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Tagebücher 1896-1906. Auszüge

Oscar Adolf Hermann Schmitz: Tagebücher 1896-1906. Auszüge - Kapitel 3
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authorOscar Adolf Hermann Schmitz
titleTagebücher 1896-1906. Auszüge
publisherAufbau-Verlag
editorWolfgang Martynkewicz
year2006
isbn3351030975
correctorreuters@abc.de
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1898

 

Frankfurt a/M., Donnerstag, den 13. Januar 1898.

Großer Familienkrieg. Tilly, die sich allerdings recht viel hat zuschulden kommen lassen, von Otto gewissermaßen verstoßen. Alewyn erscheint. Ich zunächst mit ihm verbündet. Wir lassen Tilly auf eigenes Risiko aus Friedrichroda kommen. Otto, in der größten Angst, schimpft, ich antworte ihm, schließlich alles gut. Tilly kommt in eine andere Pension. Alewyn gibt zu, sich in mir getäuscht zu haben. Ich finde in ihm einen Bewunderer. Auch mit Tilly stehe ich wieder sehr gut. Otto ist gewissermaßen eifersüchtig auf meine Freiheit und mein nun immer mehr Anerkennung findendes Talent. Hedwig darf nicht einmal schön finden, wenn ich Klavier spiele, das ärgert ihn. Sie scheint außerordentlich unter ihm zu leiden. Alewyn ist ein sehr unbedeutender Mensch, aber ohne Ottos Arroganz. Ich glaube, das Geld spielt in seiner Liebe zu Tilly keine kleine Rolle. Großmama voll Angst vor Gründlers, aber sie ist feig und spielt Komödie. Richard bummelt, schleppt sich auf den Sofas und Sesseln herum und ist zu schwach, um Interessen zu haben. Er will nun auf eine Kunstgewerbeschule gehen, da ihm das Können fehlt, um seine Entwürfe auszuführen.

Dazwischen eine kleine Liebelei mit einer englischen Tänzerin, namens Edith Thomas, vom Zirkus. Ich hielt sie anfangs dem Äußeren nach für eine geriebene Pariser Kokotte und entdeckte in ihr ein harmloses Geschöpf. Es scheint, daß ein Geliebter erst aus ihrem Herzen verdrängt werden muß. Sie ließ sich mehrmals von mir nehmen, aber sie gab sich nicht eigentlich. Sie ist von wunderbarer Schönheit, ihr Geliebter ist Geschäftsreisender.

Ich treibe englisch, verkehre viel mit Prange, dessen Drama Kain recht talentvoll ist. Mit Richard ist mir der Verkehr, wie ich ihn erhoffte, doch noch nicht möglich. Es ist noch viel Fremdes zwischen uns. Vielleicht bloß seine Jugend. Oft habe ich Mitleid mit ihm und nehme ihn deshalb mit, wenn ich ausgehe.

 

Freitag, den 14. Januar.

Gestern Weidenbusch getroffen. Eine Nacht mit ihm in der üblichen Art verbracht. Viel geredet, getrunken, am Schluß eine Weibergeschichte. Wir sind wieder völlig versöhnt. Sein Verhalten gegen mich läßt nun nichts mehr zu wünschen übrig; er selbst leidet stark unter seiner geistigen Impotenz und sieht daher meine Arbeit mit Mißtrauen an. Er denkt immer noch daran, einmal etwas zu schreiben oder Schauspieler zu werden. Dann erklärt er wieder offen seinen Bankrott, seine Oberflächlichkeit. Er ist mir dennoch einer der interessantesten anregendsten Menschen, die ich kenne, sein Urteil in allen Lebensfragen außerordentlich.

 

Montag, den 17. Januar.

Gestern am einjährigen Todestag Mamas mit Richard auf dem Friedhof. Unterwegs entdeckte er mir, daß er seinen momentanen Zustand nicht länger ertrage, die beständigen impertinenten Demütigungen, die er in der Familie erfahre, wo er nicht ernst genommen wird. Auch ich bin schädlich für ihn, da mein zu großes Interesse seine Bewegungen hemmt. Er sprach, wie seine ganze Jugend ein maßloses Unglück war, daß er nie Liebe zu Papa und Mama gespürt habe, wohl aber zu seinen Geschwistern, die ihn zurückstießen. Er hat Philips eingeladen, der sein einziger wahrer Freund ist. Seine Verbummelung hat zahllose Entschuldigungsgründe. Aber ihn von außen anspornen wollen, heißt ihn lähmen. Wenn überhaupt etwas aus ihm wird, dem beständig auf die Seele getreten wurde und dessen Selbstbewußtsein stets unterdrückt wurde, so kann er es nur allein werden. Ich habe ihm den Mangel an Vertrauen zu mir vorgeworfen, aber er ist eben stets zum Mißtrauen gezwungen worden.

