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Tag- und Nachtgeschichten

Guy de Maupassant: Tag- und Nachtgeschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleTag- und Nachtgeschichten
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume19
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060127
modified20140921
projectidd4141094
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Der Kleine

Herr Lemonnier war Witwer geworden und nun allein mit seinem Kinde. Er hatte seine Frau wahnsinnig geliebt, mit zärtlicher überspannter Liebe, ohne je darin nachzulassen während ihres ganzen Ehelebens.

Er war ein guter, braver Mann, einfach, zu einfach, offen, ohne Mißtrauen, ohne Tücke. Er hatte sich seiner Zeit in eine arme Nachbarin verliebt und hatte sie geheiratet.

Er besaß einen gutgehenden Tuchhandel, verdiente ein tüchtiges Stück Geld und zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß er von dem Mädchen nur um seiner selbst willen genommen worden sei.

Übrigens machte er sie glücklich, er sah nur sie auf der Welt, dachte nur an sie und blickte sie immer mit verzückten Augen an.

Während der Mahlzeiten beging er tausend Ungeschicklichkeiten, nur um nicht den Blick von dem geliebten Antlitz abzuwenden. Er goß den Wein in den Teller und Wasser in den Salat, dann lachte er wie ein Kind und rief:

– Siehst Du, ich hab Dich zu lieb, drum mache ich lauter Dummheiten!

Sie lächelte ruhig und ergeben, dann wendete sie die Augen ab, als störte sie die Anbetung ihres Mannes. Sie suchte ihn auf ein anderes Thema zu bringen, er aber griff über den Tisch nach ihrer Hand, hielt sie in der seinen und flüsterte:

– Meine kleine Hanna! Meine kleine Hanna!

Endlich wurde sie ungeduldig und rief:

– Na nun sei doch mal vernünftig, iß, und laß mich selbst essen!

Er seufzte und brach ein Stück Brot ab, das er langsam kaute.

Fünf Jahre lang hatten sie keine Kinder, da ward sie plötzlich guter Hoffnung, und es gab ein übermenschliches Glück. Während der ganzen Zeit verließ er sie nicht einen Augenblick, sodaß ihr Mädchen, eine alte Dienerin, die ihn selbst einst auferzogen und im Hause das Wort führte, ihn manchmal hinauswarf, ihn gewaltsam zwang, Luft zu schöpfen.

Er hatte sich sehr mit einem jungen Mann angefreundet, einem Jugendbekannten seiner Frau, der Bureau-Chef auf der Präfektur war. Dreimal wöchentlich aß Herr Duretour bei Lemonniers, brachte der Frau Blumen mit und ab und zu Billets fürs Theater, und manchmal beim Dessert rief der gute Lemonnier ganz weich geworden, indem er sich zu seiner Frau wandte:

– Mit einer Frau wie Du und einem Freund wie er, ist man restlos glücklich auf dieser Erde!

Sie starb im Wochenbett, und er wäre ihr beinahe freiwillig gefolgt; aber der Anblick des Kindes gab ihm den Mut weiterzuleben: ein kleines, welkes Wurm, das immer schrie.

Er liebte es mit glühender, schmerzlicher Leidenschaft, mit einer krankhaften Liebe, in der etwas von der Erinnerung an ihren Tod blieb, aber auch etwas von seiner Anbetung für die Tote.

Es war Fleisch von ihrem Fleisch, wie eine Fortdauer ihrer selbst. Dies Kind war ihr eigenes Dasein, nur in einem anderen Leibe, sie war dahingegangen, damit es lebte.

Und der Vater küßte es leidenschaftlich. Aber dieses Kind hatte sie auch getötet, sie ihm genommen, dieses liebe Dasein ihm entrissen, es hatte von ihm gelebt und seinen Teil des Lebens aus ihm gesogen. Und Herr Lemonnier legte seinen Sohn wieder in die Wiege und setzte sich daneben, um ihn zu betrachten.

Stunden und Stunden blieb er sitzen, starrte ihn an, dachte an tausend traurige oder süße Dinge, und als der Kleine schlief, neigte er sich nieder auf sein Gesicht und weinte in die Kissen.

*

Das Kind ward groß, der Vater konnte nicht eine Stunde mehr ohne seinen Sohn sein, er war immer um ihn, ging mit ihm spazieren, zog ihn selbst an, wusch ihn und gab ihm zu essen.

