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Tagebücher aus vier Weltteilen

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen - Kapitel 11
Quellenangabe
typediary
authorElisabeth von Heyking
titleTagebücher aus vier Weltteilen
publisherKoehler & Amelang
printrunVierte Auflage
editorGrete Litzmann
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Heimkehr nach Europa

Februar 1903 bis Juni 1904

Februar 1903. Wir hatten eine ausgezeichnete Reise – es war doch wie ein Aufatmen – und fuhren glatt durch bis Washington.

Zehn entzückende Tage bei Moncheurs. Ganz verwundert über mich selbst, noch so viel Genußfähigkeit zu besitzen. Bei Roosevelts gewesen, Mac Kenna kennengelernt und natürlich alle Diplomaten. Dann 14 Tage in New York in Mrs. Masons Wohnung, die sie uns mit Dienerschaft und Wagen zur Verfügung gestellt hat, während sie selbst krank auf dem Lande ist. Viel literarischer Verkehr. New York ist doch viel angenehmer darin, daß man mehr vielseitige Gesellschaft trifft. Washington ist noch nicht recht grande ville und möchte es doch scheinen, but it gives the social law.

Am 7. März von New York ganz schweren Herzens weg. Es war eine so unbeschreiblich schöne sorglose Zeit. Ich hatte oftmals die Empfindung »my last golden days«. Wir reisten auf der »Campagna«, wo man die Liebenswürdigkeit so weit getrieben, für uns deutsche Zeitungen auszulegen, und zufällig in einer blätternd, fanden wir die Notiz, Edmund sei für den Posten in Belgrad in Aussicht genommen. Wir waren so glücklich, daß es sich gar nicht beschreiben läßt. In London hörten wir auf der Botschaft, daß es für ganz sicher gelte und in allen Zeitungen gestanden hätte. Julio Limantour, der aus Berlin kam, erzählte, er habe es auf der mexikanischen Gesandtschaft dort als ganz sicher gehört. Und nach alledem, als wir, von Vlissingen kommend, die erste deutsche Zeitung öffneten, lasen wir, daß Voigts-Rhetz nach Belgrad ernannt sei! Es war ein solcher Schlag, daß ich es gar nicht schildern kann. Die ganze Ankunft war uns vergällt!

Berlin, 22. April. Wir sind einige Zeit zu Besuch bei Loen in Großbiesnitz bei Görlitz gewesen. Er hat durch seine Schwester, Gräfin Brockdorff, viel Fühlung und bestätigte uns, daß Damenintrigen gegen mich bei der Kaiserin wieder in vollem Gange sind. Putlitz, Königsmarck, Asseburg! – Man ist eben um 20 Jahre älter geworden und keinen Schritt vorwärts gekommen. Nichts vergeben, nichts vergessen! Dabei fühle ich mich so klein und unbedeutend, daß ich es nicht verstehe, wie ich andern der Mühe so vielen Hassens wert erscheinen kann! Loen rät eine Aussprache mit Kaiser und Kaiserin zu forcieren und von der Schwierigkeit der Kindererziehung zu sprechen. Aber wie soll man das, man wird ja überhaupt nicht vorgelassen. Loen wundert sich, daß ich nicht energischer bin. Aber wo soll ich es noch hernehmen, nach zwanzig Jahren, in denen wir es doch an nichts haben fehlen lassen. Gestern abend nach Berlin gekommen. Die letzte Strecke fuhren wir mit Prinz H. Carolath. Er erzählte sehr interessant über die Orientgesellschaft, deren Präsident er ist. S. M. soll anfänglich sehr begeistert über die Revelationen »Babel und Bibel« gewesen sein, die freilich nur für recht ungebildete Leute so erstaunlich Neues enthalten. Vor der allgemeinen Aufregung und Tausenden von Zuschriften strenggläubiger Leute hat S. M. dann aber zurückgestoppt bis zum »Brief an Hollmann«, in dem er übrigens Dinge öffentlich sagt, die Delitzsch nur der Kaiserin und Dryander gegenüber im Gespräch erwähnt hatte. Es soll eine sehr mächtige Agitation gegen Delitzsch bestehen, und der Kultusminister hat Carolath gesagt: »Der Mann muß fallen gelassen werden.« Und alles weshalb? Weil man munkelt, daß dieser Assyriologe nicht an die Gottheit Christi glaubt! In seinen letzten Vorträgen soll er sich nun ganz auf geographische Dinge beschränkt haben. Carolath sind Vorwürfe gemacht worden, daß er es habe zulassen können, daß vor der Kaiserin Äußerungen gemacht worden seien, die ihren christlichen Sinn beleidigt haben. Aber wer zwingt sie denn Delitzsch nach solchen Dingen zu fragen? Und warum soll er wider seine Überzeugung antworten? Ganz seltsame Funde sollen in Babylon gemacht worden sein an allerhand höfischen und auswärtigen Amts-Korrespondenzen. Eifersüchteleien zwischen Höfen über Etikettefragen, Gesandtenernennungen von Leuten, die nicht genügend hoher Abkunft waren, Rangstreitigkeiten zwischen Spezialbotschaften, – kurz, lauter Dinge, die uns so ultramodern anmuten, und von denen man sich nun schaudernd sagt, daß sie also vor Tausenden von Jahren genau ebenso bestanden.

25. April. Edmund ging nachmittags ins Auswärtige Amt zu Richthofen und Lichnowsky. Er kam spät nach Hause. Ich saß am Fenster und las im Dämmerlicht eine Geschichte der Philosophie. Es steht alles so deutlich vor mir: die Dächer gegenüber, das zerstaubte blasse Abendlicht und Edmund, der so müde aussah und sagte: »Nun weiß man doch, was man zu tun hat; es ist kein Zweifel, daß wir den Abschied nehmen müssen!«

