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Tagebücher 1910?1923

Franz Kafka: Tagebücher 1910?1923 - Kapitel 6
Quellenangabe
typediary
authorFranz Kafka
titleTagebücher 1910?1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorMax Brod
year1976
isbn3436023515
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
created20090610
projectid940997c8
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1914

 

2. Januar. Mit Dr. Weiß viel Zeit gut verbracht.

 

4. Januar. Wir hatten eine Mulde im Sand ausgegraben, in der wir uns ganz wohl befanden. In der Nacht rollten wir uns im Innern der Mulde zusammen, der Vater deckte sie mit Baumstämmen und darüber geworfenem Strauchwerk zu, und wir waren vor Stürmen und Tieren möglichst gesichert. »Vater«, riefen wir oft ängstlich, wenn es unter den Hölzern schon ganz dunkel war und der Vater noch immer nicht erschien. Aber dann sahen wir schon durch eine Spalte seine Füße, er glitt zu uns herein, beklopfte jeden ein wenig, denn es beruhigte uns, wenn wir seine Hand fühlten, und dann schliefen wir alle förmlich gemeinsam ein. Wir waren außer den Eltern fünf Jungen und drei Mädchen, es war zu eng für uns in der Mulde, aber wir hätten Angst gehabt, wenn wir in der Nacht nicht so nahe an- und aufeinander gewesen wären.

 

5. Januar. Nachmittag. Goethes Vater ist in Verblödung gestorben. Zur Zeit seiner letzten Krankheit arbeitete Goethe an der ›Iphigenie‹.

»Schaff das Mensch nach Hause, es ist besoffen«, sagt irgendein Hofbeamter zu Goethe über Christiane.

Der wie seine Mutter saufende August, der sich mit Frauenzimmern in gemeiner Weise herumtreibt.

Die ungeliebte Ottilie, die ihm aus gesellschaftlichen Rücksichten vom Vater als Frau diktiert wird.

Wolf, der Diplomat und Schriftsteller.

Walter, der Musiker, kann nicht die Prüfungen machen. Zieht sich für Monate ins Gartenhaus zurück; als die Zarin ihn sehen will:

»Sagen Sie der Zarin, daß ich kein wildes Tier bin.«

»Meine Gesundheit ist mehr von Blei als von Eisen.«

Kleinliche ergebnislose schriftstellerische Arbeit des Wolf.

Greisenhafte Gesellschaft in den Mansardenzimmern. Die achtzigjährige Ottilie, der fünfzigjährige Wolf und die alten Bekannten.

Erst an solchen Extremen merkt man, wie jeder Mensch unrettbar an sich selbst verloren ist, und nur die Betrachtung der andern und des in ihnen und überall herrschenden Gesetzes kann trösten. Wie ist Wolf von außen aus lenkbar oder dorthin zu versetzen, zu erheitern, zu ermutigen, zu systematischer Arbeit zu bringen – und wie ist er innerlich gehalten und unbeweglich.

Warum wandern die Tschuktschen aus ihrem schrecklichen Lande nicht aus, überall würden sie besser leben, im Vergleich zu ihrem gegenwärtigen Leben und zu ihren gegenwärtigen Wünschen. Aber sie können nicht; alles, was möglich ist, geschieht ja; möglich ist nur das, was geschieht.

In dem kleinen Städtchen F. hatte ein Weinhändler aus der größern Nachbarstadt eine Weinstube einrichten lassen. Er hatte ein kleines Gewölbe in einem Haus auf dem Ringplatz gemietet, die Wände mit orientalischen Ornamenten bemalen und alte, fast schon unbrauchbare Plüschmöbel aufstellen lassen.

 

6. Januar. Dilthey: ›Das Erlebnis und die Dichtung‹. Liebe zur Menschheit, höchste Achtung vor allen von ihr ausgebildeten Formen, ein ruhiges Zurückstehn auf dem geeignetsten Beobachtungsplatz. Luthers Jugendschriften, »die mächtigen Schatten, die aus einer unsichtbaren Welt, angezogen von Mord und Blut, in die sichtbare hineintreten«. – Pascal.

Brief für A.Die im Nachfolgenden erwähnte Liesl war die Braut von A. an die Schwiegermutter. L. hat den Lehrer geküßt.

 

8. Januar. Vorlesung Fantl. ›Goldhaupt‹.Drama von Paul Claudel. Auch Fantl gehörte zum Hellerauer Kreis wie Dalcroze, Paul Adler, Jakob Hegner u. a. »Er wirft den Feind wie eine Tonne.«

Unsicherheit, Trockenheit, Ruhe, darin wird alles vorübergehn.

Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden damit, daß ich atmen kann, in einen Winkel stellen.

Darstellung unerklärlicher Gefühle. A.: Seitdem das geschehen ist, tut mir der Anblick von Frauen weh, es ist aber nicht etwa geschlechtliche Aufregung, auch nicht reine Traurigkeit, es tut mir nur weh. So war es auch, ehe ich Liesls sicher war.

 

12. Januar. Gestern: die Liebschaften Ottiliens, die jungen Engländer. – Tolstois Verlobung, klarer Eindruck eines zarten, stürmischen, sich bezwingenden, ahnungsvollen, jungen Menschen. Schön gekleidet, dunkel und dunkelblau.

Das Mädchen im Kaffeehaus. Der schmale Rock, die weiße, lose, fellbesetzte Seidenbluse, der freie Hals, der knapp sitzende, graue Hut aus gleichem Stoff. Ihr volles, lachendes, ewig atmendes Gesicht, freundliche Augen, allerdings ein wenig geziert. Das Heißwerden meines Gesichtes in Gedanken an F.

Weg nach Hause, klare Nacht, deutliches Bewußtsein des bloß Dumpfen in mir, das so weit von großer, ohne Hindernisse ganz sich ausbreitender Klarheit ist.

Nicolai, Literaturbriefe.

Es gibt Möglichkeiten für mich, gewiß, aber unter welchem Stein liegen sie?

Vorwärtsgerissen, auf dem Pferd –

Sinnlosigkeit der Jugend. Furcht vor der Jugend, Furcht vor der Sinnlosigkeit, vor dem sinnlosen Heraufkommen des unmenschlichen Lebens.

Tellheim:Zitiert aus Dilthey ›Das Erlebnis und die Dichtung‹. »Er hat jene freie Beweglichkeit des Seelenlebens, welche unter den wechselnden Lebensumständen immer wieder durch ganz neue Seiten überrascht, wie sie nur die Schöpfungen echter Dichter besitzen.«

 

19. Januar. Angst im Bureau abwechselnd mit Selbstbewußtsein. Sonst zuversichtlicher. Großer Widerwillen vor ›Verwandlung‹. Unlesbares Ende. Unvollkommen fast bis in den Grund. Es wäre viel besser geworden, wenn ich damals nicht durch die Geschäftsreise gestört worden wäre.

 

23. Januar. Oberkontrollor B. erzählt von einem ihm befreundeten pensionierten Oberst, der bei ganz offenem Fenster schläft: »Während der Nacht ist es sehr angenehm, dagegen wird es unangenehm, wenn ich früh von der Ottomane, die beim Fenster steht, den Schnee wegschaufeln muß und dann anfange, mich zu rasieren.«

Memoiren der Gräfin Thürheim:

Die Mutter: »Ihrer sanften Art entsprach besonders Racine. Ich habe oft gehört, wie sie zu Gott betete, er möge ihm die ewige Ruhe verleihen.«

Sicher ist, daß er (Suwórow) bei den großen Diners, die ihm zu Ehren der russische Botschafter Graf Rasoumowsky in Wien gab, wie ein Vielfraß von den Speisen, die auf der Tafel standen, aß, ohne auf jemanden zu warten. War er satt, so erhob er sich und ließ die Gäste allein.

Nach einem Stich ein zarter, bestimmter, pedantischer alter Mann.

»Es war dir nicht bestimmt«; schlechter Trost der Mutter. Das Schlimmste ist, daß ich im Augenblick fast keinen bessern brauche. Darin bin ich wund und bleibe wund, aber sonst zieht mich das regelrechte, schwach abgewechselte, halb tätige Leben der letzten Tage (Arbeit über den »Betrieb« im Bureau, Sorgen A.s um seine Braut, Ottlas Zionismus, der Genuß der Mädchen bei dem Vortrag Salten-Schildkraut, Lesen der Memoiren Thürheim, Briefe an Weiß und Löwy, Korrektur der ›Verwandlung‹) förmlich zusammen und gibt mir etwas Festigkeit und Hoffnung.

 

24. Januar. Napoleonische Zeit: Wie sich die Feste drängten, alle hatten Eile, »die Freuden der kurzen Friedenszeiten auszukosten«. »Andererseits übten die Frauen auf sie ihren Einfluß wie im Fluge aus, sie hatten wirklich keine Zeit zu verlieren. Die Liebe von damals äußerte sich in erhöhter Begeisterung und größerer Hingebung.« – – – »Heutzutage hat eine schwache Stunde keine Entschuldigung mehr.«

Unfähig, ein paar Zeilen an Fräulein Bl. zu schreiben, zwei Briefe waren schon unbeantwortet, heute kam der dritte. Ich fasse nichts richtig und bin dabei ganz fest, aber hohl. Letzthin, als ich wieder einmal zu regelmäßiger Stunde aus dem Aufzug stieg, fiel mir ein, daß mein Leben mit seinen immer tiefer ins Detail sich uniformierenden Tagen den Strafarbeiten gleicht, bei denen der Schüler je nach seiner Schuld zehnmal, hundertmal oder noch öfter den gleichen, zumindest in der Wiederholung sinnlosen Satz aufzuschreiben hat, nur daß es sich aber bei mir um eine Strafe handelt, bei der es heißt: »so oft, als du es aushältst«.

A. kann sich nicht beruhigen. Trotz des Vertrauens, das er zu mir hat und trotzdem er Rat von mir will, erfahre ich die schlimmsten Einzelheiten immer nur beiläufig während des Gespräches, wobei ich immer das plötzliche Staunen möglichst unterdrücken muß, nicht ohne das Gefühl, daß er meine Gleichgültigkeit gegenüber der schrecklichen Mitteilung entweder als Kälte empfinden muß oder aber als große Beruhigung. So ist es auch gemeint. Die Kußgeschichte erfuhr ich in folgenden, zum Teil durch Wochen getrennte Etappen: Ein Lehrer hat sie geküßt – sie war in seinem Zimmer – er hat sie mehrmals geküßt – sie war regelmäßig in seinem Zimmer, weil sie eine Handarbeit für A.s Mutter machte und die Lampe des Lehrers gut war – sie hat sich willenlos küssen lassen – früher schon hat er ihr eine Liebeserklärung gemacht – sie geht trotz allem noch mit ihm spazieren – wollte ihm ein Weihnachtsgeschenk machen – einmal hat sie geschrieben, es ist mir etwas Unangenehmes passiert, aber nichts zurückgeblieben.

A. hat sie in folgender Weise ausgefragt: Wie war es? Ich will es ganz genau wissen. Hat er dich nur geküßt? Wie oft? Wohin? Ist er nicht auf dir gelegen? Hat er dich betastet? Wollte er deine Kleider ausziehn?

Antworten: Ich saß auf dem Kanapee mit der Handarbeit, er an der andern Seite des Tisches. Dann kam er herüber, setzte sich zu mir und küßte mich, ich rückte von ihm weg zum Kanapeepolster und wurde mit dem Kopf auf das Polster gedrückt. Außer dem Küssen geschah nichts.

Während des Fragens sagte sie einmal: »Was denkst du nur? Ich bin ein Mädchen.«

Jetzt fällt mir ein, daß mein Brief an Dr. Weiß so geschrieben war, daß er vollständig F. gezeigt werden konnte. Wie, wenn er es heute getan und deshalb seine Antwort verschoben hätte.

