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Hermann Essig: Taifun - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Käterchen hörte immer bloß die Blumen auf ihrem Kopf schwanken, denn sie war ganz ohne jeden Gedanken. Was sagte sie denn zum Fräulein? Nun hörte der renommistische Schwindel auf; zur Nacht hätte der Kavalier eben Fleisch und Blut geworden sein sollen. Sie kaufte sich eine Dose Pomade, dann konnte sie wenigstens zeigen, daß sie den Herrn gesprochen hatte; denn die Pomade hatte er ihr bereits mitgegeben, damit sie auf die Waschtoilette gestellt würde, weil er sich die Haare morgens anpatschen wollte, wenn er die Nacht da geschlafen hatte.

Über diesen Einfall war sie glückstrahlend und kam frech fromm fröhlich frei nach Hause. Das Fräulein war auch schon da.

»Na, sage bloß, wo bleibst du denn?«

Käterchen hielt sich die Backe und streckte schnell den Pomadetopf entgegen: »Nicht schlagen, das hat er mir mitgegeben.«

»Wer?«

»Der... na der«, schrie Käterchen fast aufgebracht.

»Und er kommt nach?«

»Jawohl kommt er nach. Wenn er gewiß Wort hält. Ich glaube nicht so recht an sein Pfand.«

»Und wie heißt er? Wo wohnt er?«

Käterchen rannte wie geschossen in ihre Kammer und verriegelte sich.

»Das ist ein Betragen. Was soll man davon denken?«

Hinter der Türe heulte Käterchen: »Gott, Fräulein, wenn Sie auch so ungeduldig sind, ich habe das vergessen zu fragen, den Namen und die Wohnung.«

»Findest du es wenigstens?«

Käterchen kam zaghaft unter der Türe zum Vorschein mit ganz verheulten Augen. »Ja, finden tu ich es.«

»Warum verkriechst du dich dann? Ich tue dir doch nichts. Warte jetzt erst einmal ab, wenn du schon die Pomade hast. Vielleicht kommt er.«

»Ja, weil die Pomade doch da ist. Die Pomade...« wimmerte Käterchen.

Susanne ging mit dem Töpfchen ins Zimmer.

»Das soll auf die Waschtoilette«, rief ihr Käterchen nach.

»Hat er das gesagt? Aber dann begreife ich nicht, warum du zweifelst. – Setze Kaffee auf.«

Käterchen hantierte in der Küche und Susanne saß innen auf dem Diwan, spielte gleichgültig mit der Katze und besann sich über Käterchens langes Verweilen und eigentümliches Benehmen. So war sie eigentlich noch nie gewesen. Kam das von der Größe Berlins? Nach einer Weile ging sie wieder zu Käterchen hinaus und frug sie weiter aus. »Wo warst du eigentlich?«

»Gott, Fräulein, weiß es der Himmel, wo ich herumgeirrt bin.«

Jetzt veränderte Susanne ihr Wesen ganz gewaltig. »Käterchen, du lügst mich an. Ich sage dir, wenn ich heute noch Langeweile habe, so rechnen wir ab miteinander.«

Käterchen schluchzte auf, als wenn sie jetzt schon die Prügel kriegte, etwa wie ein Lateinschüler neben seinem Präzeptor schluchzt, wenn er schlecht präpariert hat und nicht übersetzen kann.

Susanne stürmte ins Zimmer und die Tür knallte.

Käterchen zuckte zusammen und sprach leise vor sich hin: »Gott, man soll ja nicht die Türen so schmeißen, unten wohnt ein nervöses Ehepaar. Aber ich bin schuld. Was soll ich denn heut abend anfangen, wenn niemand kommt? Ich möchte am liebsten ausrücken; aber wohin denn? Nein, bei Onkel und Tante, da ist es nichts für mich. Du Gott. Du Gott. Wär's nur schon vorüber.«

Susanne sprach kein Wort weiter mit ihr, als Käterchen im Zimmer den Kaffee zurechtsetzte und herumheulte. Endlich sagte sie bloß: »Wird denn das Gerotzel bald aufhören!« Da wischte sich Käterchen für einen Augenblick die Augen mit der Schürze und heulte weiter. »So heult ein anderer Mensch, wenn Vater und Mutter gestorben sind oder wenn er hinausfliegt. Willst du aufhören!« Es flog keine Zuckerbüchse, dazu war der Zucker jetzt zu selten; aber Kätzi sprang gegen die Heulende an und kratzte sie.