Beide, Richthofen und Lichnowsky, sollen sehr freundschaftlich gewesen sein, und haben ihm gesagt, wie zufrieden man im ganzen Auswärtigen Amt mit ihm sei, der sogar von Mexiko aus gut berichtet habe. Alle haben ihm im Herbst einen guten Posten geben wollen und ihn auch jetzt für Belgrad ausersehen – und es ist an S. M. gescheitert! Richthofen sagt, manchmal spräche der Kaiser ganz freundlich über Edmund; sobald dann aber die Rede auf Versetzungen käme, so wolle er nicht. Lichnowsky sagte, er habe einmal versucht, beim Kaiser allerhand falsche Meinungen über uns richtigzustellen, aber es sei vergeblich gewesen. Er riet Edmund, mit Holstein und Richthofen möglichst gute Beziehungen herzustellen und an den Kaiser durch Prinz Heinrich heranzukommen. Zum Schluß sagte er: »Wenn das alles nichts nützt, – es ist ja furchtbar hart, so in der Vollkraft abzugehen, – aber dann müssen Sie suchen, es philosophisch zu tragen. Das wahre Lebensglück hängt ja nicht daran.« Edmund und ich hatten einen schrecklich melancholischen Abend. Zwanzig Jahre gekämpft und gestrebt und nichts erreicht, und sich dabei noch so leistungsfähig zu fühlen. Und andrerseits doch nicht mehr jung genug, um wirklich mit Vollkraft etwas anderes beginnen zu können. Ich werde den Abend nie vergessen. Wie wir dann spät zum Essen heruntergingen und die Musik spielte und ich an den Tränen würgte, und Edmund schließlich über die Geschichte der Philosophie sprach, nur um nicht zusammenzubrechen. Mit Anstand zur Guillotine gehen, Gott gebe, daß es uns im Blut liegt, denn lernen läßt sich das ja nicht. Hätten wir unser Vermögen noch, so ließe sich der Jammer um die vergeudeten Jahre ja leichter tragen. Sobald es aber an die Überlegung der praktischen Fragen geht, wird mir so furchtbar angst.

Edmund war auch bei Holstein. Sogar er hat ihn freundlich angenommen und sich eine Menge erzählen lassen. Zum Schluß hat Edmund ihn geradezu gefragt, ob er ihm helfen wolle. Holstein, der ja sehr mißtrauisch ist, antwortete zuerst, daß er keinerlei Attachen bei Hofe habe. Als er dann aber sah, wie aufrichtig Edmund es meinte, hat er ihm gesagt: »Ich müßte ja lügen, wollte ich nicht zugeben, daß der Reichskanzler versucht hat, Ihnen einen Posten zu verschaffen, und daß es ihm nicht geglückt ist. Aber es ist darum noch nicht aussichtslos, bei uns ändern sich die Dinge ja so rasch.« Edmund verließ ihn mit der Empfindung, daß er uns helfen wird, wenn er es kann. Nachmittags besuchten wir Richthof ens Schwester, wurden aber von ihm allein angenommen. Ich bat ihn, wenn wir den Abschied nehmen müßten, Edmund eine Stelle zu verschaffen im Aufsichtsrat einer Bank, da wir in den letzten Jahren nicht gerade reicher geworden seien. Er sagte, ich solle vorläufig noch gar nicht an derartiges denken, es sei noch gar nicht hoffnungslos. Alles hinge allerdings an S. M. Er war ganz der alte, wie in Kairo. Dann waren wir bei Frau von Delbrück. Die Arme hat ihren Mann verloren und war so tieftraurig, und wenn man so das vor sich sieht, was wahres Unglück ist, dann erscheint manches andere so sehr nichtig. Den Abend beschlossen wir bei Rodenberg. Er war sehr freundlich und anerkennend über mein Schreiben. Welch andre Luft ist es doch, wenn man mal wieder solche Leute trifft, die von allem wissen und eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Vorurteilen haben.

26. April. Ich erhielt von Paetel 750 Mk. für die erste Auflage der »Briefe, die ihn nicht erreichten«, sowie meine 15 Freiexemplare. Das war ein schöner Moment! Von der »Täglichen Rundschau« habe ich 1350 Mk. dafür erhalten. Wenn es doch pekuniär ginge! Wir könnten ja ganz glücklich in unsern Interessen leben. Abends »Monna Vanna« gesehen, es wurde aber zu miserabel gegeben. – Lichnowsky, bei dem wir geluncht hatten, sprach viel von meinem Schriftstellern und sagte, der kleine Kim-Artikel»Einige Gedanken zu Rudyard Kiplings neuestem Werke« (Kim. Roman aus dem gegenwärtigen Indien). sei ein Meisterwerk, es gäbe nur wenig Männer, die das hätten schreiben können, und niemand, der es hätte bessermachen können. Er erzählte, der Reichskanzler sei ganz frappiert von dem Essay gewesen. Ich glaube, die Bewunderung war bei Lichnowsky ganz echt, und gleichzeitig trug er die Farben wohl etwas stark auf, um mich darauf hinzuweisen, daß ich mir am Ende eine außeramtliche Zukunft schaffen könnte. »Pelleas und Melisande« gesehen. Eine Reihe poetischer stimmungsvoller Bilder, ein Ausruhen und Augengenuß, aber doch nur Traumnebelbilder!

Stomersee, 14. Juli 1903. Lang nicht mehr geschrieben, nun endlich dazu Zeit gefunden an einem Regentage in Livland. Draußen rauscht es nieder oder träufelt sacht seit dem Morgen. Regentage in so vielen verschiedenen Ländern und Zeiten fallen mir ein. Ich habe eigentlich immer diesen leise begleitenden Klang geliebt, schon als Kind, wo andre immer für die Sonne schwärmen.

