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Tag- und Nachtgeschichten

Guy de Maupassant: Tag- und Nachtgeschichten - Kapitel 21
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleTag- und Nachtgeschichten
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume19
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060127
modified20140921
projectidd4141094
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Erinnerung

O, wie mir beim ersten Sonnenstrahl Erinnerungen aus der Jugend kommen. In jenem Alter scheint einem alles gut, heiter und köstlich. Wie wunderschön ist die Erinnerung an vergangene Lenze.

Erinnert ihr euch, Freunde, Brüder, jener jubelnden Jahre, in denen das ganze Leben wie ein Triumph, ein einziges Lachen vor uns lag? Erinnert ihr euch der Tage, wo wir um Paris herumstreiften, unserer lachenden Armut, unserer Ausflüge in den grünenden Wald? Wie wir trunken waren nur von blauer Luft, in jenen kleinen Kneipen am Strand der Seine? Erinnert ihr euch unserer so banalen und doch so köstlichen kleinen Liebesgeschichten?

Ich will eine von ihnen erzählen.

Sie ist erst zwölf Jahre her und scheint mir doch so alt, so alt, daß es mir ist, als läge sie am anderen Ende meines Lebens, vor jener häßlichen Biegung, hinter der man plötzlich das Ziel der Reise vor sich sieht.

Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt, war eben nach Paris gekommen, war Beamter in einem Ministerium, und die Sonntage schienen mir wie herrliche frohe Feste voll unendlicher Wonne, obgleich sie mir eigentlich nichts Erstaunliches brachten.

Heute ist immer Sonntag, aber ich denke mit Bedauern an jene Zeit zurück, wo es wöchentlich nur einen gab, jenen herrlichen! Und ich hatte doch nur sechs Franken auszugeben.

Ich wachte zeitig auf, mit einem Freiheitsgefühl, das Beamte so wohl kennen, jenem Gefühl der Freiheit, Behaglichkeit, Ruhe, Unabhängigkeit. Ich öffnete mein Fenster, das Wetter war herrlich, der Himmel spannte sich über der Stadt dunkelblau voll Sonnenschein und Lerchensang.

Schnell zog ich mich an und ging davon. Ich wollte den Tag im Walde verbringen und den Duft der Blätter einatmen, denn ich bin vom Land, ich bin auf der Wiese und unter Bäumen groß geworden.

Paris wachte strahlend auf in Hitze und Licht; die Häuserfronten leuchteten, die Kanarienvögel der Portiers schmetterten in ihren Käfigen, es war eitel Wonne überall, auf den Straßen, auf den Gesichtern, alles lächelte, es war bei allen Sonnenaufgang, wie ein Wunder von Lust und Zufriedenheit lag es über Menschen und Dingen.

Ich ging zur Seine und wollte an Bord der ›Schwalbe‹, um nach Saint Cloud zu fahren. Ach wie gern hatte ich dies Warten auf das Schiff auf der Brücke, es war, als sollte ich ans Ende der Welt eilen, neue wundervolle Länder zu schauen.

Da sah ich es kommen das Schiff, fern, fern unter dem Bogen der zweiten Brücke, ganz klein, mit langsam emporsteigenden Rauchwolken; dann ward es größer, immer größer, wuchs immer mehr und in meiner Phantasie ward es beinahe zum Ozeandampfer. Es legte an und ich stieg ein. Leute im Sonntagsstaat saßen schon überall in hellen, auffälligen Kleidern, mit glücklichem Lächeln und dicken, roten Gesichtern.

Ganz vorn blieb ich stehen, sah die Quais an mir vorüberhuschen, die Häuser, die Bäume, die Brücken, und plötzlich gewahrte ich den großen Viadukt des Point-du-jour, der den Fluß durchschneidet.

Hier war Paris zu Ende, das Land fing an, und die Seine verbreiterte sich plötzlich unter der doppelten Bogenreihe, als hätte man ihr Weite und Freiheit wiedergegeben. Sie wurde mit einmal ein schöner, ruhiger Fluß, der durch die Ebene strömt, mitten durch die Felder, an Wäldern vorbei.

