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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Susanne war mit Käterchen auf dem Einkauf unterwegs. Kätzi war zu Hause geblieben und schlief auf der seidenen Decke.

Im Frieden hatte auf dem Markte immer ein Mann mit gleichbleibender Energie ausgerufen: »Heute noch 'nen Jroschen die Jurke.« Und die Leute hatten sich diese noch genau besehen, ob sie für den Jroschen auch besonders groß waren, die Gurken.

Das war anders geworden. Die Gurken hatten ihr Aussehen nicht verändert, sie gefielen sich selber zu gut mit krummer Nase und grünem Kleide, aber für einen Jroschen rief sie niemand mehr aus. Sie waren jetzt genau so wertvoll wie echte Brillanten und Perlen. Das merkte man ihnen auch an, sie waren nicht mehr in hohen Bergen aufgeschichtet, sondern lagen vornehm geordnet in einem mit grünen Blättern ausgeschlagenen Körbchen. Statt 'nen Jroschen kostete das Stück eine Mark.

Die Märkte waren wohl besucht, aber es herrschte trotzdem, mit Einst verglichen, kein reges Leben. Die Gesichter der meisten Damen waren blaß, und vielen ging bereits der Atem kurz vor Hunger. Sie sahen mehr aus Gewohnheit auf die Marktstände, selten kaufte einmal eine etwas von den feilgebotenen Genüssen.

Da nahm sich Susanne mit Käterchen wie eine vielfache Millionärin aus, denn sie kaufte ohne Rücksicht auf den Preis. Man staunte und wich ihr aus, wenn sie an einen Stand heranwollte. Gurken, Tomaten, den ersten Kohl, Birnen und Weintrauben, alle möglichen teuren Gewürze und Wurzeln kaufte sie, Fische und Krebse. In ihrem kleinen Silbertäschchen hatte sie drei Fünfzigmarkscheine mitgenommen, und ehe sie überall herum war, waren zwei davon vertan. Käterchen schüttelte den Kopf. Das schöne Geld gab ihr niemand wieder, wenn sie falsch spekulierte. Es kam ihr wenig glaubhaft vor, daß der Herr, den sie im Taifun sehr wohl gesehen hatte, mit seinem verwöhnten, blasierten Gesicht und den bereits stark melierten Haaren, daran dächte, so ein weitgereistes Dämchen zu heiraten. Wo die kühnsten Voraussetzungen noch nicht die Wahrheit trafen. Da gehörte schon ein Biedermann dazu, der alles glaubte. Das Weltgebäude Käterchens stand noch auf gesünderen Füßen, wenn auch längst ihr Tun und Lassen anderes gewöhnt war. Eine Braut mußte keusch sein, weil sie das so von Kind auf gelernt hatte. Trotz eigenster Erfahrung gab sie sich keine Rechenschaft darüber, ob solche Forderungen noch Sinn hatten. Weil sie an die Brüsseler Tage dachte, verschwand ihr Susanne mehrmals aus den Augen. Und sie mußte extra hinzugerufen werden, um zuletzt noch die Blumen zu nehmen. Auch sie waren von denselben Stoffen wie im alten Frieden, aber es half ihnen nichts, sie mußten auch teurer werden wie chinesische Seide.

Auf dem Rückwege gingen sie noch in eine Weinhandlung. Dort fiel der letzte Schein Gott Bacchus zum Opfer. Sie bekam gerade soviel dafür, daß der Doktor heiter werden konnte.

Die ihr zustehende Fleischmenge verwendete sie für Pasteten. Das Frühstück sollte so opulent sein, daß der Doktor mindestens ein halbes Leben lang daran zurückdachte, und daß er unter Umständen das Bauchgrimmen bekam, wenn er seine Pflicht nicht erfüllte.

Schon am Montagabend lief sie mit der Tanninspritze in der Wohnung umher und verbreitete einen guten Geruch. Sie hatte schon sagen hören, daß Damendomizile besonders muffig röchen. Darum arbeitete sie mit solchen Geruchsmengen, bis es ausgeschlossen war, daß noch ein Originalduft herrschte.

Kätzi mußte sich sogar in Käterchens Kammer zurückziehen. Sie miaute zwar klagend und jammervoll da drinnen, bis sie bestimmt wußte, daß man ihr kein Gehör schenkte.

Früh auf zehn Uhr waren sie angesagt. Der Doktor, Herr und Frau Ganswind. Hermione und Ossi waren pünktlich. Aber der Doktor kam ganze dreiviertel Stunden zu spät.

