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Gutenberg > Benno Rüttenauer >

Tagebuch einer Dame

Benno Rüttenauer: Tagebuch einer Dame - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeBenno Rüttenauer
authorfiction
titleTagebuch einer Dame
publisherPiper & Co.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Heidelberg.

»Alt-Heidelberg, du feine.«

Na, die Gerüche sind nicht immer fein in den alten, schmutzigen Gäßchen; aber ich wohne darüber.

Hoch darüber, am alten steilgepflasterten Schloßbergweg, zwischen all dem bunten Plunder von Neubauten, burgartigen Korps-Häusern und nicht weniger phantastisch getürmten und gegiebelten Protzenwohnungen, steht ein hohes solides Haus aus der Barockzeit; es ist in der Mitte, auf vier Fenster Breite, um einen Stock höher als an den Seiten, und in diesem Ausbau wohne ich.

Die Räume nach hinten hat Frau Schellmayer inne, eine brave Waschfrau, die nur gern zynische Sprüche im Munde führt; die zwei saalartigen Stuben nach vorne hat sie vermietet. Mein Wandnachbar ist ein fleißiger Student, der Tag und Nacht über seinen Büchern sitzt.

Ich werde mir ein Beispiel an ihm nehmen.

Und gottlob, daß ich wieder anständig wohne. Seit meinem kleinen Mansardenzimmer am Bavariaring war mir nicht mehr behaglich zwischen meinen vier Wänden. Es war eine rechte Dummheit, daß ich damals aus reiner Gutmütigkeit mit den Schustersleuten in die Heustraße gezogen bin; denn ein Entscheidendes in meinem Leben, woran ich nicht gern denke, weil es häßlich war, hätte nicht so kommen können, wie es gekommen ist, ohne diese niedere Wohnung an der Erde.

Nun liegen wieder tief unter mir nicht nur die engen, feuchten Gassen, sondern auch die sonnigen Dächer darüber. Wie eine phantastische, frischgepflügte, braune Landschaft breitet sich's unter mir aus, rote Türme ragen daraus empor, und jenseits des Flusses grüßen hängende Gärten über schimmernden Landhäusern zu mir herüber.

Romantischer könnte man, selbst in diesem romantischen Heidelberg, nicht wohnen.

*

 

Später.

Merkwürdig, dieser Abschied von Schönemann. Redete mich mit »Sie« an, war ganz von oben herunter, und hielt mir eine regelrechte Moralpauke. Aus mir werde im Leben nichts; ich wisse selber nicht, was ich wolle; hatte alle Hoffnung auf München gesetzt, aber Redouten und Fasching und Atelierfeste wären mir lieber gewesen als ernste Arbeit, aber auf Redouten habe noch niemand ein Meisterwerk geschaffen.

In diesem Ton ging's weiter, ganze Tiraden von Moral. Er wollte wohl die andere Moral, die er mir solange gepredigt hatte, damit wett machen.

»Rein verloren,« fuhr er fort – als ob ich das nicht selber wüßte – »rein verloren war für Sie der Aufenthalt in München, wo um Sie herum dennoch soviel Großes und Schönes geschaffen wurde. Aber umsonst habe ich Sie mit den ersten schaffenden Geistern in Berührung gebracht, und dann sollte München schuld sein, daß Sie nichts arbeiteten, und Sie hatten's genug und schielten sehnsüchtig über die Alpen, als richtiger Romantiker.

Ja, so tun alle Faulenzer. Was soll man denn in Italien, als in Kunstdusel sich auflösen; wer sich sucht, geht nicht dahin, nur wer sich verlieren will, wem es graut vor sich selber. An Italien ist ehemals unser Reich zugrunde gegangen; an Italien ist später unsere Kunst krank geworden. Warum sind Sie denn aber nicht wirklich hingegangen? Sie wollten ja doch nur los von sich selber; das erreicht man dort, das haben schon die Hohenstaufen dort gewonnen.«

»Auch Goethe?« warf ich schüchtern hin.

»Schweigen Sie,« schrie er; »haben Sie etwa den sichern, unverrückbaren Schwerpunkt eines Goethe, um den diese große Natur sich drehte, wie eine Welt um ihre Achse? Und Sie wollen ja gar nicht mehr hin, nach Heidelberg wollen Sie jetzt, in ein Gelehrten-Krähwinkel – zugleich Schlupfwinkel aller verhockten Romantik, von wo die Romantik sich die Gasse eroberte und den Markt, nachdem sie die hohe priesterliche Gebärde und die Harfe und den Philosophenmantel abgelegt und ein pausbackiger und schnurrbärtiger Stabstrompeter geworden war. Nun, also meinen Segen zur Trompeterei. Die gelehrten Brahminen und Pagoden werden alle mit dem Kopf wackeln, wenn Sie anfangen zu tuten; denn Blechmusik, wenn sie nur recht laut und vulgär ist, dringt sogar durch Brahminenohren, so dick und so lang sie sind ...

Nach Heidelberg, in dieses Nest gelehrter Maulwürfe, die mit unglaublicher Ausdauer die Humusschicht unserer Kultur durchwühlen – und froh sind, wenn sie Regenwürmer finden – und denen das Augenlicht vergeht, sobald sie einmal an die Sonne und die frische Lust gestoßen werden ...«

Er hielt diese Rede stehend; in seiner ganzen Größe, die schwarzen Locken in die Höhe gesträubt, stand er vor mir. Ich hatte mich in seinen Lutherstuhl gesetzt und blätterte in einer französischen Broschüre über Félicien Rops, die gerade vor mir lag, und wo recht lüsterne Dinge zu sehen waren. Als er es bemerkte, riß er mir das Heft aus der Hand.

Seine Stimmung schlug auf einmal um; er legte mir väterlich die Hand auf die Schulter: »Du meinst vielleicht, ich wußte nicht, warum du nach Heidelberg gehst, oder du meinst, ich hätte einen Zorn, weil ich's weiß. O, ich gönne ihn dir.«

Ich wollte protestieren; er ließ mich nicht zu Worte kommen.

»Er war gestern bei mir,« fuhr er fort; »ich war schnell hinter dem Geheimnis, er ist ehrlich in dich verschossen, und wenn er's auch dir angetan hätte, ich könnte es begreifen. Er ist übrigens nicht nur schön, er hat wirklich Talent, und vielleicht vermag die Liebe mehr bei dir als die Vernunft. Unter seinen Händen könntest du vielleicht noch was werden, wenn er stark genug ist; ich glaub's aber nicht.«

Er sagte dann im ganzen viel Schmeichelhaftes über Ringwald, den er längst kennt.

Mich ließ er nicht zu Worte kommen, und kurz und unwirsch schob er mich zuletzt zur Tür hinaus. Ich wollte seiner Frau Adieu sagen; sie sei nicht zu Hause.

Ich stand draußen auf dem Vorplatz; ich wußte nicht wie. Ich fühlte mich wie hinausgeschmissen.

*

 

Spät in der Nacht.

Natürlich habe ich mich auch bei Wehrmüller verabschiedet; das war ein wenig peinlich. Das kleine Männlein wurde einen Augenblick ganz blaß.

»Ich hätte es wissen können, daß du mich nicht liebtest,« sagte er dann; »ich wollte mit Gewalt mich selber anlügen. Ich hätte es wissen können, daß du bloß Mitleid für mich hattest.«

Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte, und es kam wohl ein bißchen dumm heraus, als ich äußerte, seine »Judith« sei ja jetzt so weit, daß er mich nicht mehr brauchte; denn ich bemerkte, daß ihm schon wieder der Spott um die Lippen zuckte.

Wenn er witzig wurde, fühlte ich ihn mir immer gewaltig überlegen, und ich hatte dann ordentlich Angst vor ihm.

Ich ließ es nicht so weit kommen; ich eilte weg.

