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Tagebücher aus vier Weltteilen

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen - Kapitel 8
Quellenangabe
typediary
authorElisabeth von Heyking
titleTagebücher aus vier Weltteilen
publisherKoehler & Amelang
printrunVierte Auflage
editorGrete Litzmann
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070302
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China II (Erwerbung von Kiautschou)

Oktober 1897 bis Juni 1899

5. Oktober. Morgens um 5 Uhr auf und per Sänfte, Pferde und Esel mit Edmund, Teichmann und Krebs von Fa hai sse aufgebrochen zur Station Fon tai, wo wir unsern Waggon bereit fanden. Wir fuhren in vier Stunden nach Tientsin, was wohl sonderbar erschien, wenn wir an unsre letzte Reise dachten, für die wir vier Tage im Boot brauchten. Es war eine wahre Wonne, wieder mal in einer Eisenbahn zu sitzen, man kam sich so zivilisiert vor und als läge Peking wie ein böser Traum hinter uns.

6. Oktober. In Tientsin wohnen wir sehr behaglich bei Dr. Eiswaldt. Morgens früh gingen wir alle die deutsche Niederlassung zu besehen, die, mit Ausnahme der Polizisten in deutschen Farben, aber noch sehr chinesisch aussieht. Die Lage am Fluß ist aber hübsch, und man hat das Gefühl, daß hier mit der Zeit etwas werden kann. Trotz starken Windes krochen wir überall herum, auch auf ein altes chinesisches Fort, und suchten einen Platz für das künftige Rathaus und Konsulat aus.

7. Oktober. Ganz früh auf, per Bahn nach Tongku und von dort auf einer Launch an den braunen Takuforts vorbei auf die See, wo ganz weit draußen die »Prinzeß Wilhelm« auf uns wartete. Sie ist das Schwesterschiff der »Irene«, und wir konnten uns ganz vorkommen, als seien wir um ein Jahr zurückversetzt. Es war eine solche Freude, all die netten, weißen Matrosen zu sehen und überall deutsch reden zu hören. Der Kapitän Thiele ist ein sehr liebenswürdiger feiner Mann, und all die Offiziere machen einen so frischen braven Eindruck, daß einem wohl ums Herz wird.

8. Oktober. Morgens in Chefoo vor Anker gegangen. Es wurden Kohlen eingenommen, und Edmund tauschte Besuche mit andern Kriegsschiffen aus. Abends dinierten wir auf der »Arcona.«

9. Oktober. Morgens früh verließen wir Chefoo und kamen an dem Iltisgrab vorbei.

10. Oktober. An hohen Felsen vorbei, zwischen einigen Inseln hindurch und dann in die Kiautschou-Bucht eingelaufen. Ein enormes Bassin, welches sich z. T. in das flache angeschwemmte Land verliert, so daß man sein Ende nicht so recht sieht. An den andern Seiten dagegen sind Inseln und Felsenküsten, welche die Bai gut schützen. Die Felsen sind ganz eigentümlich zackig und in ihren duftigen Farben erinnerten sie an die Küstencordillera und auch an zentralasiatische Gebirge. Der erste Eindruck ist zwar recht malerisch, aber doch sehr öde und verlassen. In der Bai liegen die sogenannten Horseshoerocks und von diesen ließe sich leicht nach Womans point eine Mole bauen, durch die dann ein geschütztes Bassin entstände, an welchem die Werften angelegt würden. Wir ruderten gleich an Land und machten mit Kapitän Thiele einen Explorationsgang nach dem höchsten Hügel, von dem aus man einen guten Überblick hat und ich eifrig skizzierte. Sehr komisch waren zwei chinesische Mudforts, an denen wir vorbeikamen, und vor denen Haufen lumpiger Kulis, die sogenannten Soldaten, herumlungerten. Die Fortkommandanten hatten Kapitän Thiele gleich an Bord besucht, und Krebs mit ein paar jüngeren Offizieren ging dann, die Visite zu erwidern. Wir sollten durchaus zu einem chinesischen Mahle kommen, zogen es aber vor, an dem hohen Strand zu lunchen, in einem aus Rudern und Segeln improvisierten Zelt. Kapitän Thiele ließ dazu über unserm Zelt die deutsche Fahne wehen, und was wir von so ganzem Herzen wünschen, war so scheinbar wahr. Es war ein sehr interessanter Tag, und die Marineherren meinten, aus der Kiautschou-Bucht würde sich doch viel machen lassen. Edmund und ich sind sehr dankbar, es gesehen zu haben, und zwar ich als erste deutsche Dame. Von irgendwelchen russischen Unternehmungen ist nichts zu sehen. Das ist eine Besitznahme, die nur auf dem Papier steht, und von der wir uns nicht sollten abhalten lassen, wirklich zuzugreifen. Die Chinesen hatten übrigens schon von unserm Besuch Wind bekommen, denn es lag ein Kriegsschiff da, welches offenbar schon im voraus von Peking hinbeordert war.

12. Oktober. Mittags in Wosung angekommen und dann per Pinasse mit Kapitän Thiele nach Shanghai, wo wir im Generalkonsulat abstiegen. Die nächsten Tage in Shanghai, wo es uns diesmal dank der Kühle sehr gefällt. Wenn man aus der Pekinger Verbannung kommt, starrt man Gas, elektrisches Licht, zweistöckige Häuser, Wagen, fahrbare Straßen und elegante Läden wie Wunder an. Edmund lernte den hiesigen Tao tai kennen, der Englisch und Spanisch spricht, in einem schönen europäischen Haus wohnt und ganz zivilisiert lebt; kein Chinese in Peking, der sich irgendwie mit ihm vergleichen könnte.

18. Oktober. Abends großes Diner beim neuen Tao tai von Shanghai, Mr. Tsai, der ganz eigentümlich zivilisierte Chinese, der den Verkehr mit Europäern liebt. Sein Haus in Bubbling well road ist ganz europäisch eingerichtet. Als wir ankamen, bildete die Leibwache Spalier, der ganze Garten war mit roten Laternen erleuchtet, und es spielte chinesische Musik. Mr. Tsai führte mich ganz zivilisiert zu Tisch und benahm sich auch während dem Essen ganz manierlich. Das Diner bestand aus 18 Gängen, wovon immer zwei chinesisch und einer europäisch war, und die chinesischen Gerichte, von einem berühmten Koch zubereitet, schmeckten sehr gut.

21. Oktober. Diner mit dem Tao tai, der sich nach Tisch lang mit mir unterhielt und meinte, in China würde es nicht besser werden, so lang zu Tsungli-Ministern nur Leute genommen werden, die nie aus Peking herausgekommen seien. Für einen Chinesen ein selten aufrichtiger Ausspruch.

24. Oktober. Erster Tag unsrer Yangtse-Fahrt. Mit uns sind Herr von Ammon, Herr von Teichmann und Herr Krebs. Der Fluß ist anfänglich enorm breit, so daßs man die flachen Ufer kaum sieht. Allmählich heben sich einige Hügelzüge aus der Ebene und bei Kiang yin hatten wir einen hübschen Blick, den ich skizzierte. Nachmittags kamen wir an großen Überschwemmungsgebieten vorbei und endlosen zirka 20 Fuß hohen Schilfwiesen. Kleine Creeks, an denen Bäume stehen, mit grauen Hütten, führen malerische Dschunken landeinwärts. An einem derartigen Creek hielten wir, um chinesische Passagiere aus einem großen flachen Boot aufzunehmen. Bei Sonnenuntergang war die Landschaft besonders schön. Violette Bergzüge im Hintergrund, davor Bäume und riesige Schiffe, die aus dem Wasser hervorragten, und Züge wilder Enten, die über den goldroten Fluten hinziehen, und sich scharf widerspiegeln. Das ganze Land ist durchzogen von Wasserflächen, die bei der untergehenden Sonne golden glitzern.

26. Oktober. Dritter Flußfahrtstag und leider Regenwetter. Gleich morgens kamen wir an ganz steil abfallenden hohen Felsen vorbei, die mit Bambus bewachsen sind. Schwärme weißer Möwen flatterten auf, als wir vorüberfuhren. Mittags waren wir in Kingkang und gingen trotz Regenwetter an Land, um die Silber- und Porzellanläden zu besehen. Die Straßen in der Chinesenstadt sind eng und mit großen Steindallen gepflastert; sie standen voller Wasser, in dem sich die Chinesen in gelben Wachstuchröcken und großen, gelben Regenschirmen, von denen das Wasser floß, widerspiegelten. An den Läden zu beiden Seiten hingen lange, schwarze Schilder mit goldenen Inschriften, und das Ganze erinnerte lebhaft an Bildchen, die man von Hildebrandt gemalt gesehen hat. Ein mir besonders trauriges Genrebildchen bildeten zwei halbnackte, nur mit ein paar Lumpen behängte Kinder unter einem großen gelben Regenschirm. Das ältere war blind und wurde von dem kleinen geführt, und sie kamen in den Laden, uns anzubetteln. – Am Flußufer existiert ein »Bund« mit Bäumen und einigen europäischen Häusern, und es machte alles einen trübselig verregneten Eindruck.

27. Oktober. Morgens ganz früh kamen wir in Hankou an, und es begrüßten uns auf dem Schiff der Konsul Thyen und Herr und Frau von Falkenhayn, zwei reizende Menschen. Er ist hier an der Militärschule. Wir gingen gleich an Land und waren ganz erstaunt, einen reizenden »Bund« zu finden, mit großen luftigen Häusern, die sehr an Kalkutta erinnern. Hankou gefiel uns gleich auf den ersten Blick über alles Erwarten gut. Das europäische Settlement ist sauber und freundlich, und davor liegt der mächtige breite Fluß, auf dem hier auch wirklich reges Leben herrscht. Rotbeflaggte Kriegsdschunken feuerten einen Salut, und viele »Sampans« und große Boote mit blauen und gestreiften Segeln fahren am »Bund« vorbei. Die Besichtigung der Stadt begannen wir gleich damit, daß wir per Rickshaws zur deutschen Niederlassung fuhren, deren Lage am Fluß und bei der künftigen Eisenbahn ganz vortrefflich ist. Mit etwas Unternehmungsgeist kann daraus Großes geschaffen werden. Hoffentlich fürchtet man sich nicht, den Reichstag um Geld anzugehen. Von dort fuhren wir nach dem italienischen Konvent, und die netten Schwestern zeigten uns die Säle voll chinesischer Frauen und kleiner Mädchen, die alle Spitzen machen und Stickereien. Dann kamen wir an einer Teeziegelfabrik vorbei. Die ganze Straße duftete danach. Nach dem Tiffin fuhren wir per Steamlaunch den Fluß hinauf. Das Wetter war köstlich und die seltsamen braunen Häuser, die vielen Boote, die geschwungenen Tempeldächer so recht, wie man sich China gedacht hat.

Mittags war der »Cormoran« angekommen, und zum Diner in das Konsulat kamen mehrere der Offiziere Falkenhayns. Herr von Falkenhayn ist, wie so viele Leute, mit großen Hoffnungen nach China gekommen und ist enttäuscht, hier nichts erreichen zu können, weil er eben an chinesischem Dünkel, Mißtrauen und Fremdenhaß scheitert. Die Marineherren sind ebenso freudig im Gedanken an die Flottenstation herausgekommen, aber Monat um Monat vergeht, es geschieht nichts, und auch sie verlieren den Mut. Wenn es doch Edmund gelingen wollte, in Berlin etwas Schneid und Unternehmungsgeist wachrufen.

28. Oktober. Der »Cormoran« ist eigens nach Hankou gekommen, um Edmund nach Wuchang zu bringen, wo der Vizekönig Tshang tshi tung wohnt, den Edmund besuchen wollte und der ihm den Besuch nur an Bord eines Kriegsschiffes erwidern konnte. Wir dampften langsam den Fluß hinauf und hatten schöne Blicke auf die Stadt Wuchang mit ihrem alten Gemäuer und dem so sehr malerischen Reihertempel. Begleitet wurden wir von einer chinesischen Jacht, die die deutsche Flagge trug, und sie salutierte, worauf wir vom »Cormoran« dies erwiderten. Gegen elf waren wir vor der verabredeten Haltestelle, wo wir eine Menge chinesischer Soldaten aufgestellt sahen, grüne Stühle, rotgekleidete Diener und sogar ein roter Schirm als höchstes Ehrenzeichen auf Edmund warteten. Einer der deutschen Instrukteure, die im Dienst Tshang tshi tungs stehen, ein etwas dunkler Ehrenmann, kam an Bord in einer Phantasieuniform, um Edmund im Namen des Vizekönigs zu bewillkommnen. Dann verließ Edmund den »Cormoran« mit seinem ganzen Gefolge von Zivil- und Militärherren, unter denen sich Herr von Teichmann in seiner schönen Kürassieruniform mit Helm besonders gut ausnahm. Ich blieb an Bord und sah der Abfahrt und Landung zu. Und diese, auf einer schmutzigen braunen Treppe, die dicht besetzt war mit einem Gewühl blaugekleideter Chinesen, war wieder mal so recht chinesisch. Alles an Land sah ärmlich, unreinlich, verlottert aus; die reinen weißen deutschen Boote bildeten einen Trost fürs Herz! Dreieinhalb Stunden waren die Herren abwesend; endlich kehrten sie wieder unter erneutem, sinnlosem Schießen der Jacht und eines anderen, ganz abenteuerlich aussehenden chinesischen Schiffes zurück. An den Besuch hatte sich ein chinesisches Diner von zirka 100 Gängen angeschlossen, wodurch sich das Fest so unendlich ausgedehnt hatte. Der Besuch selbst soll darin sehr komisch gewesen sein, daß Tshang tshi tung 10 Minuten ganz schweigend dagesessen habe, ehe er endlich zu sprechen begann. Edmund war dabei die Geduld ausgegangen, und nicht wissend, daß ein Deutsch redender Chinese anwesend war, hatte er seinen Herren gesagt: »Wenn er nun nicht bald anfängt, gehe ich ab!« Als es endlich zum Gespräch kam, nahm Edmund die Gelegenheit wahr, Tshang tshi tung Falkenhayn ans Herz zu legen. Bald danach erfolgte der Gegenbesuch des Tshang tshi tung an Bord des »Cormoran«. Er kam in einem Boot, von einer Pinasse gezogen, daneben mehrere andere Boote voller Mandarinen und rotgekleideter Soldaten und merkwürdigerweise auch ein paar Dschunken voller Tragstühle. Erneutes sinnloses Schießen der chinesischen Schiffe. Von der Campagne aus konnte ich alles gut sehen. Tshang tshi tung sieht aus wie ein kostbares Elfenbeinmännchen, und sein langer Bart gibt ihm merkwürdigerweise etwas Jüdisches. Im Vergleich zu den Pekinger Chinesen sehen alle hiesigen aber doch viel reinlicher und besser soigniert aus. Edmund und all die andern Herren standen am Fallreep, um Tshang zu erwarten. Als nun Edmund ihn auf die aufgestellte Ehrenwache aufmerksam machte, verstand der alte Herr dies nicht und meinte, Edmund fordere ihn auf, die steile Lazarettreppe hinabzuklettern, und er schickte sich auch an, dies trotz seiner Jahre unerschrocken zu tun, als er noch glücklich zurückgehalten wurde. Kapitän Brussatis, den Deutsch sprechenden Chinesen vergessend, rief aus: »Da wär' mir der alte Kerl beinah in das Loch hineingekrochen!« Die Chinesen blieben nun eine halbe Stunde an Bord; es wurde von der Kapelle gespielt und zum Schluß noch Kanonen gezeigt. Dann verließ Tshang tshi tung den »Cormoran«, der einen Salut abfeuerte, welcher wieder von der chinesischen Jacht beantwortet wurde. Damit war des Tages Arbeit vorbei. Ich habe noch nie soviel schießen hören und hatte vollstes Mitgefühl für den Kapitänshund, der wimmernd und winselnd herumkroch.

29. Oktober. Kapitän Brussatis lieh mir nachmittags die Pinasse, und ich fuhr damit den Yang tse hinauf bis vor den gelben Reihertempel, den ich vom Wasser aus skizzierte. Wir waren bei 30 Meter Tiefe vor Anker gegangen, und als wir nun wieder fort wollten, stellte es sich heraus, daß der Anker durch die kolossale Strömung ganz tief und so fest eingesunken war, daß die fünf Matrosen trotz aller Anstrengung ihn nicht mehr losbekommen konnten. Der ausgezeichnete Steuermann übergab mir das Steuer, um selbst mitzuziehen, aber es half alles nichts. Schließlich wurden zwei vorbeikommende Dschunken herangerufen. Die Chinesen wußten sofort, um was es sich handle, trotzdem unsre Leute sich nicht mit ihnen verständigen konnten, und mit vereinten Kräften kam der Anker schließlich hoch. Mittlerweile war es ganz dunkel geworden, wir hatten eine aufregende Fahrt zurück und wurden zu Hause schon ängstlich erwartet.

30. Oktober. Kapitän Brussatis, der mittags mit mehreren Offizieren mit der Dampfpinasse nach Wuchang gefahren ist zu dem Militärinstrukteur Gentz, ist vom chinesischen Pöbel mit Steinen beworfen worden. Auch gegen die Dampfpinasse, auf welcher die Flagge wehte, sind Steine geworfen worden. Die Sache nahm ein so ernstes Ansehen an, daß Edmund beschloß, unsre Abreise noch aufzuschieben und Telegramme nach Berlin und an den Admiral abschickte. Uns allen schwebt die Möglichkeit einer Satisfaktion vor!

31. Oktober. Durch unser Hierbleiben ist die Sache sehr bekannt geworden, und die Chinesen haben offenbar Angst bekommen, denn es wurden mehrere Tao tais zu Edmund geschickt, um zu fragen, was geschehen sei. Edmund ließ aber keinen vor, und dadurch steigerte sich offenbar ihr Mißbehagen.

1. November. Edmund schrieb an Tshang tshi tung, was geschehen, und behielt sich vor, Satisfaktionsforderungen zu stellen.

2. November. Ich wollte morgens in das italienische Kloster, meine Chaircoolies verstanden dies aber nicht und schleppten mich statt dessen anderthalb Stunden in der Chinesenstadt herum. Ich habe selten malerischere Bilder gesehen, von engen überdachten Straßen, in denen die Menge goldener Schilder einen förmlich metallisch schillernden Schein hervorriefen. Dazu das Gewühl von Menschen und die Mannigfaltigkeit der Läden. Es war aber doch ein solches Treiben, und die Menge drängte sich so um mich, daß ich sehr froh war, als es mir endlich gelang, die coolies nach Hause zu dirigieren. Dort war ein von Rotenhan unterzeichnetes Telegramm eingegangen, Edmund solle Satisfaktionsforderungen mit Admiral vereinbaren, falls aber militärisches Eingreifen nötig würde, nach Berlin drahten. Edmund war sehr befriedigt, weil dies etwas Spielraum läßt.

4. November. Wir haben bei dem so liebenswürdigen und behaglichen Konsul Thyen ein ganz reizendes Dasein, aber Edmund wird nervös über das Warten auf den Admiral, der seinerseits auf Befehle von Berlin wartet. Während wir mit Falkenhayns und Brussatis bei Tisch saßen, erhielt Edmund ein Telegramm mit der entsetzlichen Nachricht, daß unsre Mission in Shantung überfallen, ein Missionar ermordet sei und ein andrer vermißt würde. Wir alle hatten die Empfindung, vor einem Ereignis mit weittragenden Konsequenzen zu stehen.

6. November. Edmund telegraphierte an das Tsungli, daß er es verantwortlich für alles mache und vorläufig Maßregeln zur Sicherheit der Missionare fordere. Edmund konferierte dann lange mit Brussatis, und sie kamen zu dem Entschluß, die Sache in Wuchang möglichst rasch zu erledigen, da sowohl Edmund wie der »Cormoran« jeden Augenblick abberufen werden können. Und da vom Admiral noch immer keine Nachricht da war, schrieb Edmund Tshang tshi tung, er möge einen von ihm unterzeichneten Entschuldigungsbrief durch den Tao tai an Bord des »Cormoran« bringen und dann einen Salut von Schüssen von einem chinesischen Kriegsschiff für die deutsche Flagge feuern lassen. Herr Cordes brachte den Brief in das Yamen in Wuchang und sah dort acht Leute im Kang sitzen, welche die Übeltäter gewesen sind, außerdem Proklamationen in den Straßen angeklebt, daß der Generalgouverneur die Tat im höchsten Grade mißbillige und den Chinesen befehle, gegen die Europäer höflich zu sein ... Sehr bald entstand ein großer Volksauflauf vor dem Konsulat, und es erschien der Tao tai in seiner grünen Sänfte, umgeben von Reitern und Vorläufern, darunter kleine Kinder mit großen Blechkappen, die sich frierend in ihre recht fadenscheinigen grünen Röcke wickelten. Der Tao tai hatte den Entschuldigungsbrief bei sich, und nachdem er von den Dolmetschern geprüft, empfing ihn Edmund. Darauf fuhr Edmund per Pinasse nach dem »Cormoran«, und der Tao tai folgte in seiner abenteuerlichen Holzdschunke mit ihren blauen Segeln. Es war ein ganz seltsames Bild, als dieses Fahrzeug sich neben den schneeweißen »Cormoran« legte und wie die dicken Chinesen in ihren Festgewändern das Fallreep hinaufwatschelten. Es wurde verabredet, daß die deutsche Flagge morgen um 1 Uhr in Wuchang salutiert werden sollte. Kapitän Brussatis forderte uns auf, morgen mit ihm nach Wuchang zu fahren und dann gleich mit ihm nach Shanghai zurückzureisen, was wir gern annahmen, denn wir gewinnen dadurch zwei Tage und sind um soviel eher mit dem Admiral zusammen und wegen der Missionare aktionsbereit.

7. November. Morgens ganz früh nach Wuchang gedampft. Als wir um die Ecke bogen, an der Edmund vor 11 Tagen zum Besuch gelandet war, sahen wir drei chinesische Kriegsschiffe vor uns liegen; auf einem war die deutsche Kriegsflagge gehißt, und es fiel, sobald sie unsrer ansichtig wurden, der erste Schuß. Wir legten uns längsseit und hörten die 21 Schüsse. Dann wendeten wir und dampften an Hankou entlang beim Klang von »Muß i denn«, das die Kapelle spielte. Es war inzwischen ein Telegramm vom Fürsten Hohenlohe gekommen, Krebs und ich dechiffrierten es sogleich oben auf der Campagne, am Boden hockend. Es sagte, Edmund solle scharfe Genugtuungsforderungen stellen, auch über Vorfall in Wuchang. Dafür ist es ja nun leider zu spät. Unsrer Idee nach ist es aber auch besser, daß wir Tshang tshi tung milde durchgelassen haben, denn wenn man ihn unnötig gedemütigt hätte, würde man die hier ansässigen Deutschen geschädigt haben. In Shantung und Peking aber ist nichts zu verlieren, und dort sollen sie um so schärfer heran.

8. November. Edmund will als Bedingungen von dem Tsungli Yamen in Peking fordern: Absetzung des Gouverneurs von Shantung, Erbauung der von Bischof Anzer begonnenen Kathedrale auf chinesische Kosten und mit kaiserlicher Schutztafel, Schadenersatz und Bestrafung aller Schuldigen, persönliche Entschuldigung des ganzen Tsungli Yamen auf der Gesandtschaft.

9. November. Wir kamen schon morgens um 10 in Wosung an und gingen ganz nah vom »Kaiser« vor Anker. Es kam sofort ein Offizier vom »Kaiser« zu uns an Bord, teilte uns mit, der Admiral sei in Shangai zur Beratung mit Kapitän Thiele und Becker auf dem Generalkonsulat, und übergab Edmund einen Brief, worin er sagte, »er habe Allerhöchste Befehle, die ihm sofortigen Aufbruch zur Pflicht machten«. Es ward 4 Uhr, bis er zurück und dann sofort zu uns an Bord des »Cormoran« kam. Er erzählte uns, daß er direkten Befehl von S. M. habe, Kiautschou zu besetzen. – Was wir so lang geträumt und als unerreichbar angesehen haben! Aus Shangai hatte der General Telegramme und Post für uns mitgebracht. Ein Telegramm von Rotenhan, der Kaiser habe sich persönlich mit dem russichen Kaiser darüber verständigt, daß unser Geschwader sofort Kiautschou besetzen solle. Edmund solle nach Peking zurückkehren und Sühneforderungen bis dahin verschieben. »Gottlob, daß wir unsern Kaiser haben«, war das erste dankbare Gefühl. Seiner Initiative allein ist doch offenbar das Vorgehen zu danken. »Kaiser«, »Prinzeß« und »Cormoran« gehen morgen abend nach Kiautschou, »Irene« und »Arcona« sind im Dock in Shanghai und Hongkong, sollen aber möglichst rasch folgen. Möge Gott Gelingen geben zu dem Unternehmen. Wir haben es zum Wohle Deutschlands gewünscht!

10. November. Ein sehr gehetzter Tag, da wir so schnell wie möglich nach Peking zurück müssen. Edmund ist überhäuft mit Telegrammen, und Krebs, der mit nach Kiautschou gegangen ist, fehlt sehr. Teichmann und ich chiffrierten den ganzen Nachmittag. Dazwischen hatte ich noch viele Kommissionen und gar keine Bedienung. Dazu Reporter, Briefe vom Admiral und in alles das hinein ein Telegramm aus Berlin, Edmund möge die Deutsch-Asiatische Bank unterstützen, welche Anerbieten für die Bahn Nanking-Soochow macht!

11. November. Den ganzen Morgen wie ein Kuli gepackt. Zum Frühstück kam Kapitän Becker, und wir fragten ihn, ob es ihm nicht bedenklich wäre, des Reparierens halber noch hier zu sein, da ihm die chinesischen Kriegsschiffe doch leicht beim Ausfahren Schwierigkeiten machen könnten. Es war eine Freude, zu hören, mit welch ruhiger Sicherheit er antwortete: »Wenn ich heraus soll, so komme ich auch heraus!« Edmund schrieb bis 1 Uhr nachts einen Bericht nach Berlin über die Erledigung der Wuchangaffäre und betonte, daß es ihm gerade in diesem Augenblick wichtig erschienen sei, den von Peking halb unabhängigen Tshing tshi tung nicht unnötig zu kränken, da von ihm soviel deutsche Interessen abhingen.

