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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Susanne Flaubert gefiel es längst nicht mehr in Brüssel. Ihre Freunde waren außer Landes. Sie saß trübselig in ihrer Wohnküche. Am Gasbratofen stand Käterchen, ihr Dienstmädchen, und machte Rühreier. Sie tapfte gleichgültig und gedankenarm mit dem Löffel in der Pfanne herum. Zur Vermehrung oder zum Ersatz des Fettgehaltes fielen in kurzen Abständen die Katarrhtropfen von ihrer Nase in die Eierpfanne.

Susanne hatte dafür kein Auge, ihre Blicke gingen wissenshungrig durch die Fensterscheiben. Sehr aufmerksam lag aber Kätzi in Susannes Schoß und sah mit blauen besorgten Augen nach Käterchen hin.

Käterchen hatte sich die Naschsucht vor den Blicken der Katze allmählich abgewöhnt, denn sobald sie den Versuch machte, eine Speise zu kosten, tatzte Kätzi mit der Pfote nach dem Kinn der Herrin.

Wie ein unartiges Kind übte Kätzi am Dienstboten Kritik, paßte auf alles gut auf, was dieser tat, und durfte sich dabei selber alles herausnehmen. Käterchen konnte darum die Katze nicht ausstehen. Sie plante ständig, wie sie die Katze auf geheimnisvolle Weise entfernen könnte.

Da floß hinter dem Hause der Kanal vorüber. Immer gelüstete es Käterchen, Kätzi darin, in einen Sack gebunden, mit einem Stein beschwert, zu ersäufen. Bloß unbemerkt hätte es geschehen müssen.

Zur Ausführung ihrer schwarzen Gedanken kam es nie. Sie wagte es nicht, den Sack an den unteren Stockwerken vorbeizuwerfen, auch nicht nachts damit zum Hause hinaus an das Wasser hinzuschleichen.

Äußerlich mußte sie Kätzi immer schöntun. Kätzi war wie Susannes verwöhntes Kind. Die geringste unsanfte Berührung der zarten Angora oder ein versehentlicher Tritt, hatten den tagelangen Zorn Susannes zur Folge. Kätzi trug farbige seidene Schleifchen, sie besaß sogar Goldschmuck. Käterchen hatte darüber einen heillosen Ärger: wie die reinste — wurde sie gehalten. Was Brüssel an Spitzen erfinden konnte, wurde um die Katze gewickelt.

Und dieses dumme Ding paßte auf sie beim Eierbacken auf. An Kätzis Nase schossen die Stubenfliegen vorbei; sobald eine von ihnen die Katze ablenkte, schob Käterchen den Löffel in den Mund.

Aber die dumme Sau guckte nicht weg.

Und Susanne schien ganz vertieft in der Betrachtung der Straße. Das war wieder ein recht ungemütliches Kochen unter Polizeiaugen.

In diesen trostlosen Stumpfsinn war das Leben übergegangen, seitdem die Trikolore von Brüssels Türmen verschwunden war. Susanne fühlte beim dauernden Anblick der Straße eine Gehirnstörung. Sie stand plötzlich auf, strich sich nachdenklich über die hohe Aztekenstirne und hielt die Katze im linken Arm. Käterchen gelang ein heimlicher Löffel.

Nach diesem Anfall war es wieder vorbei. Man aß einträchtig das bescheidene Mahl, Käterchen am Katzentisch, und die Katze mit der Dame. Eine Stadt war Brüssel nicht mehr. Susanne ließ sich von Käterchen die Sehnsucht kitzeln nach der Zeit, wie es gewesen war, nach dem Kapitän Labougère und der wunderschönen Madeleine. Die waren immer bei Susanne aus und ein gegangen, Käterchen war von allem Mitwisser und Zeuge. Der Kapitän hatte einmal die weiße Weste liegen lassen, und die eifersüchtige Pipi hatte gleich nachher daraufgesessen, ohne daraus die gewünschte Entdeckung zu machen.

Damals war Käterchen fast geplatzt vor Lachen. Und nun? Sie saßen, von niemand mehr gekannt, ganz verlassen. Die Wohnküche war ein verzweifelter Aufenthaltsraum, die Schlafstube erinnerte an ein Nadelkissen.

