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Tagebücher aus vier Weltteilen

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen - Kapitel 5
Quellenangabe
typediary
authorElisabeth von Heyking
titleTagebücher aus vier Weltteilen
publisherKoehler & Amelang
printrunVierte Auflage
editorGrete Litzmann
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070302
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Erholungsurlaub

April 1893 bis Februar 1894

Am 5. April waren wir in Aden. Im Roten Meer hatten wir es so windig, daß wir die Hitze nur an einem Tag verspürten, und waren entzückt von den Menschen, die trotz Indien malerisch aussehen. Im Kanal liefen wir auf und staken fest, trotz größter Mühe loszukommen. Edmund fand in den Zeitungen, daß der Kaiser mit MarschallAdolf Freiherr Marschall von Bieberstein, damals Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. und Kiderlen zur italienischen Königssilberhochzeit reist, und entschloß sich, mit mir in Brindisi auszusteigen und nach Rom zu reisen.

15. April. Morgens um 2 Uhr in Brindisi. Das Landen in der Kälte, Finsternis und Regen, aus dem Dampfer in ein kleines, schwankendes Boot war scheußlich und Europa so unwirtlich häßlich, wie ich es antizipiert hatte. In Brindisi gab es gleich Beispiele der italienischen Bettelei. Zuerst lacht man, aber schließlich ärgert man sich über die Unverschämtheit, neben der der orientalische Backshishschreier harmlos ist. Wir hatten eine schöne Fahrt nach Neapel, wo wir im Hotel Royal am Meer abstiegen. Die Fahrt zum Hotel war lustig, besonders die kuriosen Pferdegespanne amüsierten uns, aber die Menge armseliger, schmutziger Europäer hat etwas schrecklich Revoltierendes, wenn man aus Indien kommt, wo jeder Weiße ein Herr ist. Die Bevölkerung ist auch frech obendrein, was mir besonders auffiel, als ich allein auf Edmund wartete. Nach Indien macht es einen ganz melancholisch, zu sehen, daß es so viel »weiße Natives« auf der Welt gibt! Man hatte sich dort ganz an den Gedanken gewöhnt, daß es allen Weißen gut geht und sie alle anständige Leute sind. Edmund besuchte den deutschen Konsul, der ihm viel von der bevorstehenden Kaiservisite erzählte. Das italienische Königspaar wollte, wie es scheint, die silberne Hochzeit ganz en famille feiern; nun haben sich plötzlich Kaiser und Kaiserin angesagt, hauptsächlich um den schlechten Eindruck zu verwischen, den hier eine Rede Caprivis gemacht hat und die Sendung des General von Loë an den Papst. Der Besuch kommt hier sehr ungelegen, besonders weil er mit einer so kolossalen Suite stattfindet und Italien und die Königsfamilie ja absolut verarmt sind.

17. April. Um sieben kamen wir in Rom an, bekamen im Hotel Quirinal nur ein mäßiges Zimmer, und das ganze Haus machte einen unordentlichen Eindruck. Europa ist ganz wie ich es mir gedacht; ungemütlich und verlassen fühlt man sich hier! Schon das Erwachen in unserm häßlichen Zimmer, das ungefähr so groß wie ein indisches Badezimmer ist, war unangenehm.

Nachmittags fuhren wir auf dem Pincio spazieren, wo eine Masse Menschen waren, vom gemeinsten Globetrotter bis zur Königin. Sehr amüsierte es uns, den Maharajah von Kapurthalla dort plötzlich fahren zu sehen. Er muß sich wohl so fremd wie wir vorgekommen sein, denn er ließ gleich halten und unterhielt sich mit uns, als seien wir Duzbrüder. »Vous êtes Brésilien, je suis Suédois, nous sommes compatriotes.« Dann sprachen wir noch den Prinz Georg von Griechenland.

20. April. Edmund sah Marschall und Kiderlen, die beide sehr anerkennend und freundlich mit ihm sprachen. Leider ist Teheran schon besetzt. Wir hatten auch Besuch vom dänischen Gesandten Grafen Knuth, der uns sehr amüsant berichtete, wie durch das Kommen unsres Kaisers nun auch alle andern Höfe schleunigst haben Abgesandte schicken müssen. Er erzählte auch sehr nett über die Italiener, die er entschieden nicht liebt, über ihre momentane Manier, »de vouloir faire grand«, ihre Kurzsichtigkeit und südländische Mischung von »shrewdness, Torheit und Eitelkeit,« auch von Crispi und dessen zwei Frauen.

23. April. Wir sahen aus einem Fenster des Palazzo di Venezia die Fahrt von Kaiser und Kaiserin nach dem Vatikan in einem dazu aus Berlin mitgebrachten Wagen von einem ganz fabelhaften Luxus, qui écrasait tout. Da aber bloß dieser eine Wagen so wunderbar war und das ganze lange Gefolge in elenden Mietsfuhrwerken fuhr, so sah es ein bißchen aus, wie ein Maharajah in einer Goldkutsche mit dem Rabble hinter sich! Die Menge machte übrigens keine Demonstration, sondern verhielt sich mäuschenstill.