»Au wa, au wa!« rannte Käterchen in die Küche.

Man konnte deutlich hören, daß bereits jemand auf dem Treppenflur stand und horchte. Susanne verbot ihr darum das weitere Heulen aufs strengste mit ganzer leiser Entschiedenheit. Am ersten Tage solch ein Krach. Sie kam ja gleich in Verruf.

Bei geschlossener Küchentür wurde es acht Uhr abends. Käterchen war ruhiger geworden. Bei ihrem kurzen Verstande verloren sich die Ängste im Quadrat der Entfernung vom Zeitpunkt der Ereignisse. Sie machte für Susanne ein kleines Abendbrot zurecht aus Fettkäse, Brot und etwas Butter, samt einem Tee.

Sie war gerade dabei, den Tee aufzubrühen, als sich an der Korridortüre jemand die Schuhe abrieb. Susanne mußte es auch gehört haben, denn sie kam aufgeregt zu Käterchen in die Küche gestürzt und frug: »Wer ist's?«

Käterchen war schlau und sagte: »Der Zeit nach könnte er's sein.« Sie hatte das leicht lügen, weil ja doch niemand kam. Der da die Stiefel abgerieben hatte, konnte doch der Briefträger sein, oder der Portier, oder der Gasmann, oder der von der elektrischen Beleuchtung.

Susanne stand neben ihr und faßte mit ihren zitternden Händen Käterchen fest. Endlich klingelte es.

»Zieh deine Überschürze ab und führe ihn hinein.«

»Ins Schlafzimmer?«

»Hammel«, deutete Susanne nach ihrer Stirn.

Käterchen knüpfte sich die weiße Schürze zurecht und dachte, woher weiß denn das Fräulein vom Hammel. Sie hatte ein ängstliches Gewissen. Das Fräulein schlug sie desto derber, wenn sie so enttäuscht wurde.

Käterchen öffnete. Aber sie schrie auf und stürzte in die Küche. Sogleich aber war der Draußenstehende eingetreten, entschlossen zu wagen, denn es galt das gnädige Interesse der halben Million gegen den verkannten Künstler.

»Es steht ja jemand im Korridor. Bist du des Teufels?«

»Der Irre, der Irre«, schrie Käterchen.

Daraufhin nahm sich Susanne ein Herz. Sie trat in den Flur und nahm einen Kochlöffel als Waffe mit sich. Da verbeugte sich der Irre mit sehr viel Anstand vor ihr.

Sie redete ihn an: »Was wünschen Sie?«

»Sind gnädiges Fräulein die Dame selbst?«

»Vielleicht. Was soll es sein?«

Käterchen horchte gespannt auf jedes Wort.

»Ich weiß nicht, irre ich, oder irre ich nicht...« Er drückte seinen Hut verlegen in der Hand herum.

Susanne ärgerte die Erscheinung. »Wenn Sie selbst nicht wissen, ob Sie irr sind, so gehen Sie in die Küche und fragen Sie mein Mädchen.« Damit wies sie ihn mit gravitätischer Bewegung in die Küche und trat selbst ins Zimmer.

»Das wäre mir sehr recht, wenn ich mich auf diese Art überzeugen könnte«, antwortete der Mann bescheiden und trat in die Küche. Dort sah er Käterchen an der Wasserleitung stehen. »Richtig ist es«, sprach er dann und ging kurz und gerade auch dahin, wohin die Dame verschwunden war. Und wäre es die Toilette gewesen! Denn es stand ja fest, daß man den frostigen Empfang nur geheuchelt hatte und sehen wollte, welch Geistes Kind er war.

