Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Benno Rüttenauer >

Tagebuch einer Dame

Benno Rüttenauer: Tagebuch einer Dame - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/ruettena/tagebuch/tagebuch.xml
typeBenno Rüttenauer
authorfiction
titleTagebuch einer Dame
publisherPiper & Co.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectidc9e68c00
Schließen

Navigation:

Heidelberg.

(Fortsetzung.)

Mittwoch nach Pfingsten.

Wieder einmal habe ich wochenlang mein Tagebuch vernachlässigt. Mein Roman »Erste Liebe« hat mich zu sehr in Anspruch genommen.

Ob er auch was wird? Wie immer, kommen mir Zweifel; es liegt doch vielleicht zu wenig in dem Stoff. Der einzige originelle Zug, der sich in äußerer Handlung ausspricht, ist mein improvisierter Besuch an der Wiege des Kindes in Abwesenheit Erichs und seiner Frau.

Wenn ich das gut in Relief bringe ... aber wird es genügen?

Ich bin wieder sehr entmutigt; nun, mag's denn meinem Tagebuch zugute kommen. Meine Erlebnisse der letzten Tage muß ich überhaupt notwendig aufschreiben.

Es waren die Pfingsttage, und worauf wir uns schon so lange kindlich gefreut, wir haben es ausgeführt: wir sind in den Schwarzwald gefahren.

In St. Georgen, einer Station der Schwarzwaldbahn, sind wir ausgestiegen; von hier wollten wir zu Fuß nach dem Titisee wandern, dann den Feldberg besteigen und am dritten oder vierten Tag mit der Höllentalbahn nach Freiburg fahren.

Wir waren gegen Mittag in St. Georgen angekommen, und hatten also bis zum Abend eine schöne Wanderzeit vor uns.

Hier aber war es fast noch Vorfrühling. Wir wanderten durch eine Landschaft von melancholischer Eintönigkeit: grüne Matten und weitzerstreute schwarze Waldflecke; nur hier und da in geschützter Einsenkung, von einem Wasserrinnsaal durchzogen, war es stellenweise bunt von Blumen, von Anemonen und Ranunkeln und den großen gelben Butterblumen, die üppig zu ganzen Haufen standen, wo es zu ihren Füßen rann und rieselte. Ich raunte leise:

Als Hirtenbüblein unter Blumen liegend,
Von Königstöchtern träumt ich und von Feen,
Die abends Mütterchen, ihr Jüngstes wiegend,
In Märchenzauberkreisen mich ließ sehen.

Georg sah mich dankbar und glücklich an.

Dann führte unser Weg durch den Wald. Da standen zwischen üppigem Moos die schönen Fiederblätter des Engelwurzfarn, dazwischen streckte der mythische Bärlapp seine schlanken grünen Finger hervor, und von den alten Riesentannen hingen graue Flechten in langen, bartigen Zotteln. Ich hätte jauchzen mögen vor Lust und Entzücken; es war mir, als sehe ich zum erstenmal in meinem Leben den Wald. Wirklich war er mir in solch geheimnisvoller Schönheit noch nicht vorgekommen.

Langgezogene Töne eines Singvogels durchzitterten von Zeit zu Zeit die tiefe Stille; Georg erklärte mir, es sei der Kreuzvogel.

Wir hatten uns an der Hand gefaßt und wanderten wie im Traum.

Wir schwiegen lange; wir fühlten unsere Seelen so innig verschmolzen, so eins in Fühlen und Denken, daß wir der Worte nicht bedurften.

Ich erlebte einen der schönsten Glücksmomente meines Lebens.

 

Erst spät am Abend näherten wir uns einem Dorfe in einer Talmulde. Ein massiger Kirchturm mit zweiseitig abgeschrägtem Schindeldach ragte daraus empor; nur etwa ein Dutzend Häuser lagen um die Kirche gruppiert, die meisten Gehöfte schauten in zerstreuter Vereinzelung von den grünen Halden und Lehnen hernieder. Das Ganze wies auf alteingesessenes Großbauerntum.

Georg nannte mir den Namen des Dorfes; er klang mir seltsam im Ohr, wie wenn ich ihn schon in sehr wichtigem Zusammenhang gehört hätte. Freilich bin ich dir bekannt, schien er mir zu sagen, besinne dich nur, du wirst schön überrascht sein, wenn du mich erkennst.

Aber umsonst sagte ich den Namen wiederholt vor mich her.

Ein breit daliegender reicher Bauernhof zunächst der Kirche, mit zwei riesigen Linden auf dem Rasenplatz davor, trug auf einer ausgedehnten Tafel die Inschrift: »Gasthaus zu den drei Raben«. Die Gaststube war niedrig, aber von verblüffender Ausdehnung und ganz in brauner Holztäfelung.

In der Ecke des weit vorspringenden grünen Kachelofens, an einem altmodischen Schragentisch, nahmen wir Platz. Es war empfindlich kühl geworden, und die leise verhaltene Wärme des Ofens tat wohl. Besetzt war sonst nur noch ein Tisch in der vorderen Ecke der Stube, wo das große hölzerne Kruzifix hing. Hier saß ein halbes Dutzend junger Burschen und spielte Karten; auch ein Soldat war darunter.

Während Georg mit dem Wirt verhandelte – es war eine kräftig große, nur ein wenig vorgebeugte Gestalt, mit seinem altem Bauerngesicht, so, wie Hans Thoma hie und da eines verewigt – mußte ich immer wieder den Namen des Dorfes leise wiederholen, und auf einmal hätte ich fast laut hinausgeschrien. Plötzlich erinnerte ich mich ...

Ja, das mußte es sein; wenigstens der Name stimmte. Ich hatte ihn wie oft von ihr aussprechen hören; es müßte nur sein: Dorfnamen wiederholen sich gern.

Ich brannte vor Ungeduld, bis ich meine Frage beim Wirt anbringen konnte.

»Franziska Reichenbühler,« wiederholte der Wirt langsam, »wohl, wohl.«

Also es war so. Ahnungslos war ich in den Geburtsort meiner Schwägerin geraten.

Sie selber hätte das wohl auch nie geahnt; sie hätte sonst den Namen gewiß ewig verschwiegen.

»Kennen Sie die Franziska? Da sind Sie am Ende gar ...« Der Alte lupfte sein gesticktes Käppchen.

»Ich bin Ottilie von Plessenberg.«

»Das trifft sich gut,« erwiderte er, »da drüben sitzt grad eben der Felix, ihr Ziehbruder, und kartelt. Schauen's den Soldaten, das ist der Felix; er ist über Pfingsten in Urlaub.«

Der junge Mann wurde herbeigerufen, und was ich nun erfuhr, trieb mir die Schamröte ins Gesicht.

Die Franziska hatte also gelogen von vornherein; sie war gar nicht von alter Bauernaristokratie. Ihre Herkunft war vielmehr so beschämend als möglich. Als uneheliches Kind einer Taglöhnerstochter, die bei ihrer Geburt starb, war sie der Gemeinde anheimgefallen, und gegen eine jährliche Vergütung war sie auf dem Hof des Bauern Hablützel aufgezogen worden.

Mit sechzehn Jahren hat der Bauer sie weggeschickt, weil sie in keiner Weise mehr gut tun wollte.

Dann hatte man im Dorf nie wieder etwas von ihr gehört, bis vor zwei Jahren; da kam ein Brief von ihr aus München an den Bürgermeister wegen der nötigen Papiere zu ihrer Verheiratung mit dem Grafen von Plessenberg.

So hatte sie es geschrieben.

Infolge dieses Briefes war im Dorfe wochenlang von nichts die Rede gewesen, als von der Franziska Reichenbühler, die einst ein Gemeindekind war und nun eine Gräfin wurde. So kam es auch, daß der Rabenwirt sich so schnell an ihren Namen erinnerte, der ihm vorher, wie jedem andern, längst aus dem Gedächtnis entfallen war.

Ich aber konnte nicht widerstehen, ich mußte eine kleine Rache üben. Ich ließ mir, was ich sonst nie tue, eine Ansichtskarte von den »Drei Raben« geben – denn welches noch so verlorene Wirtshaus hätte heut keine Ansichtskarten – und schickte sie ihr. Kein Wort dazu; sie wird schön erschrocken sein.

In hohem Grad entrüstet war ich über Walter. Das liebe Brüderchen muß doch zuletzt durch die amtlichen Papiere alles erfahren haben. Was er sich da nur von ihr hat weismachen lassen, noch einmal nachträglich!

Sei es: Wenn ein Mensch durchaus betrogen sein will ... aber daß er nun auch uns belog, seine Familie, das war doch schändlich.

Wie hatte Wehrmüller recht in allem, was er über das Frauenzimmer sagte. Und Botho, den ein feines Gefühl gewarnt hat, und der nachher die erste scheußliche Erfahrung mit ihr machen mußte!

Ich selber sollte freilich Walter etwas milder beurteilen; sie hat ja mich sogar bestochen mit ihrer Schönheit, sogar das schwarze Hemd hat mir an ihr imponiert, so 'ne Gans war ich.

 

Aber hinweg von mir, Lüge! Hinweg, moralisches Elend!

Ich denke an den andern Tag, an den verzauberten Titisee; ich denke an die Kuppel des Feldbergs, an rauschende Wasser zwischen schwarzem Moos und gelben Blumen – aber große, unendliche Natur, wer vermag deine Schönheit auszusprechen?

Nur noch ein Wort über Freiburg.

Nie in München hat mich der Katholizismus im geringsten sympathisch berührt, auch nicht in seinen Kunstschöpfungen, die alle, außer der Frauenkirche, dem späten Katholizismus angehören, dem Katholizismus des Barock und des Jesuitismus, dem Katholizismus eines Leo, eines Louis – Louis Quartorze, eines, na, sagen wir eines August des Starken.

Und ein solcher Stil sollte aus der Religion geboren sein! Nein, die große babylonische Hure, um mit Luther zu reden, war seine Mutter, nämlich die Hoffahrt der Welt; der religiöse Wahnsinn aber war sein Vater, und Herrschsucht und Sinnlichkeit waren seine Ammen.

Den Künstlern mag sowas schmeicheln; aber was hätte eine solche Kunst dem religiösen Gemüt zu sagen? Vor allem, was hätte der Geist dieser Kunst mit dem Christentum zu tun? Eine solche Kunst mag noch so stolz und hochmütig auf den Protestantismus sehen; sie ist doch seine glänzendste Rechtfertigung.

Was anderes ist dieser Münster zu Freiburg. Seine Fenster aus dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert sprechen eine Sprache wie blutige Symbole; ihre tiefe, reiche Symphonie in Farben ist wie die Orchestration zu »O Haupt, voll Blut und Wunden«, und wahrhaft religiöse Schauer wehen einen an von diesen Nischen und Gewölben; man fühlt sich in dem Haus der ewigen Sakramente.

Wahrlich, dieser Münster könnte ein schwaches Gemüt zum Katholizismus verführen!

Und warum?

