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Tagebuch einer Dame

Benno Rüttenauer: Tagebuch einer Dame - Kapitel 3
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typeBenno Rüttenauer
authorfiction
titleTagebuch einer Dame
publisherPiper & Co.
year1907
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Dresden und Plessenberg.

Zum Kampf gegen die Unsittlichkeit (Landgericht München I.) Im Verlag von Piper und Comp. erschien ein von dem Schriftsteller Dr. Rüttenauer verfaßtes Buch » Tagebuch einer Dame«. Der Staatsanwalt erhob gegen Verleger und Verfasser die Anklage wegen Vergehens wider die Sittlichkeit. Die Strafkammer lehnte jedoch die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. Nunmehr beantragte der Staatsanwalt im objektiven Verfahren die Einziehung des von ihm als unzüchtig erachteten Buches.

Der Sachverständige Professor Dr. Munker führte aus, daß das inkriminierte Buch nicht pornographisch sei. Es schildert, wie eine Dame zur Dirne wird. Das Buch enthält aber psychologische Unmöglichkeiten, manche plumpe Stellen, aber auch manche hübsche Naturschilderungen. Zu beanstanden ist das Hereinziehen religiöser Momente und daß bekannte Schriftsteller darin kopiert werden. Sachverständiger Schriftsteller Ruederer glaubt an die ehrliche Absicht des Verfassers, eine künstlerische Arbeit zu liefern.

Der Staatsanwalt führte bei seinem Antrage aus: Was unzüchtig ist, können Leute und inbesonders Juristen ohne Sachverständige entscheiden. Diese stehen vielfach außerhalb weiter Volkskreise. Die Rechtsanwälte Dr. Wilhelm Rosenthal und Dr. Pflaum beantragten als die Vertreter der Interessenten die Freigabe des Buches, eventuell nur die Einziehung einer Stelle, die eine Zote enthält.

Das Gericht beanstandete elf Stellen und erließ Beschluß dahin, die bezüglichen Blätter einzuziehen.

Sonntag Reminiszere.

Fällt mir da wieder einmal das dicke leere Buch in die Hände. Die Hildegard hat es mir vor vier oder fünf Jahren zum Geburtstag geschenkt. Um meine Gedichte hineinzuschreiben. Und ach, es steht heute noch kein einziges darin.

Es war aber auch eine recht dilettantische Idee von der Hildegard. Wer wird in der poetischen Ekstase erst nach einem so stattlichen Band greifen; jeder Papierfetzen ist dann gut genug, um die göttlichsten Gedanken aufzunehmen.

Einigemal habe ich es probiert und habe das schöne Geschenk hervorgeholt und mich mit der Feder davor gesetzt; es ist mir aber stets nicht das kleinste Verschen eingefallen.

Aber ich will den schönen Band endlich gebrauchen; ich will Tagebuch-Aufzeichnungen hineinschreiben. Das ist freilich nicht sehr modern, und als Schriftstellerin gar sollte ich meine Feder zu ernsterer Tätigkeit verwenden – meine Feder und meine Zeit. Aber mein Tagebuch soll ja auch nicht Selbstzweck sein. Solche Aufzeichnungen kann man gelegentlich literarisch ausnützen. Ich will darin documents humains – wie Zola es genannt hat – aufhäufen über mich und über andere. Da kann dann später leicht einmal ein Roman daraus werden.

Wenn ich je einen Roman schreiben werde ...

Einstweilen wäre mir das eine zu widrige Gattung. Mein Sinn steht nach Höherem. Wenn ich doch einmal das Opfer bringe, indem ich aus den Traditionen unserer Familie heraustrete und sozusagen eine »öffentliche Person« werde, dann soll es wenigstens um den höchsten Preis geschehen. Ja, nur um den Lorbeer des Dramatikers, nur um den Kuß der tragischen Muse mag ich in die staubige Arena hinuntersteigen, wo so oft die Kränze sich auf unwürdige Stirnen niedersenken.

*

 

Freitag.

Wie mich das aufregt. Bernhard schreibt wieder von der Möglichkeit, das Gut zu verkaufen. Eine große Brauereigesellschaft scheint darauf zu spekulieren. Wollen die am Ende gar eine Malzfabrik in unserm Schloß einrichten?

Armes Plessenberg! Das hättest du dir nicht träumen lassen damals, als du, eine feste Wasserburg, dem treuen Diezmann zu Lehen gegeben wurdest von Konrad dem Großen, dem ersten Wettiner, für seine tapfere Haltung in dem entscheidenden Kampf gegen Witprecht von Groitzsch, den Günstling des fränkischen Königs Heinrich des Fünften und Verbündeten aller aufständischer Slaven.

Und diese Bierbrauer sind natürlich die Nachkommen solcher Slaven. Die rächen sich nun; oder es sind gar Juden.

Ich bin außer mir. Warum ist er denn nicht Soldat geblieben, wenn er doch das Gut nicht retten will? Mit der Pächterwirtschaft, das konnte natürlich nicht lange mehr so weiter gehen. Aber wenn Bernhard nun auch die Bewirtschaftung übernähme: er versteht ja nichts von Landwirtschaft. Er hat gar keinen Sinn dafür. Wäre er wenigstens Soldat geblieben. Er könnte heut Major sein.

Aber er hatte freilich auch für das Militär keinen Sinn. Und wirklich war er für diesen Betrieb zu gebildet, zu intelligent.

Wenn ich's recht bedenke ... ich würde es nie aussprechen; aber warum sollte ich es hier nicht schreiben. Unser Geschlecht, scheint mir, geht zugrunde an der Intelligenz. »Les intelligents« ist ja in Frankreich bereits zu einem Schimpfnamen geworden. Wenigstens zu einer Bezeichnung der Schwachen. Eine allzuhoch gesteigerte Intelligenz kann ein Fehler sein.

Ich bin außer mir. Und wie Mama den Brief ruhig hinnahm. Ihre Resignation empört mich. Sie nennt es christliche Ergebenheit. Schwäche ist es. Altersschwäche vielleicht. Sie trägt allerdings die Hauptschuld am Unglück; sie hat nach Papas Tod schlecht gewirtschaftet. Sie war zu unpraktisch. Sie hat vom praktischen Leben rein gar nichts verstanden. Sie war wie ein Kind.

Aber das kommt davon, wenn die Männer ihre Frauen mit Fleiß in der Unmündigkeit erhalten, ihnen am Geschäftlichen keine Teilnahme gönnen. Mama hat immer ein Leben geführt wie ein Kind; alles, was nur im entferntesten mit der leidigen Geldfrage zusammenhing, alles, was auf Geist und Gemüt auch nur einen Augenblick lang, dem flüchtigen Wolkenschatten gleich, verdüsternd einwirken kann, hat Papa aus Liebe und Zärtlichkeit ängstlich von ihr fern gehalten. Das war sehr kurzsichtig. Er starb früh, und das Unglück war da.

*

 

Montag, den 7. April.

Ich sollte nicht über meine Eltern zu Gericht sitzen, wie ich das letztemal tat. Ich am wenigsten. Denn ich weiß nur zu gut, wer den Grund gelegt hat zu unserem pekuniären Ruin. Mit Erröten denk ich daran.

Fünf Jahre war ich, und in dem Alter sollte doch ein Mädchen schon einigen Verstand haben. Aber immer ist bei mir die Phantasie mit dem Verstand durchgegangen. Die beiden Taglöhnerskinder waren erst drei und vier Jahre. Wahrlich, ich werde mein Leben lang vor mir selber erröten müssen.

Und dennoch muß ich bereits lebhaften Geistes gewesen sein, sonst könnte mir nicht alles noch heute so deutlich im Gedächtnis stehen, bis auf den Blick meines Vaters, als ich ihm nach der Katastrophe zugeführt wurde, diesen unendlich liebevollen, gar nicht strengen, aber seltsam ernsten Blick, der mir tief in die Kinderseele drang, daß ich in lautes Schluchzen ausbrach und Papa mich umarmen und Beruhigen mußte.

Noch lebhaft erinnere ich mich jeder Einzelheit: Wie wir die Hölzchen in der Taglöhnerswohnung nahmen aus einer Schachtel im Ofenwinkel, wie wir dann zu den großen Kornspeichern hinaufstiegen, die eben ganz leer waren – denn es war kurz nach der Ernte und noch kein Halm gedroschen – und dann durch die Obstkammern hindurch nach dem Heuboden. Ich selber habe das Hölzchen angestrichen an einem Tragbalken.

