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Tagebücher 1910?1923

Franz Kafka: Tagebücher 1910?1923 - Kapitel 17
Quellenangabe
typediary
authorFranz Kafka
titleTagebücher 1910?1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorMax Brod
year1976
isbn3436023515
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
created20090610
projectid940997c8
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Tagebuch einer Reise nach Friedland und Reichenberg

Januar, Februar 1911Aus einer der letzten Eintragungen dieses Reisetagebuches geht hervor, daß Kafka diese Reise amtlich, im Dienste der Arbeiter-Unfallversicherung, deren Beamter er war, unternommen hat. – Der Eindruck des Schlosses Friedland hat vielleicht später im Vorstellungskreis des Romans ›Das Schloß‹ nachgewirkt.

Ich müßte die Nacht durchschreiben, so viel kommt über mich, aber es ist nur Unreines. Was für eine Macht dieses über mich bekommen hat, während ich ihm früher, soviel ich mich erinnere, mit einer Wendung, einer kleinen Wendung, die mich an und für sich noch glücklich machte, auszuweichen imstande war!

Reichenberger Jude im Coupé macht sich zuerst durch kleine Ausrufe über Schnellzüge, die es nur dem Fahrpreis nach sind, bemerkbar. Unterdessen ißt ein magerer Reisender – das, was man Windbeutel nennt – mit raschem Schlucken Schinken, Brot und zwei Würste, deren Haut er mit einem Messer durchsichtig kratzt, bis er schließlich alle Reste und Papier unter die Bank hinter das Heizungsrohr wirft. Während des Essens hat er in dieser unnötigen, mir so sympathischen, aber erfolglos nachgeahmten Hitze und Eile zwei Abendblätter, mir zugewendet, ausgelesen. Abstehende Ohren. Nur verhältnismäßig breite Nase. Wischt mit den fetten Händen Haare und Gesicht, ohne sich schmutzig zu machen, was ich auch nicht darf.

Mir gegenüber dünnstimmiger, schwachhöriger Herr mit Spitz- und Schnauzbart, lacht zuerst still, ohne sich zu demaskieren, in einer höhnischen Weise den Reichenberger Juden aus, wobei ich, immer mit einigem Widerwillen, aber aus irgendeinem Respekt, nach Verständigungen durch Blicke mich beteilige. Später stellt sich heraus, daß dieser Mann, der das Montagblatt liest, irgend etwas ißt, auf einer Station Wein einkauft und in meiner Weise schluckweise trinkt, nicht das geringste wert ist.

Dann noch ein junger rotwangiger Bursch, der viel im ›Interessanten Blatt‹ liest, das er zwar rücksichtslos mit der Handkante aufreißt, um es aber schließlich mit der immer von mir bewunderten Sorgfalt unbeschäftigter Menschen, als wäre es ein Seidentuch, mit vielfachem Zusammendrücken, Eindrücken der Kanten von innen, Festmachen von außen, Abklopfen der Flächen, zusammenzulegen und, dick wie sie ist, in die Brusttasche zu stopfen. Er wird es also noch zu Hause lesen. Ich weiß gar nicht, wo er ausgestiegen ist.

Das Hotel in Friedland. Die große Diele. Ich erinnere mich an einen Christus am Kreuz, der vielleicht gar nicht da war. – Kein Wasserklosett, der Schneesturm kam von unten herauf. Eine Zeitlang war ich der einzige Gast. Die meisten Hochzeiten der Umgebung werden im Hotel gefeiert. Ganz unsicher erinnere ich mich eines Blickes in einen Saal am Morgen nach einer Hochzeitsfeier. Auf der Diele und auf dem Gang war es überall sehr kalt. Mein Zimmer war über der Hauseinfahrt; mir fiel gleich die Kälte auf, wie erst als ich den Grund bemerkte. Vor meinem Zimmer war eine Art Nebenzimmer der Diele; auf einem Tisch standen dort von einer Hochzeit her zwei vergessene Sträuße in Vasen. Verschluß der Fenster nicht durch Klinken, sondern durch Haken oben und unten. Jetzt fällt mir ein, daß ich einmal Musik hörte, ein Weilchen lang. In dem Gastzimmer war aber kein Klavier, vielleicht in jenem Hochzeitszimmer. Immer wenn ich das Fenster schloß, sah ich auf der andern Marktseite ein Delikatessengeschäft. Geheizt wurde mit großen Holzstücken. Stubenmädchen mit großem Mund, einmal trotz der Kälte mit freiem Hals und Brustansatz; bald abweisend, bald überraschend anhänglich, ich immer gleich respektvoll und verlegen wie meist vor allen freundlichen Leuten. Als ich mir für das Arbeiten am Nachmittag und Abend eine stärkere Glühlampe hatte einsetzen lassen, war sie ganz froh, als sie das beim Einheizen sah. Ja, bei dem frühern Licht könne man nicht arbeiten, sagte sie. »Bei diesem Licht auch nicht«, sagte ich nach einigen lebhaften Ausrufen, wie sie mir in der Verlegenheit leider immer in den Mund kommen. Und ich wußte nichts anderes, als meine schon auswendig gelernte Meinung herzusagen, daß das elektrische Licht sowohl zu grell als zu schwach sei. Sie heizte daraufhin schweigend weiter ein. Erst als ich sagte »übrigens habe ich nur die frühere Lampe stärker angezündet«, lachte sie ein wenig, und wir waren einer Meinung.

