Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hermann Essig: Taifun - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Taifun
authorHermann Essig
year1997
publisherWeidle Verlag
addressBonn
isbn3-931135-28-4
titleTaifun
pages2-15
created19991120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
Schließen

Navigation:

Als ziemlich früh am Morgen Käterchen ins Hotel kam, um ihre Herrin abzuholen, lag diese noch im Bett und die Katze auf ihr. Kaum hatte Käterchen die Doppeltür geöffnet, als die Katze emporsah und sie anglotzte. Auch Susanne schlug die Augen auf wie eine Gelenkpuppe. Sie war todmüde. Um sich bewegen zu können, mußte sie einen krampfhaften Entschluß fassen.

Käterchen war ganz vergnügt eingetreten. Sie hatte sich gefreut, heute Susanne zur Wohnung bringen zu können. Als sie aber Susanne so steif und faul liegenbleiben sah, wurde sie mißmutig und sah grau in die Welt.

Als Susanne endlich frug: »Willst du uns holen?« knurrte Käterchen mürrisch: »Ja.« Dann entstand wieder eine Pause. Endlich stand wenigstens die Katze auf, machte einen Buckel, sprang vom Bett und setzte sich auf den Sandnapf.

»Siehst du, wie sich Kätzi hier gut eingewöhnt hat?«

»Wer hat es denn hier immer sauber gemacht?«

»Der Hausdiener.«

»In der Wohnung habe ich es diesmal in der Balkonnische eingerichtet.«

»– – Käterchen, ich möchte mich so gerne totschlafen.«

Käterchen gab darauf keine Antwort, sondern legte den Kopf verdrießlich auf eine Stuhllehne. Erst viel später stöhnte sie: »Zu was man überhaupt auf der Welt ist?«

Susanne verhielt sich ganz schweigend und sah starr zur Zimmerdecke mit ihren verschnörkelten Stuckornamenten. Die Katze scharrte vorsichtig mit den Pfoten den feinen märkischen Sand über ihre Aufführung, dann ging sie zu Käterchen hin und umschnurrte sie.

»Ja, wollen wir denn überhaupt hingehen? Wir wollen ja sterben«, sprach Käterchen zur Katze.

Jetzt sah Susanne nach ihr hinüber und bemerkte ihre üble Laune. »Ich gehe ja sehr gern von hier fort. Sei doch nicht gleich so mißgestimmt, Käterchen. Ich habe schrecklich lange Seil gehüpft heute nacht.«

Käterchen ging jetzt zu ihr ans Bett hin und setzte sich auf die Kante. »Warum denn so lange?«

Susanne verdeckte die Augen mit beiden Händen. Käterchen horchte ganz still: »Sie weinen ja?«

Susanne warf plötzlich die Decke von sich und deutete hin.

Käterchen sah nahe darauf und sagte mitleidig: »So roh und unhöflich werden sie aber in Berlin nicht sein.« Dann strich sie liebkosend darüber und küßte. »Ich habe mir's doch halb gedacht, daß es Ihnen schlecht geht, wenn ich nicht um Sie herum bin. – Ein Hotelgast?«

»Nein, er selber.«

»Der Polizeirat?«

»Nein, der Direktor.«

»Sagen Sie's doch dem Polizeirat.«

»Warum denn?«

»Darum denn.«

»Darum denn?«

»Fräulein Susanne.«

»Käterchen, Käterchen. –«

Kätzi ging aufgeregt umher. Und Susanne stieß Käterchen von sich. Diese war wieder zufriedener, kramte und packte zusammen. Sie wartete nun geduldig, bis sich ihre Dame entschloß, aufzustehen.

»Das Frühstück werden sie mir heute nicht mehr bringen.«

»Das würde ich aber gemein finden.«

Kaum hatte Susanne ihren finsteren Verdacht ausgesprochen, als die Doppeltür aufging und die Jungfer alles brachte wie gewöhnlich. Käterchen sah beobachtend auf das Gesicht der Jungfer, aber es konnte ihr nichts auffallen. Sie schwebte mit gleichgültigem Gesicht wieder ab.

Nun erhob sich Susanne. Sie ließ sich noch vor dem Frühstück von Käterchen waschen. Es war schon wieder ziemlich heiß, sie verlangte darum ihren weißen Hänger. Sie war Käterchen für ihre Hilfe heute besonders dankbar und strich ihr dafür einige Male zärtlich über die Backe.