 

Samstag, den 23. Januar.

Philips ist nun angekommen. Seitdem ist mit Richard garnichts mehr anzufangen. Philips will seinen Zustand allzusehr pathologisch erklären. Es ist wahr, Richard ist krank, aber die Hauptsache bleibt seine in der Familie erbliche Energielosigkeit, die durch sein Unglück umso fühlbarer wird. Manchmal ist er wie ein halbes Tier. Ich vertrage seine Atmosphäre nicht mehr. Ich fühle bei dem Zusammensein mit ihm die schlechten Seiten meines Charakters stärker. Philips ist ganz der Alte, außerordentlich klar denkend usw., aber in gewissem Sinne doch beschränkt. Aber ich liebe ihn, was ich von meinen anderen Freunden nicht sagen kann. Ich muß ihn fast ganz Richard opfern, der nicht allein sein kann. Ich weiß nicht, was zwischen mir und Richard ist. Mein Interesse an ihm ist sehr groß, ohne daß ich deshalb seine geradezu idiotenhaften Äußerungen, verbunden mit außerordentlicher Verständigkeit und Intellektualität, ertragen könnte. Sein Unglück schmerzt mich ungemein, ich möchte weinen, wenn ich ihn gekränkt habe, und doch kann ich nicht liebevoll zu ihm sein. Ich glaube manchmal, daß ich ihn sogar hasse.

Wolfskehl und Fuchs waren hier. Mit ihnen, Philips und Richard eine spiritistische Sitzung. Wieder ist Großpapa erschienen. Mit Wolfskehl sprach er mittelhochdeutsch: »Baccalaureus betriege Dich nicht Dein Ehgemahl ei befehet Dein Geschmacke, femebige ah zerbricht – Geilheit hindert Dich an allem Ehegemahl.« Wolfskehl ist gerade verlobt. Auf unsere Fragen wurde geantwortet, ich sei der stärkste im Geist, der Tisch kam bis zu mir, obwohl ich im Augenblick nicht an der Kette teilnahm. Bei mir seien die Instinkte am wenigsten entwickelt. Fuchs sei der stärkste im Fleisch. Richard sei dem Tier am nächsten.

Wolfskehl erzählte mir, was ich früher schon von anderen Seiten hörte, daß meine Arbeiten in Berlin bekannt und sehr geschätzt seien. Wunderbar, wie schnell ich doch dazu gekommen bin.

 

Mittwoch, den 26. Januar.

Philips hat mir das Du angeboten. Das ist mir seit vielen Jahren von niemand geschehen. Niemand wagt es, da ich kalt und lieblos erscheine. Dennoch könnte ich auch mit Philips nicht dauernd zusammenleben, obwohl man selten einen gescheiteren und anständigeren Menschen finden kann. Aber er hat keine Nerven und versteht darum tausend Dinge nicht. Er scheint häufig geschmack- und taktlos.

Wir haben eine Anzahl sehr interessanter spiritistischer Sitzungen gehabt. Mir scheint, daß die geklopften Buchstaben doch eher Manifestationen unseres Unbewußten sind. Zu Richard wurde gesprochen: »Gib die Fahrlässigkeit auf, Du bist zu Großem berufen, ich habe Dich lieb, mein Sohn.« Großpapa sprach wieder, er sei erzürnt auf Großmama. Er gab einen Grund an, der ganz gewiß aus Richards verwahrlostem Unterbewußtsein stammte. »Gefälschte Papiere, Testament, haben Ziffern gefälscht, betrüge Deine Enkel nicht.« Dann hieß es, Otto Gründler habe diese Papiere gefälscht, und schließlich hat dieser angebliche Geist alles widerrufen. Es manifestierte sich ein beständiger Kampf zwischen der Intelligenz David (Großpapa) und anderen Intelligenzen, die sich am Sprechen gegenseitig hinderten. Dann sagte jemand: »man muß bald zu Tilly gehen, aqua noctis.« Richard bildet sich ein, Otto wolle Tilly zum Selbstmord treiben, um sich ihrer zu entledigen. Der Gedanke bestimme ihn, sonst habe Otto sie nicht in eine Stadt geschickt, die am Wasser liegt (Neuwied). Solchen Unsinn verzapft Richard. Dann wurde uns eine Beschwörungsformel gesagt: »Mond rectifer mundi in terra facit, Zephyr ut ignis fides (?) moveret secundus«; dann waren wir zu müde, weiter zu folgen. Das Ganze schien mir eine Manifestation von Richards Wahnsinn.