Käterchen war vom Schwarzwald auf einer Floßfahrt nach Brüssel verschlagen worden. Sie hetzte unablässig an Susanne, nach Deutschland hinüberzugehen. Über Berlin erzählte sie allerschönste Räubergeschichten, von der Friedrichstraße und Berlin bei Nacht. Es war zwar ein mehr sprichwörtlicher Ruhm der deutschen Weltstadt, Genaueres wußte niemand.

Susanne ließ sich die Entscheidung schwer werden. Sie hatte allmählich ein Bankkonto zusammenkratzen können, ohne vor ihren Freunden durch Geiz und Sparsamkeit unangenehm aufgefallen zu sein. Damit konnte sie in diesem wahrhaftigen Vogelbauer ein paar Jährchen durchhalten. Aber was war dann, wenn sich das aufzehrte? Sie war dann mehrere Jahre älter, hatte womöglich das dreißigste überschritten, und die alten Bekannten fanden sich wahrscheinlich nie wieder so zusammen wie vorher. War's nicht richtiger, den Sprung nach Berlin zu wagen?

Sie verjuxte dabei natürlich ihr bißchen Geld in wenigen Wochen.

»Das müssen Sie eben gescheit angreifen«, meinte Käterchen. »Vielleicht kriegen Sie dort schnell einen Mann. Einen festen. Nicht bloß so zur Durchreise.«

Dies zog. Susanne besorgte sich die Pässe, um nach Deutschland einwandern zu dürfen. Und Käterchen, die vor Freude herumschusselte, packte den Hausrat zusammen, soweit sie ihn nicht mit ihren klobigen Händen zerbrach.

In dem Sinne ging alles glatt von statten. Ohne viele Zwischenlage von Spänen liefen Geschirre und Gläser in eine Kiste hinein, in stolzer Absicht, bald Berlin zu sehen. Auch die Pässe wurden von der Behörde ausgestellt. Susanne hatte nach Ansicht der Polizei keine besonderen Merkmale, sie war blond, hatte dunkle Augen, die wie Kamelaugen leuchteten. Da es aber nicht Sitte ist, in Personalbeschreibungen große Phantasien zu geben, so schrieb man nicht Kamelaugen, sondern Augen: dunkel. Nase: gewöhnlich. Mund: gewöhnlich. Besondere Merkmale: keine.

Susanne war anfänglich hochbeglückt, daß sie nach dieser Personalbeschreibung unbehelligt reisen konnte. So sahen ja alle Menschen aus. Aber als man dann bei Käterchen dasselbe schrieb, da rührte sich in ihr ein unangenehmer Wurm. Daß sie mit ihrem Dienstboten gleiche Gestalt haben sollte!

Sie begann auf dem Bureau der Polizei die Unterschiede zwischen ihr und Käterchen zu erläutern. »Sehen Sie doch mich an: ich habe eine interessante hochgeformte Stirne, den Kopf leicht aztekenhaft aufgetürmt, darauf trage ich stets eine hohe mit einer Haarunterlage gestützte Frisur, hintenoben, nach dem Stile von Madame Bernadotte. Und sehen Sie dagegen die niedere uninteressante bäurische Stirne von Käterchen an, mit den sinnlosen Löckchen, die an den Kopfecken stehen. Das muß doch in den Pässen stehen.«

»Die Frisur könnte das Mädchen ebenso bauen«, brummte der Polizeisoldat.

»Aber mein Herr, wie können Sie das sagen? Niemals würde ich es gestatten, daß sich Käterchen meine Mode aneignete.«

»Ist Ihre Mode gesetzlich geschützt?«

»Nein.«

»Was wollen Sie dann eigentlich?«

»Und dann haben wir ja ganz verschiedene Nasen. Meine Nase hat eine interessante geschwungene Dimension, ich habe die Nase ein bißchen wie Philipp II. von Spanien. Und Käterchen hat einen dicken Kolben, ähnlich wie die Sorte der Gurken, die man mit Vorliebe zum Sauermachen wählt.«

»Ich kann Sie, verehrtes Fräulein, aber doch nicht als einen Philipp nach Berlin fahren lassen und Ihr Mädchen als Gurke.«

»Und sehen Sie weiter in meine Augen. Was entdecken Sie darin?«

Der Polizeisoldat sah mit einer gewissen Scheu in die Augen der Dame. Als er aber in den Augen darin war, da spürte er Lendenschmerzen und machte eine rückende Bewegung auf dem Stuhle. Und unwillkürlich rückten alle im Zimmer Schreibenden auf ihren Stuhlsitzen.

