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Tagebücher aus vier Weltteilen

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen - Kapitel 10
Quellenangabe
typediary
authorElisabeth von Heyking
titleTagebücher aus vier Weltteilen
publisherKoehler & Amelang
printrunVierte Auflage
editorGrete Litzmann
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070302
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Mexiko

Mai 1900 bis Februar 1903

19. Mai 1900. In Mexiko kommt man an, ohne recht zu wissen wie. Man sieht nichts von einer großen Stadt, nur ein paar Fabriken, und plötzlich hält der Zug in einem schuppenartigen Bahnhof. Ein Wagen brachte uns in das Hotel Sanz, das an der Ecke der so bombastisch beschriebenen Alameda liegt; sie ist nichts, als ein kleiner Platz mit staubigen Bäumen bewachsen. Beim Eintritt in das Hotel sieht man in einen kleinen Hof mit einer Fontäne, die so plätschert, als lohne es sich nicht mehr der Mühe. Links vom Eingang ist das Bureau, rechts an der unteren Stufe der Treppe hockt eine kleine weiße Marmorstatue, eine junge kniende Frau darstellend, die dem Eintretenden die Hände entgegenstreckt als flehte sie: »Bringt mich denn keiner endlich von hier fort.« Nach diesem seltsamen Willkommen steigt man die Treppe hinauf. Um den inneren Hof mit der unlustigen Fontäne läuft die Veranda, auf die kleine Zimmer münden, an die sich je ein etwas größeres Zimmer mit Fenster nach der Straße anschließt. In zwei solchen Zimmern sind wir untergebracht, und hier heißt es nun aushalten. Der einzig zivilisierte Mensch im Hotel ist die amerikanische Haushälterin; sie sagt, sie sei grau geworden durch den Ärger des hiesigen Lebens. Im übrigen sind nur schwarze und stier aussehende mexikanische Bedienstete im Hause, und die Stubenmädchen, schlampig, verwahrlost, sitzen meist schlafend auf der oberen Veranda und tun damit entschieden das beste, was in Mexiko zu tun ist.

20. Mai. Zum Diner hatte uns Herr von Prollius in das Restaurant Recamier geladen. Wir fuhren in einer schmutzigen Droschke hin. In den Straßen stand das Regenwasser stellenweise so hoch, daß es über das Trittbrett spülte. Das Restaurant ist dingy und verwahrlost, und aus den Nebenräumen drang wüstes Lärmen zu uns.

29. Mai. Unendlich melancholische Tage. Je mehr ich von dieser Stadt sehe, desto schrecklicher finde ich sie in ihrem namenlosen Schmutz, ihrem Staub, der alles durchdringt, und der furchtbaren zerlumpten Bevölkerung. Eine italienische Stadt dritter Güte ist Gold im Vergleich damit. Die Straßen sind entsetzlich lärmend durch das schlechte Pflaster. Für die nächsten Jahre ist außerdem alles in besonders chaotischem Zustand, weil alle Straßen aufgerissen werden, um endlich eine Kanalisation einzurichten. Daher soll besonders viel Fieber und Typhus herrschen, und deutsche Ärzte raten, Herbst und Winter fortzugehen. Nirgends sieht man etwas Augenerfreuendes, denn die paar grünen Plätze sind gänzlich verstaubt durch die Staubwirbelsäulen, die fortwährend aufsteigen. Erfreulich war die Bekanntschaft von Sir Henry und Lady Dering zu machen, die entsetzlich über Mexiko und die hiesige Gesellschaft klagen. Der Präsident gibt bei jeder seiner Neuwahlen, also alle vier Jahre, ein Diner, zu dem er auch die Gesandten einlädt, und damit ist die Geselligkeit erschöpft. Die Minister oder reichen Mexikaner erwidern kaum die Karten, die man bei ihnen abgibt. Sie sollen die Fremden detestieren und sich mehr und mehr abschließen, besonders seit so viele Yankees ins Land strömen, und sie wollen vor allem nicht, daß ihre Frauen in Kontakt mit fremden Frauen kommen. Der italienische Gesandte ist der einzige, der hier etwas zu tun hat, wegen italienischer Arbeiter, die hier einen Strike begonnen haben. Er ist aber, kaum angekommen, infolge des furchtbaren Staubes, an einer schlimmen Augenkrankheit erkrankt. Mit ihm und dem niederländischen Baron Gevers, dem belgischen Geschäftsträger, Herrn Peltzer, wohnen wir hier in dem schlechten, teuren Hotel Sanz und bilden eine kleine mißvergnügte diplomatische Kolonie.

30. Mai. Heute überreichte Edmund sein Beglaubigungsschreiben im Palacio Nacional in der Stadt. Er sagt, es sei ziemlich feierlich gewesen, der ganze Saal gefüllt mit Offizieren. Porfirio Diaz soll für seine 71 Jahre merkwürdig jung aussehen. Solche Gesandtenempfänge sind hier öffentlich, so daß eine Menge Leute zusahen, die deutsche Kolonie und auch Damen.

Der Aufenthalt hier wird mir besonders schmerzlich, seitdem die Zeitungen täglich Telegramme aus Peking bringen. Die Aufrührer, »boxers« genannt, stehen dicht vor Peking, haben Eisenbahnen und Brücken zerstört, und es sollen jetzt endlich europäische Truppen in die Gesandtschaften berufen werden. Es muß recht schlaff dort gearbeitet worden sein, daß es so weit hat kommen und daß Peking hat abgeschnitten werden können, ohne daß Truppen zur Stelle sind. –

Nachmittags fuhren wir nach Schloß Chapultepec, um Madame Diaz zu besuchen. Der Wagen hielt am Fuß des Berges, in dessen Inneres man durch einen Tunnel hineingeht. Dann wird man durch einen Lift auf die obere Terrasse gezogen. Der Tunnel soll noch aus der Aztekenzeit stammen. Oben hat man eine überraschend schöne Aussicht auf die weite Ebene, in der Mexiko liegt, und auf Landstädtchen zwischen Eukalyptuswäldchen. Von dort sieht man den entsetzlichen Staub nicht, und die Berglinien sind schön. Chapultepec ist der erste Ort in Mexiko, von dem ich mir denken könnte, daß man dort ganz glücklich leben könnte... Madame Diaz ist eine Frau von einigen 30 Jahren, hübsch, liebenswürdig und elegant. Wir sprachen Spanisch mit ihr, was sie zu freuen schien.

31. Mai. Baron Gevers wollte nachmittags mit mir einen Ausflug nach den »schwimmenden Blumeninseln« machen. Der Wind und Staub aber waren so entsetzlich, – man konnte nicht die Häuser auf der andern Seite der Straße sehen, – daß ich nicht hin konnte. Baron Gevers fuhr dann ein Stück Wegs, um sich die Gelegenheit für ein andermal anzusehen. Er meint aber, es seien Wege, die eine Dame kaum machen könne. Die Straßen in diesen Vorstädten sind in chaotischem Zustand, enthalten Haufen jeglichen Unrats, darin wälzen sich Hunde, Schweine und Kinder. Die Gebäude bestehen aus einem einzigen langen einstöckigen Lehmhaus, das in Zellen abgeteilt ist. Jede solche Zelle hat eine Tür, die natürlich offenstehen muß, um Licht und Luft einzulassen. So sieht man denn in das rasende Elend, den Schmutz und die Krankheiten einer jeden solchen Indianerwohnung bis ins Innerste hinein. Man sieht da Pockenkranke, Triefäugige, mit Schwären Bedeckte, eine wahre Musterkarte physischen Elends. Der Kanal, auf dem man zu den »schwimmenden Blumeninseln« gelangt, ist mit dickem, bräunlichen Wasser angefüllt, auf dem allerhand Schmutz und Unrat treibt. Das sind die einzigen »schwimmenden Inseln«, die noch in der Umgegend von Mexiko anzutreffen sind. Früher sollen hier wirklich Blumengärten gewesen sein, falls es nicht etwa damals auch schon mexikanisch-yankeesche Reklame gab – aber diese Gärten sind längst verkotet und verschlammt, und von dem Landweg, der den Kanal entlangläuft, weht immmer neuer Staub auf das schmutzige Wasser und die schwimmenden Unratinseln. Wie sehr die Reklame hier floriert, beweist, daß, als kürzlich nachts ein ziemlich starkes Erdbeben stattfand, am nächsten Morgen in den Zeitungen zu lesen war, es sei zu schade, daß sich solche Erdbeben nicht in der Winterreisezeit einrichten ließen, denn sie seien a novel and curious, experience und würden gewiß viele Reisende in das interessante Land ziehen.

1. Juni. Nachmittags unternahmen wir eine Fahrt nach der Guadaloupe-Kirche. Nachdem man durch einige anständige Straßen gefahren war, kam man durch unnennbare Gegenden. Aus dem Boden steigen mefitische Dünste auf, daß man förmlich die Typhuskeime um sich schwirren zu sehen meint. Der Wagen balanciert zwischen Steinhaufen und sumpfigen Löchern; manche Straßen bestehen aus einer dicken, braunen Schlammasse, andere stehen voll Wasser, in dem sich die langen Reihen von Lehmhütten spiegeln. Man weiß nicht mehr, fließt das Wasser in die offnen Türen hinein, oder wird der Schmutz des Innern in das Wasser hinausgegossen. Manche Straßen haben in ihrer Mitte einen schmalen erhöhten Streifen, auf dem der Kutscher den Wagen ängstlich zu erhalten sucht; dann sind auf beiden Seiten lange, tiefe, stinkende Pfützen, und man fürchtet jeden Augenblick, in das nasse, braune, entsetzliche Etwas zu gleiten. Die Bewohner dieser Stadtteile sind namenlos elend und verkommen. Man sieht da in Höfe hinein, die so viel Elend, Schmutz und Schlechtigkeit enthalten, daß sich das Herz zusammenkrampft und man es alles für Fieberphantasie halten möchte. Aber es ist Wahrheit, und keine Feder vermag die ganze Wahrheit zu schildern. Inmitten dieses braunen Schmutzes sind einzelne Läden in grellen Farben gestrichen, und dazwischen Annoncen von Jahrmarktsbuden mit unmöglichen Wasserfällen, Riesentieren und nackten Weibern, alles möglichst in die Augen springend, auf die stumpfen Sinne dieser verkommenen rohen Menschen berechnet. Inmitten von alldem erheben sich Kirchen mit verfallenen Türmen und verwitterten Kuppeln, und man weiß nicht recht, sollen sie dieser elenden Menschheit Trost oder Hohn sein. Ganz erstaunlich ist die Anzahl Kinder, die man überall und jedenfalls auf jedem Schmutzhaufen sieht; und wenn man bedenkt, zu welch elendem Verkommen sie geboren werden, so sollte hier entschieden eine Prämie auf Kinderlosigkeit gesetzt werden. Solch haufenweise tierische Menschheit, wie man sie hier oder in China sieht, ertötet in mir jeden Rest von Unsterblichkeitsglauben. Ich begreife ihn in einer kleinen deutschen Provinzstadt, wo jeder jeden kennt und man sich sagt, »der arme Herr Soundso ist gestorben, er war so nett, nun sehen wir ihn erst im Jenseits wieder«. Aber bei diesem Haufen von Wesen, die ekliger und kaum höherstehend als das niederste Tier sind, da bildet der Gedanke an ein mögliches Weiterleben nur einen Grund zu neuem Entsetzen. – Nachdem wir aus der Stadt heraus waren, kamen wir auf eine löcherige Chaussee, die durch eine trostlose Gegend führt. Speicher, Schuppen, alles von abschreckender Häßlichkeit. An einer Seite der Chaussee ein Graben fettigen Wassers, dessen Oberfläche mit öliger irisierender Haut bezogen ist. Abfälle jeder Art treiben darauf herum, und Frauen knieten am Ufer und wuschen namenlose Lumpen darin oder schöpften Wasser daraus in zerschlagenen Tongefäßen; eine Frau wusch sich die Haare in diesem grünlich-fettigen Wasser, und dann, um sie zu trocknen, warf sie den Kopf hin und her wie ein tanzender Derwisch. Ein eisiger Wind wehte, denn es war ein Gewitter gewesen, im Gebirge hingen noch graue Wolken und am Ende der Chaussee hob sich die Guadalupe-Kirche hell ab von einem heinahe schwarzen Bergrücken. Es wurde so kalt, daß wir umkehrten, ohne bis hin gekommen zu sein. Der Rückweg war beinahe noch schlimmer als der Hinweg. Ich erkannte alle furchtbaren Pekingdüfte wieder, hier aber zieht noch durch alles der säuerliche Pulquegeruch, der am meisten erinnert an die Luft in Kajüten seekranker Menschen.

11. Juni. Hiesige Spielhöllen und Hahnenkämpfe gesehen. Schon in den Straßen steht es voll kleiner Buden und Tische zum Spielen, bis um einen Centavos herab kann man da setzen, und ganz kleine Kinder kommen an diese Tische und versuchen ihr Glück mit irgendeiner winzigen Münze. In den eigentlichen Spielhäusern stehen dann primitive Roulettes, und man sieht große Silberhaufen, die auf eine Nummer gesetzt werden. Die Spieler sind meist unheimliche Gestalten, und man sieht deutlich, wie sie den Revolver mit der Hand in der Tasche halten. Hinter einem dieser Säle war eine kleine Arena, von einer Brüstung umgeben in Tischhöhe, eine Reihe Stühle stehen darum, und die eifrigsten Wetter sitzen da auf die Brüstung gelehnt, Haufen von Silber vor sich auf der Brüstung aufgestapelt; unter ihnen der Bruder des Finanzministers Limantour und der Wirt unsres Hotels Sanz, der als einer der worst characters of Mexico bekannt ist und schon mal wegen Totschlags das Land verlassen mußte. Hinter dieser Reihe von Stühlen stehen Hunderte von Zuschauern, Leute in Spitzhüten und mexikanischem Kostüm oder auch in Lumpen, die nur durch die Macht der Gewohnheit noch zusammenhalten. Lauter Banditengestalten, von denen Soto sagte: »Il n'y a pas un seul homme ici, que je voudrais rencontrer seul le soir.« Die Hähne werden von den Besitzern gezeigt und in der Arena an Schnürchen auf und ab getrieben, um das Wetten zu encouragieren. Das geschieht, indem man die Farbe des Hahnes ruft und ihn anpreist: »El rubio, el colorado, el canel!« Es gibt Kämpfe mit künstlichem und solche mit natürlichem Sporn. Die letzteren sind die grausamsten, weil sie am längsten dauern. Mit dem künstlichen Sporn ist ein Hahn immer sehr rasch tot und damit der Kampf entschieden; mit dem eignen Sporn dagegen dauert es viel länger, sie ermatten im Kampf, und man muß sie neu beleben, um sie bis zum Ende anzufeuern. Das Anbinden der Sporen wird von besonderen Leuten gemacht, »Amarradores de gallos«, und dies Wort soll eines der ärgsten Schimpfwörter sein. Nachdem das Anbinden geschehen, halten die Besitzer ihre Hähne auf dem Arm und bringen sie so nahe aneinander, daß sie sich gegenseitig etwas picken können. Dann reißt jeder Besitzer seinem Hahn schnell ein paar Federn am Schnabel aus, was diesen in volle Wut bringt, da er natürlich glaubt, daß es sein Rivale ist. Sind sie so in Wut gebracht, setzt man sie rasch auf den Boden und läßt sie gegeneinander los. Sie springen nun aufeinander, und es gelingt einem dem andern das Messer tief in den Kopf, Hals oder Bauch zu stoßen. Sobald der eine tot am Boden liegt, fängt der andre an zu krähen, mag er auch selbst noch so verwundet sein. Die Kämpfe mit dem natürlichen Sporn sollen noch viel entsetzlicher sein; die Hähne sind dabei manchmal so erschöpft, daß sie voneinander loslassen und haletant nebeneinander stehen, oder sie bluten beide derart, daß sie umsinken. Dann werden sie von den Besitzern künstlich belebt, die den Hahnenkopf in den Mund nehmen und ihm Atem einblasen, auch seine Wunden aussaugen. Dann werden sie wieder gegeneinander gehetzt, bis daß einer auf der Strecke liegen bleibt und der andre selbst vielleicht sterbend zu krähen beginnt. Die Hähne werden besonders dressiert und vor dem Kampf gewogen, weil nur solche, zwischen denen kein größerer Gewichtsunterschied als zwei Unzen besteht, gegeneinander kämpfen. Gevers meinte, er hätte nie ein roheres, grausameres Schauspiel gesehen. So recht etwas für dies Volk mit seinen stumpfen Nerven, denen kein Reiz stark genug ist. – Diese Eigenschaft erklärt auch ihre Art, die Toten auf den Kirchhof zu schaffen. In allen übrigen Ländern umgibt man den Tod mit etwas Poesie und sucht das Grauenvolle zu umhüllen. Hier werden die Särge auf schwarze Tramway cars gestellt, und fouette cocher hinaus gehen sie im Trab zwischen allen möglichen andern Cars, eine Tramwaylast wie alle übrigen. Hinter dem schwarzen offnen Sargcars folgt meist ein gewöhnlicher Tramcar, dessen Fenster verhängt sind und auf dem ein Zettel mit dem Wort »funèbre« angebracht ist. Darin sitzt dann die Trauergesellschaft. Der Kondukteur des Sargcars trägt, wie alle einfachen Leute hier, einen spitzen, löcherigen Strohhut und ist in irgendeine bunte Wolldecke gewickelt; dazu die Zigarre im Mund. Wir sehen oft sieben, acht solche Begräbnisse im Trab hintereinander auf den Schienen vor unsern Fenstern vorbei jagen. Wer sich diese Begräbnisse ausgedacht hat, muß wirklich Nerven wie Schiffstaue gehabt haben.

15. Juni. Von Below einen Brief aus Peking vom 7. Mai voller Sommerpläne und kein Wort der Beunruhigung wegen der Boxer. Von Pichon auch ein ganz ruhiger Brief, der über die Monotonie des dortigen Lebens klagt. Gleichzeitig Shanghaier Zeitungen vom 9. und 16. Mai, die die Gesandten in Peking warnen und für den Juni große Massacres voraussagen. Man begreift es gar nicht.

16. Juni. Während ich morgens saß und schrieb, kam Edmund ganz verstört, der Mexican Herald habe ein Telegramm aus Hongkong, daß die Gesandtschaften in Peking angegriffen und Ketteler ermordet sei. Wir sind in furchtbarer Angst um alle Freunde dort und vor allem um unsern lieben Below. Abends sollte ein Bewillkommnungsfest in einem der deutschen Klubs für Edmund sein, das er sofort absagen ließ.

25. Juni. Eine sehr unbefriedigende Zeit verlebt. Die entsetzlich hohe, trockene Luft, der namenlose Staub greifen so an, man fühlt sich beständig außer Atem. Mit unsern Gedanken leben wir nur in Peking. Deutsche Telegramme berichten von der Einnahme der Takuforts, der Kommandant des »Iltis« sei die Seele des Gefechts gewesen. Wir haben ein merkwürdiges Talent, uns durch Bramarbasieren beliebt zu machen! Deutsche Soldaten sind auch gefallen. Wahrscheinlich wäre das mit etwas Voraussicht alles zu verhindern gewesen. Wir haben einerseits die Chinesen unnütz verbittert, andrerseits nicht dauernd die nötige Energie gezeigt. Wir hätten auch nach Kiautschou mit den Chinesen in Freundschaft auskommen können, aber da war man unersättlich. Kaum, daß eine Konzession erreicht war, wurde gleich noch eine größere verlangt. Besonders in der Eisenbahnfrage hat man die Chinesen ganz unnötig chikaniert. Es hätte sich alles langsam entwickeln können, denn manche Linie, die brennend rasch verlangt wurde, wird vermutlich nie gebaut werden. Am besten wäre es natürlich gewesen, das chinesische Anerbieten anzunehmen, daß Kiautschou ein offner Hafen würde, wo wir ein Settlement und Kohlenstation bekämen mit Bahnbaurecht in Shantung, und daß uns außerdem die Samsabucht als eigener Hafen abgetreten würde. Das hätte das chinesische face gewahrt und wir hätten ein viel besseres Geschäft gemacht! Das war aber gegen Tirpitz' Eitelkeit. In jeder Weise hat man sich in Berlin gegen die Chinesen chikanierend benommen, nicht einmal die Orden, die Edmund so dringend für Weng tung ho und Chang yin huan erbat, hat man gleich bewilligt. Edmund hatte bei seiner Entrevue diesen Sommer S. M. so dringend geraten, etwas Kavallerie in Kiautschou zu halten; das wäre jetzt recht angenehm gewesen. Daß Edmund, der über alle diese Dinge so unendlich mehr weiß, als alle Leute in Berlin, hier in Mexiko verschimmeln muß, erfüllt mich mit ungeheuerer Bitterkeit. In Deutschland soll jetzt ein wahres Chinafieber ausgebrochen sein ... Von Goldmann einen Brief bekommen. Er hat versucht, über die deutsche Vertretung in China etwas zu schreiben und Edmunds Versetzung zu kritisieren.

Sein ganzer Artikel ist angenommen worden, aber ohne den Absatz über Edmund. Der Bülowsche Presseliebenswürdigkeitsring tient bon, und zwar weit über Deutschland, auch in Wien darf die deutsche auswärtige Politik nicht kritisiert werden.

Jetzt werden aus Deutschland mit großem kaiserlichen Trara Truppen geschickt, und S. M. hält Reden und schickt Telegramme. Wenn man doch statt alledem ein wenig voraussichtiger gewesen wäre. Es heißt jetzt, Ketteler habe gewarnt, man habe ihm aber nicht geglaubt, »weil er noch zu neu in Peking gewesen wäre!« Eugen Wolf hat einen Artikel gebracht, in dem zwischen den Zeilen zu lesen ist, wie verkehrt ein Ministerwechsel in Peking jetzt gewesen ist.

10. Ju1i. Heut endlich klingen die Nachrichten etwas besser. Es heißt, daß Prinz Ching die Europäer durch seine Truppen schützen läßt. Ich erinnere mich so gut, wie damals Prinz Ching bei Ankunft des Prinzen Heinrich mit auf die Gesandtschaft kam; er hatte noch nie Europäern die Hand gegeben und als ich ihm die Hand reichte, schüttelte er mir kräftig den Daumen. Edmund hat bei der Regierung hier anfragen müssen, ob wir hier Pferde und Maultiere für China kaufen könnten. Auf die telegraphische Antwort, daß Diaz es sehr gern erlauben würde, ist keine weitere Weisung von Berlin gekommen. Vielleicht ist der schöne Enthusiasmus auch schon wieder verraucht!

11. Juli. Die Wahlen haben stattgefunden und Porfirio Diaz ist natürlich wiedergewählt. Die ganzen Wahlen sind hier reine Farce, aber als das Ergebnis Diaz durch eine Deputation mitgeteilt wurde, soll er tränenden Auges für dies große Vertrauenszeichen gedankt haben. II a décidément l'émotion facile!

16. Ju1i. Wir fuhren nach Chapultepec, um Mme. Diaz zu ihrem Namenstag zu gratulieren. Wir wurden in ein Zimmer geführt, das voll der schönsten starkduftenden Blumen stand. An den Wänden herum saß eine Reihe von Damen, die meisten in schwarz, die kaum ein Wort sprachen. In der Mitte des Salons stand ein vierteiliger Puff, ein sog. pâté, auf dem Mme. Diaz mit einigen Damen saß, wodurch sie immer einigen Menschen den Rücken kehrte. Da niemand ein Wort einzufallen schien, sprachen nur Edmund und ich mit Mme. Diaz und zwar in unserm schönsten Spanisch, quer durch das ganze Zimmer, zur Freude der Anwesenden! Zum Schluß erschien auch Porfirio Diaz, den ich bisher noch nie gesehen hatte. Er sieht auffallend frisch aus und wenig indianisch, Konversationsgabe aber hat er auch nicht.

3. August. Viel aufs Land gefahren, um ein Landhaus zu suchen. Endlich fanden wir ein Häuschen in Coyoacan, Typus Suburbancottage, nichts weniger wie gesandtschaftlich, aber möbliert, was uns die Hauptsache ist.