Endlich saß Susanne beim Frühstück, und Kätzi konnte ihren Platz auf ihrem Schoß einnehmen. Susanne teilte alles gesetzmäßig mit ihrer Katze. Auffallenderweise nieste Kätzi mehrere Male, was Susanne wenig liebte, weil sie dann immer einige Katzentröpfchen in die Tasse und auf das Gebäck bekam. Da entdeckte Susanne plötzlich, daß noch eine Schale auf dem Tablett stand. Als sie ihren Deckel abhob, langte bereits Kätzi mit der Pfote hinein, bettelte und winkte. Es war extra eine Zugabe russisches Brot, deutsches Fabrikat. Susanne war darüber so verwirrt, daß Kätzi, ohne abzuwarten, zugriff. Das O hing zierlich an ihrem Pfötchen und ihr Züngchen leckte. Käterchen lachte darüber von der Waschtoilette aus, wo sie Quasten, Schwämmchen, Fläschchen, Döschen sauber zusammennahm.

Susanne mißverstand das Gelächter und sah streng nach Käterchen hinum.

»Ich lache wegen der Katze, Fräulein Susanne.«

Jetzt sah Susanne das O an der Pfote baumeln. Sie schlug es ihr aus der Tatze, warf es erzürnt in die Schale zurück und stieß die Katze vom Schoße. »Dummes Tier, davon dürfen wir nicht ein Stück berühren.«

Kätzi schaute verwundert vom Boden auf und Käterchen frug: »Warum denn nicht?«

»Das versteht ihr nicht.«

Käterchen schüttelte den Kopf, Kätzi sprang auf den Fenstersims und leckte ihre Pfote.

Susanne stand rasch auf: »Wir müssen machen, daß wir hinauskommen, sonst kommt das Schwein selbst noch.«

Es ging nun Hals über Kopf. Susanne warf selbst alles kunterbunt in den Koffer und in die Handtasche. Kein Schnipselchen Papier durfte als Reliquie zurückbleiben. Sogar die vertrockneten Blumen mußte Käterchen noch hinaustragen, alles Wasser, die Handtücher, Badelaken und sogar den Katzentrog.

Kurz vor dem Weggehen öffnete Susanne noch einmal alle Schubladen und die Schranktüren. Nichts war mehr da. »Gut.«

Aber Käterchen hatte aus Naschsucht noch ein O aus dem russischen Brot gelangt.

Dann ging es los. Kätzi nahm es diesmal Käterchen nicht einmal übel, daß sie genascht hatte. Im Gegenteil, sie gönnte es Susanne, daß ihr jemand davon geklaut hatte.

»So jetzt«, sagte Käterchen, um ihren verbotenen Griff zu verwischen. Susanne ließ Käterchen noch extra vorangehen, damit sie nichts von dem Gebäck nehmen konnte. Kätzi zeigte, als sie genommen wurde, ihren Groll dadurch, daß sie sich nicht gleich in Form gab. Das Hotel machte einen fast ausgestorbenen Eindruck. Niemand zeigte sich.

Susanne dachte frohlockend: »Ich habe es richtig geahnt, wie man steht; Gott sei Dank habe ich das Gebäck nicht angegriffen.«

Käterchen frug: »Hat das Fräulein schon gestern abend bezahlt?«

»Sag einmal, verschenkt ihr Schwarzwälder euer Holz, wenn es einer hobeln will?«

»Nein, das wird teuer bezahlt, das Schwarzwaldholz.«

»Ich habe im Gegenteil noch eine Forderung an das Hotel, ich verzichte nur auf die Klage.«

»Warum denn?«

»Darum denn, aber Kind, wir sind hier auf der Straße.« Susanne war wieder gewandt und umsichtig auf ihren hohen Stöcklingen. Sie winkte schnalzend mit der Hand. Und um zehn Uhr waren sie in der Bayernallee.

Käterchen klopfte das Herz.

Der Eingang war bekränzt mit einem »Salve«. Die Portierfrau fegte auf der Treppe, besah sich das Fräulein genauestens, sagte aber lieber nichts. Das verlangte die Neutralität.

