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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Am Sonntagmorgen grimmassierte der Doktor eifrig vor dem Spiegel. Sodann hallte der Gartenhof von seinen Schmerzensschreien wider; der Barbier war bei ihm und riß ihm mit einer Pinzette die schlimmsten grauen Haare aus. Diese Qual dauerte fast eine Stunde. Der Doktor saß, das Genick auf die harte Stuhllehne gelegt, strampelte und stieß mit den Beinen, manchmal trafen auch ein paar Faustschläge den Friseur in die Magengegend. Dieser lachte nur jedes Mal vergnügt, wenn er eins versetzt erhielt. Das Haarausreißen mit einer Pinzette war eine der schönsten irdischen Beschäftigungen. Dabei war noch ein lüsternes Vergnügen wie einst beim Foltern des Knippeldollingers. Nur gab es damals Tausende von gierigen Zuschauern, die ihre Nerven kitzelten. Des Doktors himmlische Deckensprünge sah aber leider niemand als er selbst. Es war etwa, als wenn ein Zahnarzt immer wieder die Zange ansetzt und nie mit dem Ziehen Ernst macht. Aber dem Doktor war daran gelegen, nicht als ein grauer Kater vor Damenaugen zu erscheinen, sondern als ein blonder Sänger. Barbier Haarfresser machte seine Sache gut und gründlich.

Stimmen hallten aus den Hinterfenstern der Häuser, was denn da los wäre. Man hörte immer nur einen Mann schreien, nie aber eine Frau dazu. Der Doktor schrie dagegen: »Laßt doch ihr euch alle die Haare einzeln ausreißen.« Und zum Schlusse bezahlte er zwei Mark fünfzig Pf. So war er aufs feinste zurechtgemacht. Er sah wieder so jung aus wie damals, als er den »Pavian« von Quint Ferner kreierte. Er aß in einem Weinrestaurant zu Mittag, wofür er ohne Kunststücke und ohne satt zu werden fünfzehn Mark bezahlte. Für eine einzige Rübe verlangte der Bauer jetzt zehn Mark; wenn er auch von hunderttausend, die sein Acker trug, nur den zehnten Teil verkaufte, so machte er ein besseres Geschäft als einst in der lächerlich billigen Friedenszeit. Die übrigen neun Zehntel des Ertrages konnten ruhig verfaulen. Was brauchten die Städter zu essen! Wenn sie nicht satt wurden, so konnten sie Krach schlagen. Der Doktor saß mit bekümmertem Antlitz vor der Platte Teltower Rüben, er hätte am liebsten das ganze Lokal demoliert, aber er fügte sich wie die andern und dachte, der Rächer für diese Vaterlandsliebe und Brüderlichkeit wird schon kommen. Wenn er jetzt eine reiche Heirat machte, so wurde es vielleicht besser, sobald die Hausküche ihren üppigen Betrieb eröffnete. Von nichts hegte er so hohe Hoffnungen für den Ehestand als vom Essen. Ein solches Unglück wie sein Berufskollege Götze wünschte er sich allerdings nicht, der oft weinend zu ihm kam und sich beklagte, daß ihm seine schöne Amalie alles wegesse und ihn einen Fresser schimpfte und einen Hund, weil er auch nicht verhungern wollte. – Der Doktor trank deshalb desto mehr Wein, bis alle Trübseligkeit aus ihm gewichen war. So betrat er den Taifun.

Es war in den neuen Räumen. Die Parkettböden waren, weil es keine fettigen Substanzen mehr gab, von der Hauswirtin geschmiert worden, indem sie zehn Tage lang darauf herumrutschte, während Ganswind mit Hermione musikalische Verzückungen aufführte. Die schlimmste Nacht war jene nach der Lieferung des Bildes »Weidender Hammel« von Schellenhauer gewesen, in welcher der Wirt auf den Knieen flehen mußte, mit der Musik aufzuhören. Auch von seinen Kniescheiben war das Parkett glatt und glasig geschliffen worden. Dafür nahmen sie jetzt den Tee mit ein, Tee aus Kamillen und Lindenblüten, weil die Engländer den schwarzen Tee als unser wichtigstes Volksnahrungsmittel mit eigenem Beschlag belegten.

Der Doktor war der umkoste Mittelpunkt. Die Damen, Hermione, Susanne und Frau Polizeirat wetteiferten miteinander in allen ihren Reizen. Hermione schoß wie immer den Vogel ab. Vor ihrer Brust dampfte eine riesenhafte dunkle Rose, so daß die Regung ihres Busens wie ein unschuldiges Mädchen erschien. Und ihre beiden blauen Augen standen am Rande eines rieselnden kühlen Baches abseits. Sie war wie ein aufgelöstes Wesen, von dem zu nehmen war, was man nur wollte. Die Kniee schielten bei gewissen Bewegungen nackt hervor und ließen eine erfrischende Leichtigkeit des Gewandes spüren, die wohltat, während draußen die Menschen auf dem glühenden Asphalt in Hitzschlägen verschmachteten und der Grunewald nadellos dastand. In diesem Ende aller Zeiten, wo nur noch das jüngste Gericht erlösend wirken konnte, war Hermione mit ihrem lockenden Rosenkissen wie eine rettende Mahnung, den Verstand zu behalten und nicht an der Fröhlichkeit der Welt zu verzagen.