24. April. Garden-party in der englischen Botschaft. Das ganze Fest in dem hübschen Garten war sehr nett, die Toiletten, kuriosen Hütchen und der viele Schmuck machten sich im Grünen sehr gut. Reizend und wie ein altes Bild sah die Königin aus, und es war amüsant, wie sie an Lord Vivians Arm mit Kapurthalla sprach und den ganzen Zauber ihrer bestrickenden Liebenswürdigkeit auf ihn ausgoß. Lord Vivian sah dazu recht steif verwundert drein, als fände er das ein bissel Verschwendung. Das ganze Fest war aber doch manquiert, weil unsre Majestäten nach Tivoli gefahren waren und nicht mehr erschienen. Die übrigen Fürstlichkeiten schienen nicht recht zu wissen, ob sie kommen würden oder nicht, und standen in offenbar übler Wartelaune herum. Nachts gegen 12 besuchte uns Kiderlen und blieb bis 2. Er war ganz reizend, so gescheit und witzig, daß man sich ordentlich freute zu sehen, daß es doch solche Leute in Deutschland gibt. Wir hörten dabei viel Interessantes über des Fürsten Abgang und seine wahnsinnige Heftigkeit gegen S. M.

25. April. Nachmittags sahen wir den Torneo, ein großartiges Reiterspiel, welches von den königlichen Prinzen und einigen hundert Herren in der Villa Borghese aufgeführt wurde. Der Coup d'oeil in der enormen Arena, die Tribünen von Pinien beschattet, war unbeschreiblich großartig, und man konnte sich so recht Szenen aus dem antiken Rom dabei vergegenwärtigen. Sehr amüsant war es, die große Hofloge dabei zu beobachten, in der sich zuerst allerhand fremde Fürstlichkeiten versammelten, bis dann schließlich die italienischen und unsre Majestäten in großartigem Zuge durch die Arena angefahren kamen. Dabei spielte man etwa zwanzig Minuten lang: »Heil Dir im Siegerkranz«, was zum Verrücktwerden klang, so daß das Ende mit einem »Ah« der Erleichterung begrüßt wurde. Bei der Abfahrt geschah dasselbe, und die andern Fürstlichkeiten müssen sich doch sehr froissiert gefühlt haben. Der Großfürst Wladimir machte auch nicht viel Hehl daraus und stand während des ganzen Gespieles ganz allein an der Brüstung, als wolle er zeigen, daß er sich von der Sache gänzlich desinteressiere, und daß es auch noch andre Mächte in der Welt gibt. Es war entschieden sehr ungeschickt arrangiert, und überhaupt wird einem hier oft Angst, wenn man den rasenden Tratra sieht, der um S. M. gemacht wird. Man denkt sich unwillkürlich, wenn das nur nicht noch mal ein Ende mit Schrecken nimmt, denn wir zehren doch rein von unsrer vergangenen Größe und neues Große wird doch auf keinem Gebiet geleistet. Seit ich in Europa bin, muß ich immer an die Französische Revolution denken. Hier ist gerade so viel Verschuldung und Armut und soziale Unzufriedenheit und daneben grundloser Luxus, vermischt mit Wohltätigkeitsgemache!

2. Mai. Abends in Berlin eingetroffen. – Während der ersten Tage unsres Aufenthaltes fand wegen Ablehnung der Militärvorlage die Auflösung des Reichstags statt. Als die Aufregung darüber sich etwas gelegt, wurde Edmund von Caprivi empfangen, und wider Erwarten war dieser sehr freundlich und versprach, an ihn zu denken. Edmund meldete sich auch bei S. M. und erhielt eine Einladung zum Schrippenfest am 2. Pfingsttag nach Potsdam.

21. Mai. Pfingstsonntag in CrossenSchloß Crossen a. d. Elster, Stammschloß der Grafen Flemming aus der jüngeren reichsgräflichen Linie (Iven) seit 1774. und mit Onkel Edmund zum Kirchhof. Es ist mir so merkwürdig, wieder einmal hier zu sein, ich komme mir wieder ganz jung vor, und als könnte ich so manches Trübe vergessen.

23. Mai. Mittags kam Edmund an und erzählte, der Kaiser sei ganz außerordentlich nett zu ihm gewesen, sei gleich auf ihn zugekommen und habe gesagt: »Na, Heyking, wir haben Ihnen ja so sehr für Ihre famosen Berichte zu danken.« Dann hat er lang über Indien gesprochen und, wie Edmund sagt, in ganz kameradschaftlichem Ton und so, daß er merkte, daß der Kaiser seine Berichte wirklich genau kannte. Von der Sicherheit der englischen Herrschaft in Indien scheint S. M. nicht viel zu halten. Edmund war sehr entzückt von dem Gespräch und meinte, man fühle sich keinen Moment geniert, S. M. aber habe eine so leichte natürliche Art zu sprechen, daß man sich sehr denken könne, daß er sich bei Reden auch mal vergaloppiere. Diese Entrevue mit S. M. ist ja sehr erfreulich, aber ein wirkliches Vorwärtskommen sehe ich doch noch nicht, und der Gedanke, etwa erfolg- und aussichtslos nach Indien zurückzumüssen, ist doch recht hart. Während dieses ganzen Urlaubs ist mir immer das Herz so schwer, und die Geldfragen machen mir soviel Sorge. Mit Edmund kann ich nicht davon sprechen, denn er nennt das: ihn absichtlich deprimieren. Frauen sollen immer heiter sein, gleichgültig, wie ihnen zumute ist, jemand, der sie mal aufheiterte, haben sie nie. Gerade hier in Crossen ist mir so wehmütig zumute, ich muß soviel an meine sorglose ganz junge Zeit denken und komme mir jetzt so heimatlos vor wie ein Blatt im Winde.