 

Donnerstag, den 3. Februar.

Nach einiger Zeit völliger Abgestumpftheit, die ein wenig durch den Verkehr mit hiesigen Malern, Trübner, Thoma u. s.w. belebt wurde, habe ich in den letzten Tagen ein außergewöhnliches inneres Leben geführt. In Unterhaltungen mit Philips ist es mir klar geworden, daß ich von niemand geliebt werde, obwohl ich an allen das regste Interesse nehme, obwohl ich keine Gelegenheit vorübergehen lasse, anderen zu nützen. Ich muß wirken, fördern durch Rat und Tat. Philips gibt zu, daß im Verkehr mit mir jeder Nutzen hat, während mir kaum einer nützt. Ohne jegliche Empfehlung habe ich mir in der Literatur bereits einen Namen gemacht, während ich stets bereit bin, durch meine Empfehlungen anderen zu helfen. Philips meint, daß ich mir durch kleine Äußerlichkeiten, gelegentliche Schroffheit alles verderbe. Außerdem liebe man vorzugsweise die Schwachen, nicht den, der stets auf die Füße fällt und sich trotz all seiner Nöte selber helfen kann.

In der Tat ist etwas in mir, was das quellende Leben, auch in meiner Kunst, hemmt. Dieses »Dinge gesehen haben müssen«. Nur aus diesem Grunde will ich jetzt nach London gehen. Ich mehre mein Wissen, aber das Innenleben wird dabei zu wenig kultiviert. Auch Hermann vermißte in meinen Arbeiten den direkten Bezug zur Natur. Es ist wirklich zu viel Fremdes in mir. Ich war nahe daran, meine englische Reise aufzugeben, zumal, da alle diese Dinge wieder auf dasselbe hinausgehen, was mir Weidenbusch und Wolfskehl sagten. Bald aber merkte ich, daß nun London doch einmal dazu gehört, daß ich das Nicht-dort-gewesen-sein als Lücke empfinden würde. Es muß also doch durchgemacht werden. Vorher aber gehe ich, um diesen Konflikt auszureifen, auf 4 Wochen an den Gardasee. London ist wohl die letzte große Station, auf welcher mich mein Intellekt auszusteigen zwingt. Dann werde ich wohl ruhiger leben können, mich den Ereignissen überlassen, ohne vorher zu wissen, was ich im nächsten Monat tun muß. Aber auch in London, wenn ich erst einmal dort bin, werde ich viel triebhafter zu leben versuchen, als ich in Paris tat, da doch meine Neugier erheblich geringer ist, als früher. Es wird mich dann allerdings auch noch reizen, einen Winter in Berlin zu leben, von dessen kultivierten Kreisen Wolfskehl in den höchsten Tönen gesprochen hat. Das aber wird mit meiner instinktiven Lust so wie so zusammenfallen. An den Gardasee nehme ich Homer, Goethe, Cervantes und einige katholische Lektüre mit. Einfachheit, große Linien, das ist mein Ziel.

Dieser ganze Konflikt fällt mit dem Erwachen des Frühlings zusammen. Ich kann die Tagesstunde angeben, wo es begann, sich zu regen. Neulich nachmittags kam ich gegen 5 Uhr meiner Gewohnheit gemäß nachhause, um englisch zu treiben. Aber ich konnte diese trockene Arbeit, die mir wochenlang durchaus entsprach, nicht vollbringen. Ich legte mich auf das Sofa, rauchte eine Zigarette und verfiel in Halbschlummer. Es schwirrten mir alte Gedichte von mir durch den Kopf, neue gestalteten sich, und als ich erwachte, war ich wie neugeboren, wie im vorigen Frühling, als ich aus der Fabrik in Sèvres heraustrat und es plötzlich Sommer geworden war. Dies war allerdings einige Monate später.

