Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hermann Essig: Taifun - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
Schließen

Navigation:

Käterchen faßte zuerst den Entschluß, mit Susanne zu reden. Sie begab sich ins Zimmer und tat, als ob es dort zu tun gäbe. Susanne freute sich darüber, sprach nichts, lächelte vor sich hin und rollte Kätzi in scheinbar rohem Spiel über die Länge des Diwans. Plötzlich trat Käterchen an den Diwan und schaute dem Spiel zu, wie um sich gleichfalls zu unterhalten. Weil aber Susanne immer weitermachte, ohne von ihr Notiz zu nehmen, mußte sie das Maul auftun. Sie wollte es aber schlau machen. Sie sagte: »Dann werd' ich mich also bald verabschieden.«

»Jedenfalls«, war Susannes kurz hingeworfene Antwort, und sie rollte Kätzi unaufhörlich weiter.

»Einmal hatte das Fräulein gesagt, wir zwei beide würden ewig miteinander aushalten.«

Susanne schwieg und rollte die Katze.

Na, dachte Käterchen, da muß ich schon mit schwererem Geschütz kommen, und warf sich über Susanne. Das hätte sie aber besser unterlassen, denn Susanne sprang auf, schleppte die Katze mit sich ins Schlafzimmer, und verriegelte die Tür. Was nun? Da stand sie mit ihren Kenntnissen. War sie denn nun gekündigt oder sofort entlassen oder konnte sie bleiben? Das war schlimmer als Prügel, dieses Schweigen.

Sie blickte durchs Schlüsselloch, konnte aber nichts sehen, weil Susanne das Handtuch vorgehängt hatte. Hören konnte sie auch nichts. So ungemütlich war es während ihrer ganzen Dienstzeit nicht gewesen. Wenn das Fräulein in dieser Art mit ihr anfing, daß sie fremdtat und sie wie Luft behandelte, dann ging sie eben doch noch. Während sie vor der Türe stehend alle möglichen Entschlüsse faßte, hatte Susanne bereits das Nötige gehandelt. Sie hatte sich zum Ausgang fertig gemacht und kam nun heraus.

Sie sprach: »Ich überlasse es dir. Du kannst nun mit mir kommen oder du kannst deine Sachen packen und gehen.«

Also, nun gings nicht mehr anders: entweder ging sie mit zum Zahnarzt oder sie mußte aus dem Hause. Sie sah Susanne mit flehenden Augen an.

Susanne lachte. »Ja, ja, so geht es den dummen Leuten allen. Sieh mich nicht so dumm an. Ich glaube, damit wird sich auch der Polizeirat zufrieden geben, wenn er hört, daß ich dir zur Strafe dein ganzes Maul ausreißen ließ.«

Käterchen machte krampfhafte Versuche, Tränen hervorzupressen, aber das klang wie der Husten eines Hundes, und sie verfehlten jede Wirkung. Ohne Gnade mußte sie mit Susanne zum Zahnarzt gehen. Unterwegs gab ihr die Herrin noch einmal genaue Verhaltungsmaßregeln. Sie stieg mit dem Dienstmädchen die Treppen hinauf bis an die Flurtüre von Mauligel. Käterchen wollte nicht hineingehen; da gab ihr Susanne zuletzt einen kräftigen Stoß, daß sie bis in die Mitte der Diele hineinflog. Dann blieb sie auf der Treppe eine Weile stehen, bis sie sich überzeugt hatte, daß Käterchen im Wartezimmer saß.

