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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Der Taifun brauste in nie erlebter Stärke. Alle Salons waren gedrückt voll, und auf der Straße bis in den Vorhof prügelten sich die Menschen, weil die mit Karten versehenen das Vorrecht beanspruchten, hineinzukommen. Die Leute waren außer sich und schrieen nach Hilfe und Polizei! Je lauter man das Wüten des Taifun im Hofe und auf der Straße vernahm, desto gieriger wurde der Drang. Und bis weit auf die Straßendämme, wo schon kein Mensch mehr wußte, warum hier gedrückt wurde, zog und sog der Taifun. Er raste wie eine Kornmühle, die solange mahlte, bis sie vor Überlastung sich warm lief und stille stand. Das durfte aber nicht eintreten. Hermione sorgte für fortwährenden Fluß der zuströmenden Massen, während Ganswind am Flügel den Taifunmarsch in den Äther polterte. Er lautete: Tramm tramm trarrrrramm mmm rrrrrrr ki ki ki kik Tramm tramm Trrrr taif taif fffff ttrrrrrr. Er war ohnegleichen, für den Abend neu erfunden. Schon suchte ein blutendes Gehirn die nächste Unfallstation auf, dem die silberne Krücke eines schwarzen Ebenholzstockes im Gedränge ein Loch durch die Schädeldecke geschlagen hatte. Das waren Nebenerscheinungen. Die Haupterscheinung war Freiin Edle von der Schelde.

Sie sollte sich durch das Gedränge hindurchzwängen. Das fiel ihr nicht im Traum ein. Sie hatte auf der rechten sowie auf der linken Schulter je eine schaurige Katze sitzen, die nach allen Seiten fauchten, spieen oder kratzten. Es waren die gefürchtetsten Teufel von Buckow in der Mark. Sie hatten dort binnen vierzehn Tagen sämtliche Vögel gefressen, – wie sollten sie sich in Berlin eines besseren Betragens befleißigen? Im Katzenkranze mußten sie stets in Ketten gelegt werden, weil sie sonst blutige Bisse und Wunden verteilten. Und Freiin Edle von der Schelde schimpfte überdies solche quarrenden Worte durch die Menge, daß alles bestürzt zur Seite wich. Oben in der Ausstellung wollte man sie nicht hereinlassen, da sagte sie sofort: »Wagen Sie mich zurückzuweisen, dann sind Ihnen binnen zehn Sekunden alle Haare vom Haupte gerissen.« So sprach sie zu der sanften Taifundame, Fräulein Senflein. Glücklicherweise stand sofort Hermione da. Mit lachender Miene reichte sie der Freiin die Hand. Diese schlug ihr eins darauf. Das erschütterte Hermione aber durchaus nicht; sie war zu welterfahren. Sie sagte nur: »Ich bin überrascht, Ihre edle Hand so zart zu finden.« Pustend und schnaubend hielt sie ihren Einzug, bis sie im gedrücktesten Salon mit ihren Bestien ruhte. Auch alle anderen Katzendamen wichen vor ihr aus. Man hatte nur wegen ihres vornehmen Stammbaums den beiden Viechern die Mitgliedschaft nicht verweigern können.

Das Wunderbarste war, daß Hermione den Kopf nicht verlor beim Dirigieren der unbekannten und fremden Massen. Sie war ganz auf sich angewiesen, denn ihr Ossi war auf dem Klavierstuhl vor dem Flügel festgenagelt. Er sah die Massen der Gäste und Taifunisten sichtbar wachsen. Beim Anschwellen der drohenden Brandung bekam er Furcht, aber weil er auf Hermiones Befehl nicht vom Flügel weichen durfte, so setzte er seine schweißende Angst in todverachtende Verzweiflung um, daß er schwarz und weiß nicht mehr unterscheiden konnte: f und fis stachen einander in die Wampen. Die Tortur war derart, daß die um Ganswind gescharte Menschheit in tiefer Besorgnis das sekundlich komponierende Genie bewunderte und bedauerte. Die Zuschauer alle fürchteten, daß aus den Grimassen seines Gesichts ein zweites Klavier im Raume fabriziert würde. Es waren körperliche Schmerzen, die sie fühlten; und allmählich tanzten und wanden sich alle in ähnlichen Schwingungen wie der Komponist sie am Klavier produzierte. Und während diese Zuckungen sich wellenförmig weiterbewegten, begann im Hof und auf der Straße eine solche Unruhe, daß die berittene Schutzmannschaft erschienen wäre, wenn nicht alle Pferde eingezogen gewesen wären. Im Laufschritt nahte trotzdem eine Gruppe Schutzleute. Als sie aber das gemütvoll dreinschauende Haupt von Polizeirat Löwe in der ersten Etage des Hauses erblickten, zogen sie wieder ab, nachdem ein siebzehnjähriger Taifunist, der sich hindurchzwängen wollte, einen Knochenbruch erlitten hatte.