Juni. Am 10. fuhren Edmund und ich zu den Kindern nach Buckow.Schloß Buckow i. d. Mark, den Grafen Flemming gehörend, wo Elisabeth die Sommerferien mit ihrem ersten Gatten verlebte. Edmund, Stephanie und ich gingen nachmittags in die Kirche. Wie merkwürdig, gerade mit den beiden da zu stehen. Überhaupt kommt es mir wie ein Traum vor, so hier zu sein. Jede Ecke hat so unbeschreiblich viel Erinnerungen, an manchen Stellen bleibe ich immer wieder stehen und erinnere mich, was ich gerade da vor 10 Jahren gedacht habe. Überall tritt mir meine Jugend entgegen. Mein jetziges Schlafzimmer ist dasjenige, in dem Didi damals sang, und es ist mir, als klänge immer noch: »Ich liebe dich – in Zeit und Ewigkeit.«

15. Juni. Nach Berlin gefahren und Teddy zu Beuster gebracht, welcher meint, er bedürfe nur noch der Schonung, um ganz gesund zu werden. Er meint aber, mein Herz sei angegriffen von dem heißen Klima und ich müsse nach Kissingen.

18. Juni. Eine recht behagliche Zeit in Buckow. Viel in Erinnerungen gelebt und nachgedacht, wie alles so gekommen. Es ist mir, als sähe ich mich gehen und stehn, wie ich vor vielen Jahren war. All die Jugendunruhe und Sehnsucht nach dem Unbestimmten ist verschwunden, verschwunden auch das Gefühl des Unverstandenseins und der Wunsch, sich selbst in einem andern zu finden. Aber auch viel schöne Jugendbestrebungen und Ambitionen sind dahin und mit ihnen das damals felsenfeste Bewußtsein, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein. Ich sitze im Garten, stopfe Kinderwäsche und bin dagegen abgestumpft, daß ich eigentlich so gar nichts geworden bin, von keiner Gesellschaft sehr vermißt werde und für allen früheren Ehrgeiz und den mir damals im Blute liegenden Wunsch, etwas zu glänzen, so wenig Befriedigung gefunden habe. In der Ecke liegen alle meine Kindergedanken, Beschäftigungen und Wünsche und sehen mich mit traurigen Augen an – aber ich bin eigentlich ganz zufrieden so – wenn nur große Katastrophen ausbleiben und man die paar Menschen behält, die man liebt, kann man immer dankbar bleiben. Edmund grault sich vor dem Gedanken, nach Südamerika vielleicht zu müssen. Mir graut ja vielleicht noch mehr wie ihm; wird uns dort etwas angeboten, müssen wir es doch nehmen, so gräßlich dieser ganze Weltteil auch ist. Der einzigste Ort, an den ich vielleicht gern ginge, ist Kairo; aber das scheint so unerreichbar und von so vielen gewünscht. Wie schön wäre es, wenn wir irgendwo ein Gütchen hätten mit behaglichem Haus und großem Garten, etwas, was ein dauerndes Heim wäre, wo die Kinder wirklich Wurzel fassen könnten. Wenn ich sehe, wie glücklich Teddy hier ist, dann wünsche ich mir das so ganz besonders. – Wir fuhren nach Obersdorf zum Gottesdienst, und es war mir so merkwürdig, die Wege wiederzusehen, auf denen ich täglich als Backfisch zu den Konfirmationsstunden geritten bin, die kleine Stube im Pfarrhaus, wo mir Knauert den Unterricht gab, und die rührende kleine Dorfkirche mit dem Altaraufsatz, den kleine weiße Gipsfigürchen zieren.

Juli. Wir entschlossen uns, nicht nach Kissingen, sondern zusammen nach Homburg zu gehn.

4. Juli. Abends todmüde in Homburg angekommen. Unterwegs sehr die behaglichen Bilderchen genossen. Ganz die Art von Gegend, an welche man mit Sehnsucht denkt, wenn man weit draußen an Fieber und Heimweh krank ist.

6. Juli. Wir fuhren hinaus in den Wald, wanderten dort und besahen uns den Hirschpark, wo uns die zahmen Hirsche aus der Hand fraßen. Ein hübscher harmloser Tag und es ist eine gewisse Glückssicherheit, solch einfache Genüsse zu lieben, denn solang man sich nur gegenseitig hat, kann man die ja auch haben, wenn es auch sonst alles schief geht.

8. Juli. Nachmittags durch prachtvollen Wald gefahren. Im Restaurant bekamen wir scheußlich kalten, labbrigen Kaffee, und als Edmund dagegen remonstrierte, gab man uns zur Antwort, alle englischen Herrschaften tränken ihn so! Es ist wirklich recht widerlich, wie der Ort anglisiert ist, das gemeine deutsche Bestreben, nicht deutsch sein zu wollen, tritt zu schamlos auf. In Läden und Restaurants wird man englisch angeredet und die Leute glauben, einem damit zu schmeicheln.