Er hatte recht: ich konnte ihn nicht lieben; aber ich hatte viel Freundschaft für ihn.

Werde ich Ringwald je lieben können? Er würde glücklich werden, und er verdiente es. Aber liegt das in meiner Macht?

*

 

Mitternacht vorüber.

Ich kann nicht zweifeln, daß er mich aufrichtig liebt, und zum erstenmal fühle ich das ganze Lebensglück eines Menschen in meine Hand gelegt ...

Das heißt: liegt es wirklich in meiner Hand?

Das muß ich immer wieder fragen. Denn er braucht Liebe, ehrliche Liebe, um glücklich zu werden; er würde nicht eine andere Sache sich für Liebe vortäuschen lassen. Hängt das aber von meinem Willen ab, Liebe zu geben? Kann man geben, was man nicht hat, auch wenn man es hundertmal wollte?

Wie zart und rührend sich seine Liebe äußert! Aber wiewohl er mich unendlich rührt, nichts in meiner Seele zittert mit, wenn ich gleichsam sein zitterndes, bebendes Herz in der Hand halte, wie einen gefangenen Vogel ...

Wahrlich, ich weiß nichts damit anzufangen.

Ich bin manchmal ganz verzweifelt. Sollte das eine Strafe des Himmels sein für meinen frivolen Leichtsinn, daß mir das Herz verschlossen worden ist für die Seligkeiten der Liebe?

Ich bin schon tödlich erschrocken bei dem Gedanken.

Aber das wird nicht sein. Er ist wohl einfach nicht der Mann, der mich zur Ganzheit restlos zu ergänzen vermag, vielleicht – vielleicht, weil er von geringerer Abstammung ist, weil er mir nicht ebenbürtig ist.

Daran muß etwas sein.

Und wenn das, was dabei mitspricht, auch nur ein Ergebnis ist aus der Macht der Erziehung.

Denn nie habe ich es mir denken können – schon in der Kleinmädchenzeit –, daß ich je einen Mann lieben würde, der nicht zu unsern Kreisen gehört. Das mag, wie gesagt, die Erziehung in mich gelegt haben. Aber warum sollte nicht auch schon das Blut seine Sprache reden und einen Willen der Wahlverwandtschaft unbewußt äußern?

*

 

In der Frühe.

Einstweilen kann ich ihm für seine ehrliche Liebe nichts bieten, als vollkommene Ehrlichkeit meinerseits.

Ich werde ihm meine Tagebücher zu lesen geben. Das ist grausam für ihn – er hält mich natürlich für unberührt; er ist in diesem Sinne unschuldig wie Botho, hat überhaupt innerlich viel Ähnlichkeit mit ihm – das ist grausam, aber vielleicht ist es eine große Wohltat für ihn, indem es ihn heilt von seiner Leidenschaft; aber das wird er sich nun freilich nicht wünschen.

Wünsche ich mir's?

Wenn ich aufrichtig sein soll ... es ist süß, sich geliebt zu wissen, und wie selig muß es erst sein, zu lieben, wo man geliebt wird?

Ich werde ihm doch meine Tagebücher geben; es muß absolute Reinlichkeit zwischen uns sein. Und wenn ich's recht überlege, brauche ich nicht zu befürchten, daß sie ihn heilen.

Es schickt sich gut, daß ich hier in Heidelberg ein neues Heft angefangen habe, da doch in dem alten mit dem schönen Einband – für meine Gedichte hatte mir's Hildegard einst geschenkt – nur noch wenige Blätter frei waren, und ich auch auf diese Weise den Beginn eines neuen Lebens an ein äußerliches Zeichen knüpfen wollte.

*

 

?

Ich bin ganz von Universitätsbüchern umgeben, von Chroniken und Stadtgeschichten. Bis ich wieder durch einen glücklichen Anstoß zur dichterischen Produktion komme, will ich wenigstens ein wissenschaftliches Studium mit Ernst treiben. Ich wollte es mit der Philosophie probieren; ich hatte mir Schopenhauer geben lassen »Die Welt als Wille und Vorstellung«, aber ich bin nicht weit damit gekommen. Meistens war der Rede Sinn mir dunkel, und sein dummer Teufel von »Wille«, den er recht eigentlich als Gott proklamiert, konnte mir keineswegs imponieren; vielleicht verstehe ich eben den Mann einfach nicht. Ich hatte immer das Gefühl, im Blinden zu tappen.

Nein, Philosophie ist nicht für mich, das ist zu hoch über dem Boden der Realität, und ich brauche Boden unter meinen Füßen; ich muß mich an Tatsachen halten können.

Braucht man überhaupt Philosophie als gläubiger Christ? Ist nicht alles im Christentum symbolisch ausgedrückt, was die Philosophie uns lehren kann?

In neuerer Zeit haben sogenannte Philosophen sich den Anschein gegeben, das Christentum zu widerlegen. Bernhard, der alles liest, sagt mit Recht, sie täten das aus purer Eitelkeit und Originalitätssucht; sie wollten das Christentum aus der Welt schaffen, damit sie ihre eigene Lehre, die, soweit sie Wahrheit ist, allein aus dem Christentum stammt, um so ungescheuter als ihre Erfindung und Offenbarung ausgeben können. Um sich an seine Stelle zu setzen, leugnen sie den heiligen Geist.

Wie dieser Tolstoi, der nichts lehrt, als was die großen Heiligen des Mittelalters, ein heiliger Franz von Assissi z. B., viel konsequenter gepredigt, und nicht nur gepredigt, sondern in die Tat umgesetzt haben ... und der dennoch tut, als ob er der erste sei, der allererste, der Askese und Nächstenliebe, Solidarität der Menschheit predige und Keuschheit, für deren Erfinder er sich fast ausgibt, und man sich nur wundern muß, daß er nicht ein Patent darauf genommen hat – in seinen alten Tagen.

Er tut wirklich, als ob er vom ganzen Mittelalter, von der ganzen Geschichte der Kirche rein gar nichts wüßte. Oder er gibt sich absichtlich für einen solchen Ignoranten aus, nur um recht original zu erscheinen.

Und die ganze europäische Presse unisono stößt in die Posaune seines Ruhms, und nicht eine Stimme ruft ihm zu: »Nicht so laut, Herr Graf, nicht so aufdringlich; ist alles schon dagewesen.«

Ich habe nie begreifen können, wie einer ein Graf sein und so wenig historischen Sinn haben kann. Wer nur Gegenwart hat, das Tier, der Bauer, wird sich freilich um keine Vergangenheit kümmern; wer aber, wie wir alten Geschlechter, selber Geschichte hat, wie sollte der nicht leidenschaftlich historische Studien lieben?

Für mich waren sie von Kindheit auf eine wahre Leidenschaft, und daß ich in München kein Bedürfnis danach spürte, daß ich sie ganz vergessen konnte, ist ein weiterer Beweis von meiner sozusagen entwurzelten Existenz in der verfluchten Stadt, wo ich, losgerissen vom natürlichen Boden der Tradition, wie ein Rohr im Winde schwankte.

Droben in den wunderbaren Ruinen des alten Schlosses ist auf einmal wieder der Geist der Historia über mich gekommen.

Der Geist der Romantik, würde Schönemann sagen. Sei's drum. Historischen Sinn hatten die Romantiker; die »Modernen« nennen das vielleicht ihre Schwäche, ich nenne es ihre Stärke.

*

 

Quasimodogen.

Diese Schweinerei!

Wozu nur der Staat gut ist, wenn er solche Dinge unter seinen Augen geschehen läßt? Wozu bezahlt er denn sein Heer von Beamten? Die malerischen Straßenräuber hat man ausgetilgt; aber wie harmlos – und romantisch – waren diese armen Teufel gegen die modernen Bankdirektoren, die unter dem Schutz der Gesetze gleich Millionen stehlen, Milliarden stehlen!