Es ist klar: weil er aus einer Zeit des Katholizismus stammt, wo sich der Protestantismus noch nicht davon losgelöst hatte, sondern noch darin stak, wo sozusagen der Protestantismus noch die Seele des Katholizismus war.

Nachher hat sich die Seele von ihm getrennt. Der Geist des Christentums ist von ihm ausgezogen und in der hohlen Form hat der Jesuitismus sich eingenistet, wie Spatzen in einem verödeten Schwalbennest.

*

 

*

 

Pfingstwoche. Donnerstag.

Bin ich ein schlechter Mensch, oder bin ich nur eben ein Weib? Muß ich mich verachten, oder wäre es möglich, daß andere auch so sind?

Ich sehe mir ernst und prüfend ins Gesicht, und wahrlich, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll.

Dieser Pfingstausflug! Wie seltsam!

Ist nicht er es, der das gewisse Etwas in meiner Natur, das ich für immer versunken glaubte in dunklen Tiefen, wieder aufgepeitscht hat? Ich hielt, was ich davon zurückbrachte, für heiligste Exaltation. Ich fühlte meine Seele blühen wie den Frühling draußen.

Und ehe man sich versteht, soll man sowas als Giftblüte erkennen und ihre Frucht als Sünde ...

Ich dachte zuerst wahrhaftig nichts Böses. So wenig als das erstemal, als er mich besuchte. Warum soll ein so naher Zimmernachbar mich nicht hin und wieder besuchen? Er ist zudem Historiker; wir haben also gemeinsame geistige Interessen.

Wirklich bewegte sich das Gespräch lange Zeit ausschließlich auf dem Gebiet unserer Studien. »Lange Zeit« ist falsch? eigentlich haben wir diesen Boden überhaupt nicht verlassen, es blieb ja alles unausgesprochen.

Was denn?

Ich weiß es nicht zu nennen; es war aber plötzlich da. Die Erinnerung an Georgs Eifersucht muß es hervorgerufen haben. »Wenn ich sie nun rechtfertigte, diese Eifersucht!« So ein ähnlicher Gedanke muß mir durch den Kopf gefahren sein. »Warum auch nicht, da er mir's doch zutraute?«

Nicht, als ob ich mit Vorsatz gehandelt hätte; aber ich ertappte mich plötzlich darauf, wie ich meinen Besucher mit Augen anblickte, daß er ganz unruhig wurde. Vielleicht wurde ich mir an dieser Wirkung erst meines Betragens bewußt, immer stärker irritierte ich ihn; ich sah seine Augen klein werden und voll unsicher flackernder Lichter.

Ich aber weidete mich an seinem Zustand. Ich fühlte mich geschmeichelt; das war ruchlos, aber es war so.

Er jedoch wagte nicht; er wurde im Gegenteil immer schüchterner.

Fast zitternd erhob er sich endlich, um sich zu verabschieden.

Und – es war ruchlos – aber es muß ausgesprochen werden: ich blieb enttäuscht zurück.

Drüben in seinem Zimmer hörte ich ihn unruhig auf und ab gehen, und zum erstenmal dachte ich daran, daß der Ärmste ja fast jedes Wort hören mußte, wenn Georg bei mir war ...

In welchem Gemütszustand mochte er jetzt sein?

Es war unterdessen dunkel geworden; ich zündete die Lampe an und ließ mir mein Abendbrot von Frau Schellmeyer zurichten. Immer mußte ich hinüberhorchen, während ich meinen Milchreis löffelte und dazu den Tee schlürfte, der aus Versehen etwas braun geworden war.

Immer mußte ich hinüberhorchen.

Er ging sonst am Abend fast immer auf längere Zeit weg, heute blieb er, und jeden Augenblick vernahm ich ein Geräusch, das mir absichtlich hervorgebracht schien.

Als ich zu Bett ging, hörte ich ihn immer noch drüben, und zum erstenmal fühlte ich, daß seine Nähe mich am Einschlafen verhindern werde.

Darüber fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, an meiner Tür den Riegel vorzuschieben; zum erstenmal, seit ich hier wohne, hatte ich das vergessen. Ich wollte aufstehen und das Versäumte nachholen.

Wollte ich wirklich? Ich glaube wohl, aber ich unterließ es dann.

Und ich dachte immer: er muß es wissen, daß ich nicht verriegelt habe.

In welchem Gemütszustand mochte er jetzt sein?

Ich dachte auch: ob er dieser Kühnheit fähig wäre, und ich fand keinen Schlaf, Stunden und Stunden lang. Gequält wälzte ich mich in meinem Bette; er mußte es hören.

Manchmal hatte ich Mühe, ein Stöhnen zurückzuhalten.

*

 

Ich habe mir geschworen, auf diesen Blättern rückhaltslos alles zu sagen; aber das kann ich nun doch nicht aussprechen, wie es möglich wurde, daß ich endlich einzuschlafen vermochte.

*

 

Es ist kühler Morgen. Ich sehe mir ernst und prüfend ins Gesicht, und wahrlich, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll.

Bin ich wirklich soviel schlechter als andere – die sich nicht verpflichtet haben, solche Dinge niederzuschreiben?

*

 

19. 6.

Gestern wollte ich ihm abschreiben; ich fühlte mich seiner so unwürdig, da sah ich die Zeichnungen, die ich auf unserer Pfingstreise gemacht habe, und mußte mich seiner Güte erinnern.

Aber ich fürchtete mich vor seinem Kommen ... Und doch, wie er mich heute solange warten ließ, wie mir das Fernbleiben seinerseits nun fast gewiß schien, war doch mein ganzes Innere in Unordnung, und ich jubelte »Gott sei Dank!« als er endlich kam. Und er brachte mir purpurne Nelken mit und sein neues Buch »Kinder vom Wald« mit einer feurigen Widmung.

*

 

Es war mir fast eine peinliche Überraschung. Ich hatte alle Mühe, ihm meine Beschämung und Verlegenheit zu verbergen; er aber war zärtlicher und liebevoller als je. Er nannte mich wiederholt seine angebetete Frau.

*

 

Jetzt weiß ich, warum Buhlerinnen wahre Liebe nicht erwerben können, oder diejenigen quälen müssen, die sie ihnen schenken, weil immer einmal bei diesem oder jenem geringfügigen Anlaß ihnen eine Erinnerung aufstößt an einen vorigen und sie viel Selbstbeherrschung haben müssen, um eine Bemerkung darüber immer zurückzudrängen.

Eine einzige gedankenlose Bemerkung von mir hat ihm eine schlechte Nacht und böse Träume gemacht.

Er liebt mich wirklich, und ich habe es jetzt in der Hand, einen guten und bedeutenden Mann aus ihm zu machen, oder vielleicht einen Schurken, denn er ist aller Leidenschaften fähig ...

*

 

Johannis.

Fast ein Vierteljahr sind wir jetzt beisammen, und so stürmisch war er eben heute wieder, wie in der ersten Nacht.

Merkwürdig, daß das Physiologische an der ganzen Sache eigentlich nichts weiter ist als ein Nervenreiz, und diese Nervenreizbarkeit kann durch grobe und feine Dinge, kann, außer durch verächtliche Stimulantien, durch körperliches und geistiges working veranlaßt werden; das Selische ist eigentlich Nebensache, wenigstens bei den Männern.

Bei Frauen ist es anders.

*

 

26. 6.

Heute hat er mir ein Wort gesagt, das mir zu denken gab, nämlich: ich sei früher doch eigentlich eine richtige Dirne gewesen!

Und so anders bin ich unter seiner Führung geworden – oder vielmehr, so sehr bin ich auf den Standpunkt der vornehmen Dame wieder zurückgekommen, daß ich mich über diesen Ausdruck empörte. Warum kümmern wir Frauen uns um das Urteil der Männer, warum haben wir nicht unsern eigenen Moralkodex? Sind wir gebildeten, unabhängigen Frauen nicht Souveräne? Die Hetären des Altertums verehrte man.

Er meint, das Charakteristikum der Dirne sei das Vielmännertum – ich meine, die Käuflichkeit. Unser Charakteristikum dagegen ist die stete Schenke-Willigkeit und -Freudigkeit, und zum Schenken muß man vor allem jederzeit Freiheit haben ... und bis zu einem gewissen Grad reich sein, auch geistig, seelisch.

*

 

In der Nacht.

Ich habe ein Bild vor Augen; es verfolgt mich überall. Gravitätische Männer in phantastisch königlichen Gewändern verneigen sich vor einer Mutter und ihrem Kinde. Man möchte sich darüber verwundern, aber da sieht man den Himmel aufgetan in seiner Glorie und himmlische Heerscharen sich herunterneigen. Das Kind hebt segnend ein Händlein; die Mutter weiß nicht, wie ihr geschieht. Heilige Männer, Ritter und Bischöfe, stehen ernst zur Seite.

Es ist das Bild des Freiburger Hochaltars von Hans Baldung Grien.

Das Werk ist in jedem Sinn erstaunlich. Frömmigkeit und Fleiß haben da zusammengewirkt, um ein Wunder hervorzubringen.

An Genie denkt man bei dem Bilde fast nicht; aber etwas wie sittliche Kraft geht davon aus.

Und wer kennt es? So viele, die in Exstase geraten, wenn der Name eines obskuren italienischen Klosters ausgesprochen wird, wo vielleicht ein süßlicher Pietro Perugino zu sehen ist, sind achtlos an dem großen deutschen Werk vorübergegangen, und so viele andere.

Freiburg ist ein besuchter Fremdenort, und vieles suchen und finden die Fremden dort, nur nicht Hans Baldung Grien.

Wenn er in Florenz hinge oder in Siena, würden ihn wohl mehr Deutsche sehen.

Einige Schuld hat die deutsche Ängstlichkeit innerhalb der Kirchen. Die Protestanten schließen ja ihre Kirchen vollständig ab, und etwas hat der deutsche Katholizismus davon angenommen; man bewegt sich in einem deutschen Dom nicht so frei wie in einem italienischen.

Der deutsche Katholizismus hat im Guten und im Schlimmen viel vom Protestantismus angenommen; natürlich mehr Gutes, weil der Protestantismus überhaupt nichts Schlimmes hat.

Denn die Sache mit dem Verschließen der Kirchen, worüber Papa sich so oft ungehalten geäußert hat, ist doch eine Geringfügigkeit, und im Grunde hatte Papa unrecht. Er war ein wenig Romantiker, auch darin, wie er in Plessenberg die Schloßkapelle dekorierte. Die sah wirklich immer ganz katholisch aus, und der junge Pastor – ich habe es wohl bemerkt – hat öfters Anstoß daran genommen, wenn er auch das offene Wort nicht gewagt hat.

Papa war wirklich Romantiker; er war vielleicht darum ein so schlechter Wirtschafter. Seine Freundschaft mit dem Prinzen Georg war ihm ein wenig zu Kopf gestiegen und hatte sein klares, protestantisches Gewissen ein wenig getrübt.