Susanne lächelte darüber mit freudigem Entzücken. Sie schob sodann den Kopf Käterchens vor den ihrigen.

»Das Fräulein sieht mich ja gar nicht an«, sagte der Soldat.

»Das ist ebenso, als wenn sie Sie ansehen würde«, meinte Susanne. »Ihr Auge ist völlig tot, und mein Auge ist eine Fülle von ungelösten Rätseln.«

Man hustete und räusperte sich im Zimmer. Der Soldat besah sich aufmerksam die Pässe und wußte nicht, wie er über die Augen schreiben sollte. »Na«, sagte er schließlich, »daß man sich nicht an das Fräulein wenden muß, sondern an die Dame, das sieht ja in Berlin ein jedes. Es ist belanglos. Haben Sie noch etwas?«

»Oh ja, ich habe noch etwas.«

Manche standen von ihren Stühlen auf und setzten sich dann wieder. Mit dieser wären sie alle gern nach Deutschland heimgefahren.

Vom Munde war gar nicht zu reden. Susanne hatte zartgespaltene Bienenlippen, und Käterchen einen Schweinsrüssel. Sie sagte es nicht, denn es sah ja jedermann. Nur im Passe hätte sie diese Randbemerkung gern stehen gehabt. Der Soldat kam ihr zu Hilfe und sagte: »Und wenn eins von Ihnen zum Küssen genommen wird, dann ist es ebenso.«

»Und es ist also gar nicht möglich, meine Personalien anders als die ihrigen anzugeben?« seufzte Susanne.

»Warum wollen Sie denn das durchaus? Sonst im allgemeinen sind die Leute froh, wenn man nichts Besonderes an ihnen findet. Wenn ich dann unter besonderen Merkmalen etwas hinschriebe, das wäre schon wie ein Wink an die Polizeibehörden, daß man auf Sie aufpassen solle.«

Susanne besann sich. »Die besonderen Merkmale würden ja auch wohl innerlich am deutlichsten zu finden sein«, sagte sie dann. »Mir käme es eben darauf an, in Berlin gleich in die richtigen Hände geleitet zu werden.«

Das machte den Polizeimann stutzig. »Fahren Sie denn mittellos? Dann dürfen wir Sie überhaupt jetzt nicht fahren lassen.«

»Nein, ich habe dreitausend Mark in der Tasche.«

Die werden bald verjubelt sein, dachte der Mann und sah mit bedenklicher Grimasse auf den Paßvermerk: Zweck der Reise. Er wollte die Hübsche gern nach Berlin gelangen lassen. Wenn er nach dem Zweck der Reise frug, so erhielt er möglicherweise eine unkluge Antwort. Und er schrieb ohne weitere Nachfrage an diese Stelle »Kunststudien«.

Susanne sah ihm über die Schulter ins Papier. Ihr Herz klopfte stark, und als der Mann nach ihr herum sah, errötete sie. »Zweck der Reise?« frug er sie jetzt.

»Kunststudien«, erwiderte Susanne mit leiser Heiterkeit.

»Und Ihr Käterchen?«

»Begleitung.«

»Jetzt können Sie zufrieden sein. Und nun merkt auch alle Welt, daß es sich nicht um das Fräulein dreht, sondern um die Dame. Sie sind die Künstlerin, und die andere ist die Geige.«

Ein allgemeines Gelächter entstand im Zimmer. Susanne grinste, daß die Ecken der zarten Bienenlippen an die Ohren hinumtraten. Unerwarteterweise wehrte sich Käterchen dagegen. »Wie man's ansieht«, knurrte sie.

Die Polizeibeamten lachten und waren froh, daß ihr trübseliger Vormittag, den sie absaßen, von diesem Stern und seinem Trabanten durchschnitten war. Susanne selbst war ihre Reise nicht so recht geheuer, wenn sie auch jetzt mitlachte. Die Frage nach dem Zweck der Reise hatte in ihr neue Bangigkeit um die Zukunft hervorgerufen.

Sie hätte keinen Zweck angeben können. Ihre Reise war ein Sprung ins Dunkle. Fortan wußte sie wenigstens, daß sie als Kunststudierende nach Berlin reiste. Um die Kunst hatte sie sich bisher gar nicht gekümmert. Die Idee war vielleicht gar nicht so dumm. Es war eine wirkliche Idee.