Besonders die häuslichen Verhältnisse sind unerträglich. Ich kann zu Richard keinen Ton finden. Er bummelt, verschwendet, macht leere Redensarten. Ich fahre ihn an, obwohl ich weiß, daß ich seinen halbkrankhaften Zustand dadurch verschlimmere. Philips nimmt sich seiner mit Liebe an, gibt ihm aber zu viel nach. Er hat ihn nun zu dem endlichen Entschluß gebracht, zu arbeiten. Auch Großmamas Art ist unerträglich. Ein Gemisch von Güte und Kälte. Ich beherrsche mich nicht genug. Bewundernswert die verständige Ruhe ihrer Gesellschafterin, Fräulein Schreiber. Auch mit Philips viel Streit, der oft taktlos ist. Aber nun ist alles besser. Seit einigen Tagen bin ich verwandelt. Auch die Todesgedanken, die mich schon in Paris bisweilen befielen, in den letzten Wochen hier unerträglich wurden, vielleicht gefördert durch die spiritistischen Sitzungen, sind bedeutend schwächer, obwohl die Vorstellung eines frühen Todes nicht von mir weichen will. Beschäftigt sich je ein Mensch so stark mit diesen Gedanken, wenn nicht ein naher Tod bereits seine Schatten wirft? ich weiß es nicht. Auch die Lektüre von Eliphas Levi ist daran schuld, denn seitdem quält mich auch die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens.

 

Fasano am Gardasee, Montag, den 14. Februar.

Ich bin über Bozen und Arco hierhergereist. In Bozen im Bazzenhäusel mit zwei deutschen Malern Schwabe und Kraus, die ich dort kennen lernte, bis frühmorgens beim Wein gesessen. In München 3 Stunden bei Stern, der vergnügt und zufrieden als Philosoph dahinlebt und noch immer die beruhigende, gütige Art hat, wie früher. In Arco die alten geliebten Stätten wieder aufgesucht, aber niemand wiedergefunden. Seit Freitag hier, mein Zustand sehr zu seinem Vorteil verwandelt. Meine »Elegiae Benacenses« sind des Zeuge. Ich wohne in einem kleinen Pavillon am See bei vortrefflichen italienischen Wirtsleuten. Ein neunjähriges Töchterchen hat mich besonders ins Herz geschlossen. Sie bringt mir Veilchen ins Zimmer. In einem Schulaufsatz in Briefform schreibt sie über mich, als von einem »celebre poëta«, der bei ihnen wohnt. Niemand habe ich gesagt, was ich bin, sie ist von selbst dahinter gekommen. Ich stehe gegen 9 auf, vormittags arbeite ich, lese und wandle ein wenig in dem Garten am See umher. Nachmittags ziehe ich durch die Berge. Zwischen Olivenwäldern, alten ruinenhaften Dörfern, Lorbeerwegen, dazwischen Ausblicke auf den halbinselreichen See, ringsum grüne Hügel, blaue Berge, hintereinander gelagert. Gegenüber ein schneebedeckter abends glühender Bergrücken, die Hügel oft mit zypressenumstandenen Hütten gekrönt. Man kann den ganzen Tag im Freien sitzen, obwohl es für hiesige Begriffe kalt sein soll. Ich nehme die Mahlzeiten in einer Pension, wo ich auch die Abende verbringe. Gesellschaft recht angenehm, wenigstens habe ich mich mit zwei klugen Holländerinnen, Ende der zwanziger Jahre, etwas angefreundet. Unterwegs bin ich von einer unbeschreiblichen, beglückenden Produktivität (Orpheus, Maria Magdalena etc.).

 

Samstag, den 19. Februar.

Das Wetter täglich wärmer. Um 10 Uhr früh trage ich meinen Sessel in den Garten und arbeite, lese, besonders Homer, bis zu Tisch. Nachmittags herrliche Spaziergänge mit dem Don Quixote in der Tasche. Abends in der Pension mit den beiden Holländerinnen. Sonst verkehre ich mit niemand. Die Folge davon ist, daß mich die etwas idiotische Gesellschaft der Pension anfeindet. Aber ich fühle mich wohl dabei.

Das Charakteristische unseres Münchener Kreises war dies: man sagte nichts zueinander, sondern man meinte stets: man könnte hier sagen u.s.w.

Das aufstrebende Deutschland ist darum weniger dekadent, als Frankreich, weil seine Frauen noch bedeutend gesünder sind.