Als es dann um uns züngelte über dem dürren Heu und wie rotgoldene Schlänglein hin und her huschte, da begriffen die beiden Kleinen sofort und bekamen es mit der Angst, und die Vierjährige warf sich über die feurigen Schlangen, um sie mit Händen und Armen zu ersticken. Aber die waren schnell und liefen weiter, und überall schlüpften sie hin, und überall bäumten sie sich in die Höhe und wurden größer und größer.

War das ein Schauspiel! So was Schönes hatte ich noch nicht gesehen. Mir war wohl unendlich bang in der Brust, als ob es ein großes Unglück geben könnte, ein Unbegreifliches, Gräßliches; aber ich stand nur und machte die Augen groß auf. Das Herz stockte mir. Ich wußte nicht, was beginnen. Ich stand wie unter einem Bann. Die beiden andern mußten mich mit fortreißen, sonst wäre ich verbrannt. Wir retteten uns in die Speicher hinüber und horchten dort noch einen Augenblick auf das unheimliche Knistern.

Als wir im großen Hof ankamen, schlugen bereits die Flammen zu den Dachluken hinaus ...

*

 

Da habe ich es nun niedergeschrieben ... Mein Vater hat damals verboten – bei seinem Tod hat Mama mir's gesagt –, daß die Sache je vor mir erwähnt würde. So rücksichtsvoll war Papa.

*

 

24. April.

Ich zähle die Tage, bis wir nach Plessenberg gehen. Das Stadtleben ist nichts für mich. Ich mache hier, wie Schwester Hildegard sagt, immer Dummheiten, und wahr ist's, ich kann mich in den gesellschaftlichen Ton nicht schicken. Ich mag auch nicht. Ich muß immer offen herausreden, wie ich denke. Traurig genug, daß man das nicht darf, daß das Taktlosigkeit sein soll.

Ich passe nirgends hin als nach Plessenberg. Dort bin ich in meinem Element. Als Schloßfräulein, mit allen Würden und Pflichten eines solchen, da fühle ich mich bei mir selber.

Auf Plessenberg werde ich auch wieder arbeiten können. In dem hohen Turmzimmer eingeschlossen, von den Geistern der Vergangenheit umschwebt, da überkommt auch mich der Geist. Dort wird mir sicher der letzte Akt meiner »Judith« gelingen – anders, als er Hebbel gelungen ist.

Und zu denken, daß Plessenberg einmal nicht mehr unser sein sollte ...

*

 

Sonntag Misericordias.

Ich weiß nicht, ob es recht war, was ich heute tat. Jedenfalls möchte ich es niemand erzählen – nicht einmal der Hildegard. Sie würde mich sicher wieder taktlos nennen. Mindestens unbesonnen, oder phantastisch, oder extravagant, oder was weiß ich, was.

Aber hier will ich es niederschreiben.

Ich hatte Besuch gemacht bei der Generalin und kam durch die Albrechtstraße zurück. Ich dachte an nichts weniger als an Erich, als ich ihn plötzlich – ich war noch etwa fünfhundert Schritte entfernt – mit seiner Frau aus dem Hause treten, in eine Droschke steigen und in entgegengesetzter Richtung davonfahren sehe. Mich hatte keines von beiden erkannt. Und ein seltsamer Gedanke durchzuckte mich. Ganz plötzlich kam mir's.

Ich besann mich auch keinen Augenblick. Ich stieg hinauf zu ihrer Wohnung, das Zimmermädchen öffnete. Ob die Frau Hauptmann zu sprechen sei. Das Mädchen bedauerte, eben seien die gnädige Frau und Herr Hauptmann ausgefahren. Ich nannte irgendeinen Namen, meine Karte hatte ich vergessen; ob ich das Kind nicht einen Augenblick sehen könne.

Und dann stand ich vor dem Bettchen der Kleinen. Sie schlief. Ein schmerzlicher Augenblick war's.

Von Rechts wegen gehörtest du mir, sagte ich. Etwas in mir zitterte. Ich stand und kam mir vor wie eine Norne, die dem Kinde Glück und Unglück bringen konnte. Ich mochte einen Augenblick einen bösen Blick haben. Das kleine Mädchen verzog schmerzlich das Gesicht wie zum Weinen! Da verbannte ich weit weg jeden Gedanken der Rache, freundlich mild ruhte mein Blick auf der Kleinen; ich erhob die Hand und murmelte einen Segen.

Dann schritt ich auf den Zehen aus dem Gemach, und schleunigst entfernte ich mich.

Mag mein Segen Kraft haben.

*

 

Aber nun fällt mir alles wieder aufs Herz, was ich Süßes und Schmerzliches mit Erich erlebt habe ...

Und immer wieder kommt mir die Frage: Ob er mich wohl noch liebt? Sind diese Gedanken Sünde? Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, heißt das Gebot; für mich würde es heißen: Deiner Nächsten Mann. Aber begehre ich ihn?

Wenn ich glücklich bin in dem Gedanken, daß er mich vielleicht noch liebt, ist da Schuld dabei? Und soll's eine Schuld sein, er ist der Meineidige. Das heiligste Gelöbnis hat er gebrochen.

Meine Schuld ist die: daß ich ihn nicht hasse, daß ich nicht Abscheu empfinde bei dem Gedanken an ihn. Ich bringe es nicht fertig.

Wie oft muß ich an unsern Verlobungsmorgen auf Plessenberg denken und an den Rosenstock im Schloßgarten bei der hinteren Laube, wo er mich erwartete in der Frühe vor Sonnenaufgang. Da hat er mich geküßt auf den Mund, aber leise und ehrfurchtsvoll. Das sei nun unsere Verlobung, sagte er.

Es war der letzte Tag seines Urlaubs, zwei Stunden später reiste er mit Walter ab.

Niemand weiß um jenen Kuß. Bernhard oder Walter hätten Erich vor die Pistole gefordert. Aber wie es mit mir stand, das hatten die Brüder doch gemerkt und hatten Erich gebeten, seine Besuche bei uns zu unterlassen, wenn er nicht ernstliche Absichten habe.

Er ist nie wiedergekommen.

Einmal wollte ich mich gegen Bernhard vertrauensvoll auslassen; er schnitt mir das Wort vom Munde ab. Das sei nun einmal so. Einem armen Offizier seien die Hände gebunden. Er brauche Kaution, brauche Zuschuß. Er könne nicht heiraten, wen er wolle. Ein Prinz könne es auch nicht.

Das ist ja wohl so, darüber kann man nicht hinaus. Aber daß Erich Hesse eine Seifensiederstochter heiraten werde, hielt ich für undenkbar. Schwer Geld mußte sie haben. Seine Wohnung ist mit einem Luxus ausgestattet ... in etwas protzigem Geschmack allerdings ...

Heute fühle ich wohl, daß ich die Dumme war. Er hat mich gewiß heimlich noch ausgelacht.

Bernhard hätte eben in der ganzen Angelegenheit ein schärferes Auge auf seinen Kameraden haben müssen. Und auch auf mich. Er hat als Majoratsherr und Oberhaupt der Familie Pflichten, die er nach meiner Ansicht allzu leicht nimmt.

Er müßte alles tun, um seine Schwester standesgemäß zu verheiraten. Und er tut rein nichts.

Er hätte auch die Pflicht, selber zu heiraten, und zwar eine reiche Frau zu heiraten. Noch mehr als einem Offizier ist diese Pflicht ihm nahegelegt. Er hat das Gut übernommen; er hat es der Familie zu erhalten. Er ist in diesem Sinne kein Privatmann, der tun kann, was er will. Ein Prinz kann es auch nicht ...

Sein fahriges Junggesellentum ist ein Verbrechen gegen die Familie.

*

 

Mai?

Wahrlich, es geht abwärts mit uns. Nun schreibt auch Walter, daß, wie die Sachen stehen, Plessenberg schwerlich zu halten sein wird; man müsse jetzt sein ganzes Augenmerk darauf richten, so viel als möglich herauszuschlagen.

Sind das Männer. Und ich, die einzige in der Familie, die Unternehmungsgeist hat und Energie, ich mußte ein Mädchen werden.