 

26. Januar. Kann nicht in der Thürheim lesen, die im übrigen mein Vergnügen der letzten Tage ausmacht. Brief an Fräulein Bl. jetzt auf der Bahn aufgegeben. Wie es mich hält und gegen die Stirn drückt. Kartenspielen der Eltern auf dem gleichen Tisch.

Die Eltern und ihre erwachsenen Kinder, ein Sohn und eine Tochter, saßen sonntags mittag bei Tisch. Die Mutter war gerade aufgestanden und tauchte den Schöpflöffel in den gebauchten Suppentopf, um die Suppe auszuteilen, da hob sich plötzlich der ganze Tisch, das Tischtuch wehte, die aufliegenden Hände glitten herab, die Suppe floß mit rollenden Speckknödeln dem Vater in den Schoß.

Wie ich jetzt die Mutter fast beschimpft habe, weil sie die ›Böse Unschuld‹ der ElliKafkas ältere Schwester. Das genannte Buch ist ein Roman von Oskar Baum. geborgt hat, der ich sie noch gestern selbst anbieten wollte. »Laß mir meine Bücher! Ich hab doch sonst nichts.« Solche Reden in wirklicher Wut.

Der Tod des Vaters der Thürheim: »Die bald darauf eintretenden Ärzte fanden den Puls sehr schwach und gaben dem Kranken nur mehr wenige Stunden zum Leben. Mein Gott, es war mein Vater, von dem sie redeten – nur ein paar Stunden Frist und dann tot.«

 

28. Januar. Vortrag über die Lourdes-Wunder. Freisinniger Arzt, energisch, starkes Gebiß, Zähnefletschen, große Freude am Rollen der Worte. »Es ist Zeit, daß deutsche Gründlichkeit und Ehrlichkeit Front macht gegen welschen Charlatanismus.« Zeitungsausrufer des ›Messager de Lourdes‹: »Superbe guérison de ce soir. Guérison affirmée!« – Diskussion: »Ich bin ein einfacher Postoffizial, sonst nichts.« – »Hôtel de l'univers.« – Unendliche Trauer beim Hinausgehn in Gedanken an F. Allmähliche Beruhigung durch Überlegungen.

Brief an Bl. und Weiß' ›Galeere‹ geschickt.

Der Schwester A.s wurde vor längerer Zeit von einer Kartenlegerin gesagt, daß ihr ältester Bruder verlobt sei und daß ihn seine Braut betrüge. Damals habe er wütend solche Erzählungen abgewehrt. Ich: »Warum nur damals? Es ist ja heute falsch, so wie damals. Sie hat dich doch nicht betrogen.« Er: »Nicht wahr, sie hat nicht?«

 

2. Februar. A. Dirnenhafter Brief der Freundin an die Braut. »Wenn wir alles so schwernehmen wollten, wie damals, als uns die Beichtpredigten unter ihrem Einfluß hielten.« »Warum hast du dich in Prag so zurückgehalten, besser sich im kleinen austoben als im großen.« Ich lege meiner Überzeugung gemäß den Brief zugunsten der Braut aus, mit guten Einfällen.

Gestern war A. in Schluckenau. Sitzt den ganzen Tag mit ihr im Zimmer und hört, das Paket mit sämtlichen Briefen (sein einziges Gepäck) in der Hand, nicht auf, sie auszufragen. Erfährt nichts Neues, eine Stunde vor der Abfahrt fragt er: »War während des Küssens ausgelöscht?« und erfährt die ihn trostlos machende Neuigkeit, daß W. während des (zweiten) Küssens ausgelöscht hat. W. zeichnete an der einen Seite des Tisches, L. saß an der andern Seite (in W.s Zimmer, um elf Uhr abends) und las ›Asmus Semper‹ vor. Da steht W. auf, geht zum Kasten, um etwas zu holen (L. glaubt einen Zirkel, A. glaubt ein Präservativ), löscht dann plötzlich aus, überfällt sie mit Küssen, sie sinkt gegen das Kanapee, er hält sie an den Armen, an den Schultern und sagt zwischendurch: »Küsse mich!«

L. bei einer andern Gelegenheit: »W. ist sehr unbeholfen.« Ein anderes Mal: »Ich küßte ihn nicht«, ein anderes Mal: »Ich glaubte in deinen Armen zu liegen.«

A.: »Ich muß doch Klarheit haben« (er denkt daran, sie vom Arzt untersuchen zu lassen), »wie, wenn ich dann in der Hochzeitsnacht erfahre, daß sie gelogen hat. Vielleicht ist sie nur deshalb so ruhig, weil er ein Präservativ benutzt hat.«

 

Lourdes: Angriff gegen den Wunderglauben, auch Angriff gegen die Kirche. Mit dem gleichen Recht könnte er gegen die Kirchen, die Prozessionen, die Beichten, die unhygienischen Vorgänge überall vorgehn, da es nicht nachzuweisen ist, ob Gebete helfen. Karlsbad ist ein größerer Schwindel als Lourdes, und Lourdes hat den Vorzug, daß man seines innersten Glaubens wegen hinfährt. Wie steht es mit den verbohrten Meinungen hinsichtlich der Operationen, der Serumheilungen, der Impfungen, der Medizinen?

Immerhin: Die Riesenspitäler für die wandernden Schwerkranken; die schmutzigen Piscinen; die brancards, die die Extrazüge erwarteten; die ärztliche Kommission; die großen Glühlampenkreuze auf den Bergen; der Papst bezieht drei Millionen jährlich. Der Priester mit der Monstranz geht vorüber, eine schreit von ihrer Bahre auf: »Ich bin gesund!« Hat weiterhin Knochentuberkulose ohne Veränderung.

Die Tür öffnete sich zu einem Spalt. Ein Revolver erschien und ein gestreckter Arm.

Thürheim II 35, 28, 37: Nichts Süßeres als die Liebe, nichts Amüsanteres als die Koketterie; 45, 48: Juden.

 

10. Februar. Elf Uhr nach einem Spaziergang. Frischer als sonst. Warum?

1. Max sagte, ich sei ruhig.

2. Felix wird heiraten (mit ihm böse gewesen).

3. Ich bleibe allein, falls mich nicht F. doch noch will.

4. Einladung von Frau X. und Überlegung, wie ich mich ihr vorstellen werde.

Zufälligerweise ging ich den entgegengesetzten Weg wie sonst, nämlich Kettensteg, Hradschin, Karlsbrücke. Sonst falle ich auf diesem Weg förmlich hin, heute habe ich mich, von der entgegengesetzten Seite kommend, ein wenig aufgehoben.

 

11. Februar. ›Goethe‹ Dilthey, flüchtig durchgelesen, wilder Eindruck, nimmt mit fort, warum könnte man sich nicht anzünden und im Feuer zugrunde gehn. Oder folgen, auch wenn man kein Gebot hört? In der Mitte seines leeren Zimmers auf einem Sessel sitzen und das Parkett ansehn. »Vorwärts« rufen in einem Hohlweg im Gebirge und aus allen Seitenwegen zwischen den Felsen einzelne Menschen rufen hören und hervorkommen sehn.

13. Februar. Gestern bei Frau X. Ruhig und energisch, eine fehlerlos sich durchsetzende, sich einbohrende, mit Blicken, Händen und Füßen sich einarbeitende Energie. Offenheit, offener Blick. Ich habe immer in Erinnerung ihre häßlichen ungeheuren feierlichen Renaissancestraußfederhüte aus früherer Zeit, sie ist mir, solange ich sie nicht persönlich kannte, widerlich gewesen. Wie der Muff, wenn sie zu einem Ziel der Erzählung eilt, an den Leib gedrückt wird und doch zuckt. Ihre Kinder A und B.

Erinnert sehr an W. im Blick, in der Selbstvergessenheit der Erzählung, in der gänzlichen Beteiligung, in dem kleinen lebendigen Körper, selbst in der harten dumpfen Stimme, in der Rede von schönen Kleidern und Hüten, während an ihr nichts Derartiges zu sehen ist.

Blick aus dem Fenster über den Fluß. An vielen Stellen des Gesprächs, trotzdem sie keine Mattigkeit aufkommen läßt, mein vollständiges Versagen, sinnloser Blick, Nichtverstehen dessen, was sie sagt, Abrollen einfältigster Bemerkungen, während ich sehen muß, wie sie aufhorcht, sinnloses Betasten des kleinen Kindes.

 

Träume:

In Berlin, durch die Straßen, zu ihrem Haus, das ruhige glückliche Bewußtsein, ich bin zwar noch nicht bei ihrem Haus, habe aber die leichte Möglichkeit, hinzukommen, werde bestimmt hinkommen. Ich sehe die Straßenzüge, an einem weißen Haus eine Aufschrift, etwa »Die Prachtsäle des Nordens« (gestern in der Zeitung gelesen), im Traum hinzugefügt »Berlin W«. Frage einen leutseligen rotnasigen alten Schutzmann, der in einer Art Dieneruniform diesmal steckt. Bekomme überausführliche Auskunft, sogar ein Geländer einer kleinen Rasenanlage in der Ferne wird mir gezeigt, an das ich der Sicherheit halber mich anhalten soll, wenn ich vorüberkomme. Dann Ratschläge, betreffend die Elektrische, die Untergrundbahn usw. Ich kann nicht mehr folgen und frage erschrocken, wohl wissend, daß ich die Entfernung unterschätze: »Das ist wohl eine halbe Stunde weit?« Er aber, der alte Mann, antwortet: »Ich bin dort in sechs Minuten.« Die Freude! Irgendein Mann, ein Schatten, ein Kamerad begleitet mich immer, ich weiß nicht, wer es ist. Habe förmlich keine Zeit, mich umzudrehn, mich seitwärts zu wenden.

Wohne in Berlin in irgendeiner Pension, in der scheinbar lauter junge polnische Juden wohnen; ganz kleine Zimmer. Ich verschütte eine Wasserflasche. Einer schreibt unaufhörlich auf einer kleinen Schreibmaschine, wendet kaum den Kopf, wenn man um etwas bittet. Keine Karte von Berlin aufzutreiben. Immer sehe ich in der Hand eines ein Buch, das einem Plan ähnlich ist. Immer zeigt sich, daß er etwas ganz anderes enthält, ein Verzeichnis der Berliner Schulen, eine Steuerstatistik oder etwas Derartiges. Ich will es nicht glauben, aber man weist es mir lächelnd ganz zweifellos nach.

 

14. Februar. Wenn ich mich töten sollte, hat ganz gewiß niemand Schuld, selbst wenn zum Beispiel die offenbare nächste Veranlassung F.s Verhalten sein sollte. Ich habe mir selbst schon einmal im Halbschlaf die Szene vorgestellt, die es ergeben würde, wenn ich, in Voraussicht des Endes, den Abschiedsbrief in der Tasche, in ihre Wohnung käme, als Freier abgewiesen würde, den Brief auf den Tisch legte, zum Balkon ginge, von allen, die hinzueilen, gehalten, mich losreißen und die Balkonbrüstung, während eine Hand nach der andern ablassen muß, überspringen würde. In dem Brief aber stünde, daß ich F.s wegen zwar hinunterspringe, daß sich aber auch bei Annahme meines Antrages nichts Wesentliches für mich geändert hätte. Ich gehöre hinunter, ich finde keinen andern Ausgleich, F. ist zufällig die, an der sich meine Bestimmung erweist, ich bin nicht fähig, ohne sie zu leben, und muß hinunterspringen, ich wäre aber – und F. ahnt dies – auch nicht fähig, mit ihr zu leben. Warum nicht die heutige Nacht dazu verwenden, schon erscheinen mir die Redner des heutigen Elternabends, die vom Leben und von der Schaffung seiner Bedingungen redeten – aber ich halte mich an Vorstellungen, ich lebe ganz verwickelt ins Leben, ich werde es nicht tun, ich bin ganz kalt, bin traurig, daß ein Hemd um den Hals mich drückt, bin verdammt, schnappe im Nebel.