Neulich einen Tag in Brescia gewesen. Eine lebendige, sehr italienische Stadt.

 

Montag, den 28. Februar.

Viel Regen und Wolken, dennoch vormittags im Garten. Die Arbeit geht gut vorwärts. Nachmittags meist in Gardone, wo ich mich anläßlich der Dreyfus-Affaire wütend in die Zeitungen gestürzt habe. Abends mit den beiden Holländerinnen in einem Salon der Pension zusammen. Sie verwöhnen mich ein bischen. Die übrige Gesellschaft schaut uns mit scheelen Augen an. Die Töchter meiner Wirtsleute bekränzen mein Bett und füllen mein Zimmer mit Blumen. Manchmal habe ich den Verdacht, als ob sie damit Absichten verfolgten. Ich fühle mich ganz wohl, fürchte aber fast täglich, krank zu werden und bin dabei ungemein leichtsinnig mit meiner Gesundheit. Das kleine englische Mädchen aus dem Frankfurter Zirkus schreibt bisweilen. Sie tanzt augenblicklich in Holland.

Mein politisches Ideal wäre eine Feudalverfassung mit der Voraussetzung eines hochkultivierten Adels, der zugleich immer das beste Publikum für die geistigen Werte abgibt. Der Besitz muß natürlich da sein, irgend wie einmal durch einmaligen Akt oder gelegentliche Akte gewonnen sein, nicht aber durch ein Leben voll Erwerb. Die Erwerbsstände sind keiner Kultur fähig. Wo der Adel verfällt, drängt sich Individualismus, Majorität und Geldmacht vor. Der Besitz ist zwar die Erbsünde der Gesellschaft, darum ist niemand vollkommen rein. Auch der Heilige ist ja von der Erbsünde befleckt. Das Erwerben dagegen ist Weitersündigen. Darum ist zur hohen Kultur nur eine Klasse fähig, die nicht durch Erwerbsrücksichten geleitet wird, notwendigerweise aber von der Erbsünde behaftet sein muß. Da eine solche Gesellschaft heute nicht mehr möglich ist, kann man in der Verstaatlichung, d.h. in der Sozialisierung der materiellen Angelegenheiten von Staatswegen doch manches Gute sehen. Andernfalls kommt der Krämer zur Herrschaft.

 

Dienstag, den 15. März.

Ich habe mich nun endlich wieder in einen Zustand emporgeschwungen, wie ich ihn ja kurze Zeit auch im vorigen Juni in Paris hatte, wo ich mit Lust lebe. Alle Todes- und Krankheitsgedanken haben mich verlassen. Ich genieße mit Bewußtsein. Meine Dichtungen Orpheus und Magdalena, die hier in den Bergen entstanden sind, bedeuten für mein Schaffen eine neue und sicher gesundere Zeit. Ich genieße Italien, die Schönheit der Bewegungen auch in den niedrigsten der Menschen, denen man anmerkt, daß sie aus dem Lande Leonardos sind, während man bei den Deutschen selten fühlt, daß sie Landsleute Goethes sind. Bei uns hat eben das Volk garnichts mit den Kulturwerten zu tun. In Deutschland, aber auch in Paris ist es eine Qual, wenn man Besorgungen machen muß. Hier ist es ein Vergnügen, zum Schuster, zur Wäscherin zu gehen, denn alle haben Schönheit in ihren Lebensäußerungen.

Seit vorgestern ist Stern hier. In lebhaften Gesprächen durchstreifen wir die Berge. Aber dennoch ist meine Ruhe ein wenig durch ihn gestört. Nichts ist mir gefährlicher, wie ich jetzt sehe, als zu lebhafter Verkehr mit intellektuellen Freunden. Ein stiller Verkehr, wie mit den beiden Holländerinnen, ist mir viel zuträglicher. Ich brauche eine beruhigende Atmosphäre um mich.