Die andere war als Susanne Flaubert vorgestellt worden. Sie trug auf dem Steiße einen gedankenschweren Pfurpfen aus farbiger Seide, und ihre Stirn hielt sie dem Doktor hin: da prüfe meine Weisheit. Sie sah aus wie eine Ausscharrung aus den Pyramiden des Cheops und war wohl chaldäischen Ursprungs, eine mitgeschleppte Sklavin und mißbraucht zu sinnlicher Berauschung. Ihre großen weiten Augen waren wie ausgehobene Kirchentore, damit die Gemeinde Gott nicht in den Kirchen suche, sondern unter dem freien Himmel. An den Fingern hatte sie zehn eiserne Ringe, denn sie hatte das Gold dem Vaterlande gegeben. Eine eiserne Spange am Oberarm, überall Eisen als lauter gegebenes Gold für die Helden. Die Kunst der Kleidung bei allen war, das hervorzuheben, was augenblicklich teuer zu besitzen war. Susanne trug einen Rock kaum bis an die Knie, damit ihre geschnürten Lederstiefel mit den Schäften bis über die Wadenmitte hervorstachen, das Paar zweihundertzweiundsechzig Mark.

Und die Frau Polizeirat wagte es noch, dem Doktor mit einer Tollkühnheit als kokettierende Konkurrenz unter die Augen zu treten. Hermione und Susanne hätten diese Freiheit einfach nicht zu denken gewagt. Sie hatte ein Mieder an, das vorn eine Tüte bildete, aus der sie süße Fruchtbonbons anbot. Und die fraß der Doktor leidenschaftlich. Der Polizeirat war voll strahlenden Glückes, und seine Kolibrifeder wackelte voll zitternder Erregung, bald hier bald dort zu picken. Er schwitzte fünfundvierzig Grad Celsius im Schatten, seine Gesichtsfarbe war die eines teuflischen Sioux. Er konnte bloß den Doktor nicht begreifen, daß der gar nicht schwitzen mußte und ständig aussah wie ein erstarrter Eiskönig. Susanne bemühte sich, ihm durch gleiche Ruhe zu gefallen.

Ganswind krönte natürlich Hermione, indem er sie recht viel küßte, mit Ausnahme des Mundes.

Hermione dirigierte den Taifun mit winkenden Armen. Bald war sie in dem, bald in jenem kleinen Salon. Und recht gewandt und oft wechselte sie die Szene, um dann und wann den Doktor und Susanne in den Konflikt des Alleinseins zu bringen. Aber dann wußte der Doktor jedesmal nicht zu reden und sprang wieder davon.

Susanne begegnete Hermionen: »Aber, das ist ein ganz entsetzlich menschenscheuer Kamerad.«

Hermione ermutigte: »Rede von Feinschmeckereien. Merkst du nicht, deshalb hat die Frau Polizeirat das Bonbonkleid angezogen.«

»Ja, spekuliert sie denn, die verheiratete Frau?«

»Sie muß es, um den Polizeirat zu strafen.«

Also sprach Susanne mit dem Doktor und lud ihn frisch und frei zu einem Frühstück zu sich ein. Das traf. Ganswind und Hermione schlossen sich dann an. Der erste Treffer schien gemacht. Da schluckte der Doktor schon wieder einen Fruchtbonbon. Und er erkundigte sich insgeheim beim Polizeirat nach der Dame. Dieser wußte nur, daß sie über ungeheure Reichtümer der Seele, des Herzens und des Geldbeutels verfügte. Wem sie aber angehörte, gestand er nicht.

Nun griff Ganswind in die Sturmfluten seiner taifungepeitschten Phantasie und zerschmetterte auf den Saiten des Flügels ein verzehrendes Liebeslied.

Da stand plötzlich Käterchen in einer entfernten Nische mit einem mürrischen Flunsch. Sie hatte keinen Sonntagsausgang bekommen, sondern mußte im Schlafzimmer Ganswinds auf Susannes Katze aufpassen.

Und von der gegenüberliegenden Seite kam ein hinkender Mensch. Durch die Musik ließ er sich nicht aufhalten, sondern er machte gegen alle Anwesenden Komplimente, als wünschte er, ihnen Rosinen, das Pfund zu fünfundzwanzig Mark, zu verkaufen.

Käterchen, das ihn so ferne sah, krampften sich die Brustwarzen zusammen, und sie suchte Trost bei Kätzi, welche sie in den Schwanz kniff, daß sie schrie und sich verkroch.

Die Musik hörte schneidend auf, als ob da plötzlich ein Anbeter einen eckigen Kniefall verübte. Es wirkte entschieden wie ein Witz, Ganswind wollte es so aufgefaßt wissen, denn er hatte ein breites froschartig grinsendes Gesicht.