4. August. Nachmittags zogen wir hinaus, nachdem wir Feldt und die alte deutsche Köchin schon vorher hingeschickt hatten. Den ganzen Tag wurde daran gearbeitet, die Sachen, die die Besitzer in allen Zimmern hatten liegen lassen, fortzuräumen: Spielsachen, Zahnbürsten, alte Briefe, horrible Nippes sowie allerintimste Reinlichkeits- und Gesundheitsgegenstände. Eine echte happy go lucky Wirtschaft, wie sie südländisch indolente Frauen mit Indianerblut führen.

Zu unsrer Miete gehören hier eine kleine schwarze Katze und eine riesige graue Dogge, beide mager wie Skelette. Die Dogge habe ich Nirwana getauft. Es stellt sich heraus, daß der Drache, die Köchin Theresa, die wir wegen dauernder Betrunkenheit herausgeworfen haben, keine Rechnung bezahlt hat. Nachmittags erschien Polizei, die Feldt festnehmen lassen wollte, weil sie alle Rechnungen auf ihn hat ausstellen lassen. Da Edmund krank zu Bett lag, mußte ich herunter, mit dem Polizisten zu verhandeln. Ein zerlumpter Kerl mit Poncho und zerlöchertem spitzen Strohhut. Ich ließ rasch die Gartentür verketten und suchte ihm nun vor versammeltem Volk und in gewähltem Spanisch die unantastbaren Rechte eines Gesandten klarzumachen, in dessen Haus überhaupt keine Polizei herein dürfte. Solche Weisheit war noch nie nach Cojoacan gedrungen. Schließlich zog der Polizist ab, aber, wie ich fürchte, mehr durch die verkettete Tür als durch meine Rede überzeugt.

14. August. Gedächtnisfeier für den König Umberto. Wir fuhren ganz früh von hier per Tram nach Mexiko in die Dominikanerkirche. Diese ganze Ecke der Stadt muß früher sehr hübsch und interessant gewesen sein mit dem großen Dominikanerkloster, dem dazugehörenden Kirchhof und dem Inquisitionsgebäude. Die Kirche war in schwarz und Silber dekoriert und mit einer Menge Grünwerk und Blumen. Wirklich schön geschnitzt und vergoldet mit eingelassenen alten Bildern und Figuren sind zwei Seitenaltäre. Einen merwürdigen Kontrast zu diesen überreichen Kapellen bildet der Hauptaltar mit einer beinah abschreckenden Figur Christi am Kreuz. Seltsam, was aus dieser Gestalt mit ihrer ganz weltabgekehrten orientalischen Lebensanschauung im Lauf der Zeiten an Prunk und Äußerlichkeit geworden ist. Der ganze Gottesdienst mit den Umkleidungen des Erzbischofs, dem Weihrauch, den monotonen Wiederholungen erinnerte an Ähnliches in tibetanischen oder birmesischen Tempeln Gesehenes. Mme. Diaz kam als Abgeordnete ihres Mannes, der nach hiesigen Gesetzen keine Kirche betreten darf. Mariscal war da, dem es also offenbar erlaubt ist, sich den Fremden zuliebe kirchlich zu verunreinigen! Mme. Diaz kam mit einer Truppe mexikanischer Damen an, eine häßlicher und vulgärer wie die andre. Dieser wenig glänzende Hofstaat bekam die besten Plätze mit Betschemeln, während wir Damen des diplomatischen Korps auf dem Boden knien konnten. Es war quite in keeping mit der Art, wie man nun einmal hier behandelt wird.

15. August. Seit einer Woche hat man nun endlich direkte Nachrichten aus Peking, und wie ein Wunder klingt es, daß nun alle Gesandten am Leben sein sollen. Der Vormarsch nach Peking hat daraufhin nun endlich begonnen. Wir Deutschen sind nicht dabei, aber es werden zu Haus große Vorbereitungen getroffen, und S. M. verabschiedet jedes Schiff mit einer kolossalen Rede, über die dann Anfragen und Berichtigungen sans fin entstehen. Alles wird theatralisch in Szene gesetzt und es herrscht mehr offizielle Emotion als beim Truppenauszug 70!

16. August. Die Alliierten sind beinah vor Peking, aber bei uns wird weitergerüstet und die Zustimmung aller Mächte zu Waldersee als Oberbefehlshaber eingeholt! Eigentlich hat es etwas unbeschreiblich Komisches. Anstatt vorzugehen, mit was auch an Truppen da sein möge, nur um dabei zu sein. Ob uns nicht einmal die Augen aufgehn werden, was für eine klägliche Rolle wir in dieser chinesischen Angelegenheit gespielt haben?

18. August. Peking ist am 15. August eingenommen worden und die Gesandtschaften befreit. Deutsche Truppen sind nicht dabei gewesen! Die deutschen Zeitungen beginnen die Blamage zu fühlen und schreiben, um sich herauszureden, die Einnahme Pekings sei gar nichts; die Hauptsache wäre, sich der Kaiserin zu bemächtigen, die mit dem Kaiser tief in das Innere Shensis, nach Sian Fu, geflüchtet ist. Hoffentlich läßt man sich auf solchen abenteuerlichen Zug nicht ein. Waldersee wird weiter abgefeiert, mit großen Reden von S. M. und Festen. Was soll er aber in China, wenn er frühestens in 7 Wochen ankommt? Bei alledem sehnt man sich zurück nach unsern guten alten Zeiten und ihren großen Leuten, die so wenig von Phrasen wußten und so viel taten. Ob denn nie die Abrechnung kommt für all die jetzt gemachten Fehler? In China können wir hier es konstatieren, auf den andern Gebieten wird es wohl auch nicht besser sein.– – –

27. August. Gestern haben wir zum erstenmal einen großen Spaziergang gemacht und uns sehr gefreut an der Ländlichkeit und Stille, die hier herrscht. Jetzt nach dem vielen Regen scheint das Land eine einzige große Wiese zu sein, mit zerstreuten Weiden und Pappeln und grasenden Kühen. Im Hintergrund erheben sich die Berglinien und zwischen ihnen und uns liegt ein feiner blauer Dunst, der alles unendlich weit und duftig erscheinen läßt. Hier in Cojoacan gibt es viele große Gärten, leider aber immer hinter hohen Mauern. Darüber erheben sich alte Bäume, und Schlingpflanzen hängen über die Mauern herüber oder ranken sich in die Kronen der Bäume empor, über die Straßen sind Drähte oder Stricke gezogen, an denen die Laternen über den Wegen baumeln, eine merkwürdig primitive Straßenbeleuchtung, die aber etwas Anheimelnd-Altertümliches hat. Cojoacan soll eine der ältesten spanischen Niederlassungen sein, und überall findet man altes Gemäuer, Reste von früheren Klöstern und manchmal noch ganz erhaltene alte Häuser mit reizenden inneren Höfen, voll schöner Blumen, unter denen mir die Florifundio mit den langen weißen Glockenblüten besonders gefallen. Man kann eigentlich immer ganz getrost in die Höfe hineingehn, und je einfacher die Leute sind, desto freundlicher wird man aufgenommen. Unangenehm und unliebenswürdig sind nur die upper ten thousand in Mexiko. Heute morgen forderten uns ganz einfache Gärtnersleute auf, in ihr Haus und ihren Garten zu kommen. Wir mußten uns alles besehen, das Schlafzimmer mit kleinem Altar und Heiligenbildchen, den Eingang zur Küche, ganz dekoriert mit mexikanischen irdenen Töpfen, von den größten in Form von Enten bis zu den winzigsten wie für Puppen bestimmt. Die Frau ruhte nicht, bis wir einen Blumenstrauß und Obst mitnahmen. Dabei haben sie so eine höfliche und graziöse Art zu sprechen. Von ihrem Sohn sagte die Frau: »Se llama Anastasio con el permiso de Vd. y es el criado de Vd.« Bei der Töpfchendekoration sagte sie: »Es casa pobre pero tambien casas pobres pueden ser limpias y bonitas.« »Si no pensamos a Dios no comemos,« sagte sie, als sie mir den Hausaltar zeigte. Die armen Leute scheinen hier so unendlich viel zufriedener als bei uns, von dem Haß gegen Reiche und den sozialdemokratischen Bestrebungen merkt man hier nichts, und es ist wohltuend, mit einem Volk zu tun zu haben, das untereinander und gegen Fremde so sehr höfliche Formen hat.

Heute nachmittag machten wir einen Spaziergang nach der alten Kirche San Angel de Cherubusco. Früher stand da ein großes altes Kloster, und noch jetzt erheben sich hinter den Mauern allerhand graue, verwitterte Gebäude. Wir wollten in das erste Hoftor eintreten, aber es kam uns eine Frau entgegen, es sei das Militärhospital für ansteckende Krankheiten, besonders Typhus. Der Hof, den wir erblickt hatten, war merkwürdig malerisch mit einer alten Treppe, allerhand Haustiere ließen es sich im Unrat wohl sein. Oben sah man eine Reihe scheibenloser Fenster. Von hygienischen Prinzipien schien man in dem Hospital nicht viel zu wissen. In der Kirche, an die im Vorhof eine kleine Kapelle angebaut ist, die ganz mit bunten alten Kacheln bedeckt ist, war gerade ein Fest. Männer in Ponchos, Frauen und Kinder füllten kniend die Kirche und hielten alle brennende Kerzen in der Hand. Vor dem Hauptaltar waren eine Menge Blumendekorationen angebracht, von der Kuppel hingen blau-weiß-rote Tücher bis auf den Boden herab und Laternen in Form von großen Glaskreuzen sowie riesige Kandelaber waren angezündet. Das Heidnische im Christentum, die Anklänge an ganz Fernes, Fremdes fallen mir in den hiesigen Kirchen ganz besonders auf. Wir besahen noch alles, was vom alten Kloster übrig war, ein zweistöckiger Kreuzgang, alte Malereien, geschnitzte und bemalte Figuren und Kacheln. Am Eingangstor hat sich dem Fest zu Ehren ein kleiner Markt improvisiert von Obst und Süßigkeiten und für ein Feuerwerk wurden Vorbereitungen getroffen. Als wir am Spital wieder vorbeikamen, hielt gerade ein Sanitätswagen, der einen Kranken brachte. So berühren sich auch hier Feste, Krankheit und Tod.

22. Oktober. Edmund war lange Zeit recht krank an Bronchitis. Der ziemlich unerfahrene junge Arzt machte uns große Angst, sprach von Lungenaffektion und verlangte, daß wir verreisen sollten. Kein Leichtes, denn an der See in Vera Cruz herrscht gelbes Fieber, in Cuernavaca Malaria, und nach Chapala sind jetzt in der Regenzeit die Wege unpassierbar. So blieben wir denn hier in rechter Herzensangst. Als Edmund wohler wurde, begannen wir das Haus etwas zu tapezieren und zu streichen und den Garten instand zu setzen.

29. Oktober. Während wir beim Frühstück saßen, kam ein so starkes Erdbeben, daß ich dachte, es sei der Welt Ende. Der liebe Gott besann sich aber anders, und nach ein paar schwächeren Stößen beruhigte es sich. Er ist offenbar »mightly pleased«, wie Mr. Pepys sagt, mit dem hiesigen Teil seiner Schöpfung.

7. November. Während dieser Tage bin ich viel zum Malen gegangen. Besonders hat mir ein Kirchhof in Los Reyes gefallen. Es sind eigentlich nur ein paar verlassene überwucherte Gräber an einer dunklen Steinmauer, über die die Büsche mit brennend roten Blumen herüberragen und sich wie zu den Gräbern herabneigen. Dahinter große dunkle Bäume gegen den Abendhimmel. Es wäre recht etwas für Böcklin. Diese mit Gestrüpp bezogenen Gräber haben etwas unendlich Trauriges, sogar der einstmalige Schmerz, der an ihnen trauerte, ist vergessen und ruht vielleicht selbst irgendwo in der Erde. Die Endlichkeit des Schmerzes, seine kurze Dauer, scheinen der Jugend so unglaublich – beim ersten großen Kummer denkt man, daß er ewig währen wird!

26. November. Gestern waren wir bei einem großen Picknick des deutschen Reitvereins auf einer Hacienda, hier in der Nähe. Edmund und ich sind ganz melancholisch davon. Solange man mutterseelenallein hier in unsrer kleinen Einsiedelei bleibt, ist es erträglich; aber sobald man unter Menschen geht, da realisiert man, in welche geistige Wüste man geraten ist. Das Malen und Schreiben und die Abende, wo Edmund mir vorliest, sind die Lichtpunkte des Lebens. Beim Malen und Schreiben kommt es ja nicht zu großen Resultaten, aber es hebt aus der Alltäglichkeit doch etwas hinweg, und das Schreiben ist mir oft wie eine innere Notwendigkeit, es befreit von so vielem. –

1. Dezember. Ganz früh fuhren wir in die Stadt. Edmund, um mit dem ganzen »Korps« dem Präsidenten zu seiner Wiederwahl zu gratulieren, und ich, um die Huldigungsprozession de la Paz anzusehen. Die Straßen und der Platz waren ärmlich und mit dünnen Fahnen dekoriert, in der Calle San Francisco war die Wirkung besser, weil da hauptsächlich frische Blumen verwandt waren. Im Zug des Präsidenten fielen mir die guten Wagen und schönen Pferde auf. Soldaten bildeten Spalier und es ging sehr ordentlich zu, aber von irgendwelchem spontanen Enthusiasmus war nichts zu merken. Bei Alvarez hatten sich mittlerweile die Zimmer gefüllt mit einer Menge älterer und jüngerer Ninas, Pepitas, Conchitas, Pajaritas, lauter weiblichen Wesen auf ita. Sie sind alle immer sehr liebenswürdig, aber nach ein paar Minuten weiß man nicht, was mit ihnen sprechen, es fehlen alle Berührungspunkte. Nach langem Warten erschien endlich die Prozession mit einigen hübschen allegorischen Wagen, besonders der »Pulque« darstellende, mit großen Agaven und Gruppen von Indianerkindern. Sehr gut sahen die sogenannten »Rurales« aus, eine Art Gendarmen, mit braunen mexikanischen Lederanzügen, großen grauen Hüten und guten Pferden mit schönem Sattel- und Zaumzeug.

13. Dezember. Ein Diner bei Moncheur in einem behaglich europäisch eingerichteten Hause, was hier eine Freude ist, denn bei den Mexikanern sieht es immer so steif aus, als würden die Salons nie benutzt. Macht man einen Besuch, so trifft man die Damen nie im Wohnzimmer mit irgendeiner Beschäftigung, sondern sie werden immer erst aus einem geheimnisvollen Hinterraum geholt und erscheinen dann mit tausend Entschuldigungen und rasch noch etwas an sich zurechtzupfend. Wahrscheinlich waren sie »descansando«, womit sie hauptsächlich ihre Zeit verbringen.

23. Dezember. Heute mit der angenehmen Nachricht geweckt, daß nachts bei uns eingebrochen worden sei. Edmund ging den Polizeipräfekten holen, der wie Napoleon III aussieht und von einer Borniertheit ist, die ihn zu den höchsten Ämtern befähigen dürfte. Er sagte: »Voriges Jahr ist bei dem Herrn Cervantes ein ebensolcher Diebstahl vorgekommen, und es waren seine eignen Diener, folglich wird es auch hier durch die Diener geschehen sein,« und damit schleppte er unsere kreuzbraven Gärtner ins Gefängnis, von denen noch obendrein einer »Jesus« heißt. Aber dieser Name führt ja nun einmal zu Konflikten mit der irdischen Gerechtigkeit! Während dies alles vor sich ging und im Hause die größte Aufregung herrschte, putzt Bartels im Garten den Weihnachtsbaum. Abends waren wir hier in Cojoacan in eine mexikanische Familie geladen, zu einer sogenannten Posada. Es sind dies Feste, die 9 Abende lang vor Weihnachten gegeben werden, und der Gedanke dabei ist, daß die heilige Jungfrau und Joseph von Haus zu Haus ziehen, um Obdach zu bitten. Der Garten des Hauses war hübsch dekoriert mit Laternen, die Gäste bildeten eine Prozession, und die Litanei singend, jeder ein Lichtchen in der Hand, zogen wir so mehrmals durch den Garten. Uns voraus wurden die Figuren der heiligen Jungfrau und des Joseph getragen. Nach längerem Umherziehen machten wir Halt vor der geschlossenen Haustür, hinter der einige junge Damen und Kinder postiert waren, mit denen ein längeres singendes Parlamentieren anging, bis man schließlich uns, d. h. der heiligen Familie, Einlaß gewährte. Nachher wurden kleine Geschenke verteilt, und Charaden mit Nationaltänzen und lebenden Bildern aufgeführt, was sich sehr gut machte, da einige auffallend hübsche Mädchen dabei waren. Das ganze war von unbeschreiblicher Einfachheit und Harmlosigkeit, und all die Menschen mit ihren vielen Kindern amüsierten sich absolut naiv. Und für uns war es nett, Mexikaner einmal so ganz unter sich zu sehen.

24. Dezember. Seit Chile habe ich nicht mehr so warme Weihnachten erlebt, mit tiefblauem Himmel und im Garten weiße Rosen und Callas blühend. Nur die Nächte sind kalt, und empfindlichere Pflanzen müssen ein wenig eingewickelt werden. Unser Gärtner nimmt dazu Zeitungen, aus denen er den Pflanzen Kapuzen macht, so daß sie aussehen wie alte Mütterchen in Nachthauben. Unsre armen, unschuldigen Gärtner sind endlich freigegeben, nachdem man sie greulich behandelt hat, und es kennzeichnet den hiesigen Zustand, daß, obschon der Einbruch in allen Zeitungen gestanden hat, niemand von den offiziellen Personen sich auch nur mit einer Silbe bei uns erkundigt hat!

1. Januar 1901. Wir machten Neujahrsbesuche, u. a. auch bei der Präsidentin. Sie empfing in ihrem Stadthaus, und allmählich versammelte sich das diplomatische Korps, in Reih und Glied an den Wänden entlang sitzend. Dann bekamen wir jeder ein Glas Champagner in die Hand gedrückt und tranken uns mit stummen Verbeugungen zu! Abends fuhren wir in den Jockeiklub, wo der Ball stattfand, der nach jeder Präsidentenwahl, also alle vier Jahre, gegeben wird. Es interessierte mich, das schöne alte Palais zu sehen, das ganz mit weißblauen Kacheln belegt ist. Es hat wirklich etwas Vornehmes, Elegantes und wäre einer andern Gesellschaft wert. Aber diese elende Mischrasse, diese männlichen und weiblichen rastas! Weder Geist noch Schönheit noch Eleganz. Wie Puppen saßen die Frauen an den Wänden entlang oder vielmehr wie brave geduldige Kühe, die sich nicht aus dem Käfterchen rühren, in das man sie im Stall gesperrt hat. Es fehlt ihnen alle und jede Initiative und sicherlich hat nie eine von ihnen einen Einfall gehabt. Die Männer sind so an dies Wesen gewöhnt, daß sie nie mit einer Frau ein vernünftiges Wort reden – sie machen aber auch alle einen so peu comme il faut Eindruck, daß man froh ist, von keinem angeredet zu werden. Während dieses Abends hatte ich Gelegenheit, den Präsidenten näher zu beobachten. Er hat doch etwas ganz Indianisches und ein gewisser mißtrauischer Zug scheint mir charakteristisch an ihm. Er mag schöne Dinge auf dem Gewissen haben! Manchmal sieht er sich scheu nach den Seiten um, als erwarte er, daß plötzlich jemand aus dem Hinterhalt auf ihn stürzen könne. In sozialen Dingen leitet ihn offenbar seine Frau gänzlich, was auch nötig sein mag.

3. Januar. Ich raffte mich auf, um Mme. Reyes, die Frau des Kriegsministers und Kronprätendenten, zu besuchen. Sie wohnt am Paseo de la Reforma, den hiesigen Champs Elysées. An dem Tor stand ein Mann in zerlumptem Hemd und riesigem spitzen Strohhut, der sich unsre Karten ausbat, um uns anzumelden. Oben wurden wir von einem indianischen Hausmädchen in Empfang genommen; sie hatte aufgelöstes, ungekämmtes Haar und verhüllte ihre Blöße durch einen Kattunrock und eine einstmals weiße Nachtjacke. Sie eskortierte uns in »la sala«, in der Mme. Reyes natürlich nicht war, da sie vermutlich noch rasch eine der ihres Hausmädchens ähnliche Tracht mit einer europäischen Vorurteilen entsprechenden vertauschte. So musterten wir »la sala«. Alles darin war knallrot und gelb. Unter den so gefärbten Vorhängen und Portieren schauten noch zweifelhaft weiße Tüllgardinen hervor. Es herrschte ein Überfluß von Terrakottafiguren, Neapolitanerinnen und Fischerjungen, beinah in Lebensgröße; dazwischen grelle Kantonstickereien. Die rot und gelb bezogenen Sofas, Sessel und Stühle waren feierlich aufmarschiert, und zwischen ihnen, rechts und links, vorn und rückwärts standen große rotgläserne Spucknäpfe. Es war jede Wurfrichtung vorausgesehen. Beim mexikanischen Kriegsminister muß eine spuckende Yankee-Invasion erwartet werden! Flankiert von diesen rotglänzenden Repositorien saßen wir da und unterhielten uns mit Mme. Reyes, die uns erzählte, das Kriegshandwerk sei kein sehr gutes mehr in Mexiko. Vor meinem innern Auge stieg das Bild der venerablen Frau von Gossler auf, was würde sie wohl sagen, wenn sie sich an ihrem Empfangstag von 20 Spucknäpfen umgeben sähe?

22. Januar. Nun ist also auch die Königin von England dahin; für uns zu spät, denn die Allianz, bei der wir sicher die Blamierten sein werden, ist ja nun doch zustande gekommen. In der letzten Zeit viel über die allmähliche Entfremdung mit Rußland gesprochen, zu der Edmunds Kiautschou-Erinnerungen viel Stoff liefern könnten. Es wird jetzt offen erklärt, die de Beer Compagnie habe die öffentliche Meinung in Deutschland antiburisch bestochen. Die Summe ist aber so groß, daß es sich nicht nur um Zeitungen handeln kann. Auf meine Anregung sandte Edmund ein Beileidstelegramm nach Osborne an S. M. im Namen der deutschen Kolonie. Und umgehend kam eine persönliche Dankesdepesche. Man merkt es gleich, wenn er einmal aus Bülows Dunstkreis heraus ist.

März. Seit einiger Zeit kursieren recht unheimliche Nachrichten über die Gesundheit des Präsidenten. Er ist noch immer abwesend, was während seiner ganzen Regierung noch nicht vorgekommen, und niemand bekommt ihn zu sehen. Seine Krankheit soll Verkalkung der Arterien an Kopf und Nacken sein; und man erzählt, Gedächtnisschwäche und Tobsuchtsanfälle zeigten sich. Die Familie hält ihn ganz sequestriert, damit diese Nachrichten nicht bekannt werden. Natürlich wird heftig um die Nachfolge intrigiert. Kandidaten sind der Finanzminster Limantour und der Kriegsminister Reyes. Letzterer hat viel mehr Chancen und paßt auch besser für das Land, da er selbst ein halber Indianer ist. Mir wäre Limantour viel lieber, er ist der einzige zivilisierte Mexikaner, den ich kenne, was daher kommt, daß er keiner ist. Ein Irishman if ever there was one; wie gewöhnlich interessiere ich mich mal wieder für the losing side. Wer es nun auch von beiden werden mag, so glaubt man doch, daß es zu Revolteversuchen von Seiten der Gouverneure der Provinzen kommen wird, die sich einem neuen Präsidenten nicht so wie Diaz unterordnen wollen... Ich besuchte Mme. Chapeauroux, die nach Europa reist, weil sie sich hier der Liebhaber ihrer 16jährigen Tochter nicht erwehren kann. Es sind meist 18- bis 19jährige Jungen, die die halbe Nacht vor den Fenstern des jungen Mädchens stehen und ihr Briefe schreiben, daß sie sich aus Liebe erschießen wollen. Man nennt das hier »den Bär spielen« und viele Damen haben mir erzählt, das finge schon an, wenn Mädchen 14 Jahr alt seien und man könnte diese Bengels absolut nicht loswerden. Angenehme Sitten! Auch bei Mariseals machten wir einen Besuch und während wir mit dem Ehepaar im Salon saßen, kam plötzlich ein Diener in Hemdärmeln hereingestürzt und rief laut: »Senior, hay un mensaje del Senor Presidente!« Da fiel ihm Edmund ins Wort: »Je ne sais si nous devons entendre tout le message.« Der kleine Mariscal war höchst verlegen und verschwand mit dem Diener ins Nebenzimmer. Bald darauf kam er sehr aufgeregt zurück und sagte, der Präsident habe ihn wissen lassen, er könne ihn jetzt nicht sehen, er möchte seine Reise zu ihm verschieben. Das ist wieder ein schlimmes Anzeichen. Madame Mariscal sieht ganz aus wie ein langköpfiges isabellenfarbiges Pferd und Mariscal selbst gleicht einem ouistiti, und ihre Tochter erzählt von ihnen, wenn sie sich zankten und alle Invektiven aufgebraucht hätten, so riefe er ihr zu: »Mule, mule, mule,« und sie antwortete: »Monkey, monkey, monkey!«

Wir haben jetzt alle Tage große Staubstürme, die Welt erscheint ganz ausgedörrt, der Boden im Garten ist hart und gesprungen und wenn die Gärtner auch noch so sehr gießen, nach wenigen Minuten ist alle Feuchtigkeit aufgesogen von der trockenen Erde und dem heißen Wind. Hätte ich die Hölle zu schildern, so würde sie keine Flammen haben, nur Staub, nie endenwollenden Staub. Alle Tage ist die Luft jetzt ganz damit angefüllt. Alles scheint gelb, die nächsten Hügel verschwinden hinter einem dicken Schleier und wo sonst die schneebedeckten Vulkane am Himmel stehen, lagert eine einzige große Staubwolke. Das beginnt alle Morgen und dauert bis zum Nachmittag. Gegen Abend legt sich der Wind, allmählich tauchen die Umrisse der Berge aus den gelben Schleiern wieder auf, der Staub sinkt herab, die Luft wird klar und schließlich sehen wir, wie die Schneespitzen noch das letzte Licht der untergehenden Sonne goldig-rosa auffangen.