Ich habe in dieser Zeit, seit ich zuletzt schrieb, viel erlebt. Eine große Freude, eine Befreiung ist in mein Leben gekommen. Und ich verdanke es alles meinem Buch. In so viel Kümmernis und Gram ist es entstanden, sollte mich nur befreien von der Bitterkeit, an der ich erstickte, und nun hat es mir gebracht – Glück? Ich möchte es so nennen, wenn ich mich nicht vor dem Wort fürchtete. Wenige Tage nach seinem Erscheinen begann der Erfolg zu kommen. Die ersten Male, daß ich zu Paetels ging, fürchtete ich mich ordentlich, schämte mich, daß es am Ende ein Fiasko würde. Und dann erschienen die ersten fabelhaft lobenden Kritiken in der »Frankfurter Zeitung« von Mathieu Schwann und im »Berliner Tageblatt« von Eugen Wolf. Nach drei Wochen war die erste Auflage vergriffen, und jetzt soll die fünfte erscheinen. Wie ein Traum ist es manchmal, und ich kann es gar nicht fassen, daß ich es bin, der all dies Schöne widerfahren ist. Edmund empfindet es alles mit und freut sich mit an dem Buch. Es ist uns beiden zu einem neuen Ankergrund geworden. Die entsetzliche Deprimiertheit ist von uns gewichen, und wir haben das Gefühl, doch noch eine Zukunft vor uns zu haben, und wenn die alten Stimmungen der Hoffnungslosigkeit und der Gedanke der Zwecklosigkeit über mich kommen wollen, dann schüttle ich alles ab und sage mir: »Aber ich habe ja das Buch, das Buch!« Ich werde nie den Morgen vergessen, da ich die erste Kritik las, und die ersten Briefe von z. T. ganz Fremden, und die ersten Male, daß ich auf das Buch hin angeredet wurde. An alledem habe ich mich wieder aufgerichtet. Ach, ich hatte es ja so nötig, daß endlich, endlich etwas Frohes kam. Ich war so fertig mit meinem kleinen Vorrat Hoffnung und Widerstandskraft, hatte ja auch lange genug davon gezehrt. Wieviel Schönes brachten mir die Berliner Wochen. Nähere Bekanntschaft mit Rodenberg, Wildenbruch, Marie Bunsen, Manz, Goldmann, Kappstein, und bei allen soviel Güte, Anregung und freundliche Anerkennung. Und wie bei literarischen, so auch bei andern, mehr weltlichen Bekannten soviel Wohlwollen für mein Buch. Das merkwürdigste aber war, daß wir durch meine Schriftstellerei mit Bülow auf einen so ganz andern Fuß gekommen sind. Wir waren zu einem kleinen Diner bei ihnen mit Holleben, Lichnowsky und den reizenden Rosens aus dem Auswärtigen Amt. Der Reichskanzler sagte mir bei Tisch die schönsten Dinge über mein Schreiben, und es ergab sich, daß er die Kritiken über mein Buch alle gelesen hatte. Er forderte mich auf, ihm ein Exemplar zu schenken. Ich empfand, wie ganz anders er uns behandelte, als damals vor dreieinhalb Jahren, als ich das denkwürdige Gespräch mit ihm hatte. Wir sind jemand für ihn geworden. Und es kommen da zwei Momente zusammen: erstens, daß er sich wirklich für literarische Dinge interessiert, und dann, daß ihm Presselob immer imponiert. In Berlin sahen wir auch Halle viel und waren bei seinem Polternachmittag im Grunewald bei Dernburgs. Die alten Dernburgs sind reizende gescheite Leute und Freunde von Hermann Grimm. Bei ihnen lernten wir Gabriele Reuter kennen, die viel Charme hat und uns sehr interessierte, da wir ja soviel von ihr gelesen haben. Auch Dr. Steiner sahen wir, den Theosophen und Biographen Nietzsches. Ein interessanter Mensch, äußerlich sehr seltsam, Fanatiker und Märtyrerphysiognomie. Auch Sarah Bernhardt sahen wir mehrmals. Der größte Theatergenuß aber, den wir hatten, war »Das Nachtasyl« von Gorki. Das war wirklich packend! Am 1. Juni reisten wir mit Stephanie nach den Ostseeprovinzen ab, trafen früh in Trakehnen ein, wo uns Burchardt Oettingen sehr freundlich aufnahm. Die Fahrten durch die endlosen Wiesen, wo Truppen von Rappen und Füchsen stehen, waren entzückend. Die Pferde kommen ganz zutraulich heran und lassen sich streicheln, und die Füchse glänzen rotgolden im Sonnenschein. In Trakehnen erhielt ich einen ganz langen, eingehenden Brief vom Reichskanzler als Dank für mein Buch. Sehr geistvoll, und der Schluß mit so guten Zukunftswünschen, daß ich daraus etwas Mut glaube schöpfen zu dürfen. Das wäre ein sehr merkwürdiger Erfolg meines Buchs! Wir reisten nach Brunnen zu Max und Ada Lieven und trafen dort auch Helen Behr. Es war eine nette, behagliche Zeit. Und dies russische Land gefällt mir so ungemein und spricht mich viel mehr an, als all die berühmt schönen Gegenden der Welt, die ich gesehen habe. Die weiten Flächen von Feldern und Wiesen, auf denen das Gras unter der Fülle bunter Blumen verschwindet, die Sümpfe, in denen das Schilf knistert und über denen die weißen, wolligen Rohrblümchen wie verwehte Schneeflöckchen liegen, die einsamen Seen und die tiefen, dunklen Wälder – das alles heimelt mich an, als gehöre ich hierher, als verknüpften mich damit unsichtbare Fäden, von denen ich nichts gewußt und die ich nun ganz mächtig fühle. Besonders die Wälder entzücken mich, das wilde, freie Wachstum und die tiefe Stille. Kiefern, Tannen und Birken und dazu Dickichte von Büschen und Farren und Moosen. Es träumt sich hier so schön, und es müßte sich auch schön das Geträumte niederschreiben lassen. Dann fuhren wir nach Oger, wo Edmunds Eltern ihren Sommer verbringen. Eine nette Kieferngegend mit kleinem Flüßchen. Holzhäuser und viel Pensionsgäste: etwas bourgeoiser Ort, und dabei merkwürdigerweise ein bißchen an Japan erinnernd. Dort hörte ich noch, daß die dritte Auflage meines Buches vergriffen, die vierte erschienen und die fünfte in Druck gegeben sei. Alles das in zwei Monaten. Es hat wohl wenig Menschen gegeben, denen der Erfolg so mit einem Schlage gekommen ist. Aber jetzt nachträglich sage ich mir, an einem Mißerfolg wäre ich zugrunde gegangen. Es war mein letzter Rettungsanker, den ich auswarf. Achtzehnjährige Schriftstellerinnen können ja die Anerkennung abwarten und sich sagen, daß sie in immer erneuten Versuchen das Schicksal doch endlich zwingen werden. Für mich war das unmöglich. Die letzten zwei Monate haben mir unsagbar Schönes gebracht, aber ich brauchte sie auch; brauchte sie, wie wohl selten ein Mensch Aufmunterung gebraucht. Es hat ja auch in meinem Leben mehr als einmal Spannen Zeit gegeben, wo in zwei Monate Gram und Sorge genug für viele Jahre sich zusammendrängten.

Es war hier auch viel von einem Gutskauf die Rede, wie vor 14 Jahren bei Staels. Aber damals erschrak ich vor dem Gedanken und hatte noch soviel Ehrgeiz für Edmund. Jetzt ist das alles tot. Sehe ich Menschen, die ihr ruhiges Stückchen Heimat besitzen, so ergreift mich eine große Sehnsucht, noch einmal im späten Leben Wurzel fassen zu können, sei es hier in Livland oder irgend anderswo; aber nur ein Eckchen Erde zum Liebhaben. Politischen Patriotismus würde ich gar nicht damit verbinden, nur nach Schollenliebe und Zugehörigkeit sehne ich mich. Die unüberwindliche Schwierigkeit bei all diesen Plänen bilden die Kinder, die doch in Deutschland ihre Zukunft haben.

Am 20. Juli fuhren wir, das Gut en question, Goldbeck am Marienburger See, zu besehen. Nach all dem Regen hatten wir eine herrliche Fahrt an den vielen Flachsfeldern vorbei, die jetzt blau zu blühen beginnen, und an stillen Seen entlang, in denen sich die bewaldeten Ufer spiegeln. Halbwegs wechselten wir in einem einsamen von Wind umwehten Kruge die Pferde. Diese Postpferde werden alle vier breit gespannt, das rechte trug eine Glocke, und mit Geläut ging es weiter. Nachmittags kamen wir endlich zu dem vielbesprochenen Goldbeck, das ein Louis XVI.-Haus sein sollte, von einem Park mit uralten Bäumen umgeben, auf der einen Seite eine Pelouse, die herab zum See führte, dazu ein kleiner Landbesitz, und als Eigentümerinnen zwei alte erbelose Jungfern, die darauf brennten, es zu verkaufen.