Nachdem Käterchen lange genug gesessen hatte, riß ein mürrischer Kerl mit einem ganz zerhauenen Gesicht die Türe auf und schnauzte sie an: »Kommen Sie herein!« Da konnte es ja gut werden, dachte Käterchen, der hat eine Wut auf mich. Sie trat zögernd ein. An der Tür blieb sie stehen. Sie wollte fast wieder durchgehen, da war alles voll Marterwerkzeuge, voll Zangen, Sägen, Schläuchen, und ein hoher Stuhl stand in der Mitte, dem gegenüber der Herr eine Lampe mit Blendschirm entzündete. »Setzen Sie sich gefälligst.« Sie saß noch kaum richtig, da riß ihr der Herr schon das Maul auf und sagte: »Um Gottes willen.«

Was war da los?! Käterchen erschrak furchtbar, sie wäre fast aufgesprungen, aber der Herr drückte ihren Kopf nach hinten. Dann ließ er sie wieder los und sagte: »Sie lachen ja gar nicht! Haben Sie Angst, ich reiße Ihnen den Kopf ab?« Käterchen lächelte furchtsam. »Ja«, sagte der Herr weiter, »Ihnen risse man am besten das ganze Maul aus.« Käterchen fiel der jüngste Prozeß von Neukölln und Magdeburg ein. Da hatte ein Künstler auch geraten: »alles raus!«und hatte dann nicht einmal gewartet, ob ja oder nein. Wo hatte ihre Herrin sie hingeschickt?!

Weil Käterchen keine Antwort gab, fragte der Herr ungeduldig. »Los, los, Sie müssen sich entschließen, ich habe keine Zeit.« Käterchen legte statt aller Antwort den Kopf in das Kopfpolster zurück und sperrte das Maul weit auf. Der Arzt sah noch einmal in dem aufgerissenen Mund herum wie ein Dachshund im Fuchsbau. »Alles faul. Ja, was soll ich damit anfangen?«

»Gebiß«, war die hervorgegurgelte Antwort.

»Mm«, meinte der Arzt befriedigt und trat vom Stuhle weg. Käterchen blieb in unveränderter Stellung liegen und hörte den Handgriffen des Arztes gespannt zu. »Sie können das Maul ruhig zumachen«, tönte nach einer Weile des Arztes Stimme herüber. Er rudelte im Besteck, Käterchen blickte interessiert nach dem metallenen Geklingel hinüber.

Jetzt schritt er plötzlich auf sie zu. Was hatte er in der Hand? Einen großen schwarzen Lehmklumpen. Den stieß er ihr ins Maul. Sie erstickte beinahe daran. Er drückte ihr beide Kieferknochen zusammen. Dann mußte sie wieder öffnen, da zog er ihr den Klumpen wieder heraus. Was war mit ihr vorgegangen?! Ihre Augen waren ganz rot und das Wasser lief aus ihnen. Ihr Atem stieg schwer. Was kam da noch weiter? Nun kam er wieder an. Sie beobachtete scharf seine Hände. »Maul auf!« Gleich saß der Meißel am Zahn, und mit einem kräftigen Hammerschlag flog der erste an ihr Zäpfchen.

