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Tagebücher 1910?1923

Franz Kafka: Tagebücher 1910?1923 - Kapitel 13
Quellenangabe
typediary
authorFranz Kafka
titleTagebücher 1910?1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorMax Brod
year1976
isbn3436023515
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
created20090610
projectid940997c8
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1921

15. Oktober. Alle Tagebücher, vor einer Woche etwa, M. gegebenAnfang 1920 hat Kafka Frau Milena Jesenska kennengelernt. Eine kluge, ja weise, tapfere, freiheitlich gesinnte Tschechin, ausgezeichnete Schriftstellerin. Zwischen ihr und Kafka entstand eine sehr innige Freundschaft, anfangs voll Hoffnung und Glück, später sich ins Trostlose wendend. Die Beziehung dauerte etwas über zwei Jahre. – 1939 wurde Frau Jesenská in Prag ins Gefängnis geworfen und in einem Konzentrationslager ermordet. . Ein wenig freier? Nein. Ob ich noch fähig bin, eine Art Tagebuch zu führen? Es wird jedenfalls anders sein, vielmehr es wird sich verkriechen, es wird gar nicht sein, über Hardt z. B., der mich doch verhältnismäßig sehr beschäftigt hat, wäre ich nur mit größter Mühe etwas zu notieren fähig. Es ist so, als hätte ich schon alles längst über ihn geschrieben oder, was das gleiche ist, als wäre ich nicht mehr am Leben. Über M. könnte ich wohl schreiben, aber auch nicht aus freiem Entschluß, auch wäre es zu sehr gegen mich gerichtet, ich brauche mir solche Dinge nicht mehr umständlich bewußt zu machen, wie früher einmal, ich bin in dieser Hinsicht nicht so vergeßlich wie früher, ich bin ein lebendig gewordenes Gedächtnis, daher auch die Schlaflosigkeit.

 

16. Oktober. Sonntag. Das Unglück eines fortwährenden Anfangs, das Fehlen der Täuschung darüber, daß alles nur ein Anfang und nicht einmal ein Anfang ist, die Narrheit der andern, die das nicht wissen und zum Beispiel Fußball spielen, um endlich einmal »vorwärts zu kommen«, die eigene Narrheit in sich selbst vergraben wie in einem Sarg, die Narrheit der andern, die hier einen wirklichen Sarg zu sehen glauben, also einen Sarg, den man transportieren, aufmachen, zerstören, auswechseln kann.

Zwischen den jungen Frauen oben im Park. Kein Neid. Genug Phantasie, um ihr Glück zu teilen, genug Urteilsfähigkeit, um zu wissen, daß ich zu schwach bin für dieses Glück, genug Narrheit, um zu glauben, daß ich meine und ihre Verhältnisse durchschaue. Nicht genug Narrheit, eine winzige Lücke ist da, der Wind pfeift durch sie und verhindert die volle Resonanz.

Wenn ich den großen Wunsch habe, ein Leichtathlet zu sein, so ist das wahrscheinlich so, wie wenn ich wünschen würde, in den Himmel zu kommen und dort so verzweifelt sein zu dürfen wie hier.

Wenn mein Fundus auch noch so elend sei, »unter gleichen Umständen« (besonders mit Berücksichtigung der Willensschwäche) sogar der elendste auf der Erde, so muß ich doch, selbst in meinem Sinne, das Beste mit ihm zu erreichen suchen, und es ist leere Sophistik, zu sagen, man könne damit nur eines erreichen, und dieses eine sei daher auch das Beste, und es sei die Verzweiflung.

 

17. Oktober. Dahinter, daß ich nichts Nützliches gelernt habe und mich – was zusammenhängt – auch körperlich verfallen ließ, kann eine Absicht liegen. Ich wollte unabgelenkt bleiben, unabgelenkt durch die Lebensfreude eines nützlichen und gesunden Mannes. Als ob Krankheit und Verzweiflung nicht zumindest ebenso ablenken würden!

Ich könnte diesen Gedanken auf verschiedene Weise abrunden und damit zu meinen Gunsten zu Ende führen, aber ich wage es nicht und glaube – wenigstens heute und so in der Mehrzahl der Tage – an keine für mich günstige Lösung.

Ich beneide nicht das einzelne Ehepaar, ich beneide nur alle Ehepaare – auch wenn ich nur ein Ehepaar beneide, beneide ich eigentlich das ganze Eheglück in seiner unendlichen Vielgestalt, im Glück einer einzigen Ehe würde ich selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich verzweifeln.

