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Tag- und Nachtgeschichten

Guy de Maupassant: Tag- und Nachtgeschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleTag- und Nachtgeschichten
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume19
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060127
modified20140921
projectidd4141094
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Elternmord

Der Verteidiger hatte auf Geistesgestörtheit plädiert. Wie sollte man sich sonst dieses seltsame Verbrechen erklären?

Eines Morgens hatte man in Chatou zwei zusammengebundene Leichen gefunden, Mann und Frau, zwei bekannte Persönlichkeiten der guten Gesellschaft, reich, nicht mehr ganz jung, aber erst seit einem Jahr verheiratet, die Frau war jedoch seit drei Jahren Witwe gewesen.

Man hätte keinen Feind nennen können, den sie gehabt. Ein Raubmord lag offenbar nicht vor, aber es war, als müßten sie über den Uferrand in den Fluß hinab geworfen worden sein, nachdem man sie beide, einen nach dem andern mit einem schweren Eisen erschlagen.

Die Untersuchung hatte kein Ergebnis; die Schiffer wußten nichts, und die Sache würde eingeschlafen sein, hätte sich nicht ein junger Tischler aus dem benachbarten Dorf Georg Louis, allgemein ›der Bürger‹ geheißen, der Obrigkeit gestellt.

Auf alle Fragen antwortete er nur:

– Ich kannte den Herrn seit zwei Jahren, die Frau seit einem halben Jahr. Sie kamen oft zu mir, um alte Möbel reparieren zu lassen, denn ich verstehe mich darauf.

Und als man ihn fragte:

– Warum haben Sie sie denn ermordet? – antwortete er beharrlich:

– Ich habe sie getötet, weil ich sie töten wollte! – Mehr war nicht herauszubekommen.

Der Mann war offenbar ein natürlicher Sohn, der auf dem Land einer Ziehfrau übergeben und da vernachlässigt worden war. Er hieß nur Georg Louis, aber da er, als er größer wurde, seltsam aufgeweckt war, mit natürlichem Geschmack und allerlei Feinheiten, die seine Kameraden nicht besaßen, nannte man ihn den »Bürger« und gar nicht mehr anders.

Er war Tischler geworden und galt für einen außerordentlich geschickten Handwerker; er schnitzte sogar in Holz.

Man hielt ihn für etwas überspannt, Anhänger von kommunistischen, sogar nihilistischen Ideen. Er las viel Hintertreppenromane, und in den Volksversammlungen war er unter Bauern und Arbeitern ein einflußreicher, gewandter Redner.

*

Der Verteidiger plaidierte auf Unzurechnungsfähigkeit.

Wie konnte man in der That annehmen, daß dieser Arbeiter seine besten Kunden ermordet hätte, reiche und gut zahlende, (wie er anerkannte), die ihm seit zwei Jahren für dreitausend Franken Arbeitslohn eingebracht (seine Bücher wiesen es aus).

Es gab nur eine einzige Erklärung: Geistesgestörtheit, die fixe Idee eines Kranken, der sich an allen Besitzenden, durch die Ermordung von zwei von ihnen, rächen will.

Und der Verteidiger spielte in geschickter Weise auf den Spitznamen »der Bürger« an und rief:

– Ist das nicht eine Ironie, eine Ironie, die wohl im stande ist, den unglücklichen Menschen, der weder Vater noch Mutter hat, verrückt zu machen? Er ist ein glühender Republikaner, was sage ich, er gehört sogar jener politischen Partei an, die einst die Republik standrechtlich erschießen und guillotinieren ließ, und die sie heute mit offenen Armen aufnimmt. Jener Partei, für die Brandstiftung ein Prinzip bedeutet und Mord ein ganz gewöhnliches Mittel zum Zweck.

Jene traurigen Grundsätze, die jetzt in den Volksversammlungen breitgetreten werden, haben diesen Mann auf dem Gewissen.