Sie schnaubte, fauchte, drückte, gurgelte und spuckte. Der Arzt hatte Mühe, ihren Kopf über das blaue Glasbecken zu lenken. »Weiter, bleiben Sie sitzen.« Käterchen starrte den Mann an, lieber Mann, sieh, ich bin in deinen Händen, ich vertraue dir, daß dir mein Leben heilig ist. Aber er setzte mit kalter Ruhe immer wieder das Eisen an. Käterchen wurde immer fassungsloser und rasender. »Wieviel Zähne hat der Mensch?« frug sie endlich mit winselnder Stimme. »Sie haben noch sechs«, war die Antwort. »Oh weh, noch sechs«, jammerte Käterchen. »Ich halt's nicht mehr aus«; sie verdrehte die Augen und preßte die Hände auf die Gedärme. »Bitte, ganz stillhalten!« Diesmal setzte er mit großem Bedacht und sorgfältiger Prüfung an, Käterchen sah sich mit Gewißheit dem Tode überliefert. Es hämmerte, sie schrie auf und bäumte sich, der Arzt stemmte die Unterarme auf ihre Kehle, jetzt machte er sie hin. Oh, Oh! ihr junges Leben! Sie quorkste: »Ich erstick', ich erstick'!« Schließlich stieß sie mit aller Kraft den Zahnarzt von sich, sprang auf und rannte im Zimmer umher. Der Zahnarzt blickte wie ein erhabener Feldherr kühl auf sie und sagte ruhig und lockend: »Jetzt kommt der letzte, wollen Sie nicht mehr?« »Nein, nein, ich kann nicht mehr, lieber stürze ich mich zum Fenster hinaus!« Sie schnaubte wie wahnsinnig. Da verzog sich des Arztes Gesicht zu einem vollen Grinsen, und er lachte laut. Käterchen stand jetzt still, krallte sich in den Haaren und machte zwei erhobene Fäuste gegen einen unbekannten Gegenstand. »So schlimm wird's doch nicht sein, Fräulein! Setzen Sie sich nur ruhig wieder! Oder wollen Sie wegen dem einen noch chloroformiert werden?« Käterchen guckte nach ihm hinum, wie eine Kuh nach dem Stallschweizer. »Bitte, kommen Sie, meine Zeit ist kostbar! Ich bin der einzige Zahnarzt im Bezirk, alle anderen sind einberufen. Es wollen noch mehr daran.« Käterchen dachte: chloroformiert werden, – das muß eine der sieben Qualen sein, und trottete langsam auf den Stuhl hinauf. Aber als er ansetzen wollte, hielt sie seinen Arm: »Halt, halt, ich bin noch nicht soweit.« Der Arzt wartete mit Geduld, bis sie ihren Kopf zurückgelegt hatte und das Maul weit aufsperrte. Mit einem fürchterlichen Aufschrei war die Prozedur zu Ende.

»Ausspülen.« Der Arzt trat vom Schemel, warf die Werkzeuge auf einen Tisch und wusch sich die Hände wie Pilatus. Käterchen nahm das Glas und hörte nicht mehr auf mit dem Spülen und Spucken. »In drei Tagen kommen Sie wieder«, sagte der Arzt. Da stellte Käterchen das Glas hin und ging rasch hinaus. Um alles in der Welt kam sie nicht wieder hierher.

Im Freien schien ihr die Welt ganz sonderbar. Der Bürgersteig befühlte sich wie mit Holzpantinen, alles war grell und laut. Die vorbeisausenden Straßenbahnen hatten ganz andere Glocken und die Menschen ganz sonderbare Mäuler. Wie ihr jetzt Susanne im Gedächtnis aufstieg, hielt sie sie für ein ganz gefährliches Unwesen, vor dem sie leider bisher zu wenig Angst gehabt hatte. Ihr Heimweg war das Tanzseil von der Vergangenheit zur Zukunft.

Wieder daheim, hätte sie gerne dennoch renommiert mit dem, was sie ertragen hatte, und sie bedauerte, daß ihr Fräulein nicht da war. Das hätte sie nun doch erwartet, daß man sich jetzt ein bißchen um sie kümmerte. Es waren ja hungrige Zeiten, aber ihr schien es doch, als müßte sie nun drei Tage völlig verhungern. Es war einmal schöner hier gewesen, da hatte das Fräulein solchen Anteil an ihr genommen. Gäbe es doch der Herr, daß den Doktor der Teufel holte.

Sie brauchte dafür nicht einmal zu sorgen, denn der Taifun erklärte dem Doktor, daß sie sich auf dem Standesamt aufbieten lassen könnten.

Susanne war heute seltsamerweise nicht am verabredeten Ort erschienen. Das machte dem Doktor schwere Sorgen. Wollte sie sich nicht aufbieten lassen? Hermione und Ganswind wechselten besorgte Blicke. Sie gingen des öfteren aus dem Zimmer, wo sie mit dem Doktor zusammen saßen, hinaus und berieten sich immer wieder neu. Den Polizeirat traf die Verantwortung. Er war schuld, daß Hermione den Brief an Susanne geschrieben hatte. Wann hatte sie sonst einmal einen Brief geschrieben? Noch nie. Gleich ihr erster, gewissermaßen von Freundin zu Freundin, war schief ausgefallen.