Es war schon nicht recht von Walter, und ich habe es nie gebilligt, daß er den Soldatenrock an den Nagel hing, um Maler zu werden. Darf so was ein Plessenberg tun? Bernhard hatte noch das Gut zur Entschuldigung. Aber Maler werden und in Paris auf dem Montmartre als Bohemien leben, wenn man im Heer seines Königs ein Anrecht auf die obersten Stellen hat. Was würde jener Botho von Plessenberg dazu gesagt haben, der als Hochmeister der Deutschherren im Jahre 1411 die Marienburg mit glänzendem Erfolg gegen den Polenkönig Wladislaw Jagello verteidigte, oder gar der treue Diezmann, der Gründer des Geschlechts, der nach der Niederwerfung des Witprecht von Groitzsch mit seinem Markgrafen in den Kreuzzug gegen die Obotriten auszog zum Schutze des Christentums und Deutschtums und im Jahre 1147 bei Stargard den Heldentod starb.

Ein Maler. Jeder Schuster kann seinen Jungen Maler werden lassen. Der alte Professor, der Hildegard Unterricht gegeben hat, war ein Taglöhnerssohn. Der Vater Böcklins war Leineweber.

Mochte Hildegard Malerin werden, gut; einem Mädchen mag das hingehen. Ein Mädchen hat keine höheren Aufgaben und Fähigkeiten. Ein Mädchen ist ausgeschlossen von kühnen Taten und Unternehmungen. Dafür kann die Kunst ihm Ersatz bieten. Auch gedeiht die Kunst, das sehen wir täglich deutlicher, besser unter den zarten Händen der Frauen als unter den kräftigeren, aber auch gröberen der Männer.

Die Kunst selbst ist eine weibliche Sache, und die Zeit wird nicht fern sein, wo ein rechter Mann es für weibisch halten wird, sich mit der Kunst abzugeben. Die Männer werden dann freiwillig dieses ganze zarte Gebiet uns Frauen überlassen, und gewiß nicht zum Nachteil der Kunst. Da wissen dann wir Frauen doch, wo hinaus. Ehemals hat man uns ins Kloster gesteckt; in Zukunft werden wir in die Kunst gesteckt werden. Und so ist es recht. Die Töchter für den Dienst der Musen – diese hehren Göttinnen wollen weibliche Priesterinnen – die Söhne für den Krieg, für den Kampf, für jeden Kampf, für jede Stelle, wo ein ganzer Mann erforderlich ist. Ein Landwirt steht ganz anders in der Hitze des Kampfes, als ein Offizier in Friedenszeiten. Aber der Landwirt muß dann auch wirklich kämpfen. Nicht die Hände in die Hosentaschen stecken wie unser Bernhard. Ein solcher, wenn er den Dienst des Königs verlassen hat, ist zweimal ein schlechter Soldat.

So, da steht es geschrieben.

Zwar, ich weiß recht gut, was Bernhard entschuldigt. In ihm steckt auch ein Künstler. Er steckt in jedem von uns. Aber daß wir uns darauf nur nichts einbilden. Der Künstler in uns ist es, der unsere Widerstandskraft erstickt, der uns unfähig macht zum Kampf. Unser Geschlecht wird daran zugrunde gehen.

Leider sieht es so aus. Höchstens habe ich noch einige Hoffnung auf den lieben Jungen, den Botho. Der ist ein strammer Leutnant, der wird das Beispiel seiner Brüder nicht nachahmen. Der soll, hoffe ich, seinem Namen Ehre machen. Seinem und unserm Namen.

*

 

St. Walpurgis.

Was ich gestern über die Kunst niedergeschrieben habe, könnte leicht mißverstanden werden; man könnte meinen, ich habe abfällig darüber reden wollen.

Nichts liegt mir ferner.

Ich wäre eine schlechte Künstlerin, wenn ich schlecht von der Kunst dächte.

Ich gedenke vielmehr, Großes in der Kunst zu vollbringen. Und ich denke davon so wenig schlecht, als ich schlecht vom Weibe denke, wenn ich auch weit entfernt bin, von den stupiden Gleichheitsideen der modernen Frauenbewegung.

Nicht die Arena des Kampfes, des Kampfes um die Macht, – sie wird immer die ausschließliche Domäne der Männer bleiben – die Kapellen der Andacht allein reklamiere ich für die Frauen. Und dazu gehört die Kunst. Gehört vor allem die Dichtung. Bei mehreren alten Völkern waren die Dichter Frauen.

Es kommt nur darauf an, daß wir einmal ein großes Beispiel aufstellen. Wir haben schon Annette von Droste-Hülshof. Und siehe, die vornehmste deutsche Dichterin war zugleich von vornehmem Stand; das ist ein Fingerzeig. Ihr Talent beschränkte sich freilich auf die Lyrik, das leichteste Gebiet der Dichtung. Was uns nottut, ist eine tragische Künstlerin.

Denn am entschiedensten wird der Frau die Befähigung zur Tragödie abgestritten.

Wir brauchen ein großes Beispiel.

Und wenn ich nun denke, daß ich vielleicht berufen bin ... Nein, ich denke wahrlich nicht gering von der Kunst.

Die Hildegard freilich lächelt boshaft, wenn ich solche Gedanken ausspreche; sie glaubt nicht an mich. Glaubt sie überhaupt an etwas? Ihr Element ist Hohn und Spott. Sie gehört zu den verneinenden Geistern. Gescheiter ist sie ja wie ich. Aber zur Künstlerin im höheren Sinn des Wortes hat sie gewiß nicht das Zeug. Zur geschickten Handwerkerin vielleicht. Geld wird sie sicher einmal verdienen.

*

 

Pfingstsonntag.

Heute Botho zum Mittag essen bei uns. Wie ich ihn gern habe, den herzigen Jungen. Und wie ihm die Jägeruniform auf dem Leib sitzt. Der, glaub' ich, ist ein geborener Soldat; er wird seine älteren Brüder noch beschämen.

Er hat seit dem letzten Hofball einen Schwarm. Und niemand Geringeres ist es als die Tochter des kommandierenden Generals. Ihre Mutter ist eine italienische Fürstin, Ottilie heißt sie, wie ich. Wenn das ein Omen wäre!

*

 

Montag.

Am fünften Akt meiner »Judith« gearbeitet bis Mitternacht – bis mir schwindlich wurde; so war mir das Blut zu Kopf gestiegen. Dann ins Bett, aber keine Möglichkeit des Schlafs. Derselbe Zustand, wie schon oft nach der Arbeit. Eine unglaubliche Aufregung und Unruhe – und ein nicht Loskommenkönnen von gewissen Gedanken und Phantasien.

Früher habe ich so was manchmal in Heiligenlegenden gelesen, da kannte ich es noch nicht selber. Jene Heiligen klagten sich dann großer Sünden an. Aber man kann doch nichts dafür. Man tut doch nichts dazu.

Kämpfen muß man freilich dagegen. Aber, wenn es dennoch nichts nützt?

Ich bin endlich aufgesprungen, habe Licht gemacht und nach der Bibel gegriffen.

Und seltsam, ich schlug aufs Geratewohl auf und stieß im ersten Korintherbriefe im siebenten Kapitel auf den Vers: Besser freien, denn ... Wie Luther das brutal übersetzt. Ich konnte es nicht über mich bringen, das Wort hierher zu schreiben, obwohl es ein Wort ist aus der Heiligen Schrift. Von sich selber sagt es Paulus, d. h. er läßt es durchblicken, daß er unangefochten in Keuschheit und Enthaltsamkeit gelebt. Aber er muß das andere doch auch gekannt haben; wie hätte er sonst wissen können, was für ein böser Zustand es ist.

Besser freien, denn ...

Aber kann ein armes Mädchen nur so freien? Das liegt doch gar nicht an ihm.

*

 

Dienstag.

Ich habe gestern zuletzt ein kaltes Bad genommen, dann bin ich eingeschlafen. So werde ich es jetzt immer halten.