 

15. Februar. Wie lang mir dieser Samstag und Sonntag im Rückblick scheint. Ich habe mir gestern nachmittag die Haare scheren lassen, dann den Brief an Bl. geschrieben, bin dann einen Augenblick lang bei Max gewesen, in der neuen Wohnung, dann Elternabend neben L. W., dann Baum (in der Elektrischen Kr. getroffen), dann auf dem Rückweg Maxens Klagen über mein Stummsein, dann die Selbstmordlust, dann die Schwester vom Elternabend zurückgekommen, unfähig, das geringste zu berichten. Bis zehn im Bett, schlaflos, Leid und Leid. Kein Brief, nicht hier, nicht im Bureau, Brief an Bl. auf der Franz-Josefs-Bahn eingeworfen, Nachmittag G., Spaziergang an der Moldau, Vorlesung in seiner Wohnung, merkwürdige Mutter beim Butterbrotessen und Patiencelegen, allein zwei Stunden herumgegangen, entschlossen, Freitag nach Berlin zu fahren, KholTschechischer Schriftsteller, Historiker. Gab u. a. (gemeinsam mit Otto Pick) den Briefwechsel Casanovas mit J. F. Opitz aus dem Manuskript des böhmischen Landesmuseums heraus. getroffen, zu Hause mit Schwägern und Schwestern, dann bei Weltsch Besprechung der Verlobung (Kerzenauslöschen des J.K.), dann zu Hause Versuche, aus der Mutter durch Schweigen Mitleid und Hilfe herauszulocken, jetzt Schwester, erzählt vom Clubabend, es schlägt dreiviertel zwölf Uhr.

Ich sagte bei Weltsch, um die aufgeregte Mutter zu trösten: »Ich verliere ja Felix durch diese Heirat auch. Ein verheirateter Freund ist keiner.« Felix sagte nichts, konnte natürlich auch nichts sagen, aber er wollte es nicht einmal.

Das Heft fängt mit F. an, die mir am 2. Mai 1913 den Kopf unsicher machte, ich kann mit diesem Anfang das Heft auch schließen, wenn ich statt »unsicher« ein schlimmeres Wort nehme.Hier endet das siebente Heft der Tagebücher, das mit der Eintragung vom 2. Mai 1913 begann.

 

16. Februar. Nutzloser Tag. Die einzige Freude, die ich hatte, war die durch die gestrige Nacht begründete Hoffnung auf bessern Schlaf.

Ich ging wie gewöhnlich abends nach Geschäftsschluß nach Hause, da wurde mir, als hätte man mir aufgepaßt, aus allen drei Fenstern der Genzmerischen Wohnung lebhaft zugewinkt, ich möchte hinaufkommen.

 

22. Februar. Vielleicht bin ich doch noch trotz des unausgeschlafenen, links oben vor Unruhe fast schmerzenden Kopfes einer ruhigen Anlage eines größern Ganzen fähig, in dem ich alles vergessen könnte und nur meines Guten mir bewußt würde.

 

23. Februar. Ich fahre. Brief von Musil.Der Dichter Robert Musil lud Kafka zur Mitarbeit an einer literarischen Zeitschrift ein. Details, auch über die hier erwähnte Reise, sind mir nicht erinnerlich. Die Reise ging vermutlich nach Berlin. Freut mich und macht mich traurig, denn ich habe nichts.

Ein junger Mann reitet auf einem schönen Pferd aus dem Tor einer Villa.

Die Großmutter hatte, als sie starb, zufällig nur die Krankenschwester bei sich. Diese erzählte, daß sich die Großmutter knapp vor dem Tode ein wenig von dem Polster erhoben habe, so daß es den Anschein hatte, als suche sie jemanden, und daß sie sich dann ruhig zurückgelegt habe und gestorben sei.

Ich bin unzweifelhaft in einer mich ganz umgebenden Hemmung, mit der ich aber noch ganz gewiß nicht verwachsen bin, deren zeitweise Lockerung ich merke und die gesprengt werden könnte. Es gibt zwei Mittel, heiraten oder Berlin, das zweite ist sicherer, das erste unmittelbar verlockender.

Ich tauchte unter und fand mich bald zurecht. Eine kleine Schar schwebte in aufsteigender Kette vorüber und verlor sich im Grün. Glocken vom Treiben des Wassers hin- und hergetragen – falsch.

 

9. März. Rense ging ein paar Schritte durch den halbdunklen Gang, öffnete die kleine Tapetentür des Eßzimmers und sagte zu der überlauten Gesellschaft, fast ohne hinzusehn: »Bitte seid ein wenig ruhig. Ich habe einen Gast. Ich bitte um etwas Rücksicht.« Als er wieder in sein Zimmer zurückging und den unveränderten Lärm hörte, stockte er einen Augenblick, wollte nochmals zurückgehn, besann sich aber anders und kehrte in sein Zimmer zurück. Dort stand ein etwa achtzehnjähriger Junge beim Fenster und sah auf den Hof hinab. »Es ist schon ruhiger«, sagte er, als Rense eintrat, und hob seine lange Nase und seine tiefliegenden Augen zu ihm auf. »Es ist gar nicht ruhiger«, sagte Rense und nahm einen Schluck aus der Bierflasche, die auf dem Tische stand, »Ruhe kann man hier überhaupt nicht haben. Daran wirst du dich gewöhnen müssen, Junge.«

Ich bin müde, ich muß mich durch Schlaf zu erholen suchen, sonst bin ich in jeder Hinsicht verloren. Was für Mühen, sich zu erhalten! Kein Denkmal braucht solchen Aufwand von Kräften, um aufgerichtet zu werden.

Die Argumentation im allgemeinen: Ich bin an F. verloren.

Rense, ein Student, saß in seinem kleinen Hofzimmer und studierte. Die Magd kam und meldete, ein junger Mann wolle mit Rense sprechen. Wie heißt er denn? fragte Rense. Die Magd wußte es nicht.

Ich werde hier F. nicht vergessen, daher nicht heiraten. Ist das ganz bestimmt?

Ja, das kann ich beurteilen, ich bin fast einunddreißig Jahre alt, kenne F. fast zwei Jahre, muß also schon einen Überblick haben. Außerdem aber ist hier meine Lebensweise eine derartige, daß ich nicht vergessen kann, selbst wenn F. keine solche Bedeutung für mich hätte. Die Einförmigkeit, Gleichmäßigkeit, Bequemlichkeit und Unselbständigkeit meiner Lebensweise halten mich dort, wo ich einmal bin, unweigerlich fest. Außerdem habe ich einen mehr als gewöhnlichen Hang zu einem bequemen und unselbständigen Leben, alles Schädigende wird also noch durch mich verstärkt. Endlich altere ich doch auch, Umwandlungen werden immer schwerer. In alledem aber sehe ich ein großes Unglück für mich, das dauernd und aussichtslos wäre; ich würde mich auf der Gehaltsleiter und in den Jahren fortschleppen und immer trauriger und einsamer werden, solange ich es eben überhaupt aushielte. Du hast doch aber ein solches Leben dir gewünscht?

Das Beamtenleben könnte für mich gut sein, wenn ich verheiratet wäre. Es gäbe mir in jeder Hinsicht gegenüber der Gesellschaft, gegenüber der Frau, gegenüber dem Schreiben einen guten Rückhalt, ohne allzuviel Opfer zu verlangen und ohne auf der andern Seite in Bequemlichkeit und Unselbständigkeit auszuarten, denn als verheirateter Mann hätte ich das nicht zu fürchten. Als Junggeselle aber kann ich ein solches Leben nicht zu Ende führen. Du hättest aber doch heiraten können?

Ich konnte damals nicht heiraten, alles in mir hat dagegen revoltiert, so sehr ich F. immer liebte. Es war hauptsächlich die Rücksicht auf meine schriftstellerische Arbeit, die mich abhielt, denn ich glaubte diese Arbeit durch die Ehe gefährdet. Ich mag recht gehabt haben; durch das Junggesellentum aber innerhalb meines jetzigen Lebens ist sie vernichtet. Ich habe ein Jahr lang nichts geschrieben, ich kann auch weiterhin nichts schreiben, ich habe und behalte im Kopf nichts als den einen Gedanken und der zerfrißt mich. Das alles habe ich damals nicht überprüfen können. Übrigens gehe ich bei meiner durch diese Lebensweise zumindest genährten Unselbständigkeit an alles zögernd heran und bringe nichts mit dem ersten Schlag fertig. So war es auch hier.

Warum gibst du alle Hoffnung auf, F. doch zu bekommen?

Ich habe jede Selbstdemütigung schon versucht. Im Tiergarten sagte ich einmal: »Sag ›ja‹, auch wenn du dein Gefühl für mich als nicht genügend für eine Ehe ansiehst, meine Liebe zu dir ist groß genug, um auch das Fehlende zu ersetzen, und überhaupt stark genug, um alles auf sich zu nehmen.« F. schien durch meine Eigenheiten beunruhigt, vor denen ich ihr im Laufe eines großen Briefwechsels Angst eingejagt hatte. Ich sagte: »Ich habe dich lieb genug, um alles abzulegen, was dich stören könnte. Ich werde ein anderer Mensch werden.« Ich hatte, wie ich jetzt, da alles klarwerden muß, eingestehen kann, selbst zur Zeit unseres herzlichsten Verhältnisses oft Ahnungen und durch Kleinigkeiten begründete Befürchtungen, daß F. mich nicht sehr lieb hat, nicht mit aller Liebeskraft, deren sie fähig ist. Das ist nun, nicht ohne meine Mithilfe allerdings, auch F. zu Bewußtsein gekommen. Ich fürchte fast, F. hat sogar nach meinen letzten zwei Besuchen einen gewissen Ekel vor mir, trotzdem wir äußerlich freundlich zueinander sind, einander du sagen, Arm in Arm gehn. Als letzte Erinnerung an sie habe ich die ganz feindselige Grimasse, die sie machte, als ich mich im Flur ihres Hauses nicht mit dem Kuß auf ihren Handschuh begnügte, sondern ihn aufriß und ihre Hand küßte. Nun hat sie im übrigen, trotzdem sie die pünktliche Einhaltung des ferneren Briefwechsels versprochen hatte, auf zwei Briefe mir nicht geantwortet, nur durch Telegramme Briefe versprochen, aber das Versprechen nicht gehalten, ja sie hat sogar nicht einmal meiner Mutter geantwortet. Das Aussichtslose dessen ist also wohl unzweifelhaft.

Das sollte man eigentlich niemals sagen dürfen. Schien, von F. aus gesehn, dein früheres Verhalten nicht auch aussichtslos zu sein?

Es war etwas anderes. Ich gestand immer, selbst beim scheinbar letzten Abschied im Sommer, meine Liebe zu ihr offen ein; ich schwieg niemals mit dieser Grausamkeit; ich hatte Gründe für mein Verhalten, die sich, wenn nicht billigen, so doch besprechen ließen. F. hat bloß den Grund der gänzlich unzureichenden Liebe.

Trotzdem ist es richtig, daß ich warten könnte. Mit einer doppelten Hoffnungslosigkeit warten kann ich aber nicht: einmal F. mir immer weiter entschwinden sehn und außerdem selbst in immer größere Unfähigkeit geraten, mich irgendwie zu retten. Es wäre das größte Wagnis, das ich mit mir versuchen könnte, trotzdem oder weil es allen übermächtigen schlechten Kräften in mir am meisten entsprechen würde. »Man kann niemals wissen, was geschehn wird«, ist kein Argument gegenüber der Unerträglichkeit eines gegenwärtigen Zustandes.

Was willst du also tun?

Von Prag weggehn. Gegenüber diesem stärksten menschlichen Schaden, der mich je getroffen hat, mit dem stärksten Reaktionsmittel, über das ich verfüge, vorgehn.