Susanne war überrascht. Sie ging durch die ganze kleine Wohnung. Käterchen folgte ihr mit nur halbem Vergnügen, denn sie waren noch nicht in der Küche gewesen. Auch dort blickte sich Susanne mit Wohlgefallen um, doch fiel ihr das wenige Geschirr auf, so daß sie endlich frug: »Wo ist denn das viele Geschirr?«

Da sah Käterchen verlegen zu Boden. »Da ist das meiste zerbrochen.«

Sie kriegte dafür natürlich etwas ab. Innerlich dachte Käterchen. »Na, ich habe mir das O dafür genommen.«

Aber sie irrte; wenn Susanne das gewußt hätte, dafür hätte sie zum Zahnarzt gehen und sich zur Strafe einen Zahn ausreißen lassen müssen, wie schon einmal in Brüssel, als sie den Kapitän gegen ihren ausdrücklichen Befehl doch wieder hereingelassen hatte. Käterchen atmete auf, nicht weil die Backpfeife herum war, sondern weil das Fräulein endlich das Transportunglück mit dem Geschirr wußte.

Susanne war heute nicht in der Verfassung, sich über zerbrechliche Glücksgüter großartig aufzuregen. Sie setzte sich auf den Diwan. Obwohl es ihr gefiel, kam sie sich doch einsam und verlassen vor. Jedes Wort hallte nach, so neu waren die Räume. Sie seufzte. »Jetzt sollten wir bloß wieder einen Mann kriegen, so ähnlich wie den Mister Robertson, weißt du noch?«

Käterchen kratzte sich am Kopfe: »Ist alles schon angebändelt.« Sie stemmte die Arme in die Hüften und erzählte von ihrem bisherigen Abenteuer. Susanne hörte ihr nicht ohne Beklemmung zu, sie hätte doch lieber die Entscheidung mit dem Doktor abgewartet, von dem sie gleich seit dem Abend im Café Finkensieb gedacht hatte, daß sie ihn Hermione abjagen müsse. Nun stand ihr Dienstbote mit einem felsenfesten Programm vor ihr, auf das sie eingehen mußte, »weil sonst Onkel und Tante schimpfen.«

Na, der Direktor war ja auch in der Leichenkammer. Mit Zimperlichkeit war ein Leben unmöglich.

»Was ist es denn für ein Mensch?«

»Sein einziger Fehler, er pomadisiert sich ein bißchen zu sehr.«

»Dann einmal los, ich warte nicht gern.«

Käterchen kam in Verlegenheit. Sie hatte es ja noch nicht einmal mit Onkel und Tante besprochen. Sie wollte eben nur ihre alte Brauchbarkeit erweisen, den Beweis geben, daß sie in Berlin gerade so erfolgreich und vorsorgend arbeite wie in Brüssel.

Susanne bemerkte das leise Zaudern sofort und frug: »Hast du denn noch gar nichts?«

»Fräulein, jawohl, ich hab was. Soll ich denn jetzt gleich zu Onkel und Tante hin gehen?«

»Ja, liebes Käterchen, jeden Tag, wenn die Sonne wieder abwärts klettert, geht es der Nacht entgegen.«

»Aber das Mittagessen?«

»Ich werde in den Taifun gehen.«

Käterchen machte ein enttäuschtes Gesicht, daß das Fräulein nur geschwind für einen Augenblick daheim hinsaß wie in einem Untergrundbahnwarteraum.

Das ärgerte Susanne und sie sagte. »Du kannst deine ganze Wohnung wieder einpacken, wenn sie nicht für mich ist.«

»Das denke ich ja eben, Fräulein. Sie möchten es sich hier auch ein bißchen gefallen lassen.«

»Sagte ich denn nicht, daß es mir gefällt? Nein, du willst, daß ich mit dir lang und breit über alle die Kleinigkeiten die Zeit vertrödle. Ich soll sagen: ah, da hast du den Spiegel aufgehängt, da hast du..., jeden einzelnen Gegenstand soll ich noch einmal durchquarkeln.«

Käterchen ging in ihre Kammer und dachte: Undank ist der Welt Lohn. Und diese Eile mit Onkel und Tante tat doch gewiß nicht not. Das hätte sie am nächsten Sonntag noch alles verabreden können. Jedenfalls mußte sie dem Herrn, der sich finden ließ, nun notwendig Pomade auf den Kopf schmieren, weil sie das nun einmal ins Blaue hinein geschwindelt hatte.