11. Juli. Herrn von Sommerfeld getroffen. Eine wahre Recours in dieser Heimat englischer Apoplektiker und Frankfurter Juden. Er erzählte viel über die Kaiserin Friedrich. Ehe der Kronprinz so krank geworden, soll sie mit Herbert Bismarck so eine Art entente tacite geschlossen haben, bei der jeder den andern zu übervorteilen suchte. Die damalige Kronprinzeß wollte durchaus die Battenbergische Heirat durchsetzen und Herbert wollte sich den künftigen Kanzlerposten sichern. Sehr merkwürdig ist zu hören, wie der arme Kaiser Friedrich von der Kaiserin beherrscht wurde, so daß er sie um alles befragte, und wenn ihm Vortrag gehalten wurde, weglief, sie zu befragen, ehe er eine Entscheidung traf. Sommerfeld meint, sie sei viel begabter gewesen als er, aber er viel urteilsfähiger, if only she had left him alone. Es sei damit von Jahr zu Jahr schlimmer geworden. Er habe eine Scheu vor Entschlüsse fassen gehabt, sie dagegen eine Passion dafür, so daß sie für ihn eine Art Entschlußmaschine geworden wäre. Der Eigensinn und Glaube an ihre Unfehlbarkeit sei schließlich so arg geworden, daß sie eine Sache für richtig gehalten habe nur deshalb, weil sie sie gewollt habe. Er meint, es sei eine Krankheit des Willens, daß der Wille eben mit dem Verstand durchgeht.

4. August. Von Homburg mittags abgereist und abends spät in Luzern angekommen, wo bald der von Tells Zeiten her bekannte Sturm begann.

5. August. Viel an die arme Didi gedacht, deren Geburtstag heut ist. Ich erinnere mich so gut, wie sie zum erstenmal unter einem blauen Scheier spazieren getragen wurde, und wie ich bei ihrer Taufe mordoré Schuhe trug. Hätten wir damals verschiedene Kapitel unsres Lebens voraussehen können, wir hätten ihre Windelchen als künftige Tränentüchelchen bewahrt. Aber wenn man alles wüßte, erschien wohl jedes Leben bemitleidenswert.

8. August. Ruhiger Bummeltag in Luzern, nachmittags holte ich Edmund in Brunnen ab. Für a travalling old maid wäre ich nicht geschaffen, es ist mir zu graulich.

9. August. Morgens über Zürich nach Chur und in dem dunklen winkligen Städtchen gebummelt. Von Chur fuhren wir mit Extrapost, was uns sehr an unsre Pyrenäenhochzeitsreise erinnerte. Von Thusis machten wir einen Ausflug in die Via mala – merkwürdig, wie der Rhein tief unten durch die Felsen sich durchwindet. Von da weiter durch den Schynpaß, der uns durch seine Schönheit sehr überraschte. Hohe steile Felsen, dunkle Tannen und tief unten die rauschende blaugrüne Albula. Abends nach Tiefenkastel, wo wir in dem reizenden »Julierhof« übernachteten.

11. August. Über den Albulapaß zu Fuß gegangen. Von da scharf herunter nach Samaden und gegen Abend in St. Moritz eingetroffen. Über diesen Ort war ich sehr enttäuscht. Ein schattenloser staubiger Fleck mit einer Art Meidam, auf welchem mühsam einige Bäumchen und Blumen den Kampf ums Dasein führen, und an dem steif und poesielos die großen Hotels liegen, so daß man von den wenigsten auch nur ein Blickchen auf den kleinen grünen See hat, der das einzig Hübsche ist. Es war so überfüllt, daß wir nur ein teures niedriges Zimmer im Kurhaus ergatterten. Wir versuchten Table d'hote zu essen, wurden aber von dem Gewühl entsetzlicher Menschen abgeschreckt; als Krone schenkte uns der Kellner Bitterwasser anstatt Soda ein, und darauf verließen wir das Lokal in a huff!

21. August. Nach Ponteresina übergesiedelt, das uns viel besser gefällt. Eine recht behagliche stille Zeit gehabt.

29. August. Früh von Ponteresina fort und schöne Fahrt über den Julier gehabt. Kamen bei Sonnenuntergang in Rorschach an, von wo wir bei aufgehendem Mond über den See nach Lindau fuhren.

1. September. Wir gingen trotz strömendem Regen nach Neuschwanstein, dessen Lage herrlich ist. Das Schloß selbst aber recht die Arbeit eines Wahnsinnigen. Keine vernünftige Treppe, dumme Grottenspielereien und Überladung von Bronze und falschen Steinen. Die Zimmer sind das letzte Wort deutscher »stilvoller« Einrichtung: Eichengetäfel, unbequeme steife Möbel, abwechselnd in Goldgrün, Blausilber und Rotgold. Dazu in jedem Zimmer gemalte Paneele aus deutschen Sagen und eine solche Masse von Schwänen, daß man swain on the brain hat. Das Merkwürdigste ist aber der überladene goldene Thronsaal mit Darstellungen auf Goldgrund aller heiliggesprochenen Könige. In einem Halbrund, wie in den ganz alten Kirchen, sollte der Thron stehen, und das Ganze ist recht ein Ausdruck des Glaubens an eine mystische Vereinigung von König- und Hohenpriestertum. Der Papst oder der Zar könnten sich das allenfalls leisten, aber ein kleiner König von Bayern?