Hermione und Susanne hatten bereits über ihn losgezogen; da kam er doch.

Susanne hatte einen hellen Stoff mit einer großzügigen Hortensienphantasie um sich gelegt. Von ihrer Frisur konnte sie nicht abweichen, sie trug sie wie etwas Festgewachsenes, organisch an ihr Haupt Gefügtes. Ihre Wangen waren frisch und ihr Mund roch nach Reseden. Ihre Augen strahlten wie schwarze Sterne auf weißem Himmel. Ganswind und Hermione waren davon entzückt. Es war ja bisher das Verkehrte gewesen, daß man die Sonne und den Mond gelb malte. Wieviel schöner und sonnenhafter war das Bild Campruccios, der als erster gewagt hatte, eine Sonne schwarz zu malen. Susanne verglichen sie mit der Sonne Campruccios. Und ein Tisch war aufgebaut mit einer Kunst, daß man nicht wußte, wie man zu den Speisen gelangen konnte. Und doch sah man sie in scheinbar wildem Durcheinander. Die kleine Tafel sah aus wie Müllers »Einzug in Jerusalem«. Es wäre einfach tragisch gewesen, wenn der Doktor diese Mühe und Sorgfalt nicht gesehen hätte.

Er kam. Käterchen nahm ihm den Hut und Sommermantel ab. Er hatte ein noch mürrischeres Gesicht als sonst. Er strich sich mit einer zitternden flachen Hand über die Schläfen und trat ein. Ganswind und Hermione waren mit Susanne auf den Balkon getreten, um leichter die Ungeduld des Wartens zu verbergen.

Was war das für ein wundervoller Duft! Und sein hungriger Blick fraß im Vorbeigehen bereits den ganzen Tisch auf. Seine Gesichtsmuskeln verzerrten sich geradezu wahnsinnig, daß er nun noch Formalitäten erledigen sollte, ehe er einhieb. Er trat hastig auf den Balkon, entschuldigte sich tausendmal. Susanne glaubte darauf eingehen zu müssen, aber Hermione war klug und weise, zog den Doktor mit sich ins Zimmer und übergab Susanne Ossi, damit sie mit ihm hineinginge. Nun erklärte Susanne nochmals die Imitation von Müllers »Einzug in Jerusalem«. Und hier ist der über Schweden eingeführte Kaviar!

Der Doktor bereute lebhaft, daß er sich von der anderen Frau inzwischen hatte auspumpen lassen, und daß er dadurch beinahe das herrliche Frühstück versäumt hätte. Sein Entschluß festigte sich mit der wachsenden Spannung seiner Magenwände, daß er niemals die andere, sondern nur diese zum Weibe nahm, nur diese. Er wendete liebevolle Blicke an sie. Was war eine hungrige, liebesverrückte Ehe? Zum Tollwerden. Susanne Flaubert schien angetan, Gemütlichkeiten im Stile einer Geheimrätin zu bereiten. Und dieser Wein! Und waren das andere überhaupt noch Liköre? Das waren Kompositionen von Beethoven. Es orgelte in seinem Gehirn wie eine Bachkantate. Und satt war er schon, da zuckte noch eine Auster vor ihm, und der Schaum des Aisnewassers trat ihm an die Lippen. Dieses Zucken! »Das ist meine Liebe«, betonte Susanne.

Und dem Doktor zuckte es in den Nerven, ob er sich verloben sollte. Sofort? Nein. Das hätte zu sehr verraten, wie genußsüchtig er war. Ganswind knurrte: nein, der Anstand des Dankes sollte das befehlen. Aber wo ist der Verstand in solchem Junggesellenhirnkasten? Da frißt man nur, man ist es so gewohnt und denkt nie an Dank.

Susanne gab nicht das geringste Zeichen, daß sie Erwartungen hegte. Dagegen versäumte Hermione nicht, das Landhaus an der Aisne auszumalen. Dazu bemerkte dann allerdings Susanne, daß sie schon gehofft hatte, mit einem trauten Liebsten dort ein Idyll von Leben hinzubringen, als der grausame Krieg alles zerrinnen ließ und der General nach Paris zurückkehren mußte.