Die Kirchen zu verschließen, ist ja doch ganz in der Konsequenz des protestantischen Prinzips. Darnach ist die Kirche offizieller Versammlungsort der Gemeinde; zu diesem Zweck tut sie sich auf. Der einzelne braucht keine Kirche; er kann in seinem Kämmerlein beten.

Bei dieser Gelegenheit muß ich auch gestehen, daß ich hier noch nicht zum Abendmahl gegangen bin. Mir sind diese reformierten Prediger zuwider und die ganze reformierte Lehre. Das ist schon gar nicht mehr Religion; das allein echte ist doch das Luthertum. Was die Reformierten über das Abendmahl bekennen, da wär's doch wahrlich Sünde, es von ihrer Hand zu nehmen.

Diese Gründe habe ich auch Mama geschrieben, als sie mir neulich wieder einmal ins Gewissen geredet, und sie hat mich darum gelobt. Sie verabscheut auch die Reformierten.

*

 

27. Juni.

Ich muß oft darüber nachdenken, womit es zusammenhängen mag, daß ich, wenigstens in Gedanken, Georg so schnell untreu werden konnte. Und war's wirklich nur in Gedanken?

Ich habe mir schon eingeredet: Weil unsere Ehe eben doch illegitim ist. Aber das kann's nicht sein. Eher, weil's eine Mesalliance ist.

Ja, da liegt's; er ist mir eben doch nicht ebenbürtig. Da sickert dann doch – bei aller Hochachtung – nach und nach, ohne daß man's merkt, ein Tropfen Geringschätzung hindurch und schadet der Liebe.

*

 

30. 6.

Das waren zwei liebliche Tage – zu Schiff auf dem Rhein bis nach Oppenheim mit seinem lebendig empfundenen, gotischen Münster. Und dann zu Fuß am Rhein hin nach Nierstein, wo wir in einer Weinlaube saßen unter Rosen und blühenden Linden bei herrlichem Wein – ganz, wie man so was in den Büchern liest. Die Nacht in einem Dorfwirtshaus war behaglich, aber wir mußten getrennt schlafen. Am Morgen des Peter- und Paul-Tages dann, im goldenen Mainz – da genossen wir einen Tag sonnigsten Glückes. Wir waren im Dom und in der Jesuitenkirche. Überall lustige, heitere Bevölkerung, schöne blonde Frauen und Mädchen im sommerlichen Putz. Und dann ein fünfstündiges, träumerisches Nachhausgleiten, ganz allein beieinander auf einem prächtigen weißen Schiffe, bei einer Flasche goldenen Rheinweins.

»Willst du meine Freundin sein?« fragte er mich beim Wein abends. »In allen berühmten Liebesverhältnissen ist die Geliebte zugleich des Mannes Freundin gewesen!«

Ich bin auch Freundin. Aber er verlangt von mir eine Selbstaufgabe, deren ich nicht fähig bin. Und so muß ich mich immer gegen ihn zur Wehr setzen.

*

 

Dienstag, 2. Juli.

Nein, diese Überraschung; die Meinigen sind köstlich. Die lieben die Knalleffekte.

Es klopft, ich rufe »herein«, und wer steht vor mir? »Hildegard« ...

Ich habe nur gerade hinausgeschrien, so war ich erschrocken.

Sie aber, wie immer obenhin, als ob das nichts wäre, so ein unglaubliches Hereinplatzen: Sie sei auf der Reise nach Paris, sie wolle dort in die Carriereschule eintreten auf ein halbes Jahr, oder auch ein ganzes; und da wolle sie doch die Gelegenheit benutzen, einmal bei mir »nach dem Rechten zu schauen«.

Das war ihr Ausdruck.

Also schnodderig wie immer. Im übrigen fand ich sie gealtert und ein wenig verhärmt. Es hat mich aber nicht im geringsten verwundert, daß sie bei mir – doch nicht ohne einige kleine Boshaftigkeiten – das Gegenteil konstatierte.

Ich erfuhr dann einen Haufen Neuigkeiten, darunter recht unerfreuliche.

Die schlimmste: daß Bernhard nun endgültig alle Hoffnung aufgegeben hat, das Gut zu halten. Der unglückselige Zusammenbruch der Leipziger Bank hat vollends dem Faß den Boden eingeschlagen.

Unser Opfer im letzten Jahr, das Zurückschreiben unserer Hypotheken – oder wie der Justizrat es genannt hat – war also ganz umsonst gewesen. Hildegard meint, diese Operation könne uns unter Umständen verhängnisvoll werden; wir hätten nie einwilligen sollen.

Ich war außer mir über die Nachricht.

»Aber um Himmels willen,« rief ich aus, »was will denn Bernhard anfangen, wenn Gut und Schloß verkauft werden?«

»Das weiß er wohl selber nicht,« antwortete Hildegard trocken. »Sage aber nur nichts,« fügte sie hinzu, »Mama läßt trotz allem nichts auf ihn kommen.«

»Denkt er denn noch daran, Berufspolitiker zu werden, und für die antisemitische Partei zu arbeiten?«

Hildegard zuckte die Achsel. »Möglich, Hanswurst genug wäre er dazu ...«

Das war ihr Ausdruck. Ich bin fast bös geworden. So darf man von den Antisemiten denn doch nicht reden.

Bei Hildegard weiß man indes nie, was Ernst oder Scherz ist.

Sie hat dann von Walter gesprochen: Ihr Leben scheint sich recht kümmerlich anzulassen. Von seinem Vermögen hat er sich bei seiner Verheiratung den letzten Rest auszahlen lassen – die Frau hatte ja rein nichts – außer den schwarzseidenen Hemden – und mit dem Verdienen, ›na, darüber weiß ich doch auch ein Wörtlein‹; – um mich ihres Ausdrucks zu bedienen. – Und bei all dem ein zweites Kind im Anzug.

Natürlich erzählte ich Hildegard das Neueste, was ich über Franziska erfahren – wenn ich ihr auch niemals sagen würde, was ich alles von Wehrmüller weiß – und wahrhaftig, die Hilde war wieder köstlich. »Und vom Vater sagst du nichts?« war alles, was sie auf meine Erzählung erwiderte.

»Bei unehelichen Kindern,« setzte sie dann hinzu, »fragte man doch nach dem Vater; so was kann immer noch ein Fürstenkind sein; hast du mir nicht einmal von einem schwarzen Hemd erzählt, in das eine goldene Krone gestickt war?«

So ist meine Schwester; immer boshaft. Namentlich, wo sie Poesie wittert. Alles Poetische muß sie verspotten. Sie erinnerte sich, daß ich mir früher auf der Plessenburg auf unsern Weiher immer einen schwarzen Schwan gewünscht hatte mit goldenem Krönlein ...

*

 

Mittwoch.

Ich habe Hildegard von Georg erzählt; zuerst beiläufig. Zuletzt habe ich ihr alles gestanden, zitternd, was sie dazu sagen werde.

Sie sagte lange gar nichts. Dann: »Du mußt es ja wissen, ob du glücklich bist.«

Ich war höchlichst erstaunt über so viel Milde und Vorurteilslosigkeit.

»Ja, Schwesterchen,« sagte sie, »wenn wir Mädchen aus guter Familie einmal anfangen, die Hoffnung aufzugeben, daß – verzeihe, wenn ich manchmal zynisch bin – daß unsere Jungfräulichkeit sicher mit standesgemäßer Versorgung bezahlt wird, da denken wir darüber auf einmal ein wenig anders als in der Hochzeit, ich meine in der Blütezeit unserer Jugend; wir denken darüber wie über eine Sache, die – na, die täglich mehr von ihrem Wert verliert.«

 

Sie wollte ihn kennen lernen. Ich habe ihm telegraphiert, und er hat uns zum Abendessen abgeholt. Hildegard wollte in den Perkeo gehen; natürlich, wer geht nicht in den Perkeo, wenn er von Dresden kommt! Aber ich befürchtete, wir könnten dort den Herrn von Krantz treffen, einen weitläufigen Vetter von uns, der seine Oberstenpension in Heidelberg verzehrt, und mit dem ich die Bekanntschaft in Heidelberg nicht erneuern möchte. Mich hat er ewig nicht gesehen, aber die Hildegard würde er wohl sofort erkennen. Georg schlug die »Kümmelspalterei« vor; er hat immer den glücklichsten Einfall.

Die Kümmelspalterei ist nämlich eine uralte und uraltmodische Weinstube, von der ich überzeugt bin, daß schon Papa da verschiedene Bowlen getrunken hat.

Als wir eintraten, fuhr Hildegard ordentlich zurück. Ich war darauf gefaßt und hatte mich auf dem ganzen Weg heimlich gefreut. Sie dachte sich nämlich so was wie ein Dresdener oder Leipziger Weinrestaurant, mit vergoldeten Tapeten und hohen Spiegeln, mit venezianischen Kronleuchtern und blendenden Gedecken – und sah nun eine enge, kleinbürgerliche, fast ärmliche Bäckerstube vor sich mit ungedeckten und unsauberen Tischen, mit einem Gerüchlein nach muffigem Mehl, mit zwei Packträgern und einem Hökerweib vor großen Humpen Apfelweins, und einem Tisch voll Stammgästen, die auch nicht gerade der eleganten Welt angehörten.

Der Wirt wies uns in ein Hinterzimmer. Hier hingen gelbe Studentenmützen um einen Wandschrank mit burschenschaftlichem Monogramm, und Hildegards Züge erheiterten sich ein wenig.

Ich mußte lachen. »Wir sind hier im Weinland,« sagte ich stolz, »da ist der Wein eine gemeine Sache, und die Weinstuben sind es auch. Erinnerst du dich nicht mehr an die italienischen Spelunken? Nur wo der Wein ein exotisches Gewächs ist, macht man ein Aufsehen mit ihm.«

Zuletzt war Hildegard doch sehr zufrieden. Besonders, als zum Nachtisch ein prachtvoller Kirschenkuchen anrückte, fand sie diese ganz »süddeutsche Spezialität« – das war ihr Ausdruck – gar nicht übel.

Und was die Hauptsache ist: Georg gefiel ihr. Sie machte mir hintennach ein Kompliment nach dem andern, was man von ihr doch gar nicht gewöhnt ist.

Sie fand wohl seine Manieren nicht gerade »distinguiert«, wie sie sagte, aber doch auch nicht unfein. Man merkt, sagte sie, daß er aus einer Rasse stammt, wo selbst im Bauern ein Stück alter Kultur steckt.

Ganz und gar imponierte ihr sein »Physisches«. »Nein, rief sie aus, sich so was bei uns in Sachsen als Landgewächs zu denken. Lächerlich. Unter diesen fahlblonden Mopsgesichtern. Und solche farbigen Menschen bringt der Schwarzwald hervor? Das ist ja fast unverfälschtes, altes Römerblut. Oder es ist das ganz mysteriöse Blut der uralten Kelten.«

Man denke sich, was ich empfinden mußte bei solchen Worten.