Die Kasse des Taifun hatte inzwischen fünfzehntausend Menschen mit Eintrittskarten versehen, mit einfachen grünen, gelben, und als diese zu Ende waren, mit blauen Zetteln, ohne jede Aufschrift. Die kleine Senflein forderte immer höhere Preise, was keinerlei Erstaunen erzeugte, denn man war gewöhnt worden, für einen Kohlrabi vierzig Pfennig bis zu sechs Mark zu bezahlen. Alle Preisgesetze standen nach Willkür. Jeder verlangte nach Gutdünken, warum sollte sich die Kunst nicht in erster Linie die Lage zunutze machen?! Und alle die drängenden, Geld hinliefernden Menschen sahen im Innern einige Katzen, einen Flügelakrobaten, eine auffallend schöne nordische Dame, die jeden einzelnen anlächelte wie einen einmal gehabten Bettgefährten. Weit gefehlt, daß ein Tee gereicht wurde. Ja, nur im ersten Katzenraume waren die hohen Damen mit Tee beschäftigt, aber sie gehörten zu der Vorstellung.

Die Frau des Polizeirats suchte vergeblich den Doktor. Dieser stand in eine Ecke gepreßt und fürchtete sich, hervorzukommen, weil er befürchtete, einige seiner dürren Rippen im Gedränge zu brechen. Bei der großen Saugkraft des Taifun fanden allerdings auch Damen seine Ecke. »Bei Gott, Sie sind es, Evchen, ach, wie lieb!« rief er aus, dann verkroch er sich noch tiefer, und vergebens mühte sich Evchen, mit ihm intim zu werden, mit dem einzigen Bekannten.

Gegen sechs Uhr, programmgemäß, pausierte Ganswind. Er stand auf und brachte zunächst seine Knie zur Streckung, dann suchte er Hermione und bat sie, Schluß zu machen. Hermione glänzte ihm entgegen: »Ossi, Ossi, wenn du unser Kassengeschäft kennen würdest? Senflein verlangte für den letzten lila Zettel zwanzig Mark. Und diese bezahlte ein Munitionsarbeiter, den ich zufällig erkannte. Auch hat der Hauswirt seine eigene Wohnung geöffnet; sie sei ebenso dicht angefüllt.«

»Aber die Menschen haben ja dort gar nichts«, äußerte Ganswind besorgt.

»Laß sie doch, Ossi. Die Menschen wollen ja gar nichts haben, sie wollen nur ihr Geld bezahlen. Die Menschheit geht endlich den Zeiten entgegen, wo das Geld verachtet wird, weil es keinen Wert mehr besitzt«, frohlockte Hermione.

»Und dann willst du dich zur Lumpensammlerin hergeben?« rief Ganswind entrüstet. »Das ist deiner unwürdig, du schönstes der Weiber des Erdenballes.«

»Wahrhaftig, du machst mich aufmerksam; laß schnell schließen, Ossi, ich geh zu den Damen.« Hermione eilte davon.

Ganswind gab Glockenzeichen, immer wieder, bis er reden konnte, dann verkündigte er: »Wegen allzu großen Andrangs ist die Kartenausgabe für heute geschlossen. Nächsten Mittwoch ist die Wiederholung.« Das gab Luft. Was noch nicht mit Zetteln versorgt war, flutete zurück auf die Straße, rannte auf den Steigen entlang, nach anderen Stätten suchend, um das Geld zu Wert zu bringen.

Als Ganswind von der Kasse wegging, gefolgt von der kleinen Senflein, begegnete er Susanne.