Sein Freund, Herr Duretour schien den Bengel gleichfalls in sein Herz geschlossen zu haben, küßte ihn herzlich mit jener Leidenschaftlichkeit, wie Eltern sie besitzen, nahm ihn auf den Arm oder ließ ihn stundenlang auf seinem Knie reiten. Dann legte er ihn sich wohl plötzlich auf den Schoß, hob das kurze Kleidchen und küßte die dicken Beinchen und die runden Waden des Würmchens.

Herr Lemonnier sagte ganz glückselig:

– Ist er nicht reizend! Ist er nicht reizend!

Und Herr Duretour preßte das Kind in seine Arme und kitzelte ihm mit seinem Schnurrbart den Hals.

Nur Cölestine, die alte Dienerin, schien dem Kinde keine Zärtlichkeit entgegenzubringen. Sie ärgerte sich über die Art, wie die beiden Männer es verzogen und rief:

– So darf man doch ein Kind nicht behandeln! Das wird ein netter Affe werden!

Jahre strichen hin, und der kleine Hans ward neun Jahre alt. Er konnte kaum lesen, so war er verdorben worden, und setzte überall seinen eigenen Kopf auf. Er war eigensinnig, bockbeinig und jähzornig. Der Vater aber gab immer nach und that ihm jeden Willen.

Herr Duretour kaufte unausgesetzt Spielzeug und brachte es dem Kleinen, dazu Kuchen und Bonbons.

Da ward Cölestine wütend:

– Gnädiger Herr, das ist ein Skandal, ein Skandal! Sie machen das Kind unglücklich! Verstehen Sie, das muß nun mal ein Ende nehmen, und es wird auch noch ein böses Ende nehmen, wird gar nicht mehr lange dauern!

Herr Lemonnier antwortete lachend:

– Ach was, Alte, ich habe eben meinen Sohn zu lieb, ich kann nicht nein sagen! Damit wirst Du Dich wohl abfinden müssen.

*

Hans war ein wenig zart und kränklich, der Arzt stellte Blutarmut fest, verordnete Eisen, rohes Fleisch und kräftige Suppen. Aber der Kleine wollte nur Kuchen essen und verweigerte jede andere Nahrung. Und der verzweifelte Vater stopfte ihn mit Cremeschnitten und Chokolade.

Eines Abends, als sie sich einander gegenüber zu Tisch setzten, brachte Cölestine die Suppe mit einer Sicherheit und Entschiedenheit, die sie sonst nicht zeigte. Sie setzte schnell den Deckel ab, that den Löffel hinein und sagte:

– Das ist mal eine Bouillon, so gut wie Sie noch keine gekriegt haben, und nun muß der Kleine essen!

Herr Lemonnier war entsetzt, er senkte den Kopf, er ahnte schon böses.

Cölestine nahm den Teller, schöpfte die Suppe hinein und stellte ihn vor ihren Herrn; er kostete und sagte:

– In der That, sie ist ausgezeichnet!

Da nahm die Alte den Teller des Kleinen, gab ihm einen vollen Löffel voll Suppe, dann trat sie zwei Schritte zurück und wartete. Hans roch daran, schob den Teller zurück und machte: – Brrr! – vor Ekel.

Cölestine erbleichte, trat schnell heran und zwängte den kleinen Löffel mit Gewalt in den halb offenen Mund des Kindes. Er erstickte halb, verschluckte sich, schlug wütend um sich, heulte, nahm sein Glas und schleuderte es nach dem Mädchen.

Es traf sie mitten auf den Leib. Da stürzte sie sich wütend auf ihn, nahm den Kopf des Wurmes unter den Arm und begann Löffel auf Löffel ihm die Suppe einzutrichtern.

Jedesmal brach das Kind sie wieder heraus, wand sich, schluckte, zitterte, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, puterrot, als wollte es ersticken.

Der Vater war zuerst so erschrocken, daß er sich nicht regte. Dann plötzlich stürzte er sich wie ein Wahnsinniger auf die Alte, packte sie bei der Gurgel und schmiß sie gegen die Wand; dabei rief er:

– Raus! Raus! Raus! Du Biest!

Aber sie stieß ihn von sich und brüllte mit aufgelöstem Haar, schiefgerückter Mütze und glühenden Augen:

– Was fällt Ihnen denn ein? Sie wollen mich noch schlagen, weil ich dem Wurm Suppe gebe, das Sie noch mit Ihrer Verzärtelung tot machen!

Er wiederholte und zitterte von Kopf bis zu Fuß:

– Raus, mach daß Du raus kommst! Du Biest!