2. September. Nach Linderhof gefahren. Leider morgens strömender Regen. So wateten wir denn durch den reizend angelegten Park und sahen zuerst die künstliche Grotte, welche bengalisch beleuchtet wurde, eine recht verrückte Spielerei. Es befindet sich ein kleiner See darin, auf welchem sich der König nachts stundenlang in einer muschelförmigen Gondel rudern ließ. An einem Ende des Sees ist ein häßliches Transparent angebracht: Tannhäuser im Venusberg. Er hat sich überhaupt so viele derartige Sujets malen lassen, daß man die Empfindung hat, daß er zum Teil an falsch dirigierter Sinnlichkeit zugrunde gegangen ist.

11. September. Morgens in Berlin eingetroffen. Langer Besuch von Rudolf Lindau, der mir viel vom Rücktritt des Fürsten Bismarck erzählte und sich zu entschuldigen schien, daß er selbst nicht Bismarckfarbe gehalten habe. Es ist ekelhaft zu sehen, wie all diese Leute vor 4 Jahren krochen vor dem Schatten irgendeiner Bismarck genannten Person und wie sie jetzt über die ganze Familie reden. Auch Schweninger besuchte uns; es ist ein merkwürdig gewinnender Mensch voll Herzlichkeit und Sympathie. Er erzählte von der letzten schlimmen Erkrankung des Fürsten und dann von seinem Rücktritt. Er habe es allmählich machen wollen, aber die ganze Sache sei von andern verhetzt und ins Gehässige gezogen worden. Die badischen Herrschaften sollen sehr gegen den Fürsten intrigiert haben. Schweninger sagte, der Kaiser habe ihn einmal zu sich gerufen, als man ihm erzählt habe, daß der Fürst Morphinist sei, und er, Schweninger, habe geantwortet, daß die Leute, die so vom Fürsten sprächen, Schweinehunde seien! –

Edmund und ich suchten den ganzen Tag Wohnungen und Pensionen für die Kinder zum Winter und kamen dabei in die wunderbarsten Häuser, zu Halbverrückten, verarmt Adligen, Junggesellen, zweifelhaften und unter allem Zweifel stehenden Damen.

20. September. Heut begegneten wir Rottenburg und bummelten etwas mit ihm. Es war interessant zu hören, wie schlecht er vom jetzigen Regime denkt; Miquel sei der einzige, der geschickt wäre und etwas verstände, hätte aber die höchstgehenden Ambitionen und Caprivi graulte es auch schon vor ihm. Rottenburg meinte, wenn das Augenblickliche sich völlig abgewirtschaftet habe, würde General von Bülow Reichskanzler und der Bukarester Bülow Staatssekretär werden. Wir sprachen dann noch von der schweren Erkrankung des Fürsten Bismarck und wie wünschenswert es doch sei, daß der Kaiser sich mit ihm noch versöhne, wobei er sich ja gar nichts vergebe, sondern die größten Sympathien erwerben würde.

21. September. Wie eine Antwort auf unser Gespräch brachten die Zeitungen die Nachricht, daß S. M. an Bismarck telegraphiert und ihm für den Winter ein Schloß angeboten habe. Wir freuten uns ungeheuer darüber, und daß der Kaiser solcher Selbstüberwindung fähig ist, gibt einem Zutrauen zu ihm.

Vom 23. bis 30. September. In Buckow eine behagliche Zeit mit den Kindern und Didi verlebt. Im Garten war alles herbstlich gelb und rot, und es lag in allem der wehmütige Herbstfrieden, als wolle uns die Natur lehren: »Was nützt das Hasten und Sorgen, es ist doch alles so bald vorbei.« Ich erinnere mich eines Abends, als Didi am Klavier im Saal saß und ihre alten Lieder sang, die Kinder hatten sich ganz still um uns gekauert, und mir ging immer der Satz durch den Kopf: »Voilà le bonheur qui passe.«

30. September. Eine recht jammervolle hoffnungslose Zeit mit dem vielleicht guten Zwang, daß man es äußerlich vor allen verstecken muß. Unsre Lage ist recht schlimm on the whole line. Keine Vakanz entsteht und wir hätten eigentlich gestern absegeln müssen, haben nun aber 6 Wochen Nachurlaub erhalten; währenddem verlieren wir aber Edmunds Gehalt, von dem wir jetzt so abhängig sind, denn in Chile geht es from bad to worse. Hier in Berlin haben wir auch sehr viel an den Northern Pacifics verloren, die uns Meyer-Cohn ohne jeden Auftrag gekauft hat, und in Chile ist vieles seit unsrer Abreise in unsrer Vermögensverwaltung versehen worden. Nun müssen wir nach Indien zurück, verlieren dadurch unsre ganze Reise nach Europa, die uns ja bei einer Versetzung ersetzt worden wäre. Es ist alles so hart und hoffnungslos. Man schläft mit dem Gedanken ein, fühlt ihn wie einen Alp während der Nacht und wacht morgens damit auf. Der einzig schöne Augenblick ist, während man betet – dann allein stehe ich jemand gegenüber, der schon alles weiß, dem ich alles sagen kann und den ich um alles bitten darf. Oft stundenlang denk' und bet' und wein' ich so vor mich hin und dann wird mir ein bischen ruhiger zumute. Das Traurigste ist der Gedanke an die Kinder. Jetzt gehen wir eigentlich für immer von ihnen fort; sie werden aufwachsen, ohne uns lieben zu lernen, und später uns verurteilen!