Den Posten verlassen?

Der Posten ist ja nach dem Obigen ein Teil der Unerträglichkeit. Die Sicherheit, das auf Lebensdauer Berechnete, der reichliche Gehalt, die nicht vollständige Anspannung der Kräfte – das sind doch lauter Dinge, mit denen ich als Junggeselle nichts anfangen kann, die sich zu Qualen verwandeln.

Was willst du tun?

Ich könnte alle derartigen Fragen mit einemmal beantworten, indem ich sage: ich habe nichts zu riskieren, jeder Tag und jeder geringste Erfolg ist ein Geschenk, alles, was ich tue, wird gut sein. Aber ich kann auch genauer antworten: als österreichischer Jurist, der ich ja im Ernst gar nicht bin, habe ich keine für mich brauchbaren Aussichten: das Beste, was ich für mich in dieser Richtung erreichen könnte, besitze ich ja in meiner Stelle und kann es doch nicht brauchen. Übrigens kämen für diesen an sich ganz unmöglichen Fall, daß ich aus meiner juristischen Vorbildung etwas für mich herausschlagen wollte, nur zwei Städte in Betracht: Prag, aus dem ich weg muß, und Wien, das ich hasse und in dem ich unglücklich werden müßte, denn ich würde schon mit der tiefsten Überzeugung von der Notwendigkeit dessen hinfahren. Ich muß also außerhalb Österreichs, und zwar, da ich kein Sprachtalent habe und körperliche sowie kaufmännische Arbeit nur schlecht leisten könnte, wenigstens zunächst nach Deutschland und dort nach Berlin, wo die meisten Möglichkeiten sind, sich zu erhalten.

Dort kann ich auch im Journalismus meine schriftstellerischen Fähigkeiten am besten und unmittelbarsten ausnützen und einen mir halbwegs entsprechenden Gelderwerb finden. Ob ich etwa gar noch darüber hinaus fähig zu inspirierter Arbeit sein werde, darüber kann ich mich jetzt auch nicht mit der geringsten Sicherheit aussprechen. Das aber glaube ich bestimmt zu wissen, daß ich aus dieser selbständigen und freien Lage, in der ich in Berlin sein werde (sei sie im übrigen auch noch so elend), das einzige Glücksgefühl ziehen werde, dessen ich jetzt noch fähig bin.

Du bist aber verwöhnt.

Nein, ich brauche ein Zimmer und vegetarische Pension, sonst fast nichts.

Fährst du nicht F.s wegen hin?

Nein, ich wähle Berlin nur aus den obigen Gründen, allerdings liebe ich es wegen F. und wegen des Vorstellungskreises um F., das kann ich nicht kontrollieren. Es ist auch wahrscheinlich, daß ich in Berlin mit F. zusammenkommen werde. Wird mir dieses Zusammensein dazu verhelfen, F. aus meinem Blut hinauszubekommen: desto besser, es ist dann ein weiterer Vorteil von Berlin.

Bist du gesund?

Nein, Herz, Schlaf, Verdauung.

Ein kleines Mietzimmer. Morgendämmerung. Unordnung.

Der Student liegt im Bett, schläft der Wand zugekehrt. Es klopft. Es bleibt still. Es klopft stärker. Der Student setzt sich erschreckt aufrecht, schaut zur Tür: Herein.

Dienstmädchen , schwaches Mädchen: Guten Morgen.

Der Student : Was wollen Sie? Es ist ja Nacht.

Dienstmädchen : Entschuldigen Sie. Ein Herr fragt nach Ihnen.

Der Student : Nach mir? (stockt) Unsinn! Wo ist er?

Dienstmädchen : Er wartet in der Küche.

Der Student : Wie sieht er aus?

Dienstmädchen lächelt: Nun, es ist noch ein Junge, sehr schön ist er nicht, ich glaube, es ist ein Jud.

Der Student : Und das will in der Nacht zu mir? Übrigens brauche ich nicht Ihr Urteil über meine Gäste, hören Sie. Und der soll hereinkommen. Aber rasch.

Der Student stopft die kleine Pfeife, die auf dem Sessel neben seinem Bett gelegen ist, und raucht.

Kleipe steht an der Tür und schaut zum Studenten, der, die Augen zur Zimmerdecke gerichtet, ruhig vor sich hindampft. (Klein, gerade, große lange, etwas schief gedrehte, spitze Nase, dunkle Gesichtsfarbe, tiefliegende Augen, lange Arme.)

Der Student : Wie lange noch? Kommen Sie her zum Bett und sagen Sie, was Sie wollen. Wer sind Sie? Was wollen Sie? Rasch! Rasch!

Kleipe geht sehr langsam zum Bett und sucht auf dem Weg durch Handbewegungen etwas zu erklären. Beim Reden hilft er sich durch Strecken des Halses und durch Hoch- und Tiefziehn der Augenbrauen: Ich bin nämlich auch aus Wulfenshausen.

Der Student : So? das ist schön, das ist sehr schön. Warum sind Sie denn nicht dort geblieben?

Kleipe : Überlegen Sie! Es ist unser beider Vaterstadt, schön, aber doch ein elendes Nest.

 

15. März. Hinter Dostojewskis Sarg wollten die Studenten seine Ketten tragen. Er starb im Arbeiterviertel, im vierten Stock eines Mietshauses.

Gegen fünf Uhr früh, einmal im Winter, wurde dem Studenten durch das halbbekleidete Dienstmädchen ein Gast gemeldet. »Was denn? Wie denn?« fragte der Student noch schlaftrunken, da trat schon mit einer von dem Dienstmädchen geliehenen brennenden Kerze ein junger Mann ein, hob in der einen Hand die Kerze, um den Studenten besser zu sehn, und senkte in der andern Hand den Hut fast bis zur Erde, so lang war sein Arm.

Nichts als ein Erwarten, ewige Hilflosigkeit.

 

17. März. Im Zimmer bei den Eltern gesessen, zwei Stunden lang in Zeitschriften geblättert, ab und zu nur vor mich hingesehn, im ganzen nur gewartet, bis es zehn Uhr wird und ich mich ins Bett legen kann.

 

27. März. Im ganzen nicht viel verschieden verbracht.

Haß beeilte sich auf das Schiff zu kommen, lief über die Landungsbrücke, kletterte auf ein Verdeck hinauf, setzte sich in einen Winkel, drückte die Hände gegen das Gesicht und kümmerte sich von jetzt an um niemanden mehr. Die Schiffsglocke läutete, Leute liefen vorüber, weit, als wäre es am andern Ende des Schiffes, sang einer aus voller Brust.

Man wollte schon den Landungssteg zurückziehn, da kam ein kleiner schwarzer Wagen angefahren, der Kutscher schrie von weitem, das sich bäumende Pferd mußte mit aller Kraft gehalten werden, ein junger Mann sprang aus dem Wagen, küßte einen alten weißbärtigen Herrn, der sich unter dem Wagendach vorbeugte, und lief mit einem kleinen Handkoffer aufs Schiff, das sofort vom Lande abgestoßen wurde.

Es war etwa drei Uhr nachts, aber im Sommer, und schon halb hell. Da erhoben sich im Stall des Herrn von Grusenhof seine fünf Pferde, Famos, Grasaffe, Tournemento, Rosina und Brabant. Wegen der schwülen Nacht war die Stalltür nur angelehnt; die zwei Pferdewärter schliefen im Stroh auf dem Rücken, über ihrem offenen Mund schwebten die Fliegen auf und ab, es gab kein Hindernis. Grasaffe stellte sich so auf, daß er die beiden Männer unter sich hatte und war, während er ihre Gesichter beobachtete, bereit, beim geringsten Zeichen des Erwachens mit den Hufen zuzustoßen. Die vier andern verließen inzwischen mit zwei leichten Sprüngen einer hinter dem andern den Stall, Grasaffe folgte ihnen.

Anna sah durch die Glastür, daß im Zimmer des Mieters dunkel war, sie kam herein und drehte das elektrische Licht auf, um für die Nacht aufzubetten. Aber der Student saß halb liegend auf dem Kanapee und lächelte sie an. Sie entschuldigte sich und wollte hinaus. Aber der Student bat sie, sie möge bleiben und keine Rücksicht auf ihn nehmen. Sie blieb auch und tat ihre Arbeit unter einigen Seitenblicken zum Studenten hin.

 

5. April. Wenn es möglich wäre, nach Berlin zu gehn, selbständig zu werden, von Tag zu Tag zu leben, auch zu hungern, aber seine ganze Kraft ausströmen zu lassen, statt hier zu sparen oder besser sich abzuwenden in das Nichts! Wenn F. es wollte, mir beistehn würde!

8. April. Gestern unfähig, auch nur ein Wort zu schreiben. Heute nicht besser. Wer erlöst mich? Und in mir das Gedränge, in der Tiefe, kaum zu sehn. Ich bin wie ein lebendiges Gitterwerk, ein Gitter, das feststeht und fallen will.

Heute im Kaffeehaus mit Werfel. Wie er von der Ferne beim Kaffeehaustisch aussieht. Geduckt, selbst im Holzsessel halb liegend, das im Profil schöne Gesicht an sich gedrückt, vor Fülle (nicht eigentlicher Dicke) fast schnaufend, ganz und gar unabhängig von der Umgebung, unartig und fehlerlos. Die hängende Brille erleichtert durch ihre Gegensätzlichkeit das Verfolgen der zarten Umrißlinien des Gesichtes.

 

6. Mai. Die Eltern scheinen eine schöne Wohnung für F. und mich gefunden zu haben, ich bin nutzlos einen schönen Nachmittag lang herumgestrichen. Ob sie mich auch noch ins Grab legen werden, nach einem durch ihre Sorgfalt glücklichen Leben.

 

Ein Adeliger, namens Herr von Griesenau, hatte einen Kutscher Josef, den kein anderer Dienstgeber hätte ertragen können. Er wohnte in einem ebenerdigen Zimmer neben der Portierloge, da er infolge Dicke und Kurzatmigkeit unfähig war, Treppen zu steigen. Seine einzige Beschäftigung war das Kutschieren, aber auch dazu wurde er nur bei besonderen Gelegenheiten, etwa einem Gast zu Ehren, verwendet, sonst aber lag er ganze Tage, ganze Wochen auf einem Ruhebett in der Nähe des Fensters und sah mit seinen kleinen, tief ins Fett eingesenkten, auffallend schnell zwinkernden Augen aus dem Fenster auf die Bäume, welche ... [bricht ab]

 

Der Kutscher Josef lag auf seinem Ruhebett, richtete sich nur auf, um von einem Tischchen eine Schnitte Butterbrot mit Hering zu nehmen, lehnte sich dann wieder zurück und starrte kauend umher. Durch seine großen runden Nasenlöcher zog er die Luft mit Mühe ein, manchmal mußte er, um genug Luft zu gewinnen, im Kauen einhalten und den Mund öffnen, sein großer Bauch zitterte ununterbrochen unter den vielen Falten des dünnen dunkelblauen Kleides.

Das Fenster war geöffnet, man sah eine Akazie und einen leeren Platz. Es war ein niedriges Parterrefenster, Josef sah von seinem Ruhebett aus alles, und jeder konnte ihn von außen sehn. Das war peinlich, aber er mußte so niedrig wohnen, da er wenigstens seit einem halben Jahr, seitdem sein Fett stark zugenommen hatte, Treppen gar nicht mehr steigen konnte. Als er dieses Zimmer neben der Portierloge bekommen hatte, hatte er seinem Dienstgeber, dem Herrn von Griesenau, unter Tränen die Hände geküßt und gedrückt, jetzt aber kannte er die Nachteile dieses Zimmers das ewige Beobachtetwerden, die Nachbarschaft des unangenehmen Portiers, die Unruhe der Einfahrt und des Platzes, die weite Entfernung von der übrigen Dienerschaft und die dadurch eintretende Entfremdung und Vernachlässigung – alle diese Nachteile kannte er jetzt von Grund aus und beabsichtigte auch tatsächlich beim Herrn wegen Übersiedlung in sein früheres Zimmer bittstellig zu werden. Wozu standen denn, insbesondere seitdem der Herr sich verlobt hatte, so viele neu aufgenommene Burschen nutzlos herum; mochten sie doch ihn, den verdienten und einzigartigen Mann, einfach die Treppen hinauf- und hinuntertragen.

