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Tagebuch einer Dame

Benno Rüttenauer: Tagebuch einer Dame - Kapitel 5
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typeBenno Rüttenauer
authorfiction
titleTagebuch einer Dame
publisherPiper & Co.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
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München.

(Fortsetzung.)

26. Februar.

Ja, ich will von heute an wieder fortfahren, hier alles einzuschreiben, was mir für mein Leben wichtig und wesentlich erscheint.

Fast zwei Monate, wie ich sehe, habe ich keinen Eintrag mehr gemacht. Ich hatte das Tagebuch ganz aufgeben wollen; es war mir dumm und kindisch vorgekommen. Und vor allem altmodisch, unmodern mit einem Wort, auch dilettantisch, unwürdig einer wirklichen Schriftstellerin.

Aber kann ein Tagebuch nicht auch ein ernstes literarisches Werk sein?

Auf diesen Gedanken haben mich die Tagebücher der Marie Bashkirtseff gebracht, die ich diese Woche gelesen habe. Wahrlich, dieses seltsame Werk ist ein document humain hors ligne; es enthält, obwohl von einem jungen Mädchen geschrieben, mehr Wahrheit über die Seele des Weibes als zehn Romane von Zola, der zwar viel von documents humains spricht, aber nichts als documents d'animaux häuft. Durch sein Tagebuch hat sich dieses Mädchen unsterblich gemacht. Ihre Malerei würde schon heute kein Mensch mehr weiter beachten. Das ist Dutzendware, sie hat sich über ihre Begabung gewaltige Illusionen gemacht; ihre Gassenbuben in der Luxemburg-Galerie, wie altmodisch – genrehaft muten die einen heute schon an?

Aber weil sie in ihren Tagebüchern ihre Seele nackt enthüllt, so nackt, wie wir selten eine Seele zu sehen bekommen, hat sie etwas Einziges geschaffen, hat sie sich mit den großen Bekennern: Augustinus, Cardano und Jean Jacques auf eine Linie gestellt, bedeutet sie für die moderne weibliche Hysterie – ich gebrauche das Wort mehr in seinem psychischen als in seinem physischen Sinn – dieselbe tiefe und unerschöpfliche Quelle der Erkenntnis, als die heilige Therese für die große religiöse Hysterie des Mittelalters.

Sie hat die Bedeutung ihrer Niederschriften wohl geahnt; sie schreibt: On peut devenir immortel par un seul livre; par un seul tableau il n'y en pas d'exemple.

Nein, an Selbstbewußtsein hat es ihr nicht gefehlt! Das Bedeutende ist eben immer selbstbewußt. »Nur die Lumpe sind bescheiden.« In diesem Sinn will auch ich unbescheiden sein, ich will hier alles aussprechen, vielleicht, daß ich mich dabei bloßstelle; tant pis, wer andern die Augen öffnen will über ihre Nacktheit, darf nicht mit ängstlicher Prüderie die eigene Verstecken.

*

 

27. Februar.

Ich sei verwildert, sagte Hildegard bei meinem Weihnachtsbesuch in Dresden. Ach, und damals hatte ich noch keine Münchener Redouten mitgemacht, wo man bis vier Uhr früh tanzte, meist mit unbekannten und nicht immer den feinsten Herrn, auch Champagner von ihnen annahm und dann im Luitpold tollte bis in den Morgen hinein ...

Aber jetzt habe ich das Leben hier ein wenig satt. Mein Gewissen macht mir Vorwürfe. Nicht wegen all der Ungebundenheiten – ich habe eine gewisse Grenze nie überschritten, und eine Künstlerin muß das Leben kennen – aber, ich habe nichts gearbeitet, rein gar nichts.

Und darum möchte ich heraus. Ob ich nicht gleich aufpacken und nach Italien gehen sollte? Ich würde gleich nach Rom durchfahren. Florenz lockt mich in meiner jetzigen Stimmung nicht. Ich würde die strenge Kunst des Quattrocento mit ihrem ausgesprochen religiösen Charakter jetzt nicht genießen können; ich fühle, daß mein Sinn hier sich doch sehr verweltlicht hat. Und dann ist Florenz eine finstere, mittelalterliche Stadt. Selbst seine Umgebung hat etwas Enggeschlossenes; es fehlen die großen Horizonte, die Rom zu einer einzigen Stadt der Welt machen. Die Umgebung der beiden Städte ist symbolisch. Florenz war groß in der Enge, als Kleinstaat, Rom hat die Welt beherrscht.

Ach, wenn ich so manchen Sonnenuntergangs gedenke, den ich auf dem Monte Pincio erlebt habe mit Mama und Hildegard zusammen: die Kuppel des Michelangelo blau auf goldenem Grund – da war ich ein Backfisch von sechzehn Jahren ...

Auch die Bashkirtseff zieht's immer wieder nach Rom.

Der Gedanke an Rom kam mir dennoch nicht von selber, der Doktor Schönemann hat mich darauf gebracht; er will auf Ostern hin, der internationale Schriftstellerkongreß, und – glaube ich – auch ein großer Freidenkerkongreß werden dort stattfinden. Er möchte, daß ich mit ihm reise.

Aber das mag ich nicht, das könnte Konsequenzen haben.

Und ich will nicht.

Ich hab's ihm rund heraus erklärt. Die schönen Reden, die er mir jeden Augenblick hält, sollen mich nicht anfechten. O, er kann so beredt sein – pro domo.

Gestern war er wieder ordentlich im Zug. Ein inkonsequenteres Frauenzimmer wie mich, meinte er, gibt es nicht mehr. Mir Logik zu predigen, da sei Hopfen und Malz verloren – gewiß gut münchnerisch gesprochen. Ich wisse gar nicht, was ich wolle. Ich sei die törichteste aller törichten Jungfrauen. Und lächerlich machte ich mich vor aller Welt. Reiner Unsinn sei's, was ich mir in den Kopf gesetzt hätte ...

»Kein Mensch,« fuhr er immer eifriger fort, »glaubt auch nur, daß es Ihnen ernst damit ist. Wie sollten die Leute auch? Jedes Tierlein sucht sich das Element, in dem es gedeihen kann. Ein lebendiger Fisch am trockenen Land, das hält jedermann für ein Märchen. Das gibt es doch nicht. Und so sind Sie bald das Märchen von ganz München. Eine Jungfrau in unsern Kreisen, auf Redouten und morgens um fünf im Café Luitpold, das gibt's doch nicht. Daran glaubt doch niemand. Was nützt Ihnen aber eine Jungfrauschaft, an die niemand glaubt? Was die Menschen in diesem Punkt von Ihnen glauben, ist wichtiger für Sie als die Sache selber. Wenn man aber will, daß die Menschen etwas glauben, muß man's ihnen nicht zu schwer machen. Wenn sie an deine Fischheit glauben sollen, mußt du nicht am trockenen Land spazieren gehen, und wenn sie an deine Keuschheit glauben sollen, du törichte Jungfrau, hättest du bei Mama bleiben oder ins Kloster gehen sollen – es gibt ja moderne Klöster genug, auch protestantische. Wenn du aber in München auf Redouten gehen und morgens um fünf mit dem Dingsda, dem vom Simplizissimus, Sekt trinken willst, dann kannst du auch gleich ...«

»Gut gebrüllt, Löwe,« habe ich ihm geantwortet. Er hat aber vielleicht nicht unrecht.

Tant pis.

Ich weiß eins, ich will nicht – einstweilen.

Wie lange noch? Das weiß ich nicht. Mir fällt da der Kapitän ein, mit dem wir vor zwei Sommern nach Helgoland gefahren sind. »Gnädiges Fräulein,« sagte er, »haben Sie keine Angst vor ...« und er machte eine nicht gerade ästhetische Gebärde. »Vor der Seekrankheit,« rief ich stolz; »ich werde nicht krank werden, das habe ich mir vorgenommen, ich will nicht.«

»Ah, da haben Sie recht,« schmunzelte der Alte, »wollen Sie nur nicht, so werden Sie's auch nicht. Solange Sie nicht wollen, sicher nicht; nur gibt's Momente, wo das Wollen einen Augenblick nachläßt, nur einen Augenblick, und dann ...«

Ja, ja, es hat damals wirklich einen solchen Moment gegeben. Wird er auch diesmal kommen? Halb schwindlig war ich schon einigemal.

Und der Doktor hat vielleicht wirklich recht; ich bin einmal aus meiner Atmosphäre heraus und ...

*

 

3. März.

O Theresienwiese, o Bavariaring, wie vermiß ich euch! Meinen Schustersleutchen wurde nämlich gekündigt. Sie haben eine Parterrewohnung in der Heustraße genommen, und ich bin dummerweise, aus Anhänglichkeit und Gutmütigkeit, mit ihnen gezogen; aber ich werde es hier nicht lange aushalten ... trotz des netten Gärtchens vor meinem Fenster.

*

 

Sonnabend abend.

Das ist das Merkwürdige in den Tagebüchern der Bashkirtseff: sie hat sich selber sehr wenig gekannt; wir aber, die wir sie lesen, lernen sie kennen durch und durch. Sie sagt sich fortwährend die dicksten Schmeicheleien, sie täuscht sich fortwährend über sich: wir täuschen uns nie über sie; zwischen den Zeilen flammend, steht die Wahrheit. Und wie naiv sie sein kann; sie äußert lange einen fast wahnsinnigen Neid auf die arme Breslau und scheint nicht zu ahnen, daß sie neidisch ist.

Ungerechtigkeiten der scheußlichsten Art kann sie aussprechen, und dabei macht sie fromme unschuldige Taubenaugen.

Weil sie unschuldige Augen macht, hält sie sich für unschuldig.

Sie spricht von nichts – nicht einmal von ihrer Genialität – mit solchem Aplomb als von ihrer Schönheit; aber war sie denn wirklich schön? Leute, die sie gekannt haben, behaupten das Gegenteil, und ihr Selbstbildnis im Luxembourg scheint ihnen recht zu geben. Jedoch sie selber, wenn sie von Schönheit spricht, meint ihren Körper; und jenes Bild gibt nur ihr Gesicht, auch jene Leute meinen vielleicht allein ihr Gesicht. Der moderne Mensch – im Unterschied zum antiken Menschen – ist ja darin überhaupt wie ein Bauer, ein christlicher Bauer; nur das Gesicht sieht er am Menschen.

*

 

Sonntag früh.