Susanne saß mit sehr erstaunten hohen Brauen und energischen Nasenflügeln auf dem Diwan und empfing den Mann: »Was unterstehen Sie sich, unaufgefordert bei mir einzutreten?«

»Zu Gnaden. Die Kunst.« Er hob dabei den Kopf aufrecht und sah Susanne fest, etwa wie ein Steinbock, in die Augen.

Susanne veränderte ihr Wesen ganz plötzlich. Wenn es die Kunst war, so mußte irgendwie ein Zusammenhang zwischen dem Besuch des Mannes und ihr bestehen. Sie nickte.

Dieses gnädige Nicken löste bei dem Mann sofort alle Register aus. Zuerst stürzte er in die Kniee vor ihr: »Mein gnädiges Fräulein, ich werfe mich Ihnen zu Füßen und flehe Sie an. machen Sie einen glücklichen Menschen und Künstler aus mir. Sehen Sie darin den Ausdruck eines jahrelang gepreßten unterdrückten Menschen. Ich bin verloren, wenn Sie mir nicht helfen. Mein Werk ist da, aber die Menschen gehen daran vorüber, sie sehen es nicht. Ihr Mädchen selbst sieht einen Hammel für ein Landhaus an. Kommen Sie nur einmal zu mir auf die Baustelle, daß Sie sehen. Sie! Dann ist mir geholfen. Ich sehe die hochgeformte Schönheit der Seele aus Ihren Augen leuchten. Sie haben ein Urteil. Verdammen Sie mich, so will ich weiter Bücklinge und Erbsen verkaufen. Sehen Sie mich aber als Künstler an, so glaube ich Ihnen, denn dann kann ich hoffen, daß mein Werk aus der Verachtung zur Schätzung, aus der Dunkelheit zum Licht gebracht wird... Oh, oh.«

Susanne war erschüttert. Sie frug schüchtern: »Malen Sie in einem Keller?«

»Hat das Ihr Mädchen erzählt? Dann ist sie eine ganz infame Lügnerin. Ich sah ihr's sofort an, sie wird lügen bei dem gnädigen Fräulein, sie hat die Absicht zu lügen.« Er schnaubte aufgeregt.

Susanne dachte, wenn er das gesehen hat, so hat er wohl gar keinen so miserablen irren Verstand. Aber wie war denn die ganze Geschichte zwischen ihm und Käterchen gewesen? Käterchen hatte ihr ja kein Wort erzählt. Daß sie einander kannten, soviel war allein gewiß. Dann fehlten dem Mann vor allem die pomadisierten Haare. Auch war ein seltsamer Widerspruch in dem ganzen Benehmen Käterchens. Daß sie jetzt einen Menschen, der angeblich irr sein sollte, hierher gelotst hatte, wo sie doch am Vormittag einen Kavalier versprochen hatte. Während dieser Überlegung war tiefe Stille im Zimmer; nur der Knieende wechselte die Kniee um, weg sie ihn bereits schmerzten.

Käterchen räusperte sich draußen. Sie mußte ja noch gespannter horchen bei der verdächtigen Stille im Zimmer, dummerweise rührte sich der Frosch in ihrem Halse.

Susanne wußte, daß sie horchte. Sie mußte ihr notwendig Vorgänge vortäuschen. Sie sprach daher weiterhin sehr gedämpft mit dem Manne.

»Stehen Sie doch auf«, sagte sie.

Auch er sprach nun leiser. »Ich stehe nicht auf, bis Sie mich erhört haben.«

»Ich kann Ihnen viel weniger helfen, als Sie sich einbilden. Ihre Worte müßten Sie an einen Kunsthändler richten.«

Nun lächelte er sie an. So sprach sie, um ihn zu prüfen, ob er wirklich an sie glaube. Und er antwortete: »Ich will nur von Ihnen die Hilfe.«

»Das ist ein zu großer Eigensinn. Der kann Ihnen nichts nützen.«

»Das gnädige Fräulein verfügt über große Reichtümer.«

Susanne hustete. Dem Knieenden kam es vor, als hätte er eine Dummheit gesagt. Man hielt ihn vielleicht für einen Menschen, der bei allen Reichen bettelte. Aber er hatte bisher noch niemals gekniet. Von dem beleidigten Stolze hochgezogen, stand er auf und sah finster zu Boden.

