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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Susanne erwachte und wurde von Käterchen angekleidet, die inzwischen das Blut abgewaschen und nun einen trockenen Mund hatte. Sie sah weniger grausig aus, ihre Lippen waren wohl brutschiger, aber es war, wenn sie vor dem Bette saß, kein Schaden. Der ätzende Geruch der vermoderten Speisen aus den hohlen Zähnen hatte aufgehört. Und es war für Susanne angenehm, sich von ihr bedienen zu lassen.

Käterchen benutzte die Gelegenheit dieser angenehmen Hingebung, dem Fräulein das Versprechen abzunehmen, daß sie nicht mehr geprügelt wurde. Sie sprach, nachdem ihre erste Leidenschaft um den Kampf ihrer besseren Behandlung verklimpert war, mit freudigem Ausblick auf ihren zofenhaften Ausputz, daß sie Zähne haben werde, die blitzten wie die des Dinkaneger-Kriegers, in den sie sich einmal auf einem Oktoberfeste verliebt hatte.

Susanne gab ihr noch Weisung, auf dem Markte einzukaufen; sie sollte sich, damit sie nicht so lange in der Reihe stehen mußte, als schwanger ausgeben. Käterchen wollte es versuchen, aber sie hatte dann, als sie am Marktstande angekommen war, nicht den Mut, diese Lüge zu schauspielern. Deshalb stand sie bis Mittags um zwei Uhr, bis sie endlich zwei Pfund Gemüse eingekauft hatte.

Susanne wollte um fünf Uhr mit dem Doktor zum Essen da sein. Sie urteilte richtig, daß hier nur die Wiederherstellung des verdorbenen Magens allseitig helfen konnte, dann wollten sie, zwar drei Tage später als geplant, auf das Standesamt mitgehen.

Das erste Mal hatte sie den Doktor allein in den vier Wänden, abgesehen von Käterchen am Schlüsselloch. Susanne machte es heiße Lust, daß sie einen Zuschauer hatte. Es reizte ihre Phantasie. Dem Doktor kreiste das Blut durch die verhungerten Adern, die erschlafften Muskeln schwollen von den Gewaltmaßregeln. Mit glühenden Wangen kniete Susanne wie ein in den Gedärmen seines erbeuteten Tieres kramender Tiger. Die Blutlust der Urwaldbestien ist nichts als eine zu heiße Liebessehnsucht.

Susanne freute sich an der Qual ihres Opfers. Der Doktor brüllte auf, es war ein entsetzlicher Biß. Käterchen schluckte einen Schleimbatzen und stürzte in die Küche, sank stumm in sich zusammen und brütete das Nachspiel mit Schellenhauer. Aber Schellenhauer war gemein und übertraf sie, mit ihm war es nie Liebe.

Der Doktor war so eine reine Leiche. Und nun wurde geklingelt. Das war das Zeichen für den Nachtisch. Der Doktor mußte essen, daß sich sein Bäuchlein füllte wie von einem eben ausgebrüteten Eivogel. Doch es war wonnesam. Die Welt drehte sich in neuen Angeln. Alles bis dahin Gewesene war wie vom Philistertisch. Ha! Er mußte lachen. Clothilde mit der Bonbonnière, das duftete nach Konfitüren. Hier roch es – wie die Ackerscholle nach Blut. Ohne dieses Rot der Farbe glühten alle Sonnen hoffnungslos. Die Mißverständnisse der versäumten Begegnung waren ihre neckisch ausgestreuten Blumen.

Am Mittwoch den 10. früh 11 Uhr trafen sie sich unter dem Rathause. Das Gehirn des Bräutigams hatte allmählich wieder seinen Wonnetaumel eingebüßt. Er sah die Welt wieder sehr nüchtern, nach surrenden Karren, vorbeieilenden Menschen bemessen, aber er hatte keine Lust, mit Susanne nach dem Standesamt zu gehen. Er hielt zwar Wort und war da. Als Susanne mit strahlendem Gesicht auf ihn zukam, lachte er bitter mit. Er erzählte die Wichtigkeit, daß die Existenz des Taifun, der ihnen die materielle Unterstützung zugesagt habe, durch die Schellenhauersche Klage gefährdet sei. Ganswind würde in erster Instanz wahrscheinlich zum Schadenersatz von Fünfzigtausend verurteilt. Susanne wußte schon, warum der Vogel solches Lied sang. Da machte sie kurzen Prozeß.