Schönemann hat es aus mir herausgelockt, daß ich Wehrmüller zu seiner Eva Modell gestanden. Er hat dazu sehr unschöne Bemerkungen gemacht; es kam fast etwas aus ihm heraus wie eine gemeine, niedere Gesinnung.

Ich erklärte ihm, nichts sei mir so natürlich wie der Zustand der Nacktheit; ich könnte mich vor einer ganzen Versammlung von Männern nackt zeigen, ohne die geringste Scham zu empfinden. Das nannte er pervers.

In was für Katechismusvorurteilen doch diese großmäuligen Immoralisten und Naturalisten befangen sein können; man sollte es nicht für möglich halten.

»Wenn wir uns unserer Nacktheit schämen, so will das doch nichts anderes heißen, als daß wir uns unserer Unvollkommenheit schämen. Wir schämen uns, weil wir uns nicht vollkommen wissen. Wenn wir ganz sicher wären, daß unsere Haut ohne Makel, und daß unsere Formen auch im strengsten Sinne nichts zu wünschen übrig ließen, würden wir nichts lieber als nackt gehen und hätten dessen keine Scham. Wir erklären uns die Scham anders, aber das kommt vom Katechismus. Wer kann dem Wunsch widerstehen, etwas wahrhaft Schönes zu zeigen? Hat je irgend jemand, vom König Kaudaules bis auf den heutigen Tag, einen Schatz vollkommener Schönheit besessen, ohne sich dessen zu rühmen? Aber so leicht man mit seinem Gesicht zufrieden ist, um so mißtrauischer ist man mit gutem Grund gegenüber seinem Körper. Hier ist es nur die sichere und absolute Vollkommenheit, vor der die Scham die Segel streicht ...«

Diese Gedanken sind nicht von mir; ich habe sie aus der Bashkirtseff übersetzt.

Sie sind aber, denke ich, höchst schmeichelhaft für mich.

»Pervers,« sagte der alte Esel.

*

 

?

War das eine überraschende Begegnung heut nachmittag. Graf Zobel aus Dresden. An den hab ich doch auch ewig nicht gedacht. Er geht ebenfalls nach Italien, und wie der Doktor Schönemann, hat er mich aufgefordert, mit ihm zu kommen. Ich hielt es von seiner Seite natürlich für Spaß und lachte.

Aber er hatte seinen Antrag in allem Ernst gemeint, und ich muß sagen, ich war ganz betroffen, wie der Mensch, der in Dresden immer die Korrektheit selber war, so was wagen konnte. Er wollte jedoch gar nichts von meiner Empörung merken.

»Sie haben doch,« sagte er leichthin, »hier in München und in den Kreisen, in denen Sie verkehren, gewisse Vorurteile abgelegt, die wären hier kaum am Platze ...«

Ich kannte den Grafen gar nicht mehr. Also so denkt man in Dresden von mir, in Dresden, in der Umgebung des Grafen Zobel. Wenn ich das dem Doktor erzählte, das wäre Wasser auf seine Mühle.

Wirklich, ich werde mich mit dem Gedanken befreunden müssen, daß ich, wie alle Welt, nach dem Schein beurteilt werde.

*

 

Dienstag, 7. März.

Nach langer Zeit wieder einmal ein Brief von Botho, und was für Nachrichten. Ottilie hat ihm gestanden, daß sie ihn liebt. Dieses Glück! Na, ich gönn's dem guten Jungen; er ist übrigens Oberleutnant und Adjutant beim Oberst geworden.

*

 

Mittwoch.

Ernst Wehrmüller malt gegenwärtig den Doktor Schönemann; er malt ihn zwanzig Jahre jünger. Der Doktor hätte das bei Gott nicht nötig; aber es scheint ihm ein kindisches Vergnügen zu machen.

Ich kam heut dazu, wie er Wehrmüller saß, und weil ich mich für seine letzte Rede ein wenig rächen mußte, sagte ich: »Na, das würde ich mir nicht gefallen lassen, wenn ich ein Mann wäre, daß man mir so schmeichelte.«

»O Mädel,« sagte er lachend, »du willst ja doch nur eine kleine Bosheit anbringen. Die Rödern, so oft sie kommt, schärft sie unserm Wehrmüller ein, mich ja nicht zu alt zu machen, und immer findet sie mich das nächstemal nicht jung genug.«

*

 

?

Einen Augenblick bei Walter heut; war recht ungemütlich.

Wir sind nämlich seit einiger Zeit wieder ausgesöhnt. Aber fast jedesmal, wenn ich hinkomme, gibt's einen kleinen Krach; immer will er was von mir gehört haben, was ihm nicht gefällt.

Wenn es nun erst mal was zu hören gäbe, und wahrlich, wenn ich das täte (was der Doktor Schönemann meint), ich glaube, der Trotz und der Unwille gegen den Spionierer und Aufseher Walter hätten am meisten schuld dabei.

Wenn's nicht Mama zuliebe wäre, ich ginge nicht mehr zu ihnen ins Haus.

Davon hört er nichts, was man von seiner Frau erzählt. Ich schweige aber auch; den Trumpf behalte ich in Händen.

*

 

13. März.

Mußte nun doch dem Doktor plaudern, mußte ihm meine Begegnung mit Graf Zobel erzählen. »Na, siehste Mädel, was habe ich gesagt?« Und er maß mich mit triumphierenden Blicken.

»Aber ich will nicht,« habe ich ihm geantwortet.

Doch seine Einladung, am Sonntag mit auf den Nockerberg zu kommen, zum Anstich des Salvator, habe ich angenommen; da soll's immer ganz besonders lustig zugehen. Der berühmte Hotto Emerich-Sauger kommt jedes Jahr nur des Salvators wegen von Berlin herüber; er hat bereits seine Ankunft telegraphisch gemeldet.

Ich werde ihn also bei dieser Gelegenheit kennen lernen. Er soll zwar wenig interessant sein, soll meistens kein Wort reden, nur trinken. Ich bin immerhin begierig auf ihn.

*

 

Sonnabend.

Von der Hildegard bin ich es gewöhnt, daß sie Moral paukt; nun führt sie gar meine eigene Heldin gegen mich ins Feld. »Du schwärmst in neuerer Zeit für die Bashkirtseff,« schreibt sie heut, »das freut mich, denn Du hast sie ja nur durch mich kennen gelernt.

»Aber ich bewundere anderes an ihr als Du. Was ich an ihr verehre, ist ihr Streben, ihr Ringen, ihre Energie, sich die Kunst zu erobern; ihr unermüdlicher Fleiß, ihr phänomenales Arbeiten. Sie ist für mich die große Heilige des modernen weiblichen Künstlertums.

»Ich lese in ihren Tagebüchern mit Schauern der Ehrfurcht. Sie sind mir wie eine Art Evangelium; sie richten mich auf, sie ermutigen mich, sie spornen und treiben mich, und wie oft beschämen sie mich! Wer sollte sich auch nicht klein und erbärmlich fühlen einer solchen Heldin gegenüber.

»Du aber scheinst nur aus ihr herauszulesen, was Dir in Deinen Kram paßt; da muß ich schon ein wenig nachhelfen – (natürlich, Schwesterchen muß immer nachhelfen)–und Dir auch einmal eine Stelle daraus übersetzen; Du wirst Dich noch gar verwundern, daß sie darin steht.

»›Ach,‹; schreibt sie, ›wie doch die Frauen zu beklagen sind. Die Männer sind wenigstens frei. Die vollkommene Unabhängigkeit im gemeinen Leben, die Freiheit, zu kommen und zu gehen, daheim zu speisen oder in die Kneipe zu gehen, zu Fuß ins Boulogner zu wandeln, oder ins Café: Diese Freiheit ist die Hälfte des Talents und Dreiviertel des gewöhnlichen Glückes ... Aber, wird man sagen, ihr überlegenen Frauen, ihr Frauen höherer Gattung, die ihr sein wollt, warum nehmt ihr euch diese Freiheiten nicht einfach ...‹;

»Dir aus der Seele gesprochen, mein Tilchen, nicht wahr? Ich sehe Dich triumphieren; aber gemach, es kommt anders.

»›Das ist unmöglich,‹; fährt Marie Bashkirtseff fort; ›denn die Frau, die sich auf diese Weise emanzipiert – wenn sie jung und hübsch ist, versteht sich – setzt sich selber auf den Index. Sie wirkt auffallend, herausfordernd, verrückt; alle Welt wird sie tadeln, und so wird sie noch unfreier sein, als wenn sie sich streng den idiotischen Sitten unterwirft ...‹;

»Was sagt nun mein Schwesterchen?«

Was ich sage? Ich habe die Stelle nicht gefunden; es ist nicht unmöglich, daß die Hildegard wieder einmal mogelt, und dann geht die gute Hildegard in der Apotheose dieser schwindsüchtigen Russin doch allzuweit.

Nicht die Kunst war die Göttin, auf deren Altar sie ihr überhitztes Lebensflämmlein verbrannte. Nur ihrem bis zum Wahnsinn gesteigerten Ehrgeiz opferte sie, diente sie. Hätte sie dieses Ungeheuer auf eine andere Weise zu befriedigen gewußt, sie würde keinen Pinsel mehr angerührt haben. Sie sagte es ja selber, einen Napolean Numero 4 heiraten und, wenn auch nur für acht Tage, vor allen Sterblichen der Welt am meisten en vue zu sein, war ihr höchster Traum. Die arme, gequälte Malerei war ihr nur – wie die Franzosen so zierlich sagen – la bouche-trou de ... ja, was weiß ich von was.

Hysterie habe ich es schon genannt. Ein wenig ist das auch der Fall Hildegards; ach, es ist vielleicht unser Fall überhaupt ...

*

 

16. März.

Mama ist köstlich; sie hat Angst, ich könnte in München unter anti-evangelischen Einfluß geraten und mich für katholisches Heidentum begeistern. Gerade künstlerischen Naturen sei der Katholizismus mit seiner bestechenden Sinnlichkeit von jeher gefährlich gewesen, und ob ich denn gar keinen Umgang mit evangelischen Christen hätte.

Die gute Mama; noch keinen einzigen Katholiken habe ich hier kennen gelernt. Was hier zur Literatur zählt, ist protestantisch, ist auch fast ausnahmslos norddeutsch. Ob die Leute freilich sehr evangelisch, sehr christlich sind?

Aber Mama braucht keine Besorgnis zu haben; wer so erfüllt ist vom Geiste Luthers, wie ihre sämtlichen Kinder, der läßt sich so leicht nicht ins Bockshorn jagen. Er läßt sich auch nicht locken von sinnlich phantastischen Bildern, die im Grunde doch nur Gespenster sind; er hält sich an den Herrn Jesus, und mit Martin Luther spricht er:

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.