Dabei eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Ich bilde mir manchmal ein, fromm zu sein – nein, das ist zu wenig gesagt – ich bin wirklich davon überzeugt. Beten ist mir eine höchste Lust. Auch gestern in meiner Unruhe und Herzensangst habe ich gebetet. Es war nur umsonst. Aber nach dem Bad, als ich mich unvermutet im großen Spiegel sah, da bin ich in Verwunderung erschrocken vor meiner eigenen Schönheit. Ich hatte gar nicht gewußt, daß mein Körper so schön sei. Ich habe mich da sozusagen selber entdeckt. Und mit hohem Stolz hat mich der Anblick erfüllt. Und – das muß ich unterstreichen, der Stolz gab mir Kraft; der Stolz hat mich stark gemacht. Er hat mehr vermocht als das Gebet.

Wie rätselhaft!

*

 

In den Zeitungen heute das Telegramm des Kaisers an den Präsidenten Krüger. Endlich einmal eine wahrhaft deutsche, eine wahrhaft christliche Tat. Davor fällt vieles ab, was wir seit lange gegen »Ihn« auf dem Herzen hatten. Sogar seine ewigen Verbeugungen vor Katholizismus und Papsttum kann ich ihm heute verzeihen.

*

 

18. Juni.

Aber das ist ja eine skandalöse Geschichte. Durch einen Zufall bin ich dahinter gekommen: Bernhard hat eine heimliche Frau – oder wie man das nennt – und eine Tochter von fünf Jahren.

Dieser Heimtücker.

Nun ist's klar, warum er zu keiner anständigen Heirat kommt.

Er wird's natürlich wieder Feingefühl nennen, das ist sein drittes Wort.

Ein feines Gefühl wär's, wenn er fühlte, was er der Familie schuldig ist. Wenn er wirklich Feingefühl hätte, müßte er das begreifen: Wer ein altgegründetes Haus in Ansehen und Macht erhalten will – und erhalten müßte, schon aus Pflichtbewußtsein gegen die Angehörigen der Familie – für den darf Heirat und Ehe nicht von Liebe und Laune abhängen, das muß er dem Volke überlassen; sondern er muß die Ehe begreifen als einen der wichtigsten Faktoren der Familienpolitik, wo die Sentimentalität nichts und die weitsichtige Vernunft alles zu entscheiden hat.

Es gibt wirklich verschiedene Morale für verschiedene Aufgaben.

Er kann nur andern predigen. Als ich mich entschlossen habe, Schriftstellerin zu werden, hat er mir auch eine Moralpauke gehalten. Sie war eigentlich in hohem Grad beleidigend.

Er gäbe seine Erlaubnis zu meinem Entschluß, hat er gesagt, – wie großmütig; aber mit moderner Moralauffassung, wie man sie jetzt bei Schriftstellerinnen so häufig antreffe, soll ich ihm ja nicht kommen, jedenfalls nicht in der Praxis. Er würde mich ausstoßen aus der Familie, und nie mehr wieder dürfte ich ihm unter die Augen treten.

Na, ich habe ihm heute auch ein Wörtlein gesagt. »Ich bin keine Emanzipierte,« habe ich ihm erklärt; »aber als Künstlerin bin ich eine freie Person und nicht abhängig von dir. Und seitdem ich weiß, was du dir erlaubst – zum großen Nachteil der Familie – spreche ich dir das Recht ab, mein Richter sein zu wollen. Was mir auch einmal passieren sollte, du kannst mich verleugnen – meinet wegen, aber nicht ein Wort des Vorwurfs werde ich von dir annehmen.«

Ich war im Innersten empört. Ich weinte zuletzt vor Wut.

So traf mich Mama und wollte wissen, was es gebe. Ich sagte ihr alles. Sie war aber von allem unterrichtet.

»Und du billigst das,« rief ich aus, indem mir aufs neue die Zornestränen über die Wangen rollten. Und dann sprach ich zu Mama, wie ich vorher zu Bernhard gesprochen hatte: daß ich mir von nun an alle Bevormundung verbäte und nicht gesonnen sei, mir in meinem Betragen Vorschriften machen zu lassen. Ich würde für nichts stehen. Auch fürs Ärgste nicht. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig.

Mama war ganz klein geworden. Ich las eine ungeheure Angst in ihren Augen. »Du wirst doch deiner alten Mutter keine Schande antun wollen,« stotterte sie.

Da übermannte mich das Mitleid. Ich fiel ihr um den Hals: »Es fällt mir ja gar nicht ein,« sagte ich lachend; »ich glaube ja kein Wort von dem, was ich sage, dafür kennst du doch deine Tochter.«

Sie umarmte und küßte mich in dankbarer Rührung.

*

 

19. Juni.

Dieser Graf Zobel kommt in letzter Zeit etwas häufig ins Haus. Er hat gegen mich ein eigentümliches Betragen, besonders, wenn wir einen Augenblick allein sind. Es scheint fast, als ob er irgendwelche Absichten hätte. Ob's aber ehrliche sind – ich meine Heiratsabsichten ... Ein ritterlicher Charakter ist er jedoch ohne Zweifel. Er sollte freilich nicht solch ein Bäuchlein schon haben. Sein Kahlkopf ginge noch ...

Er ist mit Bernhard zusammen ins Kadettenhaus eingetreten und ist nun bereits Major. Das könnte Bernhard auch sein ...

*

 

20. Juni.

Mit Mama heute noch einmal eine ernste Auseinandersetzung wegen Bernhard.

Mama sagte folgendes: »Liebe Ottilie, du bist in einem argen Irrtum. Du willst keine Emanzipierte sein, du sagst immer, wie unsympathisch dir die moderne Frauenbewegung sei. Aber du scheinst doch in bedenklicher Weise ihre Anschauungen zu teilen, ohne dir's bewußt zu werden. Glaub' deiner alten Mutter, sowohl die Religion wie die Vernunft haben von jeher das Weib unter eine andere Geschlechtsmoral gestellt als den Mann, haben dieselbe Handlung anders beurteilt, wenn sie vom Weib, als wenn sie vom Mann begangen wurde, schon weil die Konsequenzen andere sind. Was die Modernen behaupten: daß Mann und Weib gleich sei, – diese Frage ist zugleich irreligiös und irrationell. Es ist die kurzsichtigste Irrlehre, die man je zu verbreiten gesucht hat. Das sagt dir in feierlicher Stunde deine eigene alte Mutter. Und sie hat sich's wohl überlegt, ehe sie so zu dir sprach.«

Sollte Mama recht haben? Ich werde ernstlich darüber nachdenken.

*

 

?

Also dennoch Krieg. Die armen Buren. Und diese Engländer wollen eine christliche Nation sein – sogar die christlichste, wenn man sie hört; vielleicht sogar die einzige wahrhaft christliche ... Wenn der Patriotismus solche Früchte trägt, darf man ihn da überhaupt eine Tugend nennen im christlichen Sinn des Wortes?

*

 

(D. fehlt.)

Ein Brief von Walter. Er will nach München übersiedeln. In vierzehn Tagen schon will er von Paris abreisen.

Mir soll's lieb sein. Das gibt mir Aussicht, einmal länger in München zu wohnen. Und wirklich, darauf könnte ich mich freuen. Eine vornehme Stadt soll ja München nicht sein, vielmehr soll das Leben dort einen recht plebejischen Stil haben. Aber Künstlerluft ist dort und Freiheit: Ich sage Freiheit, man braucht die Freiheit ja aber nicht zu mißbrauchen, und Dresden mit seinem steifen dummen Ton in der besseren Gesellschaft wird mir auf die Länge tötlich.

In München wäre ich eine unabhängige Fremde, nur Künstlerin, und könnte mir einen Verkehr auswählen, wie er mir paßte. Hier bin ich zwischen die Menschen der Konvention eingepfercht, bin wie ein armer Fisch, der in einem Netz hängt; er möchte untertauchen in sein Element, aber grausame Fäden halten ihn gefangen, daß er verschmachten muß.

Von München träume ich schon lange. Ich würde die Baronin Rödern aufsuchen, die früher mit Hildegard befreundet war. Das arme Ding scheint von der Familie ganz verstoßen zu sein. Was da nur vorgekommen sein mag? Ich würde aber doch zu ihr gehen, vielleicht heimlich, ohne Walter etwas davon zu sagen, ein Künstler darf keine Vorurteile haben.

Hebamme soll die Baronin sein. Eigentlich ein schrecklicher Gedanke. Bernhard hat ihre Brüder gekannt. Die trieben es hoch. Der eine war Rittmeister bei den siebenten Dragonern; er soll lange die Mariette Seuber vom Ballett unterhalten und ungeheure Summen an sie verschwendet haben.