Nachdem wir an zwei Inseln vorübergekommen, fuhr die Schwalbe längs eines bewaldeten Höhenrückens, aus dessen Grün weiße Häuser leuchteten, und eine Stimme rief:

– Bas-Meudon!

Dann weiter entfernt:

– Sèvres!

Und noch weiter:

– Saint-Cloud!

Ich stieg aus und ging mit eiligen Schritten durch die kleine Stadt den Weg, der zum Walde führt. Ich hatte eine Karte der Umgegend von Paris mitgenommen, um mich nicht zu verirren auf den Wegen, die nach allen Richtungen hin die Wälder durchkreuzen, wo die Pariser spazieren gehen.

Sobald ich im Schatten war, suchte ich auf meiner Karte nach dem Weg, der mir übrigens ganz einfach erschien: ich mußte rechts abbiegen, dann links, dann noch einmal links und dann kam ich Abends nach Versailles zum Essen.

Und ich ging langsam unter dem jungen Grün dahin, sog jene köstliche, blüten- und keimegeschwängerte Luft ein. Ich ging mit langen Schritten, dachte nicht mehr an die Akten, das Bureau, den Chef, die Kollegen, dachte nur noch an allerlei Glück, das mir begegnen würde, an all das unbekannte Glück der Zukunft.

Tausend Erinnerungen aus der Kindheit kamen mir beim kräftigen Duft des Landes, und ganz gebadet darin schritt ich meines Weges. Ab und zu setzte ich mich hin, blickte mich um, drüben lag der Wald, kleine Blumen wuchsen um mich, deren Namen ich längst kannte, ich erkannte sie alle wieder, als ob es ganz genau dieselben wären, wie früher bei mir zu Haus. Sie waren gelb, rot, violett, auf zierlichen, langen Stielen oder am Boden kriechend, voll von bunten Insekten aller Formen und Farben, gedrungenen oder schlanken, seltsam geformten, riesig erscheinenden oder mikroskopisch kleinen, die die Halme hinaufkletterten, die unter ihrer Last schwankten.

Dann schlief ich ein paar Stunden in einem Graben, ging ausgeruht weiter, gekräftigt durch den Schlummer. Vor mir that sich eine reizende Allee auf, deren ein wenig dünnes Blätterdach überall Sonnentropfen durchließ, die auf den weißen Sternblumen leuchteten.

Die Allee streckte sich unendlich lang hin, leer und still, nur eine große, brummende Hummel flog entlang und hielt von Zeit zu Zeit auf einer Blume, die sich unter ihr bog, Rast, um zu trinken, und setzte dann summend ihren Weg fort, um ein Stück weiter sich wieder auszuruhen. Ihr Riesenleib sah aus, wie brauner, gelbgestreifter Samt, den durchsichtige, kleine Flügel trugen.

Aber plötzlich sah ich am Ende der Allee zwei Personen, Mann und Frau, die mir entgegenkamen. Ich ärgerte mich, auf meinem ruhigen Spaziergang gestört worden zu sein und trat in das Unterholz; aber da war es mir, als riefe man mich.

In der That bewegte die Frau den Sonnenschirm, und der Mann in Hemdsärmeln, den Überrock auf dem Arm, winkte mit dem anderen Arm ganz verzweifelt. Ich ging ihnen entgegen, sie schritten eilig, beide sehr rot, dahin, sie mit kleinen Schritten, er lang ausgreifend. Man sah ihren Gesichtern schlechte Laune oder Müdigkeit an, und die Frau fragte mich sofort:

– Können Sie mir nicht sagen, wo wir sind? Mein Mann war so dumm, sich zu verirren, er behauptete, er kenne die Gegend ganz genau.

Ich antwortete mit größter Sicherheit:

– Sie gehen nach Saint-Cloud, hinter Ihnen liegt Versailles.

– Sie sagte mit einem wütenden Blick auf ihren Herrn Gemahl:

– Wieso denn, wir drehen also Versailles den Rücken? Und da wollen wir ja gerade zum Essen hin!

