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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Als sie endlich wiederkam, war der Platz neben ihm von einem Feldgrauen besetzt, der auf Susanne lossteuerte, vergnügt wie ein Bär. Es war der Herr vom Polizeibureau. Susanne rümpfte die Nase, machte ein starres Gesicht und kannte niemand, so daß der Soldat sich besann, ob er sich etwa getäuscht hätte. Da sah er, wie sie mit seinem Nebensitzer in Umarmung geriet. Von der hatte er also nichts mehr. – Aber es schien doch ihm zu gelten, daß die Dame durch alle möglichen Gespräche ihren bisherigen Lebensgang so laut enthüllte, daß er es hören konnte. Er vernahm vom Taifun und erfuhr, das sie sich auf der Hochzeitsreise befand mit dem berühmtesten aller Berliner Künstler. Dabei rollten verschiedene schöne Augen zu ihm herüber, so daß er sich in die Polster seines Sofas zurückbog und wartete, bis die Fernliebe ihre Macht an ihm geäußert hatte. Er zuckte in einer einzigen Bewegung, Susanne lächelte kurz und verlor ihn gänzlich gleichgültig aus dem Gedächtnis.

Ach, wie schön war das! Wem gehört nicht ein Weib?! Wenn es nur die Augen ergreifen. Dem Doktor fiel der Feldgraue erst auf, als es zu spät war. Es war gerade, als wenn die Verbindung mit dem Geliebten durch ihr Vergessenwollen auf ihn hinübergelegt worden wäre. Aber mit aller Aufmerksamkeit, die er nun dem Vorgang schenkte, war an Susanne nicht das geringste Verdächtige zu entdecken. Der Doktor konnte es nicht mehr aushalten. Brüssel war wie ein Kaktusfeld, in das sie ihn gesetzt hatte. Und nun kam noch das Unbegreiflichste. Susanne ließ sich vom Schließer die seit ihrem Abzug leerstehende Wohnung aufschließen, und der Doktor mußte hineinschauen. Dem Doktor lief ein kalter Schauer über den Rücken, als berührten ihn Katzenhaare. Entweder hatte er sich in Susanne gänzlich getäuscht, oder er war zu phantasielos. Er kriegte mehr oder weniger lauter Spelunken zu sehen, mit einbegriffen Susannes ehemalige Wohnküche. Eine reiche Brüsseler Mademoiselle hatte er sich, mit lauter Orchideenzwiebeln umgeben, gedacht. Susanne mußte geradezu ein verkümmertes Dasein gehabt haben, von dem sie ganz unbegreiflicherweise mit solcher Begeisterung erzählte.

Der Fußboden hatte große kalte Steinplatten. Freilich, es hatten einmal Teppiche darauf gelegen. Der Doktor konnte nicht unterlassen, Susanne zu fragen, ob sie sich dagegen in Berlin nicht wie im Himmel fühlte. Na, da heulte sie ein paar große Tränen.

Nach diesen nüchternen Räumen hatte sie auch noch Heimweh! Da mußte er ihr doch einmal seine Stammburg zeigen. Möglicherweise hätte dann sie ihn bedauert. Wie stand es also um das gegenseitige Verstehen? Das war reine Einbildung. Es ging etwa wie bei der Gestaltung eines Schaustücks, das sein Autor auf der Bühne nicht erkannte, – nur in umgekehrter Richtung. Sie spielten miteinander und verstanden ihren beiderseitigen Ursprung nicht. Alles, was der Schöpfer bis zu ihrem Zusammenspiel mit ihnen angestellt hatte, blieb und war ihnen gegenseitig verborgen trotz sehender Augen.

Und womöglich erinnerte sie sich mit Wollust beim Beschauen der alten verlassenen Räume aller hier durchlebten Abenteuer, denen ihr Lächeln galt, wenn sie auf den Herd blickte oder in die Ecken sah. Vor ihr spielten sich die Bilder der Vergangenheit stumm wie in einem geisterhaften Kino ab, sie sah sie alle, und sie machten ihr Herz von Leidenschaft zucken, während er stumpf und kalt danebenstehen mußte.