Er hat gehört, wie Republikaner, ja sogar Frauen, jawohl Frauen, Gambettas und des Präsidenten Grévi Blut gefordert haben. Sein kranker Geist ist dem unterlegen, er hat Blut sehen wollen, das Blut der Bürger.

Meine Herren, Sie müssen nicht ihn anklagen, sondern die Kommune!

Ein beifälliges Murmeln ward gehört, man fühlte, daß der Verteidiger das Spiel gewonnen. Der Staatsanwalt antwortete nicht. Da stellte der Präsident die übliche Frage:

– Angeklagter, haben Sie noch etwas zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?

Der Mann erhob sich.

Er war klein, flachsblond, mit grauen, scharfen, klaren Augen. Seine Stimme klang stark, offen und laut, und bei den ersten Worten schon hatte man von ihm einen anderen Begriff, als man sich zuerst von ihm gemacht.

Er sprach laut, mit Ausdruck und so deutlich, daß man bis in die letzte Ecke des großen Saales jedes Wort verstand:

– Herr Präsident! Da ich nicht in ein Irrenhaus kommen mag und die Guillotine vorziehe, werde ich alles gestehen. Ich habe diesen Mann und diese Frau getötet, weil sie meine Eltern waren. Nun hören Sie, und dann verurteilen Sie mich.

Eine Frau, die ein Kind bekommen hatte, ließ es irgend wohin zu einer Ziehfrau bringen. Hat sie überhaupt gewußt, wohin ihr Mitschuldiger das kleine unschuldige Wesen schleppte, das zu ewigem Elend verurteilt worden, zur Schmach außerehelicher Geburt, ja zu mehr noch, zum Tode, da man sich nicht mehr darum kümmerte und die Ziehfrau, als sie die monatlichen Zahlungen nicht mehr erhielt, es sterben lassen konnte, wie solche Frauen es oft thun, sterben lassen vor Hunger und vor Vernachlässigung.

Die Frau, zu der mich der Zufall führte, war eine brave Frau, ehrlicher; braver, eine bessere Mutter, als meine Mutter. Sie zog mich groß. Sie that Unrecht, indem sie ihre Pflicht erfüllte. Besser, jene elenden Wesen, die man in die Vororte stößt, wie man Steine hinausfährt, umkommen zu lassen.

Ich ward groß mit dem unbestimmten Gefühl, daß ein Makel an mir hafte. Die anderen Kinder nannten mich eines Tages einen Bastard; sie wußten nicht, was das hieß, sie hatten es irgend einmal zu Haus gehört, ich wußte es auch nicht, aber ich fühlte es.

Ich war, das kann ich wohl sagen, eines der fleißigsten Kinder in der Schule und, Herr Präsident, ich wäre auch ein ehrlicher, ein tüchtiger Mann geworden, wenn meine Eltern nicht das Verbrechen begangen hätten, sich nicht um mich zu kümmern.

Ja, dieses Verbrechen haben sie gegen mich begangen, ich war das Opfer, sie die Schuldigen. Ich konnte mich nicht wehren, sie fühlten kein Mitleid; sie hätten mich lieben müssen: sie verstießen mich.

Ich verdanke ihnen das Leben, aber ist denn das Leben ein Geschenk? Mein Leben jedenfalls war nur Unglück! Nach ihrer schmachvollen Vernachlässigung war ich ihnen nur noch Rache schuldig. Sie begingen gegen mich das unmenschlichste, infamste, das man gegen ein anderes Wesen begehen kann.

Ein Beleidigter wehrt sich, einer der bestohlen wird, nimmt gewaltsam sein Eigentum zurück. Einer der betrogen und gequält wird, tötet; einer der geschlagen wird, tötet, einer der entehrt wird, tötet – alle diese handeln im Affekt, im Zorn.

Ich bin moralisch mehr bestohlen, betrogen, gequält, geschlagen und entehrt worden, als alle, denen Sie den Zorn als Milderungsgrund anrechnen.