Dagegen kann ich solche Dinge: ich habe sie immer als Fräulein behandelt, und sie hatte sich danach eingerichtet; einmal kam ich zu ungewöhnlicher Zeit nach Hause und sehe sie in der kalten Diele den Boden waschen. Da machte es mir nicht die geringste Mühe, durch Gruß und eine Bitte rücksichtlich des Einheizens sie vor jeder Beschämung zu bewahren.

Auf der Rückfahrt von Raspenau nach Friedland neben mir dieser steife totenähnliche Mensch, dem der Bart über den offengehaltenen Mund herabhing und der, als ich ihn nach einer Station fragte, freundlich zu mir gewendet mir die lebhafteste Auskunft gab.

Das Schloß in Friedland. Die vielen Möglichkeiten, es zu sehen: aus der Ebene, von einer Brücke aus, aus dem Park, zwischen entlaubten Bäumen, aus dem Wald zwischen großen Tannen durch. Das überraschend übereinander gebaute Schloß, das sich, wenn man in den Hof tritt, lange nicht ordnet, da der dunkle Efeu, die grauschwarze Mauer, der weiße Schnee, das schieferfarbene, Abhänge überziehende Eis die Mannigfaltigkeit vergrößert. Das Schloß ist eben nicht auf einem breiten Gipfel aufgebaut, sondern der ziemlich spitze Gipfel ist umbaut. Ich ging unter fortwährendem Rutschen einen Fahrweg hinauf, während der Kastellan, mit dem ich weiter oben zusammentraf, über zwei Treppen leicht hinaufkam. Überall Efeu. Von einem spitz vorspringenden Plätzchen großer Ausblick. Eine Treppe an der Mauer hört in halber Höhe nutzlos auf. Die Ketten der Zugbrücke hängen vernachlässigt an den Haken herab.

Schöner Park. Weil er terrassenförmig am Abhang, aber auch teilweise unten um einen Teich herum mit verschiedenartiger Baumgruppierung liegt, kann man sich sein Sommeraussehn gar nicht vorstellen. Im eiskalten Teichwasser sitzen zwei Schwäne, einer steckt Hals und Kopf ins Wasser. Ich folge zwei Mädchen, die sich immerfort unruhig und neugierig auf mich Unruhigen und Neugierigen, überdies aber Unentschlossenen, umsehn, lasse mich von ihnen den Berg entlang über eine Brücke, eine Wiese, unter einem Eisenbahndamm durch in eine überraschende, vom Waldabhang und Eisenbahndamm gebildete Rotunde weiter hoch hinauf in einen scheinbar nicht so bald endenden Wald führen. Die Mädchen gehn zuerst langsam, als ich mich über die Größe des Waldes zu wundern anfange, gehn sie rascher, da sind wir auch schon auf einer Hochebene mit starkem Wind ein paar Schritte vom Ort.

Kaiserpanorama. Einzige Vergnügung in Friedland. Habe keine rechte Bequemlichkeit darin, weil ich mich einer solchen schönen Einrichtung, wie ich sie dort antraf, nicht versehen hatte, mit schneebehängten Stiefeln eingetreten war und nun, vor den Gläsern sitzend, nur mit den Fußspitzen den Teppich berührte. Ich hatte die Einrichtung der Panoramas vergessen und fürchtete einen Augenblick lang, von einem Sessel zum andern gehen zu müssen. Ein alter Mann bei einem beleuchteten Tischchen, der einen Band ›illustrierte Welt‹ liest, führt das Ganze. Läßt nach einer Weile für mich ein Ariston spielen. Später kommen noch zwei ältere Damen, setzen sich rechts von mir, dann noch eine links. Brescia, Cremona, Verona. Menschen drin wie Wachspuppen, an den Sohlen im Boden im Pflaster befestigt. Grabdenkmäler: eine Dame mit über eine niedrige Treppe schleifender Schleppe öffnet ein wenig die Tür und schaut noch zurück dabei. Eine Familie, vorn liest ein Junge, eine Hand an der Schläfe, ein Knabe rechts spannt einen unbesaiteten Bogen. Denkmal des Helden Tito Speri: verwahrlost und begeistert wehen ihm die Kleider um den Leib. Bluse, breiter Hut. Die Bilder lebendiger als im Kino, weil sie dem Blick die Ruhe der Wirklichkeit lassen. Das Kino gibt dem Angeschauten die Unruhe seiner Bewegung, die Ruhe des Blickes scheint wichtiger. Glatter Boden der Kathedralen vor unserer Zunge. Warum gibt es keine Vereinigung von Kinema und Stereoskop in dieser Weise? Plakate mit »Pilsen Wührer«, aus BresciaErinnerung an die Reise nach Riva, Brescia 1909. bekannt. Die Entfernung zwischen bloßem Erzählenhören und Panoramasehn ist größer als die Entfernung zwischen letzterem und dem Sehn der Wirklichkeit. Alteisenmarkt in Cremona. Wollte am Schluß dem alten Herrn sagen, wie gut es mir gefallen hatte, wagte es nicht. Bekam das nächste Programm. Offen von zehn bis zehn Uhr.