 

Es wurde eine Verlobung gefeiert. Das Festessen war beendet, die Gesellschaft stand vom Tische auf, alle Fenster wurden geöffnet, es war ein schöner warmer Abend im Juni. Die Braut stand in einem Kreise von Freundinnen und guten Bekannten, die übrigen waren in kleinen Gruppen beisammen, hie und da wurde viel gelacht. Der Bräutigam lehnte allein am Eingang zum Balkon und sah hinaus.

Nach einiger Zeit bemerkte ihn die Mutter der Braut, ging zu ihm hin und sagte: »Du stehst hier so allein? Gehst nicht zu Olga? Habt ihr Streit gehabt?« – »Nein«, antwortete der Bräutigam, »wir haben keinen Streit gehabt.« – »Nun also«, sagte die Frau, »dann geh zu deiner Braut! Dein Benehmen fällt ja schon auf.«

 

Das Grauenhafte des bloß Schematischen.

 

Die Zimmervermieterin, eine schwache, schwarz gekleidete Witwe in gerade abfallendem Rock, stand im mittleren Zimmer ihrer leeren Wohnung. Noch war es ganz still, die Glocke rührte sich nicht. Auf der Gasse war es auch still, die Frau hatte mit Absicht eine so stille Gasse gewählt, denn sie wollte gute Zimmerherren, und solche, die Ruhe verlangen, sind die besten.

27. Mai. Mutter und Schwester in Berlin. Ich werde mit dem Vater abends allein sein. Ich glaube, er fürchtet sich, heraufzukommen. Soll ich mit ihm Karten spielen? (Ich finde die »K« häßlich, sie widern mich fast an und ich schreibe sie doch, sie müssen für mich sehr charakteristisch sein.) Wie sich der Vater verhielt, als ich F. berührte.

 

Zum erstenmal erschien das weiße Pferd an einem Herbstnachmittag in einer großen, aber nicht sehr belebten Straße der Stadt A. Es trat aus dem Flur eines Hauses, in dessen Hof ein Speditionsgeschäft ausgedehnte Lagerräume hatte, so daß öfters Gespanne, hie und da auch ein einzelnes Pferd aus dem Hausflur geführt werden mußten und infolgedessen das weiße Pferd nicht besonders auffiel. Es gehörte aber nicht zum Pferdestand des Speditionsgeschäftes. Ein Arbeiter, der vor dem Tor die Stricke an einem Warenballen fester zog, bemerkte das Pferd, sah von seiner Arbeit auf und dann in den Hof, ob nicht der Kutscher bald nachkäme. Es kam niemand, wohl aber bäumte sich das Pferd, kaum hatte es das Trottoir betreten, kräftig auf, schlug ein paar Funken aus dem Pflaster, war einen Augenblick sehr nahe am Hinfallen, nahm sich aber gleich zusammen und trabte dann, nicht schnell, nicht langsam, die um diese Dämmerstunde fast völlig leere Straße hinauf. Der Arbeiter verfluchte die seiner Meinung nach nachlässigen Kutscher, schrie einige Namen in den Hof, es kamen auch Leute heraus, blieben aber, da sie das Pferd gleich als ein fremdes erkannten, bloß ein wenig erstaunt nebeneinander im Tor stehn. Erst nach einem Weilchen besannen sich einige, liefen eine Strecke Wegs dem Pferde nach, da sie es aber nicht einmal mehr zu Gesicht bekamen, kehrten sie bald zurück.

Das Pferd hatte inzwischen schon die äußersten Vorstadtstraßen erreicht, ohne aufgehalten worden zu sein. Es fügte sich dem Straßenleben besser ein als sonst alleinlaufende Pferde. Sein langsamer Schritt konnte niemanden erschrecken, es verließ niemals die Fahrbahn, niemals auch die vorgeschriebene Straßenseite; war es nötig, wegen eines aus einer Querstraße kommenden Fuhrwerkes einzuhalten, so hielt es ein; hätte es der vorsichtigste Kutscher am Halfter geführt, es hätte sich nicht fehlerfreier verhalten können. Trotzdem war es natürlich ein auffallender Anblick, hie und da blieb jemand stehn und sah ihm lächelnd nach, von einem vorbeifahrenden Bierwagen herab hieb ein Kutscher zum Spaß mit der Peitsche auf das Pferd ein, es erschreckte zwar, hufte mit den Vorderbeinen auf, beschleunigte aber seinen Schritt nicht.

Gerade diesen Vorfall aber hatte ein Polizeimann beobachtet, ging auf das Pferd zu, das noch im letzten Augenblick eine andere Richtung zu nehmen gesucht hatte, faßte es am Zügel (es war trotz seines nicht sehr starken Baues als Lastpferd aufgezäumt) und sagte, übrigens sehr freundlich: »Halt! Wohin läufst du denn?« Eine Zeitlang hielt er es hier mitten auf der Fahrbahn fest, denn er dachte, der Besitzer werde seinem entlaufenen Tier bald nachkommen.

Es hat Sinn, ist aber matt, das Blut fließt dünn, zu weit vom Herzen. Ich habe noch hübsche Szenen im Kopfe und höre doch auf. Gestern erschien mir das weiße Pferd zum zweitenmal vor dem Einschlafen, ich habe den Eindruck, als wäre es zuerst aus meinem der Wand zugedrehten Kopf getreten, wäre über mich hinweg und vom Bett hinuntergesprungen und hätte sich dann verloren. Das letztere wird durch den obigen Anfang leider nicht widerlegt.

Wenn ich mich nicht sehr täusche, komme ich doch näher. Es ist, als wäre irgendwo in einer Waldlichtung der geistige Kampf. Ich dringe in den Wald ein, finde nichts und eile aus Schwäche bald wieder hinaus; oft wenn ich den Wald verlasse, höre ich oder glaube ich das Klirren der Waffen jenes Kampfes zu hören. Vielleicht suchen mich die Blicke der Kämpfer durch das Walddunkel, aber ich weiß nur so wenig und Täuschendes von ihnen.

Starker Regenguß. Stelle dich dem Regen entgegen, laß die eisernen Strahlen dich durchdringen, gleite in dem Wasser, das dich fortschwemmen will, aber bleibe doch, erwarte so aufrecht die plötzlich und endlos einströmende Sonne.

Die Vermieterin warf die Röcke und eilte durch die Zimmer. Eine große kalte Dame. Ihr vortretender Unterkiefer schreckte die Zimmerherren ab. Sie liefen die Treppe hinab, und wenn sie ihnen aus dem Fenster nachsah, verdeckten sie im Laufe ihre Gesichter. Einmal kam ein kleiner Zimmerherr, ein fester untersetzter junger Mann, der die Hände ständig in den Taschen seines Rockes hielt. Vielleicht war es seine Gewohnheit, es war aber auch möglich, daß er das Zittern der Hände verbergen wollte.

»Junger Mann«, sagte die Frau und ihr Unterkiefer rückte vor, »Sie wollen hier wohnen?«

»Ja«, sagte der junge Mann und zuckte mit dem Kopf von unten hinauf.

» Sie werden es hier gut haben «, sagte die Frau und führte ihn zu einem Sessel. Hiebei bemerkte sie, daß er einen Fleck in der Hose hatte, weshalb sie neben ihm niederkniete und diesen Fleck mit den Nägeln zu reiben begann. »Sie sind ein Schmutzian«, sagte sie.

»Es ist ein alter Fleck.«

»Dann sind Sie eben ein alter Schmutzian.«

»Weg mit der Hand«, sagte er plötzlich und schob sie wirklich weg. »Was Sie doch für schreckliche Hände haben«, sagte er dann, faßte ihre Hand und drehte sie: »Oben ganz schwarz, unten weißlich, aber noch ausreichend schwarz und« – er fuhr in ihren weiten Ärmel – »auf dem Arm sind Sie sogar ein wenig behaart.«

»Sie kitzeln mich«, sagte sie.

»Weil Sie mir gefallen. Ich verstehe nicht, wie man sagen kann, daß Sie häßlich sind. Man sagte es nämlich. Aber nun sehe ich, daß das ja gar nicht stimmt.«

Und er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Sie kniete noch immer und besah ihre Hand.

Das machte ihn aus irgendeinem Grunde wild, er sprang hinzu und nahm wieder ihre Hand.

»So ein Frauenzimmer«, sagte er dann und schlug ihre längliche magere Wange. »Es würde geradezu zu meinem Behagen beitragen, hier zu wohnen. Aber billig müßte es sein. Und keinen andern Mieter dürften Sie aufnehmen. Und treu müßten Sie mir sein. Ich bin ja viel jünger als Sie, da kann ich doch Treue verlangen. Und gut kochen müßten Sie. Ich bin an gutes Essen gewöhnt und werde es mir niemals abgewöhnen.«

Tanzt ihr Schweine weiter; was habe ich damit zu tun?

Aber wirklicher ist es, als alles, was ich im letzten Jahr geschrieben habe. Vielleicht kommt es doch darauf an, das Gelenk zu lockern. Ich werde noch einmal schreiben können.

Jeden Abend seit einer Woche kommt mein Zimmernachbar, um mit mir zu ringen. Ich kannte ihn nicht, habe auch bis jetzt noch nichts mit ihm gesprochen. Wir tauschen nur einige Ausrufe aus, die man nicht »sprechen« nennen kann. Mit »Also« wird der Kampf eingeleitet, »Schuft!« stöhnt manchmal einer unter dem Griff des andern, »Jetzt!« begleitet einen überraschenden Stoß, »Aufhören!« bedeutet Schluß, aber man kämpft noch immer ein Weilchen weiter. Meistens springt er sogar noch von der Tür einmal ins Zimmer zurück und gibt mir einen Stoß, daß ich hinfalle. Aus seinem Zimmer ruft er mir dann durch die Wand Gute Nacht zu. Ich müßte, falls ich diese Bekanntschaft endgültig aufgeben wollte, mein Zimmer kündigen, denn das Versperren der Türe hilft nichts. Einmal hatte ich die Türe versperrt, weil ich lesen wollte, aber mein Nachbar schlug die Tür mit der Hacke entzwei, und da er, was er einmal gefaßt hat, nur schwer aufgeben kann, war ich sogar von der Hacke gefährdet.

Ich verstehe mich anzupassen. Da er immer zu bestimmter Stunde kommt, nehme ich eine leichte Arbeit vor, die ich, wenn nötig, sofort unterbrechen kann. Ich ordne zum Beispiel einen Kasten oder schreibe etwas oder lese ein gleichgültiges Buch. Das muß ich so einrichten, denn kaum erscheint er in der Tür, muß ich alles liegenlassen, den Kasten gleich zuschlagen, den Federhalter fallen lassen, das Buch wegwerfen, denn er will ja nur kämpfen, sonst nichts. Fühle ich mich kräftig, so reize ich ihn ein wenig, indem ich ihm zuerst auszuweichen suche. Ich krieche unter dem Tisch durch, ich werfe ihm Stühle vor die Füße, ich zwinkere ihm aus der Ferne zu, trotzdem es natürlich geschmacklos ist, mit einem fremden Menschen solche ganz einseitig bleibenden Spaße zu machen. Aber meistens schließen sich unsere Körper gleich zum Kampf zusammen. Offenbar ist er ein Student, lernt den ganzen Tag und will am Abend vor dem Schlafengehn noch rasch Bewegung machen. Nun, an mir hat er einen guten Gegner, ich bin vielleicht, wenn man vom Glückswechsel absieht, der stärkere und geschicktere von uns beiden. Er aber ist der ausdauerndere.