Sie stieß den Doktor mit den Fäusten zur Türe hinein. Er flog in großem Bogen in das Zimmer des Standesamtes. Das erweckte natürlich Heiterkeit.

Der Standesbeamte war ein kleiner Herr mit großem Kopf, er trug stets einen hohepriesterlichen Ernst auf dem Gesicht. Er frug vor allem den Doktor, ob er sich auch von seiner Braut genügend überzeugt hätte. Susanne wurde rot vor Wut über diese Frechheit. Aber so etwas war bloß bei einem kleinhorizontierten Menschen möglich. Dieses Mißtrauen gegen alles Internationale war eine Rückständigkeit, wie auch tiefe Dummheit. Denn was waren eigentlich die konventionellen Garantieen über Herkunft und Charakter! Als ob die Menschen in diesen Kreisen besser wären als in jenen und anderen! Die Güte ihres menschlichen Herzens war Susannes innerster Stolz. Und sie hätte es keinem Pfaffen je geglaubt, wenn er ihr gesagt hätte, daß sie einmal in die Hölle käme. Auch hing die menschliche Güte keineswegs mit der Sinnlichkeit zusammen. Im Gegenteil, große Sinnlichkeit war am ehesten die Gewähr für ein hohes seelisches Empfinden. Susanne hätte den Beamten am liebsten geohrfeigt wegen seiner Dreistigkeit. Der Doktor sah ganz verdutzt auf den würdigen Stand des Beamten. Er überlegte sich wirklich, ob er an Susanne nicht eine unter Kontrolle stehende Dirne heimführte. Susanne empfand jedes Spiel seiner Miene. Aber der Beamte war zufrieden mit der gewissenhaften Erledigung seiner Pflicht. Wiederum war die Pflicht zur Ausübung grober Taktlosigkeiten gemißbraucht. Er entschuldigte sich nach seiner gelungenen Attacke auf die vereinten Herzen, die er zerrissen hatte, statt sie zu vereinigen: er habe sich der Vorbereitung einer langen Grabrede für Kommerzienrat Lehmann zu widmen. Damit verließ er den Raum und überließ die beiden ihrem Zerwürfnis.

Dem Kommerzienrat Lehmann schmiedete der Würdige hohe Worte, in salbungsvollster Sprache, damit die Angehörigen von der Schönheit des Lebens und den großen Lebensleistungen des Verblichenen überzeugt waren, ebenso wie alle Teilnehmer an der riesenhaften Beerdigung. Und ihm, dem Redner, wurde obendrein ein reiches Trinkgeld. Kommerzienrat Lehmann war ein König, diese Überzeugung trug jeder vom Grabe mit nach Hause. Er hatte zwar einmal ein winziges Erlebnis mit einer kleinen Sängerin erzeugt und trotzdem nicht verhindert, daß sie jetzt als Star glänzte. Von solchen Dingen schwieg man, sie waren zu unmaßstäblich. Susanne galt solches Menschentum rein nichts, um so schändlicher empfand sie die frivole Frechheit des ihre Kopulation später vollziehenden Beamten.

Zwischen ihr und dem Doktor gab es dann einen Höllenauftritt. »Wer bist du denn?« brüllte sie der Doktor an, der dadurch beweisen wollte, daß er anständiger Leute Kind war. Er war der Sohn erster Ehe seiner Mutter mit einem Sanitätsrat. Susanne stand sehr verdattert vor ihm, sie konnte mit nichts auftischen. Daß sie eine Landhausbesitzerin wäre, wagte sie nicht zu erwidern. Hatte sie wirklich ein dirnenhaftes Leben hinter sich? Wie der Doktor seine speienden Worte auf sie niedertrommelte, kam sie sich selbst endlich sehr obskur und gemein vor. Das schadete ihr, jetzt hätte sie mit einer protzigen Rede viel mehr ausgerichtet. Der Doktor wurde immer wütender und wollte das Geheimnis ihrer ganzen Vergangenheit aus ihr herauspressen. Sie schwieg aber wie ein Opferlamm. Das dauernde Schweigen erschien ihm endlich als Trotz, und er mußte notgedrungen die Antwort auf seine Frage von der Zukunft erwarten. Wissen wollte er, also blieb er auch so lange bei Susanne, bis er wußte.

