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Tag- und Nachtgeschichten

Guy de Maupassant: Tag- und Nachtgeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleTag- und Nachtgeschichten
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume19
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060127
modified20140921
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Der Vater

Da er in Batignolles wohnte – er war Beamter im Unterrichts-Ministerium – nahm er jeden Morgen den Omnibus, um zu seinem Bureau zu fahren, und jeden Morgen saß er die ganze Fahrt bis ins Centrum von Paris einem jungen Mädchen gegenüber, in das er sich bald verliebte.

Sie ging täglich zur gleichen Stunde in ihren Laden. Sie war klein, eine jener Brünetten, deren Augen so schwarz sind, daß sie wie dunkle Flecken aussehen und deren Gesichtsfarbe etwas vom Tone des Elfenbeins besitzt.

Immer sah er sie an derselben Straßenecke auftauchen, und dann lief sie, um den schweren Wagen einzuholen. Sie lief biegsam, graziös, immer etwas eilig, und jedesmal sprang sie, ehe die Pferde ganz hielten, auf den Tritt.

Dann kam sie etwas außer Atem in das Innere des Wagens, und wenn sie sich gesetzt hatte, warf sie einen Blick um sich.

Als Franz Tessier sie das erste Mal gesehen hatte, wußte er sofort, daß dieses Gesicht ihm unendlich gefiel. Man begegnet öfters Frauen, die einen solchen Eindruck machen, daß man sie augenblicklich, ohne sie nur zu kennen, in die Arme schließen möchte. Dies junge Mädchen entsprach seinen stillen Wünschen, seinen geheimen Erwartungen, jenem Liebesideal, das man, ohne es selbst zu wissen im tiefsten Herzen trägt.

Er blickte sie, wider Willen, unausgesetzt an und dies fortwährende Anstarren machte sie verlegen, so daß sie errötete. Er bemerkte es und wollte wo anders hinsehen; aber so große Mühe er sich auch gab, die Augen auf einen andern Gegenstand zu richten sie kehrten immer zu ihr zurück.

Nach ein paar Tagen kannten sie sich, ohne je mit einander gesprochen zu haben. Wenn der Wagen voll war, überließ er ihr seinen Platz und stieg auf das Verdeck hinauf, obgleich er eigentlich sehr traurig darüber war.

Nun begrüßte sie ihn jedesmal mit einem kleinen Lächeln, und obgleich sie bei seinem zu auffallenden Anstarren die Augen niederschlug, schien sie doch nicht mehr böse zu sein, so beobachtet zu werden.

Endlich kamen sie ins Gespräch, eine Art schnelle Intimität bildete sich zwischen ihnen, eine Intimität, die nur täglich eine halbe Stunde dauerte, und das war die schönste halbe Stunde seines Lebens.

Die ganze übrige Zeit des Tages dachte er an sie, und während der langen Bureaustunden erblickte er sie immer vor sich; dies freundliche und doch so beharrliche Bild, das das Antlitz einer geliebten Frau in uns zurückläßt, quälte ihn fortwährend und verließ ihn nicht.

Er meinte: sie ganz zu besitzen, müßte das wahnsinnigste Glück für ihn bedeuten, ein größeres, als je einem Menschen beschieden sein könnte.

Jetzt schüttelte sie ihm jeden Morgen die Hand, und bis zum Abend fühlte er noch die Berührung, und die Erinnerung an den schwachen Druck der kleinen Finger blieb in ihm haften. Es war, als hätte ihre Hand einen Eindruck auf seiner Haut zurückgelassen.

Die ganze übrige Zeit des Tages bangte er ängstlich nach der kurzen Omnibusfahrt, und die Sonntage waren ihm gräßlich. Sie mußte ihn gewiß auch gern haben, denn eines Sonnabends im Frühling nahm sie seine Einladung an, am folgenden Tage mit ihm in Maisons-Laffitte zu frühstücken.

Sie wartete schon auf dem Bahnhof. Er war erstaunt, aber sie sagte:

– Ehe wir fahren, muß ich mit Ihnen sprechen. Wir haben zwanzig Minuten Zeit, das ist mehr als genug.

Sie zitterte, während sie sich auf seinen Arm lehnte und schlug die Augen nieder über die bleichen Wangen, dann sagte sie:

– Ich möchte, daß Sie sich über mich keiner Täuschung hingeben. Ich bin ein anständiges Mädchen, und fahre mit Ihnen nur, wenn Sie mir versprechen, wenn Sie mir schwören, mir nichts zu thun. Nichts was . . . nicht . . . recht . . . ist.