Der Doktor wußte natürlich absolut keinen Grund zu nennen oder zu denken, warum Susanne heute nicht mit ihm zusammenkam. Gestern waren sie an einem Kinde vorbeigekommen, das ganz normal gewachsen war, dem aber das linke Händchen fehlte. An ihm hatte sich Susanne mit großem Mitleid lange aufgehalten, bis sie erfuhr, daß es so zur Welt gekommen sei. Es ging ihr das wohl sehr im Kopf herum, aber nicht so auffällig, daß sie etwa auf die Idee verfallen konnte, in ein Schwesternstift einzutreten.

»Und du denkst an die Möglichkeit?« frug Ganswind.

»Wir sprachen im Anschluß daran von Frauenberufen, weiter nichts«, antwortete der Doktor besorgt.

Auch Hermione ließ ihn gerne in diesem Glauben, denn man konnte ihm von dem Briefe nichts erzählen. Sie ließen den Doktor aber nicht von sich gehen. Lieber machte sich Ossi nach Susanne auf die Suche. Und der Doktor blieb solange mit Hermione allein im Taifun.

So geschah es. Ganswind fuhr zuerst zum Polizeirat, um mit ihm ein ernstes Wort zu reden. Sie hatten alle Vorbereitungen getroffen, so daß das Standesamt bereits spruchreif war. Und nun konnten durch sein sonderbares Verhalten alle Verknüpfungen und Besorgungen für die Katze sein.

Währenddem war Hermione mit dem Doktor zusammen. Auf diesen Augenblick hatte sie schon lange gewartet. Es kam ihr jetzt sehr zustatten, daß sie »Fredy« zu ihm sagte. Und sie war eine Meisterin freundschaftlicher Tonart. Ihre Rede war brüderlich. Dies hätte eigentlich eine zu weitgehende Annäherung verhindern können. Aber der Doktor hatte ein so schwaches Brustgehäuse, daß gleich der Boden darin durchbrach. Und dann sprachen sie in einer Weise über Susanne, daß ihr gegenseitigem Streben nach dem Gegenstand unausbleiblich wurde.

Hermione gestand dem Doktor endlich seine Zukunft: daß er als zweithöchster Gott neben Ossi im Taifunhimmel zur Anbetung kommen werde, wie Susanne die erste weibliche Gottheit werden sollte, wenn sie in der Schauspielkunst ausgebildet und unterrichtet war. Ich bin das All, setzte Hermione hinzu; und es war dem Doktor, als tränke er eine süße Säugemilch, er vergaß alles und gab sich ihr hin, dem All. Er durfte wunderbare Dinge schauen, die sie selbst Susanne bisher vorenthalten hatte. Der Doktor dachte, als ihm der Gedanke an die Wirklichkeit nach vier Stunden zurückkehrte: »Feine Sache, der Taifun hat eine Leitung, fein, fein!«

Susanne irrte planlos nach dem Doktor herum. Sie glaubte, daß er, weil sie um zwei Stunden zu spät war, wieder nach Hause gegangen wäre. An den Taifun dachte sie seltsamerweise überhaupt nicht. Ganswind war bei dem Polizeirat und erfuhr, daß Susanne vor kurz einer halben Stunde von ihm gegangen sei. Dieser sprach entzückt von ihr, daß er keinerlei Bedenken habe. Sie sei ein reines Kind.

Ganswind hörte dieser Lobeshymne des Polizeirats mit einem gewissen Ingrimm zu. »Vielleicht ist Ihre Erkenntnis zu spät«, sagte er.

»Ausgeschlossen«, antwortete der Polizeirat.