Nur daß Georg katholisch ist, hat ihren Enthusiasmus ein wenig gedämpft.

*

 

Freitag.

Georg ist Katholik, aber ein ungläubiger. Er hat keinen Zusammenhang mehr mit seiner Kirche. Er liebt das Wort nicht, aber ich glaube, er ist Atheist. Das gefällt mir nicht, aber ist mir doch lieber, als wenn er Jesuit wäre und zur Beichte ginge.

Er verteidigt übrigens die Jesuiten immer sehr ernsthaft gegen meine Angriffe. Ob es ihm aber wirklich Ernst damit ist, oder ob er mich nur damit reizen will, habe ich noch nicht herausgebracht.

»Führende Jesuiten waren immer sehr vorurteilslose Menschen,« ist einer seiner Lieblingssätze, wenn wir streiten.

Georg ist der Kirche vollkommen entwachsen, er behauptet es wenigstens; aber manchmal ist mir's, als hörte ich die alten Sklavenketten noch an seinen Füßen rasseln. Er ist wenigstens immer noch sehr voreingenommen für seine Kirche.

Er nennt das Pietät. Ein erwachsener Sohn, pflegt er zu sagen, braucht seiner Mutter nicht mehr zu gehorchen; er wird sie aber immer ehren als seine Mutter.

Nein, es kann keiner aus seiner Haut. Ein Katholik schon gar nicht.

Georg ist das beste Beispiel dafür. Gegen den Protestantismus zeigt er sich manchmal geradezu von einer bornierten Gehässigkeit. »Ihr Protestanten bildet euch wirklich zu viel ein,« sagte er neulich; »ihr solltet etwas bescheidener sein; ihr solltet zugeben, daß an der gesamten europäischen Kultur, dem höchsten Gut der Menschheit, die katholische Kirche einen ganz andern Anteil hat als der Protestantismus, dessen Verdienst ich keineswegs leugnen will« ...

»O, Jesuit,« rief ich ganz empört, »er leugnet, aber erklärt zugleich, er wolle nicht leugnen; ist das nicht echt jesuitisch?«

Er lächelte. Natürlich, Jesuit ist für ihn kein Schimpfname.

»Dann behaupte wenigstens nicht,« rief ich von neuem, »daß du innerlich aus deiner Kirche heraus bist; bis über die Ohren steckst du noch darin!«

»Du meinst, weil ich nicht im Protestantismus bin?« erwiderte er mit markierter Überlegenheit. Und dann erklärte er: »Liebes Kind – so nennt er mich mit Vorliebe, bei religiösen oder philosophischen Kontroversen – liebes Kind, aus der katholischen Kirche gibt es zwei Auswege. Der eine führt aus einer schmalen, schwindligen Brücke über den morastigen Schloßgraben – wenn man bei einer Kirche von einem Schloßgraben reden kann – hinweg ins Freie, hinaus ins Freie, in – ich weiß nicht, wie ich mich stark genug ausdrücken soll – ins absolut Freie, das den Himmel zum Dach, die göttliche Sonne zum Fenster und die Wolken zu Vorhängen hat. Diesen Ausgang habe ich genommen. Der andere Ausweg ist ein unterirdischer, dämmeriger Gang, und man gelangt dabei in einen etwas öden Raum, der den Leuten viel freier und weiter erscheint als die Kirche, weil er viel mehr und viel hellere Fenster hat, und weil keine Bilder und keine Statuen ihn verengen, mit einem Wort, in den Protestantismus. Alle Leute, die zu Schwindel neigen, nehmen, wenn sie aus der Kirche heraus wollen, diesen zweiten Ausweg, im Geiste wenigstens, wenn auch nicht nach der äußeren Form – auch alle diejenigen, denen zwar der Weihrauchduft der Kirche mit der Zeit unleidlich geworden ist, die sich aber vor Schnupfen fürchten in der frischen, freien Luft; denn es ist unglaublich, wie wenig Menschen, physisch und geistig, ein starkes und unabweisliches Bedürfnis nach frischer Luft haben.«

Ich bin dumm, daß ich mich manchmal über solche Reden ärgere. Georg ist Atheist, er haßt das Christentum; es ist also nur natürlich, daß ihm der Katholizismus sympathischer ist als der Protestantismus, der das reinere und strengere Christentum darstellt.

*

 

7. 7.

Heute Nacht war ich auf einer öffentlichen Auktion, wo die Plessenburg versteigert und um einen Spottpreis losgeschlagen wurde. Käufer war der kleine bucklige Simonson, der Lumpensammler und Makler aus Niederwasser bei Neuplessenberg ...

Solch Zeug träume ich jetzt hier und da. Der Gedanke an den Gutsverkauf läßt mich keinen Augenblick los.

So weit kann es mit einer Familie kommen, die zum historischen Adel des Landes gehört. Zum historischen, das will was heißen. Wo sind denn die Geschlechter, die noch heute, so wie wir, auf ihrem Urlehen sitzen, von dem sie ihren Namen haben? Und nun diese Schmach!

*

 

11. Juli.

Gestern eine zweite Rheinfahrt mit Georg. Wir waren wieder mutterseelenallein auf dem ersten Deck.

Denn Mannheim ist eine Stadt, wo – und das ist ihr Eigentümlichstes – niemand Zeit hat, zur Lust auf dem Rhein zu fahren. Solche Menschen gibt es in Mannheim nicht. In diesem Sinne haben die Mannheimer den Rhein, ihren Rhein, noch gar nicht entdeckt. Sie kennen ihn als wunderbares Arbeitstier, im übrigen finden sie ihn sterbenslangweilig. Wenn man in feineren Kreisen, sagt Georg, von einer Rheinfahrt spricht, wird stillschweigend vorausgesetzt, daß man in Mainz zu Schiff gegangen ist; zu gestehen, daß man das in Mannheim getan habe, würde einem ein wenig schmeichelhaftes Mitleid eintragen.

Wenn die Menschen Augen hätten, wäre das anders. Aber nur, wo eine marktschreierische Berühmtheit seit lange ihre Stempel und Plakate hingeklebt hat, sehen sie, oder geben vor, zu sehen. Hunderte von Menschen, die nie auf eine Blume am Wegrand achten, die auf der einsam sonnigen Heide niemals einen Zauber in ihrer Seele verspürt, die nie am Erlenbach im stillen Wiesengrund mit Entzücken gewandelt sind und nie Erlkönigs Töchter mit den Augen Schwinds im Abenddämmern weben sahen: sie gehen alljährlich unter vielem Geschrei in die Alpen. Mit der stillen Schönheit der heimischen Natur wissen sie nichts anzufangen, aber mit den Berggipfeln und Gletschern – können sie renommieren.

Unsere gestrige Fahrt wird mir unvergeßlich sein. Sie begann im Morgengrauen, der Rhein stand hoch, fast auf Uferhöhe. Die Altwasser des rechten Ufers mit ihren grünen Wieseninseln und Pappelpflanzungen, mit ihren brüchigen Weidengeländen und Schilfbuchten waren weithin übersehbar und erschienen dem Auge als unbetretene und unbetretbare Wasserwüsten der Urzeit, wo die einsam stillsitzende Rohrdommel mit eingezogenem Hals philosophisch vor sich hinbrütet, wo die Scharen des weißgestirnten Wasserhuhns, wo der goldgesprenkelte Regenpfeifer und die blauspiegelnde, weithin leuchtende Wildente, und der zierlich geschöpfte, hochstelzige Reiher ihr geheimnisvolles Wesen treiben.

Die Sonne stieg über den Odenwald empor, die Pappeln in der kühlen grauen Morgenluft entzündeten sich wie grüne Flammen, die Ebene rollte sich auf in der Fülle ihrer Fruchtbarkeit, dampfend und rauchend, weithin dunkel umrahmt von blauen Gebirgszügen, hinter denen, immer ferner, höhere Kuppeln aufragen; im Westen der mythische Donnersberg, den Blick nicht einengend wie in Hochgebirgstälern, sondern ihn fortziehend in unbegrenzte Weiten.

Dann steht die Sonne strahlend hoch über dem Strom, der weit hinaus funkelt und blitzt von ihrem goldenen Licht; über den fernen Bergen aber steigen weiße Sommerwolken auf. Eine brütende Hitze fliegt über der heißatmenden Ebene. Und siehe, ehe man sich's versieht, ist der weite Himmel über uns schwarz und schwer, und auf der Ebene liegt es fast wie Nacht ... Doch nicht Sterne funkeln, sondern zackige Blitze zucken.

Nicht das Gewitter ist so unvermutet schnell über uns heraufgezogen, wir selber, auf dem pfeilschnell hingleitenden Schiff sind in das Gewitter hineingefahren.

Wir fahren unter ihm hin. Der Donner umrollt uns. Blitze fahren zischend in die verdunkelte Flut, Regen klatscht auf das Segeldach des Schiffes. Wir fahren aber nicht nur unter dem Gewitter hin, wir fahren auch unter ihm weg, und indem wir jetzt eine Biegung des Stromes umschiffen, liegt die Gewitternacht mit ihren unheimlichen Stimmen bereits hinter uns, und die strahlende Sommerschönheit mit ihrem goldig-blauen Geleucht und weißen Schimmer umfängt uns von neuem.

»Noch nie machte ich die Fahrt,« sagte Georg, »ohne in Ergriffenheit und Entzückung anzubeten, ohne im Geist in die Knie zu sinken, wie der Mensch bei Klinger, vor der großen, weiten, reichen Schönheit dieser ungekannten und ungeschätzten, heimatlichen Landschaft ...«

Einmal plötzlich, gerade hinaus über dem breiten Strom, hinter einem dunklen Wald von Eichen, erhebt sich, hoch in der Luft stehend, finster und massig, vieltürmig, in glücklicher perspektivischer Verkürzung, einer sagenhaft-phantastischen Burg ähnlich, der Dom von Worms, der Dom des Nibelungenliedes ...

Wem einmal so in fast gespenstischer Schönheit der Dom von Worms erschienen ist, der sollte sich eigentlich den Eindruck nicht verderben dadurch, daß er der poesieumwobenen Erscheinung allzunahe tritt. Gespenster sollte man sich nicht in der Nähe ansehen.

Es gibt ja in Worms, das sich von seiner grausamen Vernichtung durch Melac erst in allerletzter Zeit wieder aufzuraffen anfängt, einige seltsame, alte Dinge zu sehen, z. B. eine mittelalterliche Synagoge, die in der Nähe ähnlich märchenhaft wirkt, wie der Dom in der Ferne. Aber gerade dieser kann in der Nähe nur enttäuschen. Besonders hat man das Gefühl, daß es seinem Schöpfer mehr darum zu tun war, sich dicke, schützende Festungsmauern zu bauen, eine Art Zwingburg unter religiösem Vorwand, als Hallen der Anbetung zu schaffen, Hallen für Jubelfeste der Christenheit, für den südlich-orientalischen, grandios-heiteren Pomp des katholischen Gottesdienstes.