Dem Doktor schlug das Herz an das Stärkehemd, daß es laut klopfte, und dann lallte er unverständliche Worte, aber sie verstanden ihn alle, wie die Jünger Jesu verstanden wurden, als sie in fremden Zungen redeten. Es hieß, daß er gern nach dem Kriege das Idyll in jenem Landhaus mit Susanne verleben möchte. Er stellte sich jenes Idyll als ein Schlaraffenland vor, wo er es sehr fein hatte, alle Tage so wie heute. So aß und trank man bei Fräulein Susanne Flaubert und später bei Frau Doktor Bäumler. Es zuckte ihm durch die Zähne, daß ihr Elfenbein schmerzte. Sollte er nicht schnell handeln? Nein. Er wollte es als sein Geheimnis bis zum großen Gesellschaftsabend im Herzen tragen und dann wie eine Bombe seine Verlobung einplatzen lassen. Es war nur bis morgen. So kleine Spanne Zeit kam ihm weder einer zuvor, noch verletzte er die sein Jawort erwartende Spenderin lukullischer Speisen.

Deshalb hielt er sich gegen Hermiones Treibereien verstockt und verblüffte dadurch. Ganswind machte Andeutungen, daß er die Presse bereits in günstigem Sinne beeinflußt habe, spaltenlange Artikel über ihn zu bringen. Aber alles half nichts. Es gefiel ihm, die reiche Dame mit einer Enttäuschung zu verlassen, – für heute. Er war gewohnt, vor großem Publikum zu debütieren. Da wollte er erstmals wieder den Geschmack am Publikum haben, und dann den Effekt geben.

Susanne ging in die Küche. Sie wollte den Gästen Gelegenheit geben, ein paar Worte frei miteinander zu reden. Hermione versäumte es nicht. Sie sprach zum Doktor: »Verloben Sie sich doch, Herr Doktor! Sie ist sehr reich. Sie zögern solange, bis ein anderer zuvorkommt.«

»Ich will es auf morgen abend aufschieben«, antwortete der Doktor.

»Sie sollen es nur festmachen, die Öffentlichkeit ist morgen.«

Susanne kam schon wieder zurück, und der Doktor verschluckte seine Gegenerklärung. Hermione biß die Lippen zusammen. Susanne frug, ob sie nicht alle zusammen aufbrechen sollten, um sich im Taifun bei einem Musikstück aufzulösen. Es lag so viel Melancholie in ihren Worten, daß Ganswind aufstand und ihre Hand ergriff. Er ging schweigend gegen die Tür; mit dem Betragen des Doktors war er nicht einverstanden. Auf solch ein Mahl mitten im Kriege, Fleischpasteten und sonstige Opfer, gehörte ein saftiger Dank daraufgesetzt. Was nützte es wohl der Dame, wenn sich der Doktor in höflicher Form mit einem Dank beschäftigte, wo sie wirklich ein entscheidendes Wort erwarten konnte.

Hermione bedauerte den Doktor, wenn er glaubte, er könnte diese Blamage durch den auf morgen verheißenen Akt wieder gutmachen. Sie betrieb es darum, daß man sich jetzt schon trennte. Im Taifun wollten sie lieber die Vorbereitungen treffen. Und Hermione frug noch unterwegs den Doktor, ob sie Blumen besorgen solle.

Er blieb verschlossen und schob mit einem kurzen Händedruck davon. Sein gelber Sommermantel flatterte um ihn her.

Hermione und Ganswind sahen erstaunt ihm nach. »Ein merkwürdiger Mensch«, lächelte Hermione.

»Er kann uns den ganzen Katzentee verpfuschen«, meinte Ganswind.

In Susannes Heim herrschte Wut und Verzweiflung. Käterchen mußte ihre Herrin gewaltsam daran hindern, den Rest der Speisen im Zimmer umherzustreuen, und das ganze Geschirr zu demolieren. Dagegen den Rest der Likörflasche trank sie selber mit großer Emphase aus. Käterchen war ein ordentliches Quantum gewöhnt, dank ihrer Abstammung von den Schwarzwälder Holzfällern und Glasbläsern, und so hatte sie nach dem Liköre nur ein bißchen Zungendadderich.

Susanne saß in sich gekrümmt, und die Katze brüllte noch in Käterchens Kammer wie verrückt. Aber Susanne hatte kein mitfühlendes Ohr mehr für sie.

Sie hatte so viel Geld ausgegeben, und der Doktor hatte sich nur satt gefressen!

Das war eine vollendete Tragödie.