Er begrüßte den Neuen fast kollegial. Das machte auf den Kommis einen angenehmen Eindruck, denn er war gewohnt, aller Welt sich anzupöbeln. Die Unterhaltung stockte, und aller Augen waren auf den unharmonischen Menschen gerichtet, der wohl ganz gut herausgeputzt dastand. Er hatte sich einen Gehrock von Onkel Biermann geborgt, der bis auf einige Weinflecke schön erhalten war. Seinen Kopf hatte er auf Susannes Wunsch pomadisiert und die Haare glatt nach der Seite gescheitelt, daß er sich ansah, wie das Haupt eines nordamerikanischen Mennonisten. Die Physiognomie lächelte beständig, und die Hände wußten nicht, womit sie sich beschäftigen sollten. Er war im alltäglichen Leben gewöhnt, zu talken und zu kneten, entweder Schmierseife oder Dienstmädchen. Seine obskure Gesinnung lag eigentlich wie nackt und bloß vor den Augen der Taifunisten, und alles Sichgeben half dem Künstler nichts. Er mißfiel allen. Auch Susanne dachte, daß er sich recht dumm anstelle. Und ihr Herz schlug sehr für den Doktor, mit dem sie bereits Blicke wechselte, namentlich seit Schellenhauer da war. Der Doktor war ihr wieder etwas Neues. Und bei den recht Modernen gab es ohnehin keine Pietät der Gesinnung. Sie trauten sich ebensowenig zu heiraten wie ein Haus zu kaufen, denn immer wieder gab es schönere Frau, schöneren Mann, schönere Villa. Susannen erschien in dem heutigen Kreise der Doktor als der Interessanteste, denn ihn allein hatte sie noch nie gesehen.

Ganswind hatte sehr wohl damit gerechnet, vorher die größte Spannung bei Susanne zu erzeugen, um dann plötzlich die Begegnung herbeizuführen. Es galt darum, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. Wenn Susanne nach dem Doktor noch andere Mannsleute vorgeschoben bekam, so haftete sie auch nicht am Doktor.

Hermione winkte, und wieder schwärmte die Schar hinter ihr her in einen neuen Raum.

Ganswind folgte im Gespräch mit dem Künstler. In seinem Busen zuckte die tigerhafte Gier, den Menschen binnen fünf Minuten abzuschlachten.

Die Gesellschaft kam in einen Raum, darin in der Mitte eine Staffelei stand, worauf das Bildnis des weidenden Hammels anzusehen war. Ringsum an den Wänden waren viele ähnliche Bilder aufgehängt. Hermione leitete die Gesellschaft mit Leichtigkeit um die in der Mitte stehende Staffelei zur Betrachtung. Auch Schellenhauer mit Ganswind stellten sich davor.

Schellenhauer ahnte wohl, daß es sein Bild sein würde, aber erkennen konnte er's nicht, denn er hatte es ohne Beteiligung hingeschmiert. Seine Wangen liefen darum rot an. Er hätte sich doch wenigstens einen Farbfleck am Bilde als charakteristisch behalten sollen. Nun wußte er gar nicht einmal, ob es sein Gemälde war, vor dem sie standen.

Die Gesellschaft wußte, daß dieses ein neues Werk war, und alles schwieg. Niemals sprach im Taifun irgendeiner ein kritisches Wort. Diesmal aber begann Ganswind mit zitternder Stimme einen gelehrten Vortrag:

»Meine Herren und Damen, Sie sehen hier das Bild oder Nichtbild eines neuen Mannes.«

Susanne unterbrach ihn: »Nein, eines Hammel.«

»Ich bitte, mich nicht zu stören.« Ganswind zog streng die Stirn in Falten. »Ich meine das Werk des Künstlers oder auch des Malers. Sie sehen aber schon an der Bemerkung der Mäzenin, unseres verehrten Fräulein Susanne Flaubert, daß es des Zusatzes bedarf, daß es kein Porträt eines Mannes, sondern die Gestaltung eines Tieres geben soll, – das Bild. Oder wiederum das Nichtbild. Nun vergleichen Sie einmal dort links mit den kräftigen Farben die Grablegung Christi. Sehen Sie?«

Alle sahen die Grablegung Christi. »Jawohl.«

Ganswind fuhr fort: »Dort rechts der Dom zu Köln?«

Ale sahen den Dom zu Köln. »Wahrhaftig ein Dom.«

Ganswind war in glühendem Eifer. »Und hier, bitte, wenden Sie sich her, was ist das?«

Alle schwiegen.

Ganswind zitterte in bebender Erregung. »Das könnte ich Ihnen nie sagen, was das ist. Das ist eine infame Beleidigung des Taifun.« Er trat ganz erregt weg und ging umher.

Alles war stumm und starr. Hermione löste als erste das Schweigen, und sprach: »Ossi, laß dich nicht so hinreißen.«

Aber Ossi stand in einer Ecke und weinte. Er weinte –?

Über die Gesellschaft legte sich ein dumpfes Mitgefühl, alle sahen auf Hermione, daß sie doch die Stimmung wieder beleben möchte. Nur Schellenhauer heftete ein freches Auge auf Susanne und beobachtete sie. Sie hatte sich ganz vertraulich an des Doktors Arm gehängt, wie aus dem Vergessen der Wirklichkeit.