Aber innig gerührt hat mich Mama. Sie schreibt, sie bete täglich für mich unter Tränen, wie Monika gebetet hat für ihren Sohn Augustin. Ich werde ihr einen Brief schreiben, der ihr Freude machen wird; ich werde ihr schreiben, daß ich am Sonntag, als ihrem Geburtstag, in ihrem und des Herrn frommem Gedenken zum heiligen Abendmahl gehen werde. Wir haben hier außen an unserm kleinen Kirchlein einen Prediger aus der Gegend von Ansbach mit streng lutherischem Bekenntnis.

Daß ich dem Doktor Schönemann auf den Sonntag, der Mamas Geburtstag ist, für den Salvatorkeller zugesagt habe, reut mich nun fast. Aber, ach nein, Mama wäre die erste, die mich dazu aufforderte.

Zur Buße werde ich auch Walters Einladung zum Mittagessen annehmen.

*

 

Eben schreibt der Doktor, daß er sich 's anders überlegt habe, daß der Sonntag auf dem Nockerberg doch allzu volkstümlich ausfallen dürfte, und daß wir deshalb erst am Montag nachmittag gehen wollten, da würden wir die Kollegen sicherer treffen; auch Sauger komme erst am Sonntag mit dem Abendzug von Berlin hier an.

Ist das nicht wie eine Fügung? Weil ich mir vorgenommen habe, am Sonntag zum Abendmahl zu gehen und Mamas Geburtstag fromm zu feiern, fügt es der Himmel, daß jeder weltlich störende Klang fehlt an diesem Tag.

Um so freieren Gemüts werde ich am Montag zu dem berühmten Berg hinaufsteigen, von dem die Freunde spotten, daß er auch dem frömmsten Münchener lieber ist als Altötting oder jeder andere noch so heilige Wallfahrtsberg im Lande Oberbayern, das bekanntlich die heilige Jungfrau zur besonderen Patronin hat.

Doch mache ich mir keine übertriebenen Vorstellungen; das Oktoberfest hat mich seinerzeit sehr enttäuscht, wahrscheinlich geht mir's mit dem Nockerberg nicht anders, nur daß ich vielleicht einige berühmte Kollegen kennen lernen werde.

Auf den Sauger bin ich besonders gespannt.

*

 

27. März.

*

 

Salvator! Retter bedeutet das Wort, Erlöser, Heiland. Aber mir, was hat mir der »Salvator« zu bedeuten?

Eine Seekrankheit?

Von einer solchen genest man; kann ich das hoffen? Oder soll ich stolz, soll ich frech sein und sagen, daß ich Genesung nicht nötig habe, daß es nur an mir liegt, ob ich mich krank fühlen will oder gesund?

*

 

Vierzehn Tage sind bereits darüber hingegangen, und noch bin ich nicht mit meinem Denken im reinen; alles ist schwankend geworden in meinem Hirn.

Wenn ich hier nicht den Vorsatz niedergeschrieben hätte, in meinen Aufzeichnungen ganz offen zu sein und alles zu sagen – auch was man sonst niemand gesteht – heute wahrlich fände ich kaum zu diesem Vorsatz den Mut.

*

 

Wenn ich recht kühl darüber nachdenke und mich frage, was verdienstvoller sei an einem Mädchen, entweder als Jungfrau zu verwelken und sich sein Leben lang zu krümmen unter dem Mitleid seiner glücklicheren Schwestern, oder einem Sohn das Leben zu geben und ihn zum Manne zu erziehen, wenn ich mir diese Frage stelle und dabei alle Vorurteile von der Hand weise, die der Egoismus der Familie im Bund mit der Kirche in uns gezüchtet hat, so kann es nur eine Antwort geben ...

Wenn ich aber frage: Was ist schwerer, was ist leichter? Die Erfahrung lehrt's. Alte Jungfern zu werden, dazu haben Tausende und Abertausende den Mut, aber zu dem andern nicht.

Und das Leichtere sollte Tugend sein? Nur das Leichtere? An das Leichtere sollte sich Ehre knüpfen, an das Schwerere Schande ...

*

 

28. März.

Ich mußte gestern aufhören zu schreiben; mein Kopf schwindelte mir, und es kam mir vor, als ob es lauter elende Sophismen wären, was ich geschrieben habe.

Ja, ich glaube es fast; jedenfalls passen die Reflexionen gar nicht auf meinen Fall. Habe ich denn gewählt, habe ich in klarem Bewußtsein und mit freiem Entschluß gehandelt?

Nicht einmal der Rausch der Leidenschaft hat mich übermannt, nur der Salvatorrausch.

So, da steht es geschrieben.

Und doch ist das Schändlichste an der Sache noch nicht ausgesprochen: daß es ein fremder Mann war, ein fremder, unbekannter, gleichgültiger Mann ...

*

 

Ich weiß nicht, was meine Schwestern, wenn sie das einmal lesen sollten, von mir denken werden. Viele wohl werden hier mit Abscheu das Buch zuschlagen und mich für ein Ungeheuer in Mädchengestalt erklären; ich kann nichts dagegen sagen.

Doch gibt es vielleicht auch solche, die etwas mehr »Verstehen« haben. Für sie ein Wörtlein.

Oder lieber eine Frage: Mußte es denn nicht ein fremder, unbekannter, gleichgültiger Mann sein? Wäre es mit einem andern möglich gewesen? Wäre ich, selbst im Rausch des Salvators, nicht vergangen vor Scham?

Versteht ihr mich, meine Schwestern?

Wie es zugegangen ist?

O, so war ich nicht betrunken, daß ich mich nicht des kleinsten Umstandes erinnerte.

Aber ich muß erzählen, was den Tag vorher geschehen ist; das mag meinen Fall auch denen, die mich nur als Auswurf des weiblichen Geschlechts denken können, wenigstens einigermaßen verständlich machen.

Also den Tag vorher, es war der Montag. Ein Föhn war über Nacht aufgegangen, und es war, als ob der tolle, helläugige Gesell aus dem Süden, von dessen Augenlicht die Himmel widerstrahlten, als ob er den Frühling am Schopf durch die Luft dahergeführt habe.

Die Erde lag noch in den eisigen Klammern des Winters, aber in den Lüften vernahm man den Flügelschlag des Frühlings. Wir saßen zwischen zusammengekehrten Schneehaufen im Freien, und alle behaupteten, einen so zauberhaften Salvatortag hätten sie noch nie erlebt.

Über uns, in dem kahlen Geäst der Winterbäume, spielte es wie auf Harfen; das war der Föhn. Er ist überall ein Bringer von Schönheit und Glanz; er ist überall ein mächtiger Erreger unserer Sinne, überall durchflutet er unsere Nerven mit gesteigerten, elektrischen Strömen. Aber wer ihn nicht im deutschen Süden erlebt hat, wer nie in München seinem Zauber erlag, der kennt ihn nicht in all seiner Herrlichkeit; denn nach weiteren fernen Zielen bringt er nur geringe Reste mit von Kraft und Schönheit.

Im Norden wird er flügellahm, und sein Glanz erblaßt. Dort ist er alt und müd; nur wer ihm schon in München begegnet ist, auf der Maximilianstraße, oder auf der Bavariahöhe, oder draußen in Harlaching, wo der göttliche Claude Laurain Zwiesprach mit ihm gehalten, nicht weit vom Nockerberg, der allein kennt ihn in der schönsten Tollheit und Ausgelassenheit seiner Jugend.

Das war der Föhn über uns. Er bringt vieles; für den Münchener als Bestes aber bringt er den Durst.

Wir hatten uns einen guten Tisch erobert; wir waren ganz unter uns. Die größten Berühmtheiten waren da dem Sauger zulieb; denn von sich aus geht, was in München berühmt ist, niemals auf einen Bierkeller. Öffentlich Bier zu trinken, ist verpönt. Wer etwas auf sich hält, hält sich ferne von dieser Sitte des Pöbels.

Wie sie's daheim im Kämmerlein halten, weiß ich nicht; aber von öffentlichen Lokalen ist allein der American Bar fashionabel, und nur der Schnaps gilt für ein standesgemäßes Getränk. Wer's anders treibt, wird zu den Bauern gerechnet.

Schönemann allein darf ungestraft das Gesetz umdrehen.

Er würde es auch verachten, wenn man ihn einen Bauern schimpfte; er ist stolz darauf, von Bauern abzustammen.

*

 

31. März.

Ich bin vor drei Tagen in einer Weise unterbrochen worden, daß mir das Weiterschreiben ganz verleidet war, und daß es mich wirklich Überwindung kostet, fortzufahren.

Schönemann kam mir hereingeschneit, und mit was für einer Nachricht!

Ich war zwei Tage krank davon.

Das schlimmste, daß Schönemann seine Schadenfreude nicht verbergen konnte; ich habe ihn gehaßt in diesem Augenblick. Wozu mir sowas überbringen?

Nämlich mein Unbekannter ist gar nicht so unbekannt; er ist – ist werde mich hüten, seinen Namen zu nennen – ein junger Journalist und erzählt nun in ganz München sein Abenteuer mit mir. Dreimal soviel lügt er hinzu, und ich bin in aller Mund.

Ich bin nun wirklich, wie Schönemann sich ausdrückte, das Märchen von ganz München, und noch dazu ein lächerliches Märchen.

Zum Gespött bin ich geworden.

Und wie ich diesen Schönemann auf einmal erbärmlich finde. Gestrahlt hat er förmlich vor innerer Schadenfreude; er machte den Eindruck, als ob die Nachricht, die er mir überbrachte, seine Rache sei. Als ob er sich an mir zu rächen hätte! Er weiß wohl selber nicht, wofür; aber ... Ich fand ihn heute so klein, erbärmlich fand ich ihn, den tollpatschigen Hünen.

*

 

1. April.

Aber ich stehe dennoch so hoch über diesem Gesindel, das zynisch über mich lacht; auch hoch über diesen Emanzipationsweiblein, die mich voll sittlicher Entrüstung ein entartetes Weib nennen, eine Schande des Geschlechts.

Nebenbei: Walter hat mir geschrieben, daß er mich von nun an verleugnen werde und mir sein Haus – es war nicht nötig – aufs strengste verbiete. Mama gegenüber werde er Schweigen beobachten, die Wahrheit wäre ihr Tod; aber Bernhard werde er alles schreiben, damit er seine Maßregeln treffen könne ...