Für Susanne war der Augenblick kritisch. Gelang es ihr, sich in der Rolle einer wahrhaft Reichen zu behaupten? Offenbar mußte ihm Käterchen das erzählt haben. Und plötzlich kam ihr der Gedanke, daß Käterchen diesen Mann als Heiratskandidaten geschätzt haben mußte. Deswegen hatte sie sich so seltsam betragen, damit sie mit einer gewissen Gegenvoreingenommenheit dem Mann gegenübertreten sollte und ihn leidenschaftslos prüfte.

Sie besann sich, während sie den Mann von Kopf bis zu Fuß musterte und endlich an seiner dicken Stiefelsohle mit dem Blicke haften blieb, auf die geeignete Antwort. Es schien ihr sehr wenig Sinn zu haben, noch weiter mit dem Manne zu reden, der absolut nicht heiratsmöglich war.

Sie sprach hochmütig: »Sie dachten also, daß ich Ihnen meine Reichtümer zum Opfer bringen solle?«

Da lachte er bitter, fast heiser. »Nein.«

»Und warum stehen Sie dann da? Glauben Sie etwa, daß ich den Wunsch hätte, mein ganzes Vermögen für einen Künstler einzusetzen?«

»Ja.«

Nun war aber Susanne am Ende ihrer Schlagkraft; es fiel ihr kein Satz mehr ein, wie sie sich ihm gegenüber aufs hohe Roß setzen konnte. Sie hatte nichts, und darum fiel es ihr schwer, mit ihm zu spielen. Einmal sagte er nein, das andre Mal ja. Aha, er war ja irr. Käterchen sagte es.

Sie entschloß sich, ihm einfach die Türe zu weisen. »Bitte, gehen Sie, ich habe keine Lust, mit Ihnen eine überflüssige Konversation zu treiben.«

Da sah er sie mit einem ganz erbarmungswürdigen Blicke an und frug schüchtern. »Warum denn?« Er sank auf einen Stuhl und schluchzte.

Jetzt war der Skandal vollendet. Susanne schoß aufgeregt im Zimmer herum. Das mußte Käterchen verantworten. Sie schrie: »Käterchen.«

Käterchen trat herein: »Gnädiges Fräulein.«

»Blöde Gans! – – Sehen Sie da den Mann an, er geht nicht.«

»Gnädiges Fräulein, ich weiß aber ja gar nicht, weshalb er gekommen ist«, stotterte Käterchen.

»Wenn du solch ein dummes Vieh bist und glaubst, ich könnte solch einen Idioten heiraten... stelle dir doch vor, heiraten«, sie agierte heftig mit der ganzen flachen Hand gegen ihre weit vorgestreckte Stirn, »dann kannst du hin, wo der Pfeffer wächst.«

Der Mann hatte sich plötzlich auf seinem Stuhl aufrecht gesetzt und sah Susanne verwundert an.

Käterchen stand an der Tür, dann sprang sie auf den Mann los und trommelte ihm auf dem Kopf herum, daß er sich zusammenduckte und aufschrie. Sie schrie dabei: »Hab ich Sie hierher gerufen? Hab ich Ihnen gesagt, das Fräulein möchte Sie heiraten?« Es war sein Glück, daß er endlich vom Stuhle aufstand, sonst wäre er von den derben Händen der Schwarzwälderin zu Tode getrommelt worden.

»Ich werde gegen Sie einschreiten«, wehrte er sich hinter dem Tische, hielt mit der einen Hand seinen Kopf und deutete bestimmt mit der anderen Hand nach Käterchen.