Er lief mit ihr durch die alte Wohnküche; es war ihm, als strauchelten seine Füße bei jedem Schritt über schlecht gelegte Teppiche. Oder waren es Fäuste von unsichtbaren Geistern, die auf dem Boden lagen und an seine Fußknöchel griffen? Er stalpte unwirsch gegen den Kochherd. »Willst du ihn denn umwerfen?« frug sie ihn. Da sah sie zugleich seine trostlose Miene. »Was ärgert dich?« frug sie weiter.

»Nichts«, war seine rauhe, barsche Antwort. Susanne griff nach seinen Händen, strich über seine Stirne, küßte ihn und sagte: »Du Dummer.« Sie warf noch einmal einen letzten Blick nach der Wohnung und sprang eilig voraus die Treppen hinab. Der Doktor folgte langsam und schwerfällig. Susanne war es schwer ums Herz, sie blieb ihm beim Gang durch die Straßen immer um einen Schritt voraus.

Leere Wohnungen waren etwas Unheimliches, sowohl im Blick auf ihre Vergangenheit als auch ihre Zukunft.

»In dem Landhaus wird es besser werden. Dort steht doch hoffentlich ein Bett, denn das ist das Notwendigste für uns, wenn wir uns verstehen wollen«, sprach der Doktor. Der Zug trug sie weiter nach Westen. Sie waren fast die einzigen Zivilisten. In Clairemont hieß sie ihn aussteigen; von da aus machten sie einen eineinhalbstündigen Fußmarsch. Seit drei Tagen schossen keine Kanonen mehr. In einem kleinen Gehöft aßen sie geräucherten Speck und Eierkuchen bei einem vergnügten Bauern. Seine Einquartierung war abgezogen, und er hatte seine jahrelang vergrabene Schinkenkammer geöffnet. Susanne sprach verwundert von der großen Veränderung der ganzen Gegend. Und der Bauer erzählte in einem stundenlangen Fluß von allen Begebenheiten und der Zerstörung. Susanne machte sich damit eine ganze Geographie in ihrem Kopfe zurecht. Als sie endlich von einem Jagdschlößchen hörte, nahm sie es schnell in Besitz. Dessen Geschichte hörte sie mit sinnenden Augen an. Plötzlich entglitt ihr Messer und Gabel, sie starrte vor sich hin. Der Bauer wollte nicht aufhören mit Beschreiben, er sprach in einem leidenschaftlichen Französisch. Endlich rief Susanne: »Oh, oh, mon cher bonbon!« Sie hing und preßte sich an Alfreds Hals, schluchzte und jammerte.

»Was hast du denn?« Der Doktor empfand mit tiefem Mitleid, daß ihr ein großes Weh widerfahren sein mußte.

Susanne war durch kein Zureden zu trösten. Auf alle seine Fragen schüttelte sie den Kopf, während der Bauer mit fast absichtlicher Übertreibung weiter schilderte. Der Doktor bedeutete ihm endlich, zu schweigen.

Als er draußen war, umklammerte Susanne den Doktor mit einem leidenschaftlichen Kusse und sagte: »Wir müssen fort von hier.«

»Und dein Landhaus?«

Susanne wühlte sich im Haar. Sie verließ die Stube und kam lange nicht wieder zurück. Bald hörte aber der Doktor draußen das Stampfen von Tieren. Pferde schienen es nicht zu sein. Aha, nun kam es vor sein Fenster. Der Bauer schirrte ein Pärchen Esel vor einen kleinen Kutschwagen. Susanne kam mit gerötetem, aber erhelltem Gesichte zurück: »Wir fahren mit den Eseln.«

Der Doktor grinste. Das war ihm seiner Lebtag noch nicht passiert. Auch Susanne schien sich wie auf eine lustige Fahrt zu freuen. Sie schwang sich auf den Bock, ergriff die Peitsche, und der Doktor mußte hinter ihr Platz nehmen.

Es fiel ihm zwar das Herz beinahe in die Hosen, denn er fürchtete, Susanne würde die Karre umschmeißen. »Hast du Angst?« frug Susanne, als sie sein verzweifeltes Gesicht sah.