 

28. Mai. Übermorgen fahre ich nach Berlin. Trotz Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Sorgen vielleicht in einem bessern Zustand als jemals.

Einmal brachte er ein Mädchen mit. Während ich grüße und auf ihn nicht achte, springt er auf mich und reißt mich in die Höhe. »Ich protestiere«, rief ich und hob die Hand. »Schweig«, flüsterte er mir ins Ohr. Ich merkte, daß er um jeden Preis, selbst mit schändlichen Griffen, vor dem Mädchen siegen wollte, um sich in Glanz zu setzen.

»Er hat mir gesagt: ›Schweig‹«, rief ich deshalb, den Kopf zum Mädchen hingedreht.

»Oh, gemeiner Mensch«, stöhnte der Mann leise, er verbrauchte an mir alle seine Kraft. Immerhin schleppte er mich noch zum Kanapee, legte mich hin, kniete auf meinem Rücken nieder, wartete die Wiederkehr der Sprache ab und sagte: »Da liegt er also.«

»Er soll es noch einmal versuchen«, wollte ich sagen, aber schon nach dem ersten Wort drückte er mir das Gesicht so stark in die Polsterung, daß ich schweigen mußte. »Nun ja«, sagte das Mädchen, das sich an meinen Tisch gesetzt hatte und einen dort liegenden angefangenen Brief überlas, »werden wir nicht schon gehn? Er hat gerade einen Brief angefangen.«

»Er wird ihn auch nicht fortsetzen, wenn wir fortgehn. Komm mal her. Greif zum Beispiel hier an den Schenkel, er zittert ja wie ein krankes Tier.« – »Ich sage, laß ihn und komm.« Sehr widerwillig kroch der Mann von mir hinunter. Ich hätte ihn jetzt durchprügeln können, denn ich war jetzt ausgeruht, er aber hatte alle Muskeln angespannt, um mich niederzuhalten. Er hatte gezittert und hatte geglaubt, ich zittere. Er zitterte sogar noch immer. Ich ließ ihn aber in Ruhe, weil das Mädchen zugegen war.

»Sie werden sich wahrscheinlich Ihr Urteil über diesen Kampf schon selbst gebildet haben«, sagte ich zu dem Mädchen, ging mit einer Verbeugung an ihm vorüber und setzte mich zum Tisch, um den Brief fortzusetzen. »Wer zittert also?« fragte ich, ehe ich zu schreiben anfing, und hielt den Federhalter zum Beweis, daß ich es nicht war, steif in die Luft. Schon im Schreiben rief ich ihnen, als sie in der Tür waren, ein kurzes Adieu zu, schlug aber ein wenig mit dem Fuß aus, um wenigstens für mich die Verabschiedung anzudeuten, die wahrscheinlich beide verdient hätten.

 

29. Mai. Morgen nach Berlin. Ist es ein nervöser oder ein wirklicher verläßlicher Zusammenhalt, den ich fühle? Wie wäre das! Ist es richtig, daß, wenn man einmal die Erkenntnis des Schreibens erhält, nichts verfehlt werden kann, nichts versinkt, aber auch nur selten etwas übermäßig hoch emporschlägt? Wäre es das Herandämmern der Ehe mit F.? Sonderbarer, mir allerdings in der Erinnerung nicht ganz fremder Zustand.

Lange mit Pick vor dem Tor gestanden. Nur daran gedacht, wie ich bald loskommen könnte, denn mein Erdbeernachtmahl war oben für mich vorbereitet. Alles, was ich jetzt über ihn schreiben werde, ist eine Gemeinheit, denn ich lasse ihn nichts davon sehn oder bin zufrieden, daß er es nicht sieht. Aber ich bin sogar mitschuldig an seinem Wesen, solange ich mit ihm gehe, und so gilt das, was ich von ihm sage, auch von mir, selbst wenn man die Künstelei abzieht, die in einer solchen Bemerkung liegt. Ich mache Pläne. Ich sehe starr vor mich hin, um nicht die Augen von den imaginären Gucklöchern des imaginären Kaleidoskops zu entfernen, in das ich schaue. Ich mische gute und eigennützige Absichten durcheinander, die guten werden in der Farbe verwaschen, die dafür auf die bloß eigennützigen übergeht. Ich lade Himmel und Erde ein, sich an meinen Plänen zu beteiligen, aber ich vergesse nicht die kleinen Leute, die aus jeder Seitengasse hervorzuziehen sind und die vorläufig meinen Plänen besser nützen können. Es ist ja erst der Anfang, immer wieder erst der Anfang. Noch stehe ich hier in meinem Jammer, aber schon kommt hinter mir der ungeheure Wagen meiner Pläne angefahren, die erste kleine Plattform schiebt sich unter meine Füße, nackte Mädchen, wie auf Karnevalswagen besserer Länder, führen mich rücklings die Stufen empor, ich schwebe, weil die Mädchen schweben, und hebe meine Hand, die Ruhe befiehlt. Rosenbüsche stehn zu meiner Seite, Weihrauchflammen brennen, Lorbeerkränze werden herabgelassen, man streut Blumen vor und über mich, zwei Trompeter wie aus Steinquadern aufgebaut blasen Fanfaren, kleines Volk läuft in Massen heran, geordnet hinter Führern, die leeren, blanken, gerade geschnittenen, freien Plätze werden dunkel, bewegt und überfüllt, ich fühle die Grenze menschlicher Bemühungen und mache auf meiner Höhe aus eigenem Antrieb und plötzlich mich überkommendem Geschick das Kunststück eines vor vielen Jahren von mir bewunderten Schlangenmenschen, indem ich mich langsam zurückbeuge – eben versucht der Himmel aufzubrechen, um einer mir geltenden Erscheinung Raum zu geben, aber er stockt –, den Kopf und Oberkörper zwischen meinen Beinen durchziehe und allmählich wieder als gerader Mensch auferstehe. War es die letzte Steigerung, die Menschen gegeben ist? Es scheint so, denn schon sehe ich aus allen Toren des tief und groß unter mir liegenden Landes die kleinen gehörnten Teufel sich heraufdrängen, alles überlaufen, unter ihrem Schritt zerbricht alles in der Mitte, ihr Schwänzchen wischt alles aus, schon putzen fünfzig Teufelsschwänze mein Gesicht, der Boden wird weich, ich versinke mit einem Fuß, dann mit dem andern, die Schreie der Mädchen verfolgen mich in meine Tiefe, in die ich lotrecht versinke, durch einen Schacht, der genau den Durchmesser meines Körpers, aber eine endlose Tiefe hat. Diese Endlosigkeit verlockt zu keinen besonderen Leistungen, alles, was ich täte, wäre kleinlich, ich falle sinnlos und es ist das beste.

Brief Dostojewskis an den Bruder über das Leben im Zuchthaus.

 

6. Juni. Aus Berlin zurück. War gebunden wie ein Verbrecher. Hätte man mich mit wirklichen Ketten in einen Winkel gesetzt und Gendarmen vor mich gestellt und mich nur auf diese Weise zuschauen lassen, es wäre nicht ärger gewesen. Und das war meine Verlobung, und alle bemühten sich, mich zum Leben zu bringen, und da es nicht gelang, mich zu dulden, wie ich war. F. allerdings am wenigsten von allen, vollständig berechtigterweise, denn sie litt am meisten. Was den andern bloße Erscheinung war, war ihr Drohung.

Wir ertrugen es zu Hause keinen Augenblick. Wir wußten, daß man uns suchen würde. Aber wenn es auch Abend war, wir liefen doch weg. Unsere Stadt war von Hügeln umgeben. Auf diesen Hügeln kletterten wir. Alle Bäume brachten wir zum Zittern, wenn wir uns im Abwärtslauf von einem zum andern schwangen.

Die Stellung im Geschäft am Abend kurz vor Geschäftsschluß: Die Hände in den Hosentaschen, ein wenig gebückt, aus der Tiefe des Gewölbes durch das weit offene Tor auf den Platz hinausschauen. Matte Bewegungen der Angestellten ringsherum hinter den Pulten. Ein schwaches Zusammenschnüren eines Pakets, ein bewußtloses Abstauben einiger Schachteln, ein Aufeinanderschichten gebrauchten Packpapiers.

Ein Bekannter kommt und spricht mit mir. Ich lege mich förmlich auf ihn, so schwer bin ich. Er stellt folgende Behauptung auf: Manche sagen das, ich aber sage gerade das Entgegengesetzte. Er führt die Gründe seiner Meinung an. Ich schwanke. Die Hände liegen in meinen Hosentaschen, als wären sie hineingefallen, und doch wieder so locker, als müßte ich die Taschen nur leicht umklappen und sie fielen wieder schnell heraus.

Ich hatte das Geschäft geschlossen, die Angestellten, fremde Leute, entfernten sich mit dem Hut in der Hand. Es war ein Abend im Juni, zwar schon acht Uhr, aber noch hell. Ich hatte keine Lust, einen Spaziergang zu machen, ich habe niemals Lust, spazierenzugehn, aber ich wollte auch nicht nach Hause. Als mein letzter Lehrjunge um die Ecke gebogen war, setzte ich mich vor dem geschlossenen Laden auf die Erde.

Ein Bekannter mit seiner jungen Frau kam vorüber und sah mich auf der Erde sitzen. »Sieh, wer da sitzt«, sagte er. Sie blieben stehn und der Mann schüttelte mich ein wenig, trotzdem ich ihn von allem Anfang ruhig ansah.

»Mein Gott, warum sitzen Sie denn hier so?« fragte die junge Frau.

»Ich werde mein Geschäft auflassen«, sagte ich. »Es geht nicht besonders schlecht, auch kann ich meinen Verpflichtungen, wenn auch knapp, so doch vollständig nachkommen. Aber die Sorgen kann ich nicht ertragen, die Angestellten kann ich nicht beherrschen, mit den Kundschaften kann ich nicht reden. Ich werde sogar von morgen ab das Geschäft nicht mehr aufmachen. Es ist alles wohl überlegt.« Ich sah, wie der Mann seine Frau zu beruhigen suchte, indem er ihre Hand zwischen seine beiden Hände nahm. »Nun gut«, sagte er, »Sie wollen Ihr Geschäft aufgeben, Sie sind nicht der erste, der das tut. Auch wir« – er sah zu seiner Frau hinüber – »werden, sobald unser Vermögen für unsere Bedürfnisse ausreicht – möge es bald sein –, nicht mehr zögern als Sie, unser Geschäft aufzugeben. Das Geschäft macht uns ebensowenig Vergnügen wie Ihnen, das dürfen Sie uns glauben. Aber warum sitzen Sie auf der Erde?«

»Wohin soll ich gehn?« sagte ich. Ich wußte natürlich, warum sie mich fragten. Es war Mitleid, Verwunderung und auch Verlegenheit, die sie fühlten, aber ich war durchaus nicht imstande, auch noch ihnen zu helfen.

Es war schon nach Mitternacht. Ich saß in meinem Zimmer und schrieb einen Brief, an dem mir sehr viel lag, da ich durch ihn eine gute Stellung im Ausland zu erreichen hoffte. Ich suchte dem Bekannten, an den er gerichtet war und mit dem ich jetzt nach zehnjähriger Trennung zufällig durch einen gemeinschaftlichen Freund wieder in Verbindung kommen sollte, die längst vergangenen Zeiten wieder in Erinnerung zu bringen und gleichzeitig ihm begreiflich zu machen, wie mich alles aus meiner Heimat drängte und wie ich ohne sonstige gute weitreichende Beziehungen, wie ich war, in ihn meine größte Hoffnung setzte.