So meinte nämlich Georg. Und in der Tat, ohne die Rokokoaltäre und Rokokogitter im Chor, würde der Dom rein protestantisch wirken.

»In diesem gedrückten, engen Kellerloch haben dann auch die deutschen Bärbeißer einen der größten Päpste der Weltgeschichte abgesetzt, der selber – einen urdeutschen Adelsnamen trug. Sie haben sich dabei ein wenig renommistisch benommen,« meinte Georg spöttisch.

In Worms aber ist man mit Recht auf nichts so stolz als auf das Lutherdenkmal. Und ganz Deutschland teilt diesen Stolz.

Nur natürlich Georg nicht. »Der genial-religiöse Paul de Lagarde,« sagte er, »hat dieses Monument die Wormser Ofenausstellung genannt. Das sollte wohl ein ästhetisches Urteil sein. Doch könnte einem das Denkmal vielleicht auch in anderer Beziehung nicht ganz gefallen, etwa aus dem Umstand, daß der große Luther hier von einigen Vertretern des finstersten und lebensfeindlichsten Fanatismus umgeben ist, wodurch fast vordringlich und ausschließlich eine Seite seines Wesens betont wird, die zum Glück keineswegs seine stärkste Seite war, und worauf zum Wenigsten seine ragende Größe und fortwirkende Bedeutung sich gründet.«

Darin konnte ich ihm nicht ganz unrecht geben.

*

 

* * *

Hildegard hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich in München seinerzeit nichts von Graf Zobel geschrieben. Mama habe ihn vor kurzem bei der Exzellenz – das ist Mamas Schwester, die Frau Generalin von Rohna – getroffen, und er habe sehr begeistert von mir gesprochen. Mama aber sei unwillig gewesen, weil sie von dieser Begegnung nichts gewußt habe.

Das war wirklich unklug von mir. Ich hätte harmlos berichten sollen – natürlich, soweit das möglich war.

Am wenigsten wußte Hildegard von Botho zu erzählen. Die beiden waren ja auch immer wenig intim zueinander, und ich glaube, von seiner heimlichen Flamme spricht er wenig oder gar nichts mit ihr; er mag den Ton nicht, den Hildegard in solchen Dingen gern anschlägt.

Sie hat mir's auch rund heraus gesagt, daß sie an seinen Erfolg nicht glaubt. Wir hätten fast Streit dessentwegen miteinander bekommen.

*

 

16. Juli.

Neue Aufregung. Georg wird sich verändern. Er hat, ohne mir etwas davon zu sagen, um eine Stelle an der chemischen Landes-Versuchsanstalt in Karlsruhe eingegeben, und er hat sie – obwohl er sich geringe Hoffnung gemacht – zugleich mit der Ernennung zum Professor gestern erhalten. Am ersten Oktober hat er das neue Amt anzutreten.

Er ist dann Staatsbeamter mit bedeutend höherem Gehalt und entsprechenden Pensionsansprüchen. Und natürlich schwimmt er in Glück. Er hat dreiundzwanzig Mitbewerber besiegt, gewiß schmeichelhaft für sein Selbstbewußtsein. Ich sogar bin nicht wenig stolz darauf.

Aber die Hauptsache: »Nun können wir heiraten,« sagte er triumphierend.

Es war für ihn also selbstverständlich, daß ich ihn heiraten wolle, und daß ich nur auf seinen Antrag gewartet hatte.

Aber darin könnte er sich gewaltig geirrt haben. Ich war sehr unangenehm berührt von der Sicherheit seiner Voraussetzung und ließ es ihn deutlich genug merken.

Doch wie ich seine große Bestürzung sah, tat es mir leid, sein Glück so plötzlich getrübt zu haben, und ich suchte ihn wieder aufzurichten. »Wir werden noch darüber reden,« tröstete ich.

Ich bin ja im Grunde nicht abgeneigt. Es wäre für mich sogar eine ganz gute Partie. Aber ich habe ein Bedenken; so, wie ich mich kenne, habe ich Furcht vor dieser Ehe.

Es ist ja möglich, daß die wirkliche Ehe eine genügende Schutzwehr bildet gegen Vorkommnisse, wie neulich mit meinem Zimmernachbarn. Aber wenn ich mich darin irrte? Ich bin schwach.

Diese Ehe könnte ein großes Unglück werden.

Und wäre es nicht ein unverantwortlicher Frevel, sie einzugehen bei solchen Zweifeln?

Ich will jedenfalls streng mit mir ins Gewissen gehen, und mit Georg will ich offen reden über meine Bedenken. Sein Schicksal sei in seine Hand gelegt.

*

 

17. Juli.

Heute auf der Stiege dem Studiosus begegnet. Er errötete und grüßte hastig und verlegen. Er stolperte sogar äußerst ungeschickt.

Ich aber errötete innerlich, indem ich langsam die Treppe hinunterstieg, und »Tilchen, Tilchen,« sagte ich zu mir selber, »die Schüchternheit eines Dummen ist deine ganze Tugend.«

*

 

18. 7.

Am fünfzehnten habe ich Schönemann einen netten Brief zu seinem Geburtstag geschrieben; ich war doch begierig, mal wieder etwas von ihm zu hören. Und was antwortete er mir?

In Worten gar nichts, aber in einem großen Kuvert, und nicht verschlossen, schickt er mir eine Photographie von drei männlichen Akten – Nacktheiten von abstoßender Indezens.

Ich war zuerst empört; dann überkam mich eine namenlose Traurigkeit.

Als Georg gegen Abend kam, hatte ich verweinte Augen; ich konnte mich nicht entschließen, ihm die Wahrheit zu sagen, ich schämte mich zu sehr.

 

Meine Niedergeschlagenheit kam aber durchaus nicht allein daher, daß ich in der Sendung eine beleidigende Absicht vermutete. Die Sache an sich machte mich schon traurig.

Im Kunstwerk entzückt mich die Nacktheit; aber diese brutale Natur, so absichtlich ins grelle Licht gestellt, verletzte mein Schamgefühl in einer Weise, daß ich mich tief unglücklich fühlte ...

Eigentlich ist mir das selber ein wenig ein Rätsel, und ich frage mich umsonst, wie es kommt, daß man vor der Natur so erschrecken kann.

Als ahnungsloses Mädchen meinetwegen, selbstverständlich; aber wer seit Monaten in mythologischen Szenen vor der olympischen Tiergottheit selig-bang erzitterte ohne Sündegefühl und störende Scham ...

Liegt meinem unglücklichen Erschrecken nur irgendein versteckter Atavismus zugrunde, oder ist ein höherer Sinn dahinter zu suchen?

 

Da ich doch einmal daran war, nach München zu schreiben, hat auch Wehrmüller ein Briefchen bekommen.

Seine Antwort zeigt die alte freundschaftliche Anhänglichkeit. Kein Wort, das aus verletzte Eitelkeit weist.

Und er hätte wahrlich einigen Grund dazu. So schmerzlich mein Weggehen gerade ihm gewesen sei, schreibt er unter andern, so wolle er's doch nicht bedauern, weil er überzeugt sei usw. »Auf den Knien,« heißt es dann wörtlich, »auf den Knien danken Sie Ihrem Doktor dafür, daß er Sie von München weggenommen hat, das war eine rettende Tat.«

Wehrmüller übertreibt ein wenig; aber im Grunde hat er Recht.

Über die zurückgezahlte Schuld kein Wort. Und allerdings hatte ich auch nichts davon geschrieben. Keinen Dank. Ich hatte rein nicht daran gedacht. Ich bin manchmal so. Eigentlich schrieb ich den Brief nur, um ihn im Scherz zu schelten, daß er das Geld mir nicht noch ein wenig aufgehoben hat, das nun durch den Bankkrach für mich verloren ist; aber während des Schreibens vergaß ich das, was die Hauptsache sein sollte.

*

 

13. 8.

Von München konnte ich weggehen; aber kann man auch von sich selber weggehen, loskommen von sich selber?

Das kann man eben nicht, ich habe es gestern wieder erfahren.

Ein Vetter von Georg ist Amtsrichter in einem kleinen Städtchen an der Bahnlinie Heidelberg-Würzburg. Adelsheim heißt der Ort. Die beiden sind sehr befreundet, und Georg sprach schon lange davon, daß wir den Vetter einmal zusammen besuchen wollten. Am Samstag nachmittag kommt er reisefertig an: »Wollen wir nach Adelsheim fahren? Ich habe zwei Tage frei. Am Montag ist Maria Himmelfahrt, das ist ein Feiertag bei uns.«

Eine Stunde später saßen wir im Zug, der durch das Neckartal sauste, an Obsthalden vorüber und Buchenwäldern, an mittelalterlichen Stadtmauern mit Burgen und Türmen auf der Höhe, jetzt hart am Ufer des Flusses hin, dann lang durch die schwarze Nacht unterirdischer Straßen.

Später war's ein anderes Bild. Spitzgiebelige Dörfer mit braun-moosigen Ziegeldächern lagen an Bächen hin oder an seichten Hügeln hinauf, und weithingestreckte über abgerundete Höhen ausgebreitete Wälder hüllten tiefe grüne Wiesentäler, von Forellenwassern durchflossen, in unendliche Stille und Einsamkeit.

Wir stiegen endlich aus. Ein Herr in halb jägerlichem Anzug, mit zwei gelbbraunen, langhaarigen Hühnerhunden an der Koppel, grüßte vom Bahnsteig herüber. Es war der Herr Oberamtsrichter. Georg hatte ihn benachrichtigt.

Die Familienähnlichkeit der beiden Vettern war auffallend. Doch schien der Amtsrichter etwas untersetzter, vielleicht nur, weil er breiter in den Schultern war, was durch die Jagdjoppe besonders hervortrat. Auch mochte er ein halbes Jahrzehnt älter sein.

Während wir uns herzlich begrüßten, stießen mich die beiden Rüden leise an, wie wenn sie sagen wollten: Wir gehören auch dazu.

Es waren wundervolle Tiere; ich konnte nicht anders, als dem Amtsrichter mein Kompliment deswegen zu machen.

Wir waren übrigens nicht in Adelsheim. Der Schnellzug hatte dort nicht gehalten. Wir waren eine Station weiter.

Osterburken hieß der Ort, und Georg hatte mir schon unterwegs davon gesprochen, als von einer alten Römergarnison am Limes, wo vor einigen Jahren ein Altar der Diana Abnoba ausgegraben und ein umfangreiches Kastell aufgedeckt worden war.

Wie mir das in den Ohren klang, ganz märchenhaft. Ich zitterte vor freudiger Aufregung, denn wir dachten uns Wunder, wenn wir in Dresden von solchen Dingen hörten. Und natürlich wollte ich gleich hin.

Meine Enttäuschung war groß; denn was war's? Eine Art Schacht, aus dem verschiedenes schwarzes Mauerwerk hervorsah, das einmal alles Mögliche gewesen sein konnte – vielleicht ein bäuerlicher Kuhstall.