Er begrüßte sie mit vielen Verneigungen, so schön war sie. Er küßte ihre Hand, dann schnaufte er und scharwenzelte: »Ein Riesengeschäft gemacht. Der Taifun kann sofort Kapital kaufen und ein Theater eröffnen.«

»Herrlich«, sagte Susanne begeistert.

Es kamen Gäste näher, die die Sprechenden als auffällige Menschen betrachteten. Infolgedessen schlugen sich Ganswind und Susanne in rascherem Gange durch das Gewühle in den Sälen. Überall nickten kleine Mädels nach ihnen. Diese waren aufgestellt, um Diebstähle an den seltenen Gemälden und Skulpturen zu verhindern.

Oft ließen sich Anwesende roh und lustig vernehmen, spotteten, falls man es Spott nennen konnte, hätten sich aber gar zu gern ohne Geldaufwand an den Lächerlichkeiten bereichert. Deswegen hatte Ganswind in weiser Voraussicht Posten genug aufgestellt. Und an einer Szene hatte Susanne große Freude.

Da war ein Herr mit einer Dame ertappt worden, die gerade einen ganz verdrehten Gips verulkten, ihn aber, so groß und umfangreich das Kubistenwerk war, unter dem Kleid der Dame verschwinden lassen wollten.

Das Aufsichtsfräulein trat auf das Paar zu und bat, die Figur erst an der Kasse zu erwerben.

»Das wollen wir ja auch«, schrie der Herr.

»Sie kostet zehntausend Mark«, antwortete das Fräulein.

Der Herr gab sich den Anschein, als ob er diese Summe auch erwartet hätte, und sagte: »Gut, dann können wir die Figur ja auch zur Kasse bringen.«

»Falls Sie sich mit soviel Bar versehen haben.«

»Nehmen Sie keine Anzahlung?«

Ganswind ging eilends hinzu. Das Geschäft war glatt.

»Selbstverständlich, mein Herr, wenn Sie mir Zweitausend Mark anzahlen können und Ihre Adresse hier lassen, so erhalten Sie das Werk gut verpackt zugestellt.«

Der Herr überlegte. Sollte er lieber zweitausend Mark anzahlen, die Adresse falsch angeben und die Büste schwimmen lassen, oder sollte er die zehntausend opfern und den um seiner Lächerlichkeit willen gemausten Gegenstand in seinen rechtmäßigen Besitz bringen?

Herr und Dame sahen sich an. Die Dame erblaßte. Susanne glühte vor Entzücken bei diesem Bilde. Endlich sagte er: »Gut, ich werde zweitausend anzahlen und meine Adresse hier lassen.« Die Dame sank ohnmächtig auf einen Stuhl. Im Taifun drängte sich alles nach diesem Salon. Sofort notierte das Fräulein die Adresse: Robert Smith, Große Frankfurterstraße 57. Dann hielt sie die Hand hin und erhielt zweitausend Mark. Nun wollte er seine Frau unter den Arm nehmen und sich empfehlen. Ganswind verneigte sich bereits aufs ehrerbietigste. Doch es gelang nicht, die Frau vom Sitze hochzubringen. Sie sagte: »Wenn du schon zweitausend geopfert hast, so erwirb doch lieber das Kunstwerk sofort, und wir nehmen es mit.«Darüber wurde er sehr ärgerlich und wütend, biß die Zähne zusammen: »Was willst du dich damit abschleifen? Der Salon besorgt sie uns ins Haus.« Die Dame sah auf die zweitausend Mark, welche das Fräulein in der Hand hielt. Es war ihr leid, für das schöne Geld gar nichts zu haben. Aber allerdings, ihr Mann hatte recht. Sie bequemte sich endlich, dem Gatten zu folgen. Ganswind verneigte sich: »Ich empfehle mich.« Der Polizeirat kam auf Ganswind losgeschossen und gratulierte ihm herzlich. Ganswind sagte recht laut: »Ah, Herr Polizeirat.« Die Dame an des Gatten Arm rannte beschleunigt davon.

Susanne lachte zuerst hell hinaus. Das wirkte ansteckend, und bald war ein großes Gelächter.