Ich habe getötet, es war mein unantastbares Recht; ich habe ihr glückliches Leben genommen für das furchtbare Leben, das sie mir gegeben hatten.

Sie werden es Elternmord nennen, aber waren das meine Eltern, diese Leute, für die ich eine schreckliche Last bedeutete, ein Schreck, ein Makel, für die meine Geburt ein Unglück gewesen ist und mein Leben ewig drohende Schande?

Sie suchten egoistisches Vergnügen, Wollust, es ward ein Kind daraus, sie haben das Kind beseitigt, nun war es an mir, ihnen das gleiche zu thun.

Und doch noch im letzten Augenblick wäre ich bereit gewesen, sie zu lieben. Vor zwei Jahren habe ich Ihnen gesagt, kam der Mann, der mein Vater war, zum ersten Mal zu mir. Ich hatte von nichts eine Ahnung. Er bestellte zwei Möbelstücke.

Er hatte sich, das erfuhr ich später, beim Pfarrer nach mir erkundigt, wohl verstanden, unter dem Siegel des Geheimnisses. Er kam öfters wieder, er gab mir Arbeit und bezahlte gut.

Manchmal sprach er von diesem und jenem mit mir, und ich hatte ihn gern.

Anfang dieses Jahres brachte er einmal seine Frau, meine Mutter mit. Als sie eintrat, zitterte sie so stark, daß ich meinte, sie wäre nervenkrank.

Sie bat um einen Stuhl und ein Glas Wasser. Sie sagte nichts, sie betrachtete meine Möbel mit irren Blick und antwortete nur ja und nein, wüst durcheinander, auf alle Fragen, die er stellte. Als sie fort waren, meinte ich, sie wäre wohl ein wenig verrückt.

Im nächsten Monat kamen sie wieder. Sie war ruhig, voller Selbstbeherrschung. An dem Tage blieben sie lange und gaben mir einen großen Auftrag.

Ich sah sie noch dreimal, ohne etwas zu ahnen, wieder. Aber eines Tages begann sie von meinem Leben, meiner Kindheit und meinen Eltern zu sprechen. Ich antwortete:

– Meine Eltern, gnädige Frau, sind Elende gewesen, die mich verlassen haben.

Da preßte sie die Hand aufs Herz und verlor die Besinnung. Ich dachte sofort:

– Das ist meine Mutter! – aber ich hütete mich wohl, etwas merken zu lassen. Nun erkundigte ich mich meinerseits, und erfuhr, daß sie erst seit dem vergangenen Jahr verheiratet waren, und daß meine Mutter drei Jahre Witwe gewesen. Das Gerücht ging, sie hätte mit ihrem jetzigen Mann ein Verhältnis gehabt, während der erste Mann noch lebte, aber einen Beweis gab es nicht. Ich war der Beweis, der Beweis, den man zuerst verborgen und dann gehofft hatte, ganz zu beseitigen.

Ich wartete, sie erschien eines Tages wieder, von meinem Vater begleitet. An diesem Tage war sie sehr bewegt, ich weiß nicht warum. Dann sagte sie zu mir, ehe sie fortgingen:

– Ich wünsche Ihnen alles Gute, denn Sie scheinen ein tüchtiger Arbeiter und ein braver Mensch zu sein. Sie werden sich wohl eines Tages verheiraten wollen, da will ich Ihnen behilflich sein, die Frau zu wählen, die Sie mögen. Ich bin einmal gegen meinen Wunsch verheiratet worden, und ich weiß, wie man darunter leidet. Nun bin ich reich, habe keine Kinder und bin Herrin meines Geldes. Hier haben Sie eine Mitgift.

Und sie gab mir ein großes, versiegeltes Couvert. Ich sah sie starr an, dann sagte ich:

– Sie sind meine Mutter!

Sie wich drei Schritte zurück und verbarg die Augen mit der Hand, um mich nicht zu sehen. Er, der Mann, mein Vater, fing sie in den Armen auf und schrie mich an:

– Sind Sie verrückt?