Edmund hat Marschall und Holstein gesprochen, die beide etwas tun würden, wenn nur eine Vakanz entstünde. Aber gerade in diesem Jahr, wo soviel für uns davon abhängt, rührt sich keiner. Ich wünsche ja keinem etwas Böses, aber es ist doch sehr hart, wenn man so an alte Leute wie Münster denkt, die Jungen den Weg versperren und dabei das Gehalt gar nicht nötig haben.

Am 8. Oktober kam Didi aus Danzig zurück, mir eine wahre Herzensfreude, denn ich fühle ihr so sehr die wirkliche Sympathie an. Eine wahre Beruhigung, mit ihr reden zu können. Sie hat soviel Trauriges erlebt, daß sie andere versteht.

16. Oktober. Edmund und ich sahen im Weißen Saal die Reichstagseröffnung. In comparison to an Indian show it was but a poor sight, alles steif und hölzern. Der Kaiser sprach sehr deutlich. Caprivi looked like stupidity on a monument; von meinem Platz sah ich gerad auf seinen Schädel herab, dem sicher nie ein genialer Gedanke entsteigen wird. All die Abgeordneten in ihren vielen verschiedenen, z. T. recht schäbigen Uniformen sahen keineswegs imponierend aus. Ein Engländer stand neben mir und konnte sich offenbar nicht in den Gedanken dieses militärischen Parlaments hineinversetzen, denn er frug seine Nachbarn »but will the members of parliament not be allowed to be present?«

15. November. Wir waren abends zu einer Soirée bei Professor Schiemann, die mich recht an Professorenabende von vor 12 Jahren erinnerte. Ich sprach lang mit Geheimrat Raschdau, der von einem bevorstehenden Revirement erzählte, daß seinen Anfang damit nähme, daß Graf Solms aus Rom abginge, und er hoffe sehr, dies würde eine Wirkung bis auf uns haben.

18. November. Edmund hörte von Kiderlen, er sei für Kairo vorgeschlagen, Kiderlen mache sich aber gar keine Hoffnung, daß es durchgesetzt würde, denn Caprivi scheine nicht sehr geneigt.

22. November. Edmund sprach Holstein, welcher ihm sagte, daß er nach Kairo kommen würde, und ihm Verhaltungsmaßregeln mitgab.

28. Dezember. Ein entsetzlich aufregender Tag. Wir sprachen Frau von Delbrück,Elise von Delbrück geb. von Pommer-Esche, Gemahlin des ehemaligen Präsidenten des Reichskanzleramts Rudolf von Delbrück. die mit Caprivi gesprochen hatte, und zu unserem Entsetzen erzählte sie, daß er gleich ganz wütend geworden sei, als sie ihm nur gesagt habe, es dauere sie so, daß ich nun ohne die Kinder wieder nach Indien zurück müßte. Wir waren furchtbar niedergeschlagen und fuhren in schrecklicher Stimmung zum Diner zu Marschalls. Es war sehr nett, aber mir entsetzlich unheimlich, daß soviel über unsre Rückkehr nach Indien gesprochen wurde! Als wir in der Droschke saßen, fiel mir Edmund um den Hals und sagte mir, Marschall habe ihm mitgeteilt, wir kämen nach Kairo, die Ernennung müsse nur noch vom Bundesrat bestätigt werden, was eine reine Formalität sei. Wir waren ganz glückselig. Gott hab Dank für dies große Glück!

31. Dezember. Edmund im Auswärtigen Amt, um sich bei Holstein zu bedanken, der es für ihn durchgesetzt hat. Den Abend verbrachten wir bei Robert-tornow, wo es so behaglich und hübsch war in seiner reizenden Bibliothekswohnung im Schloß; er zeigte uns die Hildebrandsche Sammlung und seine eignen alten Bilder, Porzellane und Büsten. Es hatte einen weltabgeschiedenen Alte-Zeit-Charme. Als es 12 schlug, standen Edmund und ich am Fenster und sahen aus dem alten Schloß heraus auf das Wasser, in dem die Lichter der Brücke sich spiegelten, und hörten das schöne Glockengeläute und die Neujahrsrufe in den Straßen. Wie viele Menschen mögen an so vielen Sylvesterabenden aus dem alten Schloß hinausgeschaut haben in die Nacht, aber gewiß selten welche, die sich so glücklich fühlten wie wir beide und die so dankbar beteten, daß es so bleiben möchte! Noch nie haben wir ein Jahr so voller Hoffnung begonnen und mit dem dankbaren Bewußtsein, daß die Wolke, unter der wir 10 Jahre gestanden, sich doch endlich lichtet, und Edmund auf einen Platz kommt für den er wirklich paßt und von wo aus der Weg zu allem führt.