Die Fetzen einer alten Handschrift mögen einem Gelehrten, der sie lesen kann, viel sagen; aber was sagen sie meinem Auge?

Ebenso diese Mauerreste. Mir fielen die Worte jener alten dicken Französin ein, auf dem Heidelberger Schloß:

Ce sont vraiment de belles ruines, ce n'en sont point comme il y en a, ou l'on ne voit rien du tout.

Das war doch eine ganz gescheite Rede. Dummheit aber ist es, pflichtschuldig auch: dort zu bewundern, wo die eigenen Augen doch so viel wie nichts sehen, rien du tout. Man nennt solche Menschen »Gebildete«.

Zu diesen gehörte offenbar der Wirt, wo wir später einen Erfrischungstrank nahmen. Er hatte bloß seine Dorfschule besucht, aber er sprach wie ein Gelehrter. Vor allem, wie ein gelehrter Narr. Man hörte ihm an: Wenn er die Wahl gehabt hätte zwischen dem Heidelberger Schloß und dem Römerkastell ... Ein vielsagender Name genügte ihm, wenn auch von der Sache nichts da war.

Allerdings bewahrte er den Schlüssel zur Einfriedigung des »Kastells«!

Und einen sehr gescheiten Einfall hatte er: Ob wir vielleicht zum Abendessen blieben, er habe Forellen gefangen. Ein Rehziemer sei bereits gespickt und dürfte bloß in die Pfanne gelegt werden. Ich wollte protestieren gegen solche Üppigkeit.

Der Oberamtsrichter wehrte mir: »Wenn Sie ahnten, für wie wenig Geld hier so was zu haben ist!« Georg sagte: »Beruhige dich. Das sieht so improvisiert aus, aber ich wollte wetten, er hat alles mit dem Wirt vorher verabredet. Und er wußte wohl, was er tat. In seinem Amtsnest wär's nicht so gemütlich geworden, und den Weinkeller hat er hier auch längst durchprobiert.«

Es wurde dann sehr »gemütlich«, nämlich sehr heiter, und die Herren beschlossen, mit meiner Zustimmung, zu Fuß nach der amtsrichterlichen Residenz zu wandern. »Unter den flammenden Sternen der Hochsommernacht,« sagte Georg.

Es war eine zauberhaft schöne Nacht, überraschend hell, die goldenen Sterne standen fast auf blauem Grunde. Nur über den Wiesen lag ein weißlicher Duft, aus dem das Erlengebüsch, den Forellenbach entlang, schwarz aufragte.

Wirklich, es war eine zauberhaft schöne Nacht; wir hätten zu zweien sein sollen. Aber drei mit zweierlei Geschlecht, das taugt nicht in solcher Nacht. Es taugt überhaupt nicht.

Der Amtsrichter hatte mir galant seinen Arm angeboten. Nichts natürlicher. Aber nun reizte es ihn, ein wenig Komödie zu spielen, mir im Scherz den Hof zu machen und seinen Vetter damit zu necken. Ich ging darauf ein, auch Georg, der mit gutem Humor die Rolle des Eifersüchtigen spielte.

Dennoch fühlte ich bald heraus, daß wir den Scherz eigentlich etwas zu weit trieben, und daß die ganze Komödie meinem Freund sehr wenig gefiel, wenn er's auch nicht merken ließ.

Wenn einer einmal im Ernst eifersüchtig war, mit dem ist in diesem Punkt nicht zu scherzen.

Aber wie es so geht, wir trieben's immer toller, und auf einmal konnte Georg seines Mißbehagens nicht mehr Herr werden; er verstummte plötzlich.

Das nahm der Amtsrichter übel, er sagte, Georg solle sich schämen. Auch lenkte Georg, so vernünftig war er, schnell wieder ein; aber eine kleine Verstimmung blieb heimlich zurück. Sogar Flick und Flock schienen es zu merken.

Und es kam Schlimmeres dazu. Der Amtsrichter bewohnte allein eine riesige Dienstwohnung, es war also ausgemacht, daß wir nicht ins Gasthaus gingen; ich sollte das Fremdenzimmer für mich haben, Georg im Bett seines Vetters schlafen und dieser es sich auf seinem Diwan zurecht machen. Die Vorbereitungen waren in diesem Sinn zum voraus getroffen. Die beiden Herren begleiteten mich an mein Zimmer – es war spät – und Georg wünschte mir fast kühl eine gute Nacht, was den Amtsrichter von neuem zu einer Neckerei herausforderte.

»Ärgert dich's vielleicht,« sagte er mit verstohlenem Blinzeln zu mir hin, »daß dein Schlafzimmer etwas weit abliegt? Ich stelle dir gern, hier gegenüber, meinen Diwan zur Verfügung.«

»Gute Nacht!« rief Georg mit einer Lustigkeit, die mir etwas gezwungen schien.

Als ich schon halb eingeschlafen war – vielleicht hatte ich aber auch ganz und gar schon geschlafen – glaubte ich plötzlich ein Geräusch gehört zu haben und hatte das deutliche Gefühl, als ob jemand vor meinem Bett stünde. Mein erster Gedanke war: »Wenn es der Amtsrichter wäre!« Ich erschrak aber darüber keineswegs, ich war schon ganz gefaßt auf ein Abenteuer und stellte mich schlafend. Unterdessen glitt es in mein Bett und schmiegte sich an mich; ich stellte mich immer noch schlafend. Eine Hand griff nach der meinen ... ich erkannte Georg.

Den ganzen andern Tag – ich fühlte es wohl – war er innerlich traurig. Hatte er erraten am Abend, daß ich nicht schlief, und hatte er mein Zittern gefühlt, mein Zittern und Bangen vor dem Abenteuer, das ich vermutete, und gegen das ich mich doch nicht wehrte?

Hatte er einen Blick getan in den Abgrund meines Wesens?

Und da ertappe ich mich darauf, daß diese Frage mich erschreckt. Aber war es denn nicht mein Wunsch, daß er meine gefährliche Natur erkennen und jeden Gedanken an eine Ehe mit mir aufgeben möge? Habe ich mich in mir selber getäuscht? Wäre ich am Ende doch unglücklich, wenn ich ihn wieder verlöre?

*

 

19. August.

Zu einer andern Zeit, wie wäre ich empört, wie wäre ich moralisch entrüstet gewesen! Aber wer sich wie ich jeden Augenblick auf innerlicher Untreue ertappt, hat der ein Recht »den ersten Stein aufzuheben?«

Ich war noch nie innerlich so zerknirscht, so ergrimmt über mich selber, wie in diesem Augenblick – vielleicht nur aus Ärger, und weil ich durch mein eigenes Verhalten mich jenes Rechts begeben habe.

Und doch möchte ich der Abscheulichen, der Niederträchtigen ins Gesicht speien.

Ja, ich bin wie außer mir.

Um die Seidschitz handelt es sich – ich mag sie nicht mehr mit meinem Namen nennen, einst war ich stolz darauf.

Sie hat also den armen Botho nicht nur einfach gefoppt; sie hat als echte Schauspielerin – nicht umsonst stammt sie von einer Italienerin ab – auch für den nötigen Eklat, für die nötige Publizität gesorgt.

»Der gute Botho ist wie vernichtet,« schreibt Mama; »man spricht so oft vom Blitz aus heitern Himmel, das war eher schlimmer; denn dieser Blitz war von ausgedachter, perfider Tücke geschleudert, nicht vom blind waltenden Zufall. Noch acht Tage zuvor hatte sie ihn auf dem Gartenfest bei Rohnas so auffallend ausgezeichnet, daß es den Kameraden auffiel und Botho von allen Seiten beglückwünscht wurde. Zu mir sagte der herzige Junge am andern Tag: ›Ach Mama, es ist fast zu viel Glück für mich wenig verwöhnten Menschen; man wird mich unheimlich beneiden.‹;

»Und nun denke Dir, wie er vorgestern in die Kaserne kommt, fallen ihm zuerst die scheuen Blicke der Kameraden auf; aber als Glücklicher will er keinen Argwohn aufkommen lassen, und herzlich und vergnügt wünscht er allseits guten Morgen. Da werden die Gesichter noch verdutzter; man weiß offenbar nicht, wie man sich benehmen soll. Erich Hesse, der, wie du weißt, am vertrautesten mit ihm steht, ergriff endlich das Wort: ›Du scheinst die Nachricht ja gut aufgenommen zu haben, lieber Botho,‹; sagte er.

»›Was für eine Nachricht?‹;

»Also er kannte sie noch nicht. Die ganze Stadt hatte in der Frühe die Anzeige erhalten, nur er nicht; die ganze Stadt sprach in diesem Augenblick von der Verlobung des Grafen Hallstein mit Ottilie von Seidschitz.

»Nur Botho war noch in der Unwissenheit, stand ahnungslos vor den lauernden Kameraden. Welche Situation!«

*

 

Was ist da noch zu sagen? Armer Botho! Ich finde weiter kein Wort.

*

 

20. 8.

Georg hat mir heute ein Geständnis gemacht, das er gescheiter für sich behalten hätte.

In jener Nacht, bei seinem Vetter, habe ich ihn – ich war ärgerlich, ohne es zu wissen, warum – barsch weggeschickt, und wahrlich, ich begriff hintennach selber nicht, wie ich so grausam hatte sein können, allerdings auch nicht, wie er so dumm sein konnte, mir zu folgen. Und heut – er war beglückt, weil ich wegen der Heirat einige Hoffnung durchblicken ließ – heut gesteht er mir, daß er in jener Nacht Höllenqualen der Eifersucht ausgestanden, daß er zuletzt seine Schlafzimmertüre geöffnet, um bis in den Morgen hinein das leiseste Geräusch auf dem Flur zu belauschen ...

Ich mußte an Graf Zobel denken. Der hätte sich weder auf diese Weise aus meinem Bett jagen lassen – es war doch so, wie wenn man einen unartigen Jungen wegschickt – noch hätte er sich je dazu bekannt, wie ein hinausgesperrter, winselnder Hund auf der Lauer gelegen zu haben. Bei einem Mann, wie Zobel, sowas nur zu denken, ist einfach eine Lächerlichkeit.

Wahrlich, Georg müßte etwas stolzer sein.

*

 

Sonnabend, 23. 8.

Brief von Hildegard; sie wohnt in Chambre garnie auf dem Mont-Martre. Wer hätte ihr das zugetraut? Und was sie wieder einmal für eine feine Nase verrät. »Apropos,« schreibt sie, »wenn er dich etwa heiraten will, greif zu!« Nicht eine Silbe hatte ich gegen sie fallen lassen, die sie zu einer solchen Annahme berechtigen konnte.

*

 

* * *

Ich bin einstweilen keineswegs entschlossen, »zuzugreifen«; aber ich habe nun doch in einem Brief an Mama andeutungsweise von der Sache geschrieben, von seiner Person, seinen Verhältnissen.

Und Mama hat, weniger burschikos, aber ganz in demselben Sinne geantwortet wie Hildegard. Vorausgesetzt, schreibt sie, daß ich nicht in Verhältnisse komme, die mein Talent schädigen.