12. November. Morgens ganz früh auf und Edmunds langen gestrigen Bericht abgeschrieben. Währenddem verfaßte Edmund einen Brief an Tshing tshi tung, um ihm die deutschen Vorschläge für die Nanking-Soochow-Bahn zu empfehlen. Um 1 Uhr lichteten wir die Anker und blickten mit besonderem Interesse auf die »Arcona«, die nicht weit von uns lag. Unter vielen Schiffen, die wir dann passierten, zeigte mir Edmund eins, auf dem die deutsche Flagge wehte. Es war die »Long Moon«, die der Admiral gechartert, um Proviant und Zelte nach Kiautschou zu bringen, und die nach Nagasaki klariert ist. Ich sah mir das Schiff mit Herzklopfen an, denn man hat doch die Empfindung, den spannendsten Kriegs- und Flibustierroman mitzuerleben. Im Wosungfluß lagen viele kleine chinesische Kriegsschiffe, die wir alle darauf taxierten, ob sie uns wohl etwas tun könnten oder nicht.

13. November. Ganz herrliche Seefahrt. So warm, daß man ohne Mantel auf Deck sitzen konnte. Zum erstenmal »auf See« für Edmund abgeschrieben, wozu auch Teichmann herangeholt wurde, so daß wir eine Art Kanzlei in der Kajüte hatten. Edmund komponierte seine Note an das Tsungli, und als wir auf der Höhe von Kiautschou waren, schauten wir sehnsüchtig nach der Richtung, wo hoffentlich bald die deutsche Flagge weht.

14. November. Morgens 10 Uhr in Chefoo, wo gleich Lenz an Bord kam. Er hatte ein Telegramm aus Berlin für den Admiral, welches er nach Kiautschou sowohl telegraphisch wie durch reitenden Boten befördert hatte. Es war in Marinechiffre, worin immer Worte en clair sind, und wir konnten daraus entnehmen, daß es sich um einen Aufschub handelte. Die Sache erschreckte uns etwas, aber wir nahmen schließlich an, man wünsche in Berlin, daß Edmund zuerst die Forderungen stelle und nachher besetzt werde, was, wie die Daten bisher vereinbart, kaum mehr möglich gewesen wäre. Während wir noch im Hafen lagen, änderte sich das Wetter, es begann Wind zu wehen, die See kräuselte sich, und man sah einzelne Kämme. Als Dr. Lenz das Schiff verließ, war schon eine starke See, so daß sein Boot hin und her geworfen wurde. Trotzdem lichteten wir um 2 Uhr die Anker und verließen den Hafen in dem Moment, als auf der Signalstation das Zeichen »Sturm« aufging. And storm it was! wie ich mich nicht erinnere, je einen ärgeren mitgemacht zu haben; dabei ein sehr kleines Schiff, welches alle schwere Ladung in Chefoo gelöscht hatte, nur noch Petroleum führte und so leicht war, daß es sogar von kleinen Wellen hin und her geworfen wurde. Das Stampfen und Rollen war unbeschreiblich. Alles im Schiff schien lose geworden und schlug und dröhnte gegeneinander; wir schwankten so, daß wir beständig Wasser schöpften. Zum Diner kam nur Edmund und der Maschinist. Der Kapitän war, pour comble de malheur, infolge von Chefoo-Cocktails seekrank. Zwischen 9 und 10 lag ich zu Bett und Edmund auf dem Sofa, als plötzlich ein rasender Krach kam. Das Schiff senkte sich, als müsse es umschlagen, der Lärm war furchtbar; Koffer, eiserner Chiffrekasten flogen von einer Kabine in die andere. Gleich darauf kam der Kapitän und sagte, er hielte es nicht für sicher, gegen den Sturm weiterzufahren, und würde versuchen, einen Nothafen anzulaufen. Wir befanden uns auf der Höhe der Miaotau-Inseln und liefen in die kleine Bucht Hopesound ein, wo wir nachts vor Anker gingen. Aber auch dann war das Rollen noch immer furchtbar, und Edmund und ich waren, ohne uns darüber ausgesprochen zu haben, in der gleichen Angst, ob unsre Ankerketten halten und wir nicht am Ende zwischen den Felsen ins Treiben geraten und scheitern würden. Ich hatte mir vorgenommen; Schmuck, Tagebuch und vor allem den Chiffre zu retten. Die ganze Nacht in Kleidern auf dem Bett gelegen. Unvergeßlich scheußliche Stunden.

15. November. Das Tageslicht zeigte uns eine sturmgepeitschte Bucht, von zackigen Felseninseln umgeben. Das Meer gelbbraun, mit bösen weißen Kämmen, der Himmel bleiern, heulender Wind, eisige Kälte, gelegentliche Schneeflocken. Außer uns hatte sich noch ein andrer Dampfer in die Bucht gerettet und eine Menge grau und trübselig aussehender Dschunken, deren Zahl noch während des Morgens wuchs. Zerzaust und zerschlagen kamen sie eine nach der andern hereingesegelt. So lagen wir den ganzen Tag, Edmund und ich einerseits dankbar, in Sicherheit zu sein, andrerseits in peinigender Unruhe wegen der Verzögerung.

16. November. Der Sturm legte sich etwas, und so fuhren wir endlich morgens ab und waren nachts spät vor der äußeren Takubarre.

17. November. Herrliches Wetter, Sonnenschein, als sei nie ein Sturm gewesen. Als wir die Takuforts passierten, ward die deutsche Flagge gehißt und Edmund mit 17 Schuß salutiert, ganz wie vor anderthalb Jahren, als wir ankamen. Aber mit wie andern Gefühlen kommen wir jetzt! Ein uns von Eiswaldt entgegengesandter Diener überbrachte ein Chiffretelegramm von Rotenhan, es lautete: Nachdem Kaiser Nikolaus unserm Kaiser die Kiautschoubucht bereits zugesagt habe, hätte die russische Regierung nachher Einsprache erhoben und Prioritätsrechte geltend gemacht, worüber noch verhandelt würde. Dem Admiral sei telegraphiert, Besetzung zu verschieben, bis Edmund seine Forderungen gestellt und diese abgelehnt seien. Wäre die Bai schon besetzt, so solle er vorläufig keine Hoheitsrechte beanspruchen. Edmund solle sein Verhalten entsprechend einrichten. Wir waren ganz vernichtet, denn wir hätten alles eher erwartet wie Schwierigkeiten von den Russen, nachdem ihr Kaiser ausdrücklich zugesagt hatte. Ich weinte unaufhaltsam während des Dechiffrierens, mit dem wir noch fortfuhren in der Eisenbahn von Tangku nach Tientsin. – Eiswaldt und Krause waren uns vor zwei Tagen nach Tangku entgegengekommen und waren gerade im Begriff gewesen, ein Schiff auszuschicken, um nach uns suchen zu lassen. Von dieser Reise und der Ankunft in Tientsin habe ich nur eine wirre Erinnerung. I felt like stunned – es war zu unerwartet und grausam in all unser Hoffen hinein. Auf dem Tientsiner Bahnhof stand ein Vertreter der Firma Wahl und Co. in Köln, der Edmund gleich beiseite nahm und ihm sagte, er wisse von einem Bruder Weng tung hos, daß Pawlow und Dubail im Tsungli gewesen seien und gesagt hätten, China solle sich auf keine Landabtretung einlassen, denn Rußland und Frankreich hielten Deutschland unter dem Daumen. Es war zu empörend. Sobald wir im Konsulat in Tientsin eintrafen, ging es ans Dechiffrieren der dort angesammelten vielen Depeschen aus Berlin wie aus den Konsulaten, und dabei stießen wir plötzlich auf die uns ganz beglückende Nachricht, der Admiral habe am 14. bereits die Forts an der Kiautschoubucht besetzt. Von dem Moment an faßten wir wieder Mut, denn jetzt können sie eigentlich kaum wieder heraus. Gott segne die Marine!

18. November. Ein eisiger Tag und schneidender Wind, so daß ich kaum den Weg vom Konsulat bis zum Bahnhof zurücklegen konnte. Von der Endstation Maziapu»Unser Bahnhof wird übrigens mehrere Kilometer vor der Stadt liegen, um nicht das ›feng shui‹, d. h. das good luck oder die guten über der Stadt wehenden Geister zu stören!« Elisabeth von Heyking an ihren Schwiegervater. 5. III. 1897. in Chairs nach Peking. Bei der Kälte war der Gestank geringer, und die fabelhaften Stadtmauern und Tore, die weiten, öden Plätze machen doch immer wieder einen ganz eigenartigen Eindruck.

19. November. Ein Reutertelegramm, die deutsche Presse verlange die permanente Okkupation von Kiautschou und die »Times« stimme bei und rate England, in ähnlichen Fällen ebenso energisch zu sein.

20. November. Als Edmund sich eben anschickte, in die Sänfte zu steigen, um ins Tsungli Yamen zu gehen, nachdem er seine Note schon vorher hingeschickt, kam ein Telegramm von Rotenhan, er möge durch Eisenbahnforderungen die Chinesen nicht erschrecken und den Russen in die Arme treiben. In Berlin würden russische Vermittlungsversuche abgelehnt, russische Regierung hielte an Prioritätsansprüchen fest, Deutschland dagegen betrachte die Zusage des russischen Kaisers als bindend. Nachdem dies dechiffriert war, ging Edmund ins Tsungli, und es war ein wirklich aufregender Moment, als wir ihn fortgehen sahen. Gott helfe ihm, das Richtige zu treffen! – – –

Als Edmund zurückkam, erzählte er mir, man habe ihm im Tsungli sogleich erklärt, über die sechs deutschen Forderungen ließe sich verhandeln, aber erst dann, wenn Kiautschou geräumt sei. Edmund erwiderte, das sei der einzige Punkt, über den er nicht verhandeln könne, worauf Prinz Kung sehr erregt sagte, dann könnten sie überhaupt nicht verhandeln. Edmund frug darauf ganz freundlich, ob sie wollten, daß er nach Berlin drahte, das Tsungli Yamen lehne ab, mit ihm zu verhandeln. Da fiel Prinz Ching ein: Nein, sie wollten verhandeln, aber die jetzige Situation sei zu demütigend für sie, Deutschland hätte China vergewaltigt, wie es das keinem andern Lande gegenüber wagen würde. Edmund erwiderte, von Vergewaltigung könne gar keine Rede sein, denn die chinesischen Truppen hätten sich ganz freiwillig aus den Forts zurückgezogen, und China habe in Berlin erklären lassen, daß es an den freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland festhalte. Schließlich versprachen sie in einigen Tagen schriftlich Antwort und hatten es eilig, abzubrechen, weil sie nach Wan schau schan müßten zur Kaiserinmutter. Kung soll anfangs sehr erregt gewesen sein, aber nachher wäre die ganze Unterredung in sehr freundschaftlichem Ton geführt worden, und er habe sich bemüht, die Chinesen nicht zu erschrecken. Die Prinzen haben ihm fortwährend zugetrunken. Li hung chang soll finster und ohne eine Silbe zu reden in einer Ecke gesessen haben. Später kam ein Telegramm vom Admiral Diederichs, er habe einen widerspenstigen General gefangennehmen müssen, letzterer bäte dies dem Tsungli anzuzeigen. Von Freinademetz kam ein herzzerreißender Brief über die Morde und die Schuld der Mandarinen.

21. November. Mittags kam eine sehr einfältige Note vom Tsungli Yamen, Edmund möge dem Admiral befehlen, Truppen und Schiffe zurückzuziehen, früher könnten keine Verhandlungen über Sühneforderungen begonnen werden. Wir engagierten Wey chiang und yim als Boys für den General und gaben ihnen einen langen Brief, an dem sowohl Edmund wie ich den halben Tag geschrieben hatten, an den Admiral mit.

22. November. Morgens kam Salvago und erzählte, Pawlow und Dubail hätten den Chinesen den Rat gegeben, ohne Zugeständnisse zu machen, die Sache in die Länge zu ziehen; wir würden schon zur Evakuation gezwungen werden. Unsere Forderungen fänden übrigens weder Russen noch Franzosen zu hoch, nur die Eisenbahnforderung dürfte keinesfalls bewilligt werden. Unter den Chinesen soll eine Spaltung bestehen, Li hung chang, der ganz von den Russen bestochen ist, soll, als die erste Nachricht kam, ausgerufen haben: »Das bringe ich sofort in Ordnung; wir richten eine Adresse an den Zaren und bitten ihn, uns zu schützen.« Das kam nicht zustande durch die Opposition Weng tung hos, der erklärte, damit würde China seine Unabhängigkeit verlieren. Nun soll sich Li aus allen Verhandlungen herausgezogen haben, was sein finsteres Schmollen erklärt. Ein Tsungli-Yamen-Mitglied soll geraten haben, man solle es doch auf einen Krieg mit Deutschland ankommen lassen, Deutschland habe zwar eine große Armee, aber mehr wie 50 000 Mann könne es doch nicht nach China bringen, und die würden von den Millionen Chinesen leicht ins Wasser gedrängt. Pawlow und Dubois sollen ihm geantwortet haben, das sei doch nicht so sicher! Nachmittags kam Sir Claude Macdonald und sagte, ihnen sei es sehr recht, daß die Chinesen einmal eine tüchtige Lehre erhielten; wie sich aber England zu einer permanenten Besetzung von Kiautschou stellen würde, könne er nicht sagen. Er erzählte dann noch, der chinesische Gesandte in Berlin habe im Auswärtigen Amt die Forderung der Evakuation gestellt und hierher telegraphiert, das Amt habe geantwortet, das machten der Gesandte und der Admiral. Li hung chang soll darauf ausgerufen haben: »Das ist der Kaiser ganz allein, der die Besetzung angeordnet hat.«

23. November. Morgens früh erhielt ich ein reizendes Telegramm des Admirals, daß er Kiautschou Stadt besetzt und dabei in Waffenbrüderschaft unsrer gedacht habe. Dann ein Telegramm Rotenhans, Edmund möge im Tsungli erklären, er zweifle zwar nicht am guten Willen der Pekinger Regierung, Deutschland hätte aber zu oft deren Ohnmacht den Provinzialbehörden gegenüber erlebt und zöge es daher vor, selbst für Sicherheit und Erfüllung seiner Forderungen zu sorgen.

24. November. Den Chinesen fängt es an, schwül zu werden, daß Edmund ihre Noten unbeantwortet läßt und sich gar nicht wieder auf dem Tsungli anmeldet. Er gebraucht ihre eigne Taktik des Verschleppens, woran sie von Europäern nicht gewöhnt sind, denn sie kennen mehr den Typus Gerard, der Tag für Tag im Tsungli ihnen stundenlang auf dem Pelze saß. Jetzt sprechen sie schon nicht mehr von Evakuation, sondern bitten nur, der Admiral möge keine zu arge Pression ausüben, da es im Volke gährte. Dieser Ausspruch ist einigermaßen komisch, denn Chinesen selbst haben Salvago erzählt, der Admiral sei in Kiautschou mit Freudencrackers empfangen worden, weil die Leute viel durch die Okkupation verdienen und sich über die Aussicht freuen, aus der chinesischen Mißwirtschaft herauszukommen. Nach dem Tiffin kam ein Antworttelegramm, zum erstenmal wieder von Hohenlohe unterzeichnet, das Edmund ermächtigt, dem Tsungli zu sagen, daß wir Kiautschou als Pfand für die Erfüllung unsrer Forderungen besetzt hielten, und da wir auf einen langen Aufenthalt rechneten, die nötigen Einrichtungen treffen würden. Wir waren ganz selig. Daß während dieser ganzen Zeit nie ein Telegramm mehr von Hohenlohe unterzeichnet war, hatte uns sehr bekümmert, denn wir fürchteten, er habe sich am Ende von allem zurückgezogen. Nun möchten wir beinah glauben, daß er in Petersburg gewesen ist, um zu verhandeln. Edmund hatte eine Visite von Sir Claude, der ihm erzählte, das ganze geheime chinesische Conseil wisse nichts von einer Abtretung Kiautschous an Rußland; wenn etwas derartiges abgemacht sei, so hätte das einzig der von Rußland gekaufte Li hung chang zugestanden. Es existiere von den Russen zu den Chinesen nur ein Schutzbündnis, das sich aber nur auf den Fall bezöge, daß China von den Japanern attakiert würde.

25. November. Nachmittags kam der japanische Gesandte und zwar im Auftrag Li hung changs, um Edmund anzudeuten, daß Li ganz weich geworden sei und à tout prix verhandeln wolle. Das muß Edmund natürlich verhindern, und so schrieb Edmund eine übrigens schon vorher geplante Note an das Tsungli, in der er sich beschwerte, daß seine ganzen Sühneforderungen in ganz Peking bekannt seien, und daß dies nur dann erlaubt sei, wenn wir aufgehört hätten, mit China in Frieden zu leben. Er wisse auch ganz genau, wer das Tsungli-Yamen-Mitglied sei, das diese Indiskretionen begangen und dadurch China den schlechten Dienst erwiesen habe, als sei es nicht mehr imstande, ohne fremden Schutz seine eignen Angelegenheiten zu ordnen! Edmund hofft, dadurch Li zu mißkreditieren und den Zwiespalt im Tsungli so zu verschärfen, daß nicht ein Nachgeben auf der ganzen Linie stattfindet. Außerdem war Edmund bei Herrn Knobel, der es sich angelegen sein läßt, hier heftig über das deutsche Vorgehen zu schimpfen. Edmund frug ihn, ob er aus dem Haag Instruktionen erhalten habe, uns hier Schwierigkeiten zu machen! Das wirkte, und dieser Volontär der Russo-Franken erging sich in Entschuldigungen.

27. November. Gleich nach dem Tiffin erschienen Chang yin huan und Weng tung ho bei Edmund. Ich saß in der Veranda und konnte so die Unterredung hören. Zuerst war von Edmunds starker Erkältung die Rede, dann langes Schweigen. Darauf sagten die Chinesen, sie seien vor allem gekommen, um zu sagen, wie sehr sie es mißbilligten, daß Edmunds Forderungen bekannt geworden seien, und sie sähen ein, daß das für ihn kränkend wäre. Edmund sagte, die Indiskretion sei durch das Tsungli passiert, worauf beide protestierten: »Aber nicht durch uns!« Edmund: »Nein, nicht durch Euch!« »Nun, du hast den Namen nicht genannt, so wollen wir es auch nicht tun, aber wir wissen, wen du meinst.« »Gescheite Leute verstehen sich auch, ohne zu sprechen!«

Wieder lange Pause, worauf die Chinesen frugen, wann Edmund würde zur Verhandlung ins Yamen kommen können. Edmund antwortete: »Er könne überhaupt nicht mehr ins Yamen kommen, denn die Chinesen hätten ja geschrieben, daß sie nicht verhandeln könnten, so lange nicht die Besetzung zurückgezogen sei; da er dies nun nach Berlin gemeldet, müsse er nun warten, bis er eine neue Note des Tsungli erhalten, in welcher die Chinesen erklärten, trotz der Besetzung verhandeln zu wollen. Sie antworteten: »Über Zurückziehung der Truppen brauche man nicht mehr zu reden.« Wieder Stillschweigen, worauf sie fortfuhren: »Da sei ein Punkt, über den sie sprechen wollten: Edmund habe den Gouverneur Li ping so angegriffen, und sie gäben ja auch zu, daß er in der Behandlung der Missionare gefehlt habe, aber er hätte auch viele gute Eigenschaften und habe z. B. in der Finanzverwaltung seiner Provinz viele Ersparnisse gemacht.« »Diese Ersparnisse könnten China teuer zu stehen kommen,« warf Edmund hin und führte dann aus, Li ping habe seit Jahren gegen die verschiedenen Missionare aufgereizt, und wie der Hauptmusikant dirigiere, so bliesen dann die kleinen Musikanten. Und daher hätten sich auch die kleineren Mandarine fortwährender Vergehen gegen die Mission schuldig gemacht. In Deutschland würden alle religiösen Fragen sehr ernst genommen, und darum müßten diese Verbrechen gegen Missionare ganz besonders gesühnt werden. Die Chinesen antworteten, in China nähme man die Religion auch sehr ernst, und die Regierung sei sich bewußt, alle schützen zu müssen; sie würden auch tun, was sie könnten, um Sicherheit zu schaffen, aber die Provinz Shantung habe dafür einen schlimmen Namen, daß sie durch Räuberbanden heimgesucht würde. Edmund warf hin, er habe auch davon gehört, daß diese sogenannten Räuberbanden revolutionäre Tendenzen verfolgten. Ferner sagten die Chinesen, Edmund habe ihnen von einem »gefangengenommenen« General geschrieben; das klänge so kriegerisch und kränke sie. Edmund antwortete, er sei bereit, seine Note abzuändern und von einem »zurückgehaltenen« General zu sprechen. Übrigens glaube er, sie versichern zu können, daß Deutschland den dauernden Besitz des Generals Dhang China nicht streitig machen wollte! Die Mandarine betonten noch einmal, daß sie alles friedlich zu arrangieren wünschten; sie wüßten ja, daß China der Freundschaft Deutschlands viel verdanke. Chinas guter Wille sei aber doch auch für den deutschen Handel von großem Wert. Edmund sagte, er freue sich, zu hören, daß sie die Freundschaft Deutschlands zu schätzen wüßten, und sie möchten nur an das Beispiel des Sultans denken, der habe als einzigen Freund den deutschen Kaiser gehabt, und wie groß und mächtig stehe er nun durch diese Freundschaft da. Die Mandarine betonten nochmals, sie wollten alles in Freundschaft regeln und keine andre Macht habe ja auch in der Frage mitzureden. Edmund sagte, er möchte dies noch einmal ausdrücklich hören, ob wirklich keine andre Macht an dem besetzten Gebiet beteiligt sei. Sie antworteten: »Nein, nein!« (Die Dolmetscher aber meinten nachher, das »Nein« hätte sehr zweideutig geklungen.) Darauf empfahlen sie sich, nachdem noch viel über Edmunds Katarrh geredet worden war. Dr. Franke meinte, auf Krankheit oder Nahrung nähmen sie auch bei den wichtigsten Dingen Rücksicht. Edmund sprach die ganze Zeit sehr ruhig und leise und vermied alles, was sie froissieren konnte. Wenn sie nun schließlich tun, was wir wollen, so kann man ihnen ja den Gefallen erweisen, sie zu behandeln, wie sie es mögen, und sie nicht unnütz zu demütigen.

Reuter brachte die Nachricht, daß Prinz Heinrich als Kommandant des nun verstärkten Geschwaders herauskommen würde. Das wäre eine wahre Freude und würde hier Deutschland eine enorme Stellung machen. – Die Russen müssen Contreordre erhalten haben, denn sie kamen alle nachmittags zu Besuch und waren viel höflicher als je zuvor.

29. November. Lady Macdonald besucht, die uns mit allem aushelfen will, falls wirklich Prinz Heinrich kommt, was durch ein Telegramm bestätigt wird. Nachmittags trafen Dr. Eiswaldt und der Vertreter Bischof Anzers, Provikar Freinademetz, ein, ein großer hagerer Mann mit einem Märtyrergesicht. Er verlangt die Absetzung von 6 Beamten außer Li ping, die Erbauung zweier weiterer Kirchen und sieben fester Häuser und schätzt die ganze Summe auf 60 000 Taels. Herr Sommer, der Agent von Telge und Co., der augenblicklich hier ist, um einen Kontrakt mit Li hung chang zu unterzeichnen, daß die bei Schichau bestellten Torpedojäger von deutschen Offizieren herausgebracht werden sollen, kam nachmittags, um mir zu sagen, er sei von Li hung chang beauftragt, mich zu bitten, ob ich nicht meinen Einfluß ausüben wollte, um Edmund gegen Li milder zu stimmen. Durch Edmunds letzte Note habe Li so gänzlich en face verloren. Ich habe selten so gelacht.

2. Dezember. Nach dem Tiffin ging Edmund mit Prittwitz und Eiswaldt ins Tsungli. Über eine Evakuation wurde nicht mehr geredet, und gegen alle Kirchen, Häuser und sonstigen Forderungen der Mission waren die Mandarine sehr entgegenkommend. Wirkliche Schwierigkeiten werden nur über die Absetzung des Gouverneurs gemacht.

3. Dezember. Nach dem Tiffin erschienen wieder Weng tung ho und Chang yin huan und saßen bis nach 5 bei Edmund. Sämtliche Forderungen sind durchgesprochen und bewilligt worden. Die Absetzung Li pings haben sie sehr geschickt motiviert: »Er habe so viele Ungelegenheiten bereitet, daß der Kaiser seines Treibens müde geworden sei!« Über die Forderung: »Ersatz der dem deutschen Reich entstandenen Kosten« ist lange gesprochen worden. Sie sagten, China habe momentan sehr wenig Mittel, und das möge bei den Forderungen bedacht werden. Edmund erwiderte: »Es gäbe ein Mittel, wodurch die Kosten für China sich vielleicht herabmindern ließen.« Darauf sagten sie, ja, sie wüßten wohl, worauf das hinausliefe. Herr von Marschall habe ja schon dem Gesandten Ha su gesagt, daß wir eine Flottenstation haben wollten, und jetzt habe das Chang yin huan bei seiner europäischen Reise auch wieder gehört, und da sie Deutschland wegen Liaotung viel Dank schuldig seien, würden sie sich auch entschließen, uns eine Flottenstation zu geben. Aber wir möchten uns doch einen andern Punkt als Kiautschou aussuchen, einen Hafen in dem soviel reicheren Süden, wo doch auch unsere Handelsinteressen lägen. Wenn die Besetzung Kiautschous zu einer dauernden Okkupation würde, so wäre damit in Europa der Glauben erweckt, jeder könne sich hier nehmen, was er wolle, und China sei ganz wehrlos. Sie gäben ja zu, daß sie das seien, aber hieraus könne der Untergang Chinas entstehen. Edmund antwortete, Deutschland wünsche sehr, daß China nicht nur fortbestehe, sondern sich auch kräftigen möge, und gerade deshalb solle es doch China gern sehen, wenn wir uns hier im Norden festsetzten, wo wir dann China eine Hilfe sein könnten und ein Gegengewicht gegen andre, z. B. gegen Japaner. »Ja«, sagten sie, »die Einmischungen der Japaner sind uns sehr unangenehm.«

Abends bekam Edmund ein Telegramm zu lesen, das der japanische Gesandte aus Berlin erhalten. Unser Kaiser habe den Reichstag eröffnet und dabei gesagt, die Flotte sei ungenügend für den Schutz der deutschen Interessen. Soeben habe er das Geschwader in Ostasien verstärken müssen, um Sühne für die Morde in Shantung zu verlangen und die Kiautschou-Bucht dazu besetzen lassen. Diese Worte seien mit enthusiastischen Bravos aufgenommen worden, und abends im Reutertelegramm stand: Nach seiner eigentlichen Rede habe der Kaiser sich an die Abgeordneten gewandt und ihnen gesagt, er habe nicht gezaudert, seinen einzigen Bruder jetzt nach China zu schicken.

