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Tag- und Nachtgeschichten

Guy de Maupassant: Tag- und Nachtgeschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleTag- und Nachtgeschichten
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume19
year1917
printrunFünftes Tausend
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060127
modified20140921
projectidd4141094
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Coco

In der ganzen Gegend nannte man den Meierhof, der dem Lucas gehörte, »das Gütchen«. Man wußte eigentlich nicht warum, wahrscheinlich verbanden die Bauern mit dem Wort ,Gütchen' den Begriff von Reichtum und von Größe, denn der Hof war der größte und stolzeste in der ganzen Gegend.

Der große Hof war von fünf Reihen prachtvoller Bäume umgeben, um die zarten Apfelbäume gegen den heftigen Wind, der von der Ebene wehte, zu schützen.

Langgestreckte, ziegelgedeckte Scheunen, die Ernte aufzunehmen, schöne Viehställe und Stallng für dreißig Pferde, dann ein Wohnhaus in roten Ziegeln, das wie ein kleines Schloß aussah, lugten dahinter heraus.

Die Düngergruben waren gut gehalten, Wacht- Hunde lagen in ihren Hütten, in dem hohen Gras trieb sich ein ganzes Volk Geflügel umher.

Gegen Mittag nahmen fünfzehn Personen, Herren, Knechte und Mägde um den langen Küchentisch Platz, auf dem in einer großen, bunten Fayenceschüssel die Suppe dampfte.

Die Tiere, Pferde, Schafe, Kühe waren in gutem Futterzustand, reinlich und gut gehalten, und Bauer Lucas, ein großer, etwas wohlbeleibter Mann, machte dreimal täglich überall die Runde, überwachte alles und dachte an alles.

Im Stall erhielt ein sehr alter Schimmel das Gnadenbrot, das ihm die Hausfrau bis zu seinem Tode geben wollte, denn sie hatte ihn großgezogen, immer gefahren, und viele Erinnerungen knüpften sich an ihn.

Ein Bengel von fünfzehn Jahren, Isidor Duval, den man kurz Zidor nannte, wartete das alte Tier und gab ihm im Winter sein Maß Hafer und das Heu und mußte im Sommer täglich mit ihm viermal auf die Weide gehen, wo es angepflockt wurde, sodaß es reichlich grünes Futter bekam.

Das schwache, alte Tier konnte kaum seine schweren Beine mit den angeschwollenen Fesseln und verdickten Knieen heben. Das Fell, das man nicht mehr striegelte, sah aus wie weißes Haar, und die sehr langen Wimpern gaben den Augen etwas Trauriges.

Wenn Zidor das Tier auf die Weide brachte, mußte er's am Strick ziehen, denn es ging sehr langsam, und der Bengel keuchte, beugte sich vor, schimpfte fortwährend und war immer wütend, daß er für den alten Gaul sorgen sollte.

Die Leute auf dem Hof, die die Wut des Bengels gegen den alten Coco sahen, lachten darüber, redeten immer von Zidors Klepper, um den Jungen zu ärgern. Seine Altersgenossen zogen ihn auf, und bald hieß er im Dorf Coco-Zidor.

Der Bengel war wütend, und der Gedanke stieg in ihm auf, sich an dem Gaul zu rächen. Er war ein hoher, lang aufgeschossener Junge mit schmutzigen, dichten, struppigen, roten Haaren, er hatte etwas Blödes, stotterte, brachte kaum ein paar Worte heraus, als ob in der stumpfsinnigen Seele keine Gedanken sich hätten bilden können.

Schon lange wunderte er sich, daß man Coco noch behielt, und war empört, daß man an das alte, unnütze Tier noch etwas wendete. Von dem Augenblick ab, wo es nicht mehr arbeitete, schien es ihm ungerecht, es noch weiter zu ernähren.

Er fand es empörend, den Hafer, den teuren Hafer, an dies alte, halbgelähmte Vieh zu verschwenden. Und manchmal, gegen den Befehl des Bauern, knapste er ihm von der Nahrung ab, gab ihm bloß ein halbes Maß und sparte am Heu.

Und in seiner dumpfen Kinderseele stieg eine milde Wut auf gegen das Tier, ein brutaler, feiger Bauernhaß.

Als der Sommer wiederkam, mußte er das Tier wieder auf die Weide, die weit entfernt lag, zerren; der Junge, von Tag zu Tag wütender, zog das Pferd hinter sich her durch die Felder langsamen Schrittes.

Die Knechte, die dort arbeiteten, riefen ihm scherzend nach:

– He Zidor, grüß mal Coco von mir!

Er antwortete nicht, aber im Vorübergehen, brach er sich aus einer Hecke einen Stecken, und sobald er den alten Gaul angebunden hatte, ließ er ihn weiden. Dann näherte er sich feige von hinten und begann ihn zu schlagen.

Das Tier versuchte zu fliehen, den Schlägen auszuweichen und rannte rund um den Strick herum, als ob es in der Mühle ginge. Aber der Junge schlug wütend drauf, immer zornig die Zähne aufeinander gebissen, hinter ihm herlaufend.

Dann ging er langsam davon, ohne sich umzudrehen, während das Pferd mit schlagenden Flanken, außer Atem, weil es hatte traben müssen, ihm mit seinen alten Augen nachsah. Und es senkte den weißen Kopf zum Grase hinab, nachdem es in der Ferne die blaue Blouse des Bauernjungen hatte verschwinden sehen.

Da die Nächte warm waren, ließ man jetzt Coco draußen hinterm Wald am Hügelhang, nur Zidor ging hin und sah nach dem Pferde.

Der Bengel unterhielt sich damit, das Tier mit Steinen zu werfen, setzte sich zehn Schritt entfernt auf einen Hügel, blieb dort eine halbe Stunde, und ab und zu schleuderte er einen spitzen Stein nach dem armen Gaul, der stehen blieb, gefesselt seinem Feinde gegenüber und ihn unausgesetzt ansah, ohne es zu wagen weiter zu weiden, ehe der Junge fortgegangen.

Aber immer blieb dem Nichtsnutz der Gedanke im Kopf:

– Wozu nährt man nun so ein Pferd, das zu nichts mehr zu brauchen ist.

Es war ihm, als stehle diese alte Mähre das Fressen anderen, das Besitztum der Menschen, das Gottes, sogar seines, Zidors, der doch arbeiten mußte.

Da verringerte der Bengel jeden Tag den Weidestrich, den er ihm gab, indem er den Holzpfahl, an dem der Strick saß, weniger weit vorrückte. Das Tier fastete, wurde mager und schwach.

Zu schwach, um sich loszureißen, streckte es den Kopf nach dem hohen, grünen Grase aus, das so nahe war und dessen Duft es anwehte, ohne daß es heran konnte.

Aber eines Tages kam Zidor auf eine Idee. Er wollte Coco nicht mehr bewachen, er mochte nicht mehr für dies alte Gerippe so weit laufen.

Aber er kam doch, um seine Rache auszukosten. Das Tier schaute ihn unruhig an, aber an dem Tag schlug er es nicht, er ging um das Pferd herum, die Hände in den Taschen, und er that sogar, als wollte er ihm einen anderen Weidefleck geben, aber er stieß