Gut gebrüllt, Löwe.

*

 

Ich hatte schlecht von mir gedacht, ich war mir im höchsten Grad verächtlich vorgekommen; aber nun, da andere über mich zu Gericht sitzen, steigt die Schale meines Selbstbewußtseins.

Und ich habe wieder Mut, mir zu vergegenwärtigen, wie alles gekommen ist.

*

 

Über uns im kahlen Geäst der Winterbäume spielte es wie auf Harfen; das war der Föhn. Die Berühmtheiten waren alle gekommen; der große Generalkapellmeister Lindow mit seinem feingeschnittenen jüdischen Profil saß zwischen dem berühmten Lyriker Grünzer und der dicken Schlotterstiel, deren letzter Roman »Halbgott« in sechs Wochen neun Auflagen erlebt hat.

Neben Grünzer saß Weidlich, der die berüchtigten Brettl-Lieder und unanständigen Komödien schreibt; er flüsterte Grünzer fortwährend Zoten ins Ohr, aber so, daß unsereiner sie auch hören konnte. Mich fragte er einmal ganz laut, ob ich meine Jungfernschaft noch immer auf Lager hätte, und ich glaube, er war nicht einmal betrunken.

Mir scheint, dieses Volk nimmt mich als Dichterin nicht ernst, oder hält mich gar für ein bißchen dumm. Sich so Reden herauszunehmen; Grünzers breitflächiges glattes Gesicht strahlte wie geölt bei der Sottise, und er wollte auch seinen Senf dazugeben. »Heiraten Sie nur nicht, Fräulein,« sagte er. Ich fragte: »Warum?« »Da können Sie nicht länger Jungfrau bleiben.«

Dummerweise wurde ich über den Blödsinn ganz verlegen, bekam einen roten Kopf und fand keine Antwort. Die dicke Schlotterstiel kam mir zu Hilfe. »Mädchen können heutzutage immerhin,« sagte sie, »das Heiraten eher wagen als Männer,« und da Grünzer nach dem Grund fragte: »Nun, weil Männer doch nicht so leicht durchgehen.« Das saß; man sagt, daß Grünzer, seitdem seine Frau ihm mit dem kleinen Italiener durchgebrannt ist, einen schwarzen Flor um seine Leier gewunden habe und an einem Band Klagelieder dichte. Oft übermanne ihn aber die Wut, und das Klagelied werde zu einem Schimpflied! Solche hat er in der »Jugend« einige abdrucken lassen.

Es war außerdem erschienen der berühmte Dramatiker Bissig. Dieser Mann hat eine Art Löwenphysiognomie, aber wie der Fötus eines Löwen; war auch da der Baron von Zachen mit seinen schönen Locken und noch schönerer Halsbinde, der erst kürzlich mit seiner Novelle »Das sechste Gebot« ein allgemeines großes Aufsehen und einen kleinen besonderen Skandal erregt hat.

Ich saß zwischen Schönemann und Sauger. Einmal war es sehr drollig; Schönemann, der einen Augenblick weg war, führte an der Hand ein niedliches Frauchen, eine wirklich hübsche Jüdin und bot ihr Platz bei uns. »Die Dame,« sagte er, »befindet sich auf der Hochzeitsreise; sie hat eben im Gedränge ihren Mann verloren, und ich habe ihr unsern Schutz angeboten.«

Er lud die Fremde zum Sitzen ein; sie war ein kleines naives Provinzmädel, und es brauchte nicht viel Hin- und Herredens, bis sie gestand, was ihr brennendster Wunsch sei: nämlich von den Münchener Berühmtheiten eine oder die andere kennen zu lernen. »Aber sowas kommt ja nicht an unsereinen,« fügte sie schmerzlich hinzu.

»Und wen wünschen Sie sich denn am meisten,« fragte Lindov. »Am meisten,« rief sie aus, »den Herrn Generalkapellmeister Lindov; ich hatte so gehofft, daß er eine Oper dirigieren werde, während der drei Tage, wo wir hier sind.« Lindov schmunzelte.

»Und Ihr nächster Wunsch?«

»Otto Bissig,« rief sie, »ich habe drei Stücke von ihm auf unserm Stadttheater gesehen.«

»Und dann?«

»Dann Hans Heinrich Grünzer; ich habe mir nach und nach seine sieben Bände Gedichte von meinem Bräutigam schenken lassen; viele davon kann ich auswendig, z. B. ›Nimm, Henker, dieses Beil.‹;«

Man kann sich denken, wie wir uns gegenseitig anschauten. Grünzers breitflächiges glattes Gesicht strahlte wie geölt.

»Und dann?«

»Dann den Doktor Schönemann; ich habe eine Pensionsfreundin, die mit ihm in Briefwechsel steht. Da habe ich immer besonders seine Handschrift bewundert.«

Schönemann wollte mit einer Bemerkung herausplatzen, aber die Schlotterstiel hielt ihm den Mund zu.

»Und dann?« fragte Lindov stereotyp weiter.

»Den Freiherrn Hans von Zachen,« kam es etwas zögernd heraus.

»Ah,« machte Lindov und drohte mit dem Finger: »Man hat das sechste Gebot gelesen!«

Das Frauchen wurde rot.

»Und nun kommt der Hanswurst,« rief Weidlich, wie wir alle aufs höchste belustigt; »aber nach mir zu fragen, würden Sie sich gewiß schämen, gnädige Frau; mein Name ist Franz Weidlich.«

»Sie scheinen allerdings der Hans Narr zu sein,« sagte das Frauchen spitzig; »es wundert mich, daß Sie sich nicht gleich für den Herrn Generalkapellmeister ausgeben.«

»Pardon,« rief Lindov; »so bescheiden ist Weidlich nicht; übrigens habe ich die Ehre, mich als diesen Lindov vorzustellen.«

»Und ich als Otto Bissig.«

»Und ich als Schönemann mit der schönen Handschrift.«

»Und ich als Hans Heinrich Grünzer.«

»Und mich bekommen Sie drein, als Berliner, ich bin Hotto Emmerich Sauger.«

»Männi, Männi,« rief das Frauchen und sprang vom Tisch auf; sie hatte ihren Mann entdeckt.

Sie hatte übrigens einen ganz roten Kopf bekommen. »Nehmen Sie mir's nicht übel,« rief sie, »aber wenn man jemand an seinen Tisch einlädt, treibt man nicht nachher seinen Spott mit ihm. Da ist kein Witz dabei!« Und fort war sie.

Der komische Zwischenfall trug nicht wenig dazu bei, uns alle in die heiterste Laune zu versetzen. Lindov erzählte eine drollige Anekdote nach der andern.

Grünzer gab ungeschminkte Erlebnisse mit Waschermadln und Kellnerinnen zum besten; Zachen berichtete Dinge, die nicht viel anders klangen, von Komtessen und Kommerzienratstöchtern. Otto Bissig war mehr als je Löwe im embryonalen Zustand, brüllte aber nichtsdestoweniger so laut wie ein wirklicher Löwe; zwischenhinein stichelte er gegen Schönemann, den Mädchenfänger mit der schönen Handschrift, wie er sagte, den Generalbeichtvater des deutschen Parnasses, dem alle hübschen Backfische und alle Sekundaner, die in der Schule nicht weiter kommen, ihre poetischen Sünden beichten, und der für alle Absolution hat und Indulgenz, namentlich aber für die Backfische, auch wenn sie vierzigjährig sind ... er zischte dabei förmlich.

Weidlich sagte der dicken Schlotterstiel unzweideutige Zärtlichkeiten; kurz, der Salvator begann zu wirken. Schönemann wurde dithyrambisch ... (»augenblicksbesoffen« übersetzte es der Kritiker Klingebusch, den ich ganz vergessen hatte); aber nicht besoffen von Salvator, sondern von seinem eigenen Geist, hingerissen von seiner eigenen Beredsamkeit.

Einen Augenblick hatten ihn die Neckereien des Dramatikers verstimmt; aber auch nur einen Augenblick. Er fand ein paar Bemerkungen, die den zischenden Löwen-Embryo plötzlich ganz stumm machten, und nun fühlte er sich in seiner Kraft, und eine Beredsamkeit kam über ihn, daß seiner dagegen aufkommen konnte. Obwohl, außer Lindov, der älteste, wirkte er als der jüngste; immer mehr berauschte er sich an seiner eigenen Rede. Er wurde lyrisch, und während Grünzer, der Lyriker, der geeichte Lyriker, zynische Gemeinheiten auskramte und der »große« Dramatiker Schweinereien aus dem Bordell erzählte, improvisierte Schönemann Gedichte in Prosa.

Er war bezaubernd. Ich hatte ihn noch nie so gesehen, und ich spürte, wie eine Kraft von ihm ausging und meinen Willen knickte, wie der Gewitterwind ein Schilfrohr.

Er apostrophierte den Föhn, er sprach einen Dithyrambus auf den Föhn, der über uns in dem kahlen Geäst der Winterbäume wie auf Harfen dazu spielte ...

*

 

Schönemann war vorher, um dem fremden Frauchen Platz zu machen, hart an mich herangerückt, daß sein Knie das meine berührte. Er behielt auch jetzt diese Situation bei; ich fühlte manchmal sein Bein mit leise schmeichelndem Druck sich an das meine schmiegen. Er wurde auch auf einmal ganz still, und ich empfand es klar: er hatte jetzt keinen andern Gedanken als mich.

Ich zitterte innerlich. Einmal fühlte ich sanft seine Hand auf meinem Schenkel. Ich war im ersten Augenblick empört; aber ich fürchtete, Aufsehen zu erregen und von neuem Gegenstand des Gespötts zu werden, wenn ich rückte oder sonst ein Zeichen gab. Übrigens merkte ich zu meinem Erstaunen, daß mir seine Aufdringlichkeiten zum erstenmal nicht wie sonst zuwider waren.

Ganz wohlig überkam's mich. Ja, ich empfand es wie eine schmerzliche Entbehrung, als Schönemann, ich weiß nicht warum, plötzlich von mir abrückte. Ja, was ich nie für möglich gehalten, ich ertappte mich einmal dabei: mein Knie hatte das seine gesucht ...

An einem Tisch nebenan sangen sie den letzten Berliner Gassenhauer: »O Susanna.« Sie erfanden dazu immer neue Strophen, eine unflätiger als die andere. Mir wurde – ich will ja nichts verschweigen – mir wurde siedendheiß, und immer die lauernden Blicke des Grünzer und des Weidlich, was wohl der unflätige Gesang für einen Eindruck auf mich machte.