5. Dezember. Heute begonnen, meine Kiautschouskizzen auszuführen, und dabei durch langweilige Besuche unterbrochen, die mich aber lange nicht so wie im vergangenen Jahr öden. Der Gedanke an die Realisation unsres Lebenstraums, für Deutschland ein Stück China zu erwerben, hilft mir über alles hinweg; über die kleinen Lebensmiseren und die großen persönlichen Enttäuschungen. Nachmittags erhielt Edmund ein Telegramm von Bülow, es lägen Anzeichen vor, daß Rußland uns eventuell helfen würde, es müßten aber akute Konflikte mit China vermieden werden, damit sich nicht eine chinesisch-japanische Gruppe mit englisch-amerikanischem Hintergrund bildete, deren Spitze dann gegen Rußland und uns gerichtet sein würde. Wir hielten unentwegt an Kiautschou fest. – Das war ein herrliches Telegramm, denn es billigt vollkommen Edmunds Haltung hier, der ja schon on the high way dazu ist, eine Flottenstation in aller Freundschaft zu bekommen. Edmund will nun dem Tsungli vorschlagen, ihr Kaiser solle dem Prinzen Heinrich, wenn er herkommt, Kiautschou als Freundschaftsbeweis geben.

7. Dezember. Edmund hatte wieder eine lange Sitzung mit seinen beiden Mandarinen und telegraphierte dann nach Berlin: »Habe Weng tung ho und Chang yin huan heute vorgeschlagen, daß, nachdem wir Missionsangelegenheit als völlig geordnet erklärt und auf Entschädigung für Reichskosten verzichtet haben werden, Kaiser von China aus freier Entschließung und aus Dankbarkeit für Liaotung dem Prinzen Heinrich die Kiautschou-Bucht übergeben möge, wobei ich darauf hingewiesen, daß hierdurch dem Prinzenbesuch ein eminent freundschaftlicher Charakter aufgeprägt werden würde, im Gegensatz zum jetzigen Eindruck. Im Prinzip akzeptierten die Mandarine, anbieten jedoch, Kiautschou zum Vertragshafen zu erklären, und versprechen, daß er keiner andern Macht angeboten werde, daß wir dort eine Niederlassung nebst Eisenbahn erhalten, und daß uns außerdem ein andrer Hafen im Süden abgetreten werde. Da ich vorläufig auf Kiautschou bestand, haben Mandarine dies nicht ganz abgewiesen, sondern nur betont, daß Chinas Ansehen durch ihren Vorschlag wiederhergestellt werden würde, und gebeten, ihn S. M. zu unterbreiten. Als Bedingung stellen Chinesen bisher, daß wir Kiautschou räumen, ehe Übergabe eines Hafens, welcher es auch sei, stattfindet und ehe Prinz Heinrich eintrifft. Annahme südlichen Hafens zugleich mit den uns in Kiautschou zugestandenen Vergünstigungen erscheint für uns vorteilhafter. Für Chinesen liegt Vorteil in Wahrung äußeren Scheins und Sicherung Kiautschous gegen irgendwelche Ansprüche. Mandarine drängen auf Abschluß, wie mir scheint, aus Besorgnis vor Territorialangriffen Englands oder Japans.«

Die Anerbieten der Chinesen sind eigentlich viel günstiger, als was wir uns selbst ausgebeten haben, denn bei den Vorteilen, die wir in Kiautschou haben sollen, kommt es praktisch darauf heraus, daß wir statt einen, zwei Häfen erhalten. Wir wären damit auch alle Dankbarkeitsverpflichtungen gegen die Russen los, nur ist es wohl möglich, daß ihnen Kiautschou als Vertragshafen noch fataler wie als deutsche Kolonie wäre. Wenn es ihnen in Berlin darauf ankommt, viel und in Frieden zu bekommen, so müssen sie mit Edmund zufrieden sein; wir haben aber manchmal unsre Zweifel daran, weil wir fürchten, daß zwischen den Ansichten des Auswärtigen Amts und der Marine nicht voller Einklang herrscht.

9. Dezember. Telegramm von Bülow, Edmund möchte weitere Erörterungen mit den Chinesen einstellen, bis S. M. seinen Willen wegen der letzten Vorschläge geäußert haben werde.

11. Dezember. Sehr nettes Diner bei Pawlow. Die Russen werden entschieden liebenswürdiger. – Während der nächsten Tage sehr in Unruhe, daß noch immer keine Antwort von Berlin eintrifft. Die Chinesen kommen täglich auf die Gesandtschaft, sich zu erkundigen.

14. Dezember. Endlich morgens ein Telegramm von Bülow, das von S. M. inspiriert und wenig freundlich klang. Es könne von keinem andern Hafen als Kiautschou die Rede sein und evakuiert würde nicht. Dazu eine lange Vorlesung von Bülow, Edmund solle Pawlow sagen, Deutschland sei sich bewußt, indem es sich südlich von der russischen Interessensphäre in China niederließe, in dauernde Interessengemeinschaft mit Rußland zu treten. Und da Frankreich immer nur schwer dazu zu bringen sei, einen Schritt zu tun, der es mit England verfeinden könne, würde unsre Freundschaft Rußlands Stellung in China verdoppeln. Hätten wir uns dagegen den Engländern territorial hier genähert, so hätten wir auch ihrer Politik Konzessionen machen müssen. – Diese Abhandlung ist geradezu kindisch, wenn man weiß, wie pieds et poings liés hier die Franzosen den Russen gehören, und wie unangenehm es gerade den Russen ist, daß wir nach Kiautschou und nicht nach dem Süden gegangen sind! Und den Engländern haben wir damit gerade einen Gefallen getan! Und die Schroffheit gegen die Chinesen verstehe ich auch nicht, denn sie wollten uns ja alles geben, was wir verlangten, nur eben auf ihre Art, und dabei wären wir die besten Freunde geblieben. Wir waren den ganzen Tag recht deprimiert und enttäuscht.

15. Dezember. Nachmittags kamen wieder Weng tung ho und Chang yin huan. Sie wollen uns Kiautschou stillschweigend überlassen, in dem Vertrag soll gesagt sein, die an Deutschland zu zahlenden Kosten würden später vereinbart werden, und ein geheimer Vertrag soll enthalten, solange wir in Kiautschou blieben, würden wir von diesen Kosten nicht sprechen. Wenn S. M. darauf eingeht, kann die Sache noch immer freundschaftlich arrangiert werden ohne Konflikte, die doch nur unsern Handel hier schädigen würden.

17. Dezember. Herr Sommer hat soeben seinen Vertrag abgeschlossen, daß die bei Schichau bestellten Torpedoboote von deutschen Offizieren herausgebracht werden sollen. Herr Bauer aus Tientsin bewirbt sich bei Li hung chang um eine elektrische Bahn, die durch Siemens und Halske gebaut werden soll, von dem Endpunkt der jetzigen Bahn bis an die Stadtmauer von Peking. Edmund hat die Sache beim Tsungli sehr befürwortet und in seiner Note gesagt, es sei kürzlich eine Dame unsrer Gesandtschaft (es war meine neue Jungfer!) hier angekommen, habe aber in die Stadt nicht mehr hereingekonnt, weil die Tore schon geschlossen waren. Die Kaiserlichen Hoheiten und Exzellenzen möchten sich doch vorstellen, welch eine Enttäuschung das für den Reisenden sei, vor einer so schönen Stadt zu stehen und dann nicht herein zu können! Li hung chang verspricht Bauer goldene Berge, wenn er nur bei Edmund Versöhnungsversuche machen wolle und ihn dazu bewege, die Verhandlungen wegen Kiautschou wieder aufzunehmen. Da in Kanton aber wieder ein deutscher Missionar bestohlen worden und in Swatow ein Mandarin zur Vertreibung unsrer protestantischen Missionare das Volk aufhetzt, bleibt Edmund hart. Auch schwebt seit acht Jahren eine Forderung der Firma Carlowitz, deren Bezahlung er verlangt.

19. Dezember. Telegramm von Bülow über den Vertragsentwurf mit den Chinesen. Die Grenzen des von uns zu behaltenden Gebiets werden angegeben, und zwar soll das Land auf 99 Jahre gepachtet werden. Die Bahnforderung wird besonders betont, und etwa nötige Flußregulierungen sollen uns erlaubt sein. Bergwerkskonzessionen sollen wir erhalten wie die Franzosen im Süden und die Russen in der Mandschurei. Unser Ziel ist, in Kiautschou einen Freihafen zu bilden mit Grenzlinie in unsrer Zone für diejenigen Waren, die nach dem Innern gehen.

22. Dezember. Die Chinesen haben heut endlich die Carlowitzforderung bezahlt, und daraufhin hat Edmund die beiden Mandarine Weng tung ho und Chang yin huan nachmittags empfangen. Edmund ließ die Nachricht von Bauer hinbringen, der dafür von Li das Versprechen erhielt, daß niemand wie er, d. h. Krupp, die Befestigung von Port Arthur erhalten werde. Edmund teilte den Mandarinen die Hauptbedingungen des Vertrags mit, und sie sollen von dem Wort Pacht sehr entzückt gewesen sein.

24. Dezember. Ein merkwürdiges Weihnachten. Edmund und Prittwitz hatten den ganzen Tag zu arbeiten. Kurz vor dem Aufbau kamen Boten von Chang yin huan und Weng tung ho, die für mich Vasen als Weihnachtsgeschenke brachten, die abends bei den verschiedenen Kennern große Meinungsverschiedenheiten hervorriefen, indem die einen sagten, es seien number one pieces, die andern erklärten, es wäre moderne kiu-kiang-Ware und 75 cents wert.

25. Dezember. Edmund erhielt die Antwort des Admirals aus Kiautschou, der entschieden mehr behalten will, als man im Auswärtigen Amt als Grenzen des abzutretenden Gebiets angegeben hat.

27. Dezember. Morgens kam ein langes und böses Telegramm von Herrn von Bülow. Man sei in Berlin verwundert, daß Edmund in seinen letzten Telegrammen die Abtretung nur beiläufig erwähne, da doch S. M. den schleunigen Abschluß so sehr wünsche. – Höchst ungerecht, wenn man bedenkt, wie hier gearbeitet worden ist, daß Edmund tagelang auf die Antwort des Admirals hat warten müssen und daß alle Schriftstücke ins Chinesische übersetzt und abgeschrieben werden müssen. Ich wollte eigentlich, daß Edmund dem Auswärtigen Amt ziemlich deutlich zu seiner Rechtfertigung telegraphierte. Er drahtete aber schließlich nur: »Habe gestern Entwurf des Tsungli mit meinen Korrekturen zurückgesandt. Nachdem endlich Äußerungen des Admirals und Generalkonsuls erhalten, übergebe heute Vertragsentwurf Tsungli.«

28. Dezember. Nachmittags ließen sich wieder Weng tung ho und Chang yin huan bei Edmund melden, der unaufhörlich hustet und Fieber hat. Ich ging währenddem aus, Besuche zu machen. Als ich zurückkam, waren die alten Bonzen immer noch da, und im Vorzimmer lag ein Telegramm an Edmund. Es kommen aber täglich so viele, daß ich achtlos daran vorüberging. Als ich später ins Arbeitszimmer kam, hatte Edmund es eröffnet, es war von Freinademetz: »Große Unruhe in Tsanschofoo. General vertreibt Katechisten, droht mit weiteren Europäermorden, seit einem Monat kein Täter ergriffen. Mandarine fahrlässig und noch ohne Instruktionen.« Das war ein Donnerschlag. Edmund war gerade friedlich und weit in seinen Verhandlungen gelangt, hatte Eisenbahnen und Bergwerke durchgesetzt. Edmund telegraphierte nach Berlin, er habe vom Tsungli telegraphische Absetzung des Generals verlangt und glaube, wirksame Maßregel würde Bildung einer chinesischen Schutztruppe unter deutschen Offizieren im Schutzgebiet sein. Darauf schrieb Edmund ans Tsungli eine sehr scharfe Note, in der u. a. vorkam, daß »Deutschland heute weniger als je in der Stimmung ist, auch nur dem kleinsten seiner Untertanen etwas antun zu lassen, ohne die vollste Genugtuung zu erzwingen«.

30. Dezember. Morgens ein weiteres Telegramm von Freinademetz: »General Wan pen huan kommt in Christengemeinde Ti chang chang; beim feierlichen Empfang sagt er den Katechisten: ,Macht euch fort, zwei Europäer bereits massakriert, andere werden folgen, wir wollen keine europäische Religion!' Zitiert Dorfhaupt, verbietet, Platz den Europäern verkaufen, Verkauftes müßte rückgängig gemacht werden.« Edmund telegraphierte dem Auswärtigen Amt: »Weiteres Telegramm Provikars meldet empörende Äußerungen von General Wau pen han, beantrage, wenn nicht seine telegraphische Absetzung erfolgt, diplomatische Beziehungen abbrechen und vorläufig nach Tientsin abreisen zu dürfen.« Und an den Admiral von Diederichs: »Habe mit Abbruch diplomatischer Beziehungen gedroht. Könnten Euer Exzellenz nicht eine demonstrative Bewegung ausführen?«

Nachmittags kam Wouters zu uns und meinte, wir sollten unsre Koffer noch nicht packen, die Chinesen würden unter allen Umständen nachgeben. Und richtig kam um ½ 9 eine Note des Tsungli, daß sie den Gouverneur von Shantung telegraphisch angewiesen hätten, den General zu entfernen und zur Verantwortung in die Hauptstadt zu zitieren. Die Notwendigkeit des Abreisenmüssens ist also for the present erledigt.

31. Dezember. Aus Berlin kam ein Telegramm, das uns im höchsten Maße aufregte und empörte: »Ich nehme mit um so größerer Befriedigung davon, daß Verhandlungen über Kiautschou mehr in Fluß gelangen, Kenntnis, als S. M. zu Ihrem Telegramm 114 bemerkt hatte: ,Zehn Tage, nachdem ihm telegraphiert worden, wie kommt das?' Die Tendenz der Chinesen, zwar über Missionsangelegenheit abzuschließen, aber Verhandlungen über Kiautschou hinzuziehen, ist mir nicht unbekannt und vom chinesischen Standpunkt begreiflich. Ihre Aufgabe ist es, ihnen klarzumachen, daß sie vor Erledigung von Kiautschou-Sache auf Beilegung der Missionarsache keine Aussicht haben. Auf Idee der Bildung einer Schutztruppe in Shantung kann nicht eingegangen werden, weil sie uns falschen Auslegungen von dritter Seite aussetzen würde. Dagegen dürfte Euer Hochwohlgeboren nicht schwerfallen, die neuen Vorfälle als Druckmittel zu verwerten, um Chinesen zu rascherem Abschluß über Kiautschou zu bringen.« – In Berlin scheint man sich keine Vorstellung davon zu machen, daß Telegramme zwischen Tsintau-Forts und hier oft zwei volle Tage unterwegs sind und das Übersetzen und Abschreiben der Noten auch Tage erfordert. Daß es S. M. lange erschienen, ist vielleicht begreiflich, aber es hätte sich wohl ein Wort der Erklärung von Bülow finden lassen können! Edmund war außer sich, denn er hat mit äußerster Anstrengung gearbeitet, und alle übrigen Gesandten hier sprechen von seiner Energie, und unser Prestige hat sich durch sein Auftreten enorm gehoben. Dann gleichzeitig von zu Hause die Insinuation der Lässigkeit zu erhalten, ist etwas hart. Der ganze Ton der Depesche ist auch so, daß man sich ärgern muß. Ich schrieb sofort an Grünau, erzählte ihm von unsrer Deprimiertheit, von allem, was Edmund bisher erreicht hat, und daß von irgendwelcher Anerkennung aus Berlin keine Rede ist. Wenn man sich erinnert, daß Admiral von Diederichs sofort zur Exzellenz gemacht worden, Edmund, der hier den weitaus schwierigeren Teil hat, nur Rüffel bekommt, ist es wirklich etwas hart! – – – Wir begannen zusammen mit der Gesandtschaft das neue Jahr. Das alte hat uns durch den Tod von Onkel Edmund schweren Kummer und Enttäuschung gebracht, aber um Kiautschous willen ist es uns ein gesegnetes Jahr! Ich gedachte viel der Kinder, mit denen uns das neue Jahr wieder zusammenführen möge. Möchten sie alle drei ruhige, glückliche Leben haben, ohne viele ups and downs. Ich weiß nicht, ob ich mein Leben in der Hinsicht viel anders haben möchte, denn ich war wohl für Aufregungen prädestiniert und habe schon als Kind oft die Empfindung gehabt, daß mir ganz besondere Erlebnisse bevorständen. Aber wenn ich für die Kinder Wünsche hege und mir ihre Zukunften ausmale, so denke ich immer an ruhige, zufriedene Existenzen zu Hause, die sich anschauen wie friedliche deutsche Landschaften, mit Wiesen und Bächen, über denen sich der Abendhimmel goldig wölbt. –

1. Januar 1898. Edmund telegraphierte nach Berlin: »Ich bitte Seiner Majestät alleruntertänigst zu meiner Rechtfertigung unterbreiten zu wollen: daß ich Telegramm 73, Vertragsentwurf enthaltend, am 19. Dezember erhalten, Telegramm 76, welches mich anwies, Äußerungen Admirals und Generalkonsuls darüber einzuholen, ging mir 19. so spät zu, daß ich es nicht weitertelegraphieren konnte, da in Peking nach Sonnenuntergang wegen Schließung der Stadttore Telegramme weder abgehen noch ankommen. Auf mein Telegramm an Admiral vom 20. erhielt ich Antwort 25. Am 26. und 27. habe ich Noten über Missionsangelegenheiten und Vertragsentwurf, der durch 27. erhaltenes Telegramm Nr. 80 modifiziert worden, ins Chinesische übersetzen lassen, am 28. Verhandlungen geführt. Ich habe nicht einen Tag versäumt.«

Nachmittags kamen Wen tung ho und Chang yin huang zu Edmund und blieben lange sitzen. Als sie gegangen waren, mußte Edmund sich hinlegen, denn er war gänzlich abgespannt und so heiser, daß mir recht angst um ihn wurde.

2. Januar. Edmund telegraphierte nach Berlin: »Gestern erschienen Unterhändler mit Erklärung, sie hätten Order, Vertrag zum Abschluß zu bringen, gestanden alle Punkte zu, bemühten sich aber mit unglaublicher Hartnäckigkeit, etwas vom Südeingang der Bai zu behalten. Als ich dies zurückgewiesen, erklärten sie, dem Kaiser Vortrag halten zu müssen und morgen Antwort zu bringen.« – Telegramme von Berlin, die ein wahres Paket sind. Als Edmund hinüber zu Prittwitz zum Entziffern ging, war ich in wahrer Herzensangst, ob es wieder Unfreundlichkeiten gegen Edmund enthalten würde. Ich war ganz glücklich, als er zurückkam und mir sagte, es enthielte nichts Schlimmes. Die europäische Post brachte interessanten Brief von Mumm. Er erzählt, der Reichskanzler habe damals auf geschäftlichem Weg in Petersburg wegen der Besetzung Kiautschous anfragen wollen. S. M. aber habe direkt und offen an Kaiser Nikolaus gedrahtet, der ebenso geantwortet habe, seine Rechte auf Kiautschou seien im vorigen Jahr abgelaufen, und er habe dort nichts zu erlauben und nichts zu verbieten. Zwei Tage darauf sei die Einsprache des Grafen Murawjew erfolgt. Das Auswärtige Amt sei sehr stramm geblieben, und speziell Holstein sei sehr für Durchhalten gewesen, da sonst Prestige auf ewig verloren sei. Es habe aber die große Angst bestanden, ob S. M. durchhalten werde, der Ton des ersten Befehls an Diederichs und der des zweiten, der ihn abänderte, seien so sehr verschieden gewesen... Vom Admiral Depeschen und Beschwerden der Chinesen über Vorgehen des Admirals.

3. Januar. Vormittags eine Masse Schreiberei. Nach dem Tiffin ging ich zu Lady Macdonald. Als ich aus der englischen Gesandtschaft herauskam, begegnete mir Edmund, der mir erzählte, Weng tung ho und Ghang yin hun seien eben auf der Gesandtschaft gewesen und hätten Ausflüchte gemacht. Da sei Edmund sofort aufgestanden und durch die Veranda in mein Wohnzimmer gegangen. Die Chinesen hätten ihm Franke nachgeschickt, er möchte doch wiederkommen; er habe geantwortet: nur wenn sie absolute Zusagen brächten. Darauf gingen sie ab very much loosing their faces, und unsre chinesischen Diener sollen ganz verwirrt über diese unerhörte Begebenheit sein. Edmund erzählte mir dies auf der Straße, und auf dem ganzen Wege wurden wir von einer ganzen Menge Chinesen und schmutztriefender Mongolen dicht umgeben und begleitet. Das ist uns hier noch nie passiert, und es mag doch sein, daß die Leute wußten, wer Edmund sei und uns nicht eben freundlich gesonnen waren. Edmund telegraphierte nach Berlin: »Da Unterhändler heute wieder Ausflüchte gebrauchten, brach ich Verhandlungen ab und erklärte, morgen ins Tsungli zu kommen, wo Prinzen anwesend sein müßten.«

4. Januar. Sir Claude erzählt, Li hung chang habe Angebot vom Finanzminister Witte für große Anleihe unter russischer Garantie... Telegramm aus Chefoo, im Missionsgebiet herrsche Unruhe und ein englischer Missionar sei ermordet. Herr Bauer hörte aus dem Yamen, die Chinesen würden keinesfalls nachgeben. Der Deutsch redende Chinese Yu Yin chang aus Tientsin, der zu Verhandlungen besonders heraufbeordert worden ist, sagt, sie würden sich in alles fügen. Aus Berlin fragt Herr von Bülow an: »Sind jetzt englische Kriegsschiffe in Port Arthur?« Admiral Diederichs telegraphiert über Berliner Instruktionen und Landkaufangelegenheiten...