Sie war plötzlich dunkelrot geworden und schwieg. Er wußte nicht, was er antworten sollte, glücklich und doch zu gleicher Zeit niedergeschlagen. Im Grunde seines Herzens war es ihm vielleicht lieber, daß es so war und doch . . . doch . . . . hatte er diese Nacht Dinge geträumt, die ihm Feuer in die Adern gossen.

Er würde sie gewiß weniger gern haben, wenn er wußte, daß sie ein leichtsinniges Geschöpf war, aber dann wäre es doch so reizend, so köstlich für ihn gewesen. Und alle die selbstsüchtigen Ideen der Männer, im Punkt der Liebe, begannen ihn zu quälen.

Da er nichts antwortete, fing sie mit bewegter Stimme an zu sprechen, wahrend Thränen in ihren Augenwinkeln aufstiegen:

– Wenn Sie mir nicht versprechen, ganz anständig gegen mich zu sein, so kehre ich sofort nach Hause zurück.

Er drückte ihr zärtlich den Arm und antwortete:

– Das verspreche ich Ihnen, Sie sind frei zu thun, was sie wollen.

Sie schien erleichtert und fragte lächelnd:

– Ist's auch wirklich wahr?

Er blickte ihr in die Augen:

– Mein Ehrenwort!

– Gut, nehmen wir die Billets! sagte sie.

Unterwegs konnten sie sich kaum unterhalten, denn das Coupé war voll. Als sie in Maisons-Laffitte ankamen, gingen sie sofort zur Seine.

Die laue Luft that Körper und Geist wohl, die Sonne strahlte auf den Fluß, auf das Blättermeer, auf den Rasen und zauberte tausend lichte, heitere Gedanken in Körper und Seele.

Hand in Hand gingen sie am Ufer hin und sahen zu, wie die kleinen Fischchen in Schwärmen im Wasser dahinzogen. Sie schritten in überirdischem Glück dahin, als läge die Erde tief unter ihnen. Endlich sagte sie:

– Sie müssen mich doch für verrückt halten!

– Warum denn?

Sie meinte:

– Es ist eine Tollheit, mit Ihnen so ganz allein hierherzufahren.

– Aber nein, das ist doch ganz natürlich!

– O, bitte, bitte, gar nicht natürlich, für mich nicht. Ich will keine Dummheit machen und so kommt man doch dazu. Aber wenn Sie wüßten, wie traurig die Tage dahingehen, einer wie der andere, jeder Tag im Monat, jeder Monat des Jahres. Ich bin ganz allein mit meiner Mutter, und da sie viel Kummer in ihrem Leben gehabt hat, ist sie nicht gerade lustig. Ich sehe zu, wie es geht, ich versuche trotzdem zu lachen, aber es glückt nicht immer. Wissen Sie, es ist doch falsch, daß ich hierher gekommen bin, aber Sie müssen mir nicht böse sein.

Als Antwort küßte er sie schnell aufs Ohr, aber sie riß sich mit heftiger Bewegung von ihm los und ward plötzlich böse:

– Aber Herr Franz, denken Sie an Ihr Wort!

Und sie kehrten nach Maisons-Laffitte zurück. Sie frühstückten im Kleinen-Hafen, einem niedrigen Hause, das ganz unter vier Pappeln an der Straße versteckt lag.

Die frische Luft, die Wärme, ein paar Gläser Wein und das seltsame Gefühl, sich eng beieinander zu befinden, trieb ihnen die Röte ins Gesicht und machte sie schweigsam. Aber nachdem sie ihren Kaffee getrunken, kam jähe Heiterkeit über sie. Sie gingen über die Seine, strichen wieder längs des Flusses hin dem Dorf La Frette zu. Plötzlich fragte er:

– Wie heißen Sie?

– Louise.

Er wiederholte:

– Louise?

Dann schwieg er.

Der Fluß beschrieb einen großen Bogen, lief am Strande in der Ferne an einer Reihe weißer Häuser hin, die sich umgekehrt im Wasser spiegelten.

Das junge Mädchen pflückte Gänseblümchen, machte einen großen Strauß aus Feldblumen, und er sang laut voller Lebensfreude, wie ein Füllen auf der Koppel.