Ganswind wollte wissen, inwiefern das ausgeschlossen wäre. Der Polizeirat lachte wie ein Satyr, aber Ganswind gefiel diese Manier diesmal gar nicht. Es war durch ihn eine bedeutsam Störung in dem täglichen Rosenkranz der beiden Liebenden entstanden. Was nützte es, wenn er jetzt die Tugend pries, nachdem er dem Doktor eifersüchtige Gedanken eingeimpft hatte. Der alte Kavalier möge sich nur einmal vorstellen, was er dächte, wenn der Stundenzeiger seiner Geliebten zwei Stunden Verspätung aufweisen würde. Oder ihre Uhr so rappelte, daß sie womöglich den ganzen Tag nicht mehr zusammenfanden. Da schlüge ein dramatischer Charakter bereits Tische und Stühle in Trümmer. Und hier handelte es sich um einen subtilen Menschen, der mit umgekehrtem Kopfe die Welt betrachtete. Ganswind hatte sich gegen seine Gewohnheit heftig erregt.

Der Polizeirat suchte ihn vergebens zu besänftigen. Sah der Doktor die Welt umgekehrt an, so war er doch wohl einer, der froh war, wenn seine verirrte Braut überhaupt wieder zu ihm kam. Und daran war nicht der kleinste Zweifel, daß Susanne nicht ruhte, als bis sie ihn wieder fest geschlossen hatte. Wie er zu all seinen sicheren Vermutungen kam, konnte Ganswind nicht klar genug erforschen. Und geheimnisvolle Andeutungen galten ihm nichts. Es gab viele Kavalleristen, die taten, als wären sie die besten Reiter; ihre Reitbahn durfte man aber nicht betreten. Der Polizeirat erschien ihm ein Liebesmanager von sehr alter Schablone, wenn er es für einen Beweis von Susannes Charakter hielt, daß sie dem Mädchen zur Strafe die Zähne habe ausreißen lassen. Die tatsächlichen Verhältnisse ließ er gewiß unbeachtet.

Es war dem Polizeirat Löwe ganz neu, daß der Taifun auch ihn angriff. Zuerst wollte er sich vornehmen, tückisch zu werden. Nach Überlegung und Umwälzung in Clothildes Schlafstube wurde es ihm heller im Gemüte. Er konnte daran wahrhaftig erkennen, daß man ihn im Taifun nicht einfach zum Publikum zählte, sondern zu den Verantwortlichen, die unmittelbar neben den Künstlern ihre Geltung hatten. Das schmeichelte ihm sehr, er begab sich in der Folgezeit täglich in den Salon und zeigte sich sehr bemüht, den Mißton zu glätten.

Es war Ganswind sehr willkommen, daß er etwas rascher mit ihm verkehren konnte. Die höfliche, Hermione handküssende Art war bei Ganswind nur Oberfläche. In Wahrheit war der etwas zarte Mensch ein fürchterlicher Tyrann.

Susanne war endlich der Taifun eingefallen, wo der Doktor sich wahrscheinlich befände. Dorthin gehen? Nein. Dagegen sträubte sich ihr Trotz, wie auch die Möglichkeit, daß der Doktor sie dort bereits mit Hermione zusammen ins Fegefeuer genommen haben könnte.

Deswegen kam sie zu ganz unerwarteter Stunde nach Hause.

»Das war auch einmal gut«, dachte sie. Käterchen hatte aber Glück: es war weder die Tante noch Schellenhauer da, die sie öfters als nur einmal besuchten. Dafür lag Käterchen auf einem blutigen Kissen schnarchend in ihrer Kammer. Susanne wich mit Entsetzen zurück, als sie das große blutrünstige Maul auf dem Kissen liegen sah.