Ich glaube nicht, daß es Leute gibt, deren innere Lage ähnlich der meinen ist, immerhin kann ich mir solche Menschen vorstellen, aber daß um ihren Kopf so wie um meinen immerfort der heimliche Rabe fliegt, das kann ich mir nicht einmal vorstellen.

Die systematische Zerstörung meiner selbst im Laufe der Jahre ist erstaunlich, es war wie ein langsam sich entwickelnder Dammbruch, eine Aktion voll Absicht. Der Geist, der das vollbracht hat, muß jetzt Triumphe feiern; warum läßt er mich daran nicht teilnehmen? Aber vielleicht ist er mit seiner Absicht noch nicht zu Ende und kann deshalb an nichts anderes denken.

 

18. Oktober. Ewige Kinderzeit. Wieder ein Ruf des Lebens.

Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

 

19. Oktober. Das Wesen des Wüstenwegs. Ein Mensch, der als Volksführer seines Organismus diesen Weg macht, mit einem Rest (mehr ist nicht denkbar) des Bewußtseins dessen, was geschieht. Die Witterung für Kanaan hat er sein Leben lang; daß er das Land erst vor seinem Tode sehen wollte, ist unglaubwürdig. Diese letzte Aussicht kann nur den Sinn haben, darzustellen, ein wie unvollkommener Augenblick das menschliche Leben ist, unvollkommen, weil diese Art des Lebens endlos dauern könnte und doch wieder nichts anderes sich ergeben würde als ein Augenblick. Nicht weil sein Leben zu kurz war, kommt Moses nicht nach Kanaan, sondern weil es ein menschliches Leben war. Dieses Ende der fünf Bücher Moses hat eine Ähnlichkeit mit der Schlußszene der ›Éducation sentimentale‹.

Derjenige, der mit dem Leben nicht lebendig fertig wird, braucht die eine Hand, um die Verzweiflung über sein Schicksal ein wenig abzuwehren – es geschieht sehr unvollkommen –, mit der anderen Hand aber kann er eintragen, was er unter den Trümmern sieht, denn er sieht anderes und mehr als die anderen, er ist doch tot zu Lebzeiten und der eigentlich Überlebende. Wobei vorausgesetzt ist, daß er nicht beide Hände und mehr, als er hat, zum Kampf mit der Verzweiflung braucht.

 

20. Oktober. Nachmittag Langer, dann Max, liest ›Franzi‹ vor.

Ein Traum, kurz in einem krampfhaften, kurzen Schlaf, krampfhaft mich festgehalten, in maßlosem Glück. Ein viel verzweigter Traum, enthaltend tausend gleichzeitig mit einem Schlag klarwerdende Beziehungen, übriggeblieben ist kaum die Erinnerung an das Grundgefühl:

Mein Bruder hat ein Verbrechen, ich glaube, einen Mord begangen, ich und andere sind an dem Verbrechen beteiligt, die Strafe, die Auflösung, die Erlösung kommt von der Ferne her näher, mächtig wächst sie heran, an vielen Anzeichen merkt man ihr unaufhaltsames Näherkommen, meine Schwester, glaube ich, kündigt diese Zeichen immer an, die ich immer mit verrückten Ausrufen begrüße, die Verrückung steigert sich mit dem Näherkommen. Meine einzelnen Ausrufe, kurze Sätze, glaubte ich wegen ihrer Sinnfälligkeit nie vergessen zu können und weiß jetzt keinen einzigen mehr genau. Es konnten nur Ausrufe sein, denn das Sprechen machte mir große Mühe, ich mußte die Wangen aufblasen und dabei den Mund verdrehen, wie unter Zahnschmerzen, ehe ich ein Wort hervorbekam. Das Glück bestand darin, daß die Strafe kam und ich sie so frei, überzeugt und glücklich willkommen hieß, ein Anblick, der die Götter rühren mußte, auch diese Rührung der Götter empfand ich fast bis zu Tränen.

 

21. Oktober. Es war ihm unmöglich gewesen, in das Haus einzutreten, denn er hatte eine Stimme gehört, welche ihm sagte: »Warte, bis ich dich fuhren werde!« Und so lag er noch immer im Staub vor dem Haus, obgleich wohl schon alles aussichtslos war (wie Sara sagen würde).