So kam es, daß er im Laufe der Tage die Weihe der ersten Liebe verscherzte. Die größte Torheit des männlichen Geschlechts, das Weib außer leiblich auch materiell kennen lernen zu wollen, brachte ihn um den Geruch der Blüte. Susanne war die Vergangenheit ihrer selbst gänzlich gleichgültig. Allerdings machte es ihr auch Schmerzen, gleichermaßen vom Doktor dessen Vergangenheit zu erfahren. Jedenfalls den Keil zischen beide hatte der Standesbeamte gesetzt, und ihr gegenseitiger Eifer trieb ihn tiefer zwischen sie selber.

Die Losung zweier Menschen, die den Lebensweg miteinander beginnen, »immer vorwärts, nie rückwärts«, konnten sie höchstens zu spät erkennen.

Aber dem Standesbeamten war die Pflicht heilig, denn er gab ihnen durch den Zweifel den Stachel zur Zucht. Zucht war nun einmal in den Augen der Moralfexen etwas Notwendiges. Jede Ehe zum Zuchthaus zu gestalten, war eine heilige Aufgabe. Gottlob hatten die beiden eine stetige Vermittlerin in der Kunst. Kunst allein machte Wahrheit aus dem höchsten Gebote »Liebe«. In der Verwirrung ihrer Gewissen liefen sie in den Taifun.

Dort beglückwünschte man sie.

Es war eine kuriose Welt. Die Glückwünsche kamen, sobald sie mit sich selbst unzufrieden waren. Mit dem Hauswirt war die letzte Besprechung. Büffel schwitzte vor Freude, weil es durch das amtliche Aufgebot endlich zur Gewißheit wurde, daß die beiden auf fünfjährigen Kontrakt gegen 3500 Mark Jahresmiete in seinem Hause wohnen würden, unmittelbar über den Räumen des Taifun. Es wurde ein neues Gelage veranstaltet mit alkoholstarker Flüssigkeit, über die allein der Krieg noch kaum eine Schranke zu legen vermocht hatte. Gleichzeitig war das Fest der Wiedererstehung des großen Müller, dessen zertrümmertes Bild vom Mann mit dem umgekehrten Kopf und der Katze von kundigen Jüngern mit schönstem Öl wiederhergestellt war.

Der zertrümmerte Schellenhauer stand schon dadurch in schreiendem Gegensatz zum Müller, daß es unmöglich erschien, seine Trümmer zu restaurieren, weil kein Gefühl und Empfinden aus seiner Ruine als vermittelnder Geist emporstieg.

»Sollte Schellenhauer den Prozeß gewinnen«, sagte Büffel, »so wird er desto gewisser die Unsterblichkeit einbüßen.« Aber es war vielleicht möglich, einen Sühnetermin anzubahnen, indem man ihm eine Stelle als herrschaftlicher Kutscher bei Doktor Bäumler anbot. Doch das waren Dinge, die noch in weitem Felde lagen. Es konnten sich erst solche Gespinste weben lassen, wenn der Doktor wieder die große Rolle spielte.

Über die zum Hochzeitsfeste zu ladenden Gäste bestimmte der Taifun. Es sollten nur auserlesene Kunstfreunde daran teilnehmen dürfen, oder auch solche, die bisher durch den Verkehr mit Susanne ihre Würdigkeit tätlich bewiesen hatten. Man bezeichnete diese Würdigen als Menschenköpfe. Die übrige Welt war bestialisch. Dem dicken Hotel-G.-m.-b.-H.-Direktor mit seiner Roßstraßengattin war es die lieblichste Ehrung, daß das Hochzeitsfest in seinem Klickerraum abgehalten werden sollte.