Hermione ging zu Ossi hin: »Ossi, laß dich nicht so sehr alterieren, wirf das falsche Bild hinaus auf einen Misthaufen.«

Jetzt endlich verstanden alle das Bild und besahen es.

Susanne machte sich frei und sprang in einige Entfernung vom Bilde und starrte.

Hermione trat vor Schellenhauer hin und sprach ganz ruhig: »Sie werden also Ihr Werk in einem anderen Kunstinstitut unterzubringen versuchen müssen.«

Jetzt wurde er frech. »Ich? Fällt mir ein. Sie haben es angenommen. Hier. Ich habe Ihre Einladung an das Fräulein, worin Sie mich als großen Künstler bezeichnen.«

Hermione und Ganswind sahen auf Susanne. Susanne wurde purpurrot. Wie wollte sie der Lage Herr werden? Sie lachte. Sie lachte höhnisch und sprach zu Schellenhauer in affektiertem Tone: »Mein Herr, Sie werden mein Mitgefühl begreifen lernen und hoffentlich zu schätzen wissen. Aber wenn Sie sich wirklich bisher für einen Maler hielten, so sind Sie ein Narr.«

»Und Sie sind eine –«.

Damit war es um ihn geschehen. Er wurde gepackt und so zerprügelt und zerstampft, daß von ihm und seinem Bilde kein Stäubchen mehr übrig blieb.

Er verdampfte im Äther.

Käterchen war auf das furchtbare Geschrei hin herbeigeeilt, kam aber bereits zu spät. Sie konnte den Freund Kommis vor seiner Himmelfahrt nicht mehr erretten. Irgendein polizeilicher Zwischenfall wegen Mordes konnte nicht entstehen, denn der anwesende Hauswirt hatte mit seiner Gattin noch niemals ein solch entzückendes Hausfest miterlebt, wo ein Mensch einfach ins Nichts zerstäubt wurde.

Die Hauswirtin hatte ihr Lorgnon auf der Nase, starrte auf das Parkett und freute sich, daß nicht einmal eine Beule entstanden war. Der Hauswirt drückte Ganswind bruderschaftlich die Hand: »Fahren Sie so fort, so werden Sie sich durchsetzen.«

»Das Echte gegen das Falsche«, sprach Ganswind mit feurigem klaren Baß und Pathos.

Susanne erlaubte sich nur die schüchterne Frage: »War es wirklich nicht möglich, das Bild als weidenden Hammel gelten zu lassen? Es existiert, weiß ich doch, noch ein Bild im Taifun, ›Badendes Weib‹, wo ich vergeblich Nacktheit und Wasser suchte.«

Hermione rannte durch den Taifun. Hinter ihr schlitterte der Gästeschwarm über das Parkett. Da standen sie vor dem badenden Weibe.

»Hähä«, schmunzelte der Doktor, »das sehe ich aber doch, da ist was, da sehe ich etwas, hähä.«

Ganswind hätte den Doktor vor Entzücken beinahe angekatscht. Jedenfalls war der Doktor nun so auserkoren, daß Ganswind für alle Zukunft alles für ihn tat. »Freund«, sprach Ganswind, »Sie haben eine wundervolle Seele.«

»Nicht wahr?« schmunzelte der Doktor.

»Und ich?« rief Susanne, »da ich hier nichts sehe?« Sie warf sich verzweifelt auf einen Fauteuil.

»Ich sehe auch, Herr Doktor«, sprach die Frau Polizeirat und reichte als scheues Mädchen zaghaft ein Bonbon aus der Tiefe des Busens.

»Nicht wahr«, sprach der Doktor, »so etwas ist das Bild.«

Die Frau Polizeirat schmiegte sich einen Augenblick in seine Nähe, und dem Doktor wurde ganz wind und wehe.

Susanne war darüber wild aufgebracht. »Ich möchte bitten, soll ich mich etwa hier ausziehen? Dann mag Herr Doktor urteilen, ob das Bild hier solches wiedergibt.«

Der Doktor wurde darüber noch konfuser. Ihm begannen die Sinne zu schwinden. »Ei ei«, sprach er, »ich, ich...« Er gackste herum und floh aus dem Zimmer. Susanne schliff über das Parkett hinter ihm her und hielt ihn in einem Zimmer fest.

»Was haben Sie, Herr Doktor. Gefalle ich Ihnen nicht so gut wie die andere Dame?«

»Sie gefallen mir. Aber ich müßte bei Ihnen noch kühner sein als bei der Bonbonniere.« Er schlüpfte ängstlich in die Ecke eines großen geräumigen Regals, worin Kupferstiche geschichtet waren.