Was wir in Wirklichkeit sahen, war ein einstöckiges, niedriges Holzhaus, von der einen Seite mit Gestrüpp umgeben, und da, wo der schöne Blick auf den See sein sollte, eine neue, häßliche Brauerei. Von der andern Seite eine runde Wiese, und als point de mire eine häßliche, weiße Stallung, deren Wände von Feuchtigkeit grünlich marmoriert waren. Um das Haus herum ein Gärtchen von ein paar Fuß Breite, wo in verwilderten Beeten Rittersporn blau blühte. Die Einfassung dieser Anlagen bildeten kleine weiße, klotzartige Säulchen, die sich bei näherer Besichtigung als einfache Stücke von Birkenstämmen erwiesen, und auf jeder dieser kleinen Säulen stand ein großer blaugestrichener Blumentopf, in dem eine kümmerliche Agave prangte. O Mexiko!

Der Rückweg war schön, aber recht ermüdend. Zuerst an Feldern vorbei, in denen Gruppen alter Eichen standen, dann durch Wald bei untergehender Sonne. Sie glühte noch lang weiter zwischen den Kiefernstämmen, und als die Glut erloschen, blieb noch ein helles, gelbes Licht am Himmel zurück, als könne der Tag sich von irgend etwas, das er auf der Welt gesehen, nicht trennen. Um 1 Uhr nachts waren wir im Städtchen Walk. Dort fuhren wir in kleinen Droschken durch dies russische Müncheberg; holperige Straßen, niedrige Holzhäuser, alles dämmerig grau, nur hie und da ein noch beleuchtetes Fenster; vielleicht ein Kranker dahinter, der sich auch von der Welt nicht trennen mag. Um 4 Uhr früh waren wir endlich auf dem Gut Anzen, wo uns ein köstliches Mahl, halb spätes Souper, halb frühes Frühstück, erwartete. Anzen hat sich in den 14 Jahren ungeheuer entwickelt, die kleinen Bäume sind groß geworden, und die Staelschen Reichtümer noch größer. Ich beneide Menschen nie um das Faktum, reich zu sein, aber um so ein wirkliches Home, an dem man mit allen Erinnerungen hängt, um so mehr.

Am 6. August reisten wir ab und kamen am 7. abends in Berlin an. Edmund hat drei Monate Urlaubsverlängerung erhalten, und zwar erzählte ihm Mühlberg der Kaiser habe sie ohne alle Randbemerkungen unterschrieben, während er jetzt gewöhnlich bei solchen Gesuchen sehr ungnädige Glossen machen soll.

31. August. Stephanie und ich fuhren in einem durchgehenden Wagen nach Baden-Baden. In Karlsruhe sehr aus dem Fenster geschaut, aber nicht viel sehen können. Aber dann im Beyertheimer Wäldchen den herrlichen Heugeruch und so viele Erinnerungen wiedergefunden. And then they came crowding, als wir Oos passierten, der Zug die Biegung machte, und wir die badischen Berge vor uns hatten, Schloß und Merkur! Aber schon an der Station war alles verändert. Solch eine Menge neuer Häuser, Hotels und Villen. Der Gepäckträger frug mich: »Habe Sie e eigene Wage?« Da hätt' ich ihm beinah geantwortet: »Die Schimmelchen, mit denen ich hier früher fuhr, die sind längst tot!« Auf einem Handkarren fuhr er unser Gepäck ins Hotel, und wir gingen nebenher – an so vielem Bekannten vorbei und doch so fremd. –

2. September. Ich brachte Stephanie in die »Großherzogin-Luise-Haushaltungsschule«. Es war mir schwer, sie dort zu lassen, und ich kam mir so sehr einsam vor. Ich ging bis zum Schloß, wohin ich als Kind so oft gefahren bin, um mit der Prinzeß VickiPrinzessin Viktoria, Tochter des Großherzogs Friedrich von Baden, nachmalige Königin von Schweden. zu spielen. Setzte mich auf eine Bank und schaute auf die blaue Ferne. Es war bleiern heiß. Dann ging ich in die Stadt hinunter und machte einen weiten Spaziergang in die Vergangenheit. An der Promenade entlang, bei Messmer vorbei und hinter dem Theater in die Höh'. Bei Messmer ist die große Pappel fort, die den Balkon der Kaiserin halb versteckte, auf dem ich als Kind Alexander II. stehen sah. Ich ging den Weg weiter an der Villa Mühlens vorbei. Es war mir, als ginge ich als Kind neben mir her. Die spitzen Steine, zwischen denen die Feuerlilien blühen, fassen noch eine Strecke des Wege ein. Dann bog ich auf unsern eigentlichen Weg. Es ist alles viel Schattiger geworden, weil die Bäume so sehr gewachsen sind. Aber vieles ist verwandelt. Wo unsre Villa Stadelhofer war, steht jetzt ein »Parkhotel«. Ich blieb davor stehen und schaute in die Souterrainfenster, die noch am selben Fleck sind. Es fiel mir ein, wie oft ich mit Papa vor den Fenstern gestanden und in die Küche zu Ernestine hinabgeschaut habe. Auf der Wiese, wo unsre Ziegen weideten, steht eine Villa mit herrlichem Garten; der untere und der obere Kuhweg sind verschwunden in einer Fülle von Pensionen. Weiter unten konnte ich in der Masse von Straßen und Häusern die Villen von Turgenieff und Mme. Viardot nicht mehr finden. Es ist alles so verändert. Ich hatte die Empfindung, daß man keine Gegenwart gewinnt und die Vergangenheit verliert, wenn man sie so zu rekonstruieren sucht. Sie ist eben dahin, und das bißchen, was von ihr noch lebt, das lebt eben nur in uns selbst.