»Ach wo. Wenn du nur wieder vergnügt bist«, erwiderte er und setzte sich mit gottergebenem Gesicht in das Hinterteil der Kutsche.

Der Bauer schwang seine Zipfelmütze. Susanne machte »pf pf« und alsdann trabte das Eselgespann lustig los. Und nun ging es hinab in das Tal eines seltsamen Flusses. Nirgends an seinen Ufern stand ein Baum, noch ein Haus, und doch mußte es ein schön bewaldetes Idyll gewesen sein, denn man sah: kahl waren die Höhen und Ufer nicht, auch ragten hie und da Ruinen aus gelber Erde.

Susannes Esel rannten in gestrecktem Galopp. Der Doktor hielt sich an beiden Seiten fest, an dieser Stelle fiel der Hang jäh zum Strome hinab. Susanne glich ihm einer bösen Hexe, und doch wagte er kein Lebenszeichen.

Mit Gott, wo es nun eben hinging.

Plötzlich zog Susanne die Zügel straff an, die Esel hielten still. Zur linken war ein verfallenes Gebäu.

Susanne sprang herab, behielt die Peitsche aber in der Hand.

»Steige aus!« sagte sie barsch.

Der Doktor sah sie mißtrauisch und erstaunt an. Wirklich, man konnte sich in diesem Augenblick vor ihr fürchten. Die Esel band sie an den Stumpf eines Baumes fest, den der Blitz gespalten zu haben schien.

Und nun hing sie bei ihrem Manne ein, in der anderen Hand noch die Peitsche haltend. Mit gelassenen Schritten ging sie mit ihm in die Ruine hinein.

Der Doktor schämte sich zu zögern.

Im Mittelhofe angelangt, machte Susanne halt. Sie sah ihren Mann forschend an und frug ihn: »Wo glaubst du, daß wir sind?«

»Anscheinend in einem zerstörten Schlosse.«

Susanne zuckte mit den Schultern und trat einige Schritte von ihm zurück, damit sie, falls es unliebsam ausging, mit der Peitsche auf ihn einhauen konnte. Dann erwiderte sie. »Eh bien, das ist mein Landhaus.«

Wie der Doktor seine Frau so vor sich stehen sah, war's ihm, als wenn selbst die Ruine in den Boden versänke. Sie glich einem kleinen rauhborstigen Teufel, der sich mit rosa Wangen geschminkt und in einen Weiberrock verkleidet hatte. Die Peitsche hielt sie zu Boden gesenkt wie ein Zirkusdirektor. Ihre Augen starrten weit aufgerissen nach ihm.

Einen Augenblick schien es, als müßten sie beide hier zu Stein werden, während sich die zwei Esel draußen an den Köpfen rieben, – denn wer sollte sich nach solcher Offenbarung zuerst rühren?

Der Doktor sah ein, daß er ein bettelarmes Weibswesen geheiratet hatte, das höchstens den Reichtum besaß, ihn bis aufs Blut zu ärgern. Ihr Gesicht war so frech und herausfordernd. Am liebsten hätte er sie windelweich gehauen, daß sie hier am Orte liegenblieb. Dann wäre er allein nach Berlin zurückgefahren. Aber wenn er sich rührte, so konnte er möglicherweise durch ihre Peitsche zu Sprüngen gebracht werden, die ihn wirklich einem Dressurhengst ähnlich machten. Was also?!

Susanne brach in ein frenetisches Gelächter aus, warf sich hin und her, wälzte sich am Boden und schrie: »Mein Bauch, mein Bauch; haltet mein Lachen auf!«

Da geriet der Doktor in rasende Wut, riß die Peitsche an sich und schlug mit ihr auf Susanne los, daß die Hiebe um den Rockhaufen knallten, als wäre sie ein Kreisel, den er antreiben wollte.