Als Käterchen den letzten Zug aus der Flasche geschluckt hatte, sprach sie: »Fräulein Susanne, fassen Sie sich. Das ist schon mehr dagewesen, daß man umsonst spekuliert hat. Ich hab es dem Fräulein gleich gesagt. Ich kenne die Männer. Sie fressen gern, oder sie bocken. Daß einer einmal ein anständiger Kerl wäre, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wie konnten Sie auch dieses bleiche Vogelgescheuche auserwählen! Da war der Kommis besser, der hatte noch ganz fette Backen und gute Schenkel. Aber den haben sie Ihnen ja aus der Kunstausstellung hinausgepfeffert. Greifen Sie bloß auf ihn zurück, sag ich, probiert ist er. Er kann was. Bloß als Künstler ist er ein Schwindler. Ich trete ihn sogar an Sie ab, wenn ich dann bloß im Dienst bei Ihnen bleibe. Soll ich noch einmal hingehen zu ihm? Durch Onkel Biermann komm ich immer wieder an ihn heran.«

Susanne schwieg zuerst. Dann fuhr sie auf und riß Käterchen das Haarnest auseinander. »Du Schwein«, rief sie, »daß ich heiraten soll, hast du erfunden. Wie schön hatten wir's in Brüssel.«

Käterchen stand ganz erschlafft, und ihre Zöpfe hingen aufgerissen mit den Haarnadeln darin über ihr Gesicht herab. »Da hört sich doch alles auf. Ich habe das erfunden? Ich habe nach Berlin gewollt? Das ist eine Lüge. Das ist eine Lüge! Wär' ich doch bloß in Brüssel zurückgeblieben! Was ich hier bloß immer für Prügel kriege. Gar nicht meinem Alter entsprechend. Ich bin älter als Sie, Fräulein. Behandeln Sie mich respektabler!«

»Wenn du natürlich von deinem Onkel gegen mich aufgehetzt wirst«, erwiderte Susanne.

»Da braucht's kein Aufhetzen, Fräulein. Sehen Sie mich bloß an, wie Sie mich wieder zugerichtet haben«, heulte Käterchen.

Susanne sprang auf und steckte ihr die Likörflasche tief ins Maul. Käterchen erstickte fast, so tief saß die Mündung an ihrem Zäpfchen. Aber sie verstand diese Sprache ihrer Herrin und gilfte zum Zeichen, daß sie sich zufrieden gebe.

Susanne zog wieder den Flaschenhals aus Käterchens Schlund, und Käterchen atmete keuchend auf, die Angsttränen füllten ihre Augen. »Sie sind so grausam, wie der Schellenhauer mit einem verfährt«, stöhnte sie.

Als Susanne das hörte, schnürte es ihr die Kehle zusammen. Sie war voll Neid, daß ihr Dienstbote einen Menschen viel näher kennen gelernt hatte als sie. Aber dennoch drohte sie jetzt: »Wehe, wenn du wieder zu ihm hingehst, dann mußt du deine Trinkgelder abliefern.«

»Ich geh nicht wieder hin, liebes Fräulein. Wie soll ich meine Trinkgelder abliefern? Eine Schande genug, daß mir der Doktor bloß eine Mark gegeben hat«, wimmerte Käterchen.

Susanne erstaunte: »Eine Mark! Meint der etwa, das sei der Wert des Verzehrten im Zehntel?«

»So schofel ist der Kerl«, maulte Käterchen.

Wie Käterchen so viel und reichlich auf den Doktor schimpfte, kamen Susanne leise Zweifel. Wenn er es nun doch wahr machte, sich mit ihr zu verloben! War dann Käterchen überhaupt noch möglich? Sie frug Käterchen, »wie sie sich dann mit ihren Schimpfreden abfinden würde.«

»Ganz einfach. Ich würde mit Ihnen weiter schimpfen.«

»Wenn ich aber seine Frau würde?«

»Dann müßte er eben das Salz fressen lernen.«

Susanne hörte plötzlich auf mit dem Thema. Sie hörte Kätzi schreien, ging eilends zu ihr und befreite sie. Nun ja, da hatte sie scheint's nicht herausgekonnt und hatte auf Käterchens Bett mittenauf gemacht. »Käterchen, du wirst dein Bett gleich auswaschen müssen.«

Dafür kriegte die Katze aber etwas drauf! Käterchen schlug ihr mit den Fingerspitzen ein paar kräftige Hiebe über die Schnauze. Sie fand, daß sie ihr bißchen Vergnügen an dem Likörchen sehr teuer erkaufen mußte. Wie das wieder stank! Wäre nur die Katze endlich beim Schinder!

