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Tag- und Nachtgeschichten

Guy de Maupassant: Tag- und Nachtgeschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleTag- und Nachtgeschichten
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume19
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060127
modified20140921
projectidd4141094
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Das Glück

Es war die Theestunde, ehe die Lampen gebracht wurden. Die Villa hatte den freien Ausblick auf das Meer; die Sonne war untergegangen, und der Himmel strahlte in ihrem letzten Widerschein rosig, wie von goldenem Duft überhaucht.

Das Meer lag da, ohne Welle, ohne eine Bewegung, glatt, glänzend im Abendrot wie eine gewaltige, polierte Metallplatte.

In der Ferne rechts zeichneten die Berge auf dem blassen Purpur des Abendhimmels zackig ihr schwarz gerändertes Profil ab.

Man sprach von der Liebe. Man behandelte dieses alte Thema, man sagte Dinge, die tausend Mal schon gesagt worden sind. Die sanfte Melancholie der Dämmerung ließ die Worte langsamer klingen, über die Seelen kam etwas wie ein Weichwerden, und dieses Wort Liebe, das immer wieder tönte, ab und zu von der kräftigen Stimme eines Mannes, dann wieder in leichtem Ton aus Frauenmund, schien den ganzen kleinen Salon zu erfüllen, herum zu flattern wie ein Vogel, umher zu irren wie ein Geist.

Kann man Jahre lang lieben?

Ja, behaupteten die einen, nein, versetzten die andern. Man erzählte Fälle, Besonderheiten, führte Beispiele an, und alle Damen wie Herren, erfüllt von heraufsteigenden, verwirrenden Erinnerungen, die sie aber nicht laut werden lassen konnten, schienen bewegt und sprachen von dieser banalen und doch alle beherrschenden Sache, vom zarten, rätselhaften Zusammenklingen zweier Wesen, mit tiefer Erregung und glühendem Interesse.

Aber plötzlich rief jemand, der in die Ferne hinaussah:

– O sehen Sie einmal da drüben, was ist denn das?

Ganz draußen am Horizont tauchte auf dem Meer eine ruhige, unbestimmte graue Masse auf.

Die Frauen waren aufgestanden und blickten hin, ohne dies Wunder zu verstehen, das sie noch nie gesehen hatten. Jemand sagte:

– Das ist Corsica. So erblickt man es zwei oder dreimal im Jahr unter ganz bestimmten, außergewöhnlichen Zuständen der Atmosphäre, wenn die Luft von vollkommener Reinheit ist und keinen Wasserdunst mehr enthält, der uns die Ferne verhüllt.

Man unterschied die Gipfel, es war, als sähe man den Schnee darauf. Alle waren erstaunt, fast erschrocken durch diese plötzliche Erscheinung einer Welt, durch dieses aus dem Meer gestiegene Phantom.

Vielleicht hatten die, die einst wie Columbus hinausgefahren in den unerforschten Ocean, solches Phantom gesehen.

Da sagte ein alter Herr, der bisher noch nicht gesprochen:

– Hören Sie einmal, auf dieser Insel, die da aufsteigt, als wolle sie selbst uns auf das, was wir sprachen, die Antwort geben und mich an ein sonderbares Vorkommnis erinnern, auf dieser Insel habe ich ein wunderbares Beispiel dauernder Liebe gefunden, wirklich seltenen Glücks. Hören Sie zu:

Vor fünf Jahren machte ich eine Reise durch Corsica. Diese Insel ist ein unbekanntes Stück Erde eigentlich uns weiter als Amerika, obgleich man sie manchmal, wie heute, von Frankreichs Küste aus sieht.

Stellen Sie sich eine noch im Chaos-Zustand befindliche Welt vor, ein wahres Ungewitter von Bergen, das enge Thäler durchschneiden, in denen Waldströme brausen; keine Flächen, nur riesenhafte Erdwälle mit dichtem Gestrüpp bewachsen oder mit hohen, gewaltigen Wäldern von Tannen und Kastanien.

Es ist ein jungfräulicher, unkultivierter, steriler Boden, obgleich man ab und zu ein Dorf sieht, wie ein Häufchen Felsblöcke auf einer Bergspitze. Kein Ackerbau, keine Industrie, keine Kunst. Nirgends sieht man ein Stück geschnitztes Holz, oder einen behauenen Stein, eine Erinnerung an den kindlichen oder verfeinerten Geschmack unserer Voreltern für schöne und liebreizende Dinge. Und was in diesem herrlichen, wilden Land ebenso auffällt: eine ererbte Gleichgiltigkeit gegen das Streben nach jenen gewinnenden Formen, die man Kunst heißt.

Italien, wo jeder Palast, voller Meisterwerke, selbst ein Meisterwerk ist, wo Marmor, Holz, Bronce, Eisen, jedes Metall und jeder Stein vom Genius der Menschheit redet, wo die kleinsten Gegenstände, die es in alten Häusern giebt, eine liebliche Form haben, ist für uns alle das heilige Vaterland, das man liebt, weil es uns zeigt und beweist: die Betätigung, die Größe, die Macht und den Triumph der schöpferischen Intelligenz.