»Aber Herr Doktor, ich möchte nur um meine Ansicht mit Ihnen kämpfen. Können Sie denn in dem Bilde Nacktes auch nur empfinden?«

»Ja, ja«, nickte der Doktor, »aber nicht davon reden, ich fürchte mich.«

Susanne lief sofort wieder davon und stellte sich erneut unter die Gäste zur Betrachtung der Badenden. »Ich empfinde hier nicht mehr ein Weib als ich dort einen weidenden Hammel empfand. Jenes Bild war grün, das konnte doch eine Weide sein. Dieses Bild ist bläulich.«

»Aber das empfindest du nicht, Susanne?« eiferte Hermione. »Das Bläuliche, das ich fühle, wenn ich mit meinen Spitzen der Zehen hineinsteige, Ramsey oder Swinemünde.«

»Oh ja«, klatschten alle, »das süße Schwimmende, das Runde, das Pointierte.«

Susanne seufzte: »Ja, dann weiß ich auch, Schellenhauer habt ihr unschuldig totgeschlagen, er war eben im Grase ebenso zu Hause wie ihr oder wir am Badestrande.« Eine sanfte Träne netzte als einziges Andenken an Schellenhauer den glatten Boden des Taifun. Der Doktor konnte gerade noch Zeuge sein, wie sie zu Boden fiel, die Träne; denn er kam zaghaft aus seinem Verstecke zurück.

Ganswind konnte das wohl dulden, eine Träne, wenn nur der unangenehme Kommis beseitigt war. Er sprach geduldig belehrend zu Susanne: »Sage nicht, er starb unschuldig. Er hat deine weichherzige Güte in sehr unmenschlicher Weise ausgenutzt. Ein Menschenkopf war er nicht.«

»Die Pomade«, sprach Hermione.

»Und der schlechte Gehrock«, die Frau Polizeirat.

»Das hinkende Bein«, der Polizeirat.

»Das war doch höchstens ein Rollmopsverkäufer«, die Hauswirtin, Frau Rechtsanwalt Büffel.

»Nein. Ein Bediener der Dienstmädchen an der Rolle«, schätzte ihn der Hauswirt.

»Ein Lump war er«, versicherte Käterchen.

Alles schaute entsetzt nach ihr hin. Wo kam sie her?

»Wer ist es denn?« frugen sie untereinander.

Hermione erlaubte sich, ein Dienstmädchen vorzustellen. »Es ist Susannes Mädchen.«

»Du bist mein Käterchen. Aber bitte, gehe zu deiner Katze«, sprach Susanne.

Die Gesellschaft lachte und Käterchen kehrte mit knallroter Wut abermals zu ihrer Katze zurück. Zu deiner Katze, hatte sie gesagt. So eine Frechheit. Sie wollte ja von der Katze gar nichts wissen. Aber so sind die Herrschaften, grollte sie: ungerecht.

Ganswind und Hermione schoben mit allen Mitteln in den Taifunwolken, um den Verlobungsregen auf den Doktor und Susanne fallen zu machen, aber es wollte, trotzdem der Pomadeherakles totgeschlagen war, nicht so recht gelingen.

Die Frau Polizeirat war eine ganz unausstehliche, gefährliche Rivalin, sie fütterte den halbverhungerten Doktor mit materiellen Süßigkeiten. Wie manchesmal gab sie dann noch einen schmelzenden Liebesblick hinzu. Und der Doktor hätte eher Lust gehabt, sie zu heiraten. Das verdarb in dem Plan viel. Daß die Frau Polizeirat mit solchem Ernst attackierte, hätten sie doch nicht geglaubt. Ein kleiner Scherz war durchaus erlaubt, aber nun tat die Frau Polizeirat, als ob sie ganz ledig wäre, und der Polizeirat blieb in sehr froher Laune dabei, als er sah, daß seine Frau vor Susanne obzusiegen imstande war.

Hermione und der Polizeirat besprachen sich im Salon des Umgekehrten. Aber er wollte nicht einsehen, wie ein Spiel der Koketterie anders einen Sinn haben sollte, wenn man nicht alle Konsequenzen zog, sogar die der Scheidung. Und Hermione gab ihm geistig wie praktisch recht. Trotzdem bat sie ihn, seine Frau doch etwas zurückzuziehen, damit Susanne freies Feld fände. Das ärgerte wiederum den Polizeirat sehr, und er mußte sich in acht nehmen, nicht mit mürrischer Laune zur Gesellschaft zurückzukehren.

Als Hermione von ihrem Abstecher mit dem Polizeirat zurückkam, küßte Ganswind sie innig und führte sie auf das Kissen des großen Schweden, der diesen Entwurf kurz vor seinem Tode ausgeführt hatte. Hermione schaute dankbar zu ihm auf und flüsterte: »Spiele.« Darauf küßte er sie wieder und errötete, bekam leichtes Fieber, denn er wußte, daß es nicht sein konnte, sondern daß »spiele« als Andeutung auf die Nacht gesagt war.

Der Doktor saß eingekeilt zwischen Susanne und Frau Polizeirat und wußte nicht, welcher er den Vorzug geben sollte. Der Polizeirat kam auf die Idee, für den Doktor das Urteil des Paris vorzuschlagen. »Das wäre eine feine Sache. Bekanntlich wählte Paris unter dreien, so würde sich also Frau Ganswind beteiligen müssen.«

Die Folge war, daß von da ab der Doktor auch auf Frau Ganswind Blicke warf. Und da diese jetzt sehr schön und sanft aussah wie ein Morphiumengel, auf dem Kissen, auf dem sie ausruhte, so war für den Abend alle Aussicht genommen, den Doktor mit Susanne zu verketten.