Das Schimpfen half nichts. Sie mußte gleich zuerst Kätzi das Hinterchen waschen und mit wohlriechendem Puder beklopfen. Die Herrin zog sich an, um in der Grunewaldvilla der Baronin von Büxenstein einen Besuch mit Kätzi zu machen, ehe sie morgen im Taifun zusammenkamen.

Kätzi bekam neu geplättete Schleifen mit den Farben des deutschen Vaterlandes und des Katzenklubs, dessen Schild aus Messing ihr vorn auf der Brust glänzte. Der Katzenklub hatte früher Gold für die Ordenskette verwendet, hatte dann aber das Gold auf den Altar des Vaterlandes getragen, gegen Eisen vertauscht und dieses mit einem Messinganstrich versehen, um das Gold vorzutäuschen.

Die Baronin von Büxenstein war zweite Vorsitzende; sie hatte eine rote Trinkernase und ging stets in schwarzem Atlas. In ihrer Villa standen viele Gipsfiguren, die sie göttlich verehrte; sie verneigte sich ehrerbietig vor ihnen. Ein schlafender Hirte, dem es Bacchus angetan hatte, war ihr Lieblingsblick. Geschmackloserweise hatte sie zu Füßen jeder Figur, war sie aus Bronze oder Marmor, eine Katze hinmodellieren lassen. Susanne fand das gänzlich verrückt, man konnte ja für sein Tierlein schwärmen; aber Kunstwerke damit verunzieren! Das war Narrentum.

Die Villa, das Schloß, lag gegen die Straße frei – und ein hoher Sprungquell sprudelte in den blauen Himmel.

Nun war das eigentümlichste an dem Besuche, daß sich die Baronin wohl ohne weiteres herbeiließ, Susanne und Kätzi zu begrüßen, daß sie sich aber lange nicht entschließen konnte, ihre Katzen vorzustellen. Gerade als ob sie erst erproben wollte, ob die Katze des Fräuleins auch nicht gar zu gemein wäre für die Wohlerzogenheit ihrer eigenen Katzen. Aber Susanne war ihrer Kätzi sicher, daß sie allen gefiel. Und so entschloß sich auch die Baronin, ihr eigenes Getier aufzuzeigen. Die große Dienerschaft trat in Bewegung. Es war ein Zuchtmeister, eine Gesellschaftsdame, Gespielinnen, Sandträgerinnen, ein Garderobenverwalter, und endlich das gemeine Personal der Dienerinnen und Knechte.

Einzelne Katzenwesen entschuldigten sich durch die Gespielinnen, sie seien unwohl und könnten nicht erscheinen. Die meisten aber erschienen, auf Kissen getragen. Es war hauptsächlich interessant, wenn sie angetragen kamen, die Augen der Baronin zu beobachten. Sie funkelten leidenschaftlich und liebkosend, bei dieser mehr, bei jener weniger. Ein besonderes Prachtgeschöpf, ein schwarzer Kater, den sie auf dreißigjährige Lebensdauer gebracht hatte, der aber auf den Hinterbeinen vor Altersschwäche gelähmt war, hatte das Alleinrecht, fünf Minuten bei der Herrin zu verweilen, das war gerade so lange, bis seine interessante Lebensgeschichte erzählt war. Das Merkwürdigste war sein hohes Alter, da doch sonst Katzen nur zirka zehn Jahre alt werden.

Jede der Schönheiten gab der Baronin das Pfötchen. Und diese sagte zu Susanne stets den Namen; der schwarze Kater hieß Hannibal, eine silbergraue Kätzin Kleopatra. Und dann waren Katzenkinder, die hießen Kleopatras Scipio I. Es entstand bis ins vierte, fünfte Glied solche Verwirrung und Namensmischung, daß es schwer war, die Namen aus dem Gedächtnis zu behalten. Ein hübscher, junger, tigergestreifter Edelmann hieß Hannibal Elviras Scipio Fabula Romulus Maja Hamilkar Viktoria Remus. Die Baronin behielt die Abstammungen scharf im Gedächtnis, nur ganz selten mußte sie den Katzensekretär rufen lassen, der in dem großen Stammbuche nachschlug.

