.

Alfred war ganz zerbrochen. Nachts lag Kätzi in der Mulde zwischen den Betten, kroch sogar dann und wann mitten in heiligen Aktionen an seine Beine, daß er zusammenzuckte wie Eis bei Tauwetter. Das versuchte er zu ertragen. Und sie ließ ihm dafür nicht einmal die unumschränkte Freiheit in der Gymnastik des Berufs.

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