Man drängte sich um Ganswind und frug nach dem Zusammenhang. Er schmunzelte über das ganze Gesicht: »Will jemand von den Herrschaften die Figur kaufen, ich lasse sie ihm für achttausend, denn zweitausend hab ich schon. Der Herr wird sie ja niemals erhalten können, denn natürlich, die Adresse hat er falsch angegeben.«

»Ein Hochstapler«, raunte man durch den Salon.

»Nein. Ein Kunstkenner oder auch Förderer, wie Sie ihn nennen wollen«, erwiderte Ganswind. Infolgedessen prüfte und besah alles die Figur. Wie viele hatten doch bisher darüber gelacht! Plötzlich war ein tiefer Ernst in ihre Linien gekommen. Man ahnte, um was es sich gehandelt hatte, daß sich der Herr von ihr um zweitausend Mark losgekauft hatte. Diese Geschichte blieb ja ein Ulk; nun war sie bereits drüben im Katzensalon, Und Hermione kam angestürmt: »Ossi, das ist ja glänzend!«

Ganswind verzog jetzt das Gesicht bitter ernst und heuchelte eine gegenteilige Empfindung. Er sagte: »Wenn du das glänzend findest; ich finde, es hat dem Kunstwerk schweren Eintrag getan.« Die Umstehenden debattierten, ob das zutreffe. Das ging solange hin und her, bis ein Beherzter vortrat und eine feierliche Erklärung abgab: »Ich will es gestehen, mir ist ein Licht darüber aufgegangen. Ich kenne Sie zwar nicht persönlich, mein Herr, aber Sie vertreten doch hier die Interessen...«

Er wollte weiterreden, doch Ganswind unterbrach ihn.

»Interessant«, sprach er, »wie Sie sich das wohl vorstellen. Ich habe gar kein Interesse, das sich etwa auf den Geldwert bezöge. Ich vertrete nur rein die Kunst der Künstler. Wenn Sie mich kennen lernen wollen, so rede ich gerne mit Ihnen im Direktionszimmer weiter. Meine Frau.« Er stellte Hermione mit einem kurzen Wink vor.

Hermione gab sachte die Hand und lächelte hingenommen. Der Herr war vor angenehmer Verlegenheit ganz verwirrt und ging mit Ganswind und Hermione durch das Gedränge auf das Direktionszimmer zu. Dort erstand der Gast die »Palaestra von Pansch« mit abgehauenem Kopf, Armen und Beinen für zehntausend Mark, denn er hatte den Vorgang nicht von Anfang an beobachtet. Die schon bezahlten zweitausend reservierte der Taifun, für Rückzahlung an den Fremden, stillschweigend. Der Handel ging ziemlich rasch, denn das Geständnis des Käufers, daß er ein bekehrter Saulus bezüglich der Taifunkunst sei, war kurz und deutlich. Er wurde von selbst in eine Art Mitgliedsverhältnis aufgenommen, und hatte fortan freien Ein- und Ausgang, wie jeder Taifunkünstler. Ein Mäzen war gewonnen. Viele Neugierige hatten den Abschluß des Handels noch abgewartet, das Resultat wurde schnell bekannt, denn die Hand der Salonoberin und Kassiererin, Fräulein Senflein, heftete schon das Etikett »Verkauft« mit einer Reißzwecke hinter der Figur an die Wand.

Das Publikum klatschte in die Hände. Susanne zog sich wie ein glatter Aal aus den Sermons über Kunst, welche einige Herren und Damen mit ihr angeknüpft hatten in dem Gefühl, daß sie eine vertraute Taifunistin war. Sie glitt über den Parkettfußboden. Endlich fand ihr Auge zufällig die Ecke, in welcher der Doktor versteckt mit Evchen in ein süßes Plauschen geraten war. Susanne blieb vor Schreck stehen. Das hätte sie nimmermehr geglaubt. Stand der Doktor in nahen Beziehungen zu der Unbekannten? Hatte es überhaupt noch einen Zweck, wenn sie sich als ewige Zugehörige des Taifun ansah? Jenes Paar hatte den Taifun betrügen wollen, aber wie betrog der Taifun sie! Sie kam an dem Direktorzimmer vorbei. Bisher war sie ohne alle Scheu bei Ganswind ein- und ausgegangen, aber bei solchem Anblick fiel ihr das Herz hinab. Sie stand überlegend vor dem Zimmer, als Hermione mit strahlenden Augen herauskam. Ja, die konnte strahlen, dachte Susanne, ihr war ein großer Tag gelungen.