Wir armen Mädchen werden ungerecht von unseren Familien behandelt.

Baronin und Hebamme. Wie entsetzlich. Da darf ich Gott danken, daß ich Talent habe. Nur die Kunst kann uns Frauen bei dem Niedergang unserer Familien noch hochhalten, um so mehr müssen wir zeigen, daß wir ihrer würdig sind, indem wir unsererseits die Kunst in die Höhe bringen.

Ich bin wirklich ganz voll von dem Gedanken an München. Aber das hat noch gute Wege, und einstweilen winkt Plessenburg. Noch fünf Tage! Das wird ein Jubel sein. Wir wohnen hier in der Stadt doch elend eng.

*

 

Plessenberg, Petri und Pauli.

Erste Zeilen, die ich wieder in meinem achteckigen Turmzimmer schreibe. Was wird mir hier diesen Sommer über aus der Feder fließen? Werde ich meine »Judith« vollenden?

*

 

4. Juli.

Besuch im Dorf bei der Dräsecke. Sie hat vor zwei Tagen ein Kind geboren, das siebente, glaube ich, und klagt, daß sie schwach und elend sei. Ein Wunder ist's nicht. Das arme Weib darf sich wohl selten satt essen, und da hat ihre Schwangerschaft sie doppelt heruntergebracht.

Ein wenig sind die Leute selber schuld an ihrem Elend. Als sie noch beide bei Pachters auf dem Gut arbeiteten, brauchten sie nicht zu hungern; nun geht er zur Stadt in die Fabrik, weil er da höheren Lohn kriegt. Er bringt leider wenig davon nach Hause. Mehr als die Hälfte geht für Bier und Schnaps darauf.

Ich habe der Dräsecke gesagt, daß ich ihr für die nächsten drei Wochen alle andern Tag einen Topf Fleischsuppe und auch einen Brocken Fleisch darin schicken werde. Sie schien gar nicht einmal sehr entzückt davon. Wenn ich ihr ein paar Pfund Zucker und Kaffee versprochen hätte, wär's ihr wohl viel lieber gewesen. Die Leute sind so an ihre ewige schlechte Kaffeebrühe, vielmehr Zichorienbrühe gewohnt, daß sie eine ordentliche Nahrung gar nicht mehr zu schätzen wissen.

Von den Kindern waren die vier Jüngsten in der Stube. Sie sahen furchtbar verwahrlost aus. Es hatte sich, scheint's, seit drei Tagen kein Mensch mehr um sie gekümmert. Ich habe sie gewaschen und ein bißchen hergerichtet. Das älteste habe ich fortgeschickt, ein Brot beim Bäcker zu holen. Sie sind mehr als gierig darüber hergefallen.

Ich habe mich gewundert, wie ich's in der schlechten Luft der niederen Stube so lang ausgehalten habe.

Als ich zurückkam, fing Bernhard wieder sein altes Lied an: Ich sollte Johanniterin werden, das wäre eine vornehme, standesmäßige Versorgung; Schriftstellerin dagegen, das sei nicht viel besser als Abenteuerin. Und so ganz sicher könnte ich ja doch nicht sein, Talent zu haben.

Ich habe ihm kein Wort erwidert, habe ihn stehen lassen und bin auf mein Turmverlies heraufgestiegen.

Hier hat mich zuerst ein krampfhaftes Weinen überfallen. Nach und nach bin ich ruhiger geworden. Ich bin ja im Grund selber schuld, daß er mich immer wieder quält. Wenn ich ihm seinerzeit die Wahrheit gesagt hätte, ließe er mich längst in Ruhe.

Nun meint er immer noch, ich habe aus reiner Laune meinen Posten im Kaiserin-Augusta-Hospital verlassen, einfach, weil ich der Sache überdrüssig geworden war. Er weiß nicht, daß ich eigentlich weggeschickt worden bin.

Es hätte mich damals gedemütigt, die Wahrheit zu sagen. Gelogen habe ich ja nicht. Man hat mir bei meinem Abgang ein gutes Zeugnis geschrieben, und ich brauchte mich nicht selber schlecht zu machen. Sollte ich erzählen, daß man mich zuerst in der Männerabteilung für unbrauchbar erklärte mit der Begründung, daß mein Umgang mit den Kranken (wie der Ausdruck der Oberin lautete), zu wenig sachlich sei, daß ich zu viel Persönliches in den Verkehr hineinlegte, oder, wie sagte sie gleich? – daß ich mein persönliches Fühlen zu sehr in den Dienst mische, ja, daß mein Betragen manchmal an Taktlosigkeit streife ... Und später in der Kleinkinderabteilung: daß ich oft zerstreut sei, daß man sich nicht absolut auf mich verlassen könne ...

Ich war damals innerlich beschämt. Denn das alles waren doch sehr bedenkliche Zurechtweisungen, und ich hätte mit niemand davon sprechen mögen, am wenigsten mit meinem Bruder Bernhard.

Heute bin ich darüber hinaus. Seitdem ich mich überzeugt habe, daß ich zur Künstlerin geboren, können mich jene Rügen nicht mehr anfechten. Eine Dichterin soll keine Krankenwärterin sein. Was in dem einen Dienst ein Fehler ist, kann in dem andern Beruf eine Tugend und Tüchtigkeit sein.

*

 

5. Juli.

Walter ist in München. Sein Freund Wehrmüller ist auch mit übergesiedelt. In der Nymphenburgerstraße, Haus an Haus, haben sie ihre Ateliers gemietet.

Walter schreibt ganz entzückt von der Schönheit Münchens. Man dürfe aber dabei nicht an Dresdener Nettigkeit und Sauberkeit denken, überhaupt nicht an das, was der Bürger schön nennt, oder gar, was seine Frau als reizend bezeichnet! Aber so weite großartige Perspektiven wie in München werde man nicht leicht in einer andern deutschen Stadt antreffen.

*

 

8. Juli.

Auf Bernhard bin ich immer noch bös. Am meisten hat es mich gewurmt, daß er mein Talent in Zweifel gezogen hat.

Er hat es auch nur getan, weil er mich mit aller Gewalt zur Krankenwärterin machen möchte. Aber wenn ich mich auch nicht als Künstlerin fühlte, würde ich in diesem Beruf doch keine Befriedigung finden. Ich würde unglücklich werden. Ich bin selber viel zu gesund, um mein Leben lang Kranke zu pflegen. Lasset die Toten ihre Toten begraben, hat der Herr gesagt; das Wort kann man auch auf die Krankenpflege anwenden.

Nein, ich fühle einen zu heißen Lebensdrang in mir, um mich in einem Spital lebendig zu begraben. Ein fürchterlicher Durst nach Leben schreit in mir. Als ich jünger war, wurde ich das gar nicht so inne.

O, wenn doch Walter mich in München haben wollte ...

In die gute Gesellschaft, wie sie in Dresden beschaffen ist, passe ich ganz und gar nicht. Da müßte ich notwendig versauern. Ich bin da die Überlegene – das fühle ich doch – und immer ziehe ich mir Beschämungen zu. Die andern sind natürlich vollkommen – weil sie gezirkelt sind. Ich bin eine künstlerische Freihandzeichnung.

Mir fällt da just eine Kindergeschichte ein, die charakteristisch ist. Ich war in den Ferien bei den Gräflichen von S... zu Besuch, die Töchter waren Pensionatsfreundinnen. Eines Tages, die Veranlassung weiß ich selber nicht mehr, geraten wir zusammen in Streit, die Komtesse Zoe und ich; es war im Park, die Gräfin kam zufällig dazu und machte uns ernste Vorhalte. »Ach, ruf ich aus, was ist da viel daran: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich ...« Aber fast blieb mir meine wunderbare Sentenz im Halse stecken, ein solch furchtbares Gesicht machte die Gräfin. Sie hat kein Wort mehr mit mir gesprochen und dafür gesorgt, daß meine Abreise auf den nächsten Tag anberaumt wurde.

Und ich hatte doch nur geschwatzt als unbedachtes unschuldiges Kind, und hatte gedankenlos, ob sie nun passen mochte oder nicht, eine Redensart angebracht, wie ich sie eben irgendwo aufgeschnappt hatte. Die Bedeutung der Wörter war mir ja gar nicht klar.