Links von ihnen zogen rebenbekränzte Hügel am Flusse hin, und Franz blieb plötzlich stehen und sagte ganz erstaunt:

– O, sehen Sie einmal!

Die Weinberge hatten aufgehört, und der ganze Abhang war jetzt mit blühendem Flieder bedeckt, wie ein lila Wald. Gleich einem über die Erde gebreiteten Riesen-Teppich, der bis zum Dorfe reichte dort drüben, zwei oder drei Kilometer entfernt.

Auch sie blieb ganz bewegt und gepackt stehen und rief:

– Ach, ist das hübsch!

Sie durchschritten ein Feld, und dann liefen sie jenem seltsamen Hügel zu, der jährlich all den Flieder liefert, den in Paris die fliegenden Händler auf ihren kleinen Handwagen verkaufen.

Ein schmaler Weg verlor sich unter den Bäumen; sie wählten ihn, und dann setzten sie sich auf einen Rasenfleck. Milliarden von Fliegen summten über ihnen, daß man in der Luft unausgesetzt ein leises Surren hörte, und die Sonne, die heiße Sonne eines windstillen Tages, lag auf dem blühenden Uferrand und entlockte diesem blühenden Walde einen starken Duft, diesen Schweiß der Blumen.

In der Ferne klang eine Glocke.

Und ganz allmählich begannen sie, sich zu küssen, umarmten sich, im Grase ausgestreckt und dachten nur an ihre Zärtlichkeit.

Sie hatte die Augen geschlossen und umklammerte ihn, preßte ihn an sich, sie hatte die Besinnung verloren, von Kopf bis zu Fuß in Liebesleidenschaft, und ohne zu wissen, was sie that, überließ sie sich ihm, ja fast ohne zu verstehen, daß sie es gethan.

Sie erwachte voller Verzweiflung, begann zu weinen, stöhnte vor Schmerz und versteckte das Gesicht in ihren Händen. Er versuchte sie zu trösten, aber sie wollte fort, fort, gleich nach Hause, und sie klagte immer, indem sie eilig davonlief:

– Mein Gott! Mein Gott!

Er sagte:

– Louise, Louise, warte doch, bitte, bitte!

Sie hatte hohle Augen und glühend rote Wangen, und sobald sie in Paris auf dem Bahnhof waren, lief sie ihm davon, sogar ohne Lebewohl zu sagen.

Als er sie am nächsten Tage im Omnibus wieder traf, schien sie ihm verändert, abgemagert, und sie sagte:

– Ich muß mit Ihnen sprechen, wir wollen am Boulevard aussteigen.

Sobald sie allein auf der Straße waren, meinte sie:

– Wir müssen Abschied voneinander nehmen, nach dem, was da geschehen, kann ich Sie nie wiedersehen.

Er stammelte:

– Aber warum denn?

– Ich kann nicht; ich habe gesündigt, und ich will's nie wieder thun.

Da bat er sie, flehte sie an, immer gequält von seinen Wünschen, ganz verrückt in dem Gedanken, sie ganz zu besitzen in der Einsamkeit einer Liebesnacht.

Aber sie antwortete beharrlich:

– Nein, ich kann nicht! Ich kann nicht! Ich will nicht!

Er regte sich auf, ward immer lebhafter, versprach, sie zu heiraten. Sie sagte immer noch:

– Nein!

Und sie verließ ihn.

Acht Tage lang sah er sie nicht wieder, er konnte ihrer nicht habhaft werden, und da er ihre Adresse nicht kannte, meinte er, sie wäre ihm für immer verloren. Am neunten Tage abends klingelte es bei ihm, er öffnete – – sie war es. Sie warf sich in seine Arme und widerstand nicht mehr.

Drei Monate dauerte ihre Liebe, er begann schon, sie etwas satt zu bekommen, als sie ihm mitteilte, daß sie sich Mutter fühle. Da hatte er nur noch einen Gedanken: sie unter allen Umständen los werden.

Da er es aber nicht fertig brachte, nicht wußte, wie er es anfangen, wie er es ihr sagen sollte, und die Verzweiflung ihn packte, die Angst vor diesem immer wachsenden Kinde, faßte er einen verzweifelten Entschluß: Er zog eines Nachts aus seiner Wohnung aus und verschwand.

Der Schlag war so fürchterlich, daß sie nach ihm nicht suchte, der sie verlassen. Sie warf sich ihrer Mutter zu Füßen und beichtete ihr Unglück.