Susanne ging noch vor Käterchen weg. Diese mußte den einen Koffer wenigstens vorher auspacken und die Kleider in den Schrank hängen, damit sie nicht so verdrückt wurden.

Erst als das geschehen war, verließ auch sie die Wohnung. Onkel und Tante waren nicht wenig erstaunt, als sie zu dieser ungewohnten Mittagsstunde kam. Der Kaufmann und Schankwirt zum Über-Otto, Herr Biermann, hatte Angst, sie wolle zu Tisch bleiben. Sie hatten selber nicht satt zu essen. Unter den Glastischen des Schanktisches standen zwar alle möglichen Kostbarkeiten, diese waren aber aus Porzellan. Es waren nur die Modelle der Fressalien, die wieder auferstanden, sobald der Friede kam. Die Frankfurter, Eisbeine und Rippespeer! Ach, wenn man da zurückdachte an die schöne Friedenszeit, so wurde Herr Biermann von einer quälenden Schwermut erfaßt. Eigentlich lebte schon längst kein Mensch mehr; das Leben, was man führte, war ein Schattendasein. Frau Biermann war zwar noch fett, aber nur, weil sie ländliche Verwandte hatte, die ihr Mann nicht auf sich beziehen durfte. So sah er recht mager aus wie ein Schmachtriemen. Er gab Käterchen wohl die Hand, aber als er zu seiner Frau hinterging, den Besuch zu melden, schimpfte er und drohte seiner Frau: »Daß du ihr nichts zu essen gibst! Bleibt sie länger, so essen wir eben erst zu Mittag, wenn sie wieder weg ist!«

Frau Biermann gefiel dieser Haß auf so ein weit gereistes und unterhaltendes Mensch wie Käterchen gar nicht. Sie kam heraus und nahm Käterchen mit sich in die kühlere Seitenstube.

Für Käterchen fehlte ihr nie die Zeit. Und was hatte das Mädchen diesmal für ein pikantes Anliegen! Käterchen hatte vom Hoteldirektor erzählt; und nun schien es ihr eben nicht geheuer mit dem Fräulein, wahrscheinlich mußte ein dummer August herhalten, der sich Papa schimpfen ließ.

»Nu wer denn? Wen haben wir denn da?« besann sich Frau Biermann. Sie rief ihren Mann und meinte, er solle sich auch ein bißchen besinnen. Das war ihm sehr willkommen, denn er hoffte, wenn er einen raschen Einfall hätte, so kriegte er sein schlesisches Himmelreich doch noch zur rechten Zeit vorgesetzt.

Und er besann sich gar nicht. Schon hatte er ihn. »Ich kenne da drüben an der Ecke der Brunnenstraße den Kommis, wie wär's mit dem?«

»Der die dicke linke Stiefelsohle hat?« rief seine Frau.

»Na ja, weil er einen zu kurzen Fuß hat.«

»Wenn er sonst recht ist«, meinte Käterchen, »daß ich's vor meinem Fräulein verantworten kann.«

»Ich meine, Sie hätten Generalvollmacht«, lachte Frau Biermann.

Und er fügte noch geärgert hinzu: »Wollen wir sagen, wenn der gute Herr darauf eingeht.«

»Haben Sie eine Ahnung«, sagte jetzt Käterchen, »mein Fräulein sieht aus wie eine Wachspuppe.«

»Die Hauptsache dürfte jetzt sein, daß der Herr Kommis ein bißchen Fett zuschießen kann«, kraunzte der Budiker. »Was nützt einem jetzt eine Wachspuppe? Was wollte ich beispielshalber anfangen, wenn ich mein Fettbäuchlein nicht hätte«, schrie er zornig, indem er auf seine Frau hinwies. »Das ist doch zu toll, wenn man in der Kriegszeit wählerisch sein will. Wie die Küche, so die Liebe.«

»Das meinst du?« sagte sie. »Bei den feineren Leuten ist das doch wieder ein bißchen anders.«

»Wenn sie den Kommis nicht nehmen will, dann kann sie mich – –«, die letzten Worte schnitt die zugeschlagene Tür ab.

Frau Biermann sah verlegen nach der geschlossenen Tür. Es war ihr nicht recht, daß sich ihr Mann so flegelhaft aufführte. Aber er hatte Hunger. Und vor der Fütterung lief auch immer die Bestie im Zoo so knurrend umher.