Der Magistratsbeamte BruderDiese und die nachfolgende Eintragung wirken wie Vorahnungen. Fast zwei Monate vor Ausbruch des Krieges geschrieben, geben diese Eintragungen Szenen wieder, wie wir sie bald nachher in sehr ähnlicher Weise erlebten, als die Russen einen Teil Österreichs eroberten. kam erst gegen neun Uhr abends aus seiner Kanzlei nach Hause. Es war schon ganz dunkel. Seine Frau erwartete ihn vor dem Haustor, ihr kleines Mädchen hielt sie an sich gedrückt. »Wie steht es?« fragte sie. »Sehr schlecht«, sagte Bruder, »komm nur ins Haus, ich erzähle dir dann alles.« Kaum waren sie ins Haus getreten, sperrte Bruder das Haustor ab. »Wo ist das Dienstmädchen?« fragte er. »In der Küche«, sagte die Frau. »Dann ist es gut, kommt!« Im großen niedrigen Wohnzimmer wurde die Stehlampe angezündet, alle setzten sich, und Bruder sagte: »Die Sache steht also folgendermaßen. Die Unsrigen sind vollständig im Rückzug. Das Gefecht bei Rumdorf ist, wie ich aus zweifellosen Nachrichten, die im Stadtamt eingelaufen sind, ersehen habe, gänzlich zu unseren Ungunsten ausgefallen. Es ist auch schon der größte Teil der Truppen aus der Stadt weggezogen. Man verheimlicht es noch, um den Schrecken in der Stadt nicht grenzenlos zu steigern. Ich halte das für nicht ganz vernünftig, es wäre besser, offen die Wahrheit zu sagen. Aber meine Pflicht verlangt, daß ich schweige. Dir allerdings die Wahrheit zu sagen, kann mich niemand hindern. Übrigens ahnen auch alle das Richtige, das merkt man überall. Alles versperrt die Häuser, versteckt, was versteckt werden kann.«

Einige Beamte des Stadtamtes standen an der steinernen Brüstung eines Rathausfensters und sahen auf den Platz hinunter. Der letzte Teil der Nachhut wartete dort auf den Befehl zum Abzug. Es waren junge große rotwangige Burschen, die ihre hin- und herzuckenden Pferde straff im Zügel hielten. Vor ihnen ritten zwei Offiziere langsam auf und ab. Sie warteten offenbar auf eine Nachricht. Öfters schickten sie einen Reiter fort, der in größter Eile in einer steil ansteigenden Seitenstraße des Ringplatzes verschwand. Bisher war keiner zurückgekehrt.

Zu der Gruppe am Fenster war der Beamte Bruder getreten, ein zwar noch junger, aber vollbärtiger Mann. Da er einen höhern Rang hatte und infolge seiner Begabung in besonderem Ansehen stand, verbeugten sich alle höflich und ließen ihn bis zur Brüstung vor. »Das ist also das Ende«, sagte er mit dem Blick auf den Platz. »Es ist ja zu offenbar.«

»Sie glauben also, Herr Rat«, sagte ein junger hochmütiger Mensch, der sich trotz der Ankunft Bruders von seinem Platze nicht weggerührt hatte und nun derart nah an Bruder stand, daß sie einander gar nicht ins Gesicht sehn konnten, »Sie glauben also, daß die Schlacht verloren ist?«

»Ganz gewiß. Daran ist ja kein Zweifel. Wir sind, im Vertrauen gesagt, schlecht geführt. Wir müssen verschiedene alte Sünden büßen. Jetzt ist allerdings keine Zeit, darüber zu reden, jetzt soll jeder für sich sorgen. Wir sind ja vor der endgültigen Auflösung. Heute abend können die Gäste schon hier sein. Vielleicht warten sie nicht einmal bis Abend, sondern sind in einer halben Stunde hier.«

Verlockung im DorfDiese Notiz vom 11 .Juni 1914 ist eine Vorstudie zu dem erst einige Jahre später geschriebenen Schloß-Roman.

 

11. Juni. Ich kam einmal im Sommer gegen Abend in ein Dorf, in dem ich noch nie gewesen war. Mir fiel auf, wie breit und frei die Wege waren. Überall vor den Bauernhöfen sah man hohe alte Bäume. Es war nach einem Regen, die Luft ging frisch, mir gefiel alles so gut. Ich suchte es durch meinen Gruß den Leuten zu zeigen, die vor den Toren standen, sie antworteten freundlich, wenn auch zurückhaltend. Ich dachte, daß es gut wäre, hier zu übernachten, wenn ich einen Gasthof fände.

Ich ging gerade an der hohen grünbewachsenen Mauer eines Hofes vorüber, als eine kleine Türe in dieser Mauer sich öffnete, drei Gesichter hervorsahen, verschwanden und die Tür sich wieder schloß. »Sonderbar«, sagte ich seitwärts, als hätte ich einen Begleiter. Und tatsächlich stand neben mir, wie um mich verlegen zu machen, ein großer Mann, ohne Hut und Rock, in einer gestrickten schwarzen Weste, und rauchte eine Pfeife. Ich faßte mich rasch und sagte, als hätte ich schon früher von seiner Anwesenheit gewußt: »Die Tür! Haben Sie auch gesehn, wie sich diese kleine Tür geöffnet hat?«

»Ja«, sagte der Mann, »aber warum soll das sonderbar sein, es waren die Kinder des Pächters. Sie haben Ihre Schritte gehört und nachgesehn, wer so spät abends hier geht.«

»Das ist allerdings eine einfache Erklärung«, sagte ich lächelnd, »einem Fremden kommt leicht alles sonderbar vor. Ich danke Ihnen.« Und ich ging weiter. Aber der Mann folgte mir. Ich wunderte mich nicht eigentlich darüber, der Mann konnte den gleichen Weg haben, aber es war kein Grund, warum wir hintereinander und nicht nebeneinander gehn sollten.

Ich drehte mich um und sagte: »Ist hier der richtige Weg zum Gasthof?«

Der Mann blieb stehn und sagte: »Einen Gasthof haben wir nicht oder vielmehr, wir haben einen, aber er ist unbewohnbar. Er gehört der Gemeinde, und sie hat ihn schon vor Jahren, da sich niemand um ihn beworben hat, einem alten Krüppel vergeben, für den sie bisher hatte sorgen müssen. Der verwaltet jetzt mit seiner Frau den Gasthof, und zwar so, daß man kaum an der Tür vorübergehn kann, so groß ist der Gestank, der herauskommt. In der Wirtsstube gleitet man vor Schmutz aus. Eine elende Wirtschaft, eine Schande des Dorfes, eine Schande der Gemeinde.«

Ich hatte Lust, dem Mann zu widersprechen, sein Aussehn reizte mich dazu, dieses im Grunde magere Gesicht mit gelblichen, lederartigen, schwach gepolsterten Wangen und schwarzen, nach den Kieferbewegungen durch das ganze Gesicht irrenden Falten. »So«, sagte ich, ohne weiteres Staunen über diese Verhältnisse auszudrücken, und fuhr dann fort: »Nun, ich werde doch dort wohnen, da ich nun einmal entschlossen bin, hier zu übernachten.«

»Dann allerdings«, sagte der Mann hastig, »ins Gasthaus müssen Sie aber hier gehn«, und er zeigte mir die Richtung, aus der ich gekommen war. »Gehn Sie bis zur nächsten Ecke und biegen Sie dann rechts ein. Sie werden dann gleich eine Gasthaus-Tafel sehn. Dort ist es.«

Ich dankte für die Auskunft und ging nun wieder an ihm, der mich jetzt besonders genau beobachtete, vorüber. Dagegen, daß er mir vielleicht eine falsche Richtung angegeben hatte, war ich allerdings wehrlos, wohl aber sollte er mich weder dadurch verblüffen, daß er mich jetzt zwang, an ihm vorbeizumarschieren, noch dadurch, daß er so auffallend schnell von seiner Warnung wegen des Gasthauses abgelassen hatte. Das Gasthaus würde mir auch ein anderer zeigen, und war es schmutzig, so konnte ich auch einmal im Schmutz schlafen, wenn nur mein Trotz befriedigt war. Übrigens hatte ich auch nicht viel andere Wahl, es war schon dunkel, die Landstraßen waren vom Regen aufgeweicht und der Weg zum nächsten Dorf noch lang.

Ich hatte den Mann schon hinter mir und beabsichtigte, mich gar nicht mehr um ihn zu kümmern, da hörte ich eine Frauenstimme, die zu dem Mann sprach. Ich drehte mich um. Aus dem Dunkel unter einer Gruppe von Platanen trat eine aufrechte große Frau hervor. Ihr Rock glänzte gelblichbraun, am Kopf und an den Schultern lag ein schwarzes grobmaschiges Tuch. »Komm doch schon nach Hause«, sagte sie zu dem Mann, »warum kommst du nicht?«

»Ich komme schon«, sagte er, »warte nur noch ein Weilchen. Ich will nur noch zusehn, was dieser Mann hier machen wird. Er ist ein Fremder. Er treibt sich hier ganz unnötigerweise herum. Sieh nur.«

Er redete von mir, als sei ich taub oder als verstände ich seine Sprache nicht. Nun lag mir allerdings nicht viel daran, was er sagte, aber es wäre mir natürlich unangenehm gewesen, wenn er im Dorf irgendwelche falsche Gerüchte über mich verbreitet hätte. Ich sagte also zu der Frau hinüber: »Ich suche hier den Gasthof, nichts weiter. Ihr Mann hat kein Recht, in dieser Weise von mir zu reden und Ihnen vielleicht eine falsche Meinung über mich beizubringen.«

Die Frau sah aber kaum auf mich hin, sondern ging zu ihrem Mann, ich hatte richtig erkannt, daß es ihr Mann war, eine so gerade selbstverständliche Beziehung bestand zwischen ihnen – und legte die Hand auf seine Schulter: »Wenn Sie etwas haben wollen, dann reden Sie mit meinem Mann, nicht mit mir.«

»Ich will gar nichts haben«, sagte ich, ärgerlich über diese Behandlung, »ich kümmere mich um Sie nicht, kümmern Sie sich auch nicht um mich. Das ist meine einzige Bitte.« Die Frau zuckte mit dem Kopf, das konnte ich im Dunkel noch sehn, den Ausdruck ihrer Augen aber nicht mehr. Offenbar wollte sie etwas antworten, aber ihr Mann sagte: »Sei still!« und sie schwieg.

Dieses Zusammentreffen schien mir nun endgültig erledigt, ich drehte mich um und wollte weitergehn, da rief jemand »Herr«. Das galt wahrscheinlich mir. Im ersten Augenblick wußte ich gar nicht, woher die Stimme kam, dann aber sah ich über mir auf der Hofmauer einen jungen Mann sitzen, der mit herabbaumelnden Beinen und aneinanderschlagenden Knien nachlässig zu mir sagte: »Ich habe jetzt gehört, daß Ihr im Dorf übernachten wollt. Außer hier auf dem Hof bekommt Ihr nirgends ein brauchbares Quartier.«

»Auf dem Hof?« fragte ich und unwillkürlich, ich war nachher darüber wütend, sah ich fragend auf das Ehepaar, das noch immer aneinandergelehnt dastand und mich beobachtete.

»Es ist so«, sagte er, in seiner Antwort wie in seinem ganzen Benehmen war Hochmut.

»Es werden hier Betten vermietet?« fragte ich nochmals, um Sicherheit zu haben und um den Mann in die Rolle des Vermieters zurückzudrängen.

»Ja«, sagte er und hatte schon den Blick ein wenig von mir abgewendet, »es werden hier Betten für die Nacht überlassen, nicht jedem, sondern nur dem, dem sie angeboten werden.«

»Ich nehme es an«, sagte ich, »werde aber natürlich das Bett bezahlen, wie im Gasthof.«

»Bitte«, sagte der Mann und sah schon längst über mich hinweg, »wir werden Euch nicht übervorteilen.«

Er saß oben wie der Herr, ich stand unten wie ein kleiner Diener, ich hatte viel Lust, ihn dort oben durch einen Steinwurf etwas lebendiger zu machen. Statt dessen sagte ich: »Macht mir bitte also die Tür auf.«

»Sie ist nicht zugesperrt«, sagte er.