Ein paar Monate darauf gebar sie einen Knaben.

*

Jahre strichen hin, Franz Tessier ward älter, ohne daß sich in seinem Leben etwas verändert hätte. Er führte noch immer das monotone traurige Dasein der Bureaukraten, die keine Hoffnung haben und nichts erwarten können.

Täglich stand er zur gleichen Stunde auf, legte denselben Weg durch die gleichen Straßen zurück, trat durch dieselbe Thür, und ging an dem gleichen Portier vorbei in dasselbe Bureau, setzte sich auf denselben Stuhl und that dieselbe Arbeit.

Er stand allein auf der Welt, allein Tags über mitten unter seinen gleichgültigen Kollegen, allein Nachts in seiner Junggesellen-Wohnung. Monatlich legte er zehn Franken für seine alten Tage zurück.

Jeden Sonntag ging er in den Champs Elysées spazieren, sah die elegante Welt vorüberfahren, die Equipagen und die hübschen Frauen, und am nächsten Tage sagte er zu seinem Kollegen am Schreibtisch:

– Die Rückfahrt aus dem Bois war riesig elegant gestern.

Da trat er eines Sonntags zufällig, als er einen anderen Weg gegangen, in den Park Monceau. Es war ein herrlicher Sommermorgen. Die Kindermädchen und die Mütter saßen in den Alleen und sahen den Kindern zu, die vor ihnen spielten. Aber plötzlich fuhr Franz Tessier zusammen. Eine Frau ging vorüber, sie führte zwei Kinder an der Hand, einen kleinen Jungen von etwa zehn und ein kleines Mädchen von etwa vier Jahren. Sie war es!

Er ging noch hundert Schritte weiter, dann sank er auf einem Stuhl zusammen, zitternd von dem Eindruck. Sie hatte ihn nicht wiedererkannt. Da ging er den Weg zurück und suchte sie noch einmal zu erblicken.

Sie hatte sich jetzt gesetzt, der Knabe blieb artig neben ihr stehen, das kleine Mädchen machte Sandhäufchen auf der Erde. Sie war es, ja sie war es!

Sie sah wie eine wirkliche Dame aus, sie war einfach gekleidet, hatte etwas Würdiges und Schlichtes. Er blickte sie von weitem an und wagte nicht, sich ihr zu nähern.

Der kleine Junge hob den Kopf, Franz Tessier fühlte, daß er zitterte, es war sein Sohn, ohne Zweifel. Und er betrachtete ihn, und er meinte sich so genau in ihm wiederzuerkennen, als wäre es eine alte Photographie von ihm.

Hinter einem Baum blieb er versteckt stehen und wartete, bis sie davonging, um ihr zu folgen. In der Nacht darauf konnte er nicht schlafen, vor allem quälte ihn der Gedanke an das Kind. Sein Sohn! Ach, wenn er es bestimmt gewußt hätte! Und was wollte er dann thun?

Er hatte sich das Haus gemerkt. Er fragte. Er hörte, ein Nachbar, ein anständiger, würdiger Mann habe sie geheiratet, der Mitleid mit ihrem Unglück gehabt. Dieser Mann, der ihren Fehltritt gekannt und ihr verziehen, hatte sogar das Kind anerkannt, sein, Franz Tessiers, Kind!

Alle Sonntage kehrte er zum Park Monceau zurück, jeden Sonntag sah er sie, und jedesmal packte ihn das wahnsinnige Bedürfnis, seinen Sohn in die Arme zu schließen, ihn mit Küssen zu bedecken, ihn mit sich fortzunehmen, ihn zu stehlen.

Er litt entsetzlich unter seiner elenden, lieblosen Alt-Junggesellen-Einsamkeit, es quälte ihn furchtbar. Väterliche Liebe mit Gewissensbissen vermischt, mit Eifersucht und Lust und Bedürfnis, ein solch kleines Wesen zu lieben, das die Natur den Menschen geschenkt.

Endlich wollte er einen verzweifelten Versuch unternehmen, näherte sich ihr eines Tages, als sie in den Park trat, stellte sich mitten auf dem Weg ihr entgegen und sagte bleich mit zitternden Lippen:

– Erkennen Sie mich nicht?

Sie blickte auf, sah ihn an, stieß einen Schrei des Entsetzens aus, packte ihre beiden Kinder bei der Hand, und indem sie sie hinter sich herzog, rannte sie spornstreichs davon.

Er kehrte heim und weinte.