Schönemann merkte meine Verlegenheit; er neigte sich an mein Ohr: »Hör nicht hin,« flüsterte er, »das sind Schweine, Saukerle sind's – aber sei auch nicht unnötig länger grausam gegen einen Freund.«

Ich fühlte wieder seine Hand auf meinem Schenkel; ich wußte in diesem Augenblick: wenn er dich heute nach Hause bringt ... ich dachte den Gedanken nicht zu Ende.

*

 

2. April.

Eine Stimme in meinem Innern sagt mir, es sei geschmacklos, hier weiter zu erzählen; es sei undelikat von einer Frau, gewisse Dinge auszusprechen, oder auch nur andeutend zu verraten. Diese innere Stimme war schuld, daß ich gestern im Schreiben innegehalten habe.

Aber ich habe nachgedacht.

Im Leben, in der Gesellschaft, im lebendigen Verkehr mit andern ist es gewiß tadelnswert, die Gesetze der Wohlanständigkeit zu verletzen, die jeder Frau heilig sein müssen. In einem Kunstwerk, das vor allem unter den Gesetzen der Schönheit steht und des Geschmacks, ist natürlich jede Geschmacklosigkeit, und was daran grenzt, ein Verbrechen. Aber was ist ein Tagebuch? Eine Auseinandersetzung mit mir selber. Hier kann es nur ein Gesetz geben, das der Wahrheit und Offenheit; denn Wahrheit und Offenheit habe ich mir gelobt vor allem.

Und nur indem ich die ganze Wahrheit sage, kann ich falsche ungünstige Lichter zerstreuen. Kein Mensch kann verpflichtet sein, sich als Karrikatur zu zeichnen, nicht einmal vor sich selber.

*

 

Schönemann hat mich nach Hause gebracht. Der Heimweg war schön – so lang er war. Schönemann drang darauf, daß wir zu Fuß gingen, und ich war wie ein zitterndes Reh an seinem Arm.

Als Mädchen in etwas jüngeren Jahren, da hat man sich wohl manchmal ausgedacht, wie einem zumute sein müßte in dem Augenblick, wo der Bräutigam einen mit seinem Arm umfaßte und das zitternd bangende Bräutchen liebevoll stützend, drängend, schmeichelnd, hinaufgeleitete in die Brautkammer.

Das erlebte ich nun auf dem nächtlichen Heimweg.

Zu Hause (es hilft nichts, ich muß alles sagen) – wurde er dringender, als sei jede Sekunde ein unwiederbringlicher ewiger Verlust. Aber auf einmal verdüsterte sich sein Blick, seine Züge wurden schlaff; ein mürrisches, ärgerliches Wesen trat an ihm hervor. Er überhäufte mich mit Vorwürfen, mit fast kränkender Rede, wie ich ihn gequält hätte seit Wochen.

Warum das in dem Augenblick, wo ich ihn nicht mehr quälen wollte, wo jeder Widerstand in mir gebrochen war, wo mein ganzes inneres Wesen sich ihm entgegensehnte und nur die weibliche Schamhaftigkeit mir äußerliche Zurückhaltung auflegte?

Ich begriff nichts mehr in seinem Wesen; der ganze Mann war mir ein Rätsel. Alles in mir schrie, daß ich ihm gehörte ... aber er nahm mich nicht.

Er wurde immer düsterer und finsterer, immer unwilliger, unwirrscher; er hatte seine Zärtlichkeiten längst eingestellt. Voll Erstaunen und Unbegreifen sah ich ihn vor sich hinstieren.

Er sagte zuletzt, er habe zu viel Salvator getrunken; er sei berauscht.

Und er schickte sich an zum Gehen. Ich fragte ihn, ob er mich am Nachmittag zu einem Spaziergang abholen werde; er antwortete mürrisch, er wisse es nicht. Mit einem kurzen, knappen Kuß verabschiedete er sich.

Den Zustand, in dem er mich zurückließ, mag ich nicht beschreiben. Ich schlief erst gegen Morgen ein, und als ich um Mittag herum aufwachte, da fühlte ich mich wie zerschlagen an allen Gliedern.

Übrigens, ich konnte an nichts denken als an ihn. Ich war voll von ihm, und ich erwartete ihn.

Ich zweifelte gar nicht, daß er kommen werde; ich konnte mir's nicht anders denken.

Und ich wurde unruhiger und aufgeregter von Viertelstunde zu Viertelstunde.

Ich konnte an nichts anderes denken als an ihn; ich war voll von ihm. Ich lauschte auf jeden Laut vor der Türe.

Um halb vier Uhr schellte es draußen; ich glaube, ich tat einen Freudenschrei.

Nur der Briefträger war's; ein Brief für mich. Ich zitterte, er war von ihm.

Wie ich den Umschlag aufriß! Es war gar kein richtiger Brief, es war das Gedicht an den Föhn, das er auf dem Nockerberg gesprochen, nur mit einigen Abänderungen. Ganz geändert war der Schluß; er lautete:

Föhn du leuchtender strahlender,
Wie Schwanenflaum
Berührt uns dein Fittig,
Dein silbern-weißer;
Wollüstig weich,
Wie mit kosender Frauenhand
Streichelst die Wangen uns,
Du Schmeichler,
Und bist doch voll Tücke.
Wohl bringst du Schönheit,
Doch nimmst uns die Kraft
Und machst schlaff
An Amors Bogen
Die spannende Sehne,
Daß zur Erde machtlos
Niedersinkt der Pfeil.
Voll Tücke bist du,
Und eh' wir's versehen,
Schüttest Güsse uns über die Ohren,
Es ist zum Lachen –
Wehe
Wer dir vertraut.

Wirklich schüttete es draußen wie mit Kübeln. Ich hielt das Gedicht für einen Vorboten und wartete von neuem.

Ich wartete eine Stunde, ich wartete zwei. Zuletzt hielt ich es nicht mehr aus zwischen den engen vier Wänden, und trotz des strömenden Regens machte ich mich auf und nahm ein Tram nach dem Nockerberg.

Qui a bu, boira, dachte ich, das Wort wird sich sicher an ihm bewähren.

Am Tag zuvor war ich nicht in den Saal gekommen; ich betrat ihn jetzt zum erstenmal. An der Tür schlug mich's fast zurück. Eine dicke, stinkende Luft umfing mich; ein fürchterliches Tohuwabohu von Blechinstrumenten und gröhlenden Menschenstimmen betäubte mich.

Ich fand dennoch den Mut, einzutreten. Drinnen konnte man sich kaum vorwärtsbewegen, so voll war's, und jeder Mann, dem ich nahe kam, schien mich als seine Beute zu betrachten. Und was für pöbelhafte Reden, was für rohe, tierische Gesichter. Auswurf der Menschheit schien alles, was mir vor die Augen kam. Ein tiefer Ekel erfaßte mich.

Ich nahm mich aber zusammen; ich wehrte mich so gut ich konnte, aber nach fünf Minuten fühlte ich meine Kraft sich erschöpfen und meinen Mut klein werden; ich wollte umkehren.

Da plötzlich sah ich ihn; in allernächster Nähe. Er saß perorierend zwischen zwei Frauen von geradezu gemeinem Aussehen. Von dem, was er sagte, konnte ich nichts verstehen, aber die beiden Frauen brachen jeden Augenblick in das roheste Gelächter aus.

Ich schämte mich für ihn.

Und ich war fest entschlossen, mich unbemerkt zurückzuziehen. Aber da hatte er mich bereits entdeckt.

Was sich zuerst auf seinem Gesicht spiegelte, war Verlegenheit, gemischt mit Unwillen. Doch erhob er sich rasch und trat zu mir heran. Aber angenehm war's ihm nicht, das sah man. Er wollte mir einen Platz an seinem Tisch anbieten; ich machte eine Gebärde des Abscheus.

Aber ich nahm es an, daß er irgendwo Platz suchte für uns beide.

»Was waren denn das für Damen?« fragte ich, als wir endlich saßen.

»Ach, biedere Handwerkerfrauen, die sich einen lustigen Nachmittag machen.«

»Und damit kannst du dich unterhalten?«

»Kind,« antwortete er barsch, »das verstehst du nicht. Wer das Volk schildern will, muß es kennen in allen seinen Schichten. Nicht jeder kann sich Tragödien hohen Stils aus den Fingern saugen.«

Er verhöhnte meine Dichteransprüche.

Ich hatte aber nicht die Kraft, ihm zu zürnen. »Ich hatte auf dich gewartet den ganzen Tag,« sagte ich sanft; »ich danke dir für das schöne Gedicht.« Unsere Augen begegneten sich; in den meinigen mußte viel zu lesen sein. Er fühlte sich geschmeichelt; er sah mich zum erstenmal wieder freundlich und liebevoll an.

»Du hast mich gesucht?« sagte er weich.

Ich winkte, ich fühlte, daß mir Tränen in die Augen kamen. Er legte sanft seinen Arm um meine Hüfte, und er gab mir wieder liebe und gute Worte.

Wir blieben lange; er nötigte mich oft zum Trinken.

Wenn ich es heute überlege, so scheint mir, daß er mich, ich weiß nicht warum, mit Absicht berauschen wollte.

Ich ließ es mir gefallen, weil er immer sanfter und zärtlicher zu mir wurde.

Nur zu lange blieben wir. Endlich aber brachen wir auf; wir nahmen einen Wagen.

Wieder fühlte ich mich fortgetragen, fortgehoben, wie im Sturm hingeführt von den Armen der Liebe, zitternd, bebend, bangend.

Diesmal waren wir schnell zu Hause; leider. Nur die Fahrt war schön. Auf meinem Zimmer dieselben Unbegreiflichkeiten ... dieselbe unverständliche dumpfe Wut gegen mich.

Kurz, dieselben quälenden, marternden, aufreizenden Stunden der Verstimmung, der Ratlosigkeit, und vor allem der Verletzung meines Zartgefühls. Dann Zorn, Vorwürfe, ja Beleidigungen.

Wo ich – ohne Überlegung, ohne Wollen, rein instinktiv einem natürlichen Schamgefühl gehorchen mußte, tat er verletzt, beleidigt, sprach von Prüderie, von Komödienspiel. Aber – war er denn nicht hundertmal stärker als ich? Konnte er als Mann meine Verteidigung so mißverstehen?

Ich drängte ihn zum Gehen.