– Da gehe ich auch hin!

Sie sagte mehrmals achselzuckend:

– Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott!

Mit jenem höchst verächtlichen Ton, den die Frauen anwenden, um ihrer Verzweiflung Luft zu machen. Sie war jung, hübsch, braun, ein Schatten von Schnurrbart auf der Lippe.

Er aber schwitzte und tupfte sich die Stirn. Es waren offenbar kleine Bürger aus Paris; der Mann schien ganz vernichtet, totmüde und verzweifelt, er brummte:

– Aber liebe Freundin, Du – – –

Sie ließ ihn nicht weiter reden:

– Nun ja ich, jetzt bin ich's natürlich! Bin ich's! Wollte ich etwa, ohne zu wissen wohin, losziehen? Habe ich behauptet, daß ich den Weg wüßte? Habe ich gesagt, wir wollten rechts auf der Höhe hingehen? Habe ich behauptet, ich kenne den Weg? Habe ich mich um Cachou kümmern wollen?

Sie hatte kaum ihren Satz zu Ende gebracht, als ihr Mann, als ob er verrückt geworden wäre, einen durchdringenden Schrei ausstieß, ein langes Gebrüll wie ein Wilder, in keiner Sprache der Welt wiederzugeben, das etwa klang wie:

– Tititititititi!

Die junge Frau schien weder erstaunt noch erregt zu sein, sondern fuhr fort:

– Nein, es giebt wirklich zu dumme Menschen, die noch behaupten, daß sie recht haben. Bin ich im letzten Jahr in den Zug nach Dieppe gestiegen statt in den nach Havre, sag mal, war ich das? Habe ich etwa behauptet, daß Herr Letourneur Rue des Martyrs wohne? Bin ich's etwa, die nicht hat glauben wollen, daß Célestine stiehlt?

Und sie fuhr wütend mit erstaunlicher Zungengewandheit fort, Anschuldigungen auf Anschuldigungen zu häufen, die niederträchtigsten und erstaunlichsten, herausgegriffen aus den intimsten Situationen des Ehelebens.

Sie warf ihrem Manne alles vor, was er that, seine Gedanken, sein Benehmen, kurz ihr ganzes gemeinsames Leben seit ihrer Heirat bis heute. Er versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, sie zu beruhigen, und stammelte:

– Aber liebe Freundin, das ist doch ganz unnütz vor dem Herrn; wir wollen doch hier keine Vorstellung geben, das interessiert den Herrn gar nicht!

Und er blickte verzweifelt zu den Bäumen auf, als ob er ihre schweigende rätselhafte Tiefe ermessen wollte, um sich hineinzustürzen, zu fliehen, sich vor aller Blicke zu verbergen, und ab und zu stieß er wieder einen Schrei aus, ein langes:

– Titititititititititi!

Ganz scharf und spitz. Ich hielt diese Angewohnheit für eine nervöse Krankheit.

Die junge Frau wendete sich plötzlich zu mir:

– Wenn Sie erlauben, schließen wir uns Ihnen an, daß wir uns wenigstens nicht noch einmal verlaufen und am Ende noch im Walde übernachten müssen!

Ich verbeugte mich; sie nahm meinen Arm und redete tausend Dinge von ihrem Leben, von ihrer Familie, von ihrem Geschäft. Sie hatten einen Handschuhladen in der Rue Saint Lazare.

Ihr Mann schritt neben ihr her und warf immer aufgeregte Blicke in das Waldesdunkel hinaus, indem er ab und zu:

– Titititititi! schrie. Endlich fragte ich ihn:

– Warum schreien Sie eigentlich so?

Er antwortete ganz verstört und verzweifelt:

– Ich habe meinen armen Hund verloren!

– Was, Sie haben Ihren Hund verloren?