Bevor man jedoch zur großen Vorbereitung schritt, fuhr Ganswind mit Hermione und dem Brautpaar bei allen Redaktionen vor. Und er erreichte das Kolossale, daß sie sich diesmal der Nennung des Taifun im belletristischen Teil nicht widersetzen konnten. Sämtliche Provinzzeitungen brachten ebenfalls die Notiz. Damit war des Taifun erstmals in wohlwollender Weise Erwähnung getan, nicht mehr wie bisher in ätzender Verhöhnung. Hauptsächlich war die nordische Erscheinung Hermiones den Redakteuren ganz unbekannt gewesen. Es zeigte sich bald der große Umschwung. Um ihrer Erscheinung willen und der weiteren Möglichkeit ruhmumkränzter Abenteuer mit der gloriosen Brüsselerin erschienen plötzlich die Köpfe von Referenten und Kritikern in den Kunstabenden, die von jetzt ab der Doktor Bäumler regelmäßig veranstaltete, um sich beim großen Publikum wieder einzuführen. Bei der Hochzeitsfeierlichkeit stellte man eine Extra-Speitafel auf, wo sich die Kritik den Hals brechen konnte. Die interessante geheime Gestalt des Polizeirates wurde dabei den Herren der Presse gleichfalls vorgestellt, so daß es keiner Stockprügel mehr bedurfte, um sie zu schönsprachigen Artikeln über den Taifun und das von ihm auf stürmenden Flügeln getragene Ehepaar zu veranlassen.

Die Tafel war aus lauter Glas. Der Tisch war milchweiß gemustert, infolge seiner durchsichtigen Substanz gestattete er während der Tafelung jedem die Betrachtung seines Gegenübers vom Kopf bis zu den Füßen. Es war also unmöglich, daß sich Paare mit den Beinen verstohlene Tritte gaben oder ein Herr unter einen Rock stocherte. Tafeltücher waren vom Gesetz ja verboten, so war der gläserne Tisch ein erquickender Ersatz. Auf der gläsernen Tafel aß man auf gläsernen Tellern mit Messern, Gabeln und Löffeln, deren Stiele und Hefte aus Glasmosaik waren. Auch die Trinkgläser strahlten in tiefen dunkelfarbigen Mustern. Blumen und Fruchtaufsätze waren aus Glas. Apfelsinen gab es aus Glas, so täuschend nachgeahmt, daß viele darnach griffen. Der Braten, der Fisch, alle Gemüse wurden auf farbenfrohen Glasplatten umhergereicht. Käterchen mit blendend weißem Gebiß, bediente das Ehepaar. Sie war mit ihrer kernigen Gesundheit eine anzügliche Erscheinung.

Das Hauptinteresse zog aber Schellenhauer auf sich, der Ganswind und Hermione bediente. Er hatte sich durch Käterchen den Mund derartig wässerig machen lassen, daß er selber noch vor der Hochzeit die Versöhnung anbot. Auf die Dauer war es ihm zu ungemütlich, das verletzte Genie zu spielen. Er zeigte lieber seine glanzvollen Talente als Fürstendiener und Weiberritter. Mit Käterchen, die durch den Wert ihres Gebisses im eigenen Werte gehoben war, hatte er eine stille Vereinbarung geschlossen, daß sie sich bei gegebener Zeit ebenfalls in den Stand der legitimen Ehe begeben würden. Er hatte stark pomadisierte blonde dünne Haare und trug eine große Sonnenblume aus Glas auf der Brust. Jedes anwesende Paar wurde von einem besonderen Manne oder Fräulein bedient. Das schönste Schauspiel ließ der die Tafel erfundenhabende Glasarchitekt springen. Nach jedem Gange rannen farbige Wasser über die auf dem Tische aufgebauten Kaskaden an den berauschten Augen der Trunkenen vorbei. Die Wasser erschienen wie glühende Lavaströme; es war aber nur gewöhnliches Wasser und der Effekt durch den Untergrund der überspülten, mit elektrischen Birnen durchleuchteten Glassteine hervorgerufen.

Alles war Glas, nur die Nahrung nicht. Auf das wirkliche Fleisch vom wirklichen Tier und den wirklichen Fisch vom wirklichen Meere konnten selbst die äußersten Phantasten nicht verzichten.

Die für die Journalisten besonders gedeckte Tafel war mit kaum geringerem Aufwand gebaut. Doch damit sie alle Wunder schauten und darüber gewissenhaft berichteten, durften sie nach jedem Gange herüberkommen und nachgucken, welche Fontänen auf der Brauttafel sprangen.