1. Januar 1894. Morgens kamen die lieben Kinder, uns zu gratulieren. Gott behüte sie uns.

Wir waren dann zum Diner bei Roths, Schweizer Gesandten, die seit 17 Jahren hier sind. Er erzählte über den Abgang Bismarcks und wie er bei den fremden Gesandten gegen den Kaiser gearbeitet habe; besonders bei Gelegenheit der Arbeiterkonferenz, on which H. M. had set his heart, versuchte der Fürst durch die fremden Gesandten die Sache scheitern zu machen. Zu Roth sagte er: »S. M. ist von seinen Eltern wie ein Gefangener erzogen worden und jetzt, da er frei ist, hat er die Weltbeglückungsmanie.« Roth meinte, der Fürst habe sich gar nicht klar gemacht, daß von seinem Tun und Reden doch vieles dem Kaiser hinterbracht wurde. Marschall muß einer von denen gewesen sein, die ziemlich früh den kommenden Umschwung geahnt haben, und durch ihn und die badischen Herrschaften ist vieles an den Kaiser gekommen. Auch die fremden Diplomaten bedienten sich dieses Wegs.

9. Januar. Großes Diner bei Delbrücks mit Caprivi, Eulenburgs, Winterfelds, Harrachs usw., lauter alte Exzellenzen. Uns hatten Delbrücks dazu eingeladen, damit Caprivi mich einmal sähe; da ich wußte, daß er allerhand préjuges gegen mich habe, I felt very uncomfortable, aber er war sehr liebenswürdig, erkundigte sich nach Simla und sagte mir, wir brauchten ja nun nicht nach Indien zurück. Er hat ein kurioses Nußknackergesicht; ich fand ihn aber viel netter, als ich erwartet hatte. Auch die andern waren recht freundlich, aber deutsche Steifheit ist der englischen doch noch himmelweit überlegen.

12. Januar. Viele Visiten gemacht, unter anderem auf der Französischen Botschaft, wo es allerhand mysteriöse Leute gab mit russischem Anstrich. Überall wird uns zu Kairo gratuliert, und schon viele haben mir gesagt, es sei bei weitem der angenehmste Posten im ganzen Dienst. Ich genieße dies Gratuliertwerden ungeheuer und entdecke in mir des trésors de jeunesse! Edmund fängt an, sehr nervös zu werden, weil die Bestätigung vom Kaiser so lang ausbleibt. Aber S. M. will uns ja besonders wohl, und ich habe immer die Empfindung, daß, wo er ins Spiel kommt, es uns besonders gut gehen muß.

15. Januar. Heut kam die langersehnte Nachricht, daß der Kaiser die Ernennung unterschrieben habe! So war es denn ein rechter Jubeltag. Nun begann aber gleich eine andre Aufregung, da es nun doch wünschenswert ist, daß ich jetzt bei der Cour der Kaiserin vorgestellt werde. Wir ließen durch Eulenburg anfragen, ob es der Kaiserin recht sei. Es vergingen einige scheußliche Tage des Wartens, schließlich kam am

20. Januar Sommerfeld und sagte, es habe furchtbare Kämpfe gekostet, denn die Putlitze via Asseburgs und Fräulein von Gersdorff hätten gräßlich intrigiert und einmal habe es I. M. bereits abgelehnt. Da sei ihr aber von Eulenburg, Mirbach und besonders Marschall zugesetzt worden, bis sie doch ja gesagt habe.

23. Januar. Bei Raschdaus sprach ich mit Herrn von Deines, Militärbevollmächtigter in Wien, über den Erzherzog Franz Ferdinand, und Deines meinte, er sei sehr von den Russen eingenommen und liebe uns so wenig wie die Italiener. Auch vom Kaiser war viel die Rede, und wie sehr er das Gute will. Das hat er auch jetzt wieder bewiesen, indem er plötzlich seinen Adjutanten Graf Moltke zu Bismarck gesandt, um ihm zu seiner Wiederherstellung zu gratulieren. Alle Welt spricht nur davon.

24. Januar. Edmund hatte Audienz bei S. M., der ihm mit ausgestreckten Händen entgegenkam und sagte, er habe ihm Kairo gegeben als Belohnung für seine famosen Berichte. Der Kaiser instruierte dann Edmund aufs genauste über seine ganze Orientpolitik, und, was sehr erfreulich war, er schien gänzlich abgeneigt, sich da hineinzumischen. Den Österreichern habe er gesagt, Konstantinopel sei ihm einerlei, denn in unsrer Zeit führe man keinen Krieg um eine Stadt. Er sagte auch, die Engländer müßten aufgerüttelt werden, ihre Flotte zu verbessern, er schicke seine Panzerschiffe nicht mehr ins Mittelmeer, um ihnen zu zeigen, daß sie Ägypten allein halten müßten. Edmund kam ganz begeistert zurück über den Geist, die Sachkenntnis und Willensklarheit des Kaisers. Wir sind ja jetzt alle besonders bereit, ihm zuzujubeln, denn sein Entgegenkommen gegen Bismarck ist doch sehr schön und groß, und wie die Adjutanten zu Edmund sagten, aus eigenster Initiative hervorgegangen. Nach der Audienz war es auch bald Zeit, sich für die Cour fertig zu machen. Ich hatte mich etwas davor gegrault; es ging aber doch sehr gut, nachdem das lange Warten erst vorüber war. Es war übrigens nicht so übel, denn durch unser Zimmer mußte alles hindurch, besonders amüsierte mich, als die Russische Botschaft vorbeiging – there seemed to blow an icy wind. Nach der Cour war es noch sehr nett im Weißen Saal, wo wir alte und neue Bekannte sahen und lauter freundliche Gesichter, denn wir haben nun mal das soziale Abendmahl empfangen!