Während sie mit Käterchen die Polizeistube verließ, blickten ihre Kamelaugen in die dämmerigen Steinhallen des gehirnlosen Gebäudes. Man fühlte, wenn man es durchschritt, nichts von der darin geleisteten Arbeit, und doch zitterte ganz Brüssel vor seiner Macht. Ihre Schritte waren elastisch, denn sie ging als eine wohlaffektionierte Künstlerin ihrer Zukunft entgegen.

»Was haben Sie als Beruf angegeben?« frug Käterchen mit leiser Stimme, als sie eben die Straße betraten. »Kunststudien?«

Susanne nickte bejahend und lief rasch, nur um außer Hörweite der Polizeiohren zu sein, wenn sie mit Käterchen redete.

»Wir gehen jetzt gleich in einen Buchladen und kaufen uns einen Plan von Berlin.«

Käterchen schob mit der Herrin durch die Winkel und Gassen und wollte immer etwas Näheres wissen. Susanne gab ihr nur knappe und unbestimmte Antworten. Das Ziel war nun der Buchladen. Als sie ihn endlich betrat, fühlte sich Susanne bereits in Berlin. Sie nahm ein forsches und entschlossenes Wesen an. Käterchen mußte vor dem Buchladen stehen bleiben.

Dort glotzte sie verständnislos in die Schaufenster und las langsam aber sicher alle Buchtitel, damit sie keinen im Gedächtnis behielt. Was wollte denn Fräulein Susanne mit der Kunst in Berlin? Das erschien Käterchen eine so dumme Veränderung des ganzen Lebenszwecks, daß sie nun lieber in Brüssel geblieben wäre. Parole Heimat hätte ihr gefallen, aber mit dem Zweck recht eingehenden Poussierens. Und da kam Susanne ohne Buch zurück. »Wir kaufen es in Berlin«, sagte sie zu Käterchen.

Planlos war sie aus dem Buchladen herausgekommen. Susanne wurde es angst und bange. Käterchen gegenüber gestand sie es nicht ein. Sie nahm ihr sonst den Mut. Und in den neuen, ihr ganz fremden Verhältnissen war es sehr wichtig, daß die heimatkundige Schwarzwälderin bei Stimmung blieb. Susanne hielt sich für die Geige, und Käterchen war der Spieler.

Nun war es soweit, daß alles verpackt war. Auch der Gasbratofen. Es war ein kleiner Möbelwagen voll, als halber Wagen kostete die Fracht mit Umladung noch kein Vermögen. Billiger war's bestimmt, als wenn man jetzt in den teuren Zeiten alles hier verkaufte und dort neu kaufen mußte. Und wer hätte jetzt in Brüssel alten Hausrat aufgekauft?! Susanne saß dauernd als Zuschauer mit der Katze im Schoß, dankte es Käterchen durch mancherlei Umarmungen, daß sie den ganzen Mist so kraftvoll handhabte.

Der Tag der Abreise war da. Die nachts noch einmal benutzten Betten wurden von den Transportsoldaten zusammengeschlagen und weggeschafft. Unwiderruflich ging es nun nach Berlin. Susanne mit der Katze und Käterchen standen in der ausgeleerten Wohnung. Wenn es nur noch so einfach zu reisen gewesen wäre wie zur Kinderzeit! Damals glaubte Susanne, als sie ganz allein auf dem Bahnhof von Mézières saß, mit der Fahrkarte in der Hand, der Bahnhof fahre mit ihr nach Brüssel, und sie hatte in Seelenruhe den ersten Zug wegfahren lassen, ohne hineinzusteigen. Das wäre nun so schön gewesen, wenn die leere Wohnung gleich mit ihnen losfuhr wie damals der Bahnhof von Mézières. Aber so war es nicht. Man mußte noch ein heftiges Eisenbahnfieber durchmachen und soundso viele Sicherheitsposten und Kontrollen hinter sich bringen, bis man endlich im D-Zug saß, Brüssel-Warschau, über Berlin-Mitte. Es waren interessante Ungeheuer, welche die D-Züge aus den Städten machten. Wie wird man mit ihnen den Kampf bestehen? Susanne schien es klar, daß sie vor allen Dingen sich erst richtig von dem neuen Ungeheuer verschlingen lassen mußte, um es dann von seinem Innern aus zu überwinden. Mit der Katze stieg sie die Treppe hinab, es war ihr sehr weh im Herzen, wie bei einem Abschied auf Ewigkeit.