Ich antwortete:

– Durchaus nicht! Ich weiß wohl, daß Sie meine Eltern sind. Mich betrügt man nicht. Geben Sie es zu, und ich werde das Geheimnis bewahren, ich werde Ihnen nichts nachtragen, und ich werde bleiben was ich bin, ein einfacher Tischler.

Er wich bis an die Thür zurück, immer seine Frau in den Armen, die zu schluchzen begann. Ich lief hin, schloß die Thür ab, steckte den Schlüssel ein und sagte:

– Sehen Sie sie doch an, und nun leugnen Sie noch, daß sie meine Mutter ist!

Da ward er wütend, wurde totenblaß, entsetzt bei dem Gedanken, daß der Skandal, den er bisher vermieden, nun plötzlich ans Licht kommen könnte und mit einemmal ihre Stellung, ihr Name, ihre Ehre verloren wäre, und er stammelte:

– Sie sind ein Erpresser, Sie wollen uns nur Geld entlocken. Man muß diesem Volk nur Gutes thun, dieser Canaille, natürlich, nur Gutes thun!

Meine Mutter wiederholte fortwährend verzweifelt:

– Gehen wir doch! Gehen wir!

Da rief er, weil die Thür verschlossen war:

– Wenn Sie nicht sofort die Thür öffnen, werde ich Sie ins Gefängnis bringen wegen Erpressung und Freiheitsberaubung, hören Sie!

Ich war ganz Herr meiner selbst geblieben, öffnete die Thür und sah ihnen nach, wie sie in der Dunkelheit verschwanden.

Da war es mir plötzlich, als wäre ich Waise geworden, als wäre ich mutterseelen allein in den Rinnstein gestoßen. Eine furchtbare Traurigkeit, Zorn, Haß, Ekel, kam über mich, alles empörte sich in mir, ich wollte Gerechtigkeit, Recht, Ehre, Liebe.

Ich rannte ihnen nach, um sie an der Seine einzuholen, den Weg, den sie machen mußten zum Bahnhof von Chatou. Bald traf ich sie. Die Nacht war pechschwarz.

Ich schlich auf dem Grase hinter ihnen drein, daß sie mich nicht hörten. Meine Mutter weinte fortwährend. Mein Vater sagte:

– Du bist daran schuld, warum wolltest Du ihn wiedersehen, das war in unserer Lage ein Unsinn. Man hätte ihm von weitem schon etwas zukommen lassen können, ohne sich zu verraten. Da wir ihn doch nicht anerkennen können, wozu dann diese gefährlichen Besuche!

Da stürzte ich mich ihnen entgegen und bat und stammelte:

– Ihr seid meine Eltern, ihr habt mich schon einmal verstoßen, wollt ihr mich zum zweiten Mal verstoßen?

Doch er ward wütend, erhob die Hand gegen mich. Ich schwöre es auf meine Ehre, auf das Gesetz, er schlug mich, und als ich ihn bei der Kehle packte, zog er einen Revolver aus der Tasche.

Mir ward es wie Blut vor den Augen, ich weiß nicht mehr was ich that, aber ich hatte ein Instrument in der Tasche und damit schlug ich auf ihn drein, so stark ich konnte. Da begann sie zu schreien:

– Hilfe! Mörder!

Sie riß mich beim Bart. Wahrscheinlich habe ich sie auch getötet, weiß ich was ich that? Habe ich's in dem Moment gewußt?

Als ich sie dann beide am Boden liegen sah, warf ich sie in die Seine, ohne an irgend etwas zu denken.

So, ich bin fertig, nun bitte ich um mein Urteil!

*

Der Angeklagte setzte sich. Angesichts dieser Enthüllung wurde die Sache auf die nächste Session vertagt.

Er wird bald abgeurteilt werden.

Wenn wir Geschworene wären, wie urteilten wir wohl über diesen Elternmord?

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