Das erste Mal aber wandelte sie Mitleid an, sie streichelte ihr über die Stirne. Sie zeigte, daß sie nicht bloß mit Kindern, die sie nichts angingen, Mitleid haben konnte, – wie das die Art der Kokotten ist. Sie hatte dem Kinde mit dem einen Händchen gestern eine Mark in das andere gedrückt. Heute streichelte sie ohne Scheu vor dem Entsetzlichen ihr Aas. Sie kam sich wie eine Heilige vor. Sie hatte nun dem Polizeirat Opfer gebracht, indem sie sich als künftige Frau Doktor herabgewürdigt und sich zu ihm begeben hatte. Schon das hatte ihr ein gewisses Heiligkeitsgefühl verliehen. Sie nahm sich geradezu vor, das kindische Liebesspiel mit dem Doktor nicht weiter zu betreiben. Sie meldete sich lieber zum Krankendienst und brachte ihr sehnsuchtgepreßtes Herze zur Befreiung. Dann war sie keine Schwindlerin mehr.

Sie ließ Käterchen ruhig weiterschlafen und setzte sich nieder, Hermiones Brief zu beantworten. Sie schrieb mit kornblumenblauer Tinte auf ein nach feinster Lilienmilch duftendes Papier. Sie teilte Hermione ihre Absicht mit. Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, war ungefähr der Sinn der Zeilen. Diese schrieb sie nicht mit den weiblichen Zügen Hermiones, sondern mit einer Wucht wie ein Botschaftsattaché, so daß den Empfänger bloß der feine Seifenduft verwundene.

Während dieser Brief durch die Rohrpost pustete, lag der Doktor an einer starken Dosis absoluten Alkohols vergiftet auf dem Stubenboden des Gartenhauses in der dritten Etage des Hauses Viktoriaplatz 25.

»Da hast du die Soße«, sprach Oskar.

»Ja wie?« sprach Hermione, ehemals Anna Käsbohrer.

Es gab einen unter Bierbrauern obligaten Faustkampf, dessen Endscherben Büffel und Frau von den Parkettböden aufklaubten.

War der Taifun in Gefahr?

Der Hauswirt Rechtsanwalt und Freund hatte eine schwere Konferenz mit Ganswind. Hermione weinte eine ganze Nacht. Und Ganswind saß aufrecht mit hochgezogenen Knien auf der Matratze. Bis es wimmerte: »Spiele!«

Das raste er auf und zerschmetterte die Tasten des Flügels, daß ihre Symphonien die Ziegel des Hauses von den Dächern warfen und der erquickungspendende Berliner Landregen oben hineinregnete.

Ossi spielte, schnaubte und wand sich, Hermione zerraufte sich die Haare, als reuige Büßerin auf den persischen Teppich gebeugt. Büffel und Frau durften zusehen, denn sie waren auf den Lärm hin mit Nachschlüssel eingedrungen. Das versöhnte wieder, denn Büffel war ein für Kunstreiter schwärmender verkrachter Clown. In Strömen spendete er Schaumwein, bis selbst seine alte Hexe hingerissen war.

Der Polizeirat hatte Clothilde zur Vorwitterung in den Taifun geschickt. Dieser war es eine Spielerei, sich dareinzufinden. Sie benutzte den Gang zum Fernsprecher, beim Doktor nachzufragen. Sie ließ ihn durch die weibliche Sanitätskolonne in den Taifun bringen. Der Polizeirat, fernsprecherisch unterrichtet, weckte Susanne, die in übernächtiger Askese zusammengebrochen war und bewog sie, ihn zum Taifun zu begleiten.

Es existierte ein Bild des großen Müller, das bei den Taifunisten hing, Weltschmerz betitelt. Streng nach dessen Farben und Linien bewegten sich die in Jammer und Glück des Wiedersehens ruinierten und sich aufraffenden Gottheiten des Taifuns, gestützt von dem Verantwortlichen.

Susanne und der Doktor durften sich in einem Extrasalon betoben. Da flossen Ströme von Tränen wie die Fluten des Nils zur Zeit der Überschwemmung. Susanne war Haupt-, und der Doktor Nebenfluß.

Als sie beide genügend geweint hatten, war es vorbei, und Susanne begann wieder mit ihren Strahlen vorzubrechen.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.