Das ist ja aber der Ruin von vielen Tausenden kleiner Leute, und der Adel von ganz Sachsen muß da bluten. Aller Grundbesitz ist in Frage gestellt. Armes Plessenberg! Nun wird es um dich geschehen sein.

Und wie hat man sie immer gerühmt, diese »Leipziger Bank!« In Dresden besonders, wo die »Dresdener Bank« wie absichtlich gegen sie gegründet war.

Da hat's nur immer geheißen, wenn von der »Dresdener« die Rede war, ja, diese Judengesellschaft, diese Börsenjobberbande. Die »Leipziger«, im Gegenteil, die galt fast als ein aristokratisches Institut, für ein solid christliches Geschäft. Die vornehmsten alten Handelshäuser in Leipzig, besonders aber der Landadel war daran beteiligt.

Dem König konnte man kein höheres Vertrauen entgegenbringen.

Und nun dieser skandalöse Zusammenbruch. Eine Schande ist's für unser ganzes Königreich. Mit einer ausgesprochenen Verbrecherbande, Trebergesellschaft, schreibt Mama – ich kenne Treber nur aus der Geschichte vom verlorenen Sohn – stand diese vornehme »Leipziger Bank« in Verbindung, scheußlich.

Nun wird der Direktor ein paar Jährlein ins Zuchthaus kommen. Ist das eine Genugtuung für die Geprellten, für die schamlos Bestohlenen?

Ein solcher Skandal! War's nicht mit der Pommernbank – oder wie sie offiziell hieß – schon gerade genug?

Ich habe auf Mamas Brief hin die Frankfurter Zeitung gelesen. Was da zwischen den Zeilen hervorschaute, hatte fast ein Gesicht wie die Schadenfreude.

»Ernste Blätter – wie die Frankfurter Zeitung! – hätten längst,« so hieß es ungefähr in dem Artikel, »hätten längst zur Vorsicht ermahnt. Aber niemand habe der Warnung geachtet; vielmehr habe man die warnenden Andeutungen verdächtigt als Konkurrenzneid, als berechnetes Börsenmanöver –«

Kein Wunder! Wenn die ausgesprochen jüdische Presse eine Bank zu verdächtigen suchte, die mit dem Geld des christlichen Adels arbeitete; was sollte man davon halten?

Ob die verschlossenen Depots intakt sind, weiß auch die heutige Frankfurter Zeitung nicht, obwohl sie, wie mir scheint, am liebsten das Gegenteil glauben möchte, natürlich!

Wenn aber das der Fall ist, da sind wir ja vollkommen am Bettelstab; Mama und wir Geschwister alle ...

*

 

Dienstag.

Endlich von Bernhard eine sichere Nachricht über unsere Depots in der »Leipziger Bank«.

Sie sind unberührt.

Na, das ist kein kleiner Stein vom Herzen. Wir können also höchstens unsern Kontobetrag verlieren, der allerdings für Mama und Bernhard eine recht hübsche Summe ausmacht.

Mein eigenes Guthaben beträgt fünfzehnhundert Mark – darunter neunhundert, die Wehrmüller vor acht Tagen, also nur wenige Tage vor dem Bankerott, abschläglich für mich eingezahlt hat.

Ich hatte ihm die Summe – im ganzen fünfzehnhundert Mark – in München gepumpt; hätte er sie doch lieber behalten, nun ist sie sowieso futsch.

*

 

Dienstag abend.

Georg hat mir Verse geschickt; ich muß sie hier aufschreiben:

Als Hirtenknabe zwischen Blumen liegend,
Von Königstöchtern träumt ich und von Feen,
Die abends Mütterchen, ihr Jüngstes wiegend,
In Märchenzauberkreisen mich ließ sehen.
Doch nur in Traum und Phantasie erschienen
Dem Sonntagskind so hohe fremde Wesen,
Im Leben mußt ich schuften, mußte dienen
Und bin zuletzt von Traum und Wahn genesen.
Nun, da von ungefähr ich dir begegnet,
Da dufteten um mich die Blütenbäume,
Da hab ich dankbar mein Geschick gesegnet,
Da wurden Wirklichkeit die Kinderträume.

Ob ich danach noch den Mut haben werde, ihm mein Tagebuch zu geben?

*

 

28. April.

Königlicher Kammerherr ist er also geworden ...

Der Graf Zobel nämlich. So steht's gedruckt auf seiner Karte, die ich eben erhielt.

Kein Wort dabei, nicht einmal ein Gruß ...

Der ist nicht sentimental; würde ihm auch bei seinem Bäuchlein und Glatze schlecht anstehen.

Als ich die Karte gerade erhalten hatte, kam Ringwald, und seltsam, seine Gegenwart tat mir weh; aber nicht, weil ich weich geworden wäre, im Gegenteil, ich fühlte etwas, wie Härte und Grausamkeit in mir aufsteigen.

Hatte mir die Karte etwa weh getan und bewirkt, daß ich wieder weh tun mußte?

Ich gab Georg mein Tagebuch ...

*

 

2. Mai.

Drei Tage Stillschweigen. Er muß längst alles gelesen haben; er hat das Buch gewiß am ersten Abend ganz durchgelesen. Ein seltsames Angstgefühl überkommt mich.

Wenn ich seine Liebe getötet hätte, diese Liebe, die mich bereits so warm und wohlig wie eine schützende Hülle zu umgeben schien; wenn ich es denke, fröstelt mich.

Ich glaube, ich würde unendlich unglücklich, wenn ich ihn verlieren sollte.

Liebe ich ihn denn, ohne es zu wissen?

*

 

2. Mai. Am Abend.

Es hat ihn tief erschüttert, und seine Liebe war mit erschüttert. Zum Glück hatte sie bereits zu tief Wurzeln geschlagen; sie lag, so drückte er sich aus, wie tot am Boden, aber sie konnte nicht sterben, und sie hat sich wieder aufgerichtet.

Und wahrlich, ihre Kraft hat eine schwere Probe bestanden.

So wurde ich die Seine, indem ich mir im innersten Herzen schwur, den Bund, soviel an mir liegt, als einen Ehebund zu betrachten, der mich bindet und verpflichtet im Heiligsten meines Gewissens.

*

 

Vor dem Schlafengehen.

Ich glaube, ich liebe ihn; wenigstens bin ich glücklich in seiner Liebe, wie ich es lange nicht war.

*

 

Beim Frühstück.

Mir ist's, als ob ich lange einen dumpfen häßlichen Traum geträumt hätte, von dem ich nun zu hellem schönem Bewußtsein erwacht bin.

Wie konnte ich nur das alles seither für Wirklichkeit halten!

Das Häßliche kann niemals wirklich, kann niemals wahr sein. Es wird uns vorgelogen von boshaften, teuflischen Dämonen, die für Augenblicke oder Zeiten Gewalt über uns bekommen, sei es durch unsere Schuld, sei es durch den Ratschluß höherer Mächte. Ich glaube nicht an die Wirklichkeit des Häßlichen.

*

 

Später.

Georg ist schön! Ich wußte nicht, daß der Mann so schön sei.

Wahrlich, der Mann ist schöner als das Weib, und eine höhere Schönheit ist die schöne Kraft als die schöne Weichheit und Zartheit. Die Gewalt, wenn sie schön ist, ist schöner, als was ihr erliegen muß. Jupiter war auch als Stier ein höchster Gott, und es muß wohl Liebe gewesen sein, was mich den Geliebten als Gott empfinden ließ, als er sich zu mir herniederneigte zur Umarmung.

Zum erstenmal erzitterte ich, und heilige Schauer überliefen mich. Ich erlebte die große Wollust, die ich bereits für eine Lüge der Dichter gehalten hatte; ich genoß seinen Leib wie eine göttliche Offenbarung, ich glaubte an kein Häßliches mehr.