Gleich nach dem Tiffin begab sich Edmund auf das Tsungli und ließ sich von der gesamten Gesandtschaft begleiten, so daß es ein imponierender Aufzug war. Die beiden Prinzen, das ganze Tsungli Yamen mit Ausnahme von Li hung chang waren anwesend. Edmund ließ folgende Rede durch Franke chinesisch vorlesen:

»Erlauchte Prinzen und meine Herren Minister! Von einem Tisch, auf dem lauter schöne Dinge stehen, eine Auswahl zu treffen und sich die schönste Sache herauszusuchen, ist nicht schwer, und jeder unerfahrene Mensch kann das. Aber wenn man von Schwierigkeiten umgeben ist, denjenigen Weg zu wählen, der am wenigsten Gefahren bringt, ist eine Aufgabe, an der sich die Weisheit der erlauchten Geister erprobt, und im politischen Leben ist, wenn der Staat gefährdet scheint, die schwierigste Aufgabe des wirklichen Staatsmannes die, den Weg zu finden, auf dem sich das Ziel eines erträglichen Ausgangs erreichen läßt. Erlauchte Prinzen und meine Herren Minister! China befindet sich heute in einem solchen gefährlichen Moment, das Staatsschiff ist von Klippen umgeben, und Eurer Weisheit, meine Herren, ist es überlassen, es vom Scheitern zu retten. Ich bin gekommen, Euch in wahrer Freundschaft für China zu sagen, welchen Kurs Ihr steuern müßt. Erlauchte Prinzen und meine Herren Minister! Ich erkläre Euch auf das bestimmteste, namens meiner hohen Regierung, daß Kiautschou ein deutscher Hafen ist und bleiben wird. Deutschland hätte gar nicht nötig, über diese Tatsache weitere Verhandlungen zu führen, denn da ist nicht eine Macht in der Welt, die einen Finger rühren würde, um China zum Wiederbesitz von Kiautschou zu verhelfen, und China selbst ist ohnmächtig; es hat weder eine Armee noch eine Flotte. Aber aus alter Freundschaft für China haben wir den Weg der Verhandlungen gewählt und Euch einen Vertrag proponiert, durch welchen die Ehre und das Ansehen Chinas gewahrt und die Ansprüche Deutschlands auf das bescheidenste Maß heruntergedrückt sind. Wir beanspruchen keine Gebietsabtretung, sondern wir erkennen an, daß das Gebiet fortdauernd dem Kaiser von China gehört, und verlangen bloß, daß ein kleines Stück Land uns pachtweise überlassen werden möge. In Europa ist allgemein die Ansicht verbreitet, daß wir die ganze Provinz Shantung in Anspruch nehmen würden, und ich erkläre Euch offen, daß unsre Militärs ein weit größeres Gebiet, als ich es beansprucht habe, zu behalten wünschen. Unsre Truppen haben bereits dreimal soviel Gebiet besetzt, als ich fordere, und wenn binnen kurzem unsre Verstärkungen hier eingetroffen sein werden, können wir noch weit mehr besetzen. Aber die Regierung meines erhabenen Herrn und Kaisers hat aus alter Freundschaft für China lediglich einen schmalen Streifen Uferland an der Kiautschoubucht zu pachten verlangt. Und Ihr zögert noch und macht Schwierigkeiten? Dabei verfahrt Ihr nicht einmal von Eurem Standpunkt aus weise. Denn Ihr habt mir bereits zugestanden, daß die ganze nördliche Landzunge und fast die ganze südliche Landzunge an der Bucht von Kiautschou uns überlassen werden soll. Aber mit verhängnisvollem Eigensinn haltet Ihr an der theatralischen Prätension fest, auf dieser südlichen Landzunge eine kleine Station besetzt zu halten. Diese Station würde für Euch nicht von dem geringsten praktischen Nutzen sein, und Ihr habt dies Verlangen, das für jeden Staatsmann in Europa unverständlich ist, lediglich gestellt, weil Ihr Euch von Eurem chinesischen Aberglauben nicht freimachen könnt, daß der Schein mehr wert ist als die Wirklichkeit, und daß man den Schein noch retten kann, wenn die Wirklichkeit längst verloren ist. Seht Ihr denn aber nicht, daß Ihr Euer Gesicht unwiderbringlich verlieren würdet, wenn Deutschland die Kiautschoubucht behielte, ohne mit Euch einen Vertrag abzuschließen? Dann würde das eintreten, wovor Ihr Euch jetzt fürchtet, daß in Europa die Meinung sich verbreitet, man könne China beliebige Gebietsteile entreißen, ohne Verhandlungen zu führen. Dann könnte es sich ereignen, daß auch andre Mächte sich diese angebliche Erfahrung zunutze machten, und dann wäre der Augenblick eingetreten, von dem ich oben gesprochen, und Ihr selbst, nicht Deutschland, hättet das Staatsschiff Chinas zum Scheitern gebracht! Wenn Ihr dagegen den maßvollen Vertrag, den wir Euch vorschlagen, abschließt, dann wird man in Europa sagen, daß auch ein so mächtiges Reich wie Deutschland sich veranlaßt gesehen hat, auf die Wünsche Chinas Rücksicht zu nehmen und nur ein kleines Gebiet pachtweise und in aller Freundschaft erhalten und den größeren Teil des bereits besetzten Gebiets wieder geräumt hat. Als guter Freund Chinas rate ich Euch in dieser feierlichen Stunde, diesen Weg zu betreten. Ich habe sehr scharfe Befehle von meinem Herrn und Kaiser erhalten, und dies ist vielleicht die letzte Stunde, die Ihr noch frei habt. Ich will Euch einiges andeuten, was erfolgen würde, wenn Ihr zu Eurem Unglück etwa nicht den vorgelegten Vertragsentwurf annehmen wolltet: Wir würden weder die Stadt Kiautschou, noch die Stadt Tsinio räumen, wie wir jetzt beabsichtigen. Wir würden die Kosten für unsre Okkupation, auf die wir bei Vertragsabschluß verzichten wollen, durch alle Mittel eintreiben, und sie würden sich auf viele Millionen Taels belaufen. Und solange Ihr nicht einen Vertrag mit uns geschlossen habt, wird es Euch unmöglich sein, einen Cash Kupfer irgendwo in Europa zu leihen, und China würde vor dem Bankrott stehen. Auf keinem Markt Europas könnt Ihr eine Anleihe erhalten, solange Ihr mit Deutschland nicht völlig ins reine gekommen seid. Bedenkt dies alles wohl, ehe Ihr mir eine abschlägige Antwort gebt.«

Nach dieser Rede wandte sich Prinz Kung an Edmund mit der Frage: »Wenn wir Deutschlands Bedingungen annehmen, wird es dann die Garantie übernehmen, daß nicht andere Mächte ähnliche Verlangen stellen?« Darauf sagte Edmund, der Prinz könne wohl nur zwei Mächte meinen. Die eine wünsche, soviel er wisse, nur eine ganz kleine Bai im Süden, an der China kaum ein Interesse nähme; was die andre Macht beträfe, so müßten die Chinesen über deren Absichten am besten unterrichtet sein, da sie sie sich ins Land geladen hätten. (Die russische Besetzung Port Arthurs ist ein Werk Li hung changs und soll zwischen ihm und Prinz Kung zu heftigen Auftritten Anlaß gegeben haben.) Darauf frug der Prinz nochmals, ob Deutschland garantieren würde. Und Edmund antwortete, das sei zuviel verlangt, daß Deutschland Chinas Schlachten schlagen solle. Nun rief Chang yin huang: »Lassen wir fallen!« und nun gaben die Chinesen alles zu. Im letzten Moment machten sie noch einen Versuch, die Pachtzeit von 99 Jahren auf 50 herabzusetzen, was Edmund nicht zugestand.

Ich hatte zu Hause in größter Spannung gewartet, und als ich die Sänften ankommen sah, lief ich hinaus, und Edmund rief mir gleich entgegen: »Es ist alles erreicht!« Wir waren unbeschreiblich froh, und Edmund telegraphierte sofort an das Auswärtige Amt... Bald darauf kam folgendes Telegramm von Bülow: »Seine Majestät der Kaiser haben geruht, von Ihrer Aufklärung huldreichst vollen Akt zu nehmen und sprachen hierbei die Erwartung aus, daß Sie in Ruhe und Umsicht, aber ohne sich durch Nebenfragen ablenken zu lassen, alle Bemühungen auf das Kiautschou-Abkommen konzentrieren möchten, dessen Zustandekommen für unsern allergnädigsten Herrn in allererster Linie steht.«

Na, der Wunsch von S. M. wäre ja nun erfüllt!

5. Januar. Edmund arbeitet den ganzen Tag an der Note über die Missionen und über die Eisenbahnen und brachte die ganze Route der Bahn mit Stationen und Bergwerken hinein.

6. Januar. In drei je 10 Mann zählenden Gruppen kamen die Minister des Tsungli und die sonstigen chinesischen Großwürdenträger, um auf allen Gesandtschaften ihre Neujahrsvisite zu machen. Die erste war von Prinz Kung, die zweite von Prinz Ching, die dritte von Li hung chang geführt. Zu uns zu kommen, muß ihnen doch scheußlich sein, aber patriotische Entrüstung kennen sie doch offenbar nicht, nur die Sorge um das persönliche Ansehen. Und es sind lauter so alte Leute, daß man ihre Apathie begreift, denn sie sagen sich offenbar, »das wird alles immer noch ebenso lange dauern wie wir«. Als sie fort waren, erhielt Edmund folgendes Telegramm von Bülow: »Bitte Pachtsumme, Pachtzeit und alle vorgenommenen Vertragsänderungen sofort telegraphisch melden.« Das war alles. Kein Wort des Dankes, der Anerkennung! Unwillkürlich denkt man doch an den Dank des Hauses Österreich! Na, man hat sich ja nicht des Dankes, sondern der Sache halber abgemüht, aber seltsam ist es doch. – Edmund antwortete: »Ich habe Vertragsbestimmungen ohne Abänderungen durchgesetzt.«

Edmund erhielt folgendes Telegramm: »Hoheitsrechte für vorgeschriebenes Gebiet müssen tatsächlich unverkürzt erreicht werden. Zum Schein eine kleine Enclave für chinesischen Posten können Sie zugestehen. Hohenlohe.«

Es scheint ihnen in Berlin der Atem ausgegangen zu sein! Und wenn das Telegramm einen Tag früher angekommen wäre, hätten die Chinesen ein bißchen »face« retten können. Nun müssen sie sich in Berlin beinah schämen, daß alles erreicht ist. –

7. Januar. Aus Berlin kam ein Telegramm, als Pacht solle 50 000 Mark geboten und bis 300 000 gegangen werden. Na, Edmund wird es ihnen wohl umsonst schaffen. Vom Admiral, von Lenz und Eiswaldt kamen Gratulationstelegramme, nur in Berlin kann man kein freundliches Wort finden!

10. Januar. Edmund hat täglich Visiten von Yin chang wulo, durch den der ganze Eisenbahn- und Bergwerksvertrag gemacht wird. Dies geschieht ganz im geheimen; niemand weiß davon, nicht einmal Pawlow. Alle sind mit der Verpachtung Kiautschous beschäftigt und haben die Noten darüber natürlich schon vom Yamen irgendwie bekommen. Währenddem bringt Edmund den Eisenbahn- und Bergwerksvertrag als Teil des Missionsvertrags herein, an den niemand mehr denkt, weil man sich nur für Kiautschou interessiert. Die Chinesen scheinen in dieser Sache auch wirklich dicht zu halten.

22. Januar. Herr Sommer und Herr Hagge, letzterer ein Vertreter der Firma Wahl, die die Shantungbahnen bauen will, waren zum Tiffin bei uns. Herr Hagge war ganz enthusiastisch darüber, wie es Edmund verstanden hat, die Eisenbahnkonzession zu erreichen, und meinte, nun sei doch endlich mal jemand da, der es verstände, mit den Chinesen umzugehen. Das würde so leicht keiner Edmund nachmachen. Nach dem Tiffin gingen wir auf die Stadtmauer, wo sich le tout Peking einfand, um die Sonnenfinsternis zu beobachten, die China soviel Unheil bringen soll. Ein gütiges Schicksal blies aber Wolken auf, als die Sonnenfinsternis gerade begonnen hatte; so war der Schein wieder einmal für die Chinesen gerettet. Ihr Aberglaube ist, daß ein Drache die Sonne verschlingt, und in allen Höfen der kleinen grauen Häuser konnte man von der Mauer aus kniende Frauen sehen, die Küchenutensilien gegeneinander schlugen, um den Drachen durch Lärm zu verscheuchen. Denn es scheint den Chinesen als böses Omen, daß diese Sonnenfinsternis gerade an ihrem Neujahrstag stattgefunden hat.

25. Januar. Edmund erhielt folgendes Telegramm von Bülow: »Wie stehen Verhandlungen über Pachtpreis? Antwort wegen Reichstagsverhandlungen bis 25. unentbehrlich.« Edmund antwortete: »Telegramm 25. nachmittags erhalten. Chinesen haben Pachtpreisfrage nicht angeregt, scheinen sich mit Tatsache, daß Pacht zugesagt, zu begnügen, ohne wirklich Zahlung zu erwarten.«

27. Januar. Edmund schrieb an das Tsungli, daß nach Berichten aus Shantung es keinem Zweifel mehr unterläge, daß die Missionare durch Anhänger der Großen Messersekte ermordet worden seien und daß die Mandarine sich scheuten, gegen diese vorzugehen. Man möchte doch endlich einschreiten.

3. Februar. Abends bekamen wir einen sehr interessanten Brief von Goltz aus Kiautschou. Er ist zur Dienstleistung beim Prinzen Heinrich kommandiert. Das erfährt nun Edmund so beiläufig. Vom Auswärtigen Amt hat er keine Silbe der Mitteilung erhalten. Ein Depeschenkasten kam an, der kein Metallogramm und eigentlich gar nichts enthielt. Es ist eine sehr kränkende Behandlung. Durch das Auswärtige Amt hat Edmund noch nie ein Wort erfahren, daß der Prinz hier herauskommt, geschweige denn, ob er nach Peking kommt und was in solchem Fall an Empfang durchgesetzt werden soll. Jetzt lesen wir in chinesischen Zeitungen, daß die Chinesen ihn in Shanghai von einem ehemaligen Tao tai begrüßen lassen wollen, und Edmund muß in der Sache hier Schritte ergreifen, ohne ein Wort der Instruktion von zu Hause.

4. Februar. Edmund drahtet an Stübel, daß der Prinz in Shanghai vom Generalgouverneur empfangen werden müsse und schrieb dasselbe an das Tsungli. Hoffentlich kommt der Prinz hierher. Wegen des deutschen Prestige und auch für uns. Aber der Besuch beim Kaiser von China wird schöne Kämpfe kosten.

9. Februar. Von Stübel kam die Nachricht, daß Prinz Heinrich Wosung anlaufen, aber nur als Admiral auftreten werde. Goltz telegraphierte, daß er nicht vor 10. März in Kiautschou erwartet würde. Sehr unangenehm ist, daß über die Langsamkeit seiner Fahrt in den ausländischen Zeitungen boshafte Bemerkungen gemacht werden, was nach der theatralischen Abfahrt nicht erstaunlich ist.

15. Februar. Morgens war Audienz beim Kaiser von China, die diesmal außergewöhnlich ordentlich verlaufen sein soll. Trotzdem meinte Eugen Wolf, den Edmund mitgenommen hatte, daß es ihm ganz unglaublich erschiene, wie sich die europäischen Staaten eine solche Behandlung ihrer Repräsentanten gefallen ließen.

23. Februar. Sir Claude Macdonald erzählte heut, er habe in englischen Zeitungen gelesen, daß der Kaiser sich so sehr über den Kiautschouvertrag gefreut habe, daß er Herrn von Bülow eigenhändig dekoriert habe. Sir Claude sagte: »But why, the dickens, did he not decorate your husband as well?« Ja warum? Wir nagen ja die ganze Zeit an der Verbitterung darüber, daß an Edmund nicht mit einem Sterbenswörtchen der Anerkennung gedacht wird. Es ist so ungerecht und kränkend! Admiral von Diederichs hat mir auch gerade über diesen Punkt geschrieben und meinte, schließlich würde es doch einmal an den Tag kommen, wer den Kiautschouvertrag eigentlich gemacht habe! – – –

24. Februar. Wir hatten ein Diner bei Mr. Dubail, der mir erzählte, wie aufregend er den hiesigen Posten fände. Von den Chinesen sei nichts zu erreichen, als wenn man ihnen mit Kanonenschießen drohe, und es sei doch eine angreifende Aufgabe, dreimal wöchentlich das Tsungli mit Krieg zu bedrohen! Von den Schwierigkeiten des Postens mache man sich zu Hause keinen Begriff.

6. März. Gleich nach dem Tiffin ging Edmund mit der ganzen Gesandtschaft auf das Yamen. Er blieb über drei Stunden dort, was noch nie vorgekommen, so daß ich mich recht ängstigte. Als er endlich nach Hause kam, war Besuch da, und er flüsterte mir zu: »Es ist alles unterzeichnet.« Dann telegraphierte er nach Berlin: »Melde gehorsamst, daß heut Tsungli Yamen ganzen Vertrag unterzeichnet. Groß Sekretäre Weng tung ho und Li hung chang waren zur Unterzeichnung vom Kaiser ernannt. Vertrag hat drei Teile: 1. Verpachtung von Kiautschou, 2. Eisenbahn- und Bergwerkskonzessionen, 3. Prioritätsrechte. – Pachtsumme unerwähnt geblieben. Habe ungesäumte Zurückziehung unsrer Truppen versprochen.« – Edmund erzählte später, daß diese ganze Verhandlung vollkommen freundlich verlaufen wäre. Die alten Bonzen seien sehr höflich gewesen und hätten sich mit Edmund über alle möglichen Themata unterhalten. Es habe aber so rasend lange gedauert, weil die vier Texte erst ganz fertig geschrieben und dann noch miteinander verglichen werden mußten. Es sei sehr angreifend gewesen und wie gewöhnlich bitter kalt im Yamen.

8. März. Kapitän Truppel telegraphierte an Edmund, er habe folgendes Telegramm von S. M. erhalten: »Sämtliche Truppen in engeres Pachtgebiet zurückziehen, da Vertrag nach meinen Wünschen unterzeichnet.« – Ein Glück, daß Kapitän Truppel dies an Edmund telegraphiert, denn in Berlin hält man ja nicht einmal der Mühe für wert, ihm eine solche Sache mitzuteilen, die er doch der hiesigen Regierung anzeigen muß! Auf Schritt und Tritt begegnen wir dem Bestreben, ja nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, als habe Edmund Verdienste bei der Sache. Admiral Diederichs telegraphierte: »Gratuliere herzlichst zum glänzenden Erfolg, welcher Ihren Namen dauernd mit der zukunftsreichen Erwerbung Deutschlands verbindet. In treuer Waffenbrüderschaft Diederichs.« Edmund freute sich sehr darüber, denn das ist das Urteil eines Mannes, der hier alles miterlebt hat. –

10. März. Herr von Bülow telegraphierte: »Bitte Ihr Originalexemplar nebst einer vollständigen Abschrift einzureichen.« Das war alles, nach viermonatiger Arbeit! Nicht einmal ein »Danke«. – –

Aus Hongkong erhielt Edmund die Nachricht, daß Prinz Heinrich dort angekommen sei. Wegen Maschinenreparatur müsse die »Deutschland« vier Wochen dort bleiben; ob Bedenken vorhanden gegen einen Ausflug des Prinzen nach Kanton. Da ist nun der Prinz schon in China, und vom Auswärtigen Amt liegt nicht ein Wort der Instruktion vor, daß er überhaupt kommt und was für ein Empfang zu verlangen ist. Eugen Wolf, der hier im Hotel Tallien sitzt, märchenhafte Nachrichten fabrizierend, drückte sein Erstaunen aus, daß für Edmund noch immer keine Anerkennung eingetroffen ist. –

Edmund zeigte mir ein Exemplar des Vertrags, und es freute mich, seinen Namen darauf zu sehen. Der Vertrag ist in gelbe Seide eingebunden und liegt zwischen zwei mit gelbem Brokat bezogenen Tafeln, die selbst wieder in einem gelben Brokatkasten ruhen, wie sie benutzt werden für alle Akten, die dem Kaiser von China vorgelegt werden.

15. März. Die nachmittäglichen Reutertelegramme brachten die überraschende Nachricht, daß Sir Claude Macdonald K.C.B. geworden sei. Eine Auszeichnung, die ihn, der doch am besten weiß, wie England hier kneift, am meisten erstaunen muß. Leider mußten wir abends zu einem großen Diner, wo auch die Engländer waren. Es wurde Sir Claude allgemein gratuliert; wir standen daneben und konnten uns nur sagen, daß es sich mehr lohnt, England schlecht, wie Deutschland gut zu dienen! Edmund fühlt leider die Bloßstellung so, daß er sich ganz daran aufreibt. Er sagt, er möge nicht mehr unter Menschen gehen, weil er allen die Verwunderung anmerke. Ich suche ihm das alles auszureden, aber es grämt mich so sehr für ihn. Wenn er nur gerecht beurteilt würde, könnte er nicht anders wie gut beurteilt werden.

16. März. Nach dem Tiffin war Chang yin huan bei Edmund, um das Zeremoniell beim Empfang des Prinzen Heinrich zu besprechen. .. Heut kam auch noch die Nachricht, daß Herr von Brandt den Roten Adler 1. Klasse bekommen hat! Wofür? Ich fühle, wie wir spitefull werden und verbittert!

2. April. Chang yin huan hatte Edmund sagen lassen, daß die Verhandlungen über den Empfang des Prinzen Heinrich viel leichter gehen würden, wenn Edmund einmal den alten Li hung chang in seiner Wohnung besuchen würde. So ging denn Edmund hin bei einem bitterkalten Staubsturm. Der Prinz wird seinen Besuch in Wan schau schan dem Kaiser machen, der ihn stehend empfängt und ihm dann einen Platz zum Sitzen neben sich anweist. Dagegen haben die Chinesen stipuliert, der Prinz solle dem Kaiser nicht zuerst die Hand reichen, sondern abwarten, ob er es täte, weil Handschütteln eine in China nicht übliche Grußart sei.»Ihr werdet gewiß über all das lachen, für die Chinesen sind dies (die Empfangszeremonien) viel revolutionierendere Fragen wie Kiautschou!« Elisabeth von Heyking an ihren Schwiegervater. 5. IV. 1898. Den Chinesen ist einesteils lieb, daß der Besuch in Wan schau schan stattfinden soll, weil dort alles gut gehalten wird, während das Stadtpalais sehr delabriert ist, andrerseits meinten sie, Wan schau schan gehöre der Kaiserin-Exregentin, die vielleicht Schwierigkeiten machen könnte. Als aber die Möglichkeit besprochen wurde, den Besuch in der Stadt zu machen, sagten die Chinesen gleich selbst, in der gewöhnlichen Gesandtenaudienzhalle könne der Prinz den Kaiser nicht besuchen, sondern er müsse in sein Studierzimmer kommen, das sei aber so ein heiliger Raum, daß nur der Prinz ganz allein dahinein dürfe. Darauf ging Edmund natürlich nicht ein. So wird es wohl bei Wan schau schan bleiben, und dem Prinzen wird ein Pavillon angewiesen, wo der Kaiser ihm auch den Gegenbesuch macht.

10. April. Edmund erhielt morgens durch Chang yin huan die definitive Antwort, daß Prinz Heinrich in genau der Weise empfangen werden würde, wie Edmund es verlangt habe, und dazu die überraschende Nachricht, daß die Kaiserin-Exregentin den Prinzen auch zu empfangen wünsche. Alle Diplomaten sind starr und sehen es als großen Erfolg von Edmund an, denn so etwas ist noch nie dagewesen. Am starrsten würden sie wohl sein, wenn sie wüßten, daß Edmund ohne alle Instruktion hat handeln müssen, weil er vom Auswärtigen Amt heutigen Tags noch keine Silbe der Nachricht überhaupt erhalten hat, ob Prinz Heinrich nach Peking kommt.

13. April. Gerade vor zwei Jahren kam Mumm zu uns, um uns den Pekinger Posten anzubieten! Wieviel hat Edmund in der Zeit erreicht! Und gerade an diesem Jahrestage bringen uns die deutschen Zeitungen die Nachricht, daß der Generalkonsul Stübel für seine Verdienste um Kiautschou den Kronenorden 2. Klasse erhalten habe! Wir saßen den ganzen Abend und überlegten, was wir tun sollten! Es ist alles so kränkend und verbitternd, daß man am liebsten abginge. Unter allen in Peking anwesenden Journalisten herrscht große Aufregung über den Empfang des Prinzen; Edmund teilte den Times- und Reutervertretern die Einzelheiten mit, und letzterer schickte darüber ein für Edmund sehr schmeichelhaftes Telegramm ab.

16. April. Edmund erhielt folgendes sehr komische Telegramm von Bülow: »Haben Sie mit chinesischer Regierung über Besuch des Prinzen Heinrich verhandelt, und mit welchem Ergebnis?« Sie haben offenbar aus Reuters Telegramm von Edmunds Erfolg gehört und wissen nun nicht, welches Gesicht sie dazu machen sollen. Edmund telegraphierte alle Einzelheiten und schloß: »Kaiserin-Exregentin hat von sich aus Wunsch geäußert, S. K. Hoheit zu empfangen, und Befehl gegeben, alle bisher Europäern verbotenen Palastanlagen Prinzen zu zeigen. Kaiser und Kaiserin haben Wunsch, würdigen Empfang zu bereiten, und freuen sich auf Empfang. Jedenfalls ist ein völliger Bruch mit bisherigen Traditionen des chinesischen Hofes erreicht worden.« – Eigentlich können sie in Berlin nur zufrieden sein, aber wir sind so mißtrauisch und verbittert, daß wir im Gegenteil auf jeden Rüffel gefaßt sind.

17. April. Teddies Geburtstag. Gott behüte ihn und lasse ihn eine unabhängige Karriere wählen. Mir haben die Verbitterungen einen Knacks gegeben. Ich war den ganzen Tag krank zu Bett.

20. April. Von Bülow folgendes Telegramm: »Seine Majestät ist einverstanden mit Ergebnis Ihrer Besprechungen. Kündigen Sie nunmehr Besuch formell an und beschleunigen Sie formelle Einigung. Drahtbericht sobald diese erfolgt ist, und benachrichtigen Sie Prinz Heinrich mit Zusatz, daß Seine Majestät bestimmt hat: Seine Königliche Hoheit hat als mein Vertreter zu fungieren, und mit seiner Standarte und im großen Topp in Tientsin einzulaufen.« Na, wenigstens ist es kein Rüffel, aber verwunderlich, daß dieser Befehl an Prinz Heinrich durch Edmund geht!

21. April. In dieser ganzen Zeit kommen sehr beunruhigende Nachrichten aus dem Shantunger Missionsgebiet, sowohl von Eugen Wolf, der dort ist, als auch von Teichmann. Beide schildern die Großmessersekte als sehr gefährlich. Edmund war im Tsungli und erhielt das Versprechen, daß 1000 Mann hingeschickt werden sollten.

22. April. Bischof Anzer, aus Europa heimkehrend, besuchte uns, und es war wirklich wohltuend, mit welcher Anerkennung er von Edmunds Verdiensten um die Mission und das ganze Deutschtum hier redet. Er war ganz sprachlos, daß noch keinerlei Anerkennung für Edmund eingetroffen, und schiebt es ganz auf Holsteins und Brandts Einfluß. Ich hatte mit ihm eine wirklich freundschaftliche und erleichternde Aussprache, die mir sehr not tat, denn ich bin innerlich so sehr herunter und deprimiert.