Käterchen schritt wortlos hinter ihr, mit wütenden Blicken nach der Katze. Daß die mit nach Berlin kommen sollte, das behagte ihr gar nicht. Und was für ein freches und selbstverständliches Gesicht das Vieh auf Susannes Arm machte! Als Susanne im Heimwehschmerz das Tier mit Tränen benetzte und es an sich preßte: »Mein Kätzi! wenn ich nur dich habe, du gehst mit mir«, da verzog Käterchen spöttisch den Mund.

Sie hatte es sich geschworen, die Katze dürfe nicht nach Berlin mitkommen. Wenn sie es nicht fertiggebracht hatte, die Katze im Kanal zu ersäufen, dann warf sie sie ganz gewiß aus dem Kupeefenster, wenn der Zug dahinraste. Käterchen fühlte mit Wonne den Schnitt, mit dem die Wagenräder über den gehaßten Pelz hinwegfuhren. Sie gab sich den Anschein lächelnder Gleichgültigkeit. Die Rache an dem Tier, das sie beaufsichtigte, war dann desto überraschender und teuflischer.

Susanne war mit der Katze eine auffallende, doch vornehme Erscheinung, welche sich von dem rauhen Hintergrunde Käterchens in glänzendem Lichte abhob. Sie trug einen violettseidenen Reisemantel und ein schwarzes Samtkäppi mit einem weißen Zweihundert-Mark-Reiher; der Hut hielt sich mit einer Brillantagraffe an der hohen Haarfrisur fest, so daß er sich ansah, wie eine um eine Felsklippe fliegende Sturmmöve. Ein fast unsichtbarer Schleier zog sich über das interessante Gesicht, mit seinem Netze suchten leidenschaftliche Lippen hie und da nervös die Berührung. Die Katze stak am Bahnhof in der großen Zobelmuffe und glich einer verhätschelten Prinzessin. Käterchen fuhr in der weißen Schürze mit der Reisetasche.

Susannes Augen waren in lebhafter Bewegung, den Ausweg nach dem Bahnsteig zu gewinnen. Es ging durch die Zollstation und durch die Kontrolle.

Susanne zeigte ihre beiden Pässe vor und wollte durch die Sperre. Da packte sie im letzten Augenblick ein derber Griff: »Halt, da ist noch jemand!«

»Nein, wir sind nur zwei.«

»Ihre Katze.«

Sofort funkelten Käterchens Augen frohlockend, und ihre Zunge leckte heraus. Die Katze durfte gewiß nicht mit. Susanne sah mit blassem Gesicht auf den Beamten.

»Verlieren Sie keine Zeit, Sie müssen für die Katze einen Paß haben, oder Sie müssen sie laufen lassen.« Susanne ruderte mit aller Macht rückwärts in die Menschenhaufen. Sie stürzte voll Entsetzen und Aufruhr zum Kommandanten. »Man sagt mir, die Katze müsse einen Paß haben.«

»Stimmt«, war die trockene Antwort.

»Aber wie soll ich denn einen Paß bekommen?«

»Da müssen Sie auf die Polizeistation Ihres Reviers.«

»Ja, aber der Zug geht ja ab.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, meine Dame. Wenn Sie mit Ihrer Katze keine Unannehmlichkeiten haben wollen, etwa eine Beschlagnahme unterwegs, so versehen Sie sich mit einem Paß. Oder Sie lassen sie laufen.«

»Beschlagnahmt? – Wie die Butter? – Das Fleisch?« Susanne zitterte durch den ganzen Leib. Sie rannte los, Käterchen mußte mit. Auf die Polizeistation.

Aufgeregt kam sie hier an; im letzten Augenblick ihren inneren Aufruhr bemeisternd, bat sie um den Paß für die Katze. Sie hatte noch eine leise Furcht, ausgespottet zu werden. Aber nein, der Polizist schlug sofort ein Buch auf und begann mit dem Verhör.

Was hatte Käterchen unterwegs geschimpft und geflucht, mehr Flüche, als der Schwarzwald an Klaftern Holz liefern kann! Susanne antwortete ihr mit keiner Silbe, sie sah nur mit Entsetzen in die entblößte Seele ihres für unwandelbar treu gehaltenen Dienstboten. Und jetzt auf der Polizeistation fühlte Susanne unwillkürlich eine Art Schutz für Kätzi. Sie hatte die bureaukratischen deutschen Unbegreiflichkeiten kritisieren wollen, aber wenn jetzt Kätzi einen Paß hatte, so konnte ihr doch unterwegs durch Käterchen kein Leid geschehen, denn sie reiste mit, wichtig wie ein Menschenleben. Käterchen war ja zu allem fähig, wenn sie vorhin geschrien hatte, daß sie Kätzi besser unvermerkt schon lange im Kanal ersäuft hätte.