Spätere Randbemerkung: Ich habe einen Monat lang keine Aufzeichnungen gemacht. Der Aufenthalt in Fasano war weiter sehr befriedigend, besonders freundete ich mich mit meinen italienischen Wirtsleuten an. Dagegen kam es zu einem furchtbaren Skandal mit den übrigen Pensionsbewohnern. Ich reiste dann über Frankfurt nach London durch Belgien. In Frankfurt erhielt ich einen glühenden Liebesbrief von einer verheirateten Tochter meiner italienischen Wirtsleute, mit der ich bisweilen am Herdfeuer zusammen gesessen hatte, Teresina. Sie hatte mir unendlich gefallen, aber ich hatte niemals die Initiative ergriffen, weil sie mir vollkommen unzugänglich schien und mir die italienischen, gesellschaftlichen Verhältnisse nicht übersichtlich genug waren, um mich auf ein so ungewisses Terrain zu wagen. Es entspann sich nun zwischen ihr und mir eine lebhafte Korrespondenz. In Köln traf ich die kleine Ethel, hatte aber eine wenig befriedigende Nacht mit ihr, da sie bei all ihrer Liebheit doch das nichtssagende, temperamentlose, englische Mädchen blieb.

 

London, den 18. April, Montag.

Hier scheint anfangs alles häßlich. Aber so, wie man in kalten Ländern wegen der trefflichen Feuerungsgelegenheiten weniger friert, als im schlecht geheizten Süden, so scheint sich hier die Gesellschaft gegen die Häßlichkeit verschworen zu haben, indem sie eine Kultur schuf, der Häßlichkeit zum Trotz, die intensiver ist, ja intensiver sein muß, als die lachende Kultur des Südens, die das Individuum mehr sich selber überläßt. Im Süden wächst die Schönheit wild, hier ist zunächst alles häßlich, man muß die Schönheit erst züchten. Man darf nicht die Gegenstände sehen, sondern man muß malerisch sehen, die Atmosphäre, welche darum ist. Im Süden dagegen sieht man plastisch und gegenständlich. Besonders häßlich ist die City. Aber sie hat auch gar nicht die geringste Prätention auf Schönheit und dadurch hat sie doch Stil. Die continentalen Städte sind meist ebenso häßlich, aber man hat das Streben, die Häßlichkeit zu verkleiden, und dadurch entsteht jene billige stillose Verzierungskunst. Diese Pseudoschönheit aber steht dann der wahren Schönheit im Wege. Hier gibt es jene continentale Mittelkultur nicht. Eine bevorzugte Klasse hat sich gegen die Misere des Daseins verschworen und durch eine hohe Kultur dagegen geschützt, so wie man aus dem geheizten Hause kommend, in seinen Pelz geschlagen, gern in der Kälte promeniert, ohne daß einer behaupten könnte, die Kälte sei an sich angenehm. So kommt man aus dem Kontrast dazu, London schön zu finden. Diese Kultur ist um so geschlossener, als sie sich nicht nur sozial abschließt, sondern auch geographisch durch die Insellage gegen die übrige Welt. Fremde Kulturen erscheinen dem Engländer zwar interessant, aber er denkt kaum daran, sie mit der seinen zu vergleichen. Es ist eben etwas ganz anderes. Der Franzose dagegen findet fremde Kulturen eo ipso unterlegen, kaum interessant, der Deutsche aber findet sie eo ipso überlegen und sucht sie nachzuahmen. Man läßt in England das äußere Leben ruhig häßlich sein und verschanzt sich in sein »home«. Niemand würde daran denken, einem Handelshause eine ästhetische Fassade zu geben. So ist die englische Kultur völlig logisch, wie die italienische, obwohl infolge der verschiedenen Voraussetzungen genau entgegengesetzt. Deutschland zu unausgesprochen zwischen Norden und Süden schwankend.

 

Mittwoch, den 4. Mai.

Zum ersten Mal fühle ich jene neugierige Hast von mir weichen, war ja doch auch London die letzte Station meiner intellektuellen Neugier. Ich suche nichts mehr, ich lasse alles an mich herankommen, ich lebe wie in einer Atmosphäre, in die nichts hineindringt, was nicht soll. Sehr einsam. Etwa alle drei Tage sehe ich meine Bekannten. Die Gewohnheit des frühen Schlafengehens habe ich beibehalten, bin viel gesünder, minder nervös. Ich habe mich mit Ausnahme einiger Wochen in Fasano seit vorigem Juni nicht so wohl gefühlt, aber viel ruhiger. In meiner Einsamkeit freuen mich die glühenden, liebevollen Briefe Teresinas. Ich soll sie im Juli in Mailand sehen. Die heiteren ruhigen Briefe eines kranken Berliner Fräuleins, welches mir auf meine Novelle Eos hin, die in der Freien Bühne erschienen ist, geschrieben hat, erfreuen mich auch. Vormittags lese ich Emerson, nachmittags besuche ich Galerien, langsam und ruhig. Bisweilen etwas Produktivität. Ich denke viel an meine Rückkehr nach Deutschland, worauf ich mich freue, ohne aber die Zeit beschleunigen zu wollen.