Ich hatte in der Auslage des Buchladens den ›Literarischen Ratgeber‹ des Dürerbundes bemerkt. Beschloß, ihn zu kaufen, änderte diesen Beschluß dann wieder, kam nochmals darauf zurück, währenddessen ich oftmals zu allen Tageszeiten vor dem Schaufenster stehenblieb. So verlassen schien mir der Buchladen, die Bücher so verlassen. Den Zusammenhang der Welt mit Friedland fühlte ich nur hier, und da war er so dünn. Aber wie jede Verlassenheit mir wieder Wärme erzeugt, so fühlte ich rasch auch das Glück dieses Buchladens, und einmal ging ich hinein, schon um das Innere zu sehn. Weil man dort wissenschaftliche Werke nicht braucht, sah es in den Regalen fast belletristischer aus als in den städtischen Buchläden. Eine alte Dame saß unter einer grünüberdachten Glühlampe. Vier, fünf eben ausgepackte ›Kunstwart‹-Hefte erinnerten mich daran, daß es Monatsanfang war. Die Frau zog, meine Hilfe ablehnend, das Buch, von dessen Dasein sie kaum wußte, aus der Auslage heraus, gab es mir in die Hand, wunderte sich, daß ich es hinter der vereisten Scheibe bemerkt hatte (ich hatte es ja schon früher gesehn) und fing in den Geschäftsbüchern den Preis zu suchen an, denn sie kannte ihn nicht, und ihr Mann war weg. Ich werde später abends kommen, sagte ich (es war fünf Uhr nachmittag), hielt aber mein Wort nicht.

Reichenberg.

Über die eigentliche Absicht von Personen, die am Abend in einer Kleinstadt rasch gehn, ist man ganz im unklaren. Wohnen sie außerhalb, dann müssen sie doch die Elektrische benützen, weil die Entfernungen zu groß sind. Wohnen sie aber im Ort selbst, dann gibt es ja wieder keine Entfernungen und keinen Grund zum schnellen Gehn. Und doch kreuzen Leute mit gestreckten Beinen diesen Ringplatz, der für ein Dorf nicht zu groß wäre und dessen Rathaus durch seine unvermittelte Größe ihn noch kleiner macht (mit seinem Schatten kann es ihn reichlich bedecken), während man von dem kleinen Platze aus der Größe des Rathauses nicht recht glauben will und den ersten Eindruck seiner Größe mit der Kleinheit des Platzes erklären möchte.

Ein Polizeimann weiß die Adresse der Arbeiterkrankenkassa, ein anderer jene der Anstaltsexpositur nicht, ein dritter weiß nicht einmal, wo die Johannesgasse ist. Sie erklären es damit, daß sie erst kurze Zeit im Dienst sind. Wegen einer Adresse muß ich auf die Wachstube, wo genug Polizeileute auf verschiedene Art sich ausruhn, alle in Uniformen, deren Schönheit, Neuheit und Farbigkeit überrascht, da man sonst überall auf der Gasse nur die dunklen Wintermäntel sieht.

In den engen Gassen konnte nur ein einziges Geleise gelegt werden. Die Elektrische zum Bahnhof fahrt daher durch andere Gassen als jene vom Bahnhof. Vom Bahnhof durch die Wiener Straße, dort wohnte ich im Hotel Eiche, zum Bahnhof durch die Schückerstraße.

Im Theater dreimal. ›Des Meeres und der Liebe Wellen.‹ Ich saß auf dem Balkon, ein allzu guter Schauspieler macht mit dem Naukleros zu viel Lärm, ich hatte mehrmals Tränen in den Augen, so bei Schluß des ersten Aktes, als die Augen Heros und Leanders voneinander nicht los können. Hero tritt aus der Tempeltür, durch die man etwas sieht, was nichts anderes als ein Eiskasten sein kann. Im zweiten Akt Wald wie in früheren Prachtausgaben, er geht ans Herz, Lianen schlingen sich von Baum zu Baum. Alles moosig und dunkelgrün. Die Hintergrundmauer des Turmgemaches kehrt an einem nächsten Abend in ›Miss Dudelsack‹ wieder. Vom dritten Akt ab Niedergang des Stückes, als sei ein Feind dahinter her.

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