Susanne kam nicht auf die Beine und schrie. »Meine Esel, kommt mir zu Hilfe! Hilfe, mes ânes, mes ânes! Fredi, töte mich nicht. Töte mich nicht! Es ist mein Landhaus. Es ist von den Artillerieen zerstört worden! Glaube mir, Fredi! Fredi!«

Der Doktor hörte sie brüllen, und sein Herz zuckte wie das eines reißenden Tieres. Er schleuderte die Peitsche weit von sich und warf sich über sie. Blut von ihr lief über seine Hände, er schlug ihr den Rock übers Gesicht und biß mit seinen Zähnen in das süße Haarfleisch ihres Lügenhügels, dann schoß er mit seinem Körper über sie hin, stark wie ein hörniger Büffel. Er deckte das zugeworfene Gesicht wieder auf, saugte mit seiner Zunge ihre blutigen Striemen. Susanne ächzte und starrte mit glasigen Augen durch die dachlose Ruine in den blauen französischen Himmel, stammelte: »So schön, so schön, Fredi, ich liebe dich, du kannst mich ruhig töten.«

»Ich töte dich nicht. – Es ist himmelsüß in deinem Hause.«

»In welchem?«

»In deinem, in dem ich drin bin.«

»Warum schlugst du mich?!«

»Ich mußte mich befreien.«

»Aber ich blute.«

»Und ich sterbe vor Wonne. Bist du denn der Himmel?«

»Nicht bloß an der Wange.«

»Wo noch?«

»In meinem Hause.«

»Seit wann?«

»Schon eh du mich hineingebissen hast.« –

»Das kümmert mich nicht.« Seine Zunge hing schlaff aus seinem Maule, dann verdrehte er die Augen, begegnete ihrem glückstrahlenden Auge, das ihm tief schien wie der unendliche Himmel. Er ließ seinen Körper müde sinken, sinken, bis er am Ende der Tiefe angekommen war. So blieb er auf ihr liegen, regungslos, nur mit einer in den Atemschwellungen ihres Rhythmus zuckenden Schrumpfung, die wohltat, bis ihre Berührung ihn verließ.

Die Esel wieherten, da erhoben sich beide und lachten sich an wie zwei Kinder.

Susanne frug noch einmal: »Wo ist mein Haus?«

»Da, wo ich bei dir bin«, war seine Antwort.

Ganz unerwartet erschienen die Esel mit der Kutsche. Susanne erhob sich zuerst, dann machte sie ihn zurecht, küßte ihn: »Geh in dein Häuslein.« Der Doktor kroch schwerfällig empor, reckte sich und fühlte ein leichtes Frieren wie Gänsehaut über den Körper ziehen. Dann gähnte er und ließ sich willenlos von den Eseln zu dem Bauernhof zurückbringen.

Unterdessen hatte der Bauer Kätzi einen guten Tag gemacht, hatte ihren Kofferkäfig gereinigt und sie ins Heu gebettet. Als seine Gäste zurückkamen, zeigte er kindliches Bedauern, da Susanne so zerschlagen aussah. Er puffte seine Esel, weil sie so dumm gewesen wären, die Kutsche umzuwerfen. Dem Doktor war es leid, daß Susanne um seinetwillen die Wahrheit, die Schrammen seien Peitschenhiebe, verschwieg.

Susanne sah in den Spiegel: »Ich sehe ja recht nett aus«, meinte sie, »aber es war die schönste Stunde meines Lebens.«

Der Doktor streichelte sie sanft. Von dem Zimmer aus, das ihnen der Bauer eingeräumt hatte, sahen sie in das Tal der Aisne, die ihre blutigen Kriegsbeulen ebenso vergaß. Die Bäuerin war von einer Fliegerbombe zu Tod gekommen. Kinder hatte er auch keine mehr. Alles war bei ihm im Himmel. Der Bauer diente dem verliebten Paare geradeso, als wenn er sich selbst Hochzeit machte. Er bat den Doktor und Susanne, doch bei ihm auf lange zu bleiben, und das Jagdschlößchen müßten sie bald wieder aufbauen.

Susanne tat es leid, daß der eifrige Mann an ihre Lüge glaubte. Sie schämte sich um so mehr, weil sie sich die Blöße gegeben hatte, als Baronesse erscheinen zu wollen. Es war wirklich nicht nötig, um glücklich zu sein, dem Dünkel Götzenopfer darzubringen.