Ach, mein Talent! Ich glaube kaum mehr daran.

*

 

27. 8.

Georg wird immer dringender. Nun hab ich ihm heut offen mein Bedenken ausgesprochen.

»Das hab ich mir alles auch gesagt,« antwortete er, »aber mir ist nicht bang. Du bist weich wie Wachs, du bist so gut, du wirst mich nicht unglücklich machen.«

»Ich bin eine Hetärennatur; man hat es mir oft genug wiederholt.«

»Um so mehr brauchst du einen Mann, der dich vor dir selber schützt. Du bist grenzenlos gut, lieb und gut, und wenn du schwach bist, meine starke Hand wird dich halten.«

Ob seine Hand stark genug sein wird, das ist die Frage.

Wenn er zu spät einsähe, daß er sich getäuscht ...

Ich habe mir von neuem Bedenkzeit auserbeten.

*

 

* * *

»Meine starke Hand wird dich halten.« Wenn ich's ihm nur zutrauen könnte; nur bei einem wär ich dessen sicher – dem Grafen.

Er ist auch der einzige, der mich in Wahrheit »genommen« hat, dem ich mich verfallen fühlte kraft einer übermächtigen Gewalt, die innerlich von ihm ausging. Vor ihm allein hatte ich keinen Willen; wie ein ängstliches Hündchen duckte sich mein Wille vor seinem gebietenden Blick, sogar sein Bäuchlein und seine Glatze vergaß ich darüber.

Allen andern habe ich mich frei geschenkt, oder was noch weniger schmeichelhaft für sie ist, aus augenblicklicher Apathie überlassen, auch aus Mitleid.

*

 

Goethes Geburtstag.

Ich hatte bis jetzt nie die »Wahlverwandtschaften« gelesen; es ist fast eine Schande. Aber dieser moralisierende Herr Mittler und gleich zu Anfang die langweiligen Gespräche über Gartenanlagen haben mich immer abgeschreckt, und ich bin nie über die ersten Seiten hinausgekommen. Ich wußte nicht einmal, daß mein Name darin vorkommt, ja, daß er der Name der Hauptheldin darin ist ...

Literaturgeschichte: Sehr gut! hat mich einst der Professor Himmelhaber zensiert. Ja, die schlechten Zensuren allein sind nicht immer die ungerechten, die guten können es auch sein!

Und dabei hat wahrscheinlich diese Goethesche Ottilie bei mir Pate gestanden; ich erkenne da Papas romantische Neigungen. Gewiß bin ich auf diese Weise zu dem altmodischen Namen gekommen; denn wer heißt denn heut noch Ottilie? Ja so, die ... aber daran will ich nicht mehr denken. Nicht nur der Name ist unmodern, der Typus ist es noch mehr.

Die edle Entsagung, das ist nicht mehr modern. Wenigstens gibt es das nicht in modernen Romanen – außer vielleicht in schlechten.

Ich habe nämlich jetzt endlich das Buch gelesen. Wie ich dazu kam? Nun, man langweilt sich doch manchmal. Ich saß da gestern nachmittag an meinem Fenster, und lange genügte es mir, mich in den Anblick da draußen zu versenken.

Ich träume ja lieber, als ich lese. Wie sagt Hebbel in seiner Judith, die sonst nicht sehr gescheit ist? – na, nun kommt mir der Wortlaut der Stelle nicht!

Nebenbei: Überall liest man jetzt von den Aufführungen dieser Judith; fünfzig Jahre hat das gebraucht. In wieder fünfzig Jahren führt man vielleicht die meinige auf ...

Ich träume lieber, als ich lese, sagte ich. Aber manchmal brechen die Fäden ab. Ich griff zu einem Band Goethe, ich blätterte; plötzlich lese ich: »Aus Ottiliens Tagebuch.«

Ich bin ganz erschrocken. Sind denn meine Tagebücher schon einmal gedruckt?

Und nun, natürlich, machte ich mich an die Lektüre.

Es ist aber wirklich ein altmodisches Buch. Ein sonderbarer Kauz, dieser Goethe manchmal. Seinen Wanderjahren – die ich auch noch nicht gelesen habe – gibt er den Untertitel: »Oder die Entsagenden.« Er hätte das auch vor die Wahlverwandtschaften schreiben können.

Aber sowas imponiert den Moralisten; sie vergessen nur, daß es ein alter Herr ist, der ewig das Lied der Entsagung singt. Da ist doch nichts Besonderes zu rühmen, und wenn dann unter den Epigonen ganz Junge uns dieses Lied vorleierten, so war das vollends albern.

Die moderne Literatur hat endlich diesem Geleier zum Glück ein Ende gemacht.

 

Ob nun das wohl zum Gescheiten oder zum Dummen gehört, was ich da geschrieben habe?

Georg behauptete nämlich vorgestern: In mir seien zwei Ottilien, eine sehr gescheite und eine ganz dumme. Es sei überraschend, was ich manchmal für gescheite Dinge sage, und dann wieder rede ich so scheckig, daß man meinen könne, ich sei im Kopf nicht ganz richtig.

Ich mußte an Tantchen Suse denken, von der wir das auch immer sagten.

Und dennoch will er mich heiraten.

*

 

Sedantag.

War das eine Nachricht! Ganz verstört bin ich diese drei Tage herumgelaufen, und noch immer bin ich wie betäubt.

Also das Gut ist verkauft, Park und Schloß inbegriffen.

Nun, darauf war ich gefaßt seit Hildegards Besuch. Aber, wer es gekauft hat?

Erich! dieser Hohn; Erich Hesse hat die Plessenburg gekauft.

Darum hatte er als armer kleiner Leutnant die Frechheit, das sechzehnjährige Schloßfräulein zu küssen, das dumme Ding, das sich nicht denken konnte, daß in einem Leutnantsrock ein Bube stecken könnte.

Durch das arme Fräulein konnte er freilich das Schloß nicht bekommen; er mußte vorher die Tochter des reichen Seifensieders heiraten.

Bei mir wollte er nur einmal seine Unwiderstehlichkeit erproben.

Und natürlich war er auch indiskret, der Elende, und hat wohl gar Schlimmeres dazugelogen. Ich habe immer sowas vermutet; seine Kameraden haben sich auf Bällen oft so eigentümlich gegen mich betragen, und die Anspielung, die Graf Zobel einmal gemacht hat ...

Wenn Bernhard ein Kerl mit Schneid gewesen wäre, so hätte er damals, als ich ihm die Sache erzählt, den Menschen gefordert, der seiner Schwester das zugefügt, und hätte ihm eine Kugel vor die Lappen geschossen.

Aber der hat die Achseln gezuckt. »Kindereien.«

Dafür muß er's nun erleben, daß der Sohn des Schulmeisters aus Görlitz ihn zum Schloß seiner Väter hinauswirft.

Hinterrücks! Denn natürlich hätte Bernhard das Gut diesem Hesse nie verkauft, das hätte ihm doch die Eigenliebe nicht erlaubt; aber der Verkauf ging durch einen Unterhändler, und der eigentliche Käufer wurde nicht genannt.

Ob Bernhard dieselbe Summe anderwärts herausgeschlagen hätte? Hesse hat es sich wohl was kosten lassen, gerade den Mann aus dem Sattel zu heben, in dessen mütterlichem Haus er sich so oft hatte füttern lassen als armer Kadett, wenn sie Sonntags Ausgang hatten, und später wieder als Leutnant, wo er so manchen Urlaub auf Plessenburg verleben und sich's wohl sein lassen durfte – allerdings auch manche Beschämung hatte hinnehmen müssen wegen seiner gar zu schäbigen Equipierung.

»Er wird wohl bald,« schreibt Mama, »seinen Abschied nehmen, um als Schloßherr auf der Plessenburg zu residieren.«

*

 

Und nun weiß ich auch, warum ich mit meinem Roman nicht mehr vorwärts kam; diesen göttlichen Ausgang zu erfinden, wäre ich allerdings nicht imstande gewesen. Die Wirklichkeit ist manchmal kühner als Dichterphantasie.

*

 

3. September.

Solche Nachrichten können einen mürbe machen. Ich bin nun fest entschlossen, Frau Professor zu werden; vielleicht gebe ich doch noch eine gute bürgerliche Hausfrau ab.

*

 

3. 9. abends.

Mir ist heute ein Einfall gekommen. Georg liebt über alles sein altes Mütterchen, er hält hohe Stücke auf sie; er spricht von ihr, wie von einer Art Sybille oder Seherin alten Stils und sie ist auch ganz gewiß eine außerordentliche Frau.

Er will schon lange, daß ich sie kennen lernen soll; ich werde ihm den Vorschlag machen, daß wir sie nächsten Samstag besuchen: sie soll mein Orakel sein. Wenn ich ihr rückhaltlos gefalle, wenn ich ihr volles Vertrauen gewinne – sie wird sich Georg gegenüber offen aussprechen – so soll mir das sein wie die Stimme Gottes, und ich will mit ihm vor den Altar treten in Glauben und Zuversicht.

*

 

9. 9.

Na, das hätte ich nun auch nicht erwartet. Ein Brief von Hauptmann Hesse.

Ich war erst empört, wie über eine Frechheit. Ich vermutete den reinen Hohn dahinter; aber nach ruhiger Überlegung sah ich die Sache anders.

Er bittet mich, ihm dasselbe geschäftliche Vertrauen entgegenzubringen, wie meinem Bruder Bernhard, und meine Hypothek auf dem Gut stehen zu lassen.

Was kann das heißen? Nötig hat er's sicher nicht.

Ich kann mir seinen Brief überlegen, wie ich will, immer komme ich darauf hinaus, daß sich hinter seiner Bitte eine zarte Aufmerksamkeit versteckt. Was eine Gunst von seiner Seite ist, erbittet er von mir als Gefälligkeit; er weiß, wie mir's schmeichelt, durch meine Hypothek noch sozusagen Mitbesitzerin von Plessenberg zu sein.

Wahrlich, ich hätte ihm das nicht zugetraut. Demnach muß damals doch ein Funken echter Verehrung unter dem Strohfeuer seiner sogenannten Liebe geglimmt haben.

*

 

Montag, 9. 9.

Ich habe Georg von meinem Plan gesprochen; er hat mir die Hand geküßt aus Rührung und Dankbarkeit. Ich ließ ihn darauf feierlich schwören, mir alles, Günstiges und Ungünstiges, was seine Mutter über mich äußern wird, mit peinlichster Strenge zu berichten.

Er zweifelt keinen Augenblick, wie die Entscheidung ausfallen werde, und ich selber bin nun ungeheuer begierig auf das alte Mütterlein und freue mich darauf.

*

 

Dienstag.

Endlich wieder einmal etwas Angenehmes. Wehrmüller schickt die noch rückständigen sechshundert Mark; er hat seine Judith verkauft.