Da stürzte sie sich außer sich auf ihn, stand vor ihm, blickte ihm Auge in Auge und sagte mit zitternder Stimme:

– So wollen Sie mich behandeln! So wollen Sie mich behandeln! Nee, nee! Und für wen denn das? Für diese Krabbe, die nich mal Ihr Kind ist! Nein, Ihres nicht! Nein, Ihres nicht! Ihres nicht! Weiß der Deubel, das pfeifen ja die Spatzen von den Dächern, nur Sie wissen's nicht! Fragen Sie doch den Kaufmann, den Fleischer, den Bäcker, alle, alle!

Sie stammelte fast erstickt vor Wut, dann schwieg sie und blickte ihn an.

Er regte sich nicht, er war totenblaß, schlaff hingen ihm die Arme herab, und nach ein paar Sekunden stotterte er mit zitternder, erschöpfter Stimme, aus der eine furchtbare Erregung klang:

– Was sagst Du da? Was sagst Du da?

Sie schwieg erschrocken über sein Aussehen. Er ging einen Schritt auf sie zu und wiederholte:

– Was sagst Du da? Was sagst Du da?

Da antwortete sie, jetzt wieder ruhiger:

– Ich sage, was ich weiß, was alle Welt weiß!

Er hob beide Hände, warf sich auf sie wie ein wildes Tier und versuchte sie niederzuschlagen. Aber trotz ihres Alters war sie stark und noch beweglich genug. Sie entwischte ihm, lief um den Tisch und indem die Wut wieder in ihr aufstieg, schrie sie ihm entgegen:

– Sehen Sie'n doch an! Sehen Sie'n doch an. Sie sind ja zu dumm! Ist das nicht der reine Herr Duretour? Sehen Sie doch die Nase an und die Augen! Haben Sie so was, solche Augen, so 'ne Nase? Solche Haare? Hatte sie etwa solche Haare, sie? Ich sage Ihnen, alle Welt weiß es, alle Welt, nur Sie nicht. Die ganze Stadt lacht ja darüber. Sehen Sie 'n doch nur an!

Sie rannte zur Thür, riß sie auf und verschwand.

Hans blieb entsetzt, unbeweglich vor seinem Suppenteller sitzen.

*

Eine Stunde darauf kam sie ganz langsam wieder, um nachzusehen. Der Kleine hatte die Kuchen gegessen, sein Kompott, Obst, und aß jetzt mit seinem Suppenlöffel Eingemachtes. Der Vater war hinausgegangen.

Cölestine nahm das Kind, küßte es, und langsam brachte sie es in sein Zimmer und zu Bett. Dann kehrte sie ins Eßzimmer zurück, räumte den Tisch ab, brachte alles, etwas unruhig geworden, in Ordnung. Man hörte nicht das geringste Geräusch im Hause.

Sie lauschte an der Thür des Zimmers ihres Herrn, nichts bewegte sich. Sie sah durch das Schlüsselloch, er schrieb ganz ruhig, wie es schien.

Dann kehrte sie in die Küche zurück, setzte sich dort hin, um jedenfalls bereit zu sein, denn sie ahnte irgend etwas. Auf einem Stuhle schlief sie ein, und erst bei Tagesanbruch wachte sie auf.

Sie brachte das Haus in Ordnung, wie gewöhnlich jeden Morgen, fegte, klopfte, wischte Staub, und gegen acht Uhr machte sie für Herrn Lemonnier das Frühstück zurecht. Aber sie wagte nicht, es in sein Zimmer hineinzubringen, denn sie wußte nicht, wie er sie empfangen würde. Und sie wartete, bis er klingelte. Er klingelte nicht, es wurde neun, es wurde zehn.

Cölestine setzte jetzt verstört das Frühstück auf ein Tablett, und mit klopfendem Herzen machte sie sich auf den Weg. An der Thür blieb sie stehen und lauschte – nichts regte sich. Sie klopfte, man antwortete nicht.

Da nahm sie allen Mut zusammen, öffnete, trat ein. Dann stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und ließ das Frühstück fallen, das sie in der Hand hielt:

Herr Lemonnier hing in seinem Zimmer am Kronleuchter!

Seine Zunge bläkte gräßlich heraus, der rechte Morgenschuh war herabgefallen, lag an der Erde, der linke klebte noch am Fuß. Ein umgefallener Stuhl war bis ans Bett geflogen.

Cölestine lief kreischend davon, die Nachbarn kamen gestürzt; der Arzt stellte fest, daß der Tod etwa um Mitternacht eingetreten sei.

Auf dem Schreibtisch des Selbstmörders fand man einen Brief an Herrn Duretour gerichtet, der enthielt nur eine Zeile:

»Ich lasse Ihnen das Kind, und vertraue es Ihnen an.«

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