Käterchen frug: »Was hat Ihr Mann für eine Wut heute?!«

Frau Biermann sagte darüber nichts, sondern horchte nur und schüttelte den Kopf, wie der Mann draußen alles zuklappte, laut hinsetzte, gerade als schlüge er nächstens etwas kaputt. Richtig, jetzt hatte es geklirrt! Sie sprang auf: »Gehen Sie zum Kaufmann!«

Käterchen zwängte sich hinter ihr her: »Sagen Sie mir wenigstens den Namen.«

»Ist etwas kaputt?« klagte Frau Biermann.

»Nichts kaputt«, brummte er. »Der Kaufmann heißt Lautenschläger, Brunnenstraße 243.«

»So, dank schön«. Käterchen bedachte, was sie damit anfangen sollte. Sie konnte doch nicht zu dem Kaufmann hingehen und sagen: »Servus, vier Linsen und so weiter.«

Frau Biermann tat es sehr leid, daß ihr Mann so ruppig war. Aber sie konnte jetzt nichts ändern. Sie reichte Käterchen freundlich die Hand. »Na, dann versuchen Sie's einmal.«

Käterchen ging enttäuscht davon. Was hatten bloß Onkel und Tante gegen sie. Sie hatte auch nicht so spornstreichs hingehen wollen. Ob sie nun in die Brunnenstraße vollends hinlief? Suppenklar. Sehen mußte sie den Kurzbein. Sie frug nach Christine Feigle aus Drudlefingen, die in Berlin diene. Nach der hatte sie selbst in Brüssel allemal gefragt, wenn sie irgendwo naseweisheitshalber hineingegangen war. Diese Christine war ihre verstorbene enge Schulfreundin gewesen, deren Tod sie nie vergessen konnte, weil sie ihn damals nicht begriff. In jeder Not und Einsamkeit stieg diese Christine aus der Ewigkeit zu ihr herab.

Zunächst stand sie längere Zeit vor dem Schaufenster, wo die Nummern zwölf und dreizehn aushängen; getrocknete Kohlrüben und Nudeln waren dran. Das war ihr Glück, denn sonst hätte sie vielleicht drei bis vier Stunden stehen können, ehe sie in den Laden hineindurfte. Es war eine Gluthitze. Entweder schlief die ganze Weit den Mittagsschlaf, oder das Geschäft war bankrott. Und es stand niemand im Laden. Sie trat durch die geöffnete Türe hinein, räusperte sich und hustete. Niemand. Sonderbar. Sie ging wieder heraus und trat im Gemüsegeschäft daneben ein. Hier erkundigte sie sich, ob nebenan im Kramladen ein Kommis mit einem kurzen Bein verkaufe.

Die Gemüsefrau schrie: »Ja, der Lump hält sich einen Hammel, mit dem legt er sich auf die Baustelle, der Faulenzer.«

»Wo ist die Baustelle?«

»In der Müllerstraße. Sind Sie eene Bekanntschaft? Dann nehmen Sie sich einmal vor dem in acht. Der tut so als ob, und nachher knöpft er nich uff.«

Käterchen dachte, das wäre wenigstens einmal etwas Apartes. Sie ging zu Fuß nach der Müllerstraße, es war noch einmal eine Stunde. Aber ein Hammel war wenigstens auf der Baustelle. Also betrat sie dieselbe.

Der Hammel schrie: »Mää – – mää.«

Käterchen redete mit ihm und verstand soviel, daß der Herr noch da war. Sie war nicht von Dummsdorf. Sie band den Hammel los. Gleich riß er ihr aus und rannte auf dem Grundstück umher. Da pfiff einer. Und dann humpelte er daher und fing den Hammel. Käterchen meinte nun sicher, daß er sie ansprach. Er band den Hammel wieder an und humpelte davon.

Himmel, das war er doch, wie konnte sie ihn laufen lassen?! Sie schrie hinter ihm her: »... Christine Feigle.«Darauf drehte sich der Herr nach ihr um und deutete auf seine Stirne.