Nur häßliche Träume, blöde, dumpfe, hatten mich einst gequält, und ich hatte sie für Wirklichkeit gehalten.

Ist es nun Liebe, dieses neue, helle, jauchzende Glück?

*

 

Georg glaubt es. Er zweifelt nicht mehr an meiner Liebe, und sein Glaube macht ihn, wie er sagt, unaussprechlich glücklich.

Er erlebt auch die Liebe zum erstenmal. Er weinte gestern in meinem Schoß vor Rührung und Dankbarkeit; er wußte sich gar nicht zu fassen vor Glück.

Er hatte es noch nicht gewußt, daß Frauenliebe in einem solchen Grad beseligen kann.

*

 

* * *

Liebespaare sollten in Frühlingsgärten wohnen, gleich Schmetterlingen, die aus Blumenkelchen Nahrung trinken.

Frau Schellmeyer grinste mich heute an, daß es mir die Schamröte ins Gesicht trieb, weil ich wohl merkte, daß sie am Schlüsselloch gespäht hatte. Wie gemein; sie wird mir nun widerwärtig sein, und doch brauche ich sie.

*

 

Nach seinem Weggang.

Unsere Liebe ist so rein sinnlich – daß das Seelische, wenigstens bei mir, gar nicht in Betracht kommt! Höchstens, daß sich unsere Intelligenzen berühren!

Wahrlich, ich wurde ihm erst geneigt, als ich das erstemal seinen herrlichen Körper nackt vor mir sah.

*

 

Donnerstag.

Neulich träumte ich von einem Kind; aber er will keins haben. Geliebte soll ich ihm sein; Mutter – wozu auch?

Der Student neben uns beunruhigte ihn gestern lebhaft, und endlich überwand ich mich, ihm zu versprechen, daß ...

Wunderliche Wesen, diese Männer! Als ob die physische, geschlechtliche Vermischung nicht etwas rein Äußerliches wäre – das absolut mit der Liebe nichts zu tun hat, höchstens trägt sie zur Erhöhung des Glückes bei ...

*

 

* * *

Wenn Georg nicht neben mir ist, entsinne ich oft mich kaum seiner Züge. Nur der Duft und die Berührung seines Körpers ...

»Lilith« hat er mich genannt, »Schlange« und »Sünde« in jener Nacht, wo ihn mein Körper »verrückt« machte, wo seine Finger meinen Hals preßten, weil ich mich ihm »entzog« – – – –

»Lilith«, lese ich in Rosetti, war das »Weib ohne Seele«, das Adam vor Eva geliebt hat ...

*

 

* * *

Immer wieder ist mir's ein Rätsel, daß ich meines Äußeren wegen geliebt werde, und daß einer dies Äußere allein besitzen will ...

Kommt nicht auch der Leib des Herrn allen zugute, ohne daß er deshalb geringer wird oder ärmer ...?

*

 

* * *

Einem nur »gehören?« Ach, Unsinn! Womöglich an einen nur denken sollen? Wir Frauen sind zweifellos elastischer im Denken – im Fühlen – in allem! Warum soll ich mich denn langweilen, wenn er fort ist!

Da kommt von ihm eine Karte.

As soon as a thing is imposed on me as an obligation, my aptitude for doing it is gone; what I ought to do is what I can't do, lese ich in Rosetti.

*

 

Wieder hat er mich heute mühsam erobern müssen, denn er kam mir ganz fremd vor in seiner – Abspannung und mit einem häßlichen, großen Hut und schwarzem Mantel.

Ich wurde kälter und kälter – ein Elementarwesen! Aber als ich ihn abgedankt hatte, kam er wieder zurück, kam er doch über mich und bezwang mich und wärmte mich.

Es war ein Kampf heute wieder – grausam, wie neulich ... Er biß mich wieder, und würgte mich – vor »Liebe« ...

*

 

Nach der Sonntagspredigt.

Über die völlige Selbstlosigkeit des glaubenden Menschen predigte heute der schöne Universitätsprofessor, und daß ein solcher, weil er immer nur höhere Ziele im Auge hat, alles Weltliche als Bagatelle behandelt. Nun also! so geht's mir mit dem Geschlechtlichen! Als Priesterin meiner Kunst habe ich kein Gewissen ...

*

 

* * *

Seinen Körper lieb ich, denn er paßt zu dem meinen. Viele Männerkörper sah ich schon: jeden Alters und Standes – aber seines Körpers wegen bin ich ihm hergefolgt ...

*

 

* * *

An Italien darf ich nicht denken, wo ich vielleicht – – einen Prinzen erobert hätte! Geliebte zu werden von einem Fürsten! Durch ihn über Tausende herrschen – mit ihm Gewaltiges schaffen – politisch. Das wäre, was ich brauchte ...

*

 

* * *

Oder als »Schmetterling von Blume zu Blume« – allen zur Freude! warum nicht? Und in allen die Sehnsucht erhalten ...

*

 

Mittwoch. Früh.

Abgespannt und äußerst müde kam er heute zu mir, und wir waren so traulich beisammen, ganz ohne »Mißton«, und zum erstenmal war ich ihm so nahe – so seelennahe – und er erzählte mir von seiner Kindheit und von seiner Mutter und fand mich rosa und eine lichtsuchende und lichtbedürfende Sonnenblume ...

*

 

Spät am Nachmittag.

In der Nähe vom Karlstor ging ich heute an dem ehemaligen Korpshaus der Sachso-Borussen vorüber. Sie haben sich seit kurzem auf halber Höhe des Schloßberges ein neues gebaut, hoch und stolz wie eine Ritterburg, wogegen das alte bescheiden bürgerlich aussieht. Ich habe dieses heut zum erstenmal entdeckt, und ich war davon seltsam wehmütig den ganzen Tag, weil ich immerfort an Papa denken mußte, der nie so heiter wurde in den letzten Jahren seines Lebens, als wenn er auf seine Heidelberger Erinnerungen zu sprechen kam.

Ich bin lange vor dem stillen alten Hause stehen geblieben, und ich suchte mir Papa vorzustellen als jungen Studenten von neunzehn Jahren. Ich meinte jeden Augenblick, er müsse aus der Türe heraustreten, Arm in Arm mit seinen Kameraden.

Die Studenten müssen damals lustiger ausgesehen haben wie heute, jedenfalls malerischer, nach den Bildern, die von Papa übrig sind, zu schließen. Sie hatten damals noch nicht den billigen Ehrgeiz, mit den bessern Kaufmannsgehilfen im steifen Modegigerltum zu wetteifern. Sie trugen noch nicht den geschmacklosen Stehfallum-Kragen, der wie ein eisernes Halsband die Kehle schnürt. Der lose umgeschlagene breite Kragen ließ den Hals frei, zum Teil sogar die Brust; man zog noch mit buntverschnürtem Servisrock und mit langen Pfeifen durch die Straßen und war weniger korrekt, weniger geschniegelt in seiner Haltung wie in seinem Anzug. Man fühlte sich als Musensohn und nahm den Schneider noch nicht für die größte Wichtigkeit im Dasein.

Im Hintergrund hat wohl auch die Philisterseele gelauert bei den meisten. Im wesentlichen wird das damals nicht anders gewesen sein wie heute; aber das platte Strebertum mußte sich mehr verbergen, und bis zu einem gewissen Grad hat sicher die allzuweit getriebene äußerliche Korrektheit die harmlose Heiterkeit getötet.

Wenigstens bin ich von dem Studentenleben hier sehr enttäuscht; Papas Erzählungen haben mir ganz andere Bilder und Farben gegeben.

Dabei darf man freilich nicht vergessen, daß die Erinnerung immer die Dinge vergoldet.