Diese Fontänen hatte der Erfinder so eingerichtet, daß er durch verschiedene Schaltungen wechselnde Lichtwirbel erzeugen konnte. Und es war natürlich, daß mit der sich steigernden Bezechung die Tafelgäste immer wirrere Wirbel zu sehen bekamen. Als erste erlag Frau Büffel dem schwindelerregenden Kaleidoskop. Allein zum Mitleid hatte niemand Zeit, man goß ihr einfach ein kohlensaueres Wasser in den Schlund und reichte ihr ein großes Glasbecken. Die B. Z. berichtete von der Übertrumpfung der römischen Mahlzeiten zur Zeit des Lukullus. Die das Gericht vortäuschenden Pfauen und Puten waren allerdings nicht Natur, sondern aus Glas imitiert.

Als Überschrift der aus Glas hergestellten Menükarte war ein sinnvoller Spruch geschrieben: »In Splitter fährt kein Erdenball, denn unzerbrechlich ist Glaskristall.« Und wahrhaftig, wie fest war das Glas! Der Glasarchitekt warf die Gläser zur Erde, ohne daß sie zersprangen. Man mußte Glas eben nicht in dünnen Schliffen herstellen, sondern in massigen Formen. Die imitierten Apfelsinen waren nicht einmal mit Äxten zu zerschlagen. Es war also kein Wunder, daß sich Käterchens Tante den Zahn ausbiß, den nachher Susanne in der Tomatensoße fand.

Der Taifun korrigierte so in der Tat die tiefsinnigsten Dichter, die das Glas als zerbrechlich besungen hatten. Es war eben alles umgekehrt, als es die Menschheit bisher angesehen hatte. Die Klassiker waren diesen Expressionisten ein Muster ohne Wert. Nur als Dirigenten der Musikkapelle vermochten selbst die teuflischsten Künste keinen Mann mit umgekehrtem Kopfe zu finden. Es war zwar mehrere Wochen lang nach einem Kriegsbeschädigten inseriert gewesen, dem sie etwa im Anschluß an die flandrischen Kämpfe den Kopf im Lazarett verkehrt hinaufoperiert hätten, doch leider vergebens.

Nach Tisch unternahm man einen Spaziergang durchs Hotel und stattete dem Zimmer der verrückten Gräfin, in welchem Susanne ehemals kampiert hatte, einen Besuch ab. Dort hatte der Dicke ein Muschelgedeck zurechtgestellt. Zu diesem gab es Schaumwein, angeblich aus Susannes Kellereien, die sie auf ihrem Besitze an der Aisne betrieb. Der Dicke erbat sich die Gnade, die Braut möchte ihre Seilkünste vorführen. Der Doktor war hochgespannt, was das sein sollte. Susanne begab sich mit Hermione auf das nebenliegende Zimmer, wo sie das Froschtrikot anlegte, dann erschien sie vor den Gästen laut beklatscht und hüpfte Seil. Der Doktor fraß seine neugetraute Frau mit Vampyraugen, aber ebenso lauerten die sämtlichen anwesenden Herren wie Chamäleons nach der berückenden übertrikoten Jungfrau. Dem Doktor blieb nur ein Rätsel, woher der Dicke den Besitz dieser Wissenschaft bei Susanne wußte. Er nahm ihn zur Seite, freilich ohne vernünftige Auskunft zu erhalten.

Ohne Sentimentalität nahm der Doktor seinen grünen Frosch an sich und preßte ihn zum Neide der Anwesenden. Susanne hüpfte dann schnell wieder davon und war mit Hermione eine halbe Stunde abwesend. Zum tröstenden Kuriosum bot der Dicke einen dreifarbigen Likör in den Bundesfarben der Zentralmächte. Zum Schlusse sang Clothilde im Verrückten-Zimmer ein selbstgedichtetes Couplet ihres Gatten. Dieses hatte die Ehre, nächsten Tags in einigen Blättern gedruckt zu erscheinen. Ganswind lieferte dazu die Noten.