Als er mich verlassen hatte, warf ich mich entkleidet auf mein Bett und ein heftiger Weinkrampf schüttelte und rüttelte meinen ganzen Körper. Eine Viertelstunde mochte ich so gelegen haben, da klopfte es an meinen Laden.

»Was wird er wollen?« Ich hatte keinen andern Gedanken; ich sprang von meinem Lager in die Höhe, ich riß das Fenster auf, und – ehe ich mich's recht versah, stand – stand ein fremder Mann in meinem Zimmer.

Ich kannte ihn vom Sehen; er hatte mich öfter auf der Straße gegrüßt.

Aber nun genug der Einzelheiten.

Auf diese Weise ist mir's geschehen, da ist nun nichts weiter zu beschönigen.

Daß es ein Lump sein mußte, dem ich in die Hände fiel, ist meine ganz gerechte Strafe. Ein Gutes aber ist dabei: von Schönemann bin ich geheilt – –

Einer weniger Unwissenden und Unschuldigen hätte dazu freilich der erste Abend genügt.

*

 

3. April.

In unsern Kreisen ist eine Ohrfeige der tödlichste Schimpf, den man einem Mann zufügen kann; bei den Griechen, lese ich in Schopenhauer, war es dagegen nicht im geringsten Grad beschimpfend, einen Schlag erhalten zu haben. Was ist es nun, wenn ein Mann die Schwachheit eines Weibes überrumpelt und seinen Körper überwältigt? Mein inneres Wesen ist unberührt geblieben.

Man muß einfach aus seinem Gedächtnis wegwischen, was zu denken unangenehm ist.

*

 

Montag.

Schönemann hat die Protektion mir gegenüber abgelegt und es sich zur Regel gemacht, wo er mich trifft, einen gereizten, feindlichen Ton gegen mich anzuschlagen. Zuerst habe ich mich darüber empört; allmählich belustigt mich die Sache.

*

 

Mittwoch.

Der – glaube ich – liebt mich. Der einzige, der mir nichts von Liebe (oder was die andern so nennen), zu sagen wagt. Wenn er nur nicht so häßlich wäre.

Mit seinen roten Haaren und dem sonnenfleckigen Gesicht könnte ich mich noch abfinden, lieber ein häßliches intelligentes, als ein schönes dummes Gesicht; – aber der Knirps hat auch noch krumme Beine ...

Witz und Bosheit hat er allerdings für zehn. Wenn sein Vater kein Jude war, war es der Großvater sicher. Seine Feigheit damals gegen Walter ...

Ich habe ihn heute darüber zur Rede gestellt; er hat sich nicht schlecht verteidigt. Er habe sich im Unrecht gefühlt; als Freund meines Bruders hätte er mein Anerbieten damals zurückweisen müssen, da er wohl gewußt, wie Walter so was auffaßte. Zweifellos sei Walter dann in seiner Heftigkeit zu weit gegangen; aber wer zuerst Unrecht getan, dürfe sich nachher nicht über Unrecht beklagen. Er wisse übrigens ans sicheren Anzeichen, daß mein Bruder sein Auftreten bereue und gern eine Aussöhnung herbeiführen möchte.

Ich mußte ihm innerlich beistimmen, obwohl wir Menschen einer edlen Rasse in Beleidigungssachen grundverschieden empfinden. Beleidigung verlangt Genugtuung, das ist oberstes Gesetz der Ritterlichkeit. Kein Mann aus unsern Kreisen dürfte und möchte sich dem entziehen.

Wir sind dennoch nicht schlechtere Christen als andere, im Gegenteil. Wenn wir stolz vor den Menschen sind, so sind wir um so demütiger vor Gott. Wir verteidigen, streng genommen, auch nicht unsere Ehre, sondern Gottes Ehre in uns. Denn Gott hat den Adel eingesetzt zum Vorbild und Leitstern der Masse. Ein Stern muß hell leuchten. Der Adel ist zugleich der Schild des Königs, ein Schild aber muß blank sein und ohne Flecken ...

*

 

Was mich heute am meisten gerührt hat: Wehrmüller hat eine »Judith« entworfen. Das ist eine offenkundige Huldigung an mich. Er hat es auch ausgesprochen: Das solle meine Judith werden; nicht irgendeine, meine Judith wolle er malen.

Ich glaube nicht, daß die Judith von einem Maler schon einmal so dargestellt worden ist. Wehrmüller hat den kühnsten Moment erfaßt: Holofernes ist eben vor Ermattung eingeschlafen, und Judith neben ihm in voller Unordnung, die Blicke von Lust sprühend, von Lust der Rache, hat sich halb vom Lager erhoben und greift nach dem Schwerte, das am Kopfende des Bettes in seiner Scheide hängt.

*

 

Donnerstag.

Im englischen Garten bin ich heute Mittag dem Grünzer und Weidlich begegnet; sie haben getan, als ob sie mich nicht kannten.

Nun ja, auf dem Nockerberg haben sie auch kein ernstes Wort an mich gerichtet. Und so ist mir's auch schon mit anderen ergangen. Sie nehmen mich alle als Kollegen nicht ernst; denn sie haben alle nicht die »Judith« aber die höhnischen Kritiken darüber gelesen.

So ein Kritiker darf ungestraft moralisch morden, darf öffentlich unsere Ehre in den Kot treten.

Es herrscht eben heute im Reich der Kunst das Plebejertum. Zur Zeit der ritterlichen Minnesänger war das anders; aber auf die Ritter folgten die Handwerksmeister – und ihre Nachkommen.

*

 

Freitag.

Dieser Brief von Mama hat noch gefehlt. Als ob mein Katzenjammer nicht schon groß genug gewesen wäre. Als ob ich mir nicht selber sagte jeden Tag, daß die Luft hier meiner dichterischen Produktion nicht günstig ist, daß ich seit meiner »Judith« nichts mehr gemacht habe, als ein halbes Dutzend Entwürfe, die ich alle nachträglich wieder verwarf.

O, ich könnte ja auch, wie andere, Novellen und Romane zusammenschmieren, haufenweise, und Lesefutter für den geistigen Pöbel liefern ...

Nein, ich könnte es eben nicht. Auch nicht, wenn ich wollte.

Und das ist mein Stolz. Zum Glück überhebt mich meine kleine Rente der Notwendigkeit, die Kunst als Broterwerb, als Gewerbe mißbrauchen zu müssen.

*

 

Sonnabend.

Den Nachmittag bei Wehrmüller. Seine Judith (meine Judith) macht schöne Fortschritte. Er spricht diesmal nicht von Modellnot; aber ich weiß auch ohnedies, was er auf dem Herzen hat.

Und warum nicht, wenn ich sein Werk damit fördern kann? Es ist ja auch meines.

Ich fürchte nur ... Unsinn.

*

 

Sonntag Lätare. In der Frühe.

Immer noch liegt mir Mamas Brief im Magen. In Wahrheit aber kommt das alles gar nicht von Mama, ich höre aus jeder Zeile die Hildegard heraus.

Sie hat früher schon immer so geredet; sie war immer dagegen, daß ich nach München ging. Sie wußte dann immer die und jene Malerin anzuführen, die nicht ohne Talent gewesen wären, die bei X. oder Y. in Dresden schon schöne Fortschritte gemacht hätten; sie seien dann nach München gegangen, und man habe nichts mehr wieder von ihnen gehört, als höchstens von der einen oder andern, daß sie dort ein skandalöses Leben führten. Nicht die Kunst locke so viele nach München, besonders gewisse junge Damen, sondern das freie Leben dort. Die Kunst sei nur Vorwand; das Resultat sei Liederlichkeit. Wem an seinem guten Ruf gelegen sei, ginge niemals als alleinstehende junge Dame nach München usw.

Dummes Zeug; wer natürlich kein Talent hat, wird nirgends etwas leisten. Und »wem an seinem guten Ruf gelegen ist ...« ich denke, der Künstler, ob Mann oder Frau, habe sich vor allem um seinen künstlerischen Ruf zu kümmern; sein gesellschaftlicher Ruf hat daneben wenig zu bedeuten.

Hildegard ist eben Philister; man trifft ihrer genug unter den Malern und noch mehr unter den Malerinnen. Die Malerin hat zu viel Teil am Handwerk und damit am Banausentum; Flügel, um hoch über allen bürgerlichen Begriffen, auch über allen bürgerlichen Schranken zu schweben, gibt uns allein die Beschäftigung mit der Dichtung.

Hildegard tut sich so viel darauf zugute, daß sie bereits Bilder verkauft; Herrgott, ein Schuster verkauft auch Schuhe. Ist da ein Ruhm?

Es ist wahr, ich habe seit längerer Zeit nichts geschrieben, aber dabei sind mir mehr Ideen durch den Kopf gegangen, als so eine arme Malerin, die bereits Bilder verkauft, auch nur zu ahnen vermag. Und dabei ist Hildegard – sie müßte keine Plessenberg sein – ein hoher Geist im Vergleich zu vielen andern. Ich habe auch noch nie an ihrem Talent gezweifelt, wie sie an dem meinigen.

Das ist unrecht von ihr; wir haben, ach, schon selber genug Stunden des Zweifels und der Kleinmut.

Seit Monaten habe ich sie öfter, als ich sie zu bekommen mir zugetraut hatte, öfter, als ich mir eingestehen mag, aus Angst, das Übel noch zu vergrößern ...

*

 

Am Abend.

Ich habe diesmal wohl befürchtet, daß es so kommen werde. Mein Gefühl hat es mir deutlich gesagt. Warum ich dennoch nicht ausgewichen bin?

Weiß man das denn? Will man überhaupt? Hat man überhaupt einen Willen? Oder ist etwas in uns, ein Geheimnisvolles, Unbegreifliches, Mächtiges, das uns stößt dahin, dorthin?

Ich weiß nicht.

Wenn ich mir noch einreden könnte, daß ich ihn liebe.

Ich bin weit davon entfernt. Ich finde ihn ja so lächerlich häßlich.

Mit der Liebe, scheint mir, da machen sich auch viele eine Komödie vor. Verlobte z. B. sind immer verliebt, wenn sie's auch vorher gar nicht waren. Auch die Dichter, besonders im Roman, nennen das Wort oft eitel.

Ich glaube, bei mir war's Mitleid. Ich sah, daß er nicht arbeiten konnte, trotz allem Aufwand von Selbstbeherrschung, daß seine Hand zitterte, daß er Qualen litt. Meine Stellung und Draperie, wie sie das Bild verlangte, war freilich auch so ... Und als dann einmal sein Blick voll unsäglicher Angst mich stumm fragte, da sagte der meinige »ja«.