Vielleicht werden wir einst am Abend auch klarer sehen, wozu all das Staubesleben und seine Mühen gewesen sind. Wissen und Verstehn, – dann wäre vieles leichter zu ertragen!

12. März. Ein wirklich gescheiter Globetrotter ist hier angekommen, Professor von Halle. Er arbeitet im Marineamt, was mich zuerst gegen ihn einnahm, es scheint aber, daß es auch da kluge und angenehme Menschen gibt. Wir machten mit ihm einen Ausflug nach Cuernavaca. Je mehr wir stiegen, desto mehr überblickten wir das ganze Tal von Mexiko mit seinen Seen, deren Existenz man in der Stadt nicht ahnt. Von Coutreras geht es steil in die Höhe und die Bahn fährt über einen 10 000 Fuß hohen Paß, eine Art Bergeinschnitt am Ajusco. Es war eine wahre Freude mal wieder Bäume zu sehn. Die ersten langhaarigen Fichten sahen wie schüchtern aus, als wunderten sie sich, hier zu stehen, allmählich wurden sie aber immer größer und dichter, bis wir glauben konnten, in einem Gebirge zu Hause zu sein. Längs der Bahn führt der Weg, den auch Cortez gezogen ist, jetzt wird er nur noch von indianischen Maultiertreibern und Holzfällern benutzt, und oftmals sieht man in der Einsamkeit ein Holzkreuz aus einem Steinhaufen emporragen, Stellen bezeichnend, wo ein Mord begangen worden ist. Die ganze Ajuscogegend hat den Ruf, Räuber und sonstiges Gesindel zu beherbergen, und in alten Zeiten sollen sie von dort aus Raubzüge auf Cojaocan unternommen und alles mit sich in die Berge geschleppt haben, bis schließlich niemand mehr wagte in den Landstädtchen zu wohnen. Wir glaubten es gern, nach den Menschenexemplaren zu urteilen, die wir an den einzelnen kleinen Stationen sahen. Zerlumptes, bettelndes Volk, das aussah, als wollte es den Eisenbahnzug im Sturm nehmen. Sie kamen aus den seltsamsten Hütten und Höhlen herausgekrochen, zu deren Erbauung das Blech von Petroleumkästen, Jutefetzen und Stücke alter Kisten die Hauptbestandteile geliefert hatten. Die Dächer dieser Behausungen, in denen die Bewohner sich z. T. nur kriechend und kauernd aufhalten konnten, waren mit Felsstücken beschwert, denn der Ajusco wird von manchen Stürmen umsaust und in kalten Jahren liegt dort Schnee. An der Station tres Marias ward längerer Halt gemacht. Außer dem Stationsgebäude, in dem ein chinesischer Koch Sandwiches bereitete, besteht der Ort nur aus einigen elenden Hütten, die sich hinter Felsblöcken verstecken, man weiß nicht recht, ob aus Angst vor dem Wind oder aus Scham über ihre Häßlichkeit. Dahinter erhebt sich ein Berg mit drei Spitzen, die »las tres Marias« heißen. Wir gingen dort oben auf und ab und fütterten die verhungerten Hunde der Indianer mit den Chinesensandwiches. Die Bahn geht von dort oben so steil herab, daß man die Empfindung hat, an einer Weltkante zu stehen, von der aus man in die Unendlichkeit springen könnte. Wenn ich als Kind einen Globus betrachtete, auf dem die Berge in Relief dargestellt waren, überkam mich immer der gleiche Gedanke. Das Cuernavacatal erinnert sehr an die Blicke aus den Himalaya-Vorbergen herab auf die Ebene. Cuernavaca liegt an einer tiefen Schlucht, die dicht bewachsen ist von einer besonders schönen Schlingpflanze the moonflower, die große weiße Blumen trägt. Von den Bordagärten aus hatte man einen entzückenden Blick in diese Schlucht; diese Bordagärten haben einen großen Charme durch ihre Stille und den alles verschönernden Verfall. Sie gehören zu jeher Sorte, in denen die Architektur eine große Rolle spielt, wie in Italien und Indien. Die Wege sind mit Fliesen belegt und führen herab zwischen Postamenten, auf denen Vasen stehen von einem steinumfaßten Teich zum andern. Das Wasser ist braun, grün und träge, als sei es durch die Jahre müde geworden und habe gelernt, daß das Stillstehen ebensogut wie rasch laufen ist. Kurze Zeit vor dem Sturz des Kaiserreichs hat die Kaiserin Carlotta einige Monate in dieser Bordabesitzung zugebracht, eating her heart out aus Kummer über den Kaiser, der sich einige Meilen von dort ein Häuschen gebaut hatte, in dem er in den Armen einer schönen Unbekannten seine Regenten- und Ehemannspflichten vergaß. Zu Sonnenuntergang steigt man hier auf ein Dach und bewundert das Farbenspiel auf den schneeigen Vulkanen. Ein besonders beliebtes Dach dafür ist das des Sanatoriums.

Man ist dort den verschiedenen Kirchenkuppeln ganz nah und eine gute Kuppel ist eine schöne Religionsäußerung. Man hat auch den Blick auf den zinnenbekrönten Palast des Cortez, der mit seiner offnen Mittelloggia einst sehr schön gewesen sein muß; jetzt sieht man ihm schon von weitem die Renovation an mit hübsch regelmäßig aufgemalten Quadersteinen. Die Ansicht Caprivis, daß zwischen Stuck und Marmor kein Unterschied sei, muß hier in Cuernavaca Adepten gefunden haben! Die schöne alte Kirche, die sehr großartig angelegt war, mit einer kleineren Kapelle am Eingang wie ein priesterliches Portierhäuschen, ist goldgelb angestrichen worden, so daß all die schöngemeißelten Steinsimse wie das Werk eines für Riesen arbeitenden Zuckerbäckers aussehen. Man ist ganz ergriffen von so viel Geschmacklosigkeit. Wir fuhren noch nach dem Landhaus des Kaisers, es ist ein einstöckiges Ziegelgebäude und enthält ganze drei Zimmer. Davor liegt ein 7 Fuß breiter und 20 Fuß langer Teich, ein trauriger Ersatz für »Miramar« und das Adriatische Meer. Ich mußte immer an jenen bezaubernden Ort denken, mit den herrlichen Gärten und dem himmlischen Blick aus dem Grünen auf die blaue See.

Ein verkommener Hain mit Kaffeebäumen, dazu ein paar Felder, das ist die ganze Umgebung dieses Kaiserheims. Die Unbekannte muß wahrlich sehr schön gewesen sein, she had to make up for much! Wir besahen noch eine Kirche, an deren einer Wand ein Backofen angebaut ist, und eine andere, an deren Seite eine Menge Gräber wie Kasten angemauert sind; es sieht aus, als hätten die armen Toten sich ganz nah an die Kirche herangedrängt, um bei ihr Schutz zu suchen. Wir fuhren noch nach San Antonio, einer einzigen langen Dorfstraße von kleinen Bambus- und Strohhüttchen. In jedem dieser Häuschen leben indianische Töpfer, und wir sahen zu, wie sie ihre Krüge kneteten und kleine Porzellanstückchen hineindrückten, mit denen sie allerhand Muster bilden. – In einem Garten hier liegt ein großer Felsen, auf den ein aztekischer Künstler eine riesige Eidechse gemeißelt hat... Den Abend verbrachten wir auf dem Sanatoriumdach, wo mir recht Mme. Iturbes Beschreibung von Mexiko einfiel: »Die Häuser haben flache Dächer, es ist sehr langweilig, und man hat viele Kinder.«

16. März. Edmunds Geburtstag sehr nett gefeiert mit einem Ausflug nach einer alten Hazienda von Cortez, wo er zuerst Zuckerbau betrieben hat und man noch seine alten Maschinen und Bottiche sieht. Der Weg war unbeschreiblich steil und holperig. Unser Wagen war mit vier Maultieren bespannt, da er aber keine Bremse hatte, mußten zwei Indianer mitlaufen, die an den steilen Stellen als Bremsen fungierten, indem sie ein Wagenrad in die Höhe hoben. Die Bordagärten hier haben etwas Italienisches, aber bei dem kleinen Kiosk, in dem wir saßen, mußte ich immer an Indien denken, an die Loggien der Paläste, hoch oben an steiler Stadtmauer. In einer alten indischen Stadt habe ich einen Palasthof gesehn, dessen Fliesen ein Schachbrett bildeten, auf dem der Fürst des Landes mit lebenden Figuren Schach spielte. Damals war ich noch jung, und es schien mir wie eine Profanation des Menschenwertes; jetzt weiß ich, daß wir alle nur Schachfiguren sind, Gott weiß in wessen Hand! Es tat uns allen leid, als wir aufbrechen mußten. Wir waren eine so wohlassortierte kleine Gesellschaft. Professor von Halle ein so amüsanter Mensch, und Mrs. Mason zu jenen seltenen Wesen gehörend, die bei andern den Geist wecken. In den meisten Umgebungen legt sich der Geist schlafen, denn er weiß, daß er zu denen gehört, who won't be missed. Auf der Heimfahrt zogen am Himmel große Wolken auf, und als wir auf der Höhe anlangten, war es wie eine nordische Gewitterlandschaft. Große Tropfen fingen an zu fallen, der Wind rauschte in den Kiefern und das verblichene Büschelgras stand fahl gegen den violetten Himmel. Es ward Abend, die Einzelheiten der Erde verschwanden mehr und mehr und die Dunkelheit stieg auf bis zum Himmel. Beinah kalte Luft wehte durch die Fenster in den Waggon. Wie viele Abende hat man schon so in der Eisenbahn gesessen, wenn mit den Schatten Sehnsucht und Wehmut in uns wuchsen und sich reckten und dehnten, bis sie die ganze Welt zu füllen schienen. Unendlich melancholisch sind Abende in den Eisenbahnen, glücklich, wem dann ein sicheres, liebes Ziel winkt.

30. März. Wir hatten mehrere Diners zu geben, was ich immer langweiliger finde. Dabei sind die Leute hier so eingebildet, daß sie sich sogar auf ihre schlechten Eigenschaften etwas zugute tun. Kürzlich sagte mir ein Mexikaner: »Nous sommes très dépravés, mais nous avons beaucoup de religion.« Arme Religion, was doch alles unter ihrer Flagge segeln muß. Von einem sehr reichen hiesigen Bankier hörte ich kürzlich, daß seine Frau im Sterben läge und die testamentarische Bestimmung getroffen habe, einer besonderen Madonnenstatue in einer kleinen Landkapelle in der Nähe von Guadaloupe all ihren Schmuck umzuhängen. Sobald der Bankier dies erfahren, ging er zu dem betreffenden Geistlichen und kaufte ihm die besagte Statue ab, mit der Bedingung, daß er ihm in ein paar Tagen telegraphieren würde, ob der Handel gelten solle. Mittlerweile hatte sich seine Frau erholt und er telegraphierte dem Padre ab!

April. Wir hatten uns für die Osterwoche entschlossen, nach Orizaba zu fahren. Die Stadt hat etwas sehr Malerisches. Wie in ganz Mexiko hat auch hier alles eine kirchliche Vergangenheit. Man tritt in einen Hof, wo Räder gemacht, Pferde beschlagen und allerhand kranke Tiere kuriert werden, und sieht an der einen Wand noch den Bogengang eines früheren Klosters. Man fährt aufs Land, besieht sich eine Zuckerhazienda, wundert sich über die dicken alten Mauern, und entdeckt außen die Strebepfeiler einer einstmaligen Kirche. Während der ganzen Karwoche waren in allen Kirchen Ausstellungen der entsetzlichsten geschnitzten Figuren, die jene ferne Tragödie von Jerusalem hier den Indianern veranschaulichen sollen. Von spanischer Grausamkeit für indianische Stumpfheit ersonnen, waren diese Darstellungen von einer unübertrefflichen Realität im Wiedergeben der Wunden Christi und der schmerzerfüllten Gesichter. Die Indianer waren zu Tausenden aus den entlegensten Dörfern gekommen und wallfahrteten von einer Kapelle zur andern, überall Blumen niederlegend. Christus in einem kleinen Kerker, Christus am Ölberg, Christus von Soldaten mißhandelt unter dem Kreuz zusammenbrechend, am Kreuze sterbend, sahen wir in den raffiniertesten, grauenvollsten Darstellungen in den schwarzverhängten Kirchen. Am Karfreitag waren dann in allen Kirchen Christusfiguren aufgebahrt, und Damen der Stadt, in lange, schwarze Spitzentücher gehüllt, hielten bei ihnen Wache, wie man bei lieben Toten wacht. Und der Strom der Indianer zog unablässig vorbei, kniete und küßte die blutigen Füße. Auf dem Hauptaltar erhob sich gegen die schwarzverhängte Apsis ein großes leeres Kreuz, und am Fuß stand eine weinende Maria; in der ganzen Kirche brannte nur ein einziges Licht, aus einer gewissen Entfernung machte es einen geisterhaften Eindruck. In einer andern Kirche aber kamen wir dazu, wie alles dies für diesen Effekt hergerichtet wurde. Schmutzige, zerlumpte Kirchendiener hatten eben die Madonna in ihrem schwarzen Samtkleid aufgestellt und versuchten nun, ihr ein spitzenbesetztes Sacktüchlein in die gelben Wachsfinger zu stecken, und schienen sehr ärgerlich, daß es nicht gelingen wollte, weil die ungeschickte Madonna kein Taschentuch zu halten verstand. Ich mußte dabei eines Abends im Theater denken, wo ich als Kind zum erstenmal von meinem Platz aus hatte in die Kulissen hineinsehen können; ich erinnere mich, daß die Enttäuschung beinah wie ein physischer Schmerz war. Früher, vor den Reformagesetzen, wurden in der Osterzeit große Prozessionen abgehalten und Passionsspiele aufgeführt. Jetzt dürfen die Figuren nur noch in den Kirchen ausgestellt werden. Eigentlich waren sie alle grauenerregend. Nur eine entzückende mater dolorosa sahen wir in einem Glasschrein stehen. Auch sie trug das beliebte schwarze Samtkleid, dazu einen Spitzenschleier auf dem Kopf und ein Tränentüchlein in der Hand. Aber man vergaß all das Lächerliche über das entzückend schön geschnitzte Gesicht mit den hochgezogenen Brauen und dem ganz modern schmerzlichen Zug um den Mund. Sie hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Didi, und Mrs. Mason wieder meinte, ich gliche ihr. Gern hätte ich gewußt, wie und woher diese sicherlich um weltliches Glück trauernde Porträtstatue in die Gesellschaft all der übrigen religiösen Schauerstücke gekommen war. Vom Karfreitag bis Ostersonntag schweigen alle Kirchenglocken. Zu den Andachtsstunden rufen hölzerne Räder, die in den Kirchtürmen angebracht sind und die knarrend gegen Holzklöppel sich drehen. Es wurde behauptet, dies sei eine in den Dienst der Kirche gestellte Aztekenerfindung. Während wir dort waren, schien eine wahre Orgie des Kirchgehens zu herrschen. Es war, als wollten all die Frauen sich für ihr leeres, langweiliges Leben durch Kulthandlungen entschädigen.

In Italien habe ich auch manchmal das Gefühl gehabt, daß die Kirche Bälle, Reisen, Liebhaber, Vergnügungen verschiedenster Art ersetzen mußte. Eine fiesta in der Kirche mitmachen und einen Roman im Bett lesen, waren Albas höchste Lebenswonnen. Sehr amüsant und malerisch ist der Markt in Orizaba mit den Blumenmassen, besonders Lilien und Gladiolen, den Gemüse-, Obst- und Töpfereibuden. Es ist dort immer ein großes Gedränge von Indianern und Indianerinnen in ihren groben, selbstgewebten Kleidern. Jedes Dorf hat ein Webmuster, breitere oder schmälere Streifen. Edmund wollte der einen Indianerin ihr Kleid abkaufen. Sie verlangte 3 Dollar und schien gar nicht abgeneigt, es gleich dort abzulegen. Um sich für 3 Dollar auf offnem Markt auszukleiden, muß man der eignen Schönheit höllisch sicher sein! – Ich lernte durch Mrs. Mason hier allerhand kuriose Menschen kennen, die mir auf dem besten Weg schienen, durch ihre einsame Existenz Sonderlinge zu werden. Ein sehr unheimliches Paar schien mir Mr. und Mrs. Wood. Er ist Angestellter an Mr. Masons Bahn, ist aber schon mehrere Male verrückt geworden. Mason stellt ihn aber immer wieder an, »because Mrs. Wood seems to have a special hold over him,« wie Mrs. Mason sich ausdrückt. Sie setzt zwar dann hinzu: »I suppose it is all charity on Mr. Masons part,« aber man merkt ihr doch an, wie sehr sie unter dieser stadtbekannten Intrige leidet. Mrs. Wood ist entschieden type de la femme fatale, macht in mind healing, Geistersehen, geheimen überweltlichen Gemeinden usw., was sie nicht hindert, lange, schlanke Füße, feine Knöchel und elegante, etwas dünne Beine jedem Mann reichlich zu zeigen. Der armen Mrs. Mason gegenüber hat sie einen provokingly patronisierenden Ton, fühlt sich auf der höheren Stufe, meint offenbar, nach den Gesetzen höherer Wesen gehöre Mr. Mason zu ihr und die Existenz Mrs. Masons sei nur ein Irrtum der jetzigen niederen Welt. Sie ist die Frau, der jeder Mann recht ist, am liebsten aber einer, den sie erst einer andern Frau abspenstig machen muß.

24. April. Edmund war zur Einweihung der GedächtniskapelleFür den 1867 erschossenen Kaiser Maximilian von Mexiko, Bruder des Kaisers Franz Joseph von Österreich. in Querétaro gereist. Die Kapelle soll ganz nett und das vom Kaiser gesandte Altarbild sehr schön sein, aber bei der Feier hätte man wieder so recht das Gefühl of the incongruous gehabt, wie bei allen Gelegenheiten, wo Hiesige sich mit Europäischen vermischen sollen. In der Kapelle stehen drei Steine an der Stelle, wo die drei Unglücklichen erschossen wurden. Den Stein von Maximilian und auch noch den von Miramon hat der Bischof andachtsvoll mit Weihwasser besprengt; für Meija hatte er aber nur eine verächtliche Gebärde von hinten, comme si un chien levait la patte. Nach der Feier folgte ein Diner, das so schmutzig war, daß Prinz Fürstenberg sich zum Schluß weiche Eier bestellt. Carrere besuchte mich und man merkte ihm sehr an, daß die Spanier erwartet hatten, mit der Führung der Verhandlungen zwischen Österreich und Mexiko betraut zu werden.Anstatt Deutschland, für das Heyking die Verhandlungen geführt hat Er erzählte, der Präsident sei strahlend, daß die Beziehungen nun wiederhergestellt seien. Er schickt deshalb auch seinen Schwager Teresa als Gesandten nach Wien, und die wohlerzogenen hiesigen Kammern haben nicht nur einstimmig den Kredit für die neue Gesandtschaft votiert, sondern von sich aus das Gehalt des neuen Gesandten um zwanzigtausend Mark erhöht. Wenn doch so etwas mal bei uns passieren wollte! In der Freude seines Herzens will Porfirio einen Orden stiften, den auch Fremde erhalten dürfen! »Das Operettenhafte bei den verschiedenen Völkern« wäre ein guter Titel für diplomatische Memoiren! Wegen der ihm übertragenen österreichischen Verhandlungen hat Edmund in der letzten Zeit viel zum alten Mariscal gehen müssen, und da dessen jüngste Tochter ihr erstes Baby bekommen hat und dabei lebensgefährlich krank war, hat Edmund vom alten Mariscal Vorträge über Entbindungen bekommen, mit all jener Ungeniertheit, die Südländern in solchen Fragen eigen ist. Edmund meint, er hätte all die entsetzlichen Details so sehr nachempfunden, daß er sich immer habe vorhalten müssen, wie ihm das alles ja gar nicht passieren könne! Komisch muß es gewesen sein, wie Mariscal seine medizinischen Auseinandersetzungen stets mit religiösen Betrachtungen verquickte, z. B. ob es einen Gott geben könne, der einer guten tugendhaften Frau wie seiner Tochter »eine Steißgeburt« auferlege. Er, Mariscal, aber könne sich die Welt doch nicht ohne Gott vorstellen! Das alles mitten hinein in die Verhandlungen, wer zum Gesandten nach Wien ernannt werden solle! Für gynäkologische Gespräche herrscht hier überhaupt eine große Vorliebe. Als ich Mme. Casasus zum erstenmal sprach, setzte sie mir in Edmunds Gegenwart all die entsetzlichen Operationen auseinander, die sie bei den Geburten ihrer Kinder durchgemacht habe, bis mir halb ohnmächtig zumute war und ich das Gefühl hatte, daß nichts in meinem Innern mehr an seinem richtigen Platz säße. Das einzig Komische war, wie sie erzählte, daß sie jetzt in Paris bei einem berühmten Frauenarzt gewesen sei, der ihr gesagt habe: »Une toute petite Operation, madame, et vous pourrez avoir beaucoup d'enfants.« Da habe sie ihn aber unterbrochen: »Mais jamais de la vie, monsieur, j'en ai huit, cela me suffit!« Die Kinderzahl bildet hier überhaupt ein beliebtes Gesprächsthema. Der neue Franzose, Mr. Blondel, wird überall gefragt, wieviel Kinder er habe, und wenn er dann antwortet, eine einzige Tochter, so beneiden ihn alle. Neulich hat ihm ein Herr gesagt, als sei ihm ein gänzlich unverschuldetes Unglück widerfahren: »O pleignez-moi, monsieur, j'ai neuf enfants!«, worauf Blondel ihm antwortete: »Je ne vous plains, qu'au cas, où vous n'y êtes pour rien.« Khevenhüllers erzählten sehr amüsant von ihrem Ausflug nach Oaxaca. Porfirio Diaz hatte dem dortigen Gouverneur, der reiner Indianer ist, telegraphiert, er möge Khevenhüllers empfangen wie den Präsidenten selbst. Infolgedessen wurden sie von Ehrenwache, Musik, Feuerwerk am Bahnhof erwartet, und mit Gewalt sollte ihr Wagen statt ins Hotel zum Gouvernementspalais fahren, wo sie nach ihrer 14stündigen glutheißen Fahrt ein großes Diner erwartete mit allen Indianern de distinction. Trotz allen Drängens aber blieben Khevenhüllers dabei, diese Freuden abzulehnen, und der Gouverneur war darüber so erbost, daß er sofort das elektrische Licht in der ganzen Stadt abdrehen ließ! Die Fürstin zeigt mir ein Geschenk, das sie von den erwachsenen Töchtern dieses selben Gouverneurs erhalten hatte. Es war ein Kartonhäuschen, aus Nürnberger Modellierbogen gemacht. Eine Arbeit, mit der wir Günther manchmal zu beruhigen pflegten. Vor dem Häuschen tanzen zwei kleine Indianerfiguren splitternackt, mit Federn bekränzt. Das Ganze ruht auf einem mit buntem Papier beklebten Zigarrenkasten, vorne konnte man ihn öffnen, und dann sah man kleine Figuren auf Sarkophagen liegen. Es war wirklich kulturhistorisch interessant als Geschenk eines erwachsenen Menschen an einen andern.