Monate gingen wieder hin, er sah sie nicht mehr, aber Tag und Nacht quälte ihn die väterliche Liebe. Er hätte sterben wollen, nur um seinen Sohn einmal zu küssen, er hätte jemanden ermordet, er hätte alle schweren Lasten übernommen, aller Gefahr getrotzt, alles gethan, nur dafür.

Und er schrieb ihr. Sie antwortete nicht. Nachdem er zwanzig Briefe abgesandt, sah er ein, daß er keine Hoffnung hatte, sie weich zu machen.

Da faßte er einen verzweifelten Entschluß, vollkommen darauf gefaßt, vielleicht eine Revolverkugel ins Herz zu bekommen. Er schickte ihrem Mann einen Brief mit den wenigen Worten:

Sehr geehrter Herr!

Mein Name muß Ihnen ein Gegenstand des Anstoßes sein, aber ich bin so traurig, so vom Leid bedrückt, daß ich nur noch auf Sie hoffe. Ich bitte Sie um eine Unterredung von nur zehn Minuten.

Mit vorzüglicher Hochachtung
u. s. w.

Am anderen Tage lief die Antwort ein:

Sehr geehrter Herr!

Ich erwarte Sie Dienstag um fünf Uhr.

Als Franz Tessier die Treppe hinaufschritt, blieb er auf jeder Stufe stehen, so laut pochte sein Herz, es war, als galoppierte ein wildes Tier in seiner Brust und vollführte einen dumpfen, heftigen Lärm.

Er konnte nur noch mühsam atmen und mußte sich am Geländer halten, um nicht hinunterzustürzen. Im dritten Stock klingelte er. Ein Mädchen öffnete, er fragte:

– Ist Herr Flamel zu Haus?

– Gewiß, bitte, treten Sie ein!

Er ward in einen bürgerlich möblierten Salon geführt; er war allein, er wartete verzweifelt, als würde ein furchtbares Unglück geschehen.

Die Thür ging auf, ein Mann erschien. Er war groß, ernst, ein wenig wohlbeleibt und trug einen schwarzen Gehrock. Mit der Hand deutete er auf einen Stuhl. Franz Tessier setzte sich, dann sagte er stammelnd:

– Herr Flamel . . . Herr Flamel . . . ich weiß nicht . . . ob Sie meinen Namen kennen . . . ob Sie wissen . . . .

Herr Flamel unterbrach ihn:

– Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich weiß alles, meine Frau hat mir von Ihnen gesprochen.

Er hatte den Ton eines guten Mannes, der streng sein will, eine gewisse bürgerliche Würde. Franz Tessier antwortete:

– Nun, Herr Flamel, hier bin ich, ich sterbe vor Kummer, vor Gewissensbissen und Scham. Und ich möchte einmal, nur ein einziges Mal das Kind umarmen.

Herr Flamel erhob sich, ging an den Kamin, klingelte, das Mädchen erschien, er sagte:

– Rufen Sie mal Ludwig!

Sie verschwand. Stumm wartend, denn sie hatten sich nichts mehr zu sagen, blieben sie vor einander stehen. Und plötzlich stürmte ein kleiner Knabe von zehn Jahren in das Zimmer und lief auf den zu, den er für seinen Vater hielt, aber verlegen blieb er stehen, als er einen Fremden sah.

Herr Flamel küßte ihn auf die Stirn, dann sagte er:

– Nun mein Liebling, küsse einmal diesen Herrn!

Das Kind kam nett auf den Fremden zu und blickte ihn an. Franz Tessier war aufgestanden, er ließ seinen Hut fallen und wäre beinahe selbst hingeschlagen. Er betrachtete seinen Sohn.

Herr Flamel hatte aus Zartgefühl sich herumgedreht und sah durch das Fenster auf die Straße. Das Kind wartete erstaunt, hob den Hut auf und gab ihn dem Fremden. Da nahm Franz den Kleinen in seine Arme und küßte ihn rasend über das ganze Gesicht, auf die Augen, auf die Wangen, auf den Mund, auf das Haar.

Der Bengel war erschrocken durch diesen Hagel von Küssen, suchte sich ihnen zu entziehen, wandte den Kopf ab und streckte dem Manne abwehrend seine kleinen Hände entgegen.

Aber Franz Tessier setzte das Kind schnell wieder zu Boden, dann rief er:

– Adieu! Adieu!

Und wie ein Dieb lief er davon.

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