Er mag dann freilich eine rechte Karrikatur von einem Holofernes gewesen sein.

Ja, es war Mitleid. Eine mitleidige, gute Seele, so hat man mich immer genannt.

*

 

Dienstag.

Ich habe den Roman gelesen »Aus guter Familie«, von Gabriele Reuter. Dieses kühne Werk hat mich über vieles in meinem Tagebuch beruhigt. Denn die Dinge, die hier eine Frau doch quasi von sich selber bekennt, wenn auch nicht direkt, sind mindestens so stark als meine eigenen Bekenntnisse hier. Es sind andere Dinge, aber nicht weniger heikler Art, und niemand würde einer Frau den Mut zugetraut haben, ein solches Buch zu schreiben. Das ist ein ganz phänomenales Buch.

Als Kunstwerk, als Werk der Dichtung, mag es anfechtbar sein; aber als psychologische Offenbarung kann man es nicht hoch genug anschlagen. Dieses Werk wird ewig seinen Wert behalten.

Wie schade, daß die Verfasserin München verlassen hat und nach Berlin gezogen ist; ich habe ihr aber einen langen begeisterten Brief geschrieben.

Mittwoch.

Diese Überraschung! Dieser Jubel! Eine solche reine, stürmische Freude ist mir lange nicht geworden.

Es klopft an meiner Türe, und wer tritt herein? Botho. Botho, der liebe, der herzige, der goldige Junge.

Er hat acht Tage Urlaub genommen, um zum erstenmal München zu sehen. Er hat nur Walter davon benachrichtigt, mich wollte er überraschen.

Und wie ihm das gelungen ist!

Seine brüderliche Zärtlichkeit gegen mich war rührend. Wie ist der anders als Walter!

Er hat mich förmlich beschämt. Er kann, wie eine Mutter von ihrem Kinde, nichts Unrechtes von mir denken, und er nimmt es Walter im höchsten Grade übel, daß der und seine Frau Klatschereien über mich (wie er sich ausdrückte) Gehör gegeben hätten. Ein Bruder müsse einer Schwester mehr glauben als der ganzen Welt. Er könne mir nur recht geben, wenn ich mich einstweilen weigerte, zu ihnen zu kommen. An Walter sei es, den ersten Schritt zu tun und mir Abbitte zu leisten.

Wie das wohltut, ein solches brüderliches Vertrauen, selbst – wenn man es nicht ganz verdient.

*

 

Mittwoch abend.

Ich bedauere es jetzt gar nicht so sehr, mit Walter überworfen zu sein. Ohne das hätte ich Botho immer nur mit den andern zusammen, so habe ich ihn zwar weniger, aber für mich allein, das ist mir lieber.

Botho ist entzückt von München; das freut mich. Er wird Hildegards Anschauungen energisch bekämpfen.

Er findet wohl auch das Volk und seine Sitten roh, ganz im Jägertum und Bauerntum stecken geblieben; aber gegen das schäbig-blutarme Wesen unserer Sachsen sei diese Volkskraft hier, wenn auch noch so roh und ungeschlacht, wahrhaft wohltuend.

Allerdings, so viel Intelligenz wie in Dresden, glaubt er auch nicht, daß in München zu finden ist.

*

 

11. April.

Ich hatte mir vorgenommen, während Bothos Hiersein nicht zu Wehrmüller zu gehen, und hatte es ihm auch geschrieben. Aber da nun die andern zusammen einen Ausflug nach Starnberg gemacht hatten, langweilte ich mich daheim auf meinem Zimmer, und so bin ich hingegangen, aber mit dem festen Vorsatz, diesmal stark zu sein.

Ich war wieder schwach.

Und Botho, der so ahnungslos ist.

Ich glaube gar, der ist noch jungfräulich. Das tut bei ihm seine schöne, ideale Liebe, die bewahrt ihn vor vielem. Mit welcher Begeisterung er von seiner Ottilie spricht.

Aber was für merkwürdige Sachen da unterdessen vorgefallen sind! Der General, der ihn zu sich rufen läßt und ihm rund heraus erklärt, daß er sich nicht die geringsten Hoffnungen machen dürfe auf die Hand seiner Tochter, unbekümmert darum, was das alberne Mädchen ihm auch allenfalls schon gesagt oder noch sagen möge ...

Und verbietet ihm, seiner Tochter je wieder zu schreiben, oder sonst, außer dem streng gesellschaftlichen, einen Verkehr mit ihr zu suchen ...

Aber Botho sagt: Er habe ihr Wort, das sei ihm Pfand genug. Hundert Briefe könnten ihm nicht mehr sagen.

Und auf der Promenade sehe er sie auch dreimal wöchentlich, das könne ihm niemand verbieten, und was ihm dann ihr Blick sage, enthalte mehr Seligkeit für ihn, als alle Worte der Sprache auszudrücken vermöchten.

Er ist überaus glücklich und voll Zuversicht.

*

 

Freitag.

Leider hat nun der gute Junge noch einen rechten Skandal hier erleben müssen.

So entrüstet, so empört hatte ich ihn noch nie gesehen. Wie außer sich kam er zu mir.

Diese Person ist also auch noch dumm zu ihrer Frechheit. Sieht's dem Botho nicht an, was für ein reines harmloses Kind der ist. Vergreift sich so; fällt so hinein.

Botho schämte sich fast, mir die Sache nur zu erzählen. Ich hatte Mühe, ihn dahin zu bringen, daß er einigermaßen mit der Sprache herausrückte: wie er, heute zum erstenmal, das Frühstück verschlafen hatte, wie ein Geräusch ihn aufweckte, wie er verwundert die Schwägerin Franziska mit dem Teebrett an seinem Bette stehen sieht.

»Es ist schon sehr spät,« sagte sie, »du mußt einen furchtbar leeren Magen haben; wenn du erlaubst, werde ich dir eine Tasse Schokolade einschenken, hier ist auch Zwieback ...«

Und wie er umsonst ablehnte, wie sie einen Stuhl an sein Bett rückte, wie sie ihm einschenkte und ihn bediente, wobei immer die seidenen Ärmel ihres Morgenrocks über ihre nackten Arme zurückfielen; wie sie – gar nicht zu glauben – man hörte eben im Atelier ihren Mann die Staffelei rücken – wie sie plötzlich mit nackten Armen ihn umschlang, wie ihr Morgenrock auseinanderklaffte, die einzige Hülle ihres jungen Körpers ...

Fast wurde Botho auch über mich bös. Er konnte nicht begreifen, daß ich nicht in stärkeren Zeichen Scham und Entrüstung äußerte, weil er nicht ahnte, was ich alles von dem Weibe wußte.

Ich sagte nur immer: Der arme Walter!

Mehr brachte ich nicht heraus, mehr mochte ich nicht sagen. Ich fühlte wohl, daß ich kein Recht habe, auf eine andere Steine zu werfen.

Mir tut vor allem leid, daß Botho einen Vorwand nehmen und noch heute abreisen will. Sein Urlaub dauert noch drei Tage.

*

 

Sonnabend vor Judika.

Heute im Café Luitpold habe ich eine Bekanntschaft gemacht, die leicht – und es hängt das wahrscheinlich nur von mir ab – in meinem Leben Epoche machen könnte.

Heimlich in meinem Innern sage ich mir jeden Tag, daß es hier nicht so weiter geht. Einmal, das scheint mir immer wahrscheinlicher, werde ich hier nie zum Arbeiten kommen. Und dann mit Wehrmüller, wir können das doch nicht so forttreiben.

Wenn ich seine Häßlichkeit bedenke, überkommt mich eine namenlose Scham. Und doch werde ich, wenn ich ihn unglücklich sehe, immer wieder schwach sein.

Nach Dresden möchte ich nicht mehr gehen, ich müßte dort zu viel heucheln, ich könnte es nicht. Ja, wenn mir Plessenberg freistünde.

Aber da macht Bernhard Bedingungen, die ich nicht eingehen mag. Er verlangt z. B., ich solle, außer im Pfarrhaus, keine Besuche machen und allen Verkehr mit den Dorfbewohnern unterlassen.

Da hätte meine Gegenwart dort gar keinen Sinn.

Und jetzt, bei bevorstehendem Sommer, kann ich auch nicht an Italien denken.

Da muß ein fremder Mensch mir erscheinen ...

Ganz zufällig, pflegt man zu sagen; aber kann es in der Schöpfung und Weltregierung Gottes einen Zufall geben?

Ein fremder Mensch und doch bekannt. Bekannt aus schönen Träumen und Phantasien. Ein Ideal von Mann in seinem Äußern: schlank, schwarzbraunes weiches Haar, die schönen Lippen nur gerad verdunkelt vom Bart, kurz, der Typus einer Schönheit, die in Norddeutschland jeder als fremd, als exotisch empfinden würde, und die, wenn sie in Dresden auftritt, fast sicher einem österreichischen Offizier angehört.

Und dazu Poet ... Im übrigen freilich kein St. Georgen-Ritter mit goldenem Schild und blitzendem Schwert; überhaupt kein Ritter, sondern Chemiker.

Aber das ist ganz modern.

Ich bin Fatalist. Ich glaube, daß das Schicksal mir den Fremden mit den braunen Rehaugen an den Weg gestellt hat; ich will darum meinen Willen in der Schwebe lassen, nicht von mir aus zugreifen, dem Schicksal nicht vorgreifen, vielmehr dem Schicksal die Entscheidung überlassen, d. h. ruhig zuwarten, was sich daraus entwickeln mag. Er kann ein Retter sein; er kann auch ein Verderber sein.

*

 

Am spätern Abend.

Sogar sein Name ist poetisch; er heißt Georg Ringwald.

Und der poetische Schwarzwald ist seine Heimat. Weite blumige Matten, voll Sonne zwischen dunklen Tannen, waren der Spielplatz seiner Jugend, und diese Erinnerungen sind, wie er sagt, die Seele seiner Gedichte.

Sie waren leider in keiner Buchhandlung in München vorrätig; ich hätte sie um alles in der Welt gern gehabt, und gleich.

Er hat mich aber nur ausgelacht, das habe er zum voraus gewußt. Die Buchhändler hätten ja immer nur solche Bücher vorrätig, die jedermann schon kennt, wenigstens dem Namen nach; niemand aber sei deswegen bekannt, weil er ein Lyriker ist, sondern weil einer bekannt ist, sei er (für die Buchhändler und Kritiker) ein Lyriker.