Ganswind war darüber ärgerlich. Der Doktor hielt es für Eifersucht. Aber es war reiner Ärger darüber, daß sich der Polizeirat so gegen alle Abmachungen verhielt und sich durch solche Schmeicheleien dafür rächte, daß seine Frau nicht zum Siege kommen sollte.

Der Hauswirt und Gemahlin saßen etwas beklommen auf ihren Sesseln, weil der Erfolg nicht programmäßig eintrat. Aber obgleich Frau Büffel sonst ein gutes Mundwerk führte, so blieb sie doch heute zurückhaltend und still, denn sie fürchtete, durch ein unüberlegtes Wort alles zu verderben. Man sah es ja dem Doktor an, daß er ein subtiler Mensch war. Sie hätte so gern alle möglichen anzüglichen Winke gegeben.

Bei jedem Gespräch hoffte Herr Büffel, den Anlaß finden zu können, seine zweite Etage für das jung verheiratete Ehepaar zu empfehlen. Es war bereits zwischen Ganswind und seinem Wirt so verabredet, daß der Doktor und Frau dann bei Büffel direkt über den Taifunsalons wohnen würden. Herr Büffel fand Susanne so überaus liebreizend, daß er sich bereits die schönsten Träume und Abenteuer spann, wenn sie einmal hier wohnte, in seinem Hause.

Susanne wurde durch diese ganz ihr dienstwillige Stimmung der Gesellschaft zu übermütiger Laune gehoben. Sie erlaubte sich bereits, dem Doktor ein sachtes Backpfeifchen zu geben. Dem Doktor gefiel ihr lustiges Wesen, weil es trotz aller Ausgelassenheit, noch von einem geistigen Willen beherrscht, diszipliniert war. Durch das Bewußtsein, die hohe Spitze des Abends zu bilden, wurde Susanne mehr und mehr unbekümmert um die tatsächlichen Vorgänge. Sie sah gar nicht mehr, wie die Frau Polizeirat mit ihren Augen an dem Doktor zog; und dem lauernden Manne dieser Frau gelang es wieder wie einem geschickten Taschenspieler die Ausnützung eines ungeordneten Augenblicks: seine Frau sprach ganze fünf Minuten mit dem Doktor, ohne daß es ein Mensch außer ihm bemerkt hatte.

Nur die eifersüchtige Wachsamkeit einer Ehefrau hätte Susanne schon haben sollen, um solche fünf Minuten zu verhüten. Aber zunächst war es doch nur Tändelei; da brauchte sie noch nicht einmal zu erschrecken, wenn sie die Unaufmerksamkeit erkannte.

Hermione dagegen zitterte heftig, als sie den Doktor mit Frau Polizeirat am Arme durch den Salon der Schmieristen gehen sah. Sie stand starr. Das bemerkte wieder Ganswind. Dieser stampfte mit dem Fuße und war drauf und dran, Hermione laut anzufahren. Der Polizeirat lachte laut, und nun erst schlitterte Susanne zum Doktor hin, auf seine andere Seite.

Dem Doktor war natürlich sehr blümerant zu Mute, er sah mit lachendem Faunmaule bald rechts, bald links, auf die Scheitel seiner Begleiterinnen.

Der Duft über Susannes gescheiter Stirne war leichter, während im Scheitel der Frau Polizeirat ein schweres Parfüm ruhte. Wie zwischen Sonne und Gewittergewölk pendelte der lackbeschuhte Mann. Bald gelüstete es ihn, sich von einem Gewittersturze wie ein nackter Schatten in die gurgelnde Tiefe einer Klamm quetschen zu lassen, dann gelüstete es ihn wieder, einem hüpfenden Sommerschmetterling bergan folgend, in das Nichts zu haschen.

Da konnte sich die Wirtin doch nicht länger mehr halten. Sie ließ die Eingehängten über sich hinwegstolpern und sagte laut: »Herrn Doktor würden die beiden Damen als Ehefrauen außerordentlich zu Gesicht stehen.«

Da schrie Frau Polizeirat: »Nimm mich, Doktorchen.«

Und Susanne schrie: »Nein, mich.«

Der Doktor kratzte sich am Kopfe, und er stand auf einmal auf der Oase von sich überschneidenden Straßenbahnlinien, wo er jetzt zusammenschrak, daß er fast überfahren wurde.

Susanne stürmte mit Käterchen und Kätzi durch den Tiergarten nach Hause. Sie fürchtete sich vor den im Dunkel hingehenden Gestalten, vor den Bänken, auf welchen Menschen in eigentümlichen Stellungen saßen. Aus Nebenwegen drang das leidenschaftlich erregte Geschrei von jungen Männern, die sich prügelten und mit Stöcken aufeinander einhieben. Susanne wollte vorüberfliehen, aber es war schon zu spät, der prügelnde Haufen wälzte sich über sie hin. Es war ein Mann, der einen sausenden Stockhieb um den andern auf den schallenden Schädel erhielt und immer wieder auftaumelte und gegen seinen Angreifer anstürmte, bis er schließlich bewußtlos und blutüberströmt im Grase ächzte und stöhnte. Susanne preßte es die Tränen aus der Brust vor Weh und Mitgefühl um den armen Menschen, auf den ein anderer einschlug wie auf ein lebloses Tier. Sie hätte gern Hilfe geholt und geschrieen, aber es war ihr nicht möglich. Sie zitterte vor Angst, die jungen Leute könnten sich auf sie stürzen. Käterchen mußte sie vorwärts zerren, da ging's wieder an anderen Gruppen vorbei: lauter Menschen, die auf die Dauer von wenigen Mondwolken heirateten. Susanne war es schaurig zumute, durch solches Dasein hindurchflüchten zu müssen. Die trostlose Welt der Ziel- und Steuerlosen hatte sich in der Nacht frei gemacht und losgelöst. In Ächzen, Stöhnen, Hieben und Stichen wälzte sie sich dahin.