»So? Hä, das wollen wir sehen«, sprach Käterchen, »das wollten wir doch sehen, wer hier im Recht ist. Ich habe sowieso mit dem Fräulein den ganzen Krach und Ärger, da muß dann so ein Schubladenrutscher daherkommen und das Kraut fett machen.«

»Sie waren bei mir auf der Baustelle«, brüllte der Mann.

Susanne stand zwischen beiden abseits und hatte Kätzi auf den Arm genommen. Ließ sie die beiden ruhig fechten, dann kam schon der Sachverhalt zutage.

»Was weiß ich, wie ich dorthin gekommen bin?« knurrte Käterchen.

»Sie haben mir die Adresse Ihres Fräuleins angegeben.«

»Ich? Na wann bloß?«

»Ich sagte es Ihnen ja gleich, Sie sind nicht recht im Kopfe«, sagte er und deutete gegen seine Stirn.

»Ach, so unverschämt sind Sie? Jetzt werden Sie mir klarer«, meinte Käterchen und trappte umher. »Das soll sich auf mich beziehen, wenn Sie gegen den Kopf deuten? Nein, mein Lieber, wer sich an den Kopf tupft, der ist selber verrückt.«

»Daß Sie verrückt sind, sehen Sie daran, daß Sie meinen Hammel für ein Landhaus halten.«

Käterchen mußte sich nun notgedrungen an das Fräulein wenden. Sie sagte: »Nun möchte ich Sie bloß bitten, Fräulein Susanne, für was Sie das Bild halten täten. Vielleicht gar für einen Kaktus.«

Susanne wehrte verlegen ab. »Das will ich nicht wissen.« Aber durch dieses unerwartete Schlaglicht auf die Art seiner Kunst, erwachte plötzlich ihr Interesse, und sie fixierte jetzt den Mann viel schärfer als bisher. Jede seiner Bewegungen wurde geprüft und abgewogen, jedes Wort, jede Eigenart des Anzugs, der Gestalt an ihm herausgesucht. Daß er hinkte, war eigentlich am auffälligsten.

Der Mensch fühlte sich durch des Fräuleins abfällige Äußerung gegen Käterchen ermutigt und gestärkt. Er bremste seinen heiligen Zorn nicht mehr, sondern ließ ihn voll herausbrechen. Er schrie das Dienstmädchen an: »Sie gehören zu diesen ordinärsten Kreaturen, welche den Anblick der Kunst denen unmöglich machen, welche sich im tiefsten Herzensgrund dafür interessieren. Seit Sie mit Ihren profanen Ochsenaugen mein Werk geschaut haben, möchte ich's vernichten und den Flammen preisgeben.«

»Ja, und ich soll dann die Schuld tragen, wenn es hin ist?« bäffte Käterchen.

Der bisher so tief erregte Künstler zog sich auf diese Entgegnung schweigend zurück. Wie überraschend, daß sie das Hinsein seines Werks bedauerte und die Schuld von sich ablud. Das bewies doch fast, daß sie nur absichtlich den Hammel nicht erkennen wollte. Es entstand eine Feuerpause. Susanne stand darum flink auf. »Es ist genug«, sagte sie, »ich bin jetzt selber gespannt auf Ihr Machwerk. Wenn Sie mir's zeigen wollen, so bin ich bereit.« Sie zog ihr Schnupftüchlein aus dem Gärtel und tupfte es an die Nase. »Sie dürfen aber deswegen noch nicht erwarten, mein Herr, daß...« Sie zögerte, den Satz zu Ende zu sprechen.

»Gewiß, meine Gnädige«, verbeugte sich der Kaufmann, »ich will durch diese hohe Ehre noch kein bestimmtes Verhältnis voraussetzen. Aber ich spreche die Überzeugung aus, daß Ihnen das Werk gefallen wird, weil Sie es mit den schönen, hochgeformten Augen verstehen werden.«

Susanne hörte plötzlich, wie süß schmeichelnd er reden konnte. Und sie dachte sich, daß sie dem Manne vielleicht wirklich helfen könnte. Sie vergaß die Szenen, die sich soeben abgespielt hatten, und sie bat sich die Erlaubnis aus, das Bild einem Kunsthändler vorlegen zu dürfen.