Aus dem gleichen Grund sind selbst die schmerzlichsten Erinnerungen nur ein Hauch des erlebten Schmerzes. Als Papa vor neun Jahren starb, da glaubte ich, nie im Leben wieder froh werden zu können; nun muß ich nur immer denken, wie wohl mein Leben geworden wäre, wenn er gelebt hätte.

Wahrscheinlich wäre ich dann längst standesgemäß verheiratet, und hätte am Ende gar schon ein Häuflein Kinder um mich her.

*

 

Gespräch.

O. (am Morgen bei heiterem Himmel voll Lerchenfrohsinn. – Nachmittag wieder Regen. Wird empfindlich kalt.)

O Wonnemonat, deutscher! (Fröstelt; zündet im Ofen ein mächtiges Holzfeuer an; in ihr gedämpfte Stimmung).

G. (müde von der Arbeit).

In stillem Zusammensein auf dem Sofa bis tief in die Dämmerung.

G. Bei dir erhole ich mich immer! – Liebst du mich?

O. Ich weiß nicht! Warum soll ich dir's immer sagen?

G. Man wird nie müde, es zu sagen, wenn man liebt.

O. Ich kann es nicht immer sagen! Ich weiß nicht, was man eigentlich Liebe nennt.

G. Liebe ist, wenn sich eine Frau eher zerschlagen – eher verbrennen, eher zerhacken läßt, ehe sie sich einem andern gibt.

O. Ich verstehe das nicht unter Liebe. Ich verstehe darunter ein allmähliches, seelisches Ineinanderhineinkriechen – das andre – das körperliche – ist rein äußerlich – ein notwendiges Übel in den meisten Fällen – in diesem – in unserm Fall eine Erhöhung des Genusses der Glückseligkeit.

G. Du liebst mich nicht, wenn du so reden kannst.

O. (ihn ernst ansehend) Heute früh war ich, siehst du, glückselig! wie ich's gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. Wie ich's nicht verdiene ... (Weint.)

G. (küßt ihr die Tränen weg). Ich weiß schon! Du Süße! Du Süße!

O. Bist du nun endlich zufrieden?

G. (horcht nach dem Nebenzimmer). Ja, mein Glück wäre vollkommen, wenn die Nachbarschaft nicht wäre – die zu nahe hörbare Nachbarschaft.

O. Ich glaube aber, ich kann für mich gutsagen! (Nach langem, seligem Schweigen.)

O. Sieh! Das hat auch noch keiner bei mir fertig gebracht, daß deine leiseste Berührung mich durchrieselt ...

G. (nickt ernst mit dem Kopf, küßt sie). Dein Kuß ist so süß.

O. Und du hast immer gleich meine Zunge. Wenn das nicht alles Beweise sind.

G. Ja, aber wenn du's fertig bringst, doch an andere zu denken ...

O. Dafür kann ich doch nicht.

G. (mit einem unterdrückten Fluch, wirft sie weg, tritt an's Fenster).

O. (ihm scheu in die Augen sehend). Georg, jetzt – ja – jetzt will ich dir's einfach versprechen – freiwillig – und du weißt, ich halte Versprechen ... bis zum äußersten will ich's nicht kommen lassen.

G. (vorschnell). Ich danke dir. Das beruhigt mich.

O. Es gefällt mir ja auch keiner außer dir mehr! Es kommt mir vor, als ob es gar keine Männer weiter gäbe ...

G. Drei Tage werde ich dich nun nicht sehen, sondern arbeiten. Aber dann komme ich einmal unvermutet ...

O. (lachend). Das kannst du gar nicht. Ich weiß ja, wann dein Zug kommt.

G. (fängt wieder an unruhig zu werden, steht auf, um sich fertig zu machen). Ich kann nicht fort. Du bist so schön heute wie noch nie ... Der Student ist fort! Auch die Wirtin ...

Beide im Bett, in ihrer Nacktheit vom Scheine des offenen Feuers beleuchtet.

O. Die Hochzeitsfackel, die uns leuchtet. Mensch! Mensch! was gebe ich dir alles! Erst habe ich dir meinen Körper gegeben – dann meinen Geist, dann meinen Leuchter, – dann mein Herz – aber meine Seele – nein, die behalte ich ...

G. Die gibst du dem Teufel.

G. Und den bringe ich auch noch mal drum! Habe ich so viele Männer drum betrogen, da werde ich einen dummen Teufel doch auch noch drum bringen können. (Lacht. Nach einer Pause) Ich werde statt Georg in Zukunft Schorschel sagen, da ich doch nun ein Heidelberger Mädel bin.

G. Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht eitel brauchen! Ich bin der Herr, dein Gott. Das ist das erste Gebot.

O. (lachend.) Das andere aber ist dem gleich: Du sollst den Nächsten lieben als dich selbst.

G. Nein! Das heilige Gesetz ist: Du sollst keine andern Götter haben neben mir! ...

*

 

G. Du weißes Lämmchen.

O. Lämmchen? Aber Lämmer beißen nicht.

G. Kalt bist du heute. Du liebst mich nicht!

O. Ich weiß es nicht; ich glaube, ich habe keine Seele! Kennst du Andersens Märchen von der Seejungfrau?

G. Dein Körper ist heute wieder so süß und so grausam, so was Grausames hast du heute, wie die Seeschlange von Böcklin, wie du so da liegst. (Sieht ihr in's Auge, packt sie an der Gurgel.)

O. (sieht ihn ernst fragend an, schüttelt dann lächelnd mit dem Kopf).

G. Ja, wirklich, ich glaube, ich könnte dich erwürgen! Wenn du mich wütend machtest, könnte ich dich erwürgen, aus Liebe natürlich! Laß mal sehen, ob ich es könnte? (Würgt sie.) Du wehrst dich nicht? Ich glaube, du würdest dir's ruhig gefallen lassen.

O. Ja, ich würde mich sogar freuen! Dann wär es mit einmal vorbei!

G. Hängst du so wenig am Leben? Dann müßtest du ein Kind haben.

O. (drängt ihn fort).

G. Ich kann nicht fort von dir – ich muß dich immer noch einmal haben! ... Ganz mein gehörst du. Sag, liebst du mich ein wenig?

O. Ja, ich glaube fast. Wenigstens liebe ich deinen Körper.

G. Das ist schon viel, das übrige findet sich.

O. (ist aufgestanden, schürt, in ihrer Nacktheit vom roten Schein überstrahlt, das offene Feuer, wirft Scheite in die Glut, steigt wieder in's Bett, dreht sich von ihm ab, schaut träumerisch ins Feuer).

G. (küßt sie in einem fort auf den Rücken und in den Nacken).

O. (beginnt zu zittern ... Wunderbare Vereinigung ... Verliert einen Augenblick das Bewußtsein, dann.) Du, ich glaube, diesmal ...

G. Nicht sprechen.

O. Warum nicht?

G. In der Kirche und im Bett gibt es heilige Augenblicke, wo ... (Beißt sie in den Hals, küßt sie wütend in den Nacken, preßt sie zum Ersticken.)

O. Du. Ich glaube jetzt nicht mehr – ich weiß ...

G. Ich wußte es schon lange.

O. Von mir?

G. Nein, von mir! Und von dir fühle ich's manchmal.

Von deinem Körper kann ich mich heute gar nicht trennen, deine Wärme tut mir so wohl. Dein Körper duftet so süß heute.

Dein Duft ist heute so rein; er berauscht mich, wie eine berauschende Blume – wie süße Milch ... Wie hast du doch auch deinen Körper so jungfräulich frisch erhalten?

O. Durch lange Keuschheit!

G. Wenn ich dich als Jungfrau bekommen hätte, da hätte ich Sorge getragen, daß du nicht an einen andern geraten wärest.

O. (lachend.) Ei, wie denn? Wie hättest du das angefangen?

G. Ich hätte dich geschützt und gehütet ...

O. Wie hättest du das machen können?

G. Nicht durch Gewalt, durch Liebe ...

(Endlich trennen sich beide).