3. September. Nachmittags holte ich Stephaniechen zu einer Tour nach Ebersteinschloß ab. Die Fahrt durch den Tannenwald mit Durchblicken auf kleine sonnenbeschienene Wiesen war herrlich. Die Luft, wie sie nur in Baden zu finden ist. Ein Gemisch von Harz- und Heugeruch. Und all die Erinnerungen, die am Wege standen und mich ansahen. Wie ein Freund wartete das alte Tor auf mich, und dann das reizende altertümliche Schloßgärtchen, wo am Fuß der grauen efeuumsponnenen Mauern blendend rote Geranien blühten. – – – Abends ging ich zu einem Buchhändler, um für Stephanie Muthers »Englische Malerei« zu besorgen. Ich frug ihn, was es jetzt an gelesensten Romanen gäbe. Er antwortete: »Am beliebtesten sind immer Frenssen und »Briefe, die ihn nicht erreichten!«

4. September. Morgens fuhr ich von Baden-Baden ab nach Luzern, wo Edmund mich mit einem großen Rosenstrauß und einem Pegasus aus Alt-Wiener Porzellan erwartete. Wir waren froh, wieder zusammen zu sein, aber die Hitze, die Überfüllung und der wahnsinnige Lärm der Automobile, die die ganze Nacht kamen und gingen, wie Fafner schnaufend, verdarben alles. Von irgendwelcher Sommerruhe keine Spur. Überall ein Gedränge gelangweilter eleganter Müßiggänger, die sich für den Sommer nichts andres auszudenken wissen, als womit sie schon Winter und Frühjahr ausgefüllt haben: Diners, Bälle, Rennen, Automobile, Spiel. Eigentlich ist es ein Segen, daß die so weitaus größte Mehrzahl der Menschen so schwer ums tägliche Brot zu arbeiten hat, die Nichtstuer kommen doch nur auf ganz blödsinnige Einfälle.

6. September fuhren wir beim herrlichsten Wetter über die Gotthardbahn, wo ich soviel an die schöne Wagenfahrt denken mußte, die ich vor langen Jahren mit Papa und Onkel Siegmund nach Andermatt machte; abends trafen wir in Como ein.

7. September. Der ganze Ort steht unter dem Zeichen »Plinius«. Die beiden Pliniusse sitzen als Statuen zu beiden Seiten des Domportals, Straßen, Namen, Läden, Schiffe sind nach ihnen benannt! Der Dom hat einen Charme des Intimen durch die Menge der Heiligen, die in Nischen an der Fassade angebracht sind. Ein entzückendes Seitenportal führt auf einen malerischen kleinen Platz. Den ganzen Zauber Italiens wieder empfunden.

12. September. Gestern abend in Venedig angekommen und gleich auf den Lido gefahren. Aber zuerst schrecklich enttäuscht. Riesenhotel, Essengeruch, Überfüllung. Bei Gluthitze in Venedig nach Wohnung gesucht und mich vergeblich nach meiner jugendlichen Begeisterung umgeschaut. Das Meer ist schön, aber ein zahmes Meer.

15. September. Wir bekamen einige nette Zimmer in der Villa Yolanda, einer Dépendence des Hôtel des bains, und richteten uns gemütlich ein mit Meeresblick und -rauschen.

25. Oktober. Wir lebten uns am Lido ganz ein und blieben dort, täglich badend, bis zum 21. Dann vertrieben uns Kälte und Stürme, und wir siedelten nach Venedig über, wo wir am Canale Grande bei Frau Grundl reizend wohnen. Gegenüber das Palais Don Carlos', der mit seiner Frau und einem großen Hund immerfort in einem kleinen elektrischen Boot herumfährt. Daneben das Palais der Prinzeß Polignac mit schönem Garten, in dem der wilde Wein nun rot geworden. Einen reizenden Ausflug nach Chioggia gemacht, wo uns die barocke Statue mit Bambino unter einem Bronzeschirm entzückte. Refugium peccatorum steht auf dem Sockel, und Votivlaternchen sind vor ihr aufgehängt. Sie steht hinter einer Kirche auf einer Balustrade, die einen kleinen mit Platanen bepflanzten Platz gegen einen Kanal begrenzt. Allerhand Fischerboote mit bunten Segeln lagen in dem Kanal, und auf seinem jenseitigen Ufer waren hohe Strohmieten aufgeschichtet. Ein süßes, malerisches Winkelchen, und kein Reisehandbuch hat es noch verzeichnet. Sehr schön waren die Segel mit Kreuzen oder Sternen, und auf einem standen die Worte: »Chi d'invidia vive desperato muore.« – Wir lernten einen interessanten alten Österreicher kennen, der ganz verblüffende Ansichten hatte. So sagte er mir, les personnages royaux aller Länder seien immer in der furchtbaren Hetze, weil sie innerlich dunkel ahnten, that their time is up! – Ein unerwartetes Wiedersehen hatten wir mit Eichhorn, der herzlich und teilnehmend für unsre Dienstlage war und erzählte, mit welchem Neid gegen uns gewühlt worden ist, während wir in China waren. Loën schrieb uns auch in diesem Sinn. Putlitz' haben durch Fräulein von Gersdorff uns bei S. M. und bei I. M. ruiniert; was sollte werden, wenn ich das Schreiben nicht hätte? Der enorme Erfolg meines Buchs, der andere vielleicht unerträglich eitel gemacht hätte, genügt gerade, um mich vor dem völligen Untergehen in Hoffnungslosigkeit zu bewahren. –

30. Oktober. Seit ein paar Tagen Siroccosturm, Regen und graue, treibende Wolken. Woanders wäre das häßlich oder zum mindesten deprimiernd, aber dieser Stadt dient alles, einen neuen Reiz zu verleihen. Nachts hört man die Wellen des Kanals gegen die alten Paläste schlagen, als sei man auf einer Meerfahrt und das Wasser rauschte gegen die Schiffswände, die eine so schwache Trennung vom großen grauen Nichts sind. Dann hüllt man sich fester in die Decke und empfindet ein wohliges Behagen, geborgen hinter den festen Mauern eines alten Palastes zu ruhen. Obschon ja auch die nur scheinbar ein stärkerer Schutz gegen das große graue Nichts sind. Ieh muß in solchen wachen Nachtstunden der Vielen denken, die seit Jahrhunderten so dagelegen haben, nicht schlafen konnten vor Sorge und Kummer und dem leisen Anschlagen der Wellen lauschten. Das hat etwas Beruhigendes. Es ist alles vorbeigegangen! Ich glaube, Edmund und ich könnten uns hier ganz gut einleben. Gerade das Einlullende, Sanfte der Stadt wäre so wohltuend, in einem selbst müßte es inmitten all der Stille auch schließlich still werden. –