26. Januar. Bismarck kam morgens nach Berlin, um den Kaiser zu besuchen. Von unserm Hause bis zum Schloß war eine dichte Menschenmenge. Ich sah die Vorbeifahrt vom Hotel du Nord. Prinz Heinrich hatte Bismarck vom Bahnhof abgeholt, der auf S. M. Befehl gegen alle Welt, auch gegen Botschafterinnen (Schuwalow!) abgesperrt war. Die beiden fuhren in einem geschlossenen Wagen, umgeben von Gardekürassieren. Es war so großartig wie für einen regierenden Herrn, aber dabei doch alle persönliche Huldigung und Demonstration abgeschnitten, so daß man ein bissel das Gefühl eines 1.-Klasse-Gefangenen hatte. Der Kaiser ist der Held des Tages, und als er nachmittags ausritt, wurde er so umdrängt, daß er kaum vorwärts konnte. It was beautiful managed, und er ist mit einem Schlage ganz enorm populär.

27. Januar. Edmund war beim großen Geburtstagsdiner bei Caprivi, wo ihn Graf Schuwalow anredete: »je crois que nous sommes des Landsleute!« Nachher fuhren wir zur Galaoper, zu der wir eingeladen worden waren, und es amüsierte mich sehr, die ganze Hofgesellschaft zu sehen. Die militärischen Bilder hatten etwas Hinreißendes. Wenn man so lang von Deutschland fort gewesen, imponiert das doch. Im Foyer sahen wir Herbert Bismarck, der sehr freundlich Edmund dankte, daß er ihm in dieser Zeit manchmal geschrieben habe. Und mich freute es, daß er sich daran erinnerte, denn seit der Versöhnung des Fürsten sollen die Freunde Herberts wie Pilze hervorschießen.

31. Januar. Hofball. Im ganzen gefiel er mir nicht sehr, weil er so furchtbar voll ist. Ich unterhielt mich lange mit Mr. Bigelow, dem amerikanischen Freund des Kaisers, und viele Menschen sagten mir, ich sähe hübsch aus, was immer erfreulich ist, auch nachdem die Stürme stark an einem gerüttelt haben.

8. Februar. Großer Hetztag. Letztes Packen. Die Kinder kamen zu uns zum Lunch und waren so lieb. Gott behüte sie und lasse sie alle drei zu guten, nützlichen Menschen werden und gebe uns ein frohes Wiedersehn! Um 6 Uhr fuhren sie weg und ich schaute noch lange dem Wagen nach, wie er in dem regnerischen Naßgrau verschwand. – Mit Kiderlen viel über Ägypten gesprochen, wo der Khedive die unter englischen Offizieren stehenden Truppen sehr kritisiert hat. Maher Pasha, der ihn dazu aufgereizt haben soll, hat er entlassen müssen, hat ihm aber eine andre höhere Stellung gegeben, und jetzt hat er den Osmanie-Orden erhalten, den der Sultan allein vergeben kann, was darauf deutet, daß die Türkei in der Sache mit Abbas intrigiert.

11. Februar. Nachts in Rom eingetroffen ...

13. Februar. Abends im reizenden Neapel angekommen. Gleich auf die »Karlsruhe« gefahren, die einen guten Eindruck macht.

16. bis 17. Februar. Sehr angenehme ruhige Reisetage. Uns viel mit Herrn von Bleichröder unterhalten, der meint, an den Bismarckschen feindseligen Maßregeln gegen russische Papiere sei allein Herbert Schuld gewesen, der überhaupt le mauvais génie seines Vaters gewesen sei.

18. Februar. Gegen mittag in Port Said angekommen, von dort im Extrazug auf der kleinen Bahn nach Ismailije gefahren, das uns so sehr an vor 4 Jahren erinnerte, nur alles vu en couleur de rose. Von Ismailije weiter nach Kairo, wo wir abends ankamen und von Herrn von Richthofen, Herrn von Loehr und Leutnant Dominick empfangen wurden, der augenblicklich hier ist, um Sudanesen anzuwerben für Ostafrika. Wir fuhren nach Shepheard Hotel, wo es so überfüllt ist, daß wir in einem Speisesaal untergebracht wurden, und lernten noch den Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein kennen, der auch hier wohnt. Sehr dankbar, gut angelangt zu sein. Gott gebe uns hier eine glückliche Zeit!

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