Und Corsica ihm gegenüber ist ganz genau so wild geblieben, wie da es eben erschaffen. Und seine Bewohner, in ihren unschönen Behausungen, gleichgiltig für alles, was nicht ihre Existenz bedroht, oder Familienzwiste betrifft. Und mit ihren Fehlern, ihren Eigenschaften unzivilisierter Rassen, mit ihrem Haß, ihrer Heftigkeit, ihrer zügellosen Leidenschaft, sind ihnen geblieben die Gastfreundschaft, Großmut, Naivität, mit der sie dem Vorübergehenden die Thür öffnen und treue Freundschaft bieten für das geringste Zeichen von Sympathie.

Also ich irrte seit einem Monat durch diese wundervolle Insel, mit dem Gefühl, daß ich am Ende der Welt wäre. Keine Wirtshäuser, keine Kneipen, keine Straßen. Auf schmalen Saumpfaden erreicht man diese Dörfer, die an den Bergklippen hängen, über den Abgründen thronen, aus denen man Abends fortwährend den dumpfen Ton des Wildbaches aus der Tiefe brausen hört.

Man klopft an die Thür der Häuser, man bittet um ein Unterkommen für die Nacht und etwas zu essen bis zum nächsten Tag. Und man setzt sich an den einfachen Tisch und schläft unter dem bescheidenen Dach, und Morgens drückt man die Hand, die der Wirt einem entgegenstreckt, der einen bis zur Dorfgrenze führt.

Da erreichte ich eines Abends nach zehnstündigem Marsch ein kleines Haus, das in der Tiefe eines Thales ganz verlassen lag, eines Thales, das eine Stunde weiter ins Meer abfiel. Die beiden schroffen Berghänge, mit Gestrüpp und Unterholz, mit abgestürzten Felstrümmern und großen Bäumen bedeckt, umschlossen wie zwei finstere Mauern diesen entsetzlichen traurigen Thaleinschnitt.

Um das Haus lagen ein paar Weinberge, ein kleiner Garten, und weiterhin standen ein paar große Kastanienbäume. Kurz alles, was zum Leben nötig schien, ein Vermögen in diesem armen Land.

Die Frau, die mich empfing, war alt, arm, aber ausnahmsweise reinlich. Der Mann saß auf einem Strohstuhl, erhob sich, mich zu begrüßen, und dann setzte er sich wieder nieder, ohne ein Wort zu sagen.

Seine Gefährtin meinte:

– Entschuldigen Sie ihn, er ist ganz taub, er ist es vor zwei Jahren geworden.

Sie sprach französisch, wie eine Französin, und ich war erstaunt. Ich fragte:

– Sie sind doch nicht aus Corsica?

Sie antwortete:

– Nein, wir sind vom Kontinent, aber wir wohnen jetzt schon fünfzig Jahre hier.

Ein bedrückendes, ängstliches Gefühl packte mich bei dem Gedanken, daß diese fünfzig Jahre in diesem dunklen Loch vorübergegangen seien, so weit von den Stätten der Menschen.

Ein alter Schäfer kam heim, und man setzte sich, um das einzige Gericht zu essen, eine dicke Suppe, in der Kartoffeln, Speck und Kohl zusammengekocht waren.

Als die kurze Mahlzeit beendet war, setzte ich mich vor die Thür, ganz traurig durch die Melancholie der einsamen Landschaft, und es überfiel mich eine niedergeschlagene Stimmung, wie manchmal den Reisenden an stillen Abenden. Es ist, als ob alles zu Ende ginge, das Dasein und das Weltall.

Man wird sich plötzlich klar über den furchtbaren Jammer des Lebens, die Einsamkeit, in der wir alle unser Dasein verbringen, die Nichtigkeit der Dinge, über die schwarze Öde unsres Herzens, das sich selbst in trügerische Träume wiegt, bis zum Tode.

Die alte Frau kam zu mir und fragte, denn sie quälte jene Neugierde, die im Grunde auch in der resigniertesten Seele lebt:

– Also Sie kommen aus Frankreich?

– Ja, ich reise zu meinem Vergnügen!

– Sind Sie vielleicht aus Paris?

– Nein, ich bin aus Nancy!

Es war mir, als bewegte sie etwas außerordentlich. Wie ich darauf kam, kann ich nicht sagen. Sie antwortete gedehnt:

– So, Sie sind aus Nancy?

Der Mann erschien unter der Thür. Sie sagte:

– Es thut nichts, er hört es nicht.

Dann nach ein paar Sekunden:

– Da kennen Sie wohl Leute in Nancy?

– Nun gewiß, beinahe alle!

– Kennen Sie die Familie von Sainte-Allaize?

– O ja, sehr gut, das waren Freunde meines Vaters.

– Bitte, wie heißen Sie?

Ich nannte meinen Namen. Sie sah mich groß an, dann sagte sie mit jener dumpfen Stimme, wie wenn Erinnerungen in uns aufsteigen:

– Ja, ja, ich weiß. Und – – und – – was ist denn aus den Briesemare geworden?

– Die sind alle tot!

– Ach! Und kannten Sie die Sirmont?