Die Hochzeitsreise ging nach dem Landhause an der Aisne, in umgekehrter Richtung als Susanne damals hergekommen war, im D-Zug Kowel-Brest-Litowsk-Berlin-Brüssel. Nachts um zwölf Uhr wurde das Geleite von der gesamten Gesellschaft gegeben. Der Taifun hatte damit sein Hauptwerk am Paare abgeschlossen. Mit hoher Befriedigung verließen Ganswind und Hermione den nächtlich leeren Bahnsteig auf Bahnhof Friedrichstraße.

Im D-Zuge lagen hinten zwei große Koffer im Gepäckwagen, im Personenwagen zweiter Klasse der Doktor und Susanne. Über beiden, auf den Fangnetzen des Handgepäcks stand die Handtasche mit den Übernachtungswerkzeugen in der einen offenen Hälfte und Kätzi in der anderen verschließbaren und verschlossenen Hälfte. Susanne wollte Kätzi nicht Käterchen überlassen während der Dauer der langen Reise. Zugleich fürchtete sie sich vor dem Augenblick, da Alfred die Existenz Kätzis kund wurde. Bisher hatte sie leichtes Versteckspiel mit ihr gehabt, aber jetzt, wo sie dauernd zusammenlebten, war es ganz unmöglich, aus ihrem Katzenleben ein Geheimnis zu machen.

Während der Fahrt wollte sie ihm nichts verraten. Diese Überraschung sollte erst nach der ersten Liebesnacht kommen. Sie hoffte, daß sie ihn leicht bezwang, wenn er den ganzen Himmel ihres weiblichen Leibes kennen gelernt hätte. Susanne fütterte Kätzi unterwegs, wenn er die Augen im Schlaf geschlossen hielt; sie stieg mit ihr auf den großen Bahnhöfen aus, ließ sie ihre Notdurft verrichten und kaufte ihr Milch und Zwieback. Für Katzen war erstaunlicherweise stets Milch zu bekommen, ohne Milchkarte. Wahrscheinlich waren es höhere Wesen, denen man nichts ausschlagen durfte. Auch konnten sich Tiere nicht auf Rathäuser begeben, um Milchatteste zu fordern, noch konnten sie mit Tinte schreiben, um sich durch schwindelhafte Angaben in den Besitz der Nahrung zu setzen. Der Doktor war ein guter Gatte, der stets schlief, wenn Susanne was Eigenes vorhatte.

Jedesmal, wenn sie kurz von den Abstechern ins Abteil zurückgekehrt war, erwachte er jäh, sah erschrocken um sich und fühlte einen bangen Druck in der Herzgegend, als hätte ihn Susanne, während er schlief, hintergangen. Aber womit? Er reichte ihr dann die Hand, und sie sagte: »Schlafe nur ruhig, ich bin nicht müde.« Sie schob beruhigend ihren Schoß unter seinen Kopf, so daß er in seliger Mulde weiterschnarchte.

In Brüssel war es fein. Susanne wurde ganz dick vor Stolz und Hochmut, als sie mit dem Gatten durch die altgewohnten Straßen ging, damit sie der Bäcker sah, der Schuster, der Schneider, ihr Friseur. Alle grüßte sie zuerst, worauf die Leute sie anstierten. »Warum tust du das eigentlich«, frug sie der Doktor, »die Leute hielten dich doch für gestorben.«

»Im Gegenteil, ich lebe, und Brüssel ist gestorben«, gab Susanne zur Antwort. Der Doktor schwieg neben ihr und philosophierte über die Trostlosigkeit, die das Menschenleben zeigte, wenn man es an vielen Stellen sozusagen zugleich sah. Während sie hier liefen, lag der Neger im glühenden Busch, und der Präsident Wilson verspeiste eine Semmel. Noch trostloser war es, daß sie den Kanonendonner hörten, während auf beiden Seiten die Priester zu Gott beteten. Holla! Der Doktor stolperte über ein Schuheisen. Susanne hob seinen Kneifer von der Erde auf, der ihm durch den Stoß der Brüsseler Wirklichkeit von der Berliner Nase gefallen war. Fünf Minuten darauf saß er in Susannes altem Leibcafé bei Frère Guillaume. Hier verließ sie ihn auf eine geschlagene Stunde, daß dem Doktor ganz wind wurde, bei welchem alten Freunde seine Frau den Besuch machte. Sie fütterte jedoch nur ihre Katze.

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