*

 

Am Sonntag. Sehr spät.

Georg war zum erstenmal vom Samstag auf den Sonntag bei mir. Zum erstenmal habe ich für uns zwei den Frühstückstisch gedeckt, das war dann ungeheuer gemütlich.

Ich habe Georg Tee und Sahne eingeschenkt und die belegten Brötchen zurecht gemacht; ich war so glücklich, ihn zu bedienen. Wir fühlten uns recht wie verheiratet.

Fast muß ich lachen, wenn ich zurückdenke. Wir hatten uns vorgenommen, einen Ausflug zu machen, aber es gefiel uns zuletzt so sehr in der stillen Behaglichkeit des Zimmers, in dem ungestörten, beruhigten Beisammensein, daß uns trotz des schönen Wetters des ersten warmen Frühlingstages nicht das geringste Verlangen ankam nach den sonntäglich gelangweilten Menschen, diesen Sklaven knechtischer Arbeit, die sich eine Woche lang nach dem faulen Sonntag sehnen, und dann, kaum losgebunden von der Arbeit, sich heimlich schon wieder nach dem Joch umsehen, weil sie gar nicht wissen, was sie ohne Arbeit – und wenn nicht gerade der Biertisch vor ihnen steht – mit sich selber anfangen sollen, die alle Welt anöden und durch die eigene innere Öde weit im Umkreis den tiefsten Wald um seine Stimmung bringen.

Wir blieben zu Hause den ganzen Sonntag und haben uns nicht eine Minute gelangweilt.

Wir hatten das Zimmer gut verschlossen – übrigens war der ganze Pavillon ausgeflogen – und das Bett so nahe ans Fenster gerückt, daß wir von unserm Lager aus ... ich brauche nicht mehr zu sagen. Wir waren wie auf offenem Dach nach antiker Vorstellung.

Mit Entzücken genossen wir in den süßmüden »Pausen«, wie die ganze Stadt tief unter uns lag, nicht nur die feuchten Gassen, sondern auch die sonnigen Dächer darüber, wie sie sich gleich einer phantastischen, braunen (frisch gepflügten) Landschaft unter uns hin erstreckten und rote Türme daraus emporragten; wie jenseits des Flusses über schimmernden Landhäusern hängende Gärten zu uns herübergrüßten, und wie über den Gärten, die Weinbergwege hinauf um den Heiligen Berg herum, das Volk in Masse, wie Ameisengewimmel, herumkrabbelte.

Wie auf offenem Dach, nach antiker Vorstellung, waren wir auf unserm Lager.

Aber den nächsten Samstag, da wollen wir schon am Abend irgendwo hinausfahren, mitten in den Odenwald hinein, wo kein Sonntagspublikum hinkommt.

*

 

Montag.

Diese Frau Schellmeyer!

Ich merkte heute sofort, daß sie mit ihren Reden um eine Sache herumging, wie die Katze um den heißen Brei; endlich brachte sie's heraus: Ich solle nicht allzu gutmütig sein; ob denn der Herr Doktor wenigstens meine Pension bezahle?

Sie brachte es wirklich fertig, mir das ins Gesicht zu sagen. Und dabei war sie ganz mütterliche Besorgtheit. Sie hat wirklich viel Teilnahme für mich. Sie möchte mich tadeln, nicht weil ich nach ihrer Meinung Ungehöriges tue, sondern weil ich keinen Vorteil daraus ziehe. Sie kann es offenbar nicht begreifen, wie man so dumm sein mag.

In ihren Manieren ist sie gar nicht roh; sie hat sogar ziemlich viel Schliff, und sie muß in ihrer Jugend hübsch gewesen sein. Sie sagt, sie sei eine Lehrerstochter aus dem hessischen Odenwald und sei mit fünfzehn Jahren als Dienstmädchen nach Heidelberg gekommen.

Aber das Volk hat nur rohe Begriffe von Ehre ... d. h. es hat oft überraschend feine ... es kommt ganz darauf an ...

Aber ich muß schon dem Grafen und Kammerherrn recht geben. »Ich bin überrascht von ihrer Vorurteilslosigkeit,« sagte mir der in München; »die Männer werden Sie auch deswegen um kein Haar weniger achten. Nur halten Sie ihre Rente zusammen, daß Sie unabhängig bleiben, daß Sie sich nie einem Mann zu verkaufen brauchen. Noch stehen Sie auf der Höhe und dürfen den Kopf hoch halten; das andere wäre der Abgrund, in dem Sie immer tiefer sinken müßten.«

Das ist auch meine Meinung.

*

 

Montag nachmittag.

Ich habe mir heute auf der Universitätsbibliothek eine Geschichte des Heidelberger Schlosses geben lassen. Das bloß ästhetische Genießen, das ewige Schwelgen in Stimmungen vor diesen märchenhaften Ruinen, die gerade jetzt der Frühling umzieht mit seinen jungen Laub- und Blütenkränzen, drohte mich manchmal fast zu vernichten. Wie trunken, taumelnd fast, meiner selbst nicht mächtig, durchwandelte ich nun schon so oft die geheiligten Mauern.

Aber der schöne Rausch nicht allein, auch der Katzenjammer kommt vom Wein. Der Rausch geht vorüber, und man fühlt sich innerlich matt und elend. Vom moralischen Katzenjammer ist viel die Rede; aber wer lehrt uns dem geistigen Katzenjammer vorbeugen? Man darf dem Rausch nicht trauen. Also rechtzeitig einen abkühlenden Trunk frischen Wassers – eine Dosis Wissenschaftlichkeit.

Meine Dosis besteht sogar aus zwei dicken Bänden.

Ich halte das Leben nicht aus an einem Ort, dessen Geschichte ich nicht kenne: ist das eine Stärke oder eine Schwäche? Ein Künstlerbedürfnis ist es sicher nicht. Aber ich habe es einmal, trotzdem ich mich als Künstler fühle. Es wird wohl im adligen Blut so liegen. Wessen Vorfahren der Geschichte angehören, der wird sich notwendig überall für's Historische interessieren.

*

 

Die Nachbarschaft ist gar zu eng mit dem Studenten: Frühmorgens, wenn ich singe und pfeife – er pfeift auch manchmal und scheint mir zu antworten ...

Seine Stimme ist hell, wie die meine – seine schlanke Figur sah ich in der Silhouette ...

Wahrhaftig, ich suche ihn nicht ...

Aber ich glaube, ich bringe ihn zur Verehrung ...

*

 

Pah! Er will mich ja nicht anders haben als treulos. Ich reize ihn. Ich stimuliere ihn, wie seine Zigarren. Er will ja meinen stets wachen Widerstand haben. Was küßte er mich sonst auf den Nacken, wo er doch weiß, daß dann das Tier in mir los wird ...

Und ich brauche den steten Kampf gegen ihn ebenfalls.

Unsere Körper aber, wie wachsen sie schön zusammen ...

*

 

Donnerstag.

Gestern machten wir zusammen einen Spaziergang, zum erstenmal in die vollerblühte Frühlingswelt hinein. Auf den Höhen über der Bergstraße war es so einsam, und ein Moment war da, nach Sonnenuntergang, auf einem Weinbergspfade zwischen einem herben Kastanienhain und einer Schar von Blütenbäumen – schweigenden Gottesbräuten – dazwischen glühten die Lichter aus der Stadt herauf, um uns im Grase schlafende Gänseblümchen, am Himmel die blitzende Venus – da ruhten wir ...

*

 

* * *

Es ist merkwürdig, daß ich mir jetzt ein Kind von ihm wünsche, einen Knaben! Und daß ich an die Schwierigkeiten und Ängste nicht mehr denken kann, die ein solches Ereignis begleiten würden ...