Der Beamte frug: »Name?«

»Kätzi.«

Und dann kam die ganze Personalbeschreibung. Zuletzt »Zweck der Reise«, das füllte der gemütvolle Beamte wieder selbst aus und zwar: Freundschaft. Da preßte es Susannes Tränen mit Gewalt hervor. Und die ganze Erschütterung, die sie durch den Gedanken, Kätzi laufen lassen zu sollen, und durch Käterchens Geständnis ihres langen nur versteckten Hasses erlitten hatte, kam endlich zum Ausdruck.

Der Polizeisoldat strich noch über das zarte weiche Fell, und dann gab er Susanne die Hand, wünschte glückliche Reise, ermahnte noch, den Abschied von Brüssel nicht gar so schwer zu nehmen, in Berlin sei es viel schöner. Susanne lächelte ihm dankbar mit den vertränten Augen zu, mußte dann stärker lachen, weil sie sich schämte, so geweint zu haben.

»Warum gehen Sie eigentlich nach Berlin?« frug da der Mann, »es gibt doch gegenwärtig in Brüssel mehr Männer als in Berlin. Dort gibt es jetzt bloß Frauenzimmer.«

Susanne verstand diesen Hinweis auf seine eigene werte Männlichkeit sehr gut und wollte ihn deshalb nicht verletzen. Sie antwortete: »Jetzt geht es leider nicht mehr zu ändern.«

Der Polizeimann dachte wohl, hätte ich das Fräulein vorgestern besser vorgenommen... Er setzte sich wieder und zog an seinen Hosen. Es mußte ihm nicht recht ins Kraut passen, daß er so persönlich geworden war. Er frug mit Sachlichkeit: »Hat es eigentlich was zu bedeuten, daß Sie das Fräulein Käterchen nennen, hat das Beziehung zur Katze?« Dabei hielt er den Paß für die Katze in der Hand und wippte damit, ehe er ihn hergab.

Susanne verstand die Frage nicht und antwortete zaghaft: »Nein.«

»Warum denn so zaghaft?« Er lächelte dabei fast gemein.

Susanne fürchtete sich. Sie glaubte, auf ihrem Wege hierher sei das unflätige Schimpfen des Mädchens über die Katze gehört worden und der Bericht darüber ihnen zur Polizeistation vorausgelaufen. Warum hielt er denn noch den Paß so zögernd in der Hand?

Der Polizeimann frug jetzt das Mädchen selber: »Das ist die Katze, und Sie sind das Käterchen? – verstehen Sie das?«

Käterchen antwortete: »Jawohl, ich verstehe Sie, aber wir zwei haben nichts miteinander zu schaffen. Wir sind Todfeinde aufeinander. Ich heiße eigentlich Kätterchen, weil ich Katherine heiße, aber das gnädige Fräulein kann es nicht anders aussprechen.«

»So sag ich ja, Kätterchen«, meinte Susanne, aber es klang wiederum wie Käterchen.

»Das ist alles?« Der Polizeimann legte den Paß in die Hand Susannes. Er war sichtlich unzufrieden. Man sah ihm an, daß er, war es auch nur durch ein paar Worte, die Aufdeckung eines komplizierten Katzenverhältnisses gewünscht hätte.

Unwillkürlich drückte Susanne, als sie den Paß endlich hatte, einen Kuß auf die Katze. So schwebte sie ab, hinter ihr Käterchen. Durch die geschlossene Tür des Bureaus hörten sie noch das Lachen der Männer. Susanne war froh, nun unterwegs zu sein. Und Käterchen fühlte sich durch den ganzen Vorgang herabgewürdigt.

Mit der Katze wurden sie überall zum Gespött; mürrisch und mit immer größer werdendem Abstand folgte die Magd der Herrin. Susanne trug mit desto innigerer Liebe Kätzi zum Bahnhof. Sie war fast überglücklich, endlich an Kätzi ihre Liebe durch eine Tat bewiesen zu haben. Das erste Mal hatte sie die Katze vor den Menschen bekannt.

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