Aber man hielt sich an die starken Ausdrücke und fand es entsetzlich, daß ich eine Komtesse Pack genannt hatte.

Der Fall ist typisch; er hat sich seither, mit unendlicher Variation, hundertmal wiederholt.

*

 

10. Juli.

Als ich heute einige Szenen in der »Judith« durchlas, stieß ich auf den Ausdruck: »Die ganzen Einwohner.« Es sollte natürlich heißen: »Alle Einwohner.« Ich bin ordentlich rot geworden über diesen – sagen wir Sachsonismus.

Doch muß ich mir das Zeugnis geben, daß mir selten so was aus der Feder fließt. In der Umgangssprache ertappe ich mich schon öfter darauf, aber da liegt mir weniger daran.

*

 

11. Juli.

Heute, Sonntag, mit der ganzen Familie in der Schloßkapelle zum Abendmahl gegangen. Nachher in der Bibel gelesen. Dabei bin ich, wieder im ersten Korintherbrief, auf den Vers gestoßen: »Das Weib ist seines Leibes nicht mächtig, sondern der Mann.« Was für ein Buch der Weisheit ist doch die Bibel! Gewisse Schlaflosigkeiten fielen mir ein, woran ich in letzter Zeit wieder öfter litt.

*

 

13. Juli.

Aufregender Brief aus München. Walter scheint es, trägt sich mit Heiratsgedanken. Er spricht noch etwas dunkel von seinen Absichten. Doch so viel scheint mir deutlich aus seinem Schreiben hervorzugehen: daß »sie« keine von unserem Stande ist. Meinetwegen. Wenn er eine Zigeunerehe haben will ... er ist einmal Maler.

Aber Mama und Bernhard sind sehr beunruhigt über die einstweilen andeutungsweise in Aussicht gestellte Schwiegertochter und Schwägerin. Bernhard hat's freilich nötig, mit seiner – – – sie soll früher Ladnerin gewesen sein. Bernhard hat ihr ein kleines Weißzeuggeschäft eingerichtet. Ich möchte die Person einmal sehen. Sie wird doch wenigstens hübsch sein. Und ihre Tochter ... Die hätte ja das Recht, Tante zu mir zu sagen.

Sind das närrische Sachen. – – –

*

 

16. Juli.

Hebbels »Judith« scheint mir immer mißlungener, je mehr ich darüber nachdenke. Der eine Hauptfehler liegt darin, daß er das einfache klare Motiv zur Tat, d. h. den Entschluß der Heldin, unnötig in einen mystischen Nebel eingehüllt hat. Und der zweite: daß er es für nötig gefunden, die Heldin ihres reinen Jungfrauencharakters wenigstens halbwegs zu berauben. Wie konnte er nur die geheimnisvolle Symbolik verkennen, die diesem Stand innewohnt in der Poesie und Religion aller Völker, diese Symbolik des Priestertums, der Gottgeweihtheit, auch des heiligen Opfers selber, des Opferlamms.

Die tiefste Mystik aller Religionen, die im Stoff lag, hat Hebbel verkannt und dafür eine eigene hineingetragen – er, der nüchterne nordische Protestant.

*

 

17. Juli.

Hedwig von Wimmern war acht Tage zu Besuch hier; sie hat mich wieder an all unsere Mädchenstreiche erinnert, und wir mußten oft lachen über die Harmlosigkeit unserer Unternehmungen, die uns seinerzeit wahre Großtaten schienen.

Wie unschuldig war doch auch jene Badegeschichte, die wir mit furchtbar bösem Gewissen ins Werk setzten. Ich weiß nicht, wie wir auf den Gedanken kamen, aber wir faßten eines Tages den Entschluß, einmal gemeinschaftlich in demselben Kabinett zu baden. Wir hatten damals zusammen Zeichenunterricht bei dem alten Oeser und nach der Stunde begaben wir uns schnurstracks nach dem Sophienbad und verlangten eine Doppelkabine. Wir müssen recht verlegene Gesichter gemacht haben, denn ich sehe noch heute die Badefrau vor mir, die uns eigentümlich schmunzelnd zulächelte, was mich noch mehr in Verlegenheit brachte. Auch klopfte mir das Herz hörbar, als wir zusammen in die Kabine traten, und das erste, was ich tat, war, daß ich den Vorhang zwischen den beiden Bassins zuzog. So voneinander getrennt, fingen wir an, uns auszukleiden. Wir waren dabei mäuschenstill; es muß uns beiden gar nicht wohl bei der Sache gewesen sein.

Erst im Wasser gewannen wir wieder einigen Mut und machten ein lautes Geplätscher, worüber wir gegenseitig lachen mußten. Da war das Eis gebrochen und wir strampelten immer toller. Die Hedwig rief mir zu, ich sollte doch einmal zu ihr hinüberkommen; ich wagte es nicht. Es sei ja nichts daran, ich solle doch kommen! »So komm du,« rief ich zurück. Sie wollte aber auch nicht.

Wir verließen endlich das Wasser und kleideten uns an. Darnach fanden wir, daß wir uns einfältig benommen hatten.

Aber so waren wir erzogen, so tief war uns die Schamhaftigkeit eingepflanzt.

Erst vor kurzem habe ich zum erstenmal meinen eigenen Körper angeschaut. Und gewiß, es ist etwas Schönes und Heiliges um das Schamgefühl. Aber was bedeutet eigentlich die Scham? Kleine und halbwüchsige Kinder schämen sich noch nicht.

Ist die Scham eine Waffe? Ist sie ein christliches Sünden- und Schuldgefühl?

Warum schämten wir Backfische uns damals voreinander? War vielleicht doch etwas in unsern Gedanken, nur nicht klar bewußt, etwas, worin für unser dunkles Gefühl, fast möchte ich sagen, für unsern christlichen Instinkt, etwas Sündhaftes lag?

In Wahrheit ist diese Art, sich zu schämen, doch das gerade Gegenteil von absoluter Unschuld, ich könnte auch sagen, von reiner Naivität. Christlich ist sie wohl. Schiller würde sagen: sentimentalisch. Und einen großen Nachteil hat sie sicher: der naiven Kunstbetrachtung und der naiven Kunstausübung ist sie hinderlich.

Ich merke das manchmal, während ich an meiner »Judith« schreibe.

*

 

18. Juli.

Der fünfte Akt der »Judith« macht mir fürchterlich zu schaffen.

Wer hat aber auch in unserer Zeit einen guten fünften Akt gemacht? Bei Hauptmann sind die fünften Akte fast alle zusammen erbärmlich.

Manchmal kommen mir Zweifel, ob die Geschichte der »Judith« sich überhaupt zur Tragödie eigne; ob sie zu diesem Zweck nicht vollständig umgemodelt werden müsse. Zum Beispiel so: Indem die Judith den Holofernes kennen lernt, verliebt sie sich in ihn, kann es nicht über sich bringen, ihn zu töten, und während sie miteinander die Brautnacht feiern, überrumpeln die Männer von Bethulien das Lager; Holofernes fällt im Gewühl, Judith wird in die Stadt zurückgebracht und gesteinigt.

Aber diese Motivierung wäre vielleicht zu modern empfunden. Zu sentimentalisch, wie Schiller sagen würde.

*

 

23. Juli.

Walter hat wieder geschrieben. Er wird diesmal deutlicher. Er scheint fest entschlossen zu sein, das Mädchen zu heiraten. Er hat sie schon vor zwei Jahren in Paris gekannt. Sie sei dort Gesellschafterin bei einer deutschen Dame gewesen.

Wahrscheinlich ist Walter nur ihretwegen nach München gegangen.

Franziska heißt sie. Sie sei eine Waise, stamme übrigens aus einem großen Bauernhof aus dem Schwarzwald. Mit diesem Herkommen könnte ich mich versöhnen. Die Großbauern auf dem Schwarzwald waren immer freie Leute. Sie sind eine Art Bauernadel, Rittergutsbesitzer im kleinen.

*

 

28. Juli.

Wegen meiner Variationen von letzthin über die Judith muß ich heut lachen. Ich hatte meinen Gedanken, die Judith sich in den Holofernes verlieben zu lassen, für Wunder wie originell gehalten; nun fällt mir ein, daß das ja eine Schillersche Idee ist: siehe Jungfrau von Orleans.