Sie verlebte reine Tage reiner Liebe mit ihrem Manne. Es herrschte wirklich Frieden. Nach der Ruine gingen sie täglich, sie freuten sich beide des Wahns, es wäre ihr umstrittener Besitz. Wie schön war das Mauergeviert, welches kein Dach stützte als den hohen Himmel!

Und wenn der Doktor sprach: »Susanne, zeige mir dein Haus«, oder: »Führe mich in dein Haus«, so errötete sie, schloß für einen Augenblick die Augen, bis sie ihn mit ihren weiten Regenbogen stumm anschaute, daß es ihn durchschauerte, als müßte er zum konzentrischen Punkte des Alls vergehen.

Der Bauer ging in aller Stille mit Kätzi so gut um, als wäre sie eine Heilige. Er wagte nicht, die schöne Herrin zu streicheln; dafür suchte er beim sanften Strich über das seidene Fell nach dem Gefühle, das er wohl hätte, wenn es Susanne wäre. Aber dann hätte ja der Fliegerpfeil eingeschlagen und alles Glück zerstört. Es war besser, er beherrschte sich und blieb Herr seiner verzweifelten Leidenschaft.

Mit Berlin war der Postwechsel im Flusse. Obgleich Susanne von hier aus mit großen und ernsten Zweifeln an die Kunst des Taifun dachte, so waren die, welche sich dort versammelten, doch die einzigen Menschen, die sich um die freudigen Tage der beiden Liebenden kümmerten. Hermione, die wenig Schreibende, hatte für Susanne täglich Zeit, einen Gruß zu senden. Was sie kritzelte, kam wie das Zwitschern der Schwalben aus den Stahlfederspitzen heraus. Es war nicht nötig, es zu lesen. Man sah an den Formen der Buchstaben mehr als an den Worten, die sie aufbauten. Und daheim spielte wohl Ganswind am Flügel, seine Zuckungen waren das Wetterleuchten hinter den verschlungenen Armen der in heißen Liebesqualen Sitzenden an der Aisne.

Die Macht des Taifun war hinreißend und kettend.

Eines Tages kam eine Karte, worauf Hermiones Tränen gefallen waren. Dem Bauern fiel sie zuerst in die Hände. Er konnte den Text nicht lesen, trotzdem glaubte er ihren Sinn zu verstehen. Da wehte etwas von Heimweh zwischen den Zeilen. Er hätte sie gern unterschlagen, aber es kam stets Unheil, wenn's nicht nach Pflicht ging. So war er aufgewachsen. Von der Fliegerbombe hatte er nicht soviel gelernt, daß es gestattet war, mit glücklichem Griff in das Leben einzugreifen. Also legte er die Karte unter den Teller von dem sie die Abendsuppe aß.

Sie saßen in traulichem Glück beieinander. Nach Tisch räumte er die Teller weg und brachte die Milch, deren Genuß Susanne köstlicher war als der perlende Schaumwein. Sie lief so sanft und kühl in die Kehle, welche von dem Atem der Leidenschaft heiß und sterbensmatt war, – jeden Tag.

Da war ja die Post, die sie heute schon vermißten.

»Hermione weint«, sagte Susanne. Und alsbald war, wie durch einen Zauberwink, die Sehnsucht gen Zurück in ihnen beiden zugleich erweckt. Sie sahen sich an und sahen den Bauer an. Das genügte schon.

Am andern Tag standen die Esel vor dem Wagen, und der Wagen vor der Tür. Und hinter der Tür weinten drei Menschen.

Wer gab denn ihnen Befehl, das Leben in Berlin zu leben? Hier war Ruhe und Stille. Und dort häuften sich die Menschen zu baumwollartigen Knäueln, in deren Innerm ein dumpfes, verwirrtes Durcheinander herrschte. Wie's ihnen bange war zu scheiden, so war es ihnen auch bange, die Wirrnis gewiß wiederzufinden. Die Esel liefen allerdings zuletzt nicht einmal rasch genug nach Clairemont zurück, wo sie der nervöse D-Zug erwartete.

So sind die Menschen. Der Bauer stand in seiner Stube und hörte die Uhr ticken und sein Herz, ach, wie noch so lange, – bis es im Himmel war. Was er getan hatte, war für die Katze.

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