30. April. In Tacubaya ist ein heiliges Altarbild von einer Kirche in eine andere transportiert worden, und einige Leute mit brennenden Lichtern in der Hand haben es auf diesem Spaziergang begleitet. Sie sind dafür arretiert und bestraft worden, weil sie dadurch gegen die Gesetze der Reforma verstoßen haben. Diese selben liberalen Gesetze verbieten, daß Mitglieder religiöser Orden nach Mexiko kommen und hier Schulen gründen. Es gibt hier aber die bekannte Schule des Sacré Coeur, in der alle jungen Damen der alta y culta sociedad erzogen werden, so die Tochter Limantours und die Tochter von Porfirio Diaz. Die Schulkommission inspiziert auch die Sacré-Coeur-Schule, läßt es die Nonnen aber immer vorher wissen, so daß sie sich für den Tag ihrer Ordenstracht entkleiden und, wenn die Kommission kommt, scheinbar nur eine Laienschule existiert mit gewöhnlichen weltlichen Lehrerinnen. Es ist ein Land der Widersprüche!!

Mai. Wir trafen Graf Apchier, den wir zuletzt in Peking sahen. Er ist ganz unverändert, lustig und amüsant wie damals. Dies Wiedersehen hat mich unendlich melancholisch gemacht, denn ich vergegenwärtigte mir so recht, wie sich alles in und um uns seit damals verändert hat. Als wir Apchier in Peking kannten, waren wir beide voller Interesse und Eifer, hatten nur den einen Gedanken, es dort möglichst gut zu machen, für Deutschland in China etwas zu erreichen. Wir scheuten keine Mühe, Edmunds Karriere begeisterte uns, wir gingen noch mit Schwung und Idealismus an die Arbeit. Und nun sehen wir uns nach vier Jahren wieder, und auf uns lastet eine Strafversetzung, als hätten wir ein großes Versehen begangen. Das ist das äußerliche Ergebnis von drei Jahren redlicher Mühe und Arbeit, und das innerliche ist, daß wir gänzlich enttäuschte, stumpfe Menschen sind, denen nichts gleichgültiger ist als diese Karriere, die nur drin bleiben, weil sie es der Kinder halber müssen. Aber wenn ich so jemand begegne aus früherer Zeit, dann überkommt es mich plötzlich wieder, die alten Zeiten stehen dann vor mir auf mit all ihren Wünschen, Streben und Zielen, mit dem vielen, das durch redliche Arbeit schon errungen schien, und der Kontrast damit und dem, was dann schließlich aus dem Leben geworden ist – – zu bitter und hart! Trotz aufrichtigster Selbstprüfung kann ich nur immer wieder sagen, es war unverdient. Ich weiß nicht, ist das ein Trost oder eine Verschärfung des Leids?

5. Mai. In Mexiko ist ein Vergnügungspark eröffnet worden, wo allerhand Volksfeste, Feuerwerke usw. veranstaltet werden sollen. Natürlich heißt er »Jardin Porfirio Diaz«, und die erste Aufführung darin ist eine Wiedergabe der Einnahme Pueblas, eine der großen militärischen Taten des Präsidenten. Was aber weniger natürlich ist, sondern echt mexikanisch, das ist, daß der Präsident mit seinem Sohn als vorgeschobenem Strohmann der Hauptaktionär des Unternehmens ist. Er hat seinen eignen Ruhm in finanzielle Entreprise genommen!

6. Mai. Das beste am hiesigen Leben ist, daß man viel Zeit hat. Es kommt daher, daß hier weder politisch noch gesellschaftlich irgend etwas passiert, was uns wirklich beschäftigen könnte. Die Nachrichten aus der eigentlichen Welt erfahren wir aus Zeitungstelegrammen in kurzem Extrakt. Es ist, als säßen wir auf einem leeren Stern und sähen von dort aus die Welt; aber aus solcher Ferne, daß all die Einzelheiten verschwinden. So ist unsre Zeit nicht angefüllt mit all den tausend Kleinigkeiten andrer Orte. Wir klagen nie über Eile, Hast und Rastlosigkeit und behalten Muße für diejenigen Dinge, für die man sonst keine hat. Einsamkeit ist eben auch ein Luxus, der letzte vielleicht. Im fortwährenden Kontakt mit andern Menschen muß notwendigerweise die eigne persönliche Eigenart leiden, und schließlich ist es doch der größte Genuß, zu dem werden zu können, wozu man sich innerlich bestimmt fühlt. Ich bin nur dankbar, wenn ich keine Briefe erhalte und von niemand höre, denn aller Zusammenhang mit Menschen bringt doch nur Schmerz, Kummer und Kränkung. Ich habe aber so viel gelitten, daß ich nicht mehr kann, und mein ganzes Streben ist, all dem aus dem Weg zu gehn, was mir neues Weh bringen könnte. Drum ist der Aufenthalt auf einem leeren Stern für mich vielleicht das beste.

10. Mai. Von Lindenberg gehört, daß »Nord und Süd« drei meiner Gedichte veröffentlichen will; das war eine große Freude und Überraschung, da ich seit Monaten nichts mehr von Lindenberg gehört hatte. Offenbar ist ein Brief von ihm verlorengegangen, ein alltägliches Erlebnis hier, wo die Postbeamten keine Adresse lesen können! In der Zeitung lasen wir, daß der General Gazelee ein Smokingkonzert im Himmelstempel zu Peking gegeben habe. Eine bodenlose Geschmacklosigkeit. Es ist doch für Millionen von Menschen das höchste Heiligtum, warum ihnen das entweihen! Wenn man aber bedenkt, daß im Garten der Taj eine Gesellschaft gegeben wurde, bei der auf der großen Marmorplattform getanzt wurde, so erscheint nichts mehr wunderbar. Vielleicht kommt einmal der Tag, wo chinesische Soldaten in der Westminsterabtei Opium rauchen! –

21. Mai. Durch Halles Vermittlung hat mich eine amerikanische Zeitung um einen Artikel über diplomatic life in China gebeten. Das will ich jetzt schreiben.

Vor einigen Tagen ist hier ein Nonnenkloster nachts aufgehoben worden, das ein sogenanntes liberales Blatt der Regierung denunziert hatte. Es mußte mal wieder ein Exempel statuiert werden und die schönen Leyes de la reforma neubelebt werden. So haben denn Polizisten nachts die armen alten Nönnchen arretiert, die da friedlich beieinander lebten und niemand etwas zuleide taten, außer sich selbst, indem sie auf dem Boden schliefen, viel fasteten und nachts ein paarmal zu Gebeten aufstanden. Nun werden sie von den Richtern vermahnt, zum weltlichen Leben zurückzukehren, und wollen es doch durchaus nicht! Die Bewohnerinnen der verschiedenen maisons Tellier dagegen läßt man ganz unbehelligt. Also sprechen die mexikanischen Gesetze.

13. Juni. Stephanies Geburtstag. Möchte sie doch ein befriedigendes, ruhiges Schicksal finden!

23. Juni. Ich habe meinen kleinen Artikel über »Diplomatic life in China« an »The International Monthly« geschickt und bin gespannt, ob sie ihn nehmen. Ich bin voller Gedanken und Pläne über Dinge, die ich schreiben möchte, vielleicht kommt aber auch auf all das eine kalte Dusche, then all my ideas will creep away shivering from an uncongenial world. Auch in der Hinsicht ist ja jeder Mensch a graveyard of things, that might have been. Am meisten haben oft in uns getötet, die uns am nächsten standen. Es geht durch die Welt ein großes erlaubtes Morden. Mit Mexiko haben wir uns ja eigentlich abgefunden. Man ist ruhig und unbehelligt. Was will man schließlich mehr. Manchmal will mir's scheinen, als sei diese diplomatische Karriere ganz besonders unbefriedigend. Misère und vanité, daraus ist sie zusammengesetzt, und alles dreht sich um Schein. Die meisten der Posten könnten ja überhaupt eingehn; was da zu tun ist, besorgte jeder Vizekonsul ebensogut. Man wird abruti, unfähig zu anderem, fremd im eignen Land, ein kosmopolitisches Wesen, mit allerhand kuriosen Bedürfnissen und Gewohnheiten. Die Diplomatie ist eigentlich wie eine große Familie herumziehender cabotins, und wer die Schaustellung nur von weitem sieht, bildet sich ein, daß der Flitter Gold ist.

25. Juni. Wir haben jetzt abends die Geschichte des unglücklichen Maximilan gelesen. Da ist man doch ganz starr, wie sein Bruder es übers Herz bringen konnte, diesen Wilden wieder einen Gesandten zu schicken. Das Überlebte der ganzen monarchischen Idee erscheint aber auch so recht bei dieser Lektüre: Maximilian, der, schon zum Tode verurteilt, sich noch damit beschäftigt, Orden zu verteilen und nicht schlüssig werden kann, welche Klasse für den oder jenen passend ist. Was wollen solche Menschen noch in der heutigen Welt? Allerdings, wenn manche unter ihnen gar zu seltsame mittelalterliche Dinge tun, glauben und sagen, muß man sie mit Nachsicht beurteilen und bedenken, in welchem Wald von fossilen Anschauungen auch die sogenannt Aufgeklärtesten unter ihnen aufgewachsen sind.

Mariseals besuchten mich dieser Tage. Der arme alte Mann sieht mehr denn je gebrechlich indianisch und garstig aus, und es war schwer, ernst zu bleiben, als er anfing, von Guatemala zu sprechen, »dieses elende Land, wo die Männer alle wie indianische Mißgeburten aussehen, die Frauen dagegen viel größer, schöner wie aus einer andern Rasse«. Dabei saß ihm die große imposante Mme. Mariscal gegenüber und sah ihn mit einem so unverhohlenen Ausdruck völligster Verachtung an. Welche Illusionen! Dann erzählte er weiter von der verrotteten Gerichtsbarkeit in Guatemala, den heimlichen Exekutionen, den korrupten Beamten, dem mißtrauischen Präsidenten – es war schwer, ernst zu bleiben! Von Magliano haben wir in diesen Tagen auch zufällig erzählen hören von den zentralamerikanischen Raubstäätchen. In jeder der Residenzen ist er immer mit großen Schüsseln alter saurer Makkaroni, in verdorbenem Fett gekocht, empfangen worden, und in allen Häusern hat man ihm immer Klaviere oder Violinen angeboten. Die beiden Dinge, die die guten Leute von Italienern gehört hatten, waren, daß sie immer Makkaroni äßen und alle irgendein Instrument spielten. Als Magliano die übelriechenden Makkaroni verschmähte und »no tocaba nada«, hatten sie schließlich ihre Zweifel, ob er überhaupt a genuine Italien minister sei. In einer dieser Städte bat Magliano, nachdem er alle offiziellen Herren kennengelernt hatte, ob er nun nicht auch den Damen vorgestellt werden könnte, worauf ihn einer der Großwürdenträger verständnisvoll bei der Schulter schubste, mit den Augen zwinkerte und frug: »Y que clase de mujeres le gustan?« Schließlich kam Magliano in einige Familien, wo ihm die jungen Mädchen vorgestellt wurden als »mi hija a su disposicion«.

30. Juni. Edmund las morgens in der hiesigen deutschen Zeitung, daß Onkel Grimm gestorben sei. So haben wir das erfahren müssen! Und er war uns doch der letzte liebe Mensch der vorhergehenden Generation, an der allein man doch wirklich hängt. Mit soviel Jugenderinnerungen hing Onkel Grimm für mich zusammen. Die ganzen badischen Herbstzeiten leben wieder auf, wenn ich seinen Namen höre; ich sehe den wilden Wein wieder, der rot und golden an den Schwarzwaldtannen emporrankte, und ich rieche den feuchtmodrigen Geruch in den Wäldern, wo die Farren verfaulten. Die Villa Stadelhofer steht wieder vor mir, und ich erinnere mich der subdued agitation im ganzen Haus, wenn der Kaiser und die Kaiserin zum Diner zu Papa kamen. Und wie froh war Papa, wenn Onkel Grimm zu diesen Diners kommen konnte; dann war er immer sicher, daß es geistig ein success werden würde, wie kulinarisch durch »Ernestine«. Ernestine, die Perle, trotz des aggressiven Katholizismus und der monatlichen Migräne, die um jeden Preis gehalten werden mußte, der zuliebe ihre Freundin Sofie dauernd im Hause als Schneiderin engagiert war, obschon sie gar nicht schneidern konnte und eigentlich weiter nichts tat, wie Ernestine zur Frühmesse zu begleiten und sie während der Migräne zu pflegen. Wie gut erinnere ich mich, als kleines Mädel neben Papa gestanden zu haben, an den Souterrainfenstern der Villa Stadelhofer, von denen man in die Küche sehen konnte. An solchen Kaiserdinertagen war es, Ernestine wurde mehr denn je als wichtigste Person behandelt, Papa beugte sich am Fenster hinab und sagte unendlich höflich: »Na, Ernestine, werden Sie fertig?« Und Ernestine, in weißer Mütze, inmitten all der schimmernden Kasserollen, antwortete: »Wird schon werden, Herr Graf!« – Onkel Grimm und Tante Gisela wohnten meist im Hotel de Bâde. Wie oft bin ich mit Papa hingegangen. Wie oft bin ich zwischen ihm und Onkel Grimm in der Lichtenthaler Allee auf und ab gewandert. Jedes Jahr verstand ich ein bißchen mehr von dem, was sie sprachen, und immer kam es mir klüger und geistreicher vor. In der Zeit lehrte mich Onkel Grimm lateinische Gedichte, eins davon war das Stabat mater, und während eines Herbstes zeichnete er Didis und mein Profil. Das geschah in Papas Arbeitszimmer. Daneben lag das Speisezimmer, von dessen Balkon man einen so schönen Blick auf Baden hatte mit dem Merkur und dem Schloßberg als Abschluß. Während eines Jahres machten wir alle Nachmittage einen Spaziergang den Iburgweg hinauf, von der Ecke der Lichtenthaler Allee abbiegend, um oben in einem großen Stall kuhwarme Milch zu trinken. Ich glaube, der Stall gehörte dem Fürsten Menschikoff, der unten links am Weg die Villa hatte. – Mit all dem sind Onkel und Tante Grimm verwoben. Und dann kommen andre Erinnerungen, die so sehr weh tun, noch heut nach den vielen Jahren. Papas Tod in Florenz! Wie wir die Leiche heimbrachten und Onkel und Tante uns in Karlsruhe erwarteten. Sie wußten es, was mir da bevorstand, und haben mich gehütet, soviel sie konnten. Dann die Monate bei ihnen in Berlin, wo sie mir ein Asyl waren vor dem Skandal, der Feindschaft und Verleumdung um mich her. Wie schwerkrank war ich dort in dem Gartensaal, von dem aus man auf viele Gärten sah, hinter der Matthäikirchstraße. So krank war ich dort, daß ich dachte, ich würde nie mehr von dem Sofa aufstehn, das mir als Bett diente. Wär' es doch so gekommen! Ich sage es heute ganz ruhig nach den vielen Jahren, wär' es doch da zu Ende gewesen! Dann unsre Hochzeit in Soest. Tante Gisela habe ich nachher nicht mehr viel gesehen. Als wir von Valparaiso heimkehrten, fanden wir sie sterbend in Florenz, waren mit ihr bis zum letzten Atemzug. Onkel Grimm schloß sich uns ganz besonders an, Stephanie, Teddy und Günther wohnten eine Zeitlang bei ihm, ehe wir nach Indien gingen. Und allmählich haben wir dann weniger von ihm gesehen, sind uns fremder geworden in den jahrelangen Abwesenheiten und durch den Einfluß seiner Schwester, die zu ihm zog und ihn mehr und mehr von Verwandten und Freunden absperrte. Aber heut wachen alle Erinnerungen wieder auf; um welch großes Stück ist man wieder ärmer geworden, und gäbe so viel, so viel darum, ihn nur ein einziges Mal noch wiedersehen zu können. Manchmal könnte ich beinah glauben, daß uns armen verbannten Menschen Ahnungen gegeben sind. Während all der letzten Tage war ich so unbeschreiblich, so sinnlos traurig, ich muß das gefühlt haben, ehe ich es wirklich wußte. Glaubte ich an ein Jenseits, so würde ich mir ein Plätzchen zwischen Onkel Grimm und Robert-tornow ausbitten, da gäbe es keine Langeweile. Manchmal erfaßt mich's wie ein wahrer Heißhunger danach, mich nur noch einmal auf irgend etwas so recht freuen zu können. Es ist so schrecklich lange her, daß ich mich auf etwas gefreut habe. Wer mir doch nur ein einzigstes kleines Fensterchen mit einer schönen Aussicht gäbe. Und es war doch eine Zeit mal, wo das ganze Haus vor lauter Fenstern mit schönen Aussichten kaum Wände zu haben schien. Und jeder trägt sein Päckchen in Einsamkeit. Edmund sagt oft, ich sollte nicht verschlossen sein, ihm alles sagen, was mich bedrückt; wenn ich aber je eins der vielen Laststücke vor ihm öffnen will, fällt das Experiment so kläglich aus, denn jeder ist doch schließlich allein. Vor allem im Leid und im Tod. – –

7. Juli. In der New Yorker Deutschen Staatszeitung einen hübschen Nachruf für Onkel Grimm gelesen. Die letzte Persönlichkeit, die mich noch nach Berlin zog, ist mit ihm geschieden, und Berlin ist mir so gleichgültig wie irgendeine andre Stadt. Auch der alte Hohenlohe gestorben. Ich hatte den vornehmen alten Herrn gern, und meiner Disposition war er viel sympathischer wie die jetzige bramarbasierende Sippe. Hoffentlich erscheinen seine Memoiren, von denen er mir einmal erzählte. Edmund und ich lesen jetzt Schopenhauers »Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde«. Edmund erklärt es mir, und da finde ich es sehr schön und verständlich. Aber allein würde ich es nicht lesen können. Ich stolpere über alles Latein und so viele Ausdrücke, deren sens convenu m´échappe. Eigentlich bin ich ein rasend unwissender Mensch. Bei Konversationen über ernsthafte Themen führe ich immer einen geistigen Eiertanz auf. Vermutlich geht es vielen Frauen so. Und es ist eigentlich begreiflich, wenn Männer uns verachten, um so mehr, als auf andere herabzusehen une attitude d'esprit agréible ist.

10. Juli. Gestern erhielt ich einen Brief von Mr. Richardson, daß mein Artikel über »Diplomatic life« ihm sehr gefällt und also angenommen ist. Er nennt das kleine Machwerk ein »Essay«, worüber ich so erstaunt bin wie der Mann, dem gesagt wurde, daß er »Prosa« schriebe! Ich war gerade in der letzten Zeit so entmutigt. Das Briefbuch wollte mir gar nicht mehr gefallen. Edmund, dem die Briefe gefallen hatten, als ich sie zuerst vorlas, findet sie jetzt auch gar nicht mehr nett. Der Plan zum »Falschen Gesandten« ist ja ganz komisch, und es könnte etwas Witziges daraus gemacht werden, aber wir können so etwas natürlich nicht herausgeben. Meinen französischen Roman, den ich schon ziemlich weit hatte, habe ich aus denselben Gründen ad acta gelegt, und die mexikanische Novelle liegt auch noch da. Vielleicht wäre es besser, die ganze Schreiberei zu lassen, denn sie wird vielleicht nur die Veranlassung zu einer Menge neuer Enttäuschungen und Kränkungen...