Nachtrag: In Fasano kam es zuletzt zu einem Massenaufstand der pöbelhaften Tischgesellschaft gegen die Holländerinnen und mich. Mit Stern bin ich bis Modena und Parma gereist. Dann am Gardasee Henry Thode kennen gelernt, einen feinkultivierten Menschen, mit dem ich einen längeren Spaziergang machte. Dann reiste ich mit den Holländerinnen über Riva bis Brixen. In Frankfurt einige ruhige Tage mit Großmama und Philips. Er war recht niedergedrückt von seiner Unproduktivität, fast möchte man's Ohnmacht nennen. Richard ist in Berlin, ich höre nichts von ihm, weiß nur, daß er sich von der freiwilligen Bevormundung Philips' losgesagt hat. Tilly immer noch in Pensionen. Otto vernachlässigt sie. Sie hofft immer noch, Alewyn zu heiraten. Otto habe ich gar nicht, Hedwig kaum gesehen. In Brüssel hatte ich einige nicht sehr anregende Tage mit Gérardy. In Lille, wo ich des Museums wegen war, brachte mich der Dämon in eine sehr unangenehme Verwickelung, die aber gut ablief. Schreckliche Seekrankheit auf der Überfahrt.

Unter meinen hiesigen Bekannten ist keiner, der mich besonders fesselt. Arthur Symons scheint mir oft recht leer. Yeats und Lionel Johnson, ebenso Max Beerbohm sehr interessant, doch sind wir uns noch nicht sehr nahe getreten. Auch der Maler William Rothenstein interessiert mich. Von künstlerischen Eindrücken muß ich besonders Dante Gabriel Rossettis Bilder nennen und eine Vorstellung von Julius Caesar in Her Majesty's Theatre.

 

Den 21. Mai.

Die Sehnsucht nach Teresina wird so groß, daß ich meinen Londoner Aufenthalt wirklich abkürzen will. Ich hoffe, in 14 Tagen zu reisen. Ich denke kaum an etwas anderes, als sie. Es ist, als sei mein Leben mit einer edleren Essenz erfüllt. Auf jeder Handlung, jedem Gedanken liegt ein Abglanz von ihr. Auch ihre Briefe werden immer drängender. Ich fühle meine Neugier ganz gestillt, mein Geist ist viel zentralisierter. Meine einzige Unruhe ist Teresina, aber diese Unruhe liebe ich. Meist bin ich allein. Vormittags lese ich, meist englische Literatur, augenblicklich den vortrefflichen Pater. Nachmittags in Museen, abends oft allein. Von Zeit zu Zeit sehe ich meine Bekannten, mit denen ich bisweilen diniere. Die Opernabende im Covent Garden gehören zu dem besten. Bisweilen treffe ich auch den famosen van Rooy, einen der wenigen würdigen Wagnersänger, den ich von Frankfurt her kenne. Übermorgen kommt Davray hier an.

 

Gargnano am Gardasee, Samstag, den 18. Juni.

Am vorigen Sonntag früh habe ich London verlassen. In der letzten Zeit war der Aufenthalt oft recht angenehm durch die mir gewährte Gastfreundschaft mehrerer Familien, meistens englischer, besonders aber der deutsch-englischen Familie Mond, die Geselligkeit im allergrößten Stile treibt, sowie durch die Anwesenheit Davrays und die Gesellschaft des liebenswürdigen jungen Fothergill, den ich zufällig in einem Restaurant bei Soho Square kennen lernte. Allerdings erwartete Fothergill von unserem Verkehr etwas, was über den Gedankenaustausch zweier intellektueller Menschen weit hinausgeht und was ich ihm zu gewähren aus physischen Gründen nicht imstande war.

Ich reiste wieder über Frankfurt, wo ich die beiden Holländerinnen sah, die mich nun aber gründlich zu langweilen beginnen. Wir waren einen Tag zusammen in Homburg bei Großmama, wo ich auf einer Waldpartie einen ungemeinen Genuß in dem Wiedersehen meiner heimatlichen Landschaft empfand. Nach allen meinen Reisen scheint mir diese Landschaft doch die schönste zu sein. Noch diesen Sommer denke ich dort einige Wochen zu verweilen. Dieses Gebiet und Italien sind die Böden, auf denen ich am besten gedeihe.