Alles ist Phantasie, die Familie, das Bureau, die Freunde, die Straße, alles Phantasie, fernere oder nähere, die Frau; die nächste Wahrheit aber ist nur, daß du den Kopf gegen die Wand einer fenster- und türlosen Zelle drückst.

 

22. Oktober. Ein Kenner, ein Fachmann, einer, der seinen Teil weiß, ein Wissen allerdings, das nicht vermittelt werden kann, aber glücklicherweise auch niemandem nötig zu sein scheint.

 

23. Oktober. Nachmittag. Palästinafilm.

 

25. Oktober. Gestern Ehrenstein.

Die Eltern spielten Karten; ich saß allein dabei, gänzlich fremd; der Vater sagte, ich solle mitspielen oder wenigstens zuschauen; ich redete mich irgendwie aus. Was bedeutete diese seit der Kinderzeit vielmals wiederholte Ablehnung? Das gemeinschaftliche, gewissermaßen das öffentliche Leben wurde mir durch die Einladung zugänglich gemacht, die Leistung, die man als Beteiligung von mir verlangte, hätte ich nicht gut, aber leidlich zustande gebracht, das Spielen hätte mich wahrscheinlich nicht einmal allzusehr gelangweilt – trotzdem lehnte ich ab. Ich habe, wenn man es danach beurteilt, unrecht, wenn ich mich beklage, daß mich der Lebensstrom niemals ergriffen hat, daß ich von Prag nie loskam, niemals auf Sport oder auf ein Handwerk gestoßen wurde und dergleichen – ich hätte das Angebot wahrscheinlich immer abgelehnt, ebenso wie die Einladung zum Spiel. Nur das Sinnlose bekam Zutritt, das Jusstudium, das Bureau, später dann sinnlose Nachträge, wie ein wenig Gartenarbeit, Tischlerei und dergleichen, diese Nachträge sind so aufzufassen wie die Handlungsweise eines Mannes, der den bedürftigen Bettler aus der Tür wirft und dann allein den Wohltäter spielt, indem er Almosen aus seiner rechten in seine linke Hand gibt.

Ich lehnte aber immer ab, wohl aus allgemeiner und besonders aus Willensschwäche, ich habe das verhältnismäßig sehr spät erst begriffen. Ich hielt diese Ablehnung früher meist für ein gutes Zeichen (verfuhrt durch die allgemeinen großen Hoffnungen, die ich auf mich setzte), heute ist nur noch ein Rest dieser freundlichen Auffassung geblieben.

 

29. Oktober. Einen der nächsten Abende beteiligte ich mich dann wirklich, indem ich für die Mutter die Ergebnisse notierte. Es ergab sich aber kein Nähersein, und wenn auch eine Spur dessen da war, so wurde sie überhäuft von Müdigkeit, Langeweile, Trauer über die verlorene Zeit. So wäre es immer gewesen. Dieses Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft habe ich nur äußerst selten überschritten, ich habe mich darin sogar mehr angesiedelt als in der Einsamkeit selbst. Was für ein lebendiges schönes Land war im Vergleich hierzu Robinsons Insel.

 

30. Oktober. Nachmittag Theater, Pallenberg.

Meine inneren Möglichkeiten für (ich will nicht sagen Darstellung oder Dichtung des ›Geizigen‹, sondern für) den Geizigen selbst. Nur ein schneller entschlossener Griff wäre nötig, das ganze Orchester schaut fasziniert dorthin, wo über dem Kapellmeisterpult der Taktstock sich erheben soll.

Das Gefühl der vollständigen Hilflosigkeit.

Was verbindet sich mit diesen festabgesetzten, sprechenden, augenblitzenden Körpern enger als mit irgendeiner Sache, etwa dem Federhalter in deiner Hand? Etwa daß du von ihrer Art bist? Aber du bist nicht von ihrer Art, darum hast du ja diese Frage aufgeworfen.

Die feste Abgegrenztheit der menschlichen Körper ist schauerlich.

Die Merkwürdigkeit, die Unenträtselbarkeit des Nicht-Untergehens, der schweigenden Führung. Es drängt zu der Absurdität: »ich für meinen Teil wäre längst schon verloren«. Ich für meinen Teil.

 

1. November. Werfels ›Bocksgesang‹.

Die freie Verfügung über eine Welt unter Mißachtung ihrer Gesetze. Die Auferlegung des Gesetzes. Glück dieser Gesetzestreue.