20. Juli. Gestern sind wir von der Hacienda la clave zurückgekehrt, sie liegt eine Stunde von Querétaro, needless to say, that the scenery is awful. Kahle Berge, kahles Hochplateau und hie und da ein paar Kaktusstauden und Magneyfelder. An der Station erwartete uns der kleine Yturbe mit goldgestickten Sombreros. Wir wurden in einen abenteuerlichen hohen Kaleschewagen gepackt, von dem hohen schlanken Muster des zweiten Empires, bei dem man unwillkürlich an Krinolinedamen, Winterhaltersche Bilder und Balzacsche Bücher denkt. Fünf Maultiere zogen uns, und so ging es anderthalb Stunden über Land, hauptsächlich durch Wüste mit Kakteen, über Brücken, unter denen kein Tropfen Wasser floß, dafür aber standen auf den Geländern in hohen weißen Nischen allerhand kleine Heiligengestalten. Endlich waren wir am Hause selbst, ein Riesenkasten, den Yturbes Vater für zirka 1 Million erbaut hat, einstöckig, mit breiter Veranda. Unmittelbar daneben Wirtschaftsgebäude mit Höfen wie Exerzierplätze. Die Hacienda ist so groß wie mitteldeutsche Herzogtümer und müßte enorme Einnahmen bringen. Aber erstens fehlt es jedes Jahr mehr an Regen, und dann ist alles unbeschreiblich veraltet. Die Wagen werden auf dem Gute selbst fabriziert, die Pflüge sind einfache spitze Holzstücke, wie Cortez sie brauchte und die die Erde nur ein paar Zoll tief aufkratzen; es wird alles mit der Hand gesät, und immer fehlt es an Arbeitern. Der jetzige Besitzer hat auch nur den einen Wunsch, die Hacienda gut zu verkaufen und nach Paris ziehen zu können. Wenn man doch nur einen solchen Besitz hätte! Was sollte daraus werden! Manchmal scheint es mir, als sei Landbau doch die einzige ganz natürliche und befriedigende Lebensaufgabe. Im Haus stehen noch allerhand altmodische Möbel von Yturbes Mutter, einer Russin, und in unsern Zimmern hatte er Bilder von Sedan aufgehängt, was wohl der comble von raffinierter Gastfreundschaft ist. Ob er für Franzosen wohl Bilder von Jena hat? Am allerinteressantesten war mir eine große Bibliothek voll seltsamer katholischer Werke, Leben von Saints und Saintes, Bienheureux und Bienheureuses, die Reformationszeit, der Abfall der Niederlande, der 30jährige Krieg, der Protestantismus, die Jesuiten, – alles spanisch und vom erzkatholischen Standpunkt aus geschrieben. Ich hätte die Bibliothek gern einmal durchstöbert, um die entgegengesetzte Auffassung von unsrer protestantisch-teutonischen kennenzulernen, und dann auch, weil so rührend altmodische Reisehandbücher und Landschaftsstiche da waren, Baden-Baden, Heidelberg, italienische vistas. Alles so ungefähr aus Goethescher Epoche, als eine Reise nach Italien ein Unternehmen war, vor dessen Antritt die beherzten Forscher ihr Testament machten, wie heutzutage Nansen oder Andree. Aber ich hatte keine Zeit dazu, denn wenn Mexikaner einmal gastfrei sind, so sind sie es in aggressiver Weise und denken, sie dürfen ihre Gäste nie außer Augen und ohne den Zauber ihrer Konversation lassen. Ich hätte auch gern die kleinen Indianerhütten dicht beim Hause gemalt, aber der kleine Yturbe stand beständig dabei und war offenbar unter dem Eindruck, daß ich eine sehr harte Arbeit verrichtete, denn er bot mir alle 10 Minuten Bier und sonstige Stärkungen an. Die Hüttchen waren wirklich unbeschreiblich malerisch und erbaut mit einem wahren Genie dafür, das zufällig Vorhandene zu benutzen. Steine, Kistendeckel, Fetzen, Blechstücke, Strohmatten. Als Fußboden der Erdboden, und das Mobiliar auf drei Steine beschränkt, zwischen denen das Feuer angemacht wird und auf denen ein irdener Topf steht. Der Rauch zieht durch die Tür und zufällige Ritzen und Löcher. Mensch und Schwein lebt in den Hüttchen, und dem Schwein wird immer noch der beste, trockenste Platz ausgesucht. Es ist eine unbeschreibliche Armut, und doch sah ich solche Indianerin einem Bettler eine Kupfermünze geben, tant il est vrai, qu'on trouve toujours encore plus pauvre que soi. Die Hütten sind durch Reihen hoher stachliger Organos, die sie weit überragen, voneinander abgetrennt. Die kleineren Organos ersetzen das Mobiliar; ein paar Lumpen hängen daran, so dienen sie als Kleiderständer; ein paar irdene Töpfe des Haushalts sind ihnen wie Hüte aufgestülpt, dann sind sie Küchenbrett. Es ist alles so arm und leer, daß es nicht einmal schmutzig ist. Nur Kinder gibt es in Fülle. Ein kleiner brauner Junge stand mir ein Weilchen Modell; er hatte einen spitzen Sombrero auf und ein Hemdchen an, das vorne zerrissen war, so daß ein dickes Bäuchelchen und das, was der Mensch besonders verstecken soll, gerade aus dem gähnenden Schlitz hervorschauten. Eine Schar junger Schweine umdrängten ihn und machten sich so breit, als hätten sie es längst erfaßt, daß sie of much more consequence seien, wie das kleine Menschenkind. Wir wurden viel spazierengefahren mit fünf Maultieren und Vorreitern in silbergestickter Nationaltracht, und dabei wurden landwirtschaftliche Gespräche geführt. Ich war vorsichtig in meinen Äußerungen; Mais und Hafer kann ich zwar immer voneinander unterscheiden, aber die übrigen Getreidesorten gleichen sich wie ein Chinese dem andern. Auf weiten Feldern grasen Herden von Maultieren, d. h. sie stellen sich vor, daß sie grasen, in Wirklichkeit kauten sie nur verdorrte Stoppeln. Es sind offenbar Tiere von gutem Willen und die gelernt haben, ihre Phantasie zu leiten, was die Grundlage alles Glückes ist. Später sahen wir dem Lassowerfen zu; dies und die Menge Indianer, die zur Vorbereitung unsres Lunchs herausgeschickt worden waren und sich um den Hammel gruppierten, der am Spieß gebraten ward, und die Reste nachher mit Heißhunger verzehrten, gaben der Sache einige couleur locale... Der junge Yturbe will in den nächsten Tagen nach Paris; so reiste er denn abends von der Hacienda mit den übrigen Gästen ab, während wir noch die Nacht blieben, um den nächsten Morgen nach Querétaro zu fahren. Es war ein ganz kurioses Gefühl, so mutterseelenallein unter lauter fremdrassigen Wesen in dem riesigen Haus zurückzubleiben. Yturbe hatte uns sein Faktotum dagelassen, einen ehemaligen Turko, der aber blond ist und der bei ihm Diener, Koch, Gärtner ist. In der dortigen Umgebung kam er mir ganz zu uns gehörig vor; ich mußte an »Pariser Leben« denken: »Vous êtes Brasilien, je suis Suédpis, nous sommes compatriotes!« – Edmund in der Nacht so krank an den Folgen mexikanischer Nationalgerichte, daß wir die Tour nach Querétaro aufgeben mußten und er zu Bett blieb. So waren wir denn gänzlich auf den Turko angewiesen! Ich saß den ganzen Tag an Edmunds Bett und las ihm das bezaubernde Buch »The Visits of Elisabeth« vor. Wir selbst hatten nur die Visite einer Meute falscher Teckel, die zu sechs und sieben aus der sonnenbeschienenen Veranda in unser Zimmer stürmten mit jener Aufdringlichkeit und Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die ganz schmutzigen Hunden nun einmal eigen ist. Außerdem kamen allerhand ganz alte und junge Indianerinnen herein, stellten sich um Edmunds Bett und boten ihm Kräutertränke an, mit denen sie in diesem ärztelosen Ort alle ihre eignen Leiden heilen. Zum Glück war er auch ohne diese Elixiere imstande, abends abzureisen. Wir hatten noch eine merkwürdige Wagenfahrt zur Station. Am Horizont standen zwei Gewitter, und zwischen dem dunklen Gewölk zuckten fahle Blitze, aber über uns war Sternenhimmel. Das Land, durch das wir fuhren, sah so in der Nacht noch wüster und verwunschener aus. Im Licht unsrer Wagenlaterne tauchten von Zeit zu Zeit seltsam verschnörkelte Kaktusstauden auf, wie Gestalten, die verzweifelt die Hände ringen, wie Gefolterte, die sich vor Schmerzen krümmen und verzerren. Einen Augenblick wurden sie im roten Licht sichtbar, dann versanken sie hinter uns im Grau der Nacht, und immer neue Gequälte huschten an uns vorbei, immer neue verrenkte Gestalten schienen mit den Armen zu winken, um Hilfe zu flehen; dazu heulte der Wind über die weite Ebene, in a weird wail, wie ewiges hoffnungsloses Klagen, wie unzählige trostlose, verzweifelte Stimmen, und am Horizont zuckten die fahlen Blitze zwischen dunklem Gewölk. Es war wie eine Fahrt durchs Gespensterreich. In der Station San Juan del Rio hatten wir zu warten. Es war kalt und windig. Im Wartesaal war ein großer Hufeisentisch, an der äußern Seite runde Ledersitze, auf Eisenstangen fest an den Boden geschraubt. Warum, weiß ich nicht, denn sie hätten auch unverwöhnte Diebe wohl kaum verlockt. Auf dem Tisch standen schon die Emailletassen für den Kaffee der Frühzugreisenden; neben jeder drei Teller mit staubigen kleinen Kuchen, zu denen ein kleiner indianischer Kellner noch je einen Klecks Butter schmierte. Eine verschlafene Indianerin in offenem Haar und schmuddeliger Nachtjacke stand gähnend in der Tür und dehnte und streckte sich. Der Duft eines Straußes Tuberosen kämpfte mit dem Geruch einer schwelenden Petroleumlampe. Als der Zug endlich kam, erwies sich der Pulmanwagen als so voll, daß wir jeder nur ein unteres Bett bekommen konnten, dessen oberes Bett bereits von Reisenden besetzt war. Ich hatte das nicht gleich bemerkt, wollte meinen Hut auf ein oberes Bett legen und ergriff dabei eine haarige braune Männerhand. Natürlich konnte ich nicht schlafen, weil es mir eine zu neue Situation war. Der fremde Kerl über mir war mir höchst unheimlich! Wir waren sehr froh, wieder zu Hause zu sein, und freuen uns über unsern Garten, dem der Regen über seinen Saharacharakter hinweggeholfen hat. –

14. August. Ein schöner Morgen. Wolkenfetzen an den tiefblauen Bergen. Dagegen fedriges gelbes Weidengeäst. Ich weiß nicht, warum mich das so an Baden erinnerte. Im Garten ein halb abgeblühtes Blumenbeet. Hoher Rittersporn, altrosa, verschossen lila, gar nicht ritterliche Farben, mehr Nuancen von Schleifen auf den Sonntagnachmittagshäubchen alter Kaffeebasen, wie sie bei Frau Hätzold in Buckow so oft unter der Linde beieinander saßen. Daneben hochroter Mohn, dicke Puscheln, wie Posamentierarbeit. Manche Stauden schon ganz abgeblüht, die runden Samenkapseln auf schlanken Stielen grade in die Höhe stehend, etwas hochnäsig. Aber freilich Samenkapseln, die das höchste Gut, das Vergessen, als Opium in sich tragen! Einige goldgelbe Studentenblumen. Hier werden sie am Allerseelentage in dicken Sträußen von den Indianern zum Markt gebracht. Man nennt sie Totenblumen. In Indien sah ich sie in langen Girlanden, Blüte an Blüte, an den Türen der Hindutempel hängen. Den Götzen am Wege wurden sie umgeschlungen. Dunkel sehe ich vor mir auftauchen aus dem Gewirr der zahllosen Erinnerungsbilder einen steinernen, rotbeschmierten Götzen mit Elefantenhaupt; um den Hals bis auf den Nabel herab hing ihm solch goldgelbe Blütenkette. Es war Abend, kleine nackte Kinder spielten im Staub des Wegs, wie große braune Käfer, ebenso bedeutungslos. Von irgendwo kam ein Lufthauch, Palmenblätter knisterten aneinander. Bläulicher Abenddunst, heißer Fettgeruch, eine Trompete, die von ferne in einem Tempel geblasen wird, eine Kette gelber Studentenblumen, – ein ganzes Stück Indien! Die Georginen fangen jetzt an zu blühen, jedes Blatt regelmäßig wie mit der Tollschere getollt, wie Mützen auf holländischen Bildern. Wundervoll sind jetzt die Florifundiobüsche, ganz bedeckt mit den langen weißen Glockenblüten. Abends besonders duften sie schwerwollüstig, – es ist, als griffe der Duft in unser Innerstes, als hielte er uns im Dunkeln fest mit tausend zärtlichen Händen. Da träumt es sich schön von allerhand wunderlich süßen Dingen, halb Erinnern, halb noch Erwarten.

18. September. Die ganze Zeit hier in Puebla. Es ist wahrhaft erholend hier, so ganz in der Vergangenheit zu leben und das moderne Mexiko zu vergessen. Die alten Spanier, die 12 Franziskanermönche, die als erste nach der Eroberung nach Mexiko kamen und zu Fuß von Veracruz nach Puebla marschierten, scheinen hier ganz nahe Realitäten, wo noch so viele ihrer Werke stehn. Freilich verstümmelt, profaniert oder in der geschmacklosesten Weise restauriert. Man muß immer bei allem eine rekonstruierende Phantasiearbeit vornehmen. In diesem Lande, wo offiziell die Religion nicht mehr existiert, ruht doch alles auf einer religiösen Grundlage. In Puebla, dieser heiligen Stadt der Engel, tritt das ganz besonders zutage. Jede mächtige schwere Mauer, jeder säulenumgebene Hof, jede große Halle haben den Klöstern gehört. Straßen sind durch die Klostergärten gelegt und Kasernen und Ställe in die früheren Refektorien und Kapitelsäle; Kirchen und Kapellen hat man zurechtgestutzt, Seitenkapellchen, Vorsprünge, Erker, Türme weggerissen, damit sie in den neuen Städte plan passen. Und sie passen doch nicht. Es ist, als ob von all den geschändeten, profanierten Bauten ein stiller Protest ausginge. Und im tiefen Schweigen der Nächte reden die Glocken von all den gewesenen Zeiten und klagen um die Vergangenheit. Es gibt unendlich vieles, was an alte italienische Städtchen erinnert, kleine sonnenbeschienene Höfe, alte verschnörkelte Eisengitter, graue verwitterte Steinbrunnen, kleine dunkle Gänge, in die von irgendwo ein bläulicher Lichtstreifen hinabfällt; aber das Charakteristische scheinen mir hier die alten bunten Kacheln zu sein. Auf zahllosen alten Kirchenkuppeln sieht man sie blaßgelb mit Türkisenblau, altrot mit dunklen Streifen, die die Rippen der Kuppeln markieren, goldenen Sonnen auf ultramarin Grund. Und das alles nicht hellglänzend, sondern durch ein paar Jahrhunderte tropischer Sonne und tropischen Regens gemildert, verwittert, ineinanderschmelzend. Manche dieser Kuppeln haben eine solche Farbenfülle, einen solchen Reichtum an Nuancen, daß es keine Namen für sie alle gibt, und diese Bauten gleichen darin den modernsten, kompliziertesten Menschenseelen, bei denen die verschiedensten Gedanken und Gefühle, Ahnungen und Erinnerungen, Aberglauben und Freigeisterei, Kälte und Übersensitivität, Hast und Müdigkeit, alles so durch- und ineinander geht, daß sie wie unentwirrbare Rätsel erscheinen. In unsrer Straße steht ein alter ehemaliger Palast. Flache graue Steinsäulen mit schnörkeligen Kapitalen gliedern die Wände, und in den Zwischenräumen sind die Kacheln auf mattrotem Grund eingefügt, als ob alte orientalische Teppiche an den Wänden herabhingen. Eine alte Indianerin wohnt in einem Winkel, sie backt die Tortillas für die vielen Mieter, denn der Palast ist jetzt eine Mietskaserne; außerdem ist sie auch Vorbeterin, denn bei ihr versammeln sich mittags all die übrigen Frauen des Hofs, und sie rezitiert den Angelus. Wie überall in Mexiko sind in dem Hof eine Masse Kinder, kleine gelbbraune Wesen, deren Zwecklosigkeit dem unbeteiligten Fremden evident ist. Schlimmer wie sie alle aber hatte es eine kleine schwarze Katze auf der Welt getroffen, denn sie wurde von ihnen allen geplagt. Ein paar Schritte weiter steht die San Marco-Kirche. Seitwärts ist sie amputiert worden, um einer Straße Platz zu machen, und wie ein großes Pflaster auf ihre Wunden hat man sie da hellrosa übertüncht. Die Fassade ist verschont geblieben und zeigt auf rotbraunem Ziegelgrund Majolikabilder: eine Madonna im blauen Mantel, die auf einer Weltkugel steht, einen weisen König aus dem Morgenland, der das Christuskind trägt, einen großen Engel in gelbem Gewand. Das klingt bunt und sonderbar, aber das mildernde Alter hat alle Kontraste weich gestimmt. Wäre es doch für den Menschen von so verschönerndem Einfluß wie für die leblosen Dinge!

Wir nehmen Schwefelbäder gegen Rheumatismus in der Badeanstalt der Alameda. Die Alameda hat entschieden etwas vom Badeort an sich, aber vom Badeort nach Saisonschluß, leer und verwahrlost. Ein paar häßliche Monumente stehen unter den Bäumen, den hiesigen Helden geweiht, die alle Gauner und Verbrecher waren. Der eine Bronzeheros lehnt an einer Marmorpyramide, von der ein Bronzegenius herabflattert, aber so ungeschickt, daß ihm notwendigerweise im nächsten Augenblick die Röcke über den Kopf fallen müßten. Die Inschrift sollte lauten: »Was wird er tun?« Nein, moderne mexikanische Kunstleistungen sind deprimierend...

Ich malte in einer Kapelle der Maria de la Soledad. Aber nicht die schwarz und golden gekleidete heilige Jungfrau, die mit Spitzensacktuch in der Hand in einem Glaskasten über dem Hauptaltar steht, sondern eine Virgen del Carmen, in einer Nische, mit Liliensträußen zu beiden Seiten. Die Enkelin des Kirchenhüters, die mir zusah, meinte freilich, diese Jungfrau hätte ja gar keine Seidenkleider, sondern nur ihr geschnitztes Gewand, und sei eine ganz arme Madonna. Dieses selbe Kind frug mich, wie ich es anstelle, um die Sachen so ganz ähnlich malen zu können, ein hübsches unbewußtes Kompliment. In der Kathedrale, die, wie in allen spanischen Städten, auf dem Hauptplatz steht, auf erhöhter Plattform, sind das Charakteristische die vergoldeten alten Schmiedearbeiten. Um die Säulen des Chors läuft eine Galerie aus alter Eisenarbeit. Der ganze Chor ist durch großes Gitterwerk abgeschlossen, und in jede der Seitenkapellen, die die ganzen Seitenschiffe ausfüllen, schaut man durch hohe Eisengitter, die wie Schleier wirken und schimmern wieGoldfäden an Weihnachtsbäumen. In der Sakristei hängen wundervolle Tapisserien aus Beauvais, ganz bezaubernde Gewebe. Kleine Chorknaben in roten Kleidern und Spitzenüberhemdchen standen herum und bildeten die malerischsten Bildchen gegen den Tapisseriehintergrund mit seinen bläulichgrünen Bäumen, in denen unwahrscheinliche Vögel sitzen, seinen bräunlich verschossenen Göttinnen, die durch die Wolken fahren... An allen Sakristeien hiesiger Kirchen steht jetzt übrigens, daß der Eintritt Damen verboten ist, infolge all der Skandale, die mit den Priestern und ihren Beichtkindern vorgekommen sind. Gleich hinter der Kathedrale ist das erzbischöfliche Palais, das wir zu sehen wünschten wegen der wundervollen Gobelins, die dort hängen sollten. Es sind aber nur zwei flandrische Wandgewebe noch dort, und von Gobelins will niemand etwas wissen. Vermutlich sind sie beim Tode des letzten Bischofs vor einem Jahr beiseite gebracht worden. Es wird hier gemunkelt, daß er von dem Generalvikar, der selbst nach der Bischofswürde strebt, langsam vergiftet worden ist. Bisher ist noch kein Nachfolger von Rom ernannt worden. Der letzte Bischof hatte keinerlei Verwandte und ist ganz einsam gestorben. In seinem Zimmer liegen noch ein paar violettseidene Bischofsgewänder am Boden, leere Flaschen stehen herum, auch eine auseinandergenommene eiserne Bettstelle, einiges alte Gerumpel und über allem ein so furchtbarer Staub, daß der uns führende Priester meinte, ich möge mich ja nicht setzen, um mich nicht schmutzig zu machen. Dazu eine bedrückende eingeschlossene Luft und eine solche Leere und Verwahrlosung, daß man den Eindruck hatte, in einem ausgeräuberten Hause zu sein. Das Palais ist sehr groß, Spuren alter Wandmalereien zeigen Ansichten von Mexiko und Puebla, wie sie früher waren. Sie haben einen gewissen altfränkischen Charme, wie alte Landhäuser in Europa. Es wurden uns Zimmer gezeigt, in denen der Kaiser gewohnt hat, hoffentlich sahen sie damals ein bißchen heiterer aus. – Eine bezaubernde alte Kirche ist noch San Francesco, die von den ersten Franziskanern gebaut worden ist. Die Fassade hoch und schmal, über dem schweren Holztor ein graubrauner barocker Steinaufbau, der bis zum Sims hinaufreicht. Sonst keinerlei Gliederung und auf dieser Seite auch keine Fenster. Die Kirche hat einen Turm, schlank und vornehm, aus dunklem Gestein, für mich das Wahrzeichen Pueblas, besonders schön, wenn sich Gewitter um die Malinche zusammenziehen und er sich stolz und schlank aus den grünen Bäumen gegen den dräuenden violetten Hintergrund abhebt. Ich skizzierte die kleine verfallene Kapelle, die ausgeplündert und vernagelt ist. Das Unkraut wächst vor ihrem Eingang, und an ihrer hinteren Seite wird mit dem Abbruch begonnen. Wieder ein dahinschwindendes Stück alter Zeit. Den ersten Tag malte ich in der Straße stehend; es entstand aber ein derartiger Volksauflauf, daß arbeiten unmöglich war. So nahm ich mir am nächsten Tag eine der wackligen Droschken, die wie Zeitgenossinnen von Cortez aussehen, und malte in ihr sitzend. Der Wagen war allerdings bald umlagert von einer Masse Straßenjungen, aber auch von Soldaten und Spazierreitern. All die Leute fingen Konversationen mit mir an. Ein alter Mann meinte, es freue ihn, eine Frau von Intelligenz zu sehen, was bei seinen Landsmänninnen nicht vorkäme. Auf einem Platz dicht vor der San Francesco-Kirche steht ein reizender alter Brunnen mit Drachen und San Miguel-Figur. Und dicht dabei ein baufälliges großes Gebäude mit knallblauem Anstrich über dem verwitterten Gemäuer, das alte Theater, von einem der ersten spanischen Gouverneure erbaut. Die große Straße von Veracruz nach Mexiko führte hier vorbei, wo »Diligencias« standen. Es wurde Teatro de los arrieros genannt. Hinter dem Theater eine rosa gestrichene Mauer mit Spuren einstmaliger Bogengänge und eine Reihe kleiner einstöckiger Trödelladen. Die Wände sind rot gestrichen, mit weißblauen Kacheln belegt. Diese Laden sind fensterlos, jeder hat nur eine kleine Tür, über die sich ein abgeflachter Steinbogen wölbt; der dadurch herabhängende Zapfen hängt wieder mit dem nächsten Bogen zusammen, so daß sie wie ein fortlaufendes vorspringendes Dach die ganze Gasse entlang aussehen. Anstrich und Kacheln sind verbröckelt, die Steindächer moosbewachsen, und in den Winkellädchen wird um merkwürdige Dinge gehandelt, deren Zweck und Nutzen unklar sind. Lumpen, verrostete Ketten, alte Lappen und Stricke. Ich habe nirgends ein malerischeres Alte-Leute-Winkelchen gesehen. Diese Trödelgasse mündet auf die Calle de Rabosos, in der nebeneinander drei herrliche alte Palais stehen mit schönen Loggien in den Höfen, alten eisernen Geländern an den Escaliers d'honneur und freigebauten Seitentreppen, die zum Entresol führen. Wohin man schaut, eine Fülle schöner Details, tausend liebe Eckchen und Winkelchen, die alle etwas Verträumtes, Vergessenes haben. Ich malte noch eine Ecke aus der überaus reichen Capilla del rosario der Dominikanerkirche. Ein Gewirr von Arabesken und Figuren, Wände und Säulen bedeckend. Der Gesamteffekt ist der unendlichen Reichtums – und einen großen Kontrast bilden dazu die vielen armseligen Menschen, die alle Morgen im Hauptschiff vor dem Gitter dieser Seitenkapelle knien. Zitternde Greisinnen, ganz zu Boden gebeugt, Krüppel aller Art. Die halbe Stunde, die sie vor all dem Glanz kniend zubringen, ist ihnen ein kurzes Entrücktsein aus all dem Lebenselend. Besonders fielen mir zwei Männer auf, von denen der eine wohl eine besondere Pönitenz durchmacht, da er alle Morgen da kniet mit ausgebreiteten Armen wie gekreuzigt, und so lange so verweilt, als er es so aushalten kann, bis ihm die Arme wie abgestorben niedersinken. Der andre hat ein wahrhaft verzerrtes Gesicht, einen Ausdruck, als sähe er beständig etwas Schauerliches wieder. Er schlägt mit der Stirn gegen die Steindallen des Fußbodens und wird doch die Erinnerung nicht los... In Puebla sind unendlich viele schöne Einzelheiten, aber auch das Gesamtbild der Stadt ist herrlich durch die hügelige Lage und den ganz einzigen Hintergrund der beiden Schneeberge, die hier soviel näher sind und enormer als in Mexiko erscheinen. Einen sehr lohnenden Gang kann man machen zur Quinta de Xonaca, einem Landhaus hoch über der Stadt. Als ich es zuerst sah, überkam mich's wie eine Ahnung von geschichtlicher Tragik, und nachher erfuhr ich, daß der arme Kaiser Maximilian hier wohnte, als er die Nachricht erhielt, daß Napoleon seine Truppen zurückberufen habe, wonach sein eigner Untergang ja nur eine Frage der Zeit war. Es heißt, der Kaiser sei aus dem Landhaus weg und in das bischöfliche Palais gezogen »wegen der Melancholie des Ortes und – – der vielen Flöhe«! Das letztere Übel, mit dem Kaiser für gewöhnlich wohl nicht zu kämpfen haben, scheint mir in Puebla ein allgemeines; das erste kann ich bezeugen, denn über dem Xonaca-Landhaus hängt es wie ein Schleier von Trauer, daß sich das Herz zusammenzieht.