Die fünfzehnhundert Mark hatte ich ihm geliehen gleich am Anfang unserer Bekanntschaft; ich hatte längst nicht mehr daran gedacht und war ihm nicht bös gewesen, wenn er vergessen hätte, sie zurückzuzahlen; doch kommt mir die Summe jetzt sehr gelegen, und ich bin froh darum.

Ich freue mich um so mehr, als sie aus dem Erlös der Judith stammt – wenn ich auch allerdings an das Bild und seine Geschichte jetzt nicht denken sollte.

*

 

Freitag.

Also morgen und übermorgen wird sich mein Geschick entscheiden. Georg hat sich für den Nachmittag frei gemacht, ½1 Uhr geht unser Zug, wir werden zur Zeit des Abendessens bei der Mutter eintreffen.

Georg freut sich darauf, wie ein Kind auf Weihnachten.

Mir, wenn ich ehrlich sein will, ist es doch nicht recht wohl bei der Sache. Eigentlich betrüge ich die alte Frau, wenn sie von mir eine Meinung empfängt, die besser ist als die Wirklichkeit.

Fast reut mich mein Vorschlag nun. Mir scheint, ich spiele ein unredliches Spiel.

Nein, wirklich, mir ahnt nichts Gutes.

*

 

Mittwoch.

Mein Geschick, scheint es, hat sich entschieden, und wie anders, als wir beide gedacht hatten!

Die Frage ist: wer entschieden hat.

Ich?

Die Menschen, nach ihrer gewöhnlichen Art zu urteilen, werden es sagen.

Aber ist nicht vielmehr der Zufall schuld und die dunkle, geheimnisvolle Macht, die den Zufall herbeigeführt hat?

Ohne diese geheimnisvolle, dunkle Macht, wofür ich keinen Namen habe, hätte es doch gar nicht so kommen können!

Seien wir historisch.

Reise und Besuch bei der Mutter ganz dem Programm gemäß ausgeführt. Herrliche Alte! Seltener Mensch! Ich ganz Verehrung zu ihren Füßen, erobere auch sofort ihr Herz, sah es gleich, brauchte nicht erst zu warten, was sie zu Georg über mich sagen werde, und war natürlich zu sehr geschmeichelt durch meine Eroberung, um noch etwas anderes zu denken.

Georg ganz Triumph, ganz Glück!

Auf der Heimfahrt schwimmend in Seligkeit!

So am Sonntagabend.

Am Montag schrieb er mir entzückende Zeilen, fast heilige Worte; am Dienstag erhielt er (wohl mit der Nachmittagspost auf seinem Laboratorium) – folgenden Brief: »Armer Freund, es ist alles aus. Einer, der schon einmal mein böser Dämon war – Du kennst ihn aus meinem Münchner Tagebuch – ist gekommen und hat mich von neuem an sich gerissen. Ich muß in deinen Augen eine Elende sein, eine Verworfene; verdamme mich und vielleicht – beklage mich! Jedenfalls vergiß mich!«

 

Der Brief war ein vergifteter Dolch in ein Herz voll Liebe und Vertrauen; und ich hatte ihn geschrieben, ihm, der noch kurz vorher zu mir gesprochen hatte: »Du bist grenzenlos gut, lieb und gut.«

 

Wir waren am Sonntag mit dem letzten Zug, der nach Mannheim ging, in Heidelberg angekommen; Georg, der durchaus nicht wollte, daß ich zu Fuß nach Haus ginge, hatte mir mit Benutzung eines Aufenthalts von fünfzehn Minuten eine Droschke besorgt, und mit bräutlichem Kuß hatte ich mich von ihm verabschiedet.

Schon vorher hatten wir ausgemacht, daß ich am andern Tag auf den Abend zu ihm käme, denn wir pflegten in der letzten Zeit jede Woche einmal bei ihm zusammen zu sein. Er hatte eine kleine Wohnung mit drei Zimmern und wohnte in seinen eigenen Möbeln. Man war bei ihm mehr zu Haus als bei mir.

Auf meiner Stube angekommen, und als ich schon im Begriff stand, zu Bett zu gehen, ohne auch nur ein Licht anzuzünden, fällt mir plötzlich auf meinem Fenstertisch, wo ich nie Papiere abzulegen pflegte, ein kleines weißes Viereck in die Augen, das um so mehr leuchtete, als gerade der Mond seinen Schein darauf warf. Ich trat hinzu und erkannte die Visitenkarte des Grafen. Ich konnte im Mondlicht ganz deutlich lesen:

Graf Zobel
Kgl. Sächs. Kammerherr.

Er hatte sie mir ja längst geschickt, die Karte; nur konnte ich mich durchaus nicht besinnen, sie in den letzten Tagen in der Hand gehabt zu haben, und begriff nicht, wie sie da auf den Tisch kam.

Im Bett strengte ich noch kurze Zeit mein Gedächtnis an, wie die Karte aus den Tisch gekommen sein konnte; darüber schlief ich ein.

Als Frau Schellmeyer mir am andern Morgen das Frühstück brachte, meldete sie: Ein Herr habe gestern nachmittag die Karte abgegeben; er werde heute noch einmal die Ehre haben ...

Seltsam: ich zitterte am ganzen Leib bei dieser Nachricht. Ich konnte keinen Bissen frühstücken vor Aufregung.

Dann faßte ich den Entschluß, sofort nach Mannheim zu fahren; ich hatte einen Schlüssel zu Georgs Wohnung, das war eine sichere Zuflucht.

Ich machte mich rasch zurecht, nahm, wie immer, mein kleines Reisetäschchen zu mir und stahl mich davon, ohne Frau Schellmeyer ein Wort zu sagen.

In einem Delikatessengeschäft in der Hauptstraße machte ich einige Einkäufe für unser Abendbrot – ich hatte von vornherein Georg die Mühe solcher Besorgungen abgenommen –, und also mit Vorräten versehen, steuerte ich dem Bahnhof zu.

Aber kann der Mensch seinem Schicksal entrinnen?

Als ich gerade in die Märzgasse einbiegen wollte, um das »Plöck« zu gewinnen, eine Nebenstraße, wo man kaum je einem Fremden begegnet, da stand Er vor mir.

Ich erschrak. Er konnte sich nicht darüber täuschen, daß ich vor ihm floh; aber er ließ sich nichts anmerken.

Ich gestand ihm frei, was ich vor hätte. Er lächelte, aber nicht unhöflich, nicht indiskret; er »erlaubte« sich bloß die Bemerkung, daß es zu meinem Besuch vielleicht am Nachmittag noch Zeit wäre. Er selber reise um vier Uhr ab. Ich werde doch nicht so grausam sein wollen, ihn bis dahin allein zu lassen; er käme überdies direkt von den Meinigen.

Er hatte recht; es wäre unartig gewesen, ihm auszuweichen wie einem bösen Tier. Und dann, da er um vier Uhr abreiste ... genau um vier Uhr fünfzehn Minuten ging der Zug, mit dem ich sonst immer nach Mannheim fuhr.

Es ging gerade ein Dienstmann vorüber; er hielt ihn auf, und indem er mir meine Tasche abnahm: »Bringen Sie das an den Bahnhof,« befahl er, »und geben Sie's im Handgepäck ab, den Schein dafür hinterlegen Sie am Büfett erster Klasse.«

Ich war gefangen.

Er schlug vor, irgendwo draußen im Freien zu Mittag zu essen; wir fuhren nach dem Kohlhof.

Als der Kellner zum Nachtisch den Champagnerkübel brachte, sah ich den Kammerherrn vorwurfsvoll an; er lachte.

Zehn Minuten später saß ich drüben im Wald, wie ich glaubte, in sicherem Versteck: ich war ihm geschickt entschlüpft. Abermals war ich feig vor ihm entflohen, denn noch war mein Wille einigermaßen aufrecht.

Ich hätte mir sagen sollen, daß, wer Feigheit verrät, sich selber verloren gibt.

Ich hätte mir auch sagen sollen, daß er, gereizt wie er nun war, mich hartnäckig suchen würde.

Und doch hat er mich wieder nur durch einen Zufall entdeckt. Zwei heidelbeersuchende Kinder hatten mich gesehen; sie brachten ihn auf die Spur.

Und mein grünes Versteck, das mir zur Rettung sein sollte, wurde mir zur Schlinge.

Und er: »Das hast du gut gemacht,« sagte er lachend, »du verstehst zu verschönern; ohne diese romantische Flucht ...«

Er glaubte nicht, daß es mir Ernst gewesen wäre. Diese Beschämung habe ich verdient.

Als ich trotzdem noch von Mannheim sprach, sagte er kalt und verächtlich, ich solle mich doch nicht lächerlich machen.

Wir blieben die Nacht auf dem Kohlhof ...

*

 

21. September.

Drei Tage sind verflossen seit meinem Brief an Georg.

Werde ich nicht einen Schrei des Schmerzes von ihm hören? Wird er ganz in schweigender Verachtung darüber weggehen?

Warum bin ich eigentlich noch hier? Warum bin ich nicht gleich mit Zobel abgereist, der mir den Vorschlag machte, diesmal mit ihm nach Italien zu gehen. Er will sogar in München acht Tage auf mich warten. Warum bin ich noch hier?

Ja, warum?

Ich wage es mir selber nicht zu gestehen.

*

 

23. September.

Ach, wie war der weit entfernt, in schweigender Verachtung darüber wegzugehen. Er hat geschrieben, Georg hat geschrieben.

Einen Brief voll Schmerz und Traurigkeit; einen Brief ... Leider ist ein gewisses Mitleid der Liebe tödliches Gift. Sein finsterer Schmerz schnitt mir in die Seele, seine schwarze Traurigkeit umhüllte mich wie mit Nacht.

Aber in seinem großen Schmerz wimmerte etwas mit, peinlich, seine Schwäche. Allzu schwach, allzu weich zeigt ihn sein Brief. Er hat mich damit enttäuscht, und die Art, wie er mir seine Verzeihung anbietet, hat mich beleidigt, hat ein garstiges Mitleid, hinter dem die Verachtung lauert, in mir aus einem Winkel hervorgelockt, aus einem Winkel meiner Seele, wo sie finster ist und bös, wo noch andere Dinge lauern als Verachtung.

Aber warum bin ich nicht gleich abgereist? Hatte ich denn noch etwas gehofft?

Ich glaube.

Ein Ausweg wäre gewesen, ein Mittel gab es; ich hatte bangend darauf gewartet.

Diese drei Tage und diese drei Nächte hatte ich darauf gewartet mit Zittern und Beben, gewartet, daß er kommen werde, nicht mit Wimmern und Winseln, sondern mit dem harten Blick der Rache und des Zornes. Unter seinen Faustschlägen und Fußtritten hätte ich die wilde Kraft seines Zornes gespürt und nicht anders empfunden als Kraft seiner Liebe. Seine Rache wäre meine Sühne geworden; ich hätte mich quitt fühlen können.

Aber so.

Es ist aus. Ich werde morgen reisen.

*

 << Kapitel 6 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.