Susanne wagte erst wieder leise mit Käterchen zu flüstern, als das dumpfe Schnarchen der gefangenen Tiere aus dem Zoo vernehmbar wurde. Da war es ihr wieder wie unter Menschen. »Hast du Kätzi noch?« frug sie Käterchen leise. »Jawohl«, flüsterte diese zurück.

Endlich war der erleuchtete Damm wieder gewonnen. Ein Schutzmann stand mit lachendem Gesichte und gaffte, das Auge in der Beleuchtung, den Rücken gegen den dunklen Garten.

Herr und Frau Polizeirat waren glückselig. Noch nie waren sie so jung wie heute. Er sah die schönen Formen von Clothilde mit Stolz vor sich, sie war das edelste Gewächs unter den zahlreichen ihm bekannten. Es war selbstverständlich, daß sie es mit Susanne aufgenommen hatte. Susanne war im ganzen eine wenig aus sich machende Gestalt. »Nackt«, sagte der Polizeirat, »stelle ich mir vor, dürfte sie dir gegenüber überhaupt keinen Marktpreis besitzen. Kein Sultan würde sie kaufen, wenn er dich sehen würde.« Clothilde lächelte zu seiner Begeisterung und war verwundert, warum er dann so gern phantastischen Jagden nachging. Er betrieb das eben wie eine leidenschaftliche Spielerei.

Clothilde war eine zu wissende Frau, sich über ihre Vorzüge täuschen zu können. Es kam eben nicht so sehr auf die architektonischen Vollkommenheiten an, als darauf, wie der ganze Odem mit dem Wesen harmonierte und entzückte. Sie belehrte ihren Gatten, daß z. B. Fräulein Stöcker, die schönste Erscheinung ihres Jungfrauenkranzes, unrettbar verloren sei und dem Schicksale verfallen, gemieden durch die Welt zu gehen. Ein architektonisch reinster Bau! Sie würde von Künstlern zum Zweck der Modellierung von Göttinnen gesucht und benutzt werden; das wäre ihr schwacher Trost für das Entbehren der Liebe. Schön sein und ungeliebt, sei wohl das trostloseste Geschick eines Weibes.

Der Polizeirat lag neben ihr, den Kneifer auf der Nase. Seine Augen rollten über ihren Körper, und mit dem einen Ellbogen stützte er sich auf ihre Hüfte. Er überlegte sich alles, was sie ihm schilderte, und er war trotz des Besitzes ihrer Schönheit nach Susanne gelenkt. Er schwieg und sah starr vor sich hin, bis ihn Clothilde meisterte. Da stammelte er: »Susanne«. »Ihr seid doch ein törichtes Volk«, sagte sie. »Ihr abstrahiert im Genuß.«

»Oh, das ist deine große Zauberei, du läßt mich Märchen erleben, Phantasien erjagen, Gedankenwelten bauen«, war des Polizeirats Entgegnung.

Clothilde legte den Kopf betrübt ins Kissen, und eine Träne rollte aus ihrem Auge. »Solche Glücksbringerin bin ich nun. Es war einmal anders, und da war es schöner. Da warst du jünger und kräftiger. Da begehrtest du nur die Lust von uns beiden. Geh weg! Du bist ein abscheulicher Mensch.«

Sie nahm es sich vor, den treulosen Phantasten zu verlassen.

Während der Taifun alle vorwärts riß, gab es doch nach den Rändern seiner Bahn fegende Stagnationen der Einzelnen, Andere strebten daraus hinaus und konnten nicht entweichen. Schellenhauer dagegen war wie ein in die Strömung Gefallener hinausgeschleudert worden. Man konnte sich um den Einzelnen nicht sonderlich kümmern, das Ganze war das Ziel. Wenn sich auch die Frau Polizeirat für eine Wichtigkeit hielt, so schuf das Hermione kein zu großes Bedenken.

Ganswind und Hermione freuten sich auf das schicksalbesiegelnde Frühstück bei Susanne, zu dem sie mit dem Doktor eingeladen waren. Es war eine sinnlose Einbildung von einer Frau, wenn sie glaubte, entgegenstreben zu können. Wie viele, die nur Mitläufer waren, hielten sich für besondere Aktivitäten.