Was, er war verrückt! Wollte der Onkel solch einen Scherz mit ihr machen? Aber der Herr war doch der Auserlesene! Sie kam nicht davon ab und lief ihm nach. Da stand er in einem Schuppen und pinselte. Und er ließ sich ruhig zusehen. Käterchen konnte leider nicht erkennen, was seine Malerei bedeutete. Recht wird er schon haben, wenn er sich für übergeschnappt hält, dachte sie. Nach längerem Betrachten des wilden Durcheinanders sagte Käterchen endlich: »Mein Fräulein hat auch so ein Landhaus an der Aisne.«

Da kam sie schlecht an. Der Herr sah sie mit einem abmurksenden Blicke an. Sein Blick sprach: Das ist kein Landhaus; das ist mein Hammel. Dann legte er sein Zeug aus der Hand, wischte die Hände an einem Lappen ab, packte alles zusammen und schob es auf einen Stapel verkalkter Baubretter. Schließlich sah er auf die Uhr, nahm den Hammel an die Leine und ging heimwärts.

Käterchen stand da und spürte den Blumengarten auf ihrem Hute im Winde säuseln. Dem war wirklich nicht beizukommen. Was sollte sie tun? Na, wart einmal, den wollte sie drankriegen. Sie wußte ja seinen Laden.

Das Erschrecken des Kommis war groß, als Käterchen im Laden zum zweitenmal vor ihm stand. Sie frug ihn diesmal wieder, ob nicht die Christine Feigle hier in der Nähe im Dienst stehe? Da machte er ein schnobberndes Gesicht: »Im Dienst? nicht daß ich wüßte.«

»Dann muß ich falsch daran sein«, sagte Käterchen und tat, als wollte sie gehen. Sie hatte sich nicht getäuscht, der Kommis hielt sie fest. Der Mensch war, scheint's, draußen Hammel und hinter seinem Ladentisch erst wieder normal.

»Sagen Sie mir, was führte Sie zu mir hinaus in die Müllerstraße?«

»Die Gemüsefrau.«

Der Kommis schmunzelte. »Sie scheinen nicht von hier zu sein.«

»Nein, ich bin aus Brüssel.«

»Aus Brüssel?!« Er schwang sich über den Ladentisch mit einer gewandten Flanke. Dabei sah Käterchen die dicke Stiefelsohle ganz deutlich.

»Und bei wem sind Sie im Dienst?«

»Bei Fräulein Susanne Flaubert, Bayernallee 193. Sie hat eine halbe Million Vermögen und ein Landhaus an der Aisne.«

Der Kommis strich sich über die Stirn, als wollte er eine unangenehme kleine Erinnerung wegwischen, aber er schien sich zugleich sehr für die Mitteilung zu interessieren.

»Ist Fräulein Flaubert auch aus Brüssel?«

»Jawohl, wir sind neu hergezogen.«

»Für immer?«

»Jawohl, mein Herr.«

»Ja... ja, aber warum suchen Sie mich auf?«

»Ich suchte nicht Sie. Ich suchte meine alte Freundin.«

»Sie verheimlichen mir etwas. Wollen Sie mit Ihrer Dame über meine Kunst reden? Dann bitte, unterlassen Sie das. Wenn sich Ihre Dame für mich interessiert, so bitte ich Sie, Ihrer Dame auszurichten, sie möchte sich doch von meinen Werken selber einen Eindruck verschaffen. Nicht durch Sie, denn Sie sind offenbar noch sehr wenig mit der Kunst in enge Berührung gekommen. Stimmt's?«

Käterchen war wie angenagelt. Was faselte der Mann? Von Dame und Kunst und Eindruck nehmen? Nein, der war für das Fräulein unmöglich. Und nun hatte sie so viel Zeit unnütz verbummelt. Sie sagte bloß, um was gesagt zu haben: »Ja.« Dann ging sie in einer Art Flucht davon.

Der Kommis trat hinter der Fliehenden hinaus aus seinem Laden. Er sah sie mit bangen Gefühlen entschwinden. Er griff sich verzweifelt an die Brust, an den Kopf. Vielleicht hatte er eine Dummheit gesprochen, vielleicht verstand diese Abgesandte der Mäzenin doch etwas von der Kunst und hatte ihn nur prüfen wollen. Wenn dieser Besuch der ersten Erkundung nichts brachte, wieder keine Veränderung seiner Schubladentätigkeit, was dann? Dann verkümmerte eben sein Genie und ging unter wie eine vergeblich geleuchtet habende Sonne im fernen Weltenraum untergeht, nie gekannt, nie gesehen.

Er verkaufte seine Nudeln weiter mit zitternden Fingern, während seine Augen sich nach Bayernallee 193 sehnten.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.