*

 

29. Juli.

Heut, langer einsamer Gang durch die Felder. Soweit das Auge reichte, goldene Weizenflur. Darüber blauer Himmel; eine einzige große leuchtend weiße Wolke. O Sommerschönheit, wie du das Herz mit Jubel und Entzücken füllst.

In acht Tagen wird die Ernte beginnen.

Muß es schön sein, als ein wohlhabender, unabhängiger Landwirt sein Gut zu bewirtschaften. Einem solchen Manne möchte ich am liebsten Gehilfin werden. Jeder Tag wäre dann mit reicher Tätigkeit ausgefüllt. Man wäre unentbehrlich an seinem Platz und hielte sich unentbehrlich für die Welt. Das gäbe Selbstgefühl; künstlerische Beschäftigung ist dagegen nur eine feine Art Müßiggang.

Und wenn man gar zweifeln müßte an seinem Talent.

*

 

30. Juli.

Mit Mama heut bei der Pächtersfrau vorgesprochen. War das Weib widerwärtig süßlich. Von der früheren demütigen Ergebenheit keine Spur mehr. Nun ist alles geheuchelte Kriecherei. Ja, ja, die haben ihre Schäfchen, wie man sagt, im Trockenen; geschoren haben sie das unsrige.

*

 

30. Juli. Spät abends.

Lese seit einigen Tagen ein kurioses Buch: Liebesleben in der Natur, von Wilhelm Bölsche. Manches, z. B. was er von Schnecken berichtet, habe ich schon als Kind beobachtet, natürlich, ohne zu verstehen. Damals konnte ich oft im Frühling stundenlang am hinteren Wallgraben sitzen und dem Treiben des Getiers zusehen. Als ganz kleines Mädchen habe ich meine Beobachtungen zu Märchen umgedichtet. Später, als ich dann manches zu begreifen anfing, empfand ich öfter etwas wie Ekel; besonders bei den Fröschen. Der Anblick erweckte in mir ein eigentümliches Gruseln. Mir dämmerte die Ahnung, daß die Tiere schamlos sind.

Sie haben eben nicht vom Baume der Erkenntnis gegessen, d. h., sie sind eingehüllt in das deckende Gewand der Unbewußtheit, Innocentia. Unschuld sagt zu viel und auch wieder zu wenig.

Bölsche schildert oft allzu eingehend gewisse Einzelheiten, die doch eigentlich nur in die Naturgeschichte gehören. Sein Buch aber ist gewiß nicht reine Naturgeschichte.

Ich möchte sagen, es ist ein schlechtes Buch. Es ist sentimental, wo die Sentimentalität am wenigsten am Platze ist. Es trägt menschliche Gefühle bis in die unterste Tierwelt hinein. Überhaupt sind diese Naturforscher, oder Halbnaturforscher, unbegreifliche Leute: sie machen zuerst den Menschen zum Tier und dann das Tier zum Menschen.

*

 

2. August.

Heureka, ich hab's. Auf einem Gang den Wiesenpfad hinauf, an den alten Weiden vorüber, fand ich ihn, den lang gesuchten goldenen Schlüssel – in hohlen Weidenbäumen sollen Elstern manchmal gestohlene goldene Gegenstände versteckt haben – fand ich den Schlüssel zum fünften Akt meiner »Judith«. Ich kam gerade an Hildegard vorüber, die unter einer der Weiden saß und Kühestudien malte, und ich habe sie leidenschaftlich umhalst und geküßt. Sie fragte mich, ob ich verrückt geworden, oder was denn los sei. Ich hielt den Finger an die Lippen. »Geheimnis,« sagte ich, »aber bald sollst du alles erfahren.«

So erfahre ich vielleicht, daß der kreißende Berg eine Maus geboren hat, sagte sie mit ihrem bekannten Nasenrümpfen. Ich werde gewiß nicht mehr expansiv gegen sie sein.

*

 

Freitag.

Botho wird morgen kommen; er hat vierzehn Tage Urlaub. Das erstemal, daß ich mich auf den goldenen Jungen nicht wahnsinnig freue; er hätte seinen Urlaub noch aufschieben können, bis meine »Judith« fertig war. Die Kunst sagt auch: Wer Vater und Mutter, wer Bruder und Schwester mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

*

 

Montag.

Botho ist seit drei Tagen hier, und wir schwärmen viel zusammen herum. Er ist von der ganzen Familie gegen mich am mitteilsamsten.

Er schwärmt mehr als je für seine Ottilie. Vor vierzehn Tagen war großes Gartenfest bei der Fürstin Schönburg; da hat sie ihm drei Tänze gewährt. Das mußte fast auffallen; mit seinem andern hat sie mehr als einmal getanzt.

Sie begegnen sich täglich zur bestimmten Stunde auf der Promenade; es ist keine ausgesprochene Verabredung dabei, und es ist doch Verabredung. Sie sei die Güte selber.

Wenn der arme Junge diese Eroberung machte!

*

 

4. August.

Heute das Manuskript der »Judith« an den Verleger abgeschickt!

*

 

Sonnabend.

Große Aufregung in der Familie. Walter schreibt, er möchte uns die Franziska auf eine Woche oder zwei schicken, daß wir sie kennen lernen. Mama soll umgehend antworten, ob es ihr recht ist.

Sie ist noch unentschlossen, und fast bestürzt ist sie über die Zumutung. »Das heiß ich einmal einem die Pistole auf die Brust setzen,« sagte sie.

Aber sie kann doch unmöglich ablehnen. Bernhard als Gutsbesitzer möchte wohl; aber er will doch auch Walter nicht verletzen.

Ich denke, Mama schickt morgen die Einladung.

*

 

6. August.

Bernhard heute für Graf Zeppelin geschwärmt, der im deutschen Freikorps bei den Buren sich rühmlich ausgezeichnet; so ist Bernhard. Er kann für Helden schwärmen; er selber aber bleibt ruhig hinter seinem Ofen.

*

 

9. August.

Antwort vom Verleger. Nicht sehr ermutigend. Sechshundert Mark soll ich bezahlen als Ersatz für die Kosten.

Das käme ja hundertmal herein, meinte er, wenn mein Drama aufgeführt werde. Aber ich verspreche mir wenig vom Theater. Eine Zeit, für die Hauptmann ein bedeutender Dramatiker ist, kann unmöglich Verständnis haben für die Tragödie großen Stils.

*

 

10. August.

Morgen kommt Franziska an. Ich bin wirklich ungeheuer begierig.

*

 

Himmelfahrt Mariä.

Um sieben Uhr heute früh ist Franziska wieder abgereist; ich habe sie an die Station begleitet, wo ich sie vor drei Wochen auch allein mit dem Wagen abgeholt hatte. Bernhard weigerte sich, ihr die Ehre anzutun. Man dürfe nicht gleich zu weit gehen, noch sei ja die Verlobung nicht fest.

Sie hat aber allgemein einen guten Eindruck gemacht; in den ersten Tagen war sie wohl etwas befangen, aber dann wurde ihr Betragen frei und sicher. Ich habe darauf bestanden, das Schlafzimmer mit ihr zu teilen, um sobald als möglich recht intim mit ihr zu werden. Wie soll man sonst jemand kennen lernen.

Freilich bin ich ordentlich erschrocken, als sie am ersten Abend vor dem Zubettgehen ihre Nachttoilette machte und ein schwarzseidenes Nachthemd anzog. Ich konnte ihr auch meine Verwunderung nicht verbergen. Das habe sie sich in Paris so angewöhnt, sagte sie. Mir schien das eine sehr merkwürdige Sitte, und ich wußte nicht recht, was ich davon halten sollte.

Auch habe ich sie am zweiten Abend überredet, daß sie sich meiner Wäsche bediente.

Schön ist sie; schlank, fast etwas mager, mit wunderbarem bläulich-schwarzem Haar. Sie scheint von rein keltischer Rasse; neben unserer sächsischen Blondheit nimmt sie sich wie eine Südländerin aus.

Ich kann begreifen, daß Walter wahnsinnig in sie verliebt ist.

Ich wurde es fast selber, und ich habe mir gleich vorgenommen, von Walters Partei zu sein, wenn sie ihm Schwierigkeiten machen sollten.

Aber es scheint nicht. Mama äußert sich etwas zurückhaltend, aber durchaus wohlwollend über sie.

*

 

Sonntag.