»Überhaupt, wer ist eine Aktivität?« sprach Hermione mit verächtlicher Miene. »Wir können sie doch alle entweder fördernd an uns ziehen oder sie verkümmern lassen. Was könnte selbst ein Dr. Bäumler oder eine Susanne für Erwartungen hegen, wenn wir nicht wollten. Du, Ossi, und ich. Es ist lächerlich von Frau Polizeirat, daß sie glaubt, irgend etwas hänge von ihr ab. Es ist sehr richtig, wir werden sie noch manchmal gebrauchen können, auch ihn. Aber ganz wie wir es wollen.«

Ossi wiegte zu solchen hochmütigen Reden stolz einverstanden den Kopf. Sie waren die Gottheiten, die halfen und Gnade erzeigten, die aber auch gern zu Gaste billig schöne gute Dinge frühstückten, damit sie den fortwährend beängstigten Geldbeutel ausruhen lassen konnten.

Der Taifun verschlang Unsummen, und die Beleihungen, welche der Hauswirt Ganswind beschaffte, kamen nicht selten ins Stocken. Das waren verzweifelte Augenblicke, wo Hermione, die blonde Nordländerin, in Tränen zerflossen in Ossis Schoß lag. Dann wurde das große Problem immer wieder in Erwägung gezogen, in einem entlegenen Vorort einen Göttinnentempel zu erbauen, in dem man Hermione opferte. Ossi gab sich einverstanden. Er fürchtete vorerst nur, es könnte zufällig die Identität von ihr mit dem Leiter des Taifun bekannt werden, dann gelang es der Presse, ihrer Propaganda für die neue Kunst das Wasser abzugraben.

Jetzt war solch schwieriger Augenblick. Bis hoch in die Morgenstunden saß das Hauswirtspaar bei Ganswinds und besprach einen neuen Fischzug unter den beschäftigungslosen Kapitalien. Hermione hing oft mit langen Armen an Büffels dickem Halse und ließ ihre Vergißmeinnichte schimmern. Und die Wirtin nahm verfängliche Blicke an. Dies tat beiden sehr wohl und dauerte solange, bis der Abschluß gefunden war.

Für den Hauswirt und Rechtsanwalt kam dafür ein günstiges Extrageschäft. Der in das Nichts beförderte Schellenhauer.

So griff dieses maschinelle Geldwerk ineinander. Der Hauswirt belieh, und der Mieter dankte mit übergebenem Prozesse.

Schellenhauer bereute bei einem Hammelkotelette, daß er auf den Taifun hereingefallen war. Er sah Susanne natürlich nicht mehr anders an als eine Angestellte des Salons, Kunstblüten zu locken und zu vernichten. Er hatte den Prozeßvorteil, daß sein Kunstwerk vernichtet war. So konnte er es keinem Sachverständigen vorlegen und konnte getrost eine Riesensumme einklagen. Und er ging zu einem geschickten Anwalt, der ihm von Onkel Biermann empfohlen war. Käterchen wurde von Onkel und Tante auch wieder freundlich angezogen, sie trug alle Gedankenäußerungen ihrer Herrin über Schellenhauers Kunst wie eine brühwarme Wurst in die Budike, wofür sie jedesmal mit einigen Schnäpsen traktiert wurde.

Der Anwalt empfahl ihm, das Objekt lieber höher anzugeben. Er würde den Prozeß zweifelsohne gewinnen. Schellenhauer klagte also auf fünfzigtausend Mark Schadenersatz für das vernichtete Bild, dazu kamen noch fünfhundert Mark für den Hammel, den er vorzeitig geschlachtet hatte. Da das Werk dessen Konterfei darstellte, so war er also doppelt geschädigt, indem er ihn nicht mehr besaß, um ihn ein zweites Mal wiederzugeben. Mit Stolz bezahlte er dreihundert Mark Prozeßvorschuß dem Herrn Justizrat Salomon. Und im Kolonialwarenladen erzählte er jedem Kunden von seinem Prozesse. Es warf natürlich ein glänzendes Schlaglicht auf seine Kunst, daß sie auf über fünfzigtausend Mark bewertet wurde.

Mit Käterchens Hilfe brachte er sogar die an Susanne ergangene Einladung des Taifun in seine Gewalt. Diese war sein wichtigstes Dokument, weil er darin der große Künstler hieß. Auf der andern Seite wußte Ganswinds Anwalt genau, was auf dem Spiele stand, und er kämpfte deshalb im Prozesse mit dem größten Eifer. Vielleicht wenn Schellenhauer diese Verhältnisse gekannt hätte, würde er die Klage unterlassen haben. Aber auch von Käterchen konnte er nichts derartiges in Erfahrung bringen, denn diese Verquickung von Hausherrentum und Klientel war das allerheiligste Geheimnis des Taifun. War es doch sein Lebensnerv.

Schon am nächsten Tagabend rief der Herr Justizrat bei seinem Freunde Büffel an und erkundigte sich nach dem Objekt. Sie sprachen sehr lustig miteinander darüber und beglückwünschten sich zu dem gegenseitigem Erfolg. Ganswind lief wie ein wilder Löwe umher, als er das erfuhr, und Hermione schütterte es kurz durch den geschmeidigen Körper. Die Lage wurde dadurch glänzend: der Hauswirt konnte demnächst mit einer neuen Anleihe von einmalhunderttausend Mark bei der Hotel-G.m.b.H. aufwarten.

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