Zur Abwechslung fuhren wir ein paarmal morgens ganz früh nach dem Rancho colorado und badeten dort. Das Wasser ist viel schäumender, prickelnder, so daß man die Empfindung hat, Hunderte von Käfern krabbelten einem am Körper entlang. Im Badepavillon war eine Anweisung angeschlagen, Herren möchten Schwimmhosen tragen und Damen Hemden und in einer »manera honesta« ins Bad steigen. Auch möge man sich einer dezenten Redeweise beim Baden belleißigen! Die Gegend draußen ist reizend ländlich, mit Feldern und Blumen, die Schneeberge als Hintergrund und in der wilden Ebene zerstreut eine Menge kleiner Kirchen zwischen alten Bäumen. In dem benachbarten Dorf Felipe war in einer alten Kirche eine Postanstalt und eine Milchwirtschaft untergebracht mit Jauche und sonstigen Nebenumständen. Die Bewohner hatten offenbar keinen Begriff mehr von der ursprünglichen Bestimmung ihrer Behausung, denn sie sahen uns zweifellos als Verrückte an, als wir frugen, was für eine Kirche das früher gewesen sei. Anderes altes Gemäuer trug allerhand offizielle Aufschriften, wie »Munizipales Gefängnis, Schule, Städtische Verwaltung«. Aus dem Gefängnis wäre es nicht eben schwer gewesen zu entkommen, und auch die übrigen Räume schienen damit ihren Zweck zu erfüllen, daß sie eben eine imponierende Aufschrift trugen. Ich malte dort auf einem Kirchhof, wo halbverdorrte, z. T. auch durch den Blitz verkohlte Zypressen stehn, von deren Zweigen langes graues Floridamoos herabhängt. Es ist ein unendlich stilles, träumerisches Plätzchen, war es wenigstens, bis mich die Dorfkinder erspähten und mir das Leben sauer machten. Vor fürchterlichen Regengüssen flüchteten wir uns in das Haus einer alten gesprächigen Frau, die ein armes kleines Indianermädchen als Hausdrudge hatte. Ein bildhübsches Kind mit dusky Haut und melancholischen dunklen Augen. Sie konnte wenig Spanisch und sprach eine süßklingende Sprache, wie sie so recht zu dem armen verschüchterten Wesen paßte. Sie hieß Jabel, und als ich sie frug, wie alt sie sei, schüttelte sie den Kopf und antwortete, niemand wisse es, aber sie wechsle grade die Zähne. Ein armes kleines Zufallswesen! Der Regen war so arg gewesen, daß wir vom Haus der alten Frau nicht in die vorbeifahrende Tram gehen konnten, weil sich inzwischen im Verlauf einer halben Stunde da ein einige Fuß tiefer See gebildet hatte. Ein alter Indianer stieg aus der Tram aus und erbot sich, uns durch das Wasser zu tragen. Zuerst schwang ich mich auf seinen Rücken, dann kam Angèle an die Reihe und schließlich Edmund, so daß es diesem Indianer ging wie meistens im Leben, es ward immer schwerer zu tragen ...

In der alten Stadt Cholula wollten wir mit dem französischen Padre Gourey die Kirche San Francisco de Acatepec besehen. Der Schlüssel war aber nicht zu erlangen, denn die armen Indianer sind so oft von den regierenden Mächten bestohlen worden, daß sie sich fürchten, jemand in ihre Kirchen hineinzulassen. Vielleicht war auch Padre Gourey nicht die richtige Eskorte, denn als Fremder wird er mit besonderem Mißtrauen betrachtet, und es kursieren die seltsamsten Geschichten über ihn. So braut er nach dem Rezept der heimatlichen Auvergne jetzt Apfelwein, und die Indianer, die draußen das Knarren seiner Fruchtpresse hören, behaupten, er hexe und fabriziere falsches Geld. So mußten wir uns denn begnügen, die Kirche von außen zu bewundern, krochen auf dem Dach herum und besahen die Schule, die daneben in der früheren Priesterwohnung gehalten wird. Ein paar Dutzend schmutzige Indianerjungen saßen darin und lernten von einem indianischen Dorfschullehrer, dessen Wissen wahrscheinlich so dürftig wie seine Kleidung ist. In beiden Hinsichten ist aber bei einem Monatsgehalt von 15 Dollar nicht viel von ihm zu verlangen. Unter großen Orangenbäumen lagerten wir uns und frühstückten in Gesellschaft des auvergnaten Padres und des mexikanischen Kutschers, Don Rafael, der zwar wie ein Räuber aussah, mit seinem Messer aber viel weniger beängstigend umging wie der Padre, der, um es zu reinigen, sich damit über die Zunge fuhr. Auf dem Rückweg sahen wir eine Kirche, die der Madonna Tonanzintla geweiht ist. In alten Zeiten stand hier ein Altar der Tonanzin, Mutter der Götter in der indianischen Mythologie. Diese Mutter der Götter und die Mutter Gottes haben sich in der indianischen Vorstellung zu einem Begriff verschmolzen, und es ist die Madonna Tonanzintla entstanden!

Bei einem Ausflug nach Tlaxcala sahen wir den Gouverneur des Staates, ein dicker Urindianer, mit dem wir in dem Nonnenkloster zu Mittag speisten. Er schickte auch seine Tafelmusik, bei deren Klang die kleinen Zöglinge der Nonnen im Klosterhof tanzten. Es war a charming experience, die Nönnchen so heiter und freundlich und das Essen ausgezeichnet. Der Gouverneur erfreute uns durch die seltsamsten Manieren, behielt den Hut auf, fuhr mit den Händen nach jeder Speise, which he just fancied, aß Käse mit der Suppe und Obst mit dem Braten. Er ist allem Fortschritt abhold, hat es auch glücklich zu verhindern gewußt, daß eine Eisenbahn nach Tlaxcala kommt, und setzte mir auseinander, mit Städten ginge es wie mit Menschen, viele müßten zurückbleiben, damit wenige sich frei entwickeln können, und offenbar war es ihm sehr lieb, daß seine Stadt zu den vielen gehört. Er ist ein Philosoph, aber wenn man den Zustand der von ihm beherrschten Stadt sieht, steigen Zweifel darüber auf, ob es ein Glück ist, von einem Philosophen regiert zu werden. Das alte spanische Gouvernementsgebäude hat er sich umgebaut, und zwar ohne Architekten, und die entsetzlichsten Dekorationsmalereien angebracht, die je in einem indianischen Gehirn entstanden sind. Im Treppenhaus unter einer bunten Glaskuppel steht der Nationalheilige Juarez, und um den ganzen Raum läuft ein Fries grell gemalter Aztekenmasken. Man kann einen wahren Cauchemar von der Erinnerung daran bekommen. An einem andern munizipalen Gebäude hängen zwei Tafeln; eine aus dem Jahr 1810 besagt, daß das loyale, religiöse, treue Tlaxcala nie eine andre Regierungsform als die monarchische anerkennen würde. Die andre, um ein paar Jahre jüngere glorifiziert die mexikanische Republik. Der geschichtlichste Anblick aber sind die Ruinen der Capilla real, an der noch die Wappen Karls V. zu sehen sind. Der Glanzpunkt von Tlaxcala aber ist die Kirche von Ocotlan. Eine glaubenseifrige Marquise hat freilich das Hauptschiff renovieren lassen, in Blau und Weiß, reinlich wie von einem braven Kinde angestrichen. Aber dann haben die Indianer sich ermannt, mit Steinen die Marquise und ihre Arbeiter herausgetrieben und so den Altar unter der Kuppel und den kleinen Camarin gerettet. Der Hauptaltar ist mit einer silbernen Platte belegt, auf der sich getriebene Goldblumen erheben. Die Wände sind bedeckt mit den feinsten vergoldeten Holzschnitzereien, von der Decke hängen herrliche silberne alte Kronleuchter. Der Camarin ist ein wahres Museum von den feinsten vergoldeten Holzschnitzereien, alten Teppichen, alten Kirchenstühlen, silbernen Reliquienschreinen, kostbaren Kruzifixen, japanischen Vasen, Stickereien und kleinen Wunderbildchen. Dort hat man endlich ein Bild davon, wie das spanische Mexiko gewesen sein muß...

Seit dem 4. Okt. wieder zurück. Der neue spanische Gesandte, Marquis Prat, war einen Abend bei uns. Ein gut aussehender amüsanter Mensch. Er erzählte mir von Kopenhagen, wo die Kronprinzessin so sehr streng pietistisch ist. Ihr Kammerherr hat sich gegenüber von einigen maisons mal famées eine Wohnung nehmen müssen, über dem er ein Transparentbild von Christus angebracht hat. Auf dem Balkon lauert er nun alle Abend den Herren auf, die nach den Häusern gehn, und schreit sie von oben an: »Oh n'entrez-pas, n'entrez pas, vous perdez votre âme!« Eines Abends rief er wieder einen Herrn an, der sich umdreht und zurückruft: »Je vous remercie bien, de m'avoir prévenu, alors je choisirai la prochaine.«

Von dem übrigen tout Mexiko habe ich noch niemand gesehen. Man denkt jetzt nur an die Vorbereitungen für den panamerikanischen Kongreß, und ein paar der mehr oder minder kaffeefarbenen Delegierten sind schon einpassiert.

31. Oktober. Die Delegierten der verschiedenen Republiken sind jetzt alle hier eingetroffen und an der Grenzstadt feierlich empfangen worden. Fünf unter ihnen haben große Reden gehalten mit jener Leichtigkeit der Spanisch-Amerikaner, denen auch nach dreitägiger staubiger Eisenbahnfahrt das oratorische Talent nicht versagt. Dazu wurden nordamerikanische Weisen gespielt, da das Repertoir der mexikanischen Musiker keine sonstigen amerikanischen Nationalhymnen enthält. An den Bahnhof von Mexiko waren von der Regierung zwar Wagen geschickt worden, aber niemand, der die Delegierten auf diese freundliche Fürsorge aufmerksam machte, so daß sie in gelben und roten Maultierdroschken holperten. Die meisten Staaten haben literarische Männer zu diesem Kongreß gesandt, was an Zeiten erinnert, die in Deutschland längst vorüber sind, wo Dichter Staatsminister wurden. Auch Advokaten sind zahlreich vertreten, denn bei all diesen Völkern spielt das Wort eine große Rolle. Kolumbien aber hat einen Mann der Tat, den General Reyes gesandt; er hat schon mehrmals seinem unruhigen Lande gewaltsam zur Ruhe verholfen und gilt als künftiger Präsident. Den weitaus besten Eindruck machen die Chilenen und der argentinische Abgeordnete Merou, der als Gesandter von hier nach Berlin gehen soll. Das sind Menschen, die nirgends als exotische auffallen würden. Man merkt ihnen auch gleich an, wie sehr sie auf die übrigen, einschließlich der hiesigen Delegierten, herabsehen. Da ist es denn komisch zu wissen, daß die Mexikaner sich ihrerseits weit über allen andern dünken. Gleich nach Ankunft der Pans, wie sie jetzt hier genannt werden, waren wir bei Mariscal, der uns im Vollgefühl der eignen Superiorität erzählte: »Parecen todos bastante morenitos.« Es war recht schwer, dem kleinen indianischen Affenmenschen gegenüber ernst zu bleiben. Genau sehen zu können, wie wir andern erscheinen, wäre sicher so erstaunlich, wie plötzlich in die vierte Dimension versetzt zu werden. Den Chilenen fällt sehr auf, daß die »upper ten thousand« von Mexiko keinerlei »carino« für das Mutterland hätten, daß sie sich nicht zu den Spaniern, sondern zu den Indianern zählten. Sie wundern sich über die Statuen indianischer Häuptlinge, und als sie nach dem Standbild Cortez' gefragt, habe man ihnen geantwortet, das sei ein Räuber und Mörder gewesen, den jeder gute Mexikaner hasse. Zu Ehren des Kongresses gab Mme. Diaz ein Abendfest in dem neueingerichteten Palacio Nacional, der dank der Restaurationen völlig verdorben ist. Die wunderbaren Zedernholzdecken, die noch aus der vizeköniglichen Zeit stammten, alte Vasen, altes Mobiliar sind verschwunden. Diese einzigen Dinge sind einem hiesigen Antiquar für einen Spottpreis übergeben worden, um sie nur los zu sein. Diese Holzdecken stammten aus der Zeit der Unterjochung, seien nicht freiheitlich, nicht patriotisch, ist Edmund geantwortet, als er sich danach erkundigte. Horribler Stuck, klobige Exportmöbel, Vorhänge, bei deren Verfertigung der Tapezierer wahre Passementrie-Orgien gefeiert hat, sind an die Stelle getreten. Limantour, der an dem allem schuld ist, führte mich herum, zeigte mir alles strahlend und meinte: »Maintenant c'est à peu près convenable.« Die europäischen Parvenüs zeichnen sich meistens durch ostensible Antiquitätenmanie aus, dieser mexikanische ist noch nicht so weit. – – Seitdem die Delegierten unter uns weilen, werden die Straßen mit peinlicher Sauberkeit gehalten. Kaum daß ein Pferd Mist hat fallen lassen, so stürzt auch sofort ein Peon herbei und kehrt ihn sorgfältig auf eine Schaufel. Es sollen auch tausend Bettler in schöne weiße Anzüge gekleidet sein, mit dem Befehl, sich immer da zu gruppieren, wo die Pans vorbeikommen müssen, um so eine glückliche, wohlhabende Bevölkerung darzustellen. Man wird an Umzüge des Kaisers von China erinnert oder an Katharinas Reisen unter Potemkinscher Führung. Das hindert nicht, daß die Stadt ungesunder denn je ist und sich die Typhusfälle häufen dank den so sinnlos geführten Dränagearbeiten.

Kürzlich sahen wir ein rechtes Beispiel für den mexikanisch-patriotischen Geist, als wir mit Prat die altspanische Wohltätigkeits-Stiftung, das wundervolle Kolleg der Biscainas besuchten. Zwei Millionen Dollar hat die Regierung dieser Stiftung »konfisziert«. Ein wundervolles silbernes Madonnenbild, mit Perlen und Smaragden behangen, ist seltsamerweise der Räuberei entgangen. Früher stand es über dem Altar, jetzt ist es versteckt in einem Winkel hinter einer unbenutzten Küche, zwischen allerhand Gerümpel. Leere Schachteln, des chaises defoncées, un mannequin d'osier liegen dort herum. Die Oberin sagte mir, sie hätten es dort verschlossen, denn bei einer neuen Räuberei würde es dort sicher niemand vermuten. Dies Biscainas-Kolleg hat den wehmütigen charme des choses qui s'en vont. Überall sieht man einen kleinen Anfang von Verfall unter der noch vorhandenen Schönheit. Aber was wird aus alledem werden? Vielleicht ist es in 50 Jahren ein Depot für Petroleum! Solche Reste vergangener Zeiten geben Mexiko einen großen Reiz. Als wir in dem alten Gärtchen der Biscainas standen, und ich die grauen schon etwas abbröckelnden Mauern anschaute, über die sich herbstlich gefärbte Schlingpflanzen hinrankten, dachte ich, daß auch Menschenleben diese wehmütige Stunde haben, wo noch alles von Schönheit, von Zauber der Rosendüfte und des Nachtigallengesangs lauer Frühlingsnächte spricht, und wo man doch schon fühlt, daß das alles dahin ist und nie, nie wiederkehren kann. Diese Stunde ist gleich einem étroit guichet schwer zu passieren, – ist man erst hindurch, wird's alles viel leichter. Es kommt eigentlich bei allem Schweren immer nur darauf an, des Lebens Opfer innerlich gebracht zu haben. Nichts mehr wollen! –

Die Kongreßberatungen drehen sich vorläufig nur um Etikettenfragen. Darin hat dieser Kongreß der neuen Welt also nicht viel Neues gebracht, sondern befolgt das berühmte Beispiel des seligen Wiener Kongresses. Einstweilen ist nur zutage getreten, daß die Chilenen einerseits und die Argentinier andererseits sich scharf gegenüberstehen. Die nordamerikanischen Delegierten treten vorläufig ganz zurück; sie schauen zu, wie der schöne südliche Eifer sich in schwungvollen Reden über Nichtigkeiten verausgabt. Sind die Hispanoamerikaner erst erschöpft, so werden die Yankees mit praktischen, ihren Interessen entsprechenden Vorschlägen kommen, und alle werden zustimmen rien, que pour finir. Seit Mexiko einen Kongreß beherbergt, dünkt es sich mehr wie je Zentrum des Universums. Diesen Glauben hatten ja auch die Birmanesen. Sie besaßen einen riesigen vergoldeten Buddha, der von einem Hügel aus mit herabgestrecktem, gelbglänzendem Zeigefinger auf Mandalay, Mittelpunkt unsrer kleinen Erde, wies. Das hat sie nicht verhindert, ohne viel Umstände verspeist zu werden. Der Argentinische Gesandte und Kongreßdelegierte sagte mir, seit dem Kriege mit Nordamerika seien die Sympathien für Spanien in Südamerika ganz geschwunden. Denn man hätte wohl als unabwendbar vorausgesehen, daß Spanien schließlich von den Yankees geschlagen und vernichtet werden würde, aber als ebenso sicher habe man angenommen, daß Spanien sich bis auf den letzten Blutstropfen wehren würde. Durch seine ruhm- und widerstandslose Niederlage habe es auf alle Völker spanischer Abkunft einen Schatten der Erbärmlichkeit geworfen. Der Gesandte schwärmt für den Gedanken, durch ein Schiedsgericht alle Kriege in dem amerikanischen Erdteil unmöglich zu machen. Er meint, in den zentral- und südamerikanischen Republiken mit ihrer geringen Bevölkerung, ihren ärmlichen Mitteln, hätten alle Kriege etwas Karikatur- und Operettenhaftes, seien auch durch kein Bedürfnis nach Grenzerweiterungen zu rechtfertigen. In dem alten übervölkerten Europa, wo es jeder zu eng habe, sei das etwas anderes.

8. November. Wir machen wirklich a severe course of Panamerikanismus durch. Am 4. waren wir von Mme. Diaz nach Chapultepec geladen, zu einem Fest, das five o'clock tea genannt wurde, vermutlich, weil wir auf vier geladen waren, keinen Tee bekamen, und um halb neun an kleinen Tischen soupierten!

12. November. Edmund bekam gestern ein Telegramm eines Herrn von Flöckher, der »hocherfreut« seine Ernennung zum Sekretär in Mexiko meldet. Ich schlug vor, Edmund möge ihm antworten: Gratuliere mir, Ihnen weniger! Wir machten einige Besuche mit Prat, u. a. bei einer Familie, die den spanischen Titel »Herzog und Herzogin von Regia« besitzen. Die Herzogin empfing uns mit ihrer Schwester, die wie die Heldinnen Ossip Schubins so vornehm ist, daß sie nicht vornehm auszusehen braucht, in einem Saal, in dem wundervolle chinesische Vasen standen. Sie sind in der Familie seit der Zeit, da zwischen China und Acapulco ein großer Handel bestand. Auf den Deckeln von einigen dieser Vasen fehlen die shitzes, und Prat erklärte, in der Zeit der Unabhängigkeitserklärungen seien diese Tiere absichtlich zerschlagen worden, weil man sie für Löwen von Kastilien gehalten habe! Prat freut sich immer, wenn er Hiesigen etwas Derartiges versetzen kann. Er leidet an agressivem Patriotismus und spricht von den Mexikanern nur als »ce tas de miserables«. Ich möchte freilich hier auch nicht spanischer Gesandter sein und zusehen, wie alles Schöne aus der spanischen Zeit – und das ist das einzig Schöne, was Mexiko überhaupt besitzt, – systematisch zerstört wird. Die Familie Rincon Gallardi, mit dem spanischen Herzogtitel, schätzte ihre kostbaren Vasen übrigens auch nicht sehr, dagegen sagten sie, sie wollten uns etwas zeigen, das unter den Privathäusern Mexikos nur das ihrige besäße. Sie führten uns auf einen Flur, öffneten eine Tür, und wir starrten in einen langen schmalen ausgemauerten Raum hinab, in dessen Tiefe man den Käfig eines kleinen Lifts sah. Ihr Stolz und unser bewunderndes Hinabstarren auf eine Sache, die das gemeinste Hotel besitzt, waren wirklich grotesk. Und daneben hingen die Ahnenbilder und standen die seltensten Stücke. Das Schlimmste an solchen Besuchen ist, daß sie so unendlich dauern müssen, denn wenn man sie nicht lange ausdehnt, ist es viel unhöflicher, als wenn man sie ganz unterließe. Wenn man nach einer halben Stunde aufsteht, fragen die Damen, warum man tan violent wäre. Man soll immer noch ein »ratito« bleiben, und ein »ratito« may mean, anything from five minutes to three hours.

27. November. Der Panamerikanismus dauert fort. Eigentlich ist es ein fortwährendes Tarascon. Eine erstaunliche Rhetorik. Alle Worte enden auf os oder auf ad, und es klingt köstlich, nur muß man keinen Sinn dahinter suchen. Es ist ein beständiges Posieren, ohne daß die Poseure es selbst wissen. Sie sind alle sehr emotional. Wird bei Besichtigung einer Bierbrauerei oder Kattunfabrik eine Nationalhymne gespielt, so tritt der Vertreter des betreffenden Landes vor, und mit Tränen in den Augen ergreift er die Hand des mexikanischen Kongreßpräsidenten und legt in diesen Händedruck, »was sich nicht in Worte fassen läßt«. Es fehlt ihnen allen jeder Sinn für Humor, darum sind sie so maßlos langweilig. Ich glaube, Spanier wissen überhaupt nicht, was Humor ist. Der einzige, den ich kannte, der Humor hatte, war Olmet, und der war verrückt! Satire verstehen sie wie alle Südländer, Humor aber ist ein Geschenk, das angelsächsischer Genius der Welt gemacht hat. Und in einem andern ganz entlegenen Welteckchen, in Japan, ist der Humor auch noch ganz aus der Volkseigentümlichkeit heraus entstanden. Darum liebe ich die Japaner so sehr.

Richardson hat beide Artikel bei mir bestellt, »Onkel Grimm« und »Puebla«. Ich bin jetzt sehr fleißig beim Briefbuch. Das Faktum des Schreibens versöhnt mich mit dem Leben. In den schlimmsten, bittersten Stunden, auch oft während des letzten Urlaubs, und noch hier in den ersten Zeiten, immer wenn mir so ganz besonders wund und weh ums Herz war, hatte ich die Sehnsucht, es möge mir doch gegeben sein, »zu sagen, was ich leide«. Nun, seitdem ich schreibe, ist es wie eine Art Erlösung über mich gekommen. Gott gebe, daß mir die Tätigkeit bleibt. Ich wünsche das viel weniger in Gedanken an Erfolg, als wie der eignen Beruhigung und Befreiung halber. Ich will deshalb auch meine Augen recht schonen, um die mir hier oft recht angst ist... Manchmal, wenn ich so sehe, wie meine innersten Herzensgedanken und Gefühle aus der Feder aufs Papier übergehen, ist es mir wie ein Wunder. Ich schaue mir die Worte an und sage mir, das ist nun ein Stückchen von mir selbst.

Edmund hat seit ein paar Tagen die Idee, im Mai auf Urlaub zu gehen, an den Starnberger See, und sich dann dort irgendwo anzukaufen und den Dienst aufzugeben. Es ist ja in mancher Hinsicht lockend, aber ich graule mich so sehr vor allem Eingreifen in das Schicksal. Ich bin innerlich so geduckt, daß ich mich hier in dem anfänglich so gehaßten und gefürchteten Mexiko schon ganz eingelebt habe. Meine Art, die Zukunft anzuschauen, ist: »Möge es nur nicht schlimmer werden.« Wo ich auch hinkomme, fühle ich mich zuerst immer grenzenlos verlassen und vereinsamt; dann mach' ich's wie die Raupen und umspinne mich mit einem möglichst dichten Seidenkokon, durch das die äußere Kälte nicht so sehr dringen kann. Ich spinne mein Fädchen. Früher blieben es immer allerhand Träumereien; ich malte mir aus, wie alles werden könnte, und fühlte darüber nicht mehr, wie es eigentlich war. Jetzt ist es eigentliches »spinning a yarn« geworden, d. h. Geschichten erzählen, und zwar mit der Feder in der Hand. – –

6. Dezember. Gestern war ein schöner Tag. Rodenberg hat mir einen so lieben anerkennenden Brief geschrieben über »Diplomatical Life in China«; er sagt, neben der Bewunderung hätte er nur das eine Gefühl des Neides, daß der Artikel nicht in der »Rundschau« erschienen sei. Nun fordert er mich auf, für die Rundschau zu schreiben. Ich war so stolz und glücklich, daß ich gar nicht schlafen konnte. So etwas ganz selbst Erarbeitetes, in der Vereinsamung und Vergessenheit Geborenes. Ich hätte gar nicht gedacht, daß ich mich noch so freuen könnte. Tags zuvor hatte ich sehr fleißig geschrieben, tout d'un jet, eine kleine französische Novelle, über Hansen, dem ein hiesiger Ranchero für den Zaren das Geheimnis verkaufen wollte, wie man à volonté das Geschlecht seiner künftigen Kinder bestimmen könne. Der Ranchero hätte es an Tausenden seiner Maultiere ausgeprobt. Die Szene nach Peking verlegt. Edmund lachte den ganzen Abend, als ich es ihm vorlas.