»Sie ist nicht zugesperrt«, wiederholte ich brummend, fast ohne es zu wissen, öffnete die Tür und trat ein. Zufällig sah ich gleich nach dem Eintritt auf die Mauer hinauf, der Mann war nicht mehr oben, er war offenbar die Mauer trotz ihrer Höhe hinabgesprungen und besprach sich vielleicht mit dem Ehepaar. Mochten sie sich besprechen, was konnte mir, einem jungen Menschen, geschehn, dessen Barschaft knapp drei Gulden überstieg und dessen sonstiger Besitz in nicht viel anderem bestand als einem reinen Hemd im Rucksack und einem Revolver in der Hosentasche. Übrigens sahen die Leute gar nicht so aus, als ob sie jemanden bestehlen wollten. Was konnten sie aber sonst von mir verlangen?

Es war der gewöhnliche ungepflegte Garten großer Bauernhöfe, die feste Steinmauer hatte mehr erwarten lassen. Im hohen Gras standen, regelmäßig verteilt, abgeblühte Kirschbäume. In der Ferne sah man das Bauernhaus, einen ausgedehnten ebenerdigen Bau. Es wurde schon sehr dunkel; ich war ein später Gast; wenn mich der Mann auf der Mauer irgendwie belogen hatte, konnte ich in eine unangenehme Lage kommen. Auf dem Weg zum Haus traf ich niemanden, aber schon ein paar Schritte vor dem Haus sah ich durch die offene Tür im ersten Raum zwei große alte Leute, Mann und Frau nebeneinander, die Gesichter der Tür zugewendet, aus einer Schüssel irgendeinen Brei essen. In der Finsternis unterschied ich nichts Genaueres, nur an dem Rock des Mannes glänzte es stellenweise wie von Gold, es waren wohl die Knöpfe oder vielleicht die Uhrkette.

Ich grüßte und sagte dann, ohne vorläufig die Schwelle zu überschreiten: »Ich suchte gerade Nachtquartier im Ort, da sagte mir ein junger Mann, der auf der Mauer Ihres Gartens saß, daß man hier im Hofe gegen Bezahlung übernachten könne.« Die zwei Alten hatten ihre Löffel in den Brei gesteckt, sich auf ihrer Bank zurückgelehnt und sahen mich schweigend an. Sehr gastfreundlich war ihr Benehmen nicht. Ich fügte deshalb hinzu: »Ich hoffe, daß die Auskunft, die ich bekommen habe, richtig war und daß ich Sie nicht unnötigerweise gestört habe.« Ich sagte das sehr laut, denn vielleicht waren die zwei auch schwerhörig.

»Kommen Sie näher«, sagte der Mann nach einem Weilchen. Nur weil er so alt war, folgte ich ihm, sonst hätte ich natürlich darauf bestanden, daß er auf meine bestimmte Frage bestimmt antworte, jedenfalls sagte ich während des Eintretens: »Wenn Ihnen meine Aufnahme nur die geringsten Schwierigkeiten machen sollte, so sagen Sie es offen, ich bestehe durchaus nicht darauf. Ich gehe in den Gasthof, es ist mir ganz gleichgültig.«

»Er redet so viel«, sagte die Frau leise.

Es konnte nur als Beleidigung gemeint sein, auf meine Höflichkeiten antwortete man also mit Beleidigungen, aber es war eine alte Frau, ich konnte mich nicht wehren. Und gerade diese Wehrlosigkeit war vielleicht der Grund dessen, daß die nicht zurückzutreibende Bemerkung der Frau in mir viel mehr wirkte, als sie es verdiente. Ich fühlte irgendeine Berechtigung irgendeines Tadels, nicht deshalb, weil ich zuviel gesprochen hatte, denn ich hatte tatsächlich nur das Notwendigste gesagt, aber aus sonstigen, ganz nah an meine Existenz heranreichenden Gründen. Ich sagte nichts weiter, bestand auf keiner Antwort, sah in einem nahen dunklen Winkel eine Bank, ging hin und setzte mich.

Die Alten begannen wieder zu essen, ein Mädchen kam aus einem Nebenzimmer und stellte eine brennende Kerze auf den Tisch. Jetzt sah man noch weniger als früher, alles war im Dunkel zusammengezogen, nur die kleine Flamme flackerte über den ein wenig gebeugten Köpfen der Alten. Einige Kinder liefen aus dem Garten herein, eines fiel lang hin und weinte, die andern stockten im Lauf und standen nun verstreut im Zimmer, der Alte sagte: »Geht schlafen, Kinder.«

Sofort sammelten sie sich, das Weinende schluchzte nur noch, ein Junge in meiner Nähe zupfte mich am Rock, als ob er meinte, ich solle auch mitkommen, tatsächlich wollte ich ja auch schlafen gehn, ich stand also auf und ging als großer Mensch inmitten der Kinder, die laut und einheitlich Gute Nacht sagten, stumm aus dem Zimmer. Der freundliche kleine Junge hielt mich an der Hand, so daß ich mich leicht im Dunkel zurechtfand. Wir kamen aber auch sehr bald zu einer Leitertreppe, stiegen hinauf und waren auf dem Boden. Durch eine kleine offene Dachluke sah man gerade en schmalen Mond, es war eine Lust, unter die Luke zu treten – mein Kopf ragte fast in sie hinein – und die laue und doch kühle Luft zu atmen. Auf der Erde war an einer Wand Stroh aufgeschüttet, dort war auch für mich Platz genug zum Schlafen. Die Kinder – es waren zwei Jungen und drei Mädchen – zogen sich unter Lachen aus, ich hatte mich in den Kleidern aufs Stroh geworfen, ich war doch bei Fremden und hatte keinen Anspruch, hier gelassen zu werden. Auf den Ellbogen gestützt sah ich ein Weilchen den Kindern zu, die halbnackt in einem Winkel spielten. Dann fühlte ich mich aber so müde, daß ich den Kopf auf meinen Rucksack legte, die Arme ausstreckte, ein wenig noch die Dachbalken mit den Blicken streifte und einschlief. Im ersten Schlaf glaubte ich noch den einen Knaben rufen zu hören: »Achtung, er kommt!«, worauf in mein schon entschwindendes Bewußtsein das eilige Trippeln der Kinder hineinklang, die zu ihrem Lager liefen.

Ich hatte gewiß nur ganz kurze Zeit geschlafen, denn als ich aufwachte, fiel das Mondlicht durch die Luke fast unverändert auf die gleiche Stelle des Fußbodens. Ich wußte nicht, warum ich aufgewacht war, denn ich hatte ohne Träume und tief geschlafen. Da bemerkte ich neben mir etwa in der Höhe meines Ohres einen ganz kleinen buschigen Hund, eines jener widerlichen Schoßhündchen mit verhältnismäßig großem, von lockigen Haaren umgebenen Kopf, in den die Augen und die Schnauze wie Schmuckstücke aus irgendeiner leblosen hornartigen Masse locker eingesetzt sind. Wie kam ein solcher Großstadthund ins Dorf? Was trieb ihn bei Nacht im Haus herum? Warum stand er bei meinem Ohr? Ich fauchte ihn an, damit er wegginge, vielleicht war er ein Spielzeug der Kinder und hatte sich zu mir nur verirrt. Er erschrak über mein Blasen, lief aber nicht weg, sondern drehte sich nur um, stand nun mit krummen Beinchen da und zeigte seinen besonders im Vergleich zum großen Kopf verkümmerten kleinen Leib. Da er ruhig blieb, wollte ich wieder schlafen, aber ich konnte nicht, immerfort sah ich gerade vor meinen geschlossenen Augen in der Luft den Hund schaukeln und die Augen hervordrücken. Das war unerträglich, ich konnte das Tier nicht neben mir behalten, ich stand auf und nahm es auf den Arm, um es hinauszutragen. Aber das bisher so stumpfe Tier fing an, sich zu wehren und versuchte mit seinen Krallen mich zu fassen. Ich mußte also auch seine Pfötchen verwahren, was freilich sehr leicht war, alle vier konnte ich in einer Hand zusammenhalten.

»So, mein Hündchen«, sagte ich zu dem aufgeregten Köpfchen mit den schüttelnden Locken hinunter und ging mit ihm ins Dunkel, um die Tür zu suchen. Erst jetzt fiel mir auf, wie still das Hündchen war, es bellte und quietschte nicht, nur das Blut klopfte ihm wild durch alle Adern, das fühlte ich. Nach ein paar Schritten – die Aufmerksamkeit, die der Hund in Anspruch nahm, hatte mich unvorsichtig gemacht – stieß ich zu meinem großen Ärger an eines der schlafenden Kinder. Es war jetzt auch ganz dunkel in der Bodenkammer, durch die kleine Luke kam nur noch wenig Licht. Das Kind seufzte, ich stand einen Augenblick still, entfernte nicht einmal meine Fußspitze, um nur durch keine Änderung das Kind noch mehr zu wecken. Es war zu spät, plötzlich sah ich rings um mich die Kinder in ihren weißen Hemden sich erheben, wie auf Verabredung, wie ein Befehl, meine Schuld war es nicht, ich hatte nur ein Kind geweckt, und dieses Wecken war gar kein Wecken gewesen, sondern nur eine kleine Störung, die ein Kinderschlaf leicht hätte überstehen müssen. Nun, jetzt waren sie wach. »Was wollt ihr, Kinder«, fragte ich, »schlaft doch weiter.«

»Sie tragen etwas«, sagte ein Junge, und alle fünf suchten an mir herum.

»Ja«, sagte ich, ich hatte nichts zu verbergen, wenn die Kinder das Tier hinaustragen wollten, war es desto besser. »Diesen Hund trage ich hinaus. Er hat mich nicht schlafen lassen. Wisset ihr, wem er gehört?«

»Der Frau Cruster«, so glaubte ich wenigstens aus ihren verwirrten, undeutlichen, verschlafenen, nicht für mich, nur für einander berechneten Ausrufen herauszuhören.

»Wer ist denn Frau Cruster?« fragte ich, aber ich bekam von den aufgeregten Kindern keine Antwort mehr. Eines nahm mir den Hund, der nun ganz still geworden war, vom Arm und eilte mit ihm weg, alle folgten.

Allein wollte ich hier nicht bleiben, die Schläfrigkeit war mir nun auch schon vergangen, einen Augenblick zögerte ich zwar, es schien mir, als mische ich mich zu sehr in die Angelegenheiten dieses Hauses ein, in dem mir niemand großes Vertrauen gezeigt hatte, schließlich lief ich aber doch den Kindern nach. Ich hörte knapp vor mir das Tappen ihrer Füße, aber in dem völligen Dunkel und auf den unbekannten Wegen stolperte ich öfters und schlug sogar einmal schmerzhaft mit dem Kopf an die Wand. Wir kamen auch in das Zimmer, in dem ich die Alten zuerst getroffen hatte, es war leer, durch die noch immer offene Tür sah man den Garten im Mondlicht. ›Geh hinaus‹, sagte ich mir, ›die Nacht ist warm und hell, man kann weitermarschieren oder auch im Freien übernachten. Es ist doch so sinnlos, hier den Kindern nachzulaufen.‹ Aber ich lief doch weiter, ich hatte ja auch noch Hut, Stock und Rucksack oben auf dem Boden. Aber wie die Kinder liefen! Das mondbeleuchtete Zimmer hatten sie, wie ich deutlich gesehen hatte, mit wehenden Hemden in zwei Sprüngen durchflogen. Mir fiel ein, daß ich für den Mangel an Gastfreundschaft in diesem Hause gebührend dankte, indem ich die Kinder aufgescheucht hatte, einen

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