7. Mai. Morgens kam ein Telegramm, Prinz Heinrich würde am 13. eintreffen in Taku. Nun begann eine fieberhafte Arbeit an allen Ecken und Enden. Ich fühle mich oft tödlich müde und wirkliche Hilfe hat man ja so wenig. –

10. Mai. Das meiste im Hause ist nun fertig und für Peking wirklich sehr hübsch, aber ich bin absolut éreintée.

13. Mai. Prittwitz kam mit der beunruhigenden Nachricht, daß aus Shanghai die Warnung gekommen sei, es bestände ein Komplott gegen den Prinzen, das in Peking von Kantonesen ausgeführt werden sollte. Während des ganzen Vormittags kamen Anfragen von den andern Gesandtschaften. Um 11 Uhr gingen all unsre Herren fort in Sänften an die Bahn. Auf den Stufen, die zum Hause hinaufführen, waren alle Diener aufgestellt in ihren schönen hellblauen Seidenröcken, darüber gelbe Atlasjacken mit unserm Wappen gestickt; auf dem Kopf die Mandarinenhüte, zu denen ihnen für diese Gelegenheit auch wirklich von der chinesischen Regierung die Mandarinenwürde mit weißem Knopf verliehen worden ist. Vor dem Haus in der staubigen, stinkenden Straße hatte sich eine zahllose Menge Chinesen in Lumpen aller Art versammelt, und im Hotel Tallien saßen alle Europäer Pekings bis auf das Dach hinauf. Eine sogenannte Wache chinesischer Soldaten hat ihre blauen Zelte vor der Gesandtschaft aufgeschlagen und daneben war chinesisches Feuerwerk aufgebaut, mit dem die Ankunft gefeiert werden soll. Endlich kam ein reitender Bote, der Zug sei am äußeren Tor; bald darauf traf in einer Sänfte Dr. Franke ein und reitend Dr. Velde; beide so verstaubt, daß man sie nicht erkennen konnte. Dann, nach wenigen Minuten, öffneten sich die Tore, ein furchtbares Geknatter von Feuerwerk begann und eine Sänfte mit gelben Riemen erschien, getragen von Kulis, auf deren Uniformen ich den schwarzen Adler hatte sticken lassen. Von beiden Seiten marschierten Reihen deutscher Soldaten, die sich unserm Haus gegenüber aufstellten. Als die Sänfte niedergestellt war, stieg S.K.H. Prinz Heinrich aus, reichte mir die Hand und sagte, daß er sich meiner von früher her erinnere. Mittlerweile waren in Sänften und reitend Edmund, das Gefolge und eine Unmasse Chinesen in den Hof gekommen. Der Prinz trat ins Haus und stellte mir seine Herren vor. Dann zeigten wir ihm seine Zimmer und die Besuche der Chinesen begannen; voran der alte Prinz Ching, den ich noch nie gesehen, und der es offenbar gut meinte, da er mir auf europäisch vehement die Hand schüttelte, d. h. er ergriff zu diesem Zweck meinen Daumen. Sehr wohltuend war es zu sehen, wie ganz de haut en bas unser Prinz die Chinesen behandelte. Natürlich blieb es bei den gewohnten Redensarten, »der Staub sei sehr arg gewesen«, »S. K. H. bedürfe wohl der Ruhe«, worauf er zu Dr. Franke sagte: »Ja, es wär' mir allerdings der größte Gefallen, wenn man mich in Ruhe ließe. Sagen Sie ihm das höflich auf chinesisch.« (Daneben stand Yin chang, der so gut deutsch kann wie wir!) Der Prinz ist groß und schlank und hat auffallend schöne dunkelgraublaue Augen mit einem sehr festen und dabei doch lieben Blick. Die Nase und ganze Gesichtsbildung erinnern sehr an den Kaiser Friedrich. Er ist echt seemännisch wettergebräunt und würde überall auffallen als besonders sympathisch und vornehm aussehend. Er war offenbar sehr starr über den ersten Eindruck von Peking, dessen Staub und Schmutz und abschreckende Häßlichkeit ja stets die kühnsten Erwartungen übertreffen. Edmund, den ich nur sekundenweise sprechen konnte, erzählte mir, der Prinz habe ihn ganz reizend freundlich empfangen und sich aufs eingehendste mit ihm unterhalten. Er erzählte, daß S. M. ganz allein an Kiautschou festgehalten hätte, Hohenlohe sei ganz dagegen gewesen, Bülow abwesend in Rom und das ganze Auswärtige Amt in Schrecken vor Rußland. Der Prinz klagte ganz wie wir über jeglichen Mangel an Information und schimpfte über das Auswärtige Amt, speziell über Holstein. Um 8 Uhr war Diner mit der ganzen Gesandtschaft und dem ganzen Gefolge. Der Prinz ließ seine Kapelle spielen, was eine große Freude war. Zum erstenmal seit langer Zeit wieder gute Musik! Der Prinz saß neben mir, und wir kamen bald auf ernstere Themata. Ich nahm die Gelegenheit wahr und erzählte ihm von diesem Winter; wie schwer es alles für Edmund gewesen, ohne Instruktionen, oft ohne Nachricht über die nötigsten Dinge, und dann wieder Befehle, die so überflüssig waren, wie die Auszahlung der Pachtsumme, die Edmund dem Deutschen Reich reineweg gespart hat. Ich erzählte ihm auch, wieviel leichter es gewesen wäre, wenn man Edmund von Anfang an alles gesagt hätte, was man wollte; anstatt, nachdem Kiautschou bereits abgetreten, dann mit den Nachforderungen zu kommen. Ich sagte ihm, mit welcher Begeisterung wir hier an die Arbeit gegangen sind, und wie Holstein gegen uns arbeitet und hindert. Der Prinz schien das Auswärtige Amt gründlich zu kennen, und speziell auch Holstein. Er sagte, es sei kläglich gewesen, wie das Auswärtige Amt sich habe einschüchtern lassen. Murawjew habe sein scharfes Telegramm nur abgeschickt, um zu sehen, ob das Auswärtige Amt Nerven habe oder nicht. S. M. allein sei standhaft geblieben und habe gesagt, er hätte das Telegramm des russischen Kaisers in Händen, und darauf fuße er. Der Prinz sagte, S. M. hätte das zweite Telegramm an Diederichs erst dann abgeschickt, als er sicher gewesen, daß es zu spät ankommen müsse und daß die Besetzung bereits erfolgt sei. Es ist ganz leicht, mit dem Prinzen harmlos und einfach zu sprechen, man fühlt sich nie geniert.

14. Mai. Der Prinz gab seine Befehle für Wan schau schan, und so reizend er ist, so bestimmt kann er auch sein. Es wurde Goltz gesagt, daß er die Kaiserin direkt im Namen S. K. H. anreden müsse, da der Prinz die Konversation selbst in der Hand zu haben wünsche, und für diese Anrede schrieb der Prinz einiges auf. Leider sind aber sehr beunruhigende Nachrichten da über Komplotte, und auch dafür wurde alles besprochen. Man hatte die Empfindung, vor einem großen Moment zu stehen, über dessen Verlauf wir uns keineswegs so ganz sicher fühlten.

Früh um 5 Uhr standen wir auf und frühstückten mit dem Prinzen. S. K. H. war sehr munter und erzählte sehr heiter. Edmund brach um 7 Uhr auf, da er im Tragstuhl den ganzen Weg machen wollte. Mir war doch schrecklich schwer ums Herz, denn daß die Chinesen ihn besonders hassen, ist ganz klar, und wenn irgend etwas geplant wird, ist es mindestens ebensosehr gegen ihn wie gegen den Prinzen. S. K. H. ritt erst um ½ 8 Uhr ab und sprach während der Zeit mit mir. Er sagte, es sei ihm ein Herzensbedürfnis, dem Kaiser zu schreiben, welche Verdienste Edmund um Kiautschou habe, er selbst habe das erst hier recht eingesehen, und es sei eine wahre Freude zu hören, wie anerkennend alle Welt hier von ihm spräche und welche Stellung er sich hier gemacht habe. Ich dankte dem Prinzen und sagte ihm, damit sei mir ein wahrer Stein vom Herzen, weil ich so sehr sähe, wie sich Edmund abgräme. –

Ich hatte während des Tages hunderterlei Dinge zu tun, für die ich dankbar war, denn sie halfen mir über die schrecklichen Stunden hinweg, während denen ich mich doch so ängstigte, daß mir vor Herzklopfen oft der Atem verging. Endlich, zwischen vier und fünf Uhr, kamen die Soldaten zurück, und Leutnant Robert sagte gleich als erstes: »Es ist alles brillant verlaufen.« Dann erzählte er mir, die Mandarine hätten zuerst sehr versucht die Truppen wegzudrängen, aber er sei doch schließlich von einem Hof in den andern gelangt, und der Prinz habe dann durchgesetzt, daß die Truppe vor seinem Pavillon Stellung genommen hätte, und er habe sie ganz besonders dem Kaiser von China gezeigt, der zu Fuß an ihnen vorbeigegangen sei. Es klang wie ein Märchen, wenn man weiß, wie der Kaiser von China sich sonst benimmt. Bisher hat man ihn nur hinter einem Altar aufgebaut gesehen, ob er überhaupt Beine besitzt, hat niemand bisher wissen können! Bald danach kam S. K. H. zurück, schrecklich verstaubt und müde. Er drückte mir die Hand und sagte: »Na, wir sind alle wieder gut zurück, Ihr Mann kommt dicht hinter mir!« Dann ging er schlafen, und Kapitän Müller erzählte mir, er könne mir nur zu Edmunds Erfolg gratulieren. Bei weitem am interessantesten sei der Besuch bei der Kaiserin-Exregentin gewesen. Sie habe den Prinzen in einem großen Saal empfangen, der voll der schönsten Bronzen und Cloisonnerien gestanden. Hinter der Kaiserin war ein großer Lackschirm und vor ihr ein Altartisch mit Räucherbecken aufgestellt; auf beiden Seiten dieses Thrones merkwürdigerweise große Körbe, gehäuft voll mit Orangen. Die Kaiserin soll für ihre 65 Jahre merkwürdig rüstig aussehen und ein sehr energisches Gesicht haben. Sie trug die große mandschurische Haartracht und ein sehr kostbares gesticktes Kleid und war nicht geschminkt. Sehr merkwürdig soll gewesen sein, daß zwischen all den wundervollen Sachen, die herumstanden, ganz elende Blechlampen hingen. Edmund kam auch bald und war ganz entzückt von der festen bestimmten Art, mit der der Prinz aufgetreten sei. Prinz Ching sei gleich vor der Kaiserin niedergekniet, um ihre Befehle zu erwarten; Prinz Heinrich habe aber sofort die ganze Direktive des Gesprächs übernommen, indem er direkt durch Goltz eine Ansprache an die Kaiserin richtete und die Grüße des Kaisers und der Kaiserin überbrachte. Die Kaiserin-Exregentin soll darüber anfänglich überrascht gewesen sein, sich dann aber schnell gefaßt und Goltz geantwortet haben. Der Prinz erklärte nach einigen Höflichkeitsredensarten, die ihn begleitenden Herren vorstellen zu wollen. Das ging auch wieder gegen alle chinesischen Begriffe; die Kaiserin faßte sich aber schnell und sagte: Der Gesandte sei ihr schon vorteilhaft bekannt durch seine Bestrebungen, die Freundschaft zwischen Deutschland und China zu fördern, und sie hoffe, er werde so fortfahren; Goltz kenne sie durch sein gutes Chinesisch. Die Kaiserin ließ dem Prinzen allerhand Geschenke bringen: Jadevasen, Seidenstoffe, Porzellanvasen, von ihr selbst angefertigte Malereien und einen Orden, den sie besonders für diese Gelegenheit gestiftet hat. Das Komischste war, daß weitaus die kostbarsten Geschenke für die Kaiserin Friedrich bestimmt waren, die nach chinesischen Begriffen ja weit über dem Kaiser und der Kaiserin steht. Zum Schluß bat Prinz Heinrich die Kaiserin, ob sie die Damen des diplomatischen Korps empfangen wolle, die ihr gern vorgestellt werden möchten, nicht aus Neugier, sondern, um von ihrer Weisheit zu lernen. Die Kaiserin antwortete, sie würde die nächste Festlichkeit benutzen, um die Damen einzuladen. Von der Kaiserin begab sich der Prinz zum Kaiser, und zwar mit allen Herren. Der Kaiser erwartete ihn stehend und lud ihn dann ein, sich auf einen Sessel neben ihn zu setzen. Er soll wie immer sehr verängstigt und kränklich ausgesehen haben und im Gegensatz zur Kaiserin in der Konversation ganz unbeholfen sein. Edmund meinte, es hätte sehr komisch ausgesehen, wie er am Ärmel des Prinzen herumtastete, um ihm nach europäischer Sitte die Hand zu drücken. Der Prinz bestand darauf, daß die von S. M. dem Kaiser gesandten Porzellanvasen in seiner Gegenwart hereingebracht wurden. Das war wieder eine große Neuerung, denn bisher sind solche Geschenke stets durch Palastkulis abgeholt worden und mögen sich häufig unterwegs verkrümelt haben. Prinz Heinrich ging nun in den ihm angewiesenen Pavillon und hatte eine scharfe Altercation mit Prinz Ching und den übrigen Tsunglis, bis das Bataillon Seesoldaten aus dem Vorhof geholt und vor seinem Pavillon aufgestellt wurde. Als der Kaiser unter seinem roten Sonnenschirm dann angegangen kam, um den Besuch zu erwidern, präsentierten die deutschen Soldaten das Gewehr als erste europäische Truppe, die der Kaiser von China gesehen hat. Er soll über das Trommeln entschieden erschrocken sein und offenbar gedacht haben, nun sei seine letzte Stunde gekommen. Der Prinz führte ihn dann aber in ein kleines Nebenzimmer, wohin nur noch Goltz als Dolmetscher gerufen wurde, und da soll dann der Kaiser mehr Zutrauen gefaßt haben und ein bißchen aufgetaut sein. Nach diesem Besuch wurden alle Herren durch Prinz Ching durch die Anlagen und verschiedenen Pavillons geführt, sahen das Malzimmer der Kaiserin und fuhren auf einem kleinen Dampfer über den künstlichen See. Kaiser und Kaiserin sollen sich von ihrem Palais aus diese ganze Wanderung angesehen haben. Bei dem Prinzen Ching, der in der Nähe von Wan schau schan ein Palais besitzt, fand dann ein Diner statt. Edmund erzählte, der Prinz habe beim ersten Glas gesagt: »Heyking, das erste Glas trinke ich mit Ihnen und danke Ihnen für den Erfolg des heutigen Tages.« Edmund sagt, der Prinz habe bei jeder Gelegenheit versucht, ihn vor den Chinesen herauszustreichen.

Ein Diner auf der englischen Gesandtschaft beschloß diesen denkwürdigen Tag, von dem Cockburn meinte, wir wüßten gar nicht, was für eine große Begebenheit wir erlebt hätten.

16. Mai. Der neue französische Gesandte, Monsieur Pichon, hatte in Paris angefragt, ob er auch ein Fest für den Prinzen geben solle, und den Befehl dazu erhalten. Die Chinesen, die in Politik nur gewisse Grundbegriffe kennen, z. B. denjenigen, daß Deutsche und Franzosen sich immer fressen wollen, waren ob dieses Festes ganz desorientiert. Amüsanter war noch, daß Pawlow sich offenbar gar nicht freute und noch wenige Tage vorher zu uns sagte: »Le diner français n'est pas du tout une chose arretée.« Wie oft sieht man es doch in ganz kleinen Dingen, daß, wenn wir uns nur mit Frankreich gutstehen könnten, wir eigentlich nichts mehr auf der Welt zu fürchten hätten.

18. Mai. Goltz erzählte mir, das in Berlin offenbar bestehende Übelwollen gegen Edmund stamme auch von Tirpitz her, der behaupten soll, Edmund habe ihm in der Kiautschoufrage entgegengearbeitet. Ich war wie aus den Wolken gefallen, denn wir haben uns mit Tirpitz ja so sehr gut gestanden, und wie konnte Edmund anfangs anders, als von Kiautschou abraten, nachdem ihm Cassini gesagt, daß Rußland darauf schon verbriefte Rechte habe. Es ist schrecklich, in dieser angreifenden Zeit auch noch diese Sorge haben zu müssen.

19. Mai ritt der Prinz morgens ab nach der Mauer mit Prittwitz, Goltz, 12 Marineherren und 2 Kammerdienern. Vorher war große Verhandlung gewesen, wer die Expedition bezahlen würde; schließlich bat das Tsungli Yamen darum, dem Prinzen den Ausflug anbieten zu dürfen. Dies wurde angenommen und Tallien mit dem Ganzen beauftragt. Er schickte dem Tsungli eine Rechnung von 5000 Dollar, die ihm mit dem Bemerken zurückgeschickt wurde, er möge mehr verlangen. Das Tsungli hatte nämlich von der kaiserlichen Hauptkasse 30 000 Dollar verlangt und hatte Angst, daß dieser sein allzu großer sqeeze am Ende doch selbst in Peking Aufsehen erregen würde!

22. Mai. Der Prinz hatte sich zu einem Besuch im Tsungli Yamen angemeldet. Nach 1 ½ Stunden kam er zurück, und sein erstes Wort an der Haustür war: »Frau von Heyking, Ihr Diner heut abend ist um 6 anstatt um 8 Uhr!« Um 8 Uhr zum Diner wurden nämlich Prinz Ching und alle chinesischen Großwürdenträger, mit den Europäern 24 Personen, erwartet. Der Grund der Veränderung war, daß der Prinz im Tsungli einige Schwierigkeiten gehabt hatte. Die Chinesen wollten, daß er noch einmal nach Wan schau schan käme, dem Kaiser die Verleihung des Schwarzen Adlerordens anzukündigen. Der Prinz weigerte sich und bestand darauf, daß der Kaiser in die Stadt käme; schließlich willigte Prinz Ching ein, es dem Kaiser vorzutragen, sagte aber, dann müsse er noch nachts nach Wan schau schan. Um dies zu ermöglichen, wurde unser Diner um 5 Uhr von 8 auf 6 Uhr verlegt! Ich stürzte in die Küche, und an alle europäischen Gäste wurden reitende Boten geschickt; eine tolle Verwirrung! – Die Chinesen kamen um 6 Uhr und wurden vom Prinzen empfangen, der ihnen das Haus zeigte. Sie sahen sich auch die vier neuesten Bilder der Prinzessin Heinrich an, und Prinz Ching frug, ob das vier verschiedene Prinzessinnen seien, worauf Prinz Heinrich erwiderte: »Nein, das erlaubten ihm seine Mittel nicht.« Gegen 7 Uhr waren die Gäste zusammen und das Diner fertig, die Köche hatten wirklich Erstaunliches geleistet. Da es ein Herrendiner war, sah ich es mir vom Saal aus an. Nach dem Diner empfing ich die Herren im Saal, Prinz Ching schüttelte mir wiederholt die Hand und ging dann schleunigst ab nach Wan schau schan. Es scheint mal wieder eine ganz enorme Forderung zu sein, daß der Kaiser binnen 24 Stunden in die Stadt kommen soll. Später saß ich neben Prinz Heinrich, als er mit Li hung chang ein längeres Gespräch darüber hatte, daß die Chinesen Zölle erheben in Teilen unsres Gebiets, wo sie es nicht dürfen. Es amüsierte mich, wie der alte Li alle seine Kniffe von Ausreden anwandte und der Prinz es persönlich kennenlernte, gegen welche Schwierigkeiten man hier anzukämpfen hat. Er sieht es übrigens sehr ein, denn er sagte noch abends zu Edmund: »Was tun Sie mir leid, mit diesem Volk zu tun zu haben.« Bei Tisch soll Li besonders objectionable gewesen sein, indem wieder der silberne Becher erschien!

23. Mai. Endlich ein ruhiges, spätes Frühstück, bei dem mich der Prinz frug: »Was glauben Sie wohl, was mir Li hung chang gestern gesagt hat?« »Wahrscheinlich, daß er wünsche, mein Mann käme von Peking weg!« »Nein, er hat mich gebeten, ich möge ihm doch erklären, warum jemand, der sein Land so gut bedient habe, wie Heyking, keine Auszeichnung erhalten habe!« Wir waren ganz starr, und ich hatte nie gedacht, daß Li hung chang das gerade sagen würde! Der Prinz fuhr fort zu erzählen: Li hätte ihn dies durch den alten Sir Robert fragen lassen, der es gar nicht habe übersetzen wollen. Der Prinz habe geantwortet: In Deutschland diene man eben nicht der Belohnung halber! Abends nach dem Diner ging ich mit dem Prinzen in unserm illuminierten Garten auf und ab. Wir hatten ein langes Gespräch über chinesische Dinge. Wie schade, daß er nicht die Entscheidungen über Kiautschou zu treffen hat; dann ginge alles schneller und praktischer. Aber das Reichsmarineamt ist dort allmächtig und scheint sich nicht mit Lorbeern zu bedecken. Allein schon die Wahl des Gouverneurs Rosendahl, den auch der Prinz für möglichst ungeeignet hält. Der Prinz sprach auch von uns, wie leid wir ihm täten in diesem furchtbaren Ort leben zu müssen und daß er sich dafür verwenden wollte, daß wir bald fortkämen. Gott gebe es!

24. Mai. Der letzte Tag ist nun gekommen, und zum letztenmal weht die schöne weiße Prinzenstandarte über unserm Tor. Der Prinz ließ vormittags noch einmal seine Kapelle kommen und im Saal noch einmal all meine Lieblingsstücke spielen.

Die Chinesen haben nachgegeben, wie immer, wenn sie einem ganz festen Willen gegenüberstehen. Der Kaiser ist eilends in die Stadt gekommen, um den Prinzen noch einmal zu empfangen. Um 11 Uhr begab sich der Prinz in das Palais und sah ganz famos aus in großer Uniform und dem Band des Schwarzen Adlerordens. Ich weiß nicht, wann er mir am besten gefällt. Er sieht immer brillant aus. Gegen 2 Uhr kehrten die Herren zurück und sagten, dieser Besuch sei ganz besonders interessant gewesen. Nachdem die eigentliche Entrevue vorübergewesen, hätte der Kaiser sie bis an einen See begleitet, wo sie ein Boot bestiegen. Ein sehr schönes, malerisches Bild sei es da gewesen, wie der Kaiser unter dem gelben Schirm am Ufer stehen blieb, Prinz Ching neben ihm kniend.

25. Mai. Nach einem letzten netten Frühstück verließ der Prinz um 8 Uhr die Gesandtschaft. Edmund und ich fuhren bis Tientsin mit. In Tientsin waren chinesische Soldaten aufgestellt in seltsamen Trachten und Hüten aus rotem Wachstuch, die einen wilden musikalischen Begrüßungslärm veranstalteten. Über den Fluß war eine Schiffbrücke gebaut, und der Prinz ging zu Fuß bis an den Wagen, während er mich in seine gelb dekorierte Sänfte setzte, was die chinesischen Begriffe offenbar gänzlich verwirrte. Der Prinz, Edmund, Eiswaldt und ich fuhren dann in einem Wagen zum Konsulat, und ich mußte rechts von ihm sitzen. Er hat immer solche kleinen Artigkeiten für mich. Im Konsulat war ein großes Völkerfest. Das erste Glas trank der Prinz mit Edmund und mir und sagte, er danke uns für die Zeit in Peking und für Edmunds viele Arbeit, durch die seine Mission gelungen sei. Er sprach es sehr laut, so daß alle es hören mußten. – Als wir uns auf der Bahn verabschiedeten, küßte er mir die Hand und sagte mir die herzlichsten nettesten Dinge, und ich habe das Gefühl, daß wir an ihm wirklich einen Freund gewonnen haben.

26. Mai. Ruhetag in Tientsin, dessen wir sehr bedurften. Pawlow kam aus Peking und arrangierte einen Ausflug nach Pei ta ho – 8 Stunden Eisenbahn, von der Station noch eine Stunde Sänfte nach dem Badeort. Ein gänzlicher Luftwechsel und ein wahres Entzücken, das Meer zu sehen.

1. Juni. Zurück in unsern schmutzigen Pekingkäfig, wo wir die angenehme Überraschung hatten, daß Treutler aus Japan abends bei uns eintraf. Es war eine große Freude, jemand bei uns zu haben, mit dem wir uns über vieles aussprechen können. Während seines Aufenthalts kam ein Telegramm aus Berlin, S. M. habe aus Anlaß des Besuchs Prinz Heinrichs Edmund den Kronenorden 2. Klasse verliehen. Nach den Telegrammen des Prinzen ist dies, weiß Gott, schwach, und nachdem Stübel vorher denselben erhalten, ist es eigentlich mehr kränkend wie auszeichnend! Wir waren sehr außer uns darüber. Es hat auch den Nachteil, daß Edmund eigentlich jetzt gleich telegraphisch um Urlaub bitten wollte; wenn wir es nun aber tun, sieht es zu sehr nach einer Demonstration aus. –

Eine recht bedrückte und deprimierte Zeit durchgemacht. Wenn man sich Fehler bewußt ist, nimmt man Strafen ja auch hin, – aber hier in China hat Edmund doch, weiß Gott, sein möglichstes geleistet! Bei entsetzlicher Hitze hatte ich die sommerliche Einkampferung und Verpackung des Hauses zu machen und fühlte mich dabei so grenzenlos degoutiert von allem. Wozu all die Mühe? Hätte man doch irgendwo ein Stückchen Erde zum Ausruhen. –

14. Juni. Sehr krank geworden an Dysenterie und Fieber. Entsetzlich gelitten und mich dabei so schrecklich unglücklich und verlassen gefühlt und mich so unbeschreiblich gesehnt nach einem bißchen Heimat. Im Fieber sah ich immer all die wohlbekannten Ecken von Buckow und Crossen vor mir! Wie schön muß es jetzt dort sein, und es ist mir alles verloren! Dr. Velde war ausgezeichnet, aber auch ein Arzt kann wenig tun, wenn es dem Kranken ganz einerlei ist, ob er gesund wird. Die beste Arznei ist doch die Lust zu leben. Sobald ich ein bißchen wohler war, fingen gleich die Mühen und Nöte wieder an, und niemand, der mir dabei hülfe oder auch nur ein ermunterndes Wort für mich hätte. Während meiner ganzen Krankheit eine maßlose Hitze, die schon genügt, um elend zu machen. Edmund dadurch sehr irritabel und dabei sehr beschäftigt mit der Bahn Tientsin–Chingkiang, die die Deutsch-Asiatische Bank bauen will. Um Urlaub geschrieben. – –

Juli. Einen ruhigen Monat in Pei ta ho, wo ich mich allmählich erholte und alles Ärgerliche und Kränkende zu vergessen suchte. Könnte man doch so ein beschauliches Leben weiterführen während der paar Jahre, die man noch zu leben hat, und brauchte sich nicht immer abzumühen und zu quälen. Es ist so hart, einen Kampf führen zu müssen, um ein Plätzchen an der Sonne, wenn sie doch andere so voll bescheint. Hätten wir irgendwo ein eignes Haus, wie gern zögen wir uns dorthin zurück; wir sind beide so müde. Es geht ja aber nicht wegen der Kinder. Nun, wir werden ja auch mal unsre sechs Fuß Erde haben und damit ist alle Not vorbei.

Mitte Juli fing die Regenzeit an; es goß sechs Tage und Nächte. Die Eisenbahndämme stürzten ein, kein Dach war mehr fest, Häuser fielen um, und wir waren von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten, da auch der Telegraph nicht mehr ging. Eis, Fleisch, Sodawasser und Kohlen gingen uns aus... Ich erhielt von Geheimrat Franzius sein Werk über Kiautschou zugesandt, mit Illustrationen von S. M. und den Bildern aller Marineherren, die je in Kiautschou gewesen. Von Edmund ist gar keine Erwähnung getan, und es sieht so aus, als ob die ganzen Verhandlungen und der Kiautschou-Vertrag lediglich eine Marinesache gewesen sei. Man sollte sich vielleicht nicht über solche Dinge ärgern, und doch tut man es und grübelt, was man denn hätte bessermachen können, und wie dem allen entgegenzuarbeiten wäre. So wird man in einen Kampf gezogen, wo man sich doch nur nach Ruhe sehnt.