– Gewiß, der letzte ist General!

Da sagte sie zitternd vor Erregung in irgendeinem unbestimmten, mächtigen, heiligen Gefühl aus einem, ich weiß nicht welchem, Bedürfnis heraus, zu gestehen, alles zu sagen, von Dingen zu sprechen, die sie bisher im Innersten ihres Herzens bewahrt, und von jenen Leuten, deren Name in ihrer Seele nachzitterte:

– Ja, Henri von Sirmont, ich weiß wohl, das ist mein Bruder.

Und ich blickte sie ganz erstarrt vor Staunen an, aber plötzlich kam mir die Erinnerung.

Es hatte einmal vor langen Jahren unter dem lothringischen Adel einen riesigen Skandal gegeben. Ein junges Mädchen, schön und reich, Susanne vom Sirmont, war von einem Unteroffizier des Husaren-Regiments, das ihr Vater befehligte, entführt worden.

Er war ein schöner Kerl, ein Bauernsohn, dem die blaue Attila gut stand. Dieser Soldat hatte die Tochter des Obersten in Banden geschlagen. Sie hatte ihn gesehen, war auf ihn aufmerksam geworden und hatte sich in ihn verliebt, als sie ihm mit der Eskadron vorüberreiten sah.

Aber wie mochte sie mit ihm gesprochen haben? Wie hatte sie sich mit ihm verständigen können? Wie hatte sie gewagt, ihm begreiflich zu machen, daß sie ihn lieb hatte? Das erfuhr man nie!

Man hatte nichts geahnt, nichts erraten. Eines Abends, als der Soldat mit seiner Dienstzeit fertig war, war sie mit ihm verschwunden. Man suchte sie, man fand sie nicht. Nie wieder hörte man etwas von ihnen, und man meinte, sie müßten tot sein.

Und in diesem entlegenen Thal fand ich sie wieder!

Da sagte ich meinerseits:

– Ja, ja, ich erinnere mich sehr wohl, Sie sind Fräulein Susanne!

Sie nickte, Thränen entströmten ihren Augen, dann deutete sie auf den unbeweglich an der Schwelle seines Hauses sitzenden Greis und sagte:

– Das ist er!

Und ich begriff, daß sie ihn immer noch liebte und immer noch mit treuen Augen ansah.

Ich fragte:

– Sind Sie wenigstens glücklich gewesen?

Sie antwortete mit einem Ton, der von Herzen kam:

– O sehr glücklich, er hat mich zu glücklich gemacht, ich habe niemals Reue gefühlt!

Ich betrachtete sie traurig, erstaunt, ergriffen von der Gewalt der Liebe. Dieses reiche Mädchen war mit diesem Mann, diesem Bauernjungen gegangen, sie war selbst eine Bäuerin geworden, sie hatte sich ihr Leben ohne Reiz, ohne Luxus, ohne irgend welche Feinheiten eingerichtet.

Sie hatte die einfachsten Lebensgewohnheiten angenommen, und sie liebte ihn noch! Sie war eine Bauersfrau geworden in Mütze und Leinenrock, sie aß aus irdener Schüssel von einem Holztisch auf einem Strohstuhl sitzend, Kohlsuppe mit Kartoffeln und Speck, und auf einem Strohsack lag sie an seiner Seite.

Sie hatte niemals an etwas anderes gedacht, als an ihn; sie hatte nicht Schmuck, Stoffe, Eleganz, weiche Stühle, mollige, parfümierte, stoffbespannte Zimmer, noch ein weiches Bett, ihren Körper zur Ruhe hinein zu legen.

Sie hatte dem Leben Valet gesagt, ganz jung der Welt und denen, die sie auferzogen und geliebt hatten. Sie war ganz allein mit ihm in dieses wilde Thal gekommen, er war alles für sie gewesen, alles, was man ersehnt, was man träumt, was man unausgesetzt erwartet, alles, was man ewig hofft. Er hatte ihr Leben mit Glück erfüllt vom ersten Tage bis zum letzten. Glücklicher hätte sie nie sein können.

Und die ganze Nacht hindurch, indem ich auf das rauhe Schnarchen des alten Soldaten hörte, der auf seinem Strohsack neben der ruhte, die ihm so weit hin gefolgt war, dachte ich an dieses seltsame und eigentümliche Erlebnis, an dieses große Glück eines so kleinen Daseins.

Und als die Sonne aufging, ging ich davon, nachdem ich den beiden alten Ehegatten die Hand gedrückt.

Der Erzähler schwieg. Eine Dame sagte:

– Immerhin, ihr Inneres war zu klein, ihre Bedürfnisse zu primitiv, sie stellte zu geringe Anforderungen, sie muß etwas thöricht gewesen sein.

Ein anderer meinte langsam:

– Was thut das, sie war glücklich!

Und dort in der Ferne am Horizont sank Corsica in die Nacht, tauchte langsam wieder in das Meer zurück, und sein gewaltiger Schatten löschte aus, der aufgetaucht war, als sollte er selbst die Geschichte dieser zwei demütig Liebenden erzählen, die Schutz gefunden, an seiner Küste.

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