*

 

* * *

Slavisch-sächsischer Blutmischung, aber mehr slavischer, nennt er mich entstammend, sich aber keltisch-fränkischer Abstammung. Wie in der Geschichte, so müßten also auch wir uns ergänzen – oder bekämpfen!

*

 

Montag.

Da habe ich mir nun selber unsern ersten großen Ausflug halb verdorben.

Es konnte ein Tag reinsten Glückes sein. Und glücklich waren wir auch, glücklich bis zum Taumel, zu Anfang und zu Ende; aber das Glück wurde unterbrochen durch Angst und Verdruß. Ich glaubte schon alles vernichtet.

Doch war der leidige Zwischenfall vielleicht nur Würze unseres Glückes, das ohne den bittern Zusatz wohl gar ein wenig fad geschmeckt hätte und im höchsten Moment weniger berauschend gewesen wäre.

Ich hatte doch vor acht Tagen den Frühstückstisch entzückend gedeckt. Das Tischtuch war blendend weiß, und die Teeschalen waren blütenblattdünnes japanisches Porzellan; aber was war das alles gegen gestern? Da frühstückten wir – im hintersten Odenwaldwinkel – unter einem blühenden Kirschbaum, in dem viel tausend Bienen mit leisem Gesumms ihren Morgentrank nahmen, und eine Frühlingswiese breitete sich als Teppich um uns her; im Gärtlein nebenan blühten weiße Narzissen, purpurne Aurikeln, feuerfarbene Kaiserkronen.

Der Kaffee war schlecht, aber eine sahnige Milch und goldgelber Blütenhonig entschädigten dafür.

Bequem gebettet waren wir nicht gewesen in dem einfachen Bauernwirtshaus; aber das Zurückdenken an die Federngruft von Bett, in dem wir uns doch bald zurecht fanden – Liebende setzen sich über noch größere Hindernisse hinweg – gab uns einen Stoff mehr zu ausgelassener Heiterkeit.

Georg besonders war in königlicher Laune. Und ich – ich wurde übermütig. Ich verdarb mit einem Streich das schöne Morgenglück. Ich sprach von meinem Zimmernachbarn, dem Studenten.

Der junge Mensch hatte mir ein paar Tage zuvor einen Besuch gemacht, und ich redete so von ihm, daß jeder Liebende ein wenig eifersüchtig werden mußte. Es sollte eine Neckerei sein, weiter nichts. Aber Georg wurde tiefer davon getroffen. Ich sah plötzlich, wie er erblaßte und seine Züge sich verzerrten. Da erschrak ich.

Ich wollte seine Hand fassen, um ihn zu begütigen; er stieß mich zurück. Dann saß er da, wie versteinert von Schmerz. Eine tödliche Wunde saß ihm tief im Herzen; das war deutlich zu sehen. Alle Reden, womit ich die böse Wirkung meiner vorherigen Worte zur Harmlosigkeit umstempeln wollte, waren vergeblich.

Er warf mir einmal einen fürchterlichen Blick zu. In dem Blick lag ausgedrückt: Ich habe ja deine Tagebücher gelesen; ich konnte wissen, was du für ein Scheusal bist.

Nun bereute ich; es war zu spät.

Aber wie hatte ich an so was denken können. Ein wenig reizen, nicht verwunden hatte ich ihn wollen.

Wir brachen dann auf, und viele Stunden lang zogen wir nebeneinander stumm durch die junge Frühlingswelt dieser rauhen Gebirgsgegend. Unter den Weißdornhecken am Weg dufteten die Veilchen und an den Rainen und Halden standen, unregelmäßig verteilt, Baum an Baum in weißem Brautschmuck. Über den grünen Saaten aber, hoch am Himmel, schmetterte die Lerche ihre Liebesfanfaren auf uns hernieder. In der Ferne läutete hier und da eine Sonntagsglocke.

Mir war es zum Weinen weh ums Herz. Ja, es war kein Wunder, daß man mich für ein Scheusal hielt.

Er an meiner Seite stöhnte manchmal wie ein verwundetes Wild.

Unser Weg führte jetzt an einem Waldsaum entlang, und aus der Tiefe des Gehölzes rief ein Kuckuck. Und immer schwieg der Mann an meiner Seite. Ich aber hielt nicht länger an mich. Das Gefühl der Unschuld träufelte einen Tropfen Empörung in meinen Schmerz. Ein heftiges Schluchzen schüttelte mich.

»Wenn du mich so behandeln willst,« stieß ich schluckend hervor, »warum hast du mich nicht an die Bahnstation gebracht.«

Er blitzte mich wild an. Ich fühlte, er hätte am liebsten hinausschreien mögen vor Schmerz. Plötzlich packte er mich an den Schultern.

»Töte mich immerhin,« rief ich. Ich fühlte mich am Boden und seine Hand an meiner Kehle. Der Drang zu morden, sah ihm aus den Augen.

*

 

Weiter den Waldsaum entlang schritten wir Hand in Hand; wir lächelten uns an. Nichts würzt so den Becher der Leidenschaft, als ein bißchen Mißverständnis, das bereits die Liebe in Haß zu verkehren drohte.

Ich aber kenne Georg nun erst. Ich habe bei dieser Gelegenheit in einen Abgrund von Leidenschaft geblickt, den ich doch vorher nicht geahnt hatte.

Und daß ich ihm für immer ein wenig unheimlich sein werde, weiß ich nun auch.

Das ist aber vielleicht gar kein Unglück.

*

 

Gespräche auf dem Ausflug.

(Unter dem Kirschbaum, beim Frühstück, nach der Verstimmung.)

O. (beobachtet G. zärtlich). Oh, die bösen Falten. (Versucht vergebens, sie ihm wegzuwischen.)

G. (wendet sich unwirsch ab).

O. Nun komm, gib mir einen Kuß.

G. (entzieht sich ihr).

O. Komm, wie kann man nur unter einem solchen weißen Gotteswunder so unartig sein.

G. Du warst sehr artig, sehr liebenswürdig.

O. Schau nur, wie die Blüten mich alle ansehen, die haben Mitleid mit mir, die weißen Miserikordiasblüten; denn siehe, just heute ist der Sonntag Misericordias Domini.

Die armen Blüten begreifen nicht ...

Warum nur die Maler nie Akte malen unter Blüten. Ich würde mich gleich nackt darunterlegen und würde mich gar nicht schämen; es sind ja meine Schwestern, die weißen Blüten.

G. (schweigt hartnäckig).

O. (schaut traurig durch die Blüten hindurch in den blauen Himmel. Bienengesurr in der Krone des Baumes, eine Kirchenglocke in der Ferne.)

(Später, nach der Versöhnung. Beide wandern lange durch den Wald, kommen an ein einsames Gehöft. Davor drei spielende Kinder und eine Hündin, Dackel, mit ihren Jungen. Lassen sich von der Bäuerin einen großen Topf Dickmilch und Schwarzbrot geben. Setzen sich auf die Treppensteine, machen Mittag.)

O. (wundert sich über die offene Freiheit des fränkischen Bauernhofs).

G. Da kann man überall mit dem Heuwagen hineinfahren.

O. Bei uns nicht. Bei uns ist alles geschlossen, alles feiner und kleiner wie wir selbst.

G. Hat seine Vorteile. Ich glaube, ich liebe heute an dir ganz allein das kleine feine Dingchen, wo man auch nicht mit dem Heuwagen hinein kann.

O. Nur das allein. Da bist du dumm. Heute früh hat mir jemand ganz was anderes gesagt.

G. Was für ein jemand?

O. Das sage ich nicht.

G. Er wird dir geschmeichelt haben.

O. Auf dem Dorf ist man ehrlich – wenn man auch sogar ein Spiegel ist.

(Kehren nach ihrem ländlichen Mahl in den hohen Buchenwald zurück. Gelangen in eine gründämmrige Mulde.)