Er liebt solche Paradoxe, aber er lacht auch selber darüber.

Sein ganzes Wesen ist eine schöne, unschuldige Heiterkeit. Er kann auch sich selber sehr lustig verhöhnen. Er versichert mit dem gewinnendsten Lächeln von der Welt, daß die Poesie und die Chemie eine geheimnisvolle, innere Verwandtschaft hätten, die aber die gewöhnlichen Esel von Lyrikern durchaus nicht einzusehen vermöchten.

Oder, daß er sich in Mannheim durchaus wie auf dem Schwarzwald vorkomme, so groß sei die Ähnlichkeit. Auf dem Schwarzwald würden, durch die modern-staatliche Forstkultur, die Wälder immer rechteckiger und quadratischer, und auch Mannheim bestände, wie man wisse, nur aus vollkommenen Quadraten; statt der Tannen aber hätte Mannheim Wälder von Schloten, die, wie jene, durch ihre schwarzen Rauchkronen nicht einen Sonnenstrahl hindurchlassen.

Er wohnt nämlich in Mannheim. Er ist dort städtischer Beamter, ich glaube im Gesundheitsamt, oder wie man so etwas heißt.

Seltsamerweise erinnere ich mich gar nicht, wie wir zusammen ins Gespräch kamen.

Wir waren aber auf einmal mitten darin. Er hatte so eine kindliche, unschuldige Art zu fragen, daß man ihm nicht böse werden konnte.

Er schwärmte sehr für München und bedauerte schmerzlich, daß sein vierzehntägiger Urlaub nun schon zur Hälfte herum sei. Als er hörte, daß ich München bereits ein wenig satt hätte, konnte er das gar nicht begreifen.

»Sie gehen damit um, München zu verlassen,« rief er fast erschrocken aus – sein Schrecken hatte was Komisches – »aber München ist ja die einzige Stadt, wo der Mensch freie Luft um sich fühlt, wo jemand wie Sie überhaupt leben kann.«

Und er sah mich erstaunt an, wie man jemand ansieht, den man für nicht recht gescheit hält ...

Zehn Minuten später war er schon ganz Feuer und Flamme für den Gedanken der ihm plötzlich gekommen: Ich solle nach Heidelberg ziehen. Gleich solle ich mit ihm kommen. Er wolle mir behilflich sein, eine schöne Wohnung zu suchen, am Schloßberg oben, am Rand der Kastanienwälder, hoch über dem schönen Neckartal ...

Und wir würden Freunde werden. Er käme dann in seinen freien Stunden zu mir, wie zu seiner Muse. An schönen Sonntagen und Feiertagen machten wir Ausflüge in den schönen Odenwald, in den Schwarzwald.

Er schwärmte. Und als er mich nachdenklich werden sah, wurde er wärmer, dringender, malte immer mehr goldenes Licht in seine Zukunftsbilder ...

Ich lachte ihn aus, aber es war mir damit nicht recht ernst. Seine Worte hatten mehr Eindruck gemacht, als ich mir selber gestehen wollte.

Und leider habe ich ihm das, wie es fast schien, nicht genug verheimlicht.

Denn gewiß handelt es sich auch hier wieder um nichts anderes als den gemeinen, brutalen Mannesegoismus, der sich einmal etwas vorsichtiger verhüllt als gewöhnlich.

Ich habe diesmal scharf beobachtet. Er dachte zuerst nur, was er aussprach. Auf einmal aber veränderte sich der Glanz seiner Augen: neue, unerwartete, wollüstige Perspektiven taten sich vor ihm auf, aber er hütete sich, davon zu sprechen. Nur an mich dachte er zuerst, nur noch an sich dachte er nach zehn Minuten. Nur freundschaftliches Wohlwollen gegen einen sympathischen Menschen war das Motiv seines ersten Vorschlags, nach zehn Minuten war dieses unschuldige, rein menschliche Wohlwollen erstickt vom Egoismus dessen, der Besitz ergreifen möchte: Ich habe diesmal scharf beobachtet.

Ich werde ihn heute abend hart behandeln – denn ich habe ihm versprochen, nach dem Theater ins Hofbräuhaus in den großen Saal oben zu kommen. Ich werde ihm zeigen, daß ich ihn durchschaue ...

Heidelberg könnte mich schon locken; damit wäre auch Mama einverstanden. Sie hatte von jeher eine Art poetische Schwärmerei für diese Stadt. Zarte Gefühlsfäden verknüpften immer ihr Denken mit diesem Ort deutscher Studentenromantik. Papa und zwei Brüder von ihr haben in Heidelberg studiert. Mit Papa war sie auf ihrer Hochzeitsreise dort.

Ich glaube, sie wäre glücklich über meine Wahl. Ich werde ihn aber hart behandeln heute abend, ich werde nur Hohn und Spott haben für seine Schwärmerei ... Es klopft, er wird hoffentlich die Kühnheit nicht gleich so weit treiben; ich habe ihm ausdrücklich verboten, mich abzuholen.

*

 

Auch der noch ... Wenigstens ein Billett von ihm: »Von Italien zurück. Seit zwei Tagen hier. Werde mir die Ehre geben, morgen nachmittag um vier Uhr gnädigem Fräulein meine Aufwartung zu machen.

Eberhard Graf Zobel.«

Und ich werde mir die Ehre geben, nicht zu Hause zu sein; fehlte noch.

*

 

Nach Mitternacht.

Eine Stelle aus Mamas Brief von heute früh soll hier stehen; sie sei mir zugleich Stütze und Sporn. Mama schreibt: »Viele, die nichts von Dir hören, fangen an, an Deinem Talent zu zweifeln, und ich fürchte, sogar Deine Schwester Hildegard gehört dazu, obwohl ich bis jetzt glaubte, daß sie die Ungläubige nur spiele. Mein liebes Kind, gräme Dich nicht, daß ich Dir das schreibe. Ich möchte Dir gewiß nicht wehe tun damit; denn ich, Deine Mutter, siehe, ich glaube an Dich. Ich glaube an Dein Talent, wie ich an Deine Reinheit glaube. Du brauchst beides. Das eine muß seine Kraft schöpfen im andern. Um die Gnade Gottes, als drittes, müssen wir beten. Du betest doch täglich, liebes Kind? Unterlaß es nie; ich selber bete täglich für Dich, und dann ist meine Zuversicht dreifach ...«

*

 

Es reut mich jetzt, daß ich die Einladung des guten Ringwald nach Kloster Schäftlarn nicht angenommen habe.

Er hat mich schon fast gewonnen für seinen Plan.

Ich hatte hart gegen ihn sein wollen. Statt dessen hat er seinerseits mich mit Strenge behandelt und mir ernste Vorwürfe gemacht, daß ich seit meiner »Judith« – ich hatte sie ihm ins Hotel geschickt – nichts mehr geleistet, daß ich nicht das dringende Bedürfnis gefühlt, über diesen ersten Versuch und seine Ungeschicklichkeiten hinwegzukommen und ihn in Vergessenheit zu bringen durch ein besseres Werk.

Ich saß auf einmal ganz klein neben ihm.

Das wäre am Ende wirklich der Mann, der mich richtig anzufassen wüßte. Kein Verderber, ein Retter.

Warum habe ich nur seine Einladung nicht angenommen? Ich war doch fest entschlossen, den Grafen nicht zu empfangen; mit der Fahrt nach Schäftlarn wäre ich über alles hinausgewesen. Warum tat ich es denn nicht, warum denn nur nicht?

*

 

Montag.

Zwei Männer an einem Tag. Es könnte die Überschrift einer Novelle sein, oder eines Lustspiels ...

Und also gibt es doch immer noch weitere Stufen als man gemeint hat, nach der Höhe, wie – nach der Tiefe.

Aber nur, wenn wir aufwärts steigen, tun wir es mit Willen und Wissen, abwärts gleiten wir. Mit Vorsatz tun wir das Gute, das Böse überkommt uns, überrumpelt uns, übertölpelt uns ...

Wer auch würde gewisse Dinge tun, wenn er ihnen vorher ins häßliche Antlitz geblickt hätte? Er sah sie nicht vorher, sie kamen von hinten an ihn herangeschlichen.

*

 

Ich wollte um keinen Preis den Grafen empfangen. Ich fürchtete mich vor ihm, ich weiß selber nicht warum, und ich ging nach dem Mittagessen zu Wehrmüller.

Nur weil ich mich vor dem Grafen flüchten wollte, bin ich hingegangen; ich wußte ja, was kommen werde, und es graute mir. Ich dachte an meine unglaubliche Schwäche diesem Manne gegenüber, und die Schamröte stieg mir ins Gesicht.

Auch kehrte ich an seiner Türe wieder um. Ich ging ins Café Luitpold, in der unwahrscheinlichen Hoffnung, Georg Ringwald dort zu treffen. Lange saß ich vor meiner Kaffeetasse und sah nach dem fremden Manne aus, wie nach einem Retter.

Und dann bin ich doch zu Wehrmüller gegangen, und es war wie immer.

Und als ich gegen sieben Uhr nach Hause zurückkehrte, stieß ich unter der Haustür mit Zobel zusammen. Er sagte, er wäre schon dreimal dagewesen, und da er morgen abreise ...

In verbindlichster Form lud er mich dann zum Abendessen ein, und ich war leider nicht rücksichtslos genug, seine Freundlichkeit abzulehnen; wir gingen zusammen zu Schleich.

Und heute früh um zehn Uhr, als Georg Ringwald kam, um mich verabredeterweise für die Pinakothek abzuholen, war der Graf noch bei mir, und ich mußte den Armen abweisen lassen.

Der Graf, der noch in Unterhosen war und gerade eine Tasse Tee schlürfte, war so zynisch, zu verlangen, ich solle den Menschen hereinkommen lassen; er möchte gern sehen, was einer in einem solchen Fall für ein Gesicht macht.

Na, na, Ringwald würde vielleicht mit stolzerer und selbstbewußterer Verachtung dreingeblickt haben, als der gute Graf sich's dachte, der mit seinem Bäuchlein und Kahlkopf nicht gerade die beste Figur machte.

*

 

Mittwoch.

Buch meiner Beichten, häßlicher Rätsel voll, ehe ich dich einpacke – denn Georg Ringwald ist noch einmal gekommen, und ich gehe mit ihm – was wollte ich nur gleich schreiben ...

Machen wir einfach einen dicken Strich, so:

* * *

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