Susanne setzte sich nicht zu den übrigen Damen des Klubs, sondern sie lief sinn- und ziellos in den Sälen umher. Käterchen hatte sie mit Kätzi auf dem einzigen Klosett untergebracht, weil sonst kein freier Raum mehr zu finden war.

Sie sah Hermione mit vorwurfsvollen Bücken an. Hermione wußte sofort: »Susi, verzeihe doch; daß der Andrang so furchtbar wurde, wußten wir nicht. Ossi wird das Weitere gleich tun. Komme doch herein.«

Susanne schüttelte den Kopf. Da wußte Hermione, daß sie dem Weinen näher war als irgendeinem Schimmer von Hoffnung. »Hast du den Doktor noch nicht gesehen?« frug sie.

»Jawohl. Er steht und plauscht mit einem sehr verdächtigen Fräulein.«

»Gut, dann bitt' ich dich, geh sofort in den Salon, wo der Flügel steht, aber unauffällig. Es ist nämlich Zeit, daß die Menschen gehen. Sie erdrücken unser Programm«, sagte Hermione und verschwand wieder in Ossis Arbeitszimmer.

Susanne lief gehorsam ins Flügelzimmer. Gleich im nächsten Salon, den sie betrat, fiel ihr auf, daß er dunkler war. Er lag plötzlich in einer Stimmung, als zöge ein Gewitter am Himmel auf. Auf ihrem weiteren Weg durch die Salons war dieselbe dumpfe Schwüle, so auffallend, als wäre sie von unsichtbarer Hand künstlich hergezaubert worden. Auch das Publikum, das noch nicht entströmen wollte und in heftige Prügeleien und Spaltungen über Kunstansichten geraten war, begann die Pein dieser Schwüle zu spüren. Im Flügelzimmer aber stand der dicke Hoteldirektor, den Gelüste durchwühlten, ohne daß er es wagte, Susanne ins Gespräch zu ziehen.

Hermione, der Leiter, war unterwegs. Zuerst bat sie den Doktor, den sie bald in der bezeichneten Unterhaltung mit der Dame auffand, sich in den Salon vom großen Müller zu begeben. Sodann lud sie alle Damen vom Katzenklub ein, ihr zu folgen.

Der Salon des großen Müller war verhältnismäßig frei, denn die Bilder, die dort hingen, erschienen den fremden Besuchern einmütig undiskutabel. Ja, sie fühlten sich von diesen Sachen geradezu nur gefoppt und angeödet.

»Wie schwül es doch ist«, sagten alle. Und darauf füllte der stattliche Zug des Katzenklubs den Müllersalon. Voran schritt die Freifrau von Stubbenrode mit einer bescheiden grauen Katze in der Farbe ihrer Haare.

Der Doktor machte ein sehr bitteres Gesicht.

Hinter ihr folgte die Baronin von Büxenstein mit drei Gespielinnen, welche den großen schwarzen Kater Hannibal auf einem Kissen trugen.

Dann kam Edle Freiin von der Schelde, deren Bestien unablässig spieen und fauchten.

Der Doktor begann an seinen Gliedmaßen zu zucken und zu zittern.

Sodann die Gräfin von der lahmen Zunge, deren weiße Katzen durch rote Augen und rote Nasen auffielen.

Und noch zahlreiche andere. Sie nahmen alle zerstreut auf Stühlen Platz. Einige Taifunmädchen reichten Gebäck an die Damen und die Katzen, die sich von den Tellern recht unbescheiden nahmen, was ihre Krallen erwischten. Die Fürstin von Kloppenrede hatte zuletzt Platz genommen, mit ihrem Silbertiger. Sofort hinter ihr kam die Versammlung der gegen Geld gemieteten Scheinkandidaten, welche die Heiratssüchtigkeit durch schmachtende Augenverdrehungen markieren mußten.