1. August. Wir saßen auf unsrer Veranda und Edmund las mir vor, als das Telegramm vom Ableben des Fürsten Bismarck eintraf. Edmund ging die Nachricht sehr nahe; er ist doch durch den Fürsten in den deutschen Dienst gekommen. Wir telegraphierten gleich an Herbert Bismarck. Abends saßen wir lange auf der Veranda und schauten auf das mondbeschienene Meer und sprachen von diesem großen, nun verflossenen Leben. Wie sehr ist er angefeindet und wie sehr sind ihm noch die letzten Jahre damit vergällt worden! Was mag da für Maulwurfsarbeit gewesen sein, bis der Kaiser so von ihm abgebracht war!

3. August. Bischof Anzer kam bei uns an. Er erzählte uns, daß im Auswärtigen Amt noch lange nach der Besetzung Kiautschous, bis in den Dezember hinein, der Wunsch bestanden hätte, aus Kiautschou wieder herauszugehen und alles aufzugeben. Der Bischof meinte, es sei nur S. M. zu danken, daß aus der Sache etwas geworden sei. Dem entspricht ja auch, was Prinz Heinrich erzählte, und sehr merkwürdig ist nur, daß Mumm uns diesen Winter schrieb, das Auswärtige Amt sei stramm gewesen, und an Allerhöchster Stelle sei man schwankend geworden. Das muß Holsteinsche Geschichtsschreibung sein und erinnert sehr daran, wie Holstein Edmund sagte, wir könnten nie in Ägypten antienglisch auftreten, denn es sei auf S. M. kein Verlaß! –

7. August. Briefe von Mumm und Richthofen. Danach sind unsre Gegner Tirpitz, Holstein und Mühlberg. Wie wir zu letzterem gekommen sind, ist mir ganz unerfindlich. Wir waren über die Briefe sehr froh, denn sie zeigen, daß wir doch noch ein paar Freunde haben, und beide schreiben, daß wir an Prinz Heinrich einen großen Freund gewonnen haben.

8. August. Bei Vidals, die weit draußen am Meere wohnen, einen reizenden Tag verlebt, und es sehr genossen, mal gescheite Leute von andern als chinesischen Dingen reden zu hören. Es gibt eine gewisse Lustigkeit, ein pétillantes Etwas, das man doch nur bei Franzosen findet. Ich frage mich, ob sie wohl immer so sind, oder ob es nur ein für Freunde angelegtes Kleid ist. Ersteres müßte reizend sein.

13. August. Infolge von Telegrammen wegen der Tientsin-Chingkiang-Bahn, um die die Deutsch-Asiatische Bank sich bewirbt, mußte Edmund, trotz greulicher Hitze, nach Peking abreisen. Die Commisvoyageurseite des hiesigen Postens ist ihm in der Seele zuwider geworden. Die Bahnangelegenheit steht schlecht, denn Engländer und Amerikaner machen uns Konkurrenz, und die Chinesen sind störrisch und frech, weil sie den neuen sanften Berliner Kurs gemerkt haben.

28. August. Ein Telegramm von Bülow, daß S. M. bei der Lage in Ostasien Edmund in Peking für unentbehrlich halte, daß Edmund aber nach Erledigung der Bahnangelegenheit auf zwei Monate nach Japan könne, wenn seine Gesundheit es erfordere. Das war eine arge Enttäuschung, wenngleich es ja beweist, daß man mit Edmund nicht unzufrieden ist. Edmund ist außer sich darüber, denn er ist wirklich abgearbeitet, und außerdem gibt es wohl niemand, der Peking so sehr haßt wie er. Ich suche so sehr ihm das Schmeichelhafte der Sache vorzuhalten, aber er freute sich so sehr, nach Hause zu kommen.

September. In den ersten Tagen ein Telegramm, Mr. Balfour habe dem Grafen Hatzfeldt gesagt, der hiesige englische General habe den Befehl erhalten, eventuell die chinesische Seezollstation zu besetzen ... Alles, was hier geschähe, richte sich aber nicht gegen uns, sondern ausschließlich gegen Rußland. – Den Grund zu allem bildet der englische Knochenneid auf die russische Bahn nach Newchang. So sind sie beinahe in einen Krieg hineingetaumelt. Einige Tage später brachte Reuter die Nachricht, der Zar wolle einen Friedens- und Entwaffnungskongreß einberufen. Dieser Gedanke ist ihm offenbar angesichts der hier eben noch beschworenen Gefahr gekommen.

Die große chinesische Neuigkeit ist, daß der Kaiser Li hung chang abgesetzt hat, angeblich auf Veranlassung von Sir Claude Macdonald. Der Kaiser soll es um so lieber getan haben, als Li ein Günstling der alten Kaiserin ist, mit der sich der Kaiser veruneinigt hat.

17. September. Große Aufregung in Pei ta ho, da am Horizont sechs riesige englische Kriegsschiffe auftauchten und ein kleineres zwischen ihnen und Sir Claudes Haus auf und ab fuhr. Ich besuchte nachmittags Sir Claude, mit dem sich Edmund etwas verkabbelt hat, und suchte die Verknurrung in Ordnung zu bringen. Sir Claude erzählte mir, er habe keineswegs Li hung changs Absetzung verlangt, aber ihn im Tsungli Yamen offen angeklagt, von den Russen bestochen zu sein. Da sich der Kaiser neuerdings die Tsungliverhandlungen alle mitteilen läßt, habe er Li hung chang daraufhin Knall und Fall entlassen. Dieser soll aber keineswegs geknickt sein, sondern sagen, er würde bald wieder obenauf sein. Sir Claude sagte auch, die sechs englischen Kriegsschiffe seien nur da, weil der Admiral den Mannschaften in Shan hei kwan ein Picknick geben wolle. Glaub's, wer mag!

21. September. Der englische Admiral hat wirklich 800 Mann in Shan hai kwan gelandet. Dem Tao tai soll hierbei angst und bange geworden sein, und er telegraphierte sofort dem Vizekönig in Tientsin, es solle offenbar Shan hai kwan annektiert werden. Nachdem sie aber ihre Sandwiches verzehrt, schifften die Matrosen sich wieder ein, und die sechs Schiffe fuhren nach Newchang weiter, um dort die Russen etwas anzuärgern.

22. September. Edmund erhielt ein Telegramm von Goltz, die Kaiserin-Exregentin habe die Regierung wieder übernommen. Wir gingen gleich zu Sir Claude, der uns sagte, er habe ein gleiches Telegramm und außerdem eins aus Tientsin, wonach in Peking große Unruhen ausgebrochen seien, der Kaiser vergiftet und aller Verkehr zwischen Tientsin und Peking unterbrochen sei. Sir Claude bestellte ein großes Geschwader nach Taku, und Edmund telegraphierte dem Prinzen, auch ein Schiff hinzuschicken.

23. September. Morgens früh fuhren wir von Pei ta ho nach Tientsin, und auf der Fahrt vernahm man allerhand seltsame Gerüchte. 12 000 Mann seien aus Lutai nach Peking beordert worden, und dort hätten große massacres stattgefunden. Ob der Kaiser noch lebte oder nicht, wußte man nicht; dagegen wurde mit Bestimmtheit erzählt, Chang yin huang sei enthauptet worden.

27. September. Morgens kam ein Telegramm von Goltz aus Peking: Der Kaiser habe auf Rat seines Favoriten Kang yo wei, der ihn durchaus zu einem Peter den Großen machen wolle, ein Edikt erlassen wollen, daß in China europäische Kleidung einführte. Die Kaiserin habe davon Wind bekommen, sei aus Wan schau schan in die Stadt geeilt, habe den Kaiser in europäischer Kleidung gefunden, ihm die Kleider vom Leibe gerissen und ihn nach einer heftigen Szene gezwungen, ihr die Regentschaft zu übertragen. Der Kaiser sei in eine lange Ohnmacht gefallen, daher das Gerücht seines Todes. Da der Eisenbahnverkehr wieder aufgenommen, fuhren wir nachmittags nach Peking. In den Straßen befanden sich keine der erwarteten Barrikaden, nur die gewöhnlichen namenlosen Schmutzbarrikaden und der mefitische Gestank. Im Gesandtschaftsgarten dagegen sah es reizend aus.

Der Rasen herrlich grün nach dem vielen Regen, 12 Fuß hohe Sonnenblumen und manneshohe purpurote Coleussträuche. Goltz erzählte uns, Li hung chang habe wieder Aussicht auf die höchsten Posten. Augenblicklich ist der Marquis Ito aus Japan hier. Er soll am Tage vor der Regentschaftseinsetzung eine lange Audienz beim Kaiser gehabt haben, um ihn zum Berater nach Peking zu engagieren. Ito selbst soll aber sehr skeptisch sein über die chinesische Reformfähigkeit und die Korruption hier doch noch weit über seine Erwartungen finden. Pawlow erzählte Edmund, der Kaiser habe mit seinem kantonesischen Vertrauten einen Plan verabredet gehabt, wonach die Kaiserin durch den General Juan chi kai nach Mukden gebracht und dort eingesperrt werden sollte. Dann sollte China in eine Art japanisch-englische Vormundschaft gestellt und Ito wahrscheinlich zum Reformator bestellt werden. Der General war bereits in Peking und hatte alles mit dem Kaiser und seinen Vertrauten verabredet und war abgereist, um seine Truppen zu holen. Da erfuhr die Kaiserin von dem Plan, ließ sofort die Züge zwischen Tientsin und Peking stoppen und zwang den Kaiser zur Abdankung. Daß die Japaner an all dem beteiligt sind, scheint sicher, sie sollen auch an all den Revolten im Süden mitwirken. Salvago erzählte, der Kaiser habe in letzter Zeit die Subsidien, die die Tataren sonst regelmäßig bekamen, nicht mehr zahlen lassen, die Kaiserin verschaffe sich im Gegenteil einen Anhang, indem sie unter die Tataren Geld austeilen ließe.

26. September. Es ist ein Edikt erschienen, durch das der Kaiser und Prinz Ching als schwer krank geschildert werden. Die Chinesen sagen, das sei ein schlimmes Zeichen und bedeute für beide den Anfang vom Ende. – Marquis Ito besuchte Edmund am Nachmittag und soll sehr gesprächig und mitteilsam gewesen sein. Er meinte, er sei in einem schlechten Moment nach China gekommen, es sei niemand da, mit dem er verhandeln könne. Bei seiner Audienz seien sowohl der Kaiser wie Prinz Ching ganz gesund gewesen, die Krankheitsnachrichten seien alle »manufactured news!« Pawlow sagt ganz zynisch, es sei wohl sicher, daß der Kaiser von seiner »Krankheit« nicht genesen, sondern bald sterben werde, und es würde schon davon gesprochen, wen die Kaiserin als Nachfolger adoptieren würde. Sir Claude gab ein Diner, zu dem nur Japaner geladen waren, es scheint dort entschieden zu »bündnisseln«.

28. September. Nachmittags ein Empfang in der japanischen Gesandtschaft, wo sich le tout Peking einfand und ich Ito kennenlernte. Ein auffallend häßlicher Mann, aber im Vergleich mit den sogenannten chinesischen Staatsmännern war es eine wirkliche Freude mit ihm zu sprechen – man muß nur nicht den Fehler begehen, Japaner durchaus mit Europäern vergleichen zu wollen. – Chang yin huan ist nun wohl als definitiv gerettet zu betrachten. Der Arme soll an squeezes zirka 500 000 Taels gezahlt haben, allein 30 000 um überhaupt im Gefängnis schlafen zu können, da er sonst hätte im Hof übernachten müssen. Jede Tasse Tee soll er ähnlich haben erhandeln müssen. Pawlow ist in einer Ekstase über den »Takt« der Kaiserin von China (der darin besteht, daß sie alle Reformen des Kaisers aufhebt und in alle höchsten Stellen von Russen bezahlte Leute hineinsetzt!).

29. September. Ich ritt nachmittags mit Vidal längs der Stadtmauer, inwendig, auf komischen kleinen Pfaden zwischen den elenden grauen chinesischen Hütten. Es fiel uns auf, welche Massen chinesischer Soldaten in der ganzen Stadt waren. Zerlumpte vagabundenartige Gestalten, die zu je zwei Mann an einem großen Gewehr schleppen, das in einen blauen Fetzen gewickelt ist. Wir kehrten an der äußeren Mauerseite zurück, und gegen den regnerisch grauen Himmel hatten die verwitterten Stadtmauern und die drohenden Türme mit ihren blaßgrünen Dächern einen seltsamen Charme de tristesse. Wir ritten an langen Zügen chinesischer Soldaten vorbei; ihre roten dreieckigen ausgezackten Fahnen waren das einzig Grelle in der grauen Landschaft. Natürlich riefen sie uns allerhand Schimpfworte nach, da aber kein Dolmetscher dabei war, konnte es uns ja einerlei sein. Der Kaiser hat einen Fluchtversuch gemacht, ist aber am Tor des Palastes von den Wächtern der Kaiserin arretiert worden.

30. September. Der Kaiser sitzt gefangen auf einer Insel im Stadtpalais. Sechs seiner Beamten sind infolge seines Fluchtversuchs ohne Untersuchung sofort hingerichtet worden. Chang yin huan ist nach Turkestan verbannt. Als wir nachmittags ausreiten wollten, begegnete uns Sir Claude mit der Nachricht, zwischen der Station und der Stadt seien soeben Mrs. Beton im Karren und der Dolmetscher Mortimer zu Pferde vom Pöbel angegriffen und mit Steinen beworfen worden. Mrs. Beton sind auf dem Karren ihre Kleider auf dem Leibe zerrissen worden. Dem amerikanischen Bischof soll es ebenso ergangen sein, die Tragstühle voller Steine geworfen und dem Dolmetscher Dowrie durch einen Steinwurf eine Rippe zerbrochen. Sir Claude war entschieden nicht à la hauteur de circonstances, denn er konnte sich trotz allen Zuredens von Edmund nicht dazu entschließen, sofort ein Detachement Marinesoldaten heraufzubeordern. Den Russen ist der jetzige verworrene Zustand nur recht, denn sie denken dabei alles durchzusetzen, was sie noch wollen. Wären gestern Deutsche dabei gewesen, so hätte Edmund sofort ein Detachement requiriert. Gleich nach Tisch bekam Edmund einen Brief Salvagos, seine Frau sei nachmittags in der Nähe des Petang vom Pöbel angegriffen worden. Man habe sie hauen wollen und ihr die entsetzlichsten Schimpfnamen zugerufen. Nur mit Mühe und mit Fausthieben hatten ihr Mafu und ihre Träger ihre Sänfte durch die Menge durchgebracht. Edmund ging gleich auf die italienische Gesandtschaft, und indessen kam die Mitteilung, daß für morgen eine Versammlung des diplomatischen Korps einberufen sei. Das ist alles, was Sir Claude a trouvé! Es scheint, daß in der chinesischen Bevölkerung doch eine ziemliche Aufregung besteht und das Gerücht verbreitet worden ist, alle Europäer müßten fort!

1. Oktober. Morgens Versammlung des diplomatischen Korps bei Cologan, wobei gemeldet wurde, daß auch der père Favier sowie einige Japaner attakiert worden seien. Cologan schrieb eine Note an das Tsungli im Namen des ganzen diplomatischen Korps, und außerdem haben noch Edmund, Sir Claude und der Amerikaner, besonders geschrieben. Pawlow hat um 20 berittene Kosaken telegraphiert, um die ›Gesandtschaften zu verteidigen‹. Sir Claude sagte, zwei Kreuzer kämen nach Taku mit Detachement und Geschütz, bereit zum Ausschiffen. Edmund telegraphierte an den Prinzen Heinrich, ein Schiff bereitzuhalten. – Ich war krank während mehrerer Tage. Angriffe auf Europäer kamen noch mehrmals vor. Mittlerweile kam Antwort von Prinz Heinrich, daß er uns dreißig Mann Seesoldaten schicken würde auf Befehl von S. M. Als Pawlow sah, daß die Besetzung Pekings keine reinrussische sein würde, suchte er zurückzuziehen, aber nun war es zu spät. –

7. Oktober rückten nachmittags die deutschen, russischen und englischen Detachements in Peking ein. Leutnant Robert, der schon mit Prinz Heinrich hier gewesen, befehligte unsre Leute, die bei weitem am besten aussahen. Später traf noch ein japanisches und italienisches Detachement ein. Sehr komisch ist, daß die Franzosen immerfort auf ihr Detachement warten, das von Saigon kommen soll und nicht eintrifft. In Peking mehren sich dabei die üblen Nachrichten. Père Favier hat von allerhand üblen Absichten der Chinesen gehört. Ganz nah von Peking stehen etwa 13 000 Mann Truppen unter mohammedanischen Offizieren, unbesoldetes, undiszipliniertes Menschengewühl, die offen aussprechen, sie seien gekommen, um die Europäer zu vertilgen, sobald der Fluß zugefroren und die Schiffahrt eingestellt sein würde. Herren der englischen Gesandtschaft wurden von diesen Banden angefallen. Das diplomatische Korps protestierte und verlangte in rührender Einmütigkeit ihre Zurückziehung; Russen und Engländer drohen mit Besetzung der Bahn Tientsin, und es wäre wohl dazu gekommen, wenn nicht die Japaner voreilig erklärt hätten, dann würde Japan 5000 Mann landen lassen. Das erkaltete den russischen Enthusiasmus.

13. November. Lady Macdonald hatte l'idée malencontreuse, den Plan zu starten, daß wir Damen um eine Audienz bei der Kaiserin von China bitten sollten.»Die Times-Darstellung ist eine tendenziöse Schönfärberei der englischen Gesandtschaft, die von ihren Landsleuten angegriffen wurde, weil sie nichts zur Verhütung der grausamen Verfolgungen durch die Exregentin getan hat; deshalb sucht sie plötzlich die scheußliche alte Kaiserin als Muster aller Tugenden hinzustellen, deshalb wurde auch die Damenaudienz mit allen Mitteln gefördert, um den Schein der Fremdenfreundlichkeit zu erzeugen.« Edmund von Heyking an seinen Vater 21. XI. 1898. Es entstand ein Potpourri von Herren- und Damenmeetings und außerdem größte brouille in den Gesandtschaften, weil Lady Macdonald und Mme. Pichon den Grundsatz aufgestellt haben, es sollten nur die Gesandtinnen gehen. Darob entsetzlicher Hader.

9. Dezember. Heute erklärten wir, ich würde zur Audienz der Kaiserin nur gehen, wenn Goltz als Dolmetscher mitginge. Bis jetzt sind mit den Chinesen nur der französische Dolmetscher und ein Japaner verabredet worden, und Sir Claude hat die erstaunliche Schwäche, Lady Macdonald ohne Dolmetscher gehn zu lassen.

10. Dezember. Die Audienz ist auf den 13. festgesetzt worden. Das Mitgehen von Goltz ist von den Chinesen sofort genehmigt worden. Lady Macdonald schickte ein Zirkular an alle Gesandtinnen, wo sie uns als ihre »honorables colleagues« anredet und einen Entwurf zu ihrer Ansprache an die Kaiserin vorlegt. Man weiß nicht, was man zu solcher Wichtigtuerei sagen soll. Das schönste aber war, daß diese Ansprache von den Japanern und uns korrigiert werden mußte, weil sie einen politischen Beigeschmack hatte, den Edmund keinesfalls zulassen konnte.

13. Dezember. Auf heut 12 Uhr ist die Audienz festgesetzt worden. Das bis dahin warme Wetter hielt leider nicht an, und es wehte ein eisiger Nordwind; trotz dickster Pelze klapperte ich vor Kälte. Die sieben Gesandtinnen und vier Dolmetscher fanden sich in der englischen Gesandtschaft ein, von wo unser Zug sich in Bewegung setzte. Zirka 50 Reiter eskortierten uns, d. h. unsre eigenen Diener und die üblichen Polizisten, die auch die Gesandten zu den Audienzen abholen. Wir kamen am Kohlenhügel vorbei und von da ab standen chinesische Soldaten Spalier, für hiesige Verhältnisse sahen sie leidlich reinlich aus. Gegen 12 Uhr kamen wir am Chiao-yuan-Tor des Palastes an, wo wir unsre Sänften verließen und vom Prinzen Ching, den übrigen Ministern des Tsungli Yamen und einer Menge Hofbeamten empfangen wurden. Es waren meist ältere Leute, und sie sahen recht malerisch aus mit ihren pergamentartigen Gesichtern, den dunkelblauen, wappengestickten Röcken und den schönen Pelzen. Die meisten trugen Ketten aus Jadeperlen oder dicken Turquoiskugeln, was sich zu den übrigen Farben sehr gut ausnahm. Wir bestiegen nun offne Stühle, die mit rotem Tuch überzogen waren, und wurden von je 6 Palasteunuchen getragen; die Dolmetscher gingen neben uns, und ich sagte zu Goltz: ›Dieses Erlebnis hatten wir uns auch nicht vor 20 Jahren in Karlsruhe träumen lassen.‹ Der Weg führte vorbei an der Cheng Kuang Halle, die von 1891-94 als Audienzraum diente. Dann wurden wir über die Marmorbrücke getragen, von der aus man ein sehr hübsches Bild hätte haben können, wenn der Wind nur nicht so arg gewesen wäre, daß uns beinah Hüte und Decken weggeflogen wären. Rechts und links sieht man ziemlich große Seen, an deren Ufern Tempel und Pagoden zwischen Bäumen liegen. In den Seen befinden sich Inseln, auf denen Pavillons stehen mit hochgeschwungenen Dächern. Zum erstenmal, daß China so aussieht, wie man sich China vorgestellt hat. Wir kamen nun durch das Tu-hua-Tor, hinter welchem auf einer am westlichen Seeufer entlangführenden Eisenbahn einige Salonwagen, aber ohne Lokomotive, bereit standen. Diese etwa eine halbe Meile lange Eisenbahn, Schienen und Wagen, ist ein Geschenk, das seinerzeit ein französisches Syndikat in der Hoffnung, mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, dem Vater des Kaisers verehrt hat, und die zum Gebrauch des Kaisers im Palastgarten untergebracht ist. Eine Dampfmaschine aber ist als zu ›fremd‹ abgelehnt worden, und da der Betrieb durch Maultiere als zu unreinlich galt, so werden die Wagen durch Eunuchen gezogen. Diese armen Kerle, die entschieden einen harten Tag durch uns hatten, spannten sich denn an einem gelben Seile vor und zogen uns bis an den Eingang der Audienzhalle. Rechts wurde der alte Peitang, die im Jahre 1886 von der katholischen Mission dem Kaiser retrozedierte Kirche, sichtbar, und dann passierten, wir die wunderhübsch gelegene Tsu-kuang-Ko, die Halle des Purpurglanzes, in der die erste Audienz im Jahr 1874 und dann noch einmal eine im Jahr 1891 stattfand. Alles sah reinlich und wohlgepflegt aus. Am Endpunkt der Eisenbahn wurden wir empfangen vom Prinzen Ching und von einer Menge dort aufgestellter Dienerinnen des Palastes, junge Mandschurinnen, die z. T. ganz hübsch waren, nur selbst für hiesige Begriffe gar zu arg geschminkt. Sie trugen grelle seidene Kleider und schienen eine Vorliebe für Rosa zu haben. An ihren breitabstehenden Frisuren waren große rosa Blumen angebracht. Jeder von uns waren drei solche Dienerinnen zugeteilt, und die Art, wie sie und die Eunuchen sich um uns bemühten und uns beim Gehen zu stützen suchten, erinnerte mich lebhaft an Kairoer Haremserlebnisse. Nach Durchschreitung eines weiteren Tores gelangten wir in einen kleinen, ziemlich dürftigen Warteraum, wo uns mehrere Prinzessinnen empfingen, darunter die Frau des Prinzen Ching. Sie ist eine ältere Frau und zeigte ihre ungeschminkte Pergamenthaut. Ihre Lippe ist weit vorhängend, und ich glaube, daß ihr die ganze Geschichte greulich war, obschon sie sich wie die übrigen sehr bemühte, liebenswürdig zu sein. Sie trug ein grünliches Seidenkleid, in das lila Lotosblumen eingewebt waren. Die jungen Prinzessinnen überboten noch ihre Dienerinnen in rosa Schminke, rosa Kleidern und rosa Blumen. Mit diesen Damen erschien auch der Obereunuche des Haushalts der Kaiserin, der zum Trost für sonstige Defekte Exzellenz und ein Hauptsqueezer ist.

Es ward uns nun angekündigt, daß auch der Kaiser uns sehen würde, und nach wenigen Minuten wurden wir aufgefordert, die Audienzhalle zu betreten. Wir schritten durch einen viereckigen Hof, in dem einige schöne Bronzen standen, und befanden uns darauf in der Audienzhalle I-lau-tien. Es ist ein mittelgroßer Raum, der Boden mit gemeinen Brüsseler Teppichen, die Wände dagegen mit schöner chinesischer Schnitzerei bedeckt. In der Mitte befand sich eine erhöhte Estrade, zu deren beiden Seiten kleine Treppen hinaufführten, und oben saßen, gleich rechts an der Treppe, ein schmächtiger großäugiger chinesischer Jüngling, der Kaiser, und weiter hinten in der Mitte und erhöhter, eine gelbe Frauengestalt mit harten energischen Zügen in dem ungeschminkten pergamentartigen Gesicht, die alte Kaiserin.

Nachdem wir uns alle unten aufgestellt hatten, wurden unsre Namen durch Prinz Ching dem Kaiser und der Kaiserin genannt, wobei wir uns verbeugten. Dann verlas Lady Macdonald ihre englische Begrüßungsadresse, deren chinesische Übersetzung durch Herrn Popoff erfolgte, wobei dieser rammolierte Greis mehrmals stecken blieb. Die Kaiserin murmelte darauf ein paar Worte zu dem neben ihr knienden Prinzen Ching, die uns dann wieder von den Dolmetschern übersetzt wurden. Ich hatte währenddem Zeit, mich etwas umzusehen. Wir standen unten in einem Gedränge von Eunuchen, und der Raum war für die Gelegenheit wirklich erstaunlich klein. Außer den Schnitzereien war nichts Schönes zu sehen. Vor der Estrade standen Chrysanthemen in modernen kiu-kiang-Blumentöpfen.