Es ist aber nicht möglich, der Welt nur das Gesetz aufzuerlegen, daß alles sonst beim alten bleibt, der neue Gesetzgeber aber frei sein soll. Das wäre kein Gesetz, sondern Willkür, Auflehnung, Selbstverurteilung.

 

2. November. Vage Hoffnung, vages Zutrauen.

Ein endlos trüber Sonntagnachmittag, ganze Jahre aufzehrend, ein aus Jahren bestehender Nachmittag. Abwechselnd verzweifelt in den leeren Gassen und beruhigt auf dem Kanapee. Manchmal Erstaunen über die fast,unaufhörlich vorbeiziehenden farblosen, sinnlosen Wolken. »Du bist aufgehoben für einen großen Montag!« – »Wohl gesprochen, aber der Sonntag endet nie.«

 

3. November. Der Anruf.

 

7. November. Unentrinnbare Verpflichtung zur Selbstbeobachtung: Werde ich von jemandem andern beobachtet, muß ich mich natürlich auch beobachten, werde ich von niemandem sonst beobachtet, muß ich mich um so genauer beobachten.

Jeder, der sich mit mir verfeindet oder dem ich gleichgültig oder lästig werde, ist zu beneiden um die Leichtigkeit, mit der er mich loswerden kann (vorausgesetzt wahrscheinlich, daß es nicht ums Leben geht; als es einmal bei F. ums Leben zu gehen schien, war es nicht leicht, mich loszuwerden, allerdings war ich jung und bei Kräften, auch meine Wünsche waren bei Kräften).

 

1. Dezember. M. nach vier Besuchen weggefahren, fährt morgen weg. Vier ruhigere Tage innerhalb von gequälten. Ein langer Weg von da, daß ich über ihre Abreise nicht traurig bin, nicht eigentlich traurig bin, bis dorthin, daß ich wegen ihrer Abreise unendlich traurig bin. Freilich: Traurigkeit ist nicht das schlimmste.

 

2. Dezember. Briefschreiben im Zimmer der Eltern. Die Formen des Niedergangs sind unausdenkbar. – Letzthin die Vorstellung, daß ich als kleines Kind vom Vater besiegt worden bin und nun aus Ehrgeiz den Kampfplatz nicht verlassen kann, alle die Jahre hindurch, trotzdem ich immer wieder besiegt werde. – Immer M., oder nicht M., aber ein Prinzip, ein Licht in der Finsternis.

 

6. Dezember. Aus einem Brief: »Ich wärme mich daran in diesem traurigen Winter.« Die Metaphern sind eines in dem vielen, was mich am Schreiben verzweifeln läßt. Die Unselbständigkeit des Schreibens, die Abhängigkeit von dem Dienstmädchen, das einheizt, von der Katze, die sich am Ofen wärmt, selbst vom armen alten Menschen, der sich wärmt. Alles dies sind selbständige, eigengesetzliche Verrichtungen, nur das Schreiben ist hilflos, wohnt nicht in sich selbst, ist Spaß und Verzweiflung.

 

Zwei Kinder, allein in der Wohnung, stiegen in einen großen Koffer, der Deckel fiel zu, sie konnten nicht öffnen und erstickten.

 

20. Dezember. Vieles durchgelitten in Gedanken.

Aus tiefem Schlaf wurde ich aufgeschreckt. In der Mitte des Zimmers saß an einem kleinen Tischchen bei Kerzenlicht ein fremder Mann. Er saß im Halbdunkel breit und schwer, der aufgeknöpfte Winterrock machte ihn noch breiter.

Besser zu durchdenken:

Raabe im Sterben, als ihm seine Frau über die Stirn strich: »Das ist schön.«

Der Großvater, der sein Enkelkind mit zahnlosem Mund anlacht.

Es ist unleugbar ein gewisses Glück, ruhig hinschreiben zu dürfen: »Ersticken ist unausdenkbar fürchterlich.« Freilich unausdenkbar, so wäre also doch wieder nichts hingeschrieben.

 

23. Dezember. Wieder über ›Náš Skautík‹Zeitschrift der tschechischen Scout-Bewegung. Alle Erziehungsprobleme interessierten Kafka. gesessen. ›Iwan Iljitsch‹.Die bekannte Erzählung Tolstois, die neben den ›Volkserzählungen‹ (vor allem ›Die drei Greise‹) von Kafka sehr geliebt wurde.

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