Also, dieser Schritt wäre getan; möge nun der Himmel über mein Schicksal entscheiden.

In dem Augenblick, wo München mit seinen tausend verlockenden Aussichten mir zum Greifen nahe gerückt ist und der Druck meiner »Judith« beginnt, die meinen dichterischen Ruhm begründen soll, habe ich, soviel an mir liegt, einen feierlichen Verzicht gelobt und habe für eine heilige Sache mich selber zum Opfer angeboten.

Bernhard sah mich ungläubig an, als ich ihm meinen Entschluß mitteilte. Ich las fast etwas wie Mitleid in seinem Blick, als ob er sogen wolle: Sie renommiert wieder einmal.

Aber er merkte bald, daß es mir ernst sei, und dann ist er doch fast ein wenig erschrocken. Er sagte zuletzt, daß er mir nie dazu geraten hätte, denn man brauche, wenn man sich eine Pflicht wähle, nicht gleich nach der schwersten zu greifen; wenn aber mein Entschluß nach reiflicher Überlegung feststehe, gebe er seine Einwilligung trotz schwerer Bedenken.

Sehr bestürzt war Mama; aber nachdem ich ihr in begeisterten Worten meine Gründe auseinandergesetzt, sprach sie mit vollkommener Fassung: »Ich habe es immer gewußt, daß du ein tapferes Mädchen und deines Vaters würdig bist. So möge Gott dich schützen und mir die Kraft geben, auch dieses Schwere mit christlicher Ergebung in seinen Willen zu tragen und immerdar aus seine Güte zu hoffen.«

Hildegard äußerte sich wieder sehr schnotterig. Sie meinte, es werde ja nicht grad zum äußersten kommen.

Sie irrt sich hoffentlich.

Ich habe meinen Brief an Dr. Leyds selber auf der Post einschreiben lassen; von der Antwort, die ich erhalte, hängt nun mein Schicksal für's nächste ab.

Wenn der Ruf kommt, mich soll er bereit finden.

*

 

Mittwoch.

So sehr war ich schon lange nicht mehr mit mir zufrieden als seit meinem Schreiben an Dr. Leyds; übrigens wundre ich mich hintennach, wie rasch ich mich entschlossen habe. Am Dienstag las ich den Aufruf des Komitees, und am Freitag ging mein Brief ab. Wenn alles klappt, kann ich mich noch vor Ende September einschiffen.

Zum Glück hab ich keine besondere Ausrüstung nötig; ich bin gut versehen.

Wenn nur die Antwort nicht allzulange auf sich warten läßt; ich lebe jetzt in fieberhafter Spannung. Die täglichen Zeitungsberichte über die geradezu unglaublichen Heldentaten der Buren regen mich in einer Weise auf, daß ich kaum die nötige Ruhe finde, ein paar Zeilen in mein Tagebuch einzutragen.

Die Wunder von Tapferkeit und Widerstandskraft womit die Buren im Augenblick die ganze Welt in Erstaunen setzen, sind der beste Beweis für die Heiligkeit ihrer Sache.

Das sagt auch Mama.

Nur Hildegard läßt nicht von ihrer Art; sie sehe da nichts von einer heiligen Sache: »Jedes Tierchen wehrt sich, wenn es ihm ans Leben geht, und so liegt der Fall bei den Buren. Tierinstinkt, Kampf ums Dasein.«

*

 

Donnerstag.

Bernhard – ich bin seit neuerer Zeit wieder stolz auf ihn – hat Hildegard gestern ordentlich die Meinung gesagt: »Was in Transvaal jetzt kämpft,« hat er uns erklärt, »sind nicht nur die Buren und die Engländer, sondern zwei Weltideen oder Weltanschauungen, zwei Ideal-Mächte: Das wahre Christentum auf der einen, und ein geheucheltes Christentum, das dem brutalsten Egoismus als Maske dienen muß, auf der andern Seite ...«

»Schlechter Stil,« hat Hildegard lachend ausgerufen; »eine Maske kämpft nicht.« –

»Man kann,« bin ich ihr ins Wort gefallen, »auch im schlechten Stil große Wahrheiten sagen.«

»Ja,« erwiderte sie, »aber das wahre Christentum kämpft auch nicht, das duldet, das macht sich einen Ruhm daraus, unterdrückt und mißhandelt zu werden.«

Sie kann manchmal gräßlich sein ...

Wär ich nur erst in Johannesburg!

*

 

28. August. Goethes Geburtstag.

Den ersten Druckbogen der »Judith« heut erhalten. Hätte ihn zu anderer Zeit mit anderen Gefühlen in die Hand genommen! Jetzt bin ich mit meinem ganzen Denken bei den Ereignissen in Transvaal.

Nur ein Gedanke verbindet mich noch seelisch mit meiner Dichtung: Wenn ich ins Burenlager gehe, dann beweise ich der Welt, daß ich würdig war, eine »Judith« zu dichten; ich zeige damit, daß ich wenigstens etwas von einer Judith in mir habe.

*

 

1. September.

Immer noch keine Antwort aus Amsterdam. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.

Dagegen ein langer Brief von Walter. Er hat sich in der Kolonie Gern bei München, zunächst Nymphenburg, eine kleine Villa gemietet und gedenkt, Ende Oktober Hochzeit zu halten. Er lädt auch mich dazu ein; mich besonders, und fügt hinzu, daß er sich freuen würde, wenn ich Lust bekommen sollte, eine Zeitlang dort zu bleiben ...

Aber mich rufen jetzt höhere Aufgaben.

*

 

Sedanstag.

Von Botho ein wahrhaft idealer Brief; der hat eben doch am meisten innere Verwandtschaft mit mir. Ist ganz begeistert von meinem Vorhaben, möchte am liebsten selber mit als Krieger, wenn er nicht in aktivem Dienst wäre. Und hab ich's nicht immer gesagt: Der ist das einzige wahre Soldatenherz in unserer Familie; »Heldenmädchen« nennt er mich.

*

 

Dienstag, 12. September.

Heute Graf Zobel zu Besuch. Wir saßen nach Tisch auf meiner Lieblingsbank am Weiher, zuerst mit Hildegard zusammen, dann allein. Da sah Zobel mich plötzlich so eigentümlich verliebt an, daß ich ganz rot wurde und mich dann stolz und trotzig erhob. Der Graf lachte: »Sind Sie vielleicht gar,« sagte er, »noch immer in den Lümmel verliebt, den Hesse?«

»Herr Graf,« rief ich empört, »Sie werden beleidigend.«

Er erwiderte: »Ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich habe Sie verletzt, strafen Sie mich.«

Er hat eine Art, die in jeder Situation überlegen wirkt. Man läßt sich zuletzt die größte Frechheit von ihm gefallen; ich war auch bald nur noch über den andern empört. Dieser Erich Hesse, dieser Schuft, scheint ja meine Blamage der ganzen Welt ausposaunt zu haben.

*

 

Mittwoch.

Hildegard triumphiert; nun hatte sie sich's gleich so gedacht.

Und dieser Hohn gegen mich! Sie habe mir's ja gesagt, mein exaltierter Brief werde keinen guten Eindruck machen; man werde mich für überspannt halten.

Sie hat hintennach gut reden. Die Tatsache, daß sich mehr Pflegerinnen gemeldet haben als man braucht, hat mit dem Ton meines Briefes doch nichts zu tun. Es mußten ja außer mir viele abgewiesen werden.

Aber warum gerade ich? Mein gutes Zeugnis vom Kaiserin-Augusta-Hospital hat also nicht gewirkt.

Eins muß ich sagen: Ich finde das Antwortschreiben ein wenig kläglich. Man könnte auf den Verdacht kommen, daß es in irgendeinem Punkt nicht ganz wahr ist. Meine Dienste können sie nicht brauchen, oder nur, wenn ich die Kosten der Überfahrt bestreiten wolle. Überhaupt könnten sie Geld nötiger brauchen als Leute. Also zuerst der großartige Aufruf, und dann embarras de richesse. Und zugleich die Hand, die sich nach Geld ausstreckt.

Wie wenn es gleich auf nichts anderes abgesehen gewesen wäre.

Machen wir ein Punktum dahinter.

Der Herr hat mein Opfer verworfen; drehen wir das Steuerruder, und – mit vollen Segeln auf nach München.

*

 

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