Wir wurden nun aufgefordert, die Estrade hinaufzugehen, und man merkte der Aufgeregtheit der Chinesen an, in welcher Angst sie sich befanden, ob auch alles gut verlaufen würde. Wir gingen der Anciennität nach, zuerst Lady Macdonald, dann ich die Treppe rechts hinauf, und oben war die Estrade so schmal, daß man vor dem Kaiser stand, ohne eigentlich Platz zu haben, sich zu verbeugen. Ich machte tant bien que mal einen Plongeon und sah mir möglichst genau das sehr sympathische und gewinnende Gesicht des Kaisers an. Er hat einen traurigen müden Zug, in dem Augenblick aber siegte offenbar das Amüsement, all die merkwürdigen europäischen Frauen zu sehen, über seine Melancholie. Er lächelte mich freundlich an und gab mir halb verlegen sein gelbes dünnes Händchen. Wenn ich chinesisch könnte, so hätte ich sicher nicht der Versuchung widerstanden, ihm meine Sympathie für seine gescheiterten Bestrebungen auszusprechen. Etwas weiter zurück und erhöhter saß die Kaiserin; vor ihr stand ein Tisch mit gelber Atlasdecke, auf dem kleine goldene Schalen standen. Die Kaiserin streckte mir über den Tisch ihre Hand hin, hielt mich damit fest, und steckte mir mit der andern Hand einen goldenen Ring mit einer Perle an den Finger. Währenddem erkundigte sie sich nach meiner Gesundheit, und Goltz, der nahe herangetreten war, verdolmetschte von unten aus. Ich war sehr froh, darauf bestanden zu haben, daß Goltz mitgehen müsse. Nachdem wir alle oben vorbeidefiliert, und somit die eigentliche Audienz vorüber war, merkte man recht den Chinesen die Erleichterung an, daß alles sans accroc vorübergegangen sei. Wir wurden nun aufgefordert, in einen durch einige Höfe getrennten Raum zu gehen, um eine Mahlzeit einzunehmen. Diese war in der Chun-ngo-chau genannten Halle bereitet, in der einer der früheren Kaiser seine Audienzen hielt. Ein größerer Raum, der ganz und gar mit Holzwerk getäfelt ist. In der Mitte stand ein großes chinesisches Ruhebett aus geschnitztem, schwarzen Holz, es hatte einen weitvorspringenden Baldachin und die Rückwand war von einer sehr schönen Stickerei, große Vögel auf creme Atlas, gebildet. Um dieses Paradebett standen große Pflanzen in Porzellantöpfen, besonders viele sogenannte Buddhafinger, dahinter erhoben sich große Wedel aus Pfauenfedern und von der getäfelten Decke hingen elektrische Lampen herab, was zusammen mit der allgemeinen Sauberkeit einen für Peking ganz verblüffenden Eindruck machte.

In der Halle standen zwei Tische, die mit mindestens hundert Schüsselchen chinesischer Leckerbissen besetzt waren. An dem einen nahmen die Dolmetscher Platz mit Beamten des kaiserlichen Haushalts. An den andern Tisch setzten wir uns mit den zirka 10 Prinzessinnen. Prinz Ching aber hatte sich zu uns an ein Nebentischchen gesetzt, und es dolmetschten für uns zwei Chinesen, die recht gut französisch und englisch konnten. Wir hatten nun Zeit, die Prinzessinnen zu studieren, unter denen auch ein zehnjähriges kleines Mädchen war. Sie trugen alle rosa Kleider mit grellen Borten besetzt, und in den Haaren einen etwa 1 ½ Fuß langen Kamm, an dem große rote Quasten und rosa Blumen angebracht waren, so daß die Breite des Kopfes größer als die der Schultern war. Vorn im Haar und auf der Stirn trugen sie mehrere Schmuckreihen, hauptsächlich Perlen, und die beliebtesten Motive waren offenbar Phönixe und Drachen. An den kleinen Fingern hatten sie alle goldene Nägelfutterale und jede so einen Ring, wie die Kaiserin ihn uns geschenkt hatte. Sie sagten, die seien ausschließlich für die Verwandten der Kaiserin bestimmt. Die Prinzessinnen legten uns selbst vor und tranken uns mit chinesischem Branntwein zu in Jadeschalen. Die Eunuchen halfen servieren, und unter ihnen befand sich auch der berühmte Günstling der Kaiserin, der falsche Eunuche, der den Spitznamen »kleiner Schuster« trägt, von einem Ledergeschäft seiner Eltern.

Nach dieser Mahlzeit gingen wir in die kleinen Nebenräume, wo allerhand chinesische Bibelots standen, und es so ungefähr wie in einem eleganteren Kuriosilätenladen aussah. Dort wurde geraucht, d. h. von allen Prinzessinnen. Von den europäischen Damen rauchte nur ich. Dann wurden wir in den Speisesaal zurückgerufen, aus dem mittlerweile die Eßtische verschwunden waren, und die Kaiserin erschien nochmals. Sie kam hereingegangen auf Eunuchen gestützt, und wir konnten sie jetzt viel besser sehen, als auf der etwas dunklen Estrade. Sie sieht 10 Jahre jünger aus als sie ist, dabei ganz ungeschminkt, nur den Augenbrauen ist etwas nachgeholfen, was die Härte des Gesichtsausdrucks noch erhöht. Ihr Haar ist schwarz, nur am Nacken fängt es an, zu ergrauen. Sie war viel einfacher als die Prinzessinnen frisiert, und trug nur den breit abstehenden Kamm und über der Stirn und um den Hals sehr große, aber ganz flache Perlen. Ihr Kleid war aus gelbem Atlas mit hineingewebten lila Lotosblumen und mit lila Borten besetzt, in die silberne Reiher eingestickt waren. Dazu trug sie einen prachtvollen goldgelben Crepe-de-Chine-Mantel, der ganz und gar mit lila Hortensien bestickt und mit weißem Fuchspelz gefüttert war.

Die Kaiserin setzte sich zuerst auf einen roten Lacksessel, der mit einer Zobeldecke belegt war, und sagte uns, wie sehr sie sich freue, uns bei sich zu sehen. Sie betrachte uns als zu ihrer Familie gehörig, und wies dabei zur Bekräftigung auf ihre Hand, um zu zeigen, daß sie genau denselben Ring trüge, wie sie ihn uns soeben geschenkt habe. Lady Macdonald sagte darauf, wir hofften die Kaiserin noch oft zu sehen, und sie erwiderte darauf, Mitglieder von einer Familie könnten sich nicht oft genug sehen. Darauf erschien die junge Kaiserin, die wie alle die übrigen Prinzessinnen aussah, nur dabei recht verschüchtert. Die alte Kaiserin sagte ihr etwas, und darauf ging sie auf jede von uns zu und reichte uns die Hand. Die alte Kaiserin sagte darauf, sie würde uns außer den Ringen noch andere Geschenke machen, und es wurden allerhand gelbe Kasten angeschleppt, die wir zu Hause vorfinden würden. Nachdem wir uns bedankt, stand die alte Kaiserin auf und trat ganz dicht an uns heran, sie war ganz umdrängt und ich konnte bei den Chinesen nichts von der furchtbaren Angst merken, die sie vor ihr haben sollen. Prinz Ching war der einzige, der jedesmal, wenn er mit ihr sprach, sich wieder hinkniete. Sie sprach nun mit jeder einzelnen von uns und sagte mir, daß sie von meinem Malen gehört habe. Ich antwortete der Kaiserin deutsch und möglichst laut, daß ich mit großer Bewunderung die Malerei gesehen habe, die sie für den Prinzen Heinrich gemacht, der zuerst den Anstoß zu dem Empfang der europäischen Damen gegeben habe. Goltz übersetzte dies. Nachdem die Kaiserin mit jeder Dame einzeln gesprochen hatte, ließ sie uns jeder eine Tasse Tee reichen; zuerst mußten wir aus unsrer Tasse trinken, dann trank sie daraus, dann wir noch einmal. Nachdem sie dies mit jeder Dame getan, küßte sie jede auf die Backe und erklärte, von nun ab seien wir Schwestern.

Es war dies eine sehr komische Zeremonie, die übrigens gegen allen chinesischen Brauch gehen soll. Ich hatte die Empfindung, daß die alte Kaiserin absolut einen guten Eindruck auf uns machen wollte, um alle Greueltaten wegzuwischen, die wir während der letzten zwei Monate von ihr gehört haben. Dabei verlor sie etwas das Maß.

Wir wurden nun aufgefordert, uns zur Beiwohnung einer Theatervorstellung in den I-nien-tien genannten Raum zu begeben. Der Weg dahin führte unter Galerien, in denen zahllose große Laternen hingen, durch eine Menge Höfe, an reizenden Pavillons vorbei, die von Wasser umgeben sind. Jetzt war das Wasser gefroren, aber im Sommer muß es reizend aussehen, wenn sich alle diese Erker mit geschwungenen Dächern und den weißen Marmorbrücken in dem Wasser widerspiegeln. Die I-nien-tien, in der auch die Theatervorstellungen stattfinden, zu denen die höchsten Würdenträger des Reiches befohlen werden, unterscheidet sich von andern chinesischen Theatern nur durch die größere Sauberkeit. Die Darsteller sind alles Eunuchen, Zutritt haben natürlich nur die höchsten Hofbeamten und die besonders geladenen Gäste. In einer großen einstöckigen, jetzt im Winter mit einem Glasdach bedeckten Halle, in der einige Bäume stehen, ist in der Mitte eine viereckige Bühne aufgeschlagen. Der ganze Raum ist mit rotem Tuch bekleidet, an den Galerien und Säulen waren scheußliche Drachen aus buntem Tuch angebracht und geschmacklose Fransen und Troddeln. Die Kaiserin, der Kaiser und einige Prinzen, unter denen sich auch ein dickes rundes Kind befand, nahmen in einer Art großer Loge Platz, die sich gerade gegenüber der Bühne befindet und vorn bis zur Erde reichende Glasscheiben als Türen hat. Wir mit dem Prinz Ching und den Prinzessinnen saßen in einer Art Glasgalerie rechts von der Bühne. Wir konnten gerade in die Loge der Kaiserin hineinschauen. Sie war in all ihrem goldgelbem Staat in einer Art Kang etabliert, während der arme junge Kaiser dahinterstand, und nur ein kleines rot und grünes Seidenkleid trug, nachdem ihm alles Gelb von ihr verboten worden ist. Ob er wohl auch der Meinung ist, daß man von seinen Verwandten nie genug sehen kann?

Das erste auf dem gelben Theaterzettel angegebene Stück hieß: »Wu-fu-wu-tai.« Es war eine allegorische balletartige Pantomime, die den Wunsch ausdrücken sollte, daß die fünf glücklichen Umstände oder Segnungen (wu-fu), langes Leben, Reichtum, Heiterkeit, Tugend, ein glückliches Ende, fünf Generationen (wu-tai) zuteil werden möchten. Da das Wort für »Fledermaus« im chinesischen »fu« gesprochen wird, ist die Fledermaus ein Symbol des Glücks, die fünf Segnungen wurden durch fünf rotgekleidete Leute in Fledermauskostüm dargestellt. Ebenso ist die Bedeutung eines Gürtels gleichlautend mit der einer Generation, tai, die fünf Generationen wurden durch ebenso viele Gürtel angedeutet. Fledermäuse und Gürtel führten einen wilden Tanz auf zwischen Scharen anderer Balleteure, die als Wolken verkleidet waren, und vereinigten sieh schließlich zu einem großen lebendem Bild, auf dem die Figuren den Schriftcharakter für Glück darstellten. Das zweite Stück hieß: Hua-hu-tieh, der bunte Schmetterling. Es war ein Singspiel, das die Abenteuer eines wie ein bunter Schmetterling gekleideten und gewandten Räubers zum Inhalt hatte.

Während der Vorstellung brachte ein Eunuch die Mitteilung, daß die Regentin auch die Verleihung von je vier Seidenrollen an die Dolmetscher als Geschenk verfügt habe. Ungefähr um 3 Uhr verließen wir das Theater, wo es recht langweilig und recht kalt gewesen war. Die Dienerinnen frugen uns, und zwar durch die chinesischen Dolmetscher, ob wir auf das W. C. zu gehen wünschten. Ein paar Damen, deren Wissensdrang keine Grenzen kannte, bejahten dies und wurden von den Eunuchen und Dienerinnen abgeführt. Sie sagten, es sei dort alles sehr reinlich gewesen, nur hätten sie sich kaum des Diensteifers der Dienerinnen erwehren können, und als sie herausgekommen seien, hätten sie alle Palastbeamten teilnehmend gefragt: »Chau, buchau?« d. h. gut oder schlecht! – Es folgte nun eine zweite Mahlzeit, von etwa hundert Schüsseln, was wie alle Recommencements im Leben au charme mangelte. Dann kam die Kaiserin nochmals, sagte uns allerhand Liebenswürdiges und entließ uns. Der Rückweg verlief genau wie der Hinweg, aber mehr wie je fielen mir Schmutz und Gestank in den Straßen auf, sobald wir den Palast verlassen hatten. In Peking sieht man recht drastisch, daß es vielen schlecht gehen muß, damit es einigen wenigen gut gehen kann. Die wenigen haben natürlich kein Interesse daran, etwas an diesem Tatbestand zu ändern, und die vielen sind hier viel zu indolent und stier, um es zu versuchen.

Zu Hause wurden die kaiserlichen Geschenke gebracht: Vier Rollen ganz unbenutzbarer Seide, grell und schreiend, zwei seidene Taschentücher, die wie so vieles in China maupings hatten, und dann als Komischstes zwei Kasten voll chinesischer Kämme aller denkbaren Modelle und Sorten. So war auch dieses kuriose Erlebnis vorüber.

31. Dezember. Wir beschlossen das Jahr mit einem Diner bei Knobels, auf welchem die Art von Heiterkeit herrschte, die sich im Aufsetzen von Papiermützen äußert. Ich fühlte mich so angegriffen und übermüdet, daß ich vor 12 Uhr aufbrach. – Dies Jahr hat uns viel Gutes gebracht. Am Prinzen Heinrich hat sich Edmund einen Freund erworben, und er ist in weiten Kreisen durch die hiesigen Erfolge bekannt geworden. Aber der Mangel an Anerkennung aus Berlin quält ihn beständig, und er führt hier ein ganz isoliertes Leben, während er eigentlich für ein gewisses Maß an Geselligkeit geschaffen ist und besonders auch etwas Damengesellschaft bedarf. Seit der Abreise der Marquise Salvago hat er das ganz verloren. Er leidet auch mehr wie mancher andere Mann unter der hiesigen Unzivilisation, weil er essentiellement ein Mensch ist, der Komfort und die Freuden einer zivilisierten Stadt nötig hat. Mit der Freiheit und dem sans gene des hiesigen Lebens weiß er nicht recht etwas zu beginnen. Er tut mir immerwährend viel mehr leid, als ich mir selbst, und für ihn kann ich nur sehnlichst wünschen, daß wir bald von hier fortkommen. Die Frage der Kinder wird auch eine immer brennendere. Dagegen ist es mir ein unbeschreiblich beruhigendes Gefühl, daß wir uns hier rangieren und noch alle Jahre etwas zurücklegen. Solang wir es hier aushalten, sind sowohl wir als die Kinder geborgen, und das Gefühl ist mir sehr viele Opfer wert. Heiter ist es ja auch für mich nicht, so ein Jahr nach dem andern hier hinfließen zu sehen wie welke Blätter, die vom Baum fallen und nie wieder frisch werden können. Aber ich sage mir dann immer wieder, daß solche Regrets doch auf recht eitlen und egoistischen Betrachtungen beruhen. Wenn wir nur ein paar Freunde mehr in Berlin hätten. Mumm ist nach Luxemburg versetzt und Kiderlen soll in Ungnade gefallen sein. Daß wir so sehr fremd und vereinsamt sind, ist eigentlich das Traurigste an unsrer ganzen Lage.

1. Januar 1899. Ich begann das Jahr krank und konnte mich gar nicht wieder erholen. Edmund erhielt mit der Post einen Erlaß von Herrn von Bülow, daß ein sechsmonatiger Urlaub unmöglich sei, weil der hiesige Posten zu wichtig, um ihn so lange unbesetzt zu lassen.

Edmund könne aber um dreimonatigen Urlaub bitten. Falls drei Monate zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nicht ausreichten, so mache ihn Herr von Bülow schon jetzt darauf aufmerksam, daß er dann an die Neubesetzung Pekings denken müsse, und eine Versetzung Edmunds nicht beantragen könne, weil kein Posten vakant sei. Sachlich ist ja einiges Wahre daran, aber Edmund war entsetzlich niedergeschlagen, weil er sich so brennend Urlaub und Versetzung wünscht, und die Form des Erlasses so unfreundlich ist.

Februar. Die Tage verstreichen damit, daß Edmund klagt und ich ihn aufzuheitern suche, indem ich den David zu seinem Saul spiele. Aber auch mich ergreift oft eine grenzenlose Müdigkeit und Unlust. Das Gefühl der Abhängigkeit von andern Menschen geht mir so gegen die innerste Natur, und ich möchte so gern nichts Wollenmüssen.

Die Verhandlungen über die Tientsin-Chingkiang-Bahn hätten jetzt die beste Aussicht, abgeschlossen zu werden, aber in Berlin machen sie auf einmal die unerwartetsten Schwierigkeiten und stellen Bedingungen, die die Chinesen unmöglich erfüllen können. Wenn dieser Eisenbahnvertrag abgeschlossen würde, könnten wir hoffen, bald auf Urlaub zu gehen.

21. Februar. Prinz Lichnowsky kam nachmittags an. Er ist Botschaftsrat in Wien und hat einen sechsmonatigen Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit. Mich frappierte gleich sein auffallend gescheites Gesicht, mit tiefliegenden klugen Augen und einer rechten Denkerstirn. Es ist ein wahres Vergnügen mit ihm zu sprechen, denn man glaubt ihn seit Jahren zu kennen; er ist absolut natürlich, und man hört keine Banalitäten von ihm. Ihn kennenzulernen war mir, als käme ich plötzlich in frische kräftige Luft.

24. Februar. Wir machten mit Lichnowsky einen Ritt, um ihm die Stadt und Tempel zu zeigen. In einem Tempelhof fanden wir eine Menge Kamele, auf denen mongolische Wallfahrer gekommen waren, um die großen Bronzelöwen angebunden, die den Tempeleingang bewachen. Das war ein entzückend malerisches Bild mit den vielen Mongolen in ihren zottigen Pelzmützen und ihren gelben und terrakottafarbenen Röcken. Im Tempel selbst opferte gerade ein mongolischer Fürst dem Buddha. Er hatte eine Masse Leute mit sich und seine Frau, die einen ganz fabelhaften Schmuck aus Silber, Korallen und Türkisen auf dem Kopf und um den Hals trug. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie sehr sich Lichnowsky für alles interessiert, und mit jemand zu sprechen, bei dem man sicher ist, verstanden zu werden und dem Vorurteile und Banalitäten fremd sind.

27. Februar. Edmund telegraphierte in diesen Tagen nach Berlin, daß er den Chinesen angedeutet habe, wenn die jetzige illegitime Weiber- und Eunuchen-Regierung uns in der Eisenbahnfrage zu viel Schwierigkeiten mache, so würden wir uns genötigt sehen können, dem Kaiser wieder zu seinem Recht zu verhelfen. Die Chinesen sollen hierüber sehr verdutzt gewesen sein, sind aber in solcher Angst vor der alten Kaiserin, daß sie nicht gewagt haben, ihr Edmunds Drohungen mitzuteilen. Von Berlin verlangt man, daß Edmund scharf auftrete, mehr drohen kann er aber nicht, und sie sind dagegen schon sehr abgebrüht. De Martino war bei Edmund und sagte ihm, Italien werde die San moon bay in der Provinz Chekiang fordern, als Zeichen der bestehenden guten Beziehungen. England habe seine Unterstützung zugesagt. Morgen werde der »Marco Polo« in die San moon bay einlaufen. Außer Edmund und Sir Claude ahnt niemand etwas davon. – Nachmittags hatte ich ein langes Gespräch mit Lichnowsky, der mir helfen will, von Peking fortzukommen.

28. Februar. Nachmittags eine Réunion des diplomatischen Korps, die ziemlich steif verlaufen sein soll. Der Amerikaner möchte sein Detachement loswerden, weil es ihn in seinem engen Raum geniert. Giers möchte seins wegschicken, um den Chinesen als Wohltäter zu erscheinen, und da muß Pichon natürlich mit. Demgegenüber erklärte Edmund trotz alles Drängens, daß er sich gar nicht über einen Zeitpunkt äußern könne; Czikann unterstützte ihn und natürlich auch Martino, in dessen Vorhaben ein Wegschicken der Truppen jetzt natürlich nicht paßt. Martino war im Tsungli gewesen und hatte von den Chinesen die Antwort erhalten, daß Italien ein viel zu unbedeutendes Land sei, um eine Flottenstation verlangen zu können. Er schien über diese Antwort sehr froh, und meinte, das würde seine Regierung dazu bringen, energisch vorzugehen. Abends waren wir alle bei Knobels zum Diner und theatralischen Soirée. Es war ein Abend so melancholisch, wie er nur sein kann, wenn man sich durchaus amüsieren soll.

5. März. Den ganzen Morgen mit Lichnowsky Kuriohandel getrieben. Es waren sicher 40 Händler da, alle mit ihren Bündeln und Sachen. Nachher ging Edmund in das Tsungli, um nochmals eine lange Debatte über die Eisenbahnfrage zu haben. Er nahm Lichnowsky mit, den dieses größte Kurio Pekings so sehr interessierte. Mir war es sehr lieb, daß er gesehen hat, mit was für Schwierigkeiten man hier zu kämpfen hat.

6. März. Wir waren zum Tiffin bei Groot mit Lichnowsky, der leider gleich von dort zur Bahn reiten und abreisen mußte. Es war eine Freude, einen so gescheiten Menschen kennengelernt zu haben, und bei ihm so viel Sympathie und Verständnis gefunden zu haben; aber jetzt scheint es hier nur um so grauer und trüber. Ich sehne mich so sehr nach jemand, bei dem ich etwas Erheiterung und Aufmunterung fände, statt das alles täglich von neuem aus mir selbst schöpfen zu müssen. Ich nehme mich so sehr zusammen, mich nicht niederdrücken zu lassen, und suche immer das Gute im Leben zu sehen und selbst harmonisch und heiter zu bleiben, aber es ist oft, als ob gerade meine Zufriedenheit Edmund noch mehr exasperierte, als er es ohnedies ist. Er merkt es nicht, wie nah ich oft dem Weinen bin und mich nach ein ganz klein wenig Ermunterung sehne. –

7. März. Edmund kam heut sehr froh aus dem Tsungli Yamen zurück, denn er hatte ein langes Gespräch mit Chang yin mao gehabt und es ist einige Aussicht, daß die Chinesen auf die Berliner Eisenbahnwünsche eingehen; Gott gebe es, vielleicht können wir dann doch noch in diesem Sommer nach Hause. Sehr komisch sind die Italiener in ihrem Vorgehen. Die Gesandtschaft besitzt nicht mal einen Chiffre mit den Konsulaten, und so geht jetzt dieser ganze Verkehr durch Edmunds Vermittlung. Über die eventuellen chinesischen Streitkräfte sind sie auch ganz im unklaren. Martino und der Kommandant Incoronato kamen zu Edmund hereingestürzt und frügen: Combien de vaisseaux de guerre la Chine a-t-elle?« Edmund sagte, beide hätten Tränen in den Augen gehabt, und Martino hätte mit zitternder Stimme zu ihm gesagt: »Cher ami, mon roi, mon pays comptent sur vous!« Sie sind ganz kopflos in das Abenteuer hineingegangen, und bei den ersten Schwierigkeiten wissen sie nicht, was tun.

15. März. Hsu yun cheng und Chang yin mao waren bei Edmund, und die Chinesen scheinen auf unsre Wünsche eingehen zu wollen. Kaum aber hört eine Sache auf, fängt auch schon eine neue an. Jetzt kommen sehr schlimme Nachrichten aus Shantung, und Bischof Anzer bittet um militärischen Schutz, und der neue Gouverneur Jaeschke hält eine militärische Expedition für absolut nötig. Das italienische Unternehmen hat mit einem großen Krach geendet. De Martino ist von der Regierung desavouiert und abberufen worden. Es wird gesagt, er habe ein Ultimatum ausgegeben, trotzdem er schon Gegenbefehl gehabt habe. Die Wahrheit scheint zu sein, daß das Ministerium Angst bekommen hat vor einer Attacke in der Kammer und Martino als Sündenbock fallen mußte. Hier, den Chinesen gegenüber, ist die Sache eine schlimme Blamage für alle Europäer. Martino wird so scheußlich behandelt, daß man unwillkürlich seine Partei ergreift, trotzdem er uns allen ja wenig sympathisch war. Außerdem ist man ja immer besonders mitleidig für alle Formen des Unglücks, die für einen selbst so sehr im Bereich des Möglichen liegen.

Der arme Edmund ist schrecklich erkältet und sieht alles so sehr deprimiert an. Wenn wir doch einen Posten bekämen, wie er ihn sich jetzt wünscht! Die Sehnsucht nach Taten und nach der Gelegenheit sich auszuzeichnen scheint bei ihm ganz vorüber zu sein, und er wünscht sich nur Ruhe. Er hat nicht diejenige Charakterhärte, die dazu nötig wäre, um es in Peking auszuhalten trotz allen Mangels an Anerkennung, trotz häufiger absichtlicher Kränkungen, trotz des Ausbleibens aller Informationen, trotz der Nichterfüllung der geringsten Wünsche. Wenn es ihn also wirklich befriedigt, so werde auch ich suchen in irgendeinem obskuren Ruhepöstchen mich wohl zu fühlen. Edmund spricht auch viel von Abschiednehmen, und auch damit wäre ich einverstanden, wenn ich nur wüßte, wovon wir leben sollten. Ohne Kinder wäre es alles sehr einfach. Wie grau ist doch das Leben geworden. Wenn nur Edmund wenigstens wieder gesund wäre! Gott behüte mir ihn!

17. März. Edmund so heiser, daß man seine Stimme kaum hört. Dazu Husten und etwas Fieber. Ich bin in entsetzlicher Angst um ihn. Dr. Velde meint aber, es sei gar nichts dabei zu machen.