Gestern habe ich endlich Teresina wiedergesehen. In der nun unbewohnten Villa Cipani eingesperrt, habe ich 9 Stunden wie ein Gefangener gesessen, da niemand meine Anwesenheit in Fasano ahnen durfte. Ich habe mich in den Mittagsstunden, wo alles schläft, von einem zuverlässigen Bootsmann hinrudern lassen und wurde durch ein kleines Gartenpförtchen von der einen der Schwestern eingelassen und in den Pavillon geführt. Vier von den Stunden dort war Teresina bei mir. Natürlich wie jedes erste Zusammentreffen war die Situation mehr erregt, als glücklich. Wir waren beide nervös, ich hatte einen leeren Magen, das Zimmer war unbequem, wir wurden beständig von der Mutter, sowie den Schwestern überrascht, die uns mit Vorwürfen überhäuften. Endlich brachte Orsolina etwas zu essen. Auch der Wein in den leeren Magen bekam mir nicht besonders. Aber wir haben uns wenigstens wiedergesehen und können nun geduldig den Tag abwarten, wo Teresina aufs Land geht, wohl am 1. Juli nach Lugano. Ich bleibe solange hier. Die Sache ist übrigens bedeutend gefährlicher, als es anfangs schien. Aber die ganze Familie sieht unsere Liebe wie eine Naturnotwendigkeit, ja eher wie ein Unglück an, womit man Mitleid haben muß. Ich versprach, dieses Unglück durch große Vorsicht und Rücksicht möglichst zu mildern unter der Bedingung, daß man uns keine Schwierigkeiten in Lugano macht. Dafür habe ich der Familie versprochen, nicht mehr nach Fasano zu kommen. Nachdem Teresina weg war, kamen Amalia, Orsolina und la mamina herein. Eine nach der anderen überschütteten mich mit Vorwürfen, verrieten aber durch jeden Blick und jedes Wort, daß sie mich gern haben. Gegen Abend brachte Amalia ein Kotelette, Orsolina eine Limonade und so fort, beständig voller Besorgnis um mich. Ich fürchte, daß sie gegen Teresina weniger gut sind, wenn sie mit ihr allein sind. Sie halten sie etwas für verrückt.

Heute früh habe ich mich hier installiert und denke, die Wartezeit einsam mit meinen Studien zu verbringen. Spätrömische Prosaiker. Ich habe mit Petronius begonnen. Meine Gesundheit ist erheblich besser geworden seit ca. anderthalb Monaten. Durch frühes Aufstehen, Schwimmen und Rudern etc. denke ich mich noch mehr zu kräftigen. Die »vie de noceur« habe ich schon seit fast 4 Monaten aufgegeben, seit 2 Monaten ohne jedes Bedauern.

 

Lugano, Sonntag, den 3. Juli. 1898.

Nachdem ich in Como einige einsame arbeitsreiche Tage auf Teresina wartend verbracht, habe ich sie endlich am 28. Juni in Monza getroffen. Reise nach Como zusammen. Im Hotel anfangs große Verwirrung auf beiden Seiten, die sie durch ungemeinen Takt zu mildern wußte. Teresina liebt mit dem ganzen Realismus der wahren Leidenschaft, und ich begegne ihr mit dem ganzen Idealismus einer großen Sehnsucht. Sie war im Gefühl noch ganz jungfräulich, da die Brutalität ihres Mannes ihre Sinne nie entzünden konnte. Ihre Liebe ist so aufrichtig und selbstverständlich. Keine Spur von Prüderie und Heuchelei, und dabei delikat und taktvoll, vielleicht etwas egoistisch. Ich glaube, wenn ich sie nicht mehr liebte, würde sie mich lieber tot wissen. Aber ich kann sie nicht so lieben, wie sie mich. Ihr Gesicht könnte nicht schöner, ihre Liebe nicht zartfühlender und zugleich unverhüllter sein, und doch bin ich nicht vollkommen berauscht. Sie möchte Mutter werden, und diesen Wunsch teile ich fast. Sonst lebe ich allein hier in der schönsten Natur und in jeder Hinsicht unter günstigen äußeren Umständen. Zwei bis dreimal wöchentlich kommt Teresina herüber, die in der Nähe in der Sommerfrische ist, in Rivera Bironico.

 

[Teil gelöscht. Re.]

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