Hier waren die Katzendamen sehr in ihrem Element, weil ihre Lieblinge so schöne Sachen zu naschen bekamen.

Der Doktor saß eingekeilt unmittelbar in der Nähe der Edlen Freiin von der Schelde. Er bebte, daß die Absätze seiner Chevreauhalbschuhe auf dem Parkett klapperten. Er fürchtete sich, zu entrinnen, denn wenn er ungeschickt aufstand, streifte ihn vielleicht der Hieb einer Bestie.

Die Baronin von Büxenstein sagte zu ihm: »Ich bedauere es so sehr, daß meine jüngste Freundin nicht hier ist, welche ein so reizendes Kätzchen mit blauen Augen besitzt.«

Der Doktor dachte: was geht das mich an. Diese Freundin konnte eine Katze mit Samtschwänzen besitzen; das war ihm ganz egal! Warum hatte Hermione ihn hierher genötigt!? Er wischte sich den Schweiß und schielte mit Todesblicken nach Hermione, die in der Nähe des Eingangs stand, wo sie Polizeirats und Ossi erwartete, welche dem Mäzen das Geleit gaben.

Die Edle von der Schelde fand am Doktor mehr Gefallen als an den lispelnden Heiratskandidaten, deren Süßlichkeit ihr ekelhaft war. Sie näherte sich mit ihren Bestien, und plötzlich sah sich der Doktor von einem Haufen Ungetümen umringt. Gleichzeitig bemerkte er an der Türe die Bonbonniere, deren Identität mit der Frau eines wirklichen Polizeirats ihm trotz zweier Tage unbekannt geblieben war, neben Hermione. Sofort traf ihn ihr Auge, das stählte seinen Mut. Er hieb um sich, daß die eine Bestie der Edlen von der Schelde aufschrie, sprang dann kühn auf und stürzte aus dem Salon ins Freie, das heißt diesmal in die katzenlosen Nebensalons. Er floh mit solchem Entsetzen, daß er erst im Flügelzimmer Halt zu machen wagte.

Dort sank er schreiend auf einen Stuhl: »Die Katzen!«

Das Ereignis verwunderte im Flügelsalon ebenso wie es im Müllersalon das Zeichen zur Entfesselung des Taifun war. Der Doktor hing angstvoll über der Lehne seines Stuhles und schrie in Intervallen: »Kommen auch die Katzen nicht? Die Katzen!«

Und davon war Susanne im Müllersalon lebendigster Zeuge. Sie nahte sich ihm und legte ihm beruhigend die Hand auf die vom Friseur glattgelegte Lausallee.

Ganswind konnte nichts Gescheiteres tun, als sofort hinter dem Doktor hereilen, damit er keine allgemeine Verwirrung und Panik in den Salons erzeugte. Die Stimmung war sowieso in allen Sälen wie ein blitzgeladenes Gewölk. Er setzte sich an den Flügel und entschlug ihm zur Besänftigung des vom Katzenwahn Verfolgten eine wohltuende Engelsmelodie. Das hätte geholfen. Der Doktor verfiel mit allen Anwesenden in gleiches Vergessen. Susanne saß bereits quer herum auf demselben Stuhle. Sie hatte ja dazu das Recht, denn sie hatte so sanft gewirkt wie die Rote-Kreuzschwester auf den Todverwundeten.

Nun kam aber leider das Gewitter.

Die geschlagene Bestie der Edlen von der Schelde riß und tobte an der Kette. Und das Toben dieser einen brachte sämtliche anwesenden Katzen in Verwirrung. Ein Fräulein Gold saß mit einem niedlichen, ganz harmlos aussehenden Arche-Noah-farbenen, braunen und weißen Kätzchen vor dem Bild des Mannes mit dem umgekehrten Kopf, dessen Hinterteil eine Katze bildlich beschäftigte. Auf diese Katze ging das kleine, durch die Bestie verrückt gemachte Geschöpf plötzlich los. Und das war das zweite Alarmzeichen. Wie auf ein Zeichen entwanden sich alle Katzen ihren liebenswürdigen Bändigerinnen und stürzten sich auf die gemalte Katze des Mannes mit dem umgekehrten Kopfe, welche die Zunge nach ihnen herausstreckte. Der Polizeirat war mit seiner Frau auch schon unterwegs nach dem Asyl des Doktors, als sie den Aufschrei Hermiones gellen hörten, worauf sie sofort nach dem Müllersalon umkehrten.