11. Dezember. Gestern habe ich einen wirklich schönen und harmonischen Geburtstag verlebt. Edmund brachte mir morgens eine viel zu kostbare Brosche, und der Tag verging mit Schriftstellerei, Bummeln im Garten, und abends Lesen von Onkel Grimms »Goethe«. Ich bekam einen Scheck des »International Monthly« auf 100 Dollar für »Diplomatical Life«; es war zu nett, daß dieses erste erschriebene Geld gerade an dem Tage ankam. Mir ist es ein Wegweiser für dies neue Jahr. Arbeit, bei der man zur inneren Harmonie gelangt, sich über Miseren und Kränkungen erhebend. Ich habe eine Masse neue Pläne für Dinge, die ich schreiben will, hätte am liebsten sechs Köpfe und zwölf Hände.

1. Januar 1902. Schopenhauer und Nietzsche in diesen Tagen gelesen und Onkel Grimms himmlischen »Michelangelo«. Die Toten are good Company. Beim Lesen mancher Bücher gewahrt man staunend, daß man selbst, ohne von ihnen zu wissen, ganz dasselbe, wie mancher große Tote, gedacht hat. Sollte vielleicht wirklich eine bestimmte Qualität Geist vorhanden sein, die sich, nachdem sie in den einen ausgedient, dann wieder auf andre verteilt?

10. Januar. Am 8. machten wir zwei Hochzeiten mit, beide Male Mexikanerinnen, die Engländer heiraten. Bei der einen war eine geradezu himmlische Musik, die mich weinen machte. Musik am Vormittag geht über mein Nervenvermögen. Schon in Karlsruhe, wenn mir Offiziere die Regimentsmusik morgens früh am Fenster vorbeiführten, fing ich an zu weinen, was doch an sich keine melancholische Gelegenheit war. Die beiden Engländer taten mir leid, so in diese bräunliche Gesellschaft hineingeschlachtet zu werden, und den Hiesigen wieder taten die Bräute leid, weil die Engländer kein Geld haben. Abends ein sehr langweiliges Diner. Das ist die unangenehmste Seite an den Hiesigen. Ihre sozialen Kuriositäten werde ich ihnen nie vorwerfen, auch nicht, daß legitime Ehe eine Einrichtung ist, die zu ihnen, wie elektrisches Licht, in verhältnismäßig neuerer Zeit importiert worden ist. Aber ihre Langeweile hat unverzeihliche Dimensionen. – Eine der »mas alta y culta« Familien von Mexiko sind die Esc. Vor Jahren nun haben sich ein Bruder und eine Schwester aus dieser Familie so erfolgreich geliebt, daß ein Sohn daraus entstanden ist, dem man mit ziemlichem Zynismus den Familiennamen »Amor« gegeben hat. Von ihm wieder stammt eine Familie ab, die mit den Esc. in einen Prozeß geraten ist, weil sie Ansprüche auf eine große Summe erhob, die ein Esc. der Kirche vermachen wollte, um die Sünde der Amor-Entstehung zu sühnen, die aber von der Kirche nicht angenommen werden durfte, weil man nach mexikanischem Gesetz der Kirche überhaupt nichts vermachen darf. Darauf gründeten die Amors ihre Ansprüche. Der Prozeß dauerte sehr lange, bis ihn schließlich Porfirio Diaz zugunsten der Esc. entscheiden ließ. Nun sind diese seine âmes damnées, während sie bis dahin auf Porfirio und Carmelita als plebejische Parvenüs herabsahen. Über Carmelita wird hier jetzt gefabelt, daß sie zur besten spanischen Gesellschaft gehöre und diese Porfirio zugeführt habe. In Wahrheit war Carmelitas Großmutter eine Waschfrau in Veracruz, die mit einem ausländischen Kapitän au long cours ein Verhältnis hatte, dem Carmelitas Mutter ihr Dasein verdankt. Der Kapitän muß viele Meriten gehabt haben, denn die Distinktion, die Carmelita und ihre Schwestern von ihrer Mutter geerbt haben, stammt sicherlich von dem bißchen ausländischen Blut. Wenn hier Leute etwas distinguierter aussehen oder etwas scherzhafter sind, kann man immer darauf raten, daß a stranger lurks in the background ...

22. Januar. In diesen Tagen erlebten wir ein entsetzlich starkes Erdbeben. Wir waren in der Straße in Mexiko, die Telegraphenstangen lehnten sich ganz gegen die Häuser. So oder durch Krankheit kann jeden Augenblick das Ende kommen, und doch grämt und müht man sich, als habe man für die Ewigkeit zu sorgen, und tut man's nichts so heißt's, man sei ein indolenter, pflichtvergessener Mensch.

28. Januar. Wir waren mit Flöckhers bei den Stiergefechten. Zum letztenmal habe ich das vor 17 Jahren in Havanna gesehen. Ich fand es weder sehr aufregend noch so furchtbar, wie manche Leute es schildern, hauptsächlich langweilig, besonders, wenn man es häufig sehen müßte. Der Hauptkerl, Fuentes, ist ein schön gewachsener, sehr gewandter Mensch. Manche seiner Stellungen haben etwas klassisch Schönes, besonders, wenn er mit den hochgehobenen banderillos dasteht und die Aufmerksamkeit des Stiers auf sich zu lenken sucht. Später, mit dem roten Tuch und dem Schwert, hat er etwas vom Schicksalsgott. Aber mein Haupteindruck war doch Langeweile mit Grausamkeit vermischt. Das hiesige verschlafene Volk war durch das viele Blut endlich etwas aufgeweckt, brüllte und warf Orangen in die Arena, aber ein Menschengewühl ist nicht malerisch hier, wie im Orient, es fehlt die Farbe. – Zu Kaisers Geburtstag war ich mit Flöckhers in der deutschen Schule. Am besten gefiel mir das alte spanische Haus mit den Bogengängen und einem kleinen Gärtchen mit altem Brunnen und hoher Banane. Den ganzen Tag hatten wir dann Empfang von den chers collegues und den Herren der Kolonie, die Flöckher aus ihrem gewohnten Halbschlaf herausgetrommelt hatte. Abends aber versagte plötzlich das elektrische Licht, und wir mußten in die Kanzlei übersiedeln, wo noch etliche bräunliche Herren aus Zentralamerika uns erfreuten. Trotz aller Arbeit ließ sich das Licht nicht herstellen, und so brannten denn in der deutschen Gesandtschaft zu Kaisers Geburtstag zwei Lichte in leeren Bierflaschen. Die einzige Regierung, die von dem Tag keine Notiz nahm, war die mexikanische. Weder ein Mitglied des Auswärtigen Amts, noch ein Adjutant des Präsidenten erschien und ließ Karten. Zum 4. Juli dagegen geht Diaz selbst zu Clayton und erscheint auch bei dem Fest, das die amerikanische Kolonie gibt. Ganz wie die Chinesen, die höflich werden, wo sie Angst haben. Bei Hansen schöne Musik gehört, besonders gefiel mir ein Trio von Tschaikowsky, zur Erinnerung an Rubinstein geschrieben. Unsre Bevorzugung dieser oder jener Kunst läßt, glaube ich, sehr auf unsre Charakteranlage und unsre Schicksale schließen. Musik ist zweifellos diejenige Kunst, die am meisten aus der Realität heraushebt und uns in eine ganz ideelle Welt versetzt. Sie entspricht darum auch so sehr unsrer modernen Welt, in der das Leiden so besonders schwer und bewußt auf den Menschen zu lasten scheint und sich so viele nach dem Vergessen sehnen. Wenn ich jemand sagen höre, daß ihm nichts in der Welt über Musik geht, so sehe ich mir solchen Menschen immer näher und mit Teilnahme an. Denn wenn es nicht Pose künstlicher Kunstliebhaberei ist, sondern aufrichtig gemeint ist, so bedeutet es so sehr oft, daß es ein Mensch ist, dem das. Leben nichts von dem gehalten hat, was er hoffte, und der sich darum in eine ideelle Welt zu retten sucht. Musik hat zweierlei Wirkung auf mich: es ist, als ob sie mancherlei sehr starke Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit einlullen könnte, da wirkt sie wie eine Narkose, und gleichzeitig weckt sie eine Menge traumhafter Empfindungen, die über den großen See des Schmerzes eine leichte Brücke schlagen, auf der ein phantastisches Gebäude steht. Nerven vibrieren, von deren Existenz wir vorher nichts wußten. Die Phantasiegebilde, die ich bei Musik innerlich sehe, gleichen den Schlössern, Minaretts und Domen, die die Inder aus Bambuszweigen erbauten und dann bei ihren Festen mit Tausenden von kleinen Lämpchen besetzten, so daß man in der Nacht die goldglühende Silhouette einer Märchenstadt zu erblicken glaubte.

19. Februar. Gestern sind wir hierher nach Cuernavaca gereist. Hier ist alles wie im vorigen Jahr. Von dem in Mexiko fortwährend gepriesenen Fortschritt ist nichts zu merken. Wir gingen wieder ins Hotel Bella Vista, in dem wir vor einem Jahr mit Mrs. Mason und Halle gewohnt haben. Das Geschirr ist noch ebenso zersprungen und zerschlagen, Tische und Stühle wetteifern, auf wie wenig Beinen es sich stehen läßt. Die zerfetzte Wäsche hängt zusammen nach irgendeinem noch unbekannten Gesetz der Gewohnheit. Die einzige Neuerung ist ein amerikanischer Beschwichtigungshofrat. Er läuft lächelnd von Tisch zu Tisch, bietet als Trost für alles Eiswasser an, und auf zu heftige Klagen antwortet er mit einem Blumensträußchen! Er hat auch eingeführt, daß die Mahlzeiten, alles zusammen, in einem Dutzend kleiner Näpfe und Schüsseln serviert werden. Diese in den Vereinigten Staaten überwundene Unsitte ist in Cuernavaca le dernier cri du chic. Alle diese Gerichtchen sind ungenießbar. Wir hielten es einen Tag lang tapfer aus, heut nachmittag aber zogen wir halbverhungert ins Hotel Morelos, wo wir reizend wohnen in einem alten Haus mit Säulengang um den inneren Hof, plätscherndem Brunnen unter blühenden Orangenbäumen und purpurnen Bougainvillea, die über das Dach rankt. Endlich etwas, das nicht banal ist und a du cachet.

März. Die Zeit in Cuernavaca war sehr behaglich. Ich korrigierte »Briefe die ihn nicht erreichten« durch. In einem Jahr ist das Buch zu Ende gebracht worden. Ich bin sehr glücklich darüber. Nun wird es sich um die große Verlegerfrage handeln. Ich will es auch ins Englische übersetzen. Unser einziger Verkehr in Cuernavaca war General Clayton. In unserm kleinen Hotel gaben wir ihm ein Dinerchen mit amerikanischer Flaggendekoration. Unser Mormonenwirt war in äußerster Aufregung, daß der Botschafter bei ihm speisen sollte, kam zehnmal des Tages mit Fragen zu mir gelaufen, so daß ich schließlich die Empfindung hatte, ein Diner mit 36 Personen zu geben.

Nach unsrer Rückkehr nach Mexiko einen Ausflug nach dem reizenden Molino de Flores gemacht. Nur leider eine entsetzliche Rückfahrt in Coach mit sechs Maultieren und über Wege, die nie für solche Fuhrwerke bestimmt waren. Wind, Staub und die fahle Beleuchtung, die hier allem einen nordischen Charakter gibt. Gelbe verbrannte Weiden, verstaubte Schafe, die sich gegen den Sturm eng aneinander drängen, ein Schäfer mit spitzem Hut dicht in seinen Poncho gewickelt, ein paar Kakteen, grauer Himmel und Wind, Staub, – Staub, Wind. Tiefe Melancholie.

Nachdem ich die »Briefe die ihn nicht erreichten« fertig abgeschrieben hatte, sandte ich sie an Rodenberg, um doch mal ein Urteil zu haben und einen Rat wegen eines Verlegers. Dann machte ich mich gleich an den Artikel über »Maria Guero« für den »Kritik«, und sobald der abgesandt war, an den Essay über Onkel Grimm für den »International Monthly«, der mich schon gemahnt hatte. Das war sehr schwer zu schreiben, aber ich glaube, ich habe eine Menge dabei gelernt. Im ganzen aber befriedigt mich das Artikelschreiben nicht so recht, weil ich es eigentlich etwas oberflächlich finde. Ich lese solche Dinge auch nicht gern. Unwillkürlich ist darin manchmal die absolute Wahrheit der knappen eindringlichen Form geopfert. Ich habe in diesem Monat so viel geschrieben, daß ich etwas überarbeitet bin, ein stolzer Zustand, auf den ich mir etwas einbilde.

Wir haben hier wieder erstaunliche häusliche Erlebnisse gehabt. Eines morgens, als Edmund und ich friedlich beim Kaffee saßen, hörten wir in der unteren Etage einen Krach und Fall. Wir stürzten hinunter und fanden einen Menschenknäuel, aus Feldt und den beiden indianischen Stubenmädchen bestehend. Feldt hatte die eine die Treppe heruntergeworfen und war dabei, ihr den Schädel auf den Steinfliesen zu zerschlagen, als die zweite hinzustürzte, sie zu befreien, wobei ihr Feldt einen Finger zertrümmerte. Edmund trennte die Kombattanten. Natürlich konnten wir Feldt hierauf nicht mehr behalten. Er litt zu sehr an Begriffsverwirrung und hielt sich offenbar für einen englischen Soldaten und die Mädchen für Burenweiber. Mit viel Kosten und Weitläufigkeiten wurde er in seine Heimat zurückexpediert. Jetzt haben wir einen baumlangen früheren Gardedukorps, neben dem Edmund niedlich und zierlich aussieht. Er kommt von den Escandous, in deren Haus schon zwei europäische Dienstboten erschossen worden sind, und wo den Leuten nur der halbe Lohn gezahlt wird, um sie in der Gewalt zu haben. Es muß eine rechte Radaubande sein, und das ist das Beste, was das Land produziert.

Am Gründonnerstag fuhren wir in die Stadt zum Jahrmarkt auf dem Zoccalo. In kleinen Buden wurden Spielsachen, Korbflechtereien und reizende Pötte verkauft. Aber am meisten Anklang fanden die Puppen mit Hörnern, die Judas darstellten. Zu vielen Hunderten werden sie feilgeboten. Nachher verbrennt man sie öffentlich in den Straßen oder hängt sie auf an Stricken, die an den Straßenecken gezogen werden. Manche sind mit Konfekt oder kleinen Münzen gefüllt, das Volk zertrümmert sie und der Inhalt geht als Regen nieder... Wir wanderten nach der Dominikanerkirche, durch den an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Teil der Stadt und blickten in alte Höfe, in denen es nachts sicher noch von Inquisitoren und ihren Opfern spuken muß. Zur Zeit der mexikanischen Befreiung, als 40 Kirchen in der Stadt zerstört wurden, war die Wut gegen die Dominikaner besonders groß.

Der Gottesdienst war recht kurios. Die drei Priester kamen in köstlichen weißgoldenen Gewändern herein mit spitzenbesetzten Kapuzen, die sie später abnahmen. Der eine sah wie ein ins Indianische übertragener Buddha aus, so hébété und tierisch abgestumpft, daß wirklich viel guter Wille zum Glauben gehört, daß solch ein Wesen ein geheiligtes Gefäß ist, welches andern ihre Sünden vergeben kann. Die Oasen der Erholung bildete die süß einschmeichelnde Walzermusik. Dann hielt ein Dominikanermönch eine Predigt. Vom malerischen Standpunkt war es ein decided success. Ein pittoreskes interessantes Bösewichtsgesicht über dem grüngrauen geschnitzten Altar, der mit rotem Samt bekleidete Pfeiler als Hintergrund. In der Menge der knienden Andächtigen hauptsächlich Frauen mit den düster wirkenden schwarzen Shawls, aber dicht neben einem riesigen goldenen Kandelaber ein kniender Bettler, weißbärtig, mit rotem zerlöcherten Poncho. Ein ungesuchter Kontrast von kirchlichem Reichtum und menschlichem Elend.

5. April. Heute erhielt ich einen Brief von Halle, daß mein Aufsatz über »Kim« in der Aprilnummer der »Preußischen Jahrbücher« erscheinen werde. Er schreibt, er habe den Artikel Hans Delbrück gezeigt, dem er so gefallen habe, daß er ihn noch in die Aprilnummer genommen hat. Die »Preußischen Jahrbücher« habe ich immer in Karlsruhe in Papas Schreibzimmer liegen sehen. Sie imponierten mir, hatten so etwas Hochrespektables, Langweiliges an sich. Nun ist etwas von mir darin abgedruckt, wie alles Geschriebene ein Stückchen Leben, denn jedenfalls ich schreibe doch nur Erlebtes. – –

15. April. Übermorgen wollen wir um Urlaub telegraphieren. Wenn aber während unsres Urlaubs nichts für uns frei wird, stehen wir vor der großen Frage, was dann? Hierher zurück ist ein zu entsetzlicher Gedanke. All die Unsicherheit und Bedenken von neuem. Seit dem Tage, da die Versetzungsnachricht in Peking eintraf, ist es nie wieder hell um uns geworden. Aber alles sollte doch gesegnet sein, wenn es sich nur einmal aussprechen läßt, so wie man es selbst fühlt! Den eignen Schmerz in die Hände nehmen und kneten und formen und so gestalten, daß er wert gewesen wäre, erlebt worden zu sein. Ja, wer das könnte! Das ist eigentlich der Unterschied zwischem dem großen Schmerz einer tragischen Ges-talt und dem Atomleiden der menschlich Kleinen. Man hat ja auch den Gedanken, vielleicht hat doch möglicherweise alles Erlittene einen Zweck – aber ich fürchte, man gehört eben doch zu den Atomen, die eine Art Mörtel bilden, und nicht zu den Quadersteinen.

18. April. Ich war die letzten Tage etwas krank an Fieber und Kopfschmerzen, habe aber trotzdem viel gelesen in Schopenhauers Leben und Gesprächen von Griesebach. Einer seiner Lieblingsaussprüche soll das Gratiansche Wort gewesen sein: »In den Umgangsformen das Familiäre vermeiden.« Das ist etwas, das einem die innere Stimme auch immer sagt, und hält man sich je nicht daran, so regrettiert man es nachträglich. Diplomaten, die viel in Ländern, wie das hiesige, zu leben haben, müssen notwendigerweise sehr zu dieser Lebensweisheit kommen, nur ja immer sich die Leute fernhalten, denn je mehr man von diesen Mischlingen sieht, desto weniger möchte man mit ihnen zu tun haben. Die einzigen Dinge, die ihnen imponieren, sind Geld und Gewalt.

19. Apri1. Gestern nachmittag wieder ein ziemlich starkes Erdbeben; es dauerte 1 1/2 Minuten, für ein Erdbeben scheint das eine Ewigkeit. Ich saß am Schreibtisch und adressierte gerade einen Brief. Plötzlich war mir, als versänke der Brief, und ich schien ihm zu folgen, und dann ging es in entgegengesetzter Bewegung nach rückwärts. Ich zwang mich, die Adresse fertig zu schreiben, dann ging ich hinunter, die Hängelampen im Korridor schwankten auf und ab, und als wir in den Garten kamen, schwankten die Bäume hin und her. Heute hat Edmund Urlaub telegraphisch erbeten. Wenn doch etwas Gutes daraus würde.

23. April. Telegramm von Lichnowsky: »Reichskanzler ist nicht abgeneigt, Sie später für einen europäischen Posten vorzuschlagen, kann aber natürlich nicht bindende Versprechen geben.« Das war eine Sehr unerwartete Antwort auf das Urlaubsgesuch. Wenn wir nur etwas sicherer wären, mit was für Leuten wir es zu tun haben, so wüßten wir, ob auf dies Telegramm viel zu bauen ist. In China hat man uns mit Urlaub so perfide behandelt, daß man natürlich voller Mißtrauen ist. Andrerseits brauchten sie ja aber gar nichts von einem europäischen Posten zu sagen, wenn sie nicht wollten. Ist das Telegramm wahr gemeint, so ist es natürlich angenehmer, hier etwas Sicheres abzuwarten, als jetzt auf Urlaub zu gehen mit dem Damoklesschwert der Rückkehr über dem Haupte. Am ärgsten ist es für die Kinder, die sich schon so auf unser Kommen gefreut haben. Nach diesem Telegramm ist es natürlich nur möglich, auf Urlaub zu verzichten, denn, wie es auch gemeint ist, wir sind in diesem Fall der irdene Topf. Die Möglichkeit abzugehen, bleibt ja immer nochl Nachdem wir das Telegramm abgesandt hatten, daß wir also vorläufig verzichteten, fühlten wir uns doch sehr herunter. Ich rettete mich in Oldenbergs »Buddha«, und meine Schreiberei hält mich etwas über Wasser.

30. April. Nachmittags nach Mexiko und abends ab auf dem Zentral, um uns einen Monat lang am Chapalasee zu erholen.

1. Mai. Mit ziemlicher Verspätung in Atequisa angekommen, wo eine Diligence stand, wie ich mir bisher eingebildet hatte, daß sie nur in der Phantasie erlebnisdurstiger Globetrotter existierte. Ein klapperiger roter Holzkasten, inwendig in zwei Abteilungen geteilt, darüber beim Kutscher ein paar Sitze unter einer großen Leinwandkapuze, das Ganze mit sieben Maultieren bespannt, und wo etwas am Geschirr fehlt, mit ein paar Lederriemen oder Stricken zusammengebunden, und nun à la grâce de Dieu! Zwei Stunden dauerte die Fahrt, zuerst kahle Bergrücken hinan, dann wieder hinab, nach dem See, den man in der flimmernden Hitze unten liegen sehen konnte. Alles sonnenverbrannt, nirgends ein grüner Punkt, alles verdorrtes Gestrüpp. Der Weg mit großen Löchern, hohen Steinblöcken, ausgefahrenen Rinnen und Versenkungen, die in der Regenzeit unpassierbare Sümpfe werden. Häufig verläßt der Kutscher den Weg überhaupt ganz und gar und sucht sich irgendwo daneben ein bequemeres Durchkommen, und in diesen endlosen Landschaften mit den immer gleichen kahlen Bergrücken ist alles so eintönig, daß man sich schließlich sagt, es ist ja ganz einerlei.wo man hinfährt, ob rechts oder links! Das einzige, was nicht monoton wirkt, sind die Stöße und Püffe, die der Wagen den Insassen versetzt, und die stets neue Spannung, ob man wohl durch die nächste besonders halsbrecherische Partie kommen wird, ohne Räder, Maultiere oder vielleicht auch das Leben zu verlieren. Sobald man in Mexiko die Bahn mit den Pullman cars verläßt, befindet man sich in Mexiko »as it is«, d. h. ein unendlich leeres, armes, völlig wildes Land. Man begreift auch rasch, warum die Finanzen des Landes in so brillantem Zustand sind, da ja rein gar nichts für die Wege oder Schulden ausgegeben wird. An sich ist die Schuldensumme auch nicht groß, da eben die andern Länder trop avisés waren, um diesem viel zu leihen. Nach zwei Stunden, die wir gezwungenermaßen damit zubrachten, über die mangelhaften Zustände Mexikos nachzudenken, fuhren wir über entsetzliches Pflaster in das Städtchen Chapala ein! Vor dem Hotel stand das ganze Kurpublikum, da die Ankünfte der Wagen hier die eine große Zerstreuung bilden. Mexikanische Hotels haben die Eigentümlichkeit, Reisenden klarzumachen, mit wie wenig man eigentlich auskommen kann; die Zimmer enthalten ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl, damit basta – gerade ungefähr das, um das man bei uns nicht gepfändet werden darf. Dies Hotel aber war noch entsetzlicher, als alles bisher Erlebte. Edmund setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um andres Logis zu finden, aber da nichts zu mieten war, nahm uns die sehr liebenswürdige Familie Eisenmann in ihrem wunderschönen Hause auf. Er ist Berliner, sie aus Kalifornien, durch Minengeschäfte sehr reich. Er kennt das Land seit 25 Jahren, und sein Resümee war, »daß die mexikanischen Frauen eigentlich alle gut, sanft und selbstlos seien, daß es aber schwer fallen würde, einen anständigen Mann zu finden«.