– Gewiß, er ist noch nicht ein Jahr alt, und er war noch nie aus dem Laden gekommen; ich wollte ihn mitnehmen, daß er mal im Walde spazieren ginge. Er hatte noch niemals Gras und Laub gesehen, und da war er wie verrückt. Er lief bellend davon und ist im Walde verschwunden. Ich muß Ihnen allerdings sagen, daß er auch in der Eisenbahn große Angst hatte, das hat ihn vielleicht um den Verstand gebracht. Ich habe gerufen und gerufen, aber er kommt nicht wieder, und hier muß er ja verhungern.

Die junge Frau sagte, ohne ihren Mann anzublicken:

– Wenn Du ihn an der Leine behalten hättest, wäre es nicht passiert. Wenn man so dumm ist wie Du, muß man eben keinen Hund halten.

Er sagte ganz bescheiden:

– Aber liebe Freundin, Du – – –

Sie blieb wie angewurzelt stehen und blickte ihm in die Augen, als ob sie ihm die seinen auskratzen wollte, dann warf sie ihm ungezählte Vorwürfe an den Kopf.

Es wurde dunkel, langsam legte sich der Nebelschleier, der bei der Dämmerung von den Wiesen aufsteigt, über das Land, und mit ihm kam jene poetische Stimmung aus der seltsamen köstlichen Frische, die beim Anbruch der Nacht über den Wald niedersinkt. Plötzlich blieb ihr Mann stehen, betastete sich fieberhaft und rief:

– Herrgott, ich glaube, ich habe . . . . . .

Sie blickte ihn an:

– Nun, was denn?

– Ja ich habe nicht aufgepaßt, ich hatte doch meinen Überrock auf dem Arm!

– Nun?

– Ja, ich habe meine Brieftasche verloren, all mein Geld ist drin!

Sie zitterte vor Wut und bekam vor Empörung gar keine Luft mehr:

– Nun, das fehlt auch noch! Du bist ja zum Wände einrennen! So ein Ochse! Wie habe ich nur ein solches Rindvieh heiraten können! Jetzt hole sie mal sofort und daß Du sie mir wiederfindest! Ich gehe mit dem Herrn nach Versailles, ich habe keine Lust, hier im Walde zu übernachten!

Er stammelte ganz milde:

– Ja, liebe Freundin, aber wo werde ich Dich wiederfinden?

Man hatte mir ein Restaurant empfohlen, das nannte ich. Der Mann drehte sich um und zur Erde niedergebeugt, über die sein Auge aufmerksam lief, rief er, während er sich entfernte, alle Augenblicke:

– Titititititi!

Es dauerte lange, bis er verschwand; endlich verwischte sich sein Schatten in der Tiefe der Allee. Man sah nur noch die Umrisse seines Körpers, aber man hörte lange noch sein klägliches:

– Titititititi!

Die Nacht brach herein. Ich schritt lebhaft aus, glücklich in der köstlichen Dämmerung mit der kleinen unbekannten Frau, die sich auf meinen Arm stützte. Ich suchte galante Redensarten, ich fand aber keine, ich blieb stumm, verwirrt, entzückt.

Aber plötzlich durchschnitt eine große Chaussee unsern Wald, und ich entdeckte rechts in einem Thälchen eine ganze Stadt. Was war denn das? Ein Mann ging vorüber, ich fragte ihn, er antwortete:

– Bougival!

Ich war ganz erstaunt:

– Was Bougival? Wissen Sie das bestimmt?

– Gewiß, ganz sicher!

Die kleine Frau lachte wie verrückt! Ich schlug ihr vor, einen Wagen zu nehmen, um nach Versailles zu fahren, aber sie antwortete:

– Ach nein, das ist ja zu komisch die Geschichte, und ich habe zu großen Hunger. Übrigens bin ich ganz ruhig, mein Mann wird sich schon nach Hause finden. Ich bin ganz froh, ihn auf ein paar Stunden los zu sein!

Wir gingen also in ein Restaurant, dicht am Wasser, und ich wagte es, ein kleines Zimmer für uns allein zu nehmen.

Sie dudelte sich, weiß der Deubel, einen Schwips an, ganz tüchtig, sang, trank Champagner, machte allerlei Dummheiten . . . . . . . und sogar die größte von allen!

Das war mein erster Schritt vom Wege!

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