Der Palast uns gegenüber ist immer geschlossen. Gelb, vom Regen naß, von Rissen und Feuchtigkeitsflecken durchzogen steht er gegen den grauen Siroccohimmel; die unterste Stufe seiner Treppe, die im Kanal verschwindet, ist mit grünem Seetang bedeckt. Die Fensterläden werden nie geöffnet. Sie sind grüngrau wie Patina auf alten Bronzen. Ach, die Wehmut alter unbewohnter Häuser! An arme verschlossene Menschenseelen denkt man dabei, in die kein Sonnenstrahl dringt, an Leben, die ungenützt verstreichen, an erstickte Gaben und Talente, an alles, was sein könnte und nicht ist. – Auf dem Markusplatz stand Wasser, die Tauben saßen in dunklen Scharen um die Fahnenstangenhalter, hatten bei dem Wetter aber nur wenig Bewunderer. Wir gingen auf den Ponte della paglia und schauten den Wellen zu, wie sie gegen den Steinkai der Piazetta schlugen und die frechsten ihre weißen Köpfe ganz hoch reckten und bis auf die Riva sprangen. Dabei war es schwüle, lähmende Luft; man fühlt sich müde und unbestimmter Sehnsucht voll, möchte etwas sehr Schönes erleben. Und dazu streichen die weißen Möwen ganz niedrig über dem grünen Wasser, und manchmal ruhen sie ein wenig auf den Wellen aus und schreien heiser. In der letzten Nacht hat der Wind die roten Blätter im Garten der Prinzessin Polignac alle abgezaust und verweht. Venedig wird mit jedem Tage leerer, und ich liebe es weit mehr in seiner schwermütigen Spätherbststimmung, als wenn es so wimmelt von Hochzeitsreisenden und sonstigen Leuten mit roten Reisehandbüchern. Wir gingen in die Markuskirche, die des Wassers halber geschlossen war, und es war so himmlisch darin, so voller geheimnisvoller Schauer. Die weihrauchduftende Luft schien schwer von all den Gebeten und Wünschen, die an dieser Stelle im Laufe der Jahrhunderte zu einem fernen Himmel auf gesandt worden sind. Beinahe wie greifbare Wesen schienen mir die Gedanken und Wünsche vieler Generationen nahe zu sein an diesem dunklen Regenmorgen, wo das Innere der Kirche noch düsterer und mystischer war als sonst, so daß die lebenden Wesen darin nur wie Schatten auftauchten und in den goldbraunen Tiefen verschwanden. Was lebend dort wandelt und das, was nur durch Sehnsucht und Gebet dorthin gezaubert war – es verschwamm für einen Augenblick ineinander. Manches Mal, wenn die Sonne durch das runde Rosenfenster so recht voll hineinflutete, war die ganze Markuskirche wie von Goldstaub erfüllt. Heute aber war es eine Symphonie von Grau und Schwarz mit einzelnen silbernen und goldenen Lichtern. Die Schatten waren so tief und führten in so geheimnisvolle Fernen, daß der Raum viel größer schien als sonst; schwarzverhüllte Frauen knieten am linken Eingang der Maria mater gratiae, schwarze Gestalten knieten vor dem kleinen eckigen Kapellchen, in dem auf rotem Grund eine dunkle Christusfigur die gekreuzigten Glieder streckt. Schwarze Priester huschten einen Augenblick vorbei und verschwanden dann im Schatten einer Kapelle, schwarz sind die Gewänder der beiden Madonnen oben in den Mosaiken der zwei Kuppeln. Hier und da leuchtet ein Stück Mosaikgrund golden auf, oder ein Ring an der Kette, an der die alten Ampeln schweben, blitzt aus der Dunkelheit hervor. Und vor den Heiligenbildern brennen kleine Ampeln und Lichtchen und bescheinen die silbernen Votivherzen, die in Glaskasten aufbewahrt werden. Ach so viele, viele silberne Herzen, alles Symbole menschlichen Elends.–

Wir besuchten Alba, die früher soviel betete und delle novene und Gelübde und geschäftliche Abmachungen mit dem lieben Gott machte. Jetzt sagte sie: »Idoro non mi ascoltea, l'ho troppo seccato. Devono ser delle cose delle quale non si interessa – forse che non vuole o che non puo.«

Der Gedanke, hierzubleiben, gewinnt immer mehr an Gestalt. Die Einsamkeit und Ruhe tun so wohl. Man findet sich selbst stückweise wieder – besinnt sich auf manches. Vielleicht könnte es einem in Venedig leichter als anderswo gelingen, sich auf frühere Existenzen zu besinnen, weil man nicht so fortwährend zerstreut wird. Eigentlich ist es so seltsam, daß man von all dem gar nichts mehr weiß.

3. November. Den ganzen Tag gepackt und geschrieben, dann noch eine letzte Gondelfahrt. Der Vollmond stand silbern über den Giardini publici, aber es war noch völlig hell von der untergehenden Sonne. Man wußte nicht, wohin schauen. Vor uns der blauviolette Himmel mit dem Mond, hinter uns der Sonnenuntergang mit der Salute und dem Redentore, die sich von einem brennenden Himmel dunkel abhoben, bis allmählich Wolken aufzogen, die Umrisse im Himmel verschwammen und nur die Riva, der Dogenpalast und die Piazetta glänzend erleuchtet sichtbar blieben.

4. November. Morgens ganz früh auf bei schönstem blauen Himmel; ganz melancholisch über die Abfahrt. Aber wir können ja jetzt wiederkommen, wann wir wollen; das ist das Versöhnliche bei diesem uns aufgenötigten Unabhängigkeitszustand. Wir besahen uns noch den schönen Palazzo Flangini, der vielleicht zu kaufen sein wird. – Unsere Reise war herrlich. Vielleicht schätzt man Vegetation doppelt nach Venedig. In jeder der alten Städte hätte ich bleiben mögen; jede der träumenden Villen hätte ich bitten mögen: »Enthülle mir dein Geheimnis!« Die ganze Schönheit der Welt kam mir zum Bewußtsein, und sie ist ja so groß, so berückend, wenn sie uns nicht gerade von dummen Menschen verkümmert wird. Im Anschauen genießen und im Genießen Sehnsucht nach eigenem Schaffen aufstehn zu fühlen – was kann es Schöneres geben? Das empfand ich, wie so oft schon in Italien, aber diesmal klarer, weil ich inzwischen den Weg etwas gefunden habe, wo für mich das Schaffen liegt. –

Kufstein schloß dann den Süden ab, aber auch der Norden zeigte sich uns von seiner schönsten Seite; goldrotes, braunes Laub zwischen tiefgrünem Nadelholz. Dazu die Tiroler Burgen, die so lockend aussehen und so unbewohnbar sind. Abends spät in München.

Berlin, 9. November. Nach einer entsetzlichen Nacht im Schlafwagen kamen wir am 8. früh hier an und fuhren in die »Zelten« 18, wo wir vor 10 Jahren gewohnt haben. Wenn ich am Fenster stehe und auf die Tiergartenbäume schaue, an denen noch die letzten Herbstblätter hängen, mit der Siegessäule und der Silhouette des Reichstags darüber, dann dünkt es mich manchmal, die ganze Zeit sei gar nicht wirklich gewesen, sondern ich habe sie nur geträumt.