23. März. Ich traf den Timeskorrespondenten Morrisson, der voller Bewunderung für Edmund ist. Er sagte, Edmund habe eine neue Art der Politik gegenüber China inauguriert, die jetzt von allen Ländern befolgt würde, und es sei eine Freude zu sehen, wie zielbewußt er arbeite. Jäschke und Anzer drängen sehr auf militärische Expedition nach den aufrührerischen Gebieten, besonders Yi chao. Das Auswärtige Amt hat eine ganz seltsame Anfrage gestellt, ob wir dadurch in einen latenten Kriegszustand mit China gedrängt werden könnten und ob Angriff auf Taku und Tientsin auf alle Fälle vorbereitet werden müsse. Die kennen die Chinesen noch immer nicht und bilden sich ein, daß dies Volk von sich aus zu einem Krieg sich aufraffen würde wegen einiger Sfrafexpeditionen in Shantung!

26. März. Palmsonntag morgen kam ein Telegramm vom Prinzen Heinrich, der uns sehr freundlich vorschlägt, uns am 5. April mit der »Kaiserin Augusta« in Taku abholen zu lassen; bis zum 8. sollen wir bei ihm in Tsingtau bleiben und dann mit ihm und der Prinzessin nach Shanghai weiterreisen, von wo die Prinzeß Ende April nach Deutschland heimkehrt. Dies war der letzte Anstoß, und da es Edmund in keiner Weise besser geht, so telegraphierte er nach Berlin um 3 Monate Urlaub, weil Dr. Velde für ihn eine Kur in Ems oder Karlsbad für notwendig halte. Ich telegraphierte noch besonders an Richthofen, um ihn um Hilfe zu bitten. Gott gebe, daß wir nun endlich fortkommen. –

31. März. Ich war ein paar Tage krank, stand aber heute wieder auf. Von Berlin bleibt alle Antwort auf unser Telegramm aus. Edmund ist entsetzlich nervös über diese Ungewißheit. Ich ertappe mich dagegen manchmal dabei, mich in Peking ganz wohl zu fühlen. Aber die Sorge um Edmunds Gesundheit drückt mich beständig.

1. April. Ich machte zum erstenmal in meinem Leben Gedichte, und zwar französische!

2. April. Ostersonntag. Ich ließ mich in den Petang tragen zum Gottesdienst, den ich nun schon zum drittenmal dort höre. Sehr lächerlich waren mir nur die guten Pichons am Ehrenplatz in verstaubten Reitanzügen, vor denen Monseigneur Favier bei der Prozession zweimal eine tiefe Verbeugung machte. Die katholische Kirche Salaam machend vor dem Vertreter der französischen Republik, der selbst, libre penseur, mit einer Protestantin verheiratet ist, hat mir immer etwas unwiderstehlich Komisches! Nachher alle zum Tee bei père Favier und allgemeines Klagen über Peking, und doch, wie glücklich könnten Menschen hier sein, die sich sehr lieb hätten. Man hätte so alle Zeit für einander und würde durch nichts abgezogen.

4. April. Von Berlin ist noch immer keine Antwort da, und Edmund sehnt sich so unbeschreiblich fortzukommen! Er sieht nur die drei Monate in Europa und nicht die dahinter drohende Rückkehr nach China. – Gegen drei Uhr rief Edmund mit sehr aufgeregter Stimme nach mir, und an der Tür seines Arbeitszimmers sagte er: »Wir sind versetzt!« »Wohin?« »Nach Mexiko!« Ich stieß nur einen Schrei aus, und das ganze Herz krampfte sich mir zusammen. Ich fing an nervös zu schluchzen, ohne doch eine Träne weinen zu können, und frug nur immer wieder: »Was haben wir getan, um das zu verdienen!« Ich hatte ein so vernichtendes Gefühl bitterer Kränkung und Demütigung. Solange ich konnte, habe ich Edmund immer wieder gebeten, auszuhalten und es nicht alles so grenzenlos schwer hier zu nehmen. Und das ist nun das Ende! Erst nach einer ganzen Weile sagte Edmund: »Es ist ja gar nicht so schlimm.« Dann gab er mir das Telegramm. Es lautete: »S. M. habe mit Bedauern von Edmunds Erkrankung gehört, bewillige in Gnaden den erbetenen Urlaub, auch dürfe Edmund sofort abreisen und solle Prittwitz die Geschäfte übergeben. Da aber die erbetenen drei Monate zur Wiederherstellung der Gesundheit nicht ausreichen dürften, andrerseits aber der Posten nicht länger unbesetzt gelassen werden könne, so habe S. M. Herrn von Ketteler aus Mexiko nach Peking ernannt, mit dem Befehl, umgehend nach China zu reisen. Für Edmund könne z. Z., falls er nicht vorziehe in den vorläufigen Ruhestand zu treten, nur Mexiko in Betracht kommen, da kein andrer Posten vakant sei. Die Verhältnisse in Mexiko gestatteten es, daß Edmund diesen Posten erst Anfang nächsten Jahres antrete. Herr von Bülow wünsche Edmund baldige Wiederherstellung und gute Reise.« – Das Telegramm war ja, im Vergleich zu früheren, entschieden sehr freundlich abgefaßt, aber ich konnte doch anfänglich gar nicht hinwegkommen über das bittere Gefühl der Kränkung und Zurücksetzung. Der bloße Gedanke, von China, wo Edmund so vieles geleistet hat, nach Mexiko zu kommen, wo wir gar keine Interessen haben, was schlechter bezahlt ist und wo das Klima greulich sein soll! Zu wissen, daß man nach China nicht zurück braucht, ist ja das beste an der Sache und das einzige, was Edmund zunächst sieht. Wir kamen überein von Ruhestand oder Mexiko einstweilen gar nicht zu reden, sondern nur zu sagen, daß wir ein Jahr Urlaub hätten und Ketteler ernannt sei. Dann kamen Telegramme vom Prinzen Heinrich, die »Kaiserin Augusta« werde am 6. in Taku sein und uns abholen.

Nun ging es an ein fieberhaftes Packen, um zum morgigen Zug fertig zu werden. Dazwischen allerhand Besuche, und es ist geradezu komisch, wie einstimmig alle gratulieren, daß wir hier wegkommen. Mir wird das Gute allmählich klar. Man darf nur nicht an Mexiko als überhaupt in Betracht kommend denken. Es ist ein Ausweg, um Zeit zu gewinnen. Edmund und ich chiffrierten bis spät in die Nacht hinein nach Berlin, unter anderem, daß wir bis zu Kettelers Ankunft in Peking bleiben und jetzt nur für einige Tage nach Tsingtau gehen würden.

6. April. Ganz früh bei schauerlicher Kälte zum Bahnhof. Um 2 Uhr an Bord der »Kaiserin Augusta«. Wir gingen sofort in See und fuhren an der Küste von Shantung entlang.

7. April. Um drei Uhr nachmittags an der Reede von Tsingtau, schon von weitem hatten wir die deutsche Flagge wehen sehen. Prinz Heinrich winkte uns von der »Deutschland« und kam dann gleich in seiner Pinasse angefahren, reizend frisch und liebenswürdig, und brachte uns an Land. An der langen Landungsbrücke, die ich am 10. Oktober 1897 gezeichnet, empfing uns Gouverneur Jäschke, und dann wurden wir gleich auf den Poloplatz gebracht, wo die Prinzeß sich befand. Sie gefällt sehr durch ihren so sehr gewinnenden Ausdruck und die große Einfachheit ihres Wesens. Wir lernten dort gleich ein gut Teil der Tsingtauer Welt kennen, in der man sich durch die vielen Offiziere wie zu Hause vorkommt. Sehr nett war es, Falkenhayns wieder zu treffen. Vom Poloplatz gingen wir durch die Stadt Tsingtau, deren Straßen und Läden alle deutsche Namen tragen und etwas an die Ausstellung Alt-Berlin erinnern, zum Gouvernements-Yamen, in dem damals General Chang hauste. Der chinesische Charakter ist ganz beibehalten, aber es herrscht peinliche Sauberkeit und es brennt elektrisches Licht.

8. April. Das erste,Frühstück haben wir mit dem Prinz und der Prinzessin, und er dehnt es zu einer behaglichen Länge mit Schwatz aus, gerade wie in Peking. Nachher ging ich bei wundervollem Wetter mit dem Prinz und der Prinzeß auf den Signalberg, wo die deutsche Flagge weht und von wo aus man einen herrlich weiten Blick auf beide Buchten hat. Der Weg hinauf ist ausgezeichnet von den Pionieren gebaut. Es war doch ein merkwürdiger Moment da oben zu stehen und sich zu sagen, daß der Traum in Erfüllung gegangen, daß alles ringsum deutsch ist.

9. April. Edmund machte einen langen Spaziergang mit dem Prinzen; ich fand unterwegs einen Punkt zum Skizzieren, und die Prinzeß blieb bei mir sitzen unter aufgehängter Wäsche. Zum Tiffin kamen protestantische Missionare, und es rührte mich, mit welcher Anerkennung sie von Edmunds Tätigkeit sprachen. Abends wurde Billard gespielt. Die Prinzeß gewinnt man immer lieber durch ihre reizend liebenswürdige Art und Weise. Bei dem Prinzen ist ein großer Tätigkeitsdrang, ähnlich wie beim Kaiser, und die Sehnsucht, sich nützlich zu machen. Er ist übrigens in einer gewissen oppositionellen Stimmung gegen the powers at home, wie wir sie ja häufig durchmachen, die aber bei einem Prinzen sehr verwundert. Über die Neuorganisation in der Armee ist er sehr unzufrieden und äußert: »Wer einen Bismarck entlassen konnte, sollte doch mit Tirpitz fertig werden!«

10. April. Morgens kutschierte die Prinzeß Edmund auf den Paradeplatz, wo für ihn eine Parade stattfand, und dann noch in das Lager, in dem wir damals durchaus mit den Chinesen essen sollten. Edmund sagt, er hätte einen reizenden Morgen gehabt voll merkwürdiger Gedanken und Empfindungen. Es ist seltsam, den Ort so wiederzusehen. Überall wird gearbeitet, 3500 Kulis sind beschäftigt, vorläufig allerdings bei lauter Regierungsarbeiten. Möchten doch die Privatunternehmer nicht ausbleiben und wirklich etwas daraus werden! Nachmittags wurden wir mit der Pinasse auf die »Deutschland« gebracht. In der Kajüte des Prinzen, die reizend eingerichtet ist, ganz weiß mit vielen Aquarellen, fand ein größeres Diner statt, und nachher war Ball auf Deck, zu dem le tout Tsingtau eingeladen war. Das war der Abschluß unsres Aufenthalts, und es tat uns aufrichtig leid, dem Prinz und der Prinzeß adieu zu sagen. Überhaupt ist mir der Gedanke, von China wegzugehen, viel schwerer geworden, seit wir in Tsingtau gewesen sind, denn man ist sich hier so recht der großen Aufgaben bewußt geworden. Edmund meint aber, die Ansprüche der Missionare stiegen in letzter Zeit so sehr, daß notwendigerweise zwischen ihnen und der Regierung ein Krach entstehen müsse, und er sei froh, daraus heraus zu sein.

14. April. Wieder in Peking. Die Wagenburg unsrer Kisten begrüßte uns im Hof, und es ging sofort ans Packen. Die nächsten Tage waren aufreibend, da wir plötzlich beschlossen, in acht Tagen fertig zu sein, um dann mit Aufenthalt in Japan über Amerika zu reisen. Dazu allerhand Abschiedsdiners.

26. April. In diesen Tagen kam der Schwarze Adler an, und Edmund schlug in Berlin vor, daß er ihn dem Kaiser überreichen wollte, sobald die Tientsin-Chingkiang-Bahn zur Zufriedenheit abgeschlossen sei. Edmund arbeitet nun mit Macht daran, die verschiedenen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Es ist aber doch eine greuliche Arbeit, sich so für die Happigkeit der Banken aufreiben zu müssen. Die Banken sind manchmal viel unerträglicher wie die Chinesen! In Yichao steht noch immer das Detachement, welches die Strafexpedition unternommen hat, und Edmund wünscht sehr, daß es nun zurückgenommen wird, denn es kann zu immer neuen Konflikten führen, besonders da man hört, daß unter den Chinesen große Erbitterung herrscht.

2. Mai. Einige Tage krank gewesen an Fieber. Dabei wird es heiß und man sehnt sich weg, und der Zustand in dem ganz ausgeräumten Haus zwischen Kisten so sehr unbehaglich. Über die Bahn sind noch unendliche Weitläufigkeiten gewesen, aber am 10. soll gezeichnet werden.

9. Mai. Im letzten Augenblick, wo alles zum Unterzeichnen bereit war, kam ein Telegramm der Hongkong-Shanghai-Bank aus London, das unter nichtigen Vorwänden den Abschluß unmöglich macht. Dahinter steckt der Wunsch der Engländer, unsre militärische Pression auszunützen, um hier bei dieser Bahn Bedingungen zu erreichen, die sie allein nie durchsetzen würden, um dann nach diesem Präzedenzfall die gleichen Bedingungen für ihre bisher wertlosen Konzessionen im Süden zu bekommen. Gegen Abend kam Urbig aus Tientsin und teilte Edmund mit, nun habe auch Herr von Hansemann telegraphiert, und zwar noch maßlosere Bedingungen gestellt, als die Hongkong-Shanghai-Bank. Edmund und ich waren ganz herunter, denn die Sache ist nun wohl als endgültig gescheitert anzusehen. Enfin, man hat mal wieder seine Schuldigkeit getan, aber mich grämt der Gedanke, daß Edmund, der so unablässig gearbeitet hat, mit einem Mißerfolg hier endigen soll.

11. Mai. Reuter bringt beunruhigende Telegramme, daß Rußland und England sich über China verständigt und es in zwei große Interessensphären geteilt hätten, und in Berlin schaut man ruhig zu, und Edmund erhält wie gewöhnlich kein Wort Instruktion.

Am 18. Mai wurde endlich der Vertrag über die Tientsin-Chingkiang-Bahn doch noch unterzeichnet. Gérard hat ganz recht: »En Chine même les succès laissent un mauvais arrière gout.«

24. Mai. Edmund erhielt ein nettes Telegramm von Bülow, daß nunmehr die Detachements zurückgezogen werden sollten, daß Edmund den Schwarzen Adlerorden übergeben möge und danach seiner Abreise nichts im Wege stünde. Nun ist also endlich die Sorge über dies llmonatige Schmerzenskind, die Bahn, gehoben! Die Girandolen, die unser Kaiser der Kaiserinwitwe schenkt, sind angekommen. Wunderschöne Dinger und viel zu gut. Die Audienz zur Überreichung wird auf den 30. festgesetzt. Unsre Abreise soll dann am 1. Juni stattfinden. Ich war den ganzen Tag von entsetzlichen Kopfschmerzen geplagt, daß ich mich zu Bett legen mußte. Edmund ging zum Essen in die Messe, und ich machte währenddem ein kleines Gedicht:

Je parcours une fois encore
Les chambres, que demain je vais quitter.
Regardant le soleil couchant qui les dore,
Je songe à ceux qui vont les habiter.

Ils regarderont avec indifference
Les endroits qui me furent chers,
Peu-être même avec impatience
Changeront-ils ma chambre vert clair.

Ils changeront les meubles de place,
Curieux ils fureteront partout.
Des étrangers se mireront dans la glace
Qui me reflétait belle pour vous.

Ils regarderont sans comprendre,
Qu'ici vivait un être triste et lassé.
Ils ne pourront pas entendre
Les sanglots confus du passe.

Ils ne sauront pas que dans ces choses
Traînent des lambeaux de mon coeur,
Ils ne sauront pas qu'ici repose
Le Souvenir d'un peu de bonheur.

29. Mai. Den ganzen Vormittag gepackt. Später kamen die Mandarine und Kulis, die vom Tsungli geschickt wurden, um die Geschenke abzuholen. Edmund und ich gingen dann aus, um Besuche zu machen. Als wir heimkehrten, wurden wir mit der Nachricht empfangen, daß die Chinesen die eine Vase aus der Berliner Porzellanmanufaktur hatten hinfallen lassen und sie in tausend Stücke zertrümmert sei. Abends spät kam noch Hsu chung cheng zu Edmund und beschwor ihn, bei der morgigen Audienz nichts von zwei Girandolen zu erwähnen, sie würden die eine in Berlin nachbestellen. Später erfuhren wir, daß sie in den europäischen Läden Pekings herumgelaufen seien, in der kindlichen Hoffnung, etwas zu finden, was sie an Stelle dieser Vase der Kaiserin unterschmuggeln könnten.

30. Mai. Morgens ging Edmund mit allen Herren zur Audienz. Die alte Kaiserin soll buddhahafter als je dagesessen haben, und der Kaiser elender und unterdrückter denn je. Edmund übergab ihm persönlich den Orden, den er sich auch gleich ansteckte.

1. Juni. Morgens um 5 Uhr holte mich Edmund, um die letzten großen Kisten adressieren zu lassen. Beim Frühstück kamen alle unsre Leute, um uns adieu zu sagen, was mir viel mehr leid tat, als ich gedacht hatte. Nachher kamen eine Menge Bekannte, und um 10 Uhr ging es endlich fort, zum letztenmal in den grünen Sänften. An der Bahn war le tout Peking versammelt zu Pferde und zu Wagen, und es gab endloses Abschiednehmen. Es war ein herrlicher Moment, als sich der Zug in Bewegung setzte und Peking definitiv hinter uns lag. In Tientsin wurden wir von vielen Deutschen abgeholt, und abends gaben sie uns ein großes Festessen.

2. Juni. Morgens ganz früh fort. Noch einmal an den Taku-Forts vorbei, die Edmund zum letztenmal salutierten, und dann hinaus auf die »Kaiserin Augusta«, die der Prinz uns geschickt hatte. Es war wie: Nach Hause kommen.

4. Juni. Morgens in Tsingtau. Prinz Heinrich kam gleich von der »Deutschland« zu uns herübergefahren, saß längere Zeit bei uns und ließ sich erzählen über den Bahnvertrag und die Audienz. Es waren noch ein paar reizende behagliche Stunden, die wir dort verlebten, der Prinz so liebenswürdig und reizend wie möglich. Eigentlich sollte uns die »Kaiserin Augusta« nach Shanghai bringen, als aber der Prinz hörte, daß wir gern möglichst bald nach Japan wollten, gab er Befehl, daß die »Kaiserin Augusta« uns nach Nagasaki bringen sollte. Nachmittags gingen wir in See, hatten eine recht gute Fahrt, bei der wir nur einmal in der Nacht beinahe von einem japanischen Torpedoboot angerannt wurden, und am

6. Juni liefen wir in Nagasaki ein.

6. Juni. Die Einfahrt in Nagasaki ist ganz reizend, und nach dem trostlos braungelben China ist es eine wahre Wonne, mal wieder so tiefgrüne Berge zu sehen. Wir waren sehr behaglich in dem Nagasaki-Hotel untergebracht, und ein solch zivilisiertes Haus, die reinen Straßen und die vielen gewaschen aussehenden Menschen waren eine Relevation nach drei Jahren Peking. Ich genoß besonders die Rickshawfahrt durch die Stadt mit den schönen Blumenläden, den malerischen Brücken und dem vielen Grün.

7. Juni. Leider arges Regenwetter. Nachmittags gingen wir in allerhand absonderliche Läden, wo man durch Miniaturgärtchen im Regen watet, Hühnerleiterchen hinaufklettert und in winzigen, mattenbelegten Zimmern die niedlichsten Kurios besieht. Abends gingen wir mit dem Konsul Beeck und einigen Marineherren in das Restaurant zur Wistaria, wo wir ein japanisches Diner und Geishafest hatten. Leider strömender Regen, daß man nicht in den allerliebsten kleinen Landschaftsgarten konnte. Das Haus war mit Matten belegt, so daß man Stiefel ausziehen mußte, und beim Essen hockt man auf Kissen am Boden. Ganz hohe Leuchter stehen herum, die alle paar Minuten von den Dienerinnen geputzt werden, wobei sie sich graziös hinknien. Die sonderbaren Speisen wurden uns in entzückenden Lackschüsselchen auf reizenden Lacktischchen von den allerliebsten Geishaschülerinnen, den Mapos, gebracht, die sich dann vor uns hinknieten und uns aufs liebenswürdigste und nichtssagendste anlächelten. Nach dem Essen fanden dann Tänze statt, die eigentlich mehr Posen und Pantomimen sind. Wir waren ganz entzückt von der Grazie der Tänzerinnen und ihren wundervollen Kostümen.

8. Juni. Nachmittags hellte sich das Wetter auf, und wir hatten einen netten Abend auf der Veranda. Die Ähnlichkeit von Nagasaki mit Luzern fällt uns immer mehr auf, nur daß dort nicht wie hier enorme Papierfische auf den Dächern der Häuser flattern, die bedeuten, daß in dem Jahr in dem Haus ein Knabe geboren worden ist und ihm Geschenke gemacht worden sind. Für jedes Geschenk wird ein Papierfisch an den hohen Mastbaum vor dem Haus angebunden.

9. Juni. Morgens kehrte die »Kaiserin Augusta« nach Kiautschou zurück, und wir realisierten zum erstenmal, adrift on the world zu sein.

10. Juni reisten wir ganz früh nach Mogi, wo wir in einem halb japanischen halb europäischen Gasthof wohnten, und die ganze Nacht klang aus einem gegenüberliegenden Teehaus Gitarrengeklimper zu uns herüber.

11. Juni. Morgens per kleinen Dampfer von Mogi, das reizend liegt, über die Inland Sea übergesetzt nach Tokuyama. Von dort per Bahn nach Miajima. Dort mit kleinem Boot nach der Insel übergesetzt. Sie ist mit prachtvollem Wald bedeckt, und schon von weitem sieht man den Tempel und den weit in die See hinausgebauten Fori. Wir wohnten in einem bezaubernden japanischen Hotel. Es besteht aus lauter einzelnen Häuschen für Liebespärchen, die in einem großen Park zwischen plätscherndem Wasser liegen. Wir schliefen köstlich auf dicken Matratzen, die auf den Boden gelegt wurden.

12. Juni. Morgens besuchten wir die entzückenden Tempelanlagen, die bei Flut ganz von Wasser umgeben sind, fütterten die zahmen Rehe, die durchs Wasser laufen und machten noch einen langen Spaziergang durch den Park an alten malerischen Bäumen am Meer entlang. Ich wäre gern an diesem bezaubernden Ort geblieben. –

13. Juni. Gestern spät abends in Okuyama, morgens früh wieder ab und mittags in Kobe eingetroffen. Wir fuhren gleich auf die »Empress of India«, um Kettelers zu besuchen. Er hat sich wenig verändert, seit ich ihn vor etwa 18 Jahren als Leutnant in Karlsruhe sah. Sie ist noch ganz jung, liebenswürdig und elegant, noch nie aus Amerika herausgekommen, spricht wenig Deutsch und hat keine Ahnung, was ihrer in Peking wartet!

14. Juni. Mit einem Dolmetscher von Kobe aus nach Osaka gefahren. Eine interessante blühende Handelsstadt mit amüsanten Vergnügungsstraßen, wo wir uns Theater und Ringkämpfe ansahen. Diese letzteren, in einer riesigen Arena, erinnerten so sehr an Beschreibungen altrömischer Kampfspiele, daß man dabei vollkommen das Gefühl des schon Erlebten hatte. Abends weiter nach Kioto, wo wir in dem hochgelegenen Yaamihotel wohnten, von dem aus man eine himmlische Aussicht auf die tief gelegene Stadt hat mit ihren großen Tempeln und den jenseitigen Bergen. Ein japanisches Florenz. In der Stadt entzückten mich am meisten die Palais, besonders das des Shogun mit seinen wundervollen Malereien auf Goldgrund. Es frappiert, zu sehen, wie sehr japanische Kunst unsern Geschmack beeinflußt hat, und wieviel wir doch noch immer von ihnen lernen können in liebevollem Ausarbeiten des einzelnen, und vor allem im Maßhalten. Von Kioto aus waren wir einen Tag in Nagoya, wo wir das alte Schloß besahen, das etwas an die Pekinger Tore und Türme erinnert. Den nächsten Tag in Jokohama, leider bei fürchterlichem Regenwetter, so daß wir von all den schönen Blicken auf den Fuji gar nichts hatten. Von dort nach Tokio, wo wir bei Graf Leyden in der hübschen Gesandtschaft mit Wedels frühstückten. Leyden und Wedels klagen über Japan, das uns wie ein wahres Paradies erschien. Wie gern wäre ich dort geblieben. Wedels sind nur in Madrid und Paris gewesen, da erscheint ihnen Verbannung, was uns als ein Zivilisationszentrum vorkommt. Es wird eben mit verschiedenem Maß auf der Welt gemessen. Sie klagen auch darüber, daß Prinz Heinrich kommt, und wie leicht ist hier doch so ein Prinzenbesuch im Vergleich zu Peking.

Zurück nach Jokohama und gleich mehrtägige Tour unternommen nach dem reizenden Miyanoshita und nach dem Hakonesee, mit Rückweg über ein schwefelreiches Gebirge. Größtenteils zu Fuß und entzückt von der schönen Gegend. Dann fuhren wir nach Tokio zu dem Diner, das Graf Leyden für den Prinzen gab. Der Prinz begrüßte uns wie alte Freunde und trank Edmund bei Tisch zu, indem er sagte: »Mit Ihnen geht mir doch das liebste Stückchen Ostasien verloren.« Alle Welt schaute sich nach uns um, und als der Prinz dann Abschied nahm, sagte er nochmals ganz laut zu uns: »Ich danke Ihnen für alles, was Sie hier draußen für mich getan haben!«

Es amüsierte mich sehr, die vielen Japaner bei diesem Fest zu sehen; sie benehmen sich ganz manierlich, aber die wenigsten unter ihnen sprechen auch nur eine Silbe einer europäischen Sprache, und da nicht, wie in Peking, Dolmetscher dazwischen gesetzt werden, so sitzt man stumm nebeneinander. Wir blieben einige Tage und besahen uns alles gründlich. Die Gesellschaft würde vielleicht nicht ergiebiger sein, als in Peking, aber was bietet nicht alles dies bezaubernde Land. Bei unsrer Gesandtschaft scheint niemand zu sein, der das so recht genösse und verstände.

Am 7. Juli mittags mit der »Empress of India« abgefahren. Als wir an der »Deutschland« vorbeikamen, standen alle Offiziere auf der Brücke, riefen uns glückliche Reise zu, und die Musik spielte, und von der »Kaiserin Augusta« riefen sie uns auch gute Wünsche nach.

Und so schloß die ostasiatische Lebensperiode!

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