»Meine Gnädige, nichts lieber als das.« Der Künstler geriet in hohe Verzückung. Es war ihm, als hätte sich bereits eine glänzende Zukunft für ihn erfüllt. Daran hatte es nach seiner Meinung bisher nur gefehlt, daß kein wohlwollender Mensch persönlich sich für ihn bei einem Kunstsalon verwendet hatte.

»Wann bekomme ich das Bild?« frug Susanne mit großer Bescheidenheit.

»Noch heute.«

»Gut, ich empfehle mich«, nickte Susanne und verschwand durch eine Portiere ins Nebenzimmer, dessen Inhalt der Herr als Schlafzimmer erkannte. Geschwind schlug ihm das Herz, dem so reizenden Weib da hinein zu folgen. Kühn zu sein, war er gewohnt von der Rolle her, bei der er den Mädchen drehen half. Aber der Gedanke, daß er um seiner Kunst willen lieber vorsichtig sein mußte, bändigte seine Gier. Er verkomplimentierte sich hinter der zufallenden Portiere und wandte sich zur Tür. Käterchen nahm die Hüften fest, ließ ihn an sich vorbei hinaus und tat so, als ob sie das noch gar nichts anginge, was ihre Herrin verabredet hatte. Mit ihr war er noch in Feindschaft. Es geschah aber etwas ganz Wunderbares... An der Korridortür küßte sie der Fremde.

Sie wischte sich das Maul. Was war das für einer? Erleichterte ihm das kurze Bein den Sprung? Und dann frug er sie noch leise: »Wissen Sie auch schon, wie ich heiße?«

»Nein, wie heißen...?« Käterchen streckte ihm den Kopf nahe.

»Schellenhauer.«

Und Käterchen gab ihm seinen Kuß blitzartig zurück.

Das geschah alles in wenigen Sekunden. Trotzdem dauerte das Hinauslassen des Mannes Susanne zu lange. Sie trat fast wie eifersüchtig aus dem Schlafzimmer. Da machte Käterchen gerade die Korridortür sachte zu.

Aus dieser Bedächtigkeit erkannte Susanne, daß hier etwas nicht echt war. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, Käterchen über den Menschen ganz genauestens auszufragen. Aber sie unterließ es jetzt, denn sie würde ihr doch nicht die Wahrheit sagen. Immerhin, wie sie zu dem Menschen gelangt war, mußte sie jetzt erzählen.

Käterchen dichtete natürlich eine schöne Fabel von Onkel und Tante, Verwandtschaft und Bekanntschaft mit hinzu, so daß kein Mensch klug wurde. Aber mit dem Bilde hatte sie recht, beteuerte Käterchen. Er mag ein ganz tüchtiger Kommis sein, aber Malen, das müßte er den Krähen überlassen, die kratzten genau das Nämliche durcheinander.

»Wir werden sehen«, sprach Susanne und setzte sich in stundenlangem Sinnen auf den Diwan, bis ihr die Katze den Kopf ins Gesicht rieb.

Käterchen stand ebenso nachdenklich in ihrer Küche. So herrschte tiefe Stille bei den Neueingezogenen. Das darunter wohnende nervöse Ehepaar hoffte, der bisherige Tumult würde nur eine momentane Ausnahme sein.

Daß er das Bild heute noch bringen konnte, war ja unmöglich. Er hatte offenbar nicht daran gedacht, daß es schon neun Uhr war und das Haus geschlossen wurde.

Man brauchte auch gar nicht länger aufzusitzen. Susanne, müde von der vergangenen Nacht, war froh, daß sie keinen Plaggeist bei sich hatte. Sie ließ sich von Käterchen aufdecken. Das Zubettgehen nahm heute nicht viel Zeit in Anspruch. Käterchen verabschiedete sich ziemlich kühl mit einem etwas oberflächlichen »Gute Nacht beisammen«. Das galt stets Susanne und der Katze.

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