16. November. Nun ist es wohl entschieden, daß wir gehen. Zur Disposition gestellt werden, was früher so leicht war, geht aber nicht, weil angeblich die Abrechnungskammer Schwierigkeiten macht. Richthofen kam mit einem Urlaubsvorschlag und ob wir später nach Tanger gehen würden. Daß er sich nicht schämt! Lichnowsky sagt, wir sollten ein Jahr auf Urlaub gehen, in der Zeit fände sich vielleicht ein europäischer Posten. Aber wie soll man darauf trauen. Bülow braucht nur einen Protégé placieren zu wollen, dann heißt es: »S. M. habe nicht gewollt! Dameneinflüsse!« So bekommen wir Pension, Reiseentschädigung und drei Monate volles Gehalt und sind nachher ganz frei; anders verzichten wir auf jeden Pfennig, sind abhängig und haben die Chance, vielleicht wieder eingestellt zu werden. – So sind wir denn wieder in völliger Unsicherheit. Zum Glück sehen wir es beide mehr und mehr mit Gleichgültigkeit an, sonst wäre es nicht zu ertragen. Das Komische bei alledem sind meine kleinen schriftstellerischen Erlebnisse. Von allen Seiten Telegramme und Anfragen nach Beiträgen für Zeitungen usw. Die dreißigste Auflage ist schon erschienen. Gestern brachte mir der Briefträger den Geldbrief dafür und sagte: »Det is wohl für det Buch, von dem ick schon soviel Jutes jehört hab?« Da schenkte ich ihm das Buch, und er sagte: »Nu les ick et aber ooch jleich mehremal!«

25. November. Gestern war Edmund bei Mühlberg. Der meinte, wenn man einen Mann wirklich gebrauchen wollte, könnte man ihn schließlich auch a. D. nehmen. Dann fuhr er fort: »Na, man hat es Ihnen wohl gesagt, daß Sie nach Belgrad sollen? Aber der Mann lebt noch, es kann noch ein Weilchen dauern!« Edmund war natürlich innerlich sehr überrascht, tat aber, als ob er es längst wisse. Das war eine ganz erstaunliche Nachricht. Belgrad war in vieler Hinsicht grade, was wir uns wünschen würden. Viel Interessantes zu beobachten für Edmund, dabei gesellschaftlich ruhig, so daß ich viel schreiben könnte. –

Abends war Frau von Lebbin bei mir, sehr liebenswürdig, offenbar aber im Auftrag ihrer Auswärtigen-Amt-Freunde, um herauszubekommen, was wir vorhaben, hier zu tun. Möchte es ihnen doch etwas unheimlich werden! Ich erzählte, daß ich seit 20 Jahren ein sehr ausführliches Tagebuch geführt und danach wie nach allem andern täglich Anfragen erhalte. Dann hatte ich einen geradezu bezaubernden Brief von der Königin von Rumänien. So wie sie hat mir noch niemand über meine »Briefe« geschrieben; dabei nennt sie mich »Liebes Mumedeichen« und spricht von Mama und Papa, daß mir ganz weich ums Herz wurde. – –

26. November. Wir lunchten bei Fräulein von Bunsen, von der man so sehr den Eindruck gewinnt, daß sie mit ihrer Lebenseinrichtung zufrieden ist. Abends zum Diner bei Bülows. Gräfin Bülows Mutter, Donna Laura Minghetti, war da, und ich war gleich ganz entzückt von ihr. Sie hat soviel Charme, Geist, Freiheit der Anschauung, man fühlt sich sofort zu Hause mit ihr. Der Reichskanzler führte mich und begann gleich: »Na, nun erzählen Sie mir, wie Sie sich als berühmte Frau fühlen!« Gräfin Bülow sagte ganz laut über den Tisch: »Für Heykings muß durchaus was geschehen, die arme Frau von Heyking soll nicht wieder so weit weg!« Der Reichskanzler antwortete ebenfalls ganz laut: »Ja, ich habe Mühlberg schon gesagt, er soll sehen, was sich machen läßt.« Freundlicher, wie sie alle waren, kann man nicht sein, aber wird es etwas nützen? Ich gab dem Reichskanzler den Brief der Königin von Rumänien, was ihn zu interessieren schien. Wir sprachen noch von der Schroffheit des Kastengeistes in Deutschland, der alle Unterschiede hier so verschärft, während man in Rußland durch Gutmütigkeit und in Italien durch Grazie zu mildern weiß. Graf Bülow sagte, es amüsiere ihn, wenn er in den Straßen spazierenginge, die unnahbaren überzeugten Mienen der Bürokraten zu beobachten, die, sobald sie ihn erkannt hätten, dann voller Servilität den Hut abzögen. Donna Laura erzählte mir, früher sei der Reichskanzler viel härter und schärfer gewesen, aber jedesmal, daß sie ihn wiedersähe, könnte sie konstatieren, daß der Einfluß der Gräfin ihn milder und weicher gemacht habe.

31. Dezember. Am 19. kam Stephaniechen aus der Haushaltungsschule zurück, sehr frisch und vergnügt. Dann trafen die Jungen ein, und wir feierten zum erstenmal seit vier Jahren Weihnachten mit den Kindern! Das alte Jahr dann mit den Kindern bleigießend beschlossen. Was wird das neue bringen? Möchte es uns allen ein sanfter Freund werden!

2. Januar 1904. Prinz Heinrich besuchte uns und war so freundschaftlich wie immer. Das ist wirklich ein goldener Charakter. Er sagte, unsere Chancen ständen besser als früher, es sei von Serbien die Rede, aber der Winter könne darüber hingehn.

15. Januar. Edmund bei Lichnowsky, der ihm sagte, er solle ruhig sein Gehalt bis 1. April erheben und stillschweigend hierbleiben. Er sei für Serbien in Aussicht genommen, aber man wolle Voigts-Rhetz nicht gar zu schnell abtakeln, das mache einen schlechten Eindruck. Die abwartende Unentschlossenheit ist das Kennzeichen unsres Regimes. Man scheint in allen Dingen auf ein plötzlich eintretendes Ereignis zu hoffen, durch das alles eine Lösung finden soll; gewöhnlich aber geht es umgekehrt, und die plötzlichen Ereignisse erschweren alles, weil sie neue Entscheidungen aufwerfen, für die man ebenso unvorbereitet ist. So haben wir also wieder 2 ½ Monate vor uns, die man breathing space oder suspense nennen kann.