Nach der Vorstellung gab dann jede Katze auch Susanne das Pfötchen. Und an Kätzi rieb jede den Kopf. Das war das Zeichen höchsten Wohlgefallens. Die meisten Katzenbesuche wurden von den Büxenstein-Katzen nicht eines Blickes gewürdigt. Aber Kätzi hatte doch so schöne blaue Augen! Und Susanne bemerkte mit Triumph, daß auch nicht eine von den Katzen der Baronin solche Augen hatte. Sie sagte das. Da schlug die Baronin traurig die Augen nieder: »Ich will Sie noch auf unseren Friedhof führen, dort ruht die einzige Emilie, diese hatte genau das Aussehen ihrer Kätzi. Dies ist auch der Grund, warum ich Ihnen so besonders wohl will. Sie starb an der Rache einer Gespielin, welcher ich wieder zur Strafe das Kopfhaar abrasierte.

Susanne erschrak und hatte den Eindruck, daß die Frau wahnsinnig war.

Sie stand gleich auf und ging mit Susanne in einen dunklen Park, wo nicht ein einziger Vogel sang, auch nicht im Frühjahr. »Die Katzen sind die Feinde der Vögel, darum habe ich diese aus meinem Gartenbereich vertrieben«, sagte die Baronin. Es kam dann in der mittelsten Tiefe des Parkes der Friedhof der Katzen; dort herrschte Grabesstille. Nicht ein Ton als das Rauschen der Bäume war vernehmbar. Den Katzen waren Gedenksteine errichtet, auf denen jeder vorn das Emaillebild der betreffenden Katze in Farben enthielt, während auf der Rückseite ein Kreuz eingehauen war, worunter der Spruch stand:

»Wer an eine Ewigkeit glaubt, der glaubt auch an ein Wiedersehen mit aller Kreatur.«

Die Gedenksteine standen alle nebeneinander. Die Katzenleichen aber verwesten willkürlich zerstreut in den schönen Anlagen, so daß man bei keinem Schritte wußte, ob nun hier oder dort ein Wesen darunter ruhte. Die Baronin sagte, daß sie auf diese Weise alle im Geiste um sich fühle, sobald sie nur den Friedhof betrete.

Susanne sah nun auch Emilies Gedenkstein. Sie stand lange andachtsvoll davor. Diese glich allerdings Kätzi auf ein Haar, wenn das Emaillebild eine getreue Wiedergabe war. »Sehen Sie jetzt ein«, sprach die Baronin hart, »daß ich mich für ihren Tod rächen mußte?«

»Aber so sehr«, lispelte Susanne an dem stillen Ort.

»Was würden Sie Ihrem Dienstboten tun, wenn er sich an Ihrer Kätzi vergriffe?« frug die Baronin.

»Aus dem Hause werfen«, war Susannes rasche Antwort.

»Vielleicht ist das möglich, wenn Sie nur eine Katze haben. Haben Sie aber einen ganzen Hof, so müssen Sie sich zu strengsten Strafen bekennen.«

Sie gingen weiter. Susanne hatte das Gefühl, noch nie in ihrem Leben eine Friedhofsstätte, wo Menschen begraben lagen, mit ähnlich weihevoller Stimmung verlassen zu haben. Der Ort wäre würdig gewesen, zur Begräbnisstätte von Menschen zu dienen.

»Die Katzen gehen mit mir durchs Leben wie Menschen«, war das Schlußwort der Baronin, ehe sie sich verabschiedete. Susanne hätte noch gern gefragt, mit welcher Katze sie morgen in den Taifun kommen würde, aber sie unterließ es lieber und hatte für sich selbst die Freude der Spannung: vielleicht den jungen Edelmann Remus. Susanne verabschiedete sich mit ausgesuchter Grazie: »Auf Wiedersehen, Frau Baronin.«

Susanne hätte zu gern Besuche bei allen Katzenklubmitgliedern angeschlossen. Aber die Zeit und die Hitze! Gewiß war die Baronin von Büxenstein die vornehmste Katzengönnerin, wenn sie nicht durch die Fürstin zu Kloppenrede übertroffen wurde.

Susanne war in einiger Besorgnis, daß ihre Kätzi beim Tee eine der unscheinbarsten Erscheinungen sein würde. Wollte sie überhaupt hingehen? Das mußte sie wohl, denn sonst kam sie ganz außer Kontakt mit allen angeknüpften Beziehungen. Sie wußte ja, daß außer dem Doktor noch viele Künstler eingeladen waren. Wenn also der Doktor die große Angst kriegte und nicht kam, so brauchte sie nicht hoffnungslos zu sein. Die Karten für den Abend waren längst ausverkauft, bereits schon in der zweiten Auflage, es versprach also ein gedrängt volles Haus zu werden.

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