In diesem rasten und tobten die Katzen. Das Bild des Mannes mit dem umgekehrten Kopfe hing in Fetzen an der Wand. Hermione stand mit ringenden Armen und erflehte sich Kraft von der Allmacht der Kunst, daß es ihr gelänge, den entfesselten Taifun in seine Schranken zu zwingen. Aber es war vergebens. Er tobte, als wären lauter Löcher und Breschen in den Wänden, und erwirkte eine große Zerstörung. Noch weitere köstliche Müller stürzten von den Wänden, wurden zerrissen und zertreten. Der Polizeirat richtete Hermione auf, er wehrte sich mächtig unter den tollen Katzen. Einige flogen durch die Fensterscheiben, die klirrend auf den gepflasterten Hof stürzten. Frau Polizeirat rannte zu Ganswind, welcher den Flügel nach süßen Melodien kitzelte und von allen Vorgängen nichts gehört hatte.

Die Gräfinnen und Baroninnen, Freiinnen und Edlen, bürgerliche Fräuleins und geschiedene Frauen balgten sich, und die Katzen halfen mit den Krallen mit, so daß hunderte von blutigen Schmissen klafften. Es war der Erinnerungstag an die blutige Ancreschlacht. Ströme von Blut flossen im Taifun.

Der Schrei verbreitete sich: »Hilfe! Der große Müller stirbt! Alles nieder! Katzen der Edlen von der Schelde, beweist eure Krallen!« Dieses Geschrei erzeugte eine große Panik unter dem zahlenden Publikum; es floh aus den Sälen, wobei es eine große Zahl Bilder von den Wänden riß und entwendete. Diese fing aber der tüchtige Büffel mit seiner starken Gattin draußen auf der Treppe ab, so daß der größte Teil gerettet werden konnte, doch war der Schaden unermeßlich.

Auch wer unter den Katzendamen die Straße gewinnen konnte, atmete erleichtert auf und dankte seinem Schöpfer, daß er sich rettend erwiesen hatte. Nur die Baronin von Büxenstein verirrte sich in den Musiksalon, während ihre Gespielinnen den Kater hinaustrugen. Sie stürzte auf Susanne los: »Bestes Kind, hier sind Sie ja. Warum ließen Sie sich nicht blicken?«

Susanne erwiderte ihr würdig: »Frau Baronin, es gefällt mir nicht in so undisziplinierten Kreisen.«

Die Dame konnte allgemeines Mitleid erwecken. Sie entschuldigte sich tausendmal, daß sie keine Schuld treffe. Auch seien ihre Kätzchen so solide und wohlerzogen. Die Schuld könne nur an den auch Katzenaugen unzuträglichen grotesken Gemälden und Bildern liegen.

Ganswind brauste auf. Er hatte die leidend aussehende Hermione am Arme, sie mit Küssen überschüttend. Ihnen folgte die Vorsitzende, Freifrau von Stubbenrode. Auch sie entschuldigte sich millionenmal.

Ganswind forderte wütend vollen Schadenersatz. Die Taifunfräuleins brachten erschütternde Meldungen über entwendete Kunstschätze. »Ich verlange vorläufig nur sechsmalhunderttausend. Wer es aufbringt, ist mir ganz gleichgültig. Der Klub hätte wissen müssen, was seine Katzen ertragen können. Da gibt es auch nicht einen mildernden Umstand.«

»Wir bieten Schadenersatz«, sprach die greise Dame, »aber Ihre Forderung ist zu hoch. Wenn sie zu hoch spannen, so muß es einen Prozeß geben, und es müssen Sachverständige gehört werden.«

»Tun Sie das«, schrie Ganswind. Gleichzeitig kam sein Hauswirt und dessen Frau und trugen die gestohlenen und abgefangenen Bilder. »Diese zurückgewonnenen gehen dann ab. Fünfmalhunderttausend bleiben mindestens als Schaden.« Ganswind sah ganz fremd und wild aus.

»Dann gibt es einen Prozeß«, sprach die Greisin ruhevoll.

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