O. (entkleidet sich; will sich dem Freund in ihrer Nacktheit zeigen als Frühlingsfee. Ihre Haut ist weißer als die weißen Buchenstämme. Sonnenblitze fallen durch die Dämmerung auf ihre Brüste und ihre Schenkel, verfangen sich in ihrem gelösten Haar und vergolden es).

G. (muß sie küssen).

O. Nun bin ich wieder glücklich, du auch?

G. Ja, wenn du nicht immer ein solches Augenblickstierchen wärest.

O. Man lebt nicht, wenn man nicht im Augenblick lebt. In solchen Momenten darf man nicht denken.

G. Echte Liebe nimmt immer Ewigkeit für sich in Anspruch. Wenn sie auch nichts weniger als ewig ist, im Augenblick muß sie sich für ewig halten, sonst ist es keine wahre Liebe.

O. Ich finde aber, die Liebe, die sich der Flüchtigkeit bewußt ist – wie ich – genießt viel intensiver.

G. Du würdest an dauernde Liebe glauben, wenn du nicht selber ein so flüchtiges und oberflächliches Ding wärest. Vom Willen freilich hängt so was nicht ab. Deine Natur ist eben darnach.

*

 

Sprechen auf dem Heimweg über Ottiliens Versuch im Kaiserin-Augusta-Hospital. G. findet es empörend, daß so viel junge und gar hübsche Frauen geopfert werden, um Kranke und Lebensunfähige noch eine kurze Spanne hinzuzäppeln. Er nennt das, das Leben dem Tod opfern, die scheußlichsten Hekatomben, die je eine Religion erfunden.

Wenn es junge Mädchen sind, sagt er, werden sie nicht nur geopfert, sie müssen auch verrohen in ihrem innersten Wesen. Im heidnischen Altertum und im katholischen Mittelalter hat man aus zarten Jungfrauen höchstens Vestalinnen, Priesterinnen gemacht.

*

 

* * *

Wie dieser Mann aus einem Bauernbuben eines abgelegenen Schwarzwalddorfs sich hat entwickeln können zu einer Unabhängigkeit und Höhe der Gesinnung neben stürmischer Leidenschaft – und dabei Empfindungszartheit – das ist mir ein immer neues Rätsel und Wunder.

Freilich ohne dies Wunder wäre ich seiner längst müde ...

*

 

17. Mai.

Mit dem historischen Roman unserer Familie geht's auch nicht so schnell, wie ich mir gedacht hatte. So was verlangt ungeheuere Vorarbeiten, und ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht vorher einstweilen etwas Leichteres schreiben sollte, etwa meinen eigenen Backfischroman, mit Erich Hesse, eine Art roman sentimental, ich meine Herzensroman, mit der allgemeinen Wahrheit: Daß in Fällen, wo sich höhere Geistes- und Seelenkultur mit höherer sozialer Stellung verbindet, ein Herzensbetrug – »von dem niemand nichts weiß« – viel schwerer wiegt und etwas Grausameres ist, als auf niederen Stufen des menschlichen Seins selbst die brutalste Verführung.

*

 

* * *

Ce sont vraiment de belles ruines ce n'en sont point comme il y en a, ou l'on ne voit rien du tout. Das sprach heute droben auf dem Schloß eine dicke alte Französin. Ist das nicht eine wunderbare Mischung von Vernünftigkeit ( bon sens) und platter Nüchternheit – bourgeoisie – mit einem Wort, echt Biedermeier.

Das braucht kein Gegengift gegen Stimmungsschwelgerei und Trunkenheit.

*

 

18. Mai.

Was mich besonders glücklich macht: daß Georg so hingerissen ist von meiner körperlichen Schönheit. Er findet manchmal wahrhaft dithyrambische Worte dafür.

Ich wußte ja, daß ich schön sei, obwohl mir's kaum je ein Mensch gesagt hatte. Auch der Doktor Schönemann nicht. Aber ich habe die besten Antiken von Rom und Neapel gesehen, nicht nur so gesehen wie viele andere. Ich habe sie mir eingeprägt. Förmlich eingetrunken mit Künstleraugen habe ich sie. Vor der Venus des Giorgione in Dresden stand ich wie oft und habe in Gedanken Vergleiche angestellt.

Ich wußte, daß ich schön sei, wenn mir's vielleicht auch niemand angesehen hat. Ich war ja immer unvorteilhaft angezogen – in diesem Punkt hat uns Mama eine höchst mangelhafte Erziehung zuteil werden lassen. – Und das Sichtbare, die Hände ausgenommen, erhebt sich freilich kaum über das Mittelmäßige. Besonders in Stirn und Nase kommt stark das slavische Blut zum Ausdruck, von dem Mama etwas viel wegbekommen hat.

Ich muß auch da an die Bashkirtseff denken. Ihr Bildnis im Luxembourg verrät wahrlich nichts Überwältigendes. Eher das Gegenteil. Und doch kann es die Bashkirtseff in ihren Tagebüchern nicht satt bekommen, von ihrer seltenen Schönheit zu reden. Sie meint dann wohl immer ihren Körper.

Aber warum hat sie ihn nicht gemalt? Sie hat uns doch auch ihre Seele nackt gemalt, die keineswegs durchaus schön ist.

Wohl aber wird sie sie dafür gehalten haben. Und so war sie am Ende gar mit der Schönheit ihres Körpers auch im Irrtum.

Mein Selbsturteil aber hat einen Zeugen gefunden, einen mit Künstleraugen, der mir mehr bestätigt als ich geahnt, der täglich neue unbewußte Geheimnisse meiner Schönheit entdeckt und dafür Worte findet und Bilder, die des Hohen Liedes würdig wären.

Muß ich nicht glücklich sein?

Doch mit meinem Glück überkommt mich zugleich eine unaussprechliche Scham in dem Gedanken, was für plumpe Hände und Lippen einst an den Becher meines Körpers rühren durften

*

 

19. Mai.

In meinem gestrigen Eintrag war ich ungenau und zugleich ungerecht. Ungerecht gegen den Kammerherrn. Nein, der war nicht blind und nicht von plumpen Händen. Etwas hatte er sogar vor Georg voraus. Reiche Erfahrung, die Möglichkeit weitgehender Vergleiche.

Unter mehr als hundert Frauenkörpern, die er geformt, war kein einziger, so beteuerte er mir in München, der sich an Ebenmaß und tadelloser Plastik auch nur von weitem mit dem meinigen messen könnte.

Dieses Urteil eines Kenners durfte ich nicht unterdrücken.

Zudem habe ich es genug von Künstlern aussprechen hören, eine wie seltene Sache ein schönes Weib sei hinsichtlich der plastischen Form. Wenn die Männer von heute die gebildeten Sinne der Griechen hätten, o weh! Auch sei es sicher, daß ein gewisses Laster kulturell hochstehender Männer durchaus keine Krankheit sei, sondern ein rein ästhetisches Bedürfnis. Warum eine Krankheit? Es falle doch den Griechen gegenüber keinem Menschen ein, in dieser Sache von Krankheit zu reden; man habe vielmehr ganz andere Erklärungen, denen sich ausnahmslos die ernstesten Gelehrten angeschlossen hätten. Warum also heute Krankheit? Darin liege doch ein ganz blödsinniger Widerspruch. Aber nachdem man lange genug alles als Verbrechen erklärt habe, glaube man jetzt, alles als Krankheit erklären zu müssen ...

Wer war's denn aber nur, der mir seinerzeit diese Rede gehalten hat? Richtig! Wehrmüller. Und daß ich den auch vergessen habe bei meinem gestrigen Eintrag!

Aber er war häßlich, und ich hatte immer Ekel; was kann man da Gescheiteres tun als vergessen?

*

 

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