25. Januar. Der Herzog von Anhalt ist gestorben. Der Kaiser aber hat bestimmt, daß die Hoftrauer erst am 29. beginnen solle, damit am 27. der Geburtstag gefeiert werden und am 28. Graf Lanza seinen Ball geben kann. Man nennt das »die Trauer verlegen«, die neueste Errungenschaft unsrer Zeit! Es erinnert an vor vier Jahren, als der Kaiser bestimmte, das neue Jahrhundert fange mit dem 1. Januar 1900 an. Er befiehlt der Zeit stillzustehen oder vorauszueilen, je nach seinem Bedarf! – – –

6. Juni 1904. Gestern war unser 20. Hochzeitstag, und wir können sagen: »Es ist erreicht!«, nämlich die europäische Gesandtschaft! Vorgestern sind wir auf die Ernennung hin bei Bülows abgegessen worden. Ein paar Tage vorher hat sich Edmund bei S. M. abgemeldet, und S. M. hat ihm gesagt: »Na, Heyking, jetzt schick' ich Sie auf einen Posten, wo es gilt Augen und Ohren offenzuhalten, aber ich weiß ja, Sie sind ein gerissenes Huhn!« S. M. sagte Edmund, daß er sich ärgere, daß die Russen ihm Schwierigkeiten mit der anatolischen Bahn machten; er müsse daher für einen zweiten Trumpf sorgen, das sei, sich mit Ferdinand von Bulgarien gut zu stellen, ihm eventuell sogar den Weg nach Konstantinopel freigeben, wenn er nur für die anatolische Bahn genügende Garantien böte. S. M. sagte: »Sie können das mal gelegentlich beim Bulgaren durchblicken lassen.« Ein erster Schritt der Annäherung sei, daß S. M. ihm jetzt erlaube, eine Agentur in Berlin zu etablieren.

Nicht ganz klar ist mir, wie Edmund Aufträge an den Bulgaren ausrichten soll, da er doch nach Serbien ernannt ist. S. M. sprach abwechselnd so, als ob Edmund Generalkonsul in Sofia oder Botschafter in Konstantinopel würde. Von Serbien wollte er nicht viel wissen. Edmund frug ihn, und er antwortete, er lege keinen Wert auf die Konservierung des serbischen Thrones, meinte, mit Peter könne er nicht umgehen, denn es käme doch mehr und mehr heraus, daß er von den Morden gewußt hätte. –

Eigentlich ist es seltsam, daß Edmund noch den Belgrader Posten erhalten hat, gerade ein Jahr später, als es in den Zeitungen stand und er es von Rechts wegen hätte werden sollen. Bei dem Botschaftsessen hatte ich sehr die Empfindung, daß viele Leute sich wirklich aufrichtig für uns freuten. Man liebt auf der Welt nichts Exzeptionelles, auch nicht, daß es Menschen exzeptionell schlecht und ungerecht geht. Das ist störend im behaglichen Optimismus; von uns fand man das allmählich und sagt jetzt drum: »Na, auch das hat sich ja schließlich eingerenkt!«

Beim Reichskanzler-Diner waren außer uns noch Dr. Kropatscheck von der »Kreuzzeitung« und Graf und Gräfin Mirbach-Sorquitten. Graf Mirbach hat Bülow kürzlich sehr scharf im Herrenhaus attakiert, und es war offenbar ein Kaptivierungsdiner, denn viele Zeitungen sprechen jetzt auch davon, daß die Konservativen den Reichskanzler stürzen wollen. Dieser trank dem Grafen Mirbach über den Tisch zu. Mirbach: »Sie sammeln feurige Kohlen auf meinem Haupt.« Reichskanzler: »Ach ja, Sie sollen mich ja auch stürzen wollen!«

Mirbach wehrt ab.

Reichskanzler: »Ich muß übrigens zu Ihrer Ehre anführen, daß ich von Ihnen immer sagen höre, Sie wollten mich aus rein sachlichen Gründen beseitigen, während man von Manteuffel erzählt, er wolle nur sich selber an meinen Platz stellen.«

Gräfin Bülow (ganz unbefangen): »Wirklich, wollen Sie meinen Mann stürzen? O bitte, tun Sie es doch, dann könnten wir so schön still leben!«

Reichskanzler: »Ja, an meiner Frau haben Sie gleich einen Bundesgenossen.«

Mirbach: »Da müßte die Frau Gräfin aber einen Revers unterschreiben, daß es ihr auch wirklich ernst ist.«

Gräfin Bülow: »Ich unterschreibe alles!«

Mirbach: »Bis zu den Kanaldebatten müssen Sie sich aber noch gedulden, da wär' dann vielleicht einiges zu tun.«

Mit der Frömmigkeit seines Vetters, des Mirbachs der Kaiserin, wurde dieser ganz sanft geneckt. Der Reichskanzler erzählte von allerhand hohen Herren, die ä la suite verschiedener Regimenter gestanden hätten, Mirbach aber stände à la suite der himmlischen Heerscharen! Er setzte aber gleich hinzu: »O ein Charakter, ein prächtiger Mensch.« Es war zu komisch, wie geschickt Mirbachs enjoliert wurden. Vom Publizieren von Tagebüchern war die Rede, Bülow sagte, er schriebe keins, und wandte sich dann zur Gräfin Mirbach im leisen Ton der Confidence: »Es wäre ja ganz unmöglich. Denken Sie doch, ich könnte doch nicht über S. M. schreiben und erzählen, wie Maßregeln entstanden sind, noch gar, was für welche gelegentlich vorgeschlagen worden sind. Was für Dingen ich entgegengetreten bin.« Es war, als ob er sagte: »Kinder, Ihr ahnt ja gar nicht, was ohne mich geschähe!«

Ich kam mir wie in einem sehr amüsanten Lustspiel vor, wo sehr gut gespielt wurde. Aber angenehmer sind doch die Diners bei Bülows mit Lichnowsky und andern ihnen selbst geistig sympathischen Menschen.

Sehr komisch war auch, wie der Hausminister Wedel mir gratulierte, während der serbische Sekretär Radulowitsch neben mir stand, und mit so lauter Stimme, daß dieser es hören mußte, sagte: »Schwierige Verhältnisse, in die Sie in Belgrad kommen. Schwierige Verhältnisse! Na, geben Sie man acht, daß Sie nicht mang die Mörder geraten!«

Unser diesmaliger Schicksalsumschwung ist wohl der seltsamste, den wir erlebt! Wir waren doch eigentlich schon ganz heraus und besonders mit unserm eigenen Gefühl. Vambüler sagte zu mir: »Das haben Sie erobert. Die Briefe haben Bülow erreicht! Er hat sich gesagt, daß Sie nicht jemand sind, über den man hinweggehen kann. Jetzt, wo es vorüber ist, kann ich es Ihnen sagen: Sie waren diesen Winter hier ein Ereignis!«

Ich habe lange nichts gehört, was mir soviel Freude gemacht hätte. Denn dann hab' ich Edmund doch wirklich etwas geholfen. Zu seltsam, daß das Buch diese Wirkung gehabt hat!

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