5. Mai. Die mexikanischen Vermögen stammen zum großen Teil aus den nach der Einziehung der Kirchengüter erworbenen Besitzungen. Damals denunzierte man diese Güter bei der Regierung, und der Denunziant hatte dann das Recht, das betreffende Gut für eine Spottsumme zu kaufen, wobei er einen bestimmten Teil der Kaufsumme in den wertlosen mexikanischen Staatsbonds bezahlen durfte. Zu diesem glänzenden Geschäft fanden sich nicht so viel Liebhaber, wie man glauben sollte, denn manche hatten Angst vor Höllenstrafen, andre dachten, daß diese Herrschaft der Leyes de reforma doch nur von sehr kurzer Dauer sein könne. Einer, der den richtigen Riecher hatte, war der alte Limantour, der wegen Seeräuberei in der Bretagne zu den traveaux forces verurteilt worden und dann nach Mexiko entkommen war. Beinahe aber hätte dieser alte Seeräuber auch die Yankees reingelegt. Er fabrizierte ein Dokument, welches aussagte, daß ihm zur Zeit, da Oberkalifornien noch mexikanisch war, der größte Teil des Terrains gehört habe, auf dem das heutige San Franzisko steht. Die nötigen Siegel und Stempel hatte er sich bei hiesigen Regierungsleuten erkauft. In San Franzisko hatte er so glänzenden Erfolg, daß die Stadt bereit war, ihm eine Abschlagssumme von 4 Millionen Dollar Gold zu zahlen, als ein schlauer Advokat darauf verfiel, das Papier des Besitztitels zu untersuchen, und es sich herausstellte, daß es zirka 50 Jahre jünger war, als das Datum des vermeintlichen Bodenerwerbs. Der alte Limantour entkam mit Müh' und Not nach Mexiko. Ein andrer Vermögensursprung ist der Schmuggel. Die Familien Escandou und Barron sollen viel so erworben haben. Sie bestellten mehrere Schiffe mit Waren aus Europa, und wenn die dann mit Waren vor irgendeinem Hafen Mexikos lagen, brach dort regelmäßig eine Revolution aus, Räuber erschienen und schleppten die sämtlichen Beamten für einige Zeit ins Gefängnis. Währenddem wurden die Waren zollfrei gelandet, rasch ecouliert, und die Schiffe segelten ab. Damit war dann die Revolution vorüber. Die Escandous und Barrons hatten einen speziellen Räuberhäuptling, mit dem sie sich immer für solche Streiche einigten. Aber es gibt auch heutigentags kleine Bereicherungsmittel, die ganz pikant sind. Als der General Pedro Rincon Gallardo, der seinerzeit das Geld dazu gab, um Lopez zum Verrat Maximilians zu bestechen, vor einigen Jahren zum Gesandten nach Petersburg ernannt wurde, erklärte er Diaz, er brauchte dazu bedeutende Mittel, die er nicht besäße. Die beiden Wackeren sollen viel beraten haben, und schließlich fiel ihnen die Spielhäuserlizenz in Mexiko ein, die gerade ablief. Der bisherige Pächter bot 200 000 Dollar für eine Verlängerung an, aber Porfirio hatte sich zu sehr verpflichtet, sie aufzuheben. So ernannte er denn Pedro Rincon zum Gouverneur Mexikos. Dieser erteilte sofort die Konzessionund sackte die 200 000 Dollars ein. Scheinbare Wut Porfirios, Abberufung Rincons vom Gouverneurposten, gleich darauf seine Ernennung nach Petersburg und vergnügte Abreise mit den illgotten gains im Reisesack. Von Porfirios Anfängen hört man auch Sonderbares. Sein Vater war auf einer Hacienda im Staate Oaxaca Zureiter der eingefangenen broncos, seine Mutter eine völlige Indianerin, er selbst bis zu seinem 17. Jahr Pferdeknecht. Nachher ging er unter die Soldaten und arbeitete sich in der Gunst von Juarez hinan, nachdem er ein Jahr in einer Schule gewesen, um ein bissei Lesen und Schreiben zu lernen, und von dort den Titel eines Licenciados mitgebracht hatte. Auf einem seiner unglücklich abgelaufenen Feldzüge im Norden mußte Porfirio über die Grenze der Vereinigten Staaten fliehen. Von einem dortigen kleinen Hafen suchte er dann auf einem amerikanischen Schiff nach Veracruz zurückzukehren. Er erfuhr aber, daß man dort auf ihn fahndete. Der Purser des Schiffes, ein Schotte, den er später als Dank zum mexikanischen Konsul in San Franzisko ernannte»schwärzte ihm das Gesicht, gab ihm Heizerkleidung, und als Heizer figurierte er, als das Schiff in Veracruz anlief und untersucht wurde. Er schwamm dann unbemerkt ans Land. Damals sollte er erschossen werden. Als Porfirio dann später einzog, nachdem er Lerda gestürzt hatte, soll er wie ein struppiger Bandit ausgesehen haben, so daß vor ihm und seinen Scharen alle Türen und Fenster geschlossen wurden. Er soll aber leidlich Ordnung gehalten haben, während Lerda, der mit Enthusiasmus aufgenommen worden war, alle seine Freunde verlor, weil er die Leyes de reforma besonders gegen die Nonnenklöster in Anwendung brachte, und die Nonnen binnen wenigen Tagen auseinander mußten.

Am 14. Mai kamen wir wieder in Mexiko an, von da aber noch nach Jalapa gereist. Die Nacht im Pullman mit einer mexikanischen Familie. Mexikanische Damen sind so unselbständig, daß sie auf Reisen nie allein ins Kabinettchen gehen. Der Mann muß mit und draußen warten. Im Hotel in Orizaba war eine Frau, die offenbar an Dysenterie litt, und ihr Mann verbrachte seine Tage vor dem Kabinettchen, auf sie wartend. Schließlich hatte er sich einen Stuhl hinstellen lassen.

16. Mai. Die Spezialität Mexikos ist, daß man herunterfahren muß, um ins Gebirge zu kommen. Oben auf dem Hochplateau, auf dem die Hauptstadt steht, hat man nie die Empfindung, auf den Bergen zu sein, denn alles ist eine einzige trostlose Ebene, und nur an den Atembeschwerden merkt man die Höhenluft. Ist man erst einmal tausend Meter heruntergefahren und aus dem Bereich des Staubes und Pulques heraus, so wird es hübscher und hübscher. Nach dem Nadelwald fuhren wir durch Laubwald voll der schönsten Farren, dazwischen kleine Gehöfte und malerische Trümmer kleiner Kirchen und Klöster. Überall herrliche Vegetation, tief blau violette Winden, die an den Bäumen emporranken, türkisfarbene Hortensien und Yuccas, die in weißgrünlichen Pyramiden blühen. Jalapa macht zuerst den Eindruck eines Dörfchens. Seine Straßen gehn bergauf, bergab. In einer von sechs Maultieren gezogenen Tram fährt man von der Station in das Hotel. Es gibt noch alte Häuser mit weitvorspringenden Dächern, die in den Zimmern und auf den Straßen Schatten spenden, aber leider wird auch hier viel häßliches Neues gebaut. In der Mitte des Hauptplatzes steht eine krüppelige Statue von Lerda, denn in Mexiko werden den Leuten Standbilder errichtet, die in andern Ländern polizeilich bestraft worden wären. Die hiesigen Heroen sind Kirchenräuber, Kaisermörder und Landesverräter. Alle Sonntage ist Markt in einem alten Hallengebäude. In den weiß getünchten Gängen, aber auch draußen auf dem Platze, hocken Hunderte von Verkäufern und Verkäuferinnen. Spitzen aus Toluca, Sarapes, Revozos, Strohhüte, irdene Schüsseln, Töpfe, Gemüse, Obst, Hühner, Fische werden feilgeboten. An einer Ecke steht ein Mann mit einem Phonographen, dicht umdrängt von Scharen von Indianern und Indianerinnen, die begierig darauf warten, daß die Reihe an sie kommt, sich die Schläuche an die Ohren zu halten. Wenn sie dann die Töne vernehmen, machen sie die komischsten bestürzten Gesichter, als ob sie sich in Gegenwart unheimlicher Geister befänden. Wir sahen einige Indianerinnen, die die Schönheit wirklich reiner Rasse hatten. Sie sehen hier reinlich aus und haben etwas Freundlich-Schüchternes an sich.

Jetzt im Marienmonat ist alle Abend Gottes- oder vielmehr Mariendienst in der Kathedrale. Es ist eine einfache feierliche Kirche mit gotischen Bögen und frei von all den scheußlichen Bildern, Figuren und entsetzlichen Flittertand, mit dem sie hier gewöhnlich ihre Kirchen verunzieren. Die Kirche ist den Berg hinauf gebaut und der Fliesenfußboden steigt ordentlich an, dadurch hat man beim Eintreten den Eindruck von etwas feierlich sich Erhebendem, und die Kuppel erscheint viel höher, als sie ist. Am Anfang des Gottesdienstes fällt noch etwas Licht von außen durch die bunten gemalten Fenster. Allmählich wird es ganz dunkel, nur die Kerzen auf dem Hauptaltar, über dem die heilige Jungfrau steht, strahlen Licht aus. Die Orgel wiederholt immer wieder dieselbe Melodie, und ein unsichtbarer Chor immer dieselben Worte, bald laut anschwellend, bald leise verklingend: »Ave Maria, ora pro nobis«, und man wünscht sich so, daß die beiden, die dazu nötig wären, sich finden möchten, jemand, der für uns betet, und jemand, zu dem sich beten ließe. Die Bänke der Kirche sind mit schwarzen Knieenden angefüllt, und eine Schar kleiner Mädchen, alle weiß gekleidet, mit weißem Tüllschleier über dem offenen Haar, tragen Blumen von einem Tisch am Eingang der Kirche bis zu den Altarstufen, wo sie sie knieend dem Priester übergeben, der sie vor der Jungfrau aufbaut. Sie kommen immer wieder zurückgelaufen zu dem Tisch, bis er ganz leer ist, und im zunehmenden Dunkel der Kirche könnte man all die kleinen weißen Gestalten für geschäftige Engelchen halten, die den Himmel für ein besonderes Fest ausputzen. Ist dann der Gottesdienst vorüber, so ziehen die weißen Figürchen mit ihren schwarzverschleierten Müttern hinaus auf den Platz, wo in offnen Buden kalte Getränke und Süßigkeiten verkauft werden. Die Schleier werden ihnen abgenommen, und sie sehen nun wie kleine Ballettratten aus, die es sich nach getaner Arbeit Wohlsein lassen, und in den preziösen kleinen Wesen sieht man schon die erwachsenen Dämchen mit kleinen niedlichen Affektiertheiten und angeborener koketter Grazie, die sich noch ganz ohne besonderes Objekt verausgabt. Feine spanische Gesichtchen sind darunter, auch goldbronzene Indianerinnen und dazwischen ein paar blauäugige Kinder aus irgendeinem fernen nordischen Land.

Juni 1902. Wir machten einen Ausflug nach Cholula, und von da querfeldein nach einem Indianerdorf, von einem Antiquar und»rurales begleitet: ersterer, um uns beim Kauf einer geschnitzten vergoldeten Altarbekleidung zu helfen, letztere, um uns vor etwaigen Überfällen zu schützen, da sich viel Räuber in dieser Gegend gezeigt haben. Die Kirche war bezaubernd, aber man schämte sich, wie der Antiquar die Indianer bearbeitete, solch altes Zeug sei doch für den lieben Gott nicht gut genug, dem müsse man das Neuste, Beste geben. Der Dorfschulze, der ein echter Indianer war, wird Presidente genannt, aber alle Leute im Dorf sprechen untereinander ihre indianische Sprache. Sie sehen sehr mißtrauisch aus und haben auch alles Recht dazu, wenn man so sieht, wie sie um ihre schönen Dinge gebracht werden.

Im Juni nach Mexiko zurück, und da hatte ich die riesige Freude, einen Brief von Halle vorzufinden. Ihm sowohl wie einem Mr. Ashley hat mein Manuskript der »Briefe die ihn nicht erreichten«, sehr gefallen. Er lobt es sehr und will sich nach deutschen und englischen Verlegern umsehen. Ich war unendlich glücklich über diese Nachricht und hatte so etwa das Gefühl wie in Buckow, als ich zusah, wie Stephanie und Teddy sich freischwammen.

20. Juli. Hätte ich nicht früher mein Tagebuch angefangen, so würde ich hier in Mexiko sicherlich nicht darauf verfallen sein. Es passiert nur, was innerlich in einem selbst vorgeht, und das ist selten derart, daß man es nicht gern vergäße, sobald es überwunden ist. Ich habe ein paar Tage bei Mrs. Mason zugebracht, eine wirklich interessante liebe Frau. Es ist eine Freude, mal so einen Menschen zu treffen, wenn man durch die Menschheit eigentlich beständig verletzt wird in allem, was man als das Höhere erkannt hat. Dort traf ich Mr. Brown Potter, den ich vor 16 Jahren in New York zuletzt gesehen. Wir sprachen von den Trusts und Arbeiterassoziationen, und auch er meinte, daß die Gefahr der Sozialdemokratie in Amerika so viel geringer sei, weil die Arbeiter so viel mehr Zukunft vor sich sähen. Dann kam er auf unsern Kaiser zu sprechen. Er bewundert ihn, meinte aber, wir müßten doch ganz anders konstruiert sein wie Amerikaner, denn ihn z. B. würde es schrecklich beleidigen, wenn ihn jemand als »my subject« bezeichnen wollte. Er sagte »well those expressions come quite naturally to those people for they're in the ruling business since so many generations«. Er erzählte mir auch, daß einer seiner amerikanischen Freunde sehr nervös und ängstlich gewesen sei, als er den jetzigen König von England mal zu einer Segelpartie auf seiner Yacht gehabt habe. Potter sagte: »Don't bother, for if he should by any chance get drowned, it would'nt matter a straw. England would manage to pull along.« Bei Amerikanern hat man immer so sehr das Gefühl, mit wirklichen Menschen zu tun zu haben; mit Leuten, die viel zuviel Selbstgefühl besitzen, um sich nicht ungeniert zu erlauben, ihre eignen Ansichten über Dinge zu haben. Bei uns, und besonders unter Diplomaten, hat man immer die Empfindung, daß das Rückgrat fehlt, daß jeder über die meisten Dinge nur gewisse konventionelle Ansichten hat, wie sie sich für seinen Stand schicken.

30. Juli. Miguel Yturbe war bei uns und erzählte, daß ihm ein Herr einen insolenten Brief geschrieben habe, und er ihm dafür ein paar Ohrfeigen gegeben. Darauf hat der Herr erreicht, daß Miguel arretiert und in das Belem-Gefängnis gebracht wurde. Dort sperrte man ihn in ein großes Zimmer ein mit den hervorragendsten Verbrechern, die gerade dort waren, Mördern und Wechselfälschern. Sie waren alle sehr liebenswürdig gegen ihn und luden ihn ein, an dem Diner teilzunehmen, das sie sich täglich durch ihre Freunde beschaffen lassen. Später wollte dann Miguel die Gelegenheit benutzen und sich das ganze Gefängnis besehen, auch die Säle, wo die Trunkenbolde, die man in den Straßen nachts aufliest, eingesperrt werden. Da remonstrierten aber die Mörder und sonstigen »distinguierten Verbrecher«: »A señor Yturbe, Vd. no puede ir allà, no son gente decente.« Mittlerweile hatten Miguels Freunde erreicht, daß er gegen Kaution entlassen werden konnte. Einige Tage darauf brachte er Moncheur hin, das Gefängnis zu besehen, und stellte ihm vor: »Le Baron Moncheur, ministre de Belgique, Juan Garcia, assassin, Paolo Perez, faussaire.«

30. August. Eine Mexikanerin, Gräfin Polignac, die die 20 Jahre, die sie verheiratet ist, in Paris zugebracht hat, ist zum erstenmal wieder hier, und es ist amüsant zu beobachten, wie anders sie ihre frühere Heimat in der Wirklichkeit findet, als sie sie in der Erinnerung trug, und wie ungeniert sie über alles hier urteilt. Am meisten scheint sie zu frappieren, eine wie mißachtete Stellung die Frauen hier haben und wie bodenlos unmanierlich und rücksichtslos die Männer mit ihnen umgehen. Mich dauern sie auch immer, aber bis zu einem gewissen Grade sind sie, wie alle Leute, die schlecht behandelt werden, selber daran schuld. Sie sind gänzlich ungebildet und müssen sich alles gefallen lassen, weil sie völlig abhängig sind. Keine von ihnen würde zu arbeiten verstehen, oder besäße auch nur ein Interesse, durch dessen Kultivierung sie sich ein eignes Leben schaffen könnte. Sie ertragen alles, kennen den Begriff der Revolte gar nicht, son muy sufridas, das ist das höchste Lob. Ein trauriges Resultat des praktisch angewandten Rezepts von der Liebe, die alles duldet. Für die Männer schließlich ebenso traurig wie für die Frauen, denn ihnen täte es not, statt Märtyrerinnen Kameradinnen zur Seite zu haben, die ihnen manchmal gründlich die Wahrheit sagten.

8. September. Besondere Melancholie ist bei mir immer die Schriftstellerei einleitende Stimmung. Gestern einen ganz stillen Sonntag benutzt um »Gewesen« zu schreiben, während Edmund allerhand Berichte fabrizierte. Nachher lasen wir uns gegenseitig unsre Werke vor und waren sehr zufrieden über unsern so schönen, ruhigen Tag. Ich fürchte, daß der Verleger mein Buch so schlecht findet, daß Halle mir das nicht schreiben will. Seit ich es Mitte Juni an ihn sandte, habe ich kein Wort mehr gehört. In meinem Leben reiht sich wirklich Enttäuschung an Enttäuschung. Anderthalb Jahre habe ich an dem Buch gearbeitet und das Beste von mir selbst hineingelegt. Und nun ist es wertlos! Eine Illusion hat mich über die vielen Tage hinweggetäuscht und mir den Wahn gegeben, daß sie einen Zweck hätten. Aber alles ist zwecklos. Das Schicksal kommt, man kann es nicht ändern, nicht aufhalten und nicht beschleunigen. Wir glauben einzugreifen und frei handeln zu können und erfüllen doch nur das Verhängnis!

November 1902. In dieser Zeit von Prinz und Prinzeß Heinrich Briefe erhalten. Er hat mal wieder für uns bei Bülow angetippt und die Antwort erhalten: »Für solche Posten sei es schwer Ersatz zu finden; keiner ginge freiwillig, besonders keiner mit Kindern!« Aber wir können es ertragen! Das Interessanteste in dieser Zeit war ein Brief von Halle über die stetig sich verschlimmernden Beziehungen zu England, wo eine Kriegspartei auf den Konflikt bewußt hinarbeitet. In den Zeitungen ist eigentlich täglich irgendeine englische Hetze gegen Deutschland zu lesen. Heute ist Güntherchens Geburtstag! Möchten doch die Kinder leichte, ruhige Leben haben. Wenn man von solchen Kriegsmöglichkeiten hört, fühlt man solch entsetzliche Angst um die Jungen. Und tausend arme Frauen denken sicher ganz genau so und bangen sich vor der Zukunft.Die Angst war nur zu berechtigt, beide Söhne fielen im Weltkrieg! Wann wird es endlich aufhören, daß die Vielen für die Wenigen zahlen müssen?!

24. November. In dieser Zeit hatten wir Besuch von Professor und Frau S., Leute, welche es sich zur Aufgabe gestellt haben, in Mexiko und Guatemala nach den häßlichen Antiquitäten zu buddeln, und darüber Bücher zu schreiben, die vermutlich niemand liest. Frau S. affichiert es, ganz Mann zu sein, macht wochenlange Reisen zu Pferde, bei denen sie auf dem Boden schläft und sich wahrscheinlich selten wäscht; sie ist ganz klein, dick und rundlich und trägt Reformkleidung, was, wie so manche Reform, keine sonderliche Verbesserung ist. Als ich sie zu einem Ausflug einlud, sagte sie: »Ich darf doch in einem schmutzigen Leinwandkittel kommen?« Warum nur gerade schmutzig? Vielleicht ist das conducive zu ungenierter Behaglichkeit – vielleicht liegt in Reinlichkeit immer ein gewisser Zwang. Frau S. ist aber gescheit und amüsant und spricht mit Vorliebe immer mit Männern, da sie Frauen der Mühe wohl nicht für wert hält. Out of sheer perverseness tat ich so, als interessiere mich nichts auf Erden wie »Kangju«, der eben auf der Viehausstellung von Portirio Diaz den ersten Preis erhalten hat. Frau S. sah von Zeit zu Zeit Edmund voller Teilnahme an, ein so fütiles Weib zu haben!

30. November. Wir waren vier Tage in Amacameca, einem reizenden alten Städtchen am Fuße der Schneeberge; darunter ein bewaldeter Berg, dem ersten, den ich seit 2 ½ Jahren gesehen. Ich malte allerhand Skizzen, und die Indianer waren wie immer sehr höflich dabei. Eine Schar indianischer Kinder schaute voll gespannten Interesses zu, besonders wenn es vom Bleistift zu den Farben überging. Sie wollten wissen, wo ich her sei, ob man nach Deutschland zu Wasser oder zu Lande reise, ob ich schon viele Schiffe habe untergehen sehen. Es schien ihnen als das Selbstverständlichste, daß Schiffe immer untergehen. Wir wohnten in einem kuriosen Hotelchen, das von einer andalusischen Witwe gehalten wird, die, um ihren Schmerz zu vergessen, Halsabschneiderrechnungen macht. Sehr charakteristisch war das Wohnzimmer mit einem Strandkorbstuhl zwischen roten Plüschmöbeln, einer Allee von Töpfen mit rot und weißen Papierblumen und einem ausgestopften Pelikan, dem eine bunte Krawatte um den Hals gebunden war. Ein Typ von Anacameca ist Don Antolin, Bruder von 57 Geschwistern. Sein Vater hatte drei Frauen außer den Nebenfrauen, er starb mit 75 Jahren, und seine jüngsten Kinder waren ein 8 Monate alter Knabe und ein 3 Monate altes Töchterchen. Die Mütter dieser beiden Kinder waren Schwestern, mit der einen war er verheiratet »y con la otra se juntò«. Unser Aufenthalt in Amacameca wäre reizend gewesen, aber dort fanden wir in den Zeitungen aus Deutschland die Nachrichten von dem für den Februar schon vorausbestimmten Revirement, und nichts ist für uns frei geworden! Trotz aller Versprechungen übergangen! Und die Urlaubsverweigerung nichts wie der Versuch, uns fernzuhalten, damit wir nichts für uns tun konnten! Nun sitzen wir wieder hier in Cojoacan mit der begründeten Aussicht, in 10 Jahren auch noch hier zu sitzen, wenn wir nicht vorher gestorben sind. Ganz wie im Märchen. Die Trostlosigkeit dieses stereotypen Märchenschlusses ist mir erst mit dem Alter klar geworden.

9. Dezember. Edmund brachte ein Telegramm aus Mexiko mit: »Aussichten auf Versetzung z. Z. nicht vorhanden, dagegen keine Bedenken, daß Euer Hochwohlgeboren Urlaub beantragen, wenn erwünscht.« Wir waren sehr perplex, und ich sagte: »Dann gehen wir eben Ostern auf Urlaub«, aber Edmund meinte: »Nein, gleich sofort!«

11. Dezember. Wir sind schon mitten im Packen, und all die wehmütigen Empfindungen all des zwecklosen Hin und Her, des Zelteaufschlagens und -wiederabbrechens zittern wieder durchs Herz. Nicht, daß ich Mexiko regrettiere, aber es sind wieder Jahre dahin, in denen man so viel von sich begraben hat. Arme, arme vergeudete Menschen sind wir, die so viel Gutes und Großes wollten.

27. Dezember. Ein großer Tag für mich, die ich suche, mühsam aus den Trümmern des früher Begrabenen, Gewollten und nicht Erreichten ein neues Ziel für das Leben zu finden. Ein Brief von Rodenberg, der »Gewesen« weit über meine Erwartungen lobt, und es für die Rundschau annimmt. Dann ein zweiter Brief Halles, enthaltend: »Die drei ersten Briefe, die ihn nicht erreichten', in der Täglichen Rundschau abgedruckt.« Nun ist es endlich, endlich wahr geworden! Ich dachte oftmals, daß ich es nie erleben würde! – – –

1. Februar 1903 reisten wir abends von Mexiko ab, le tout Mexiko war auf der Bahn, und mit Musik und Blumen. Wir waren ganz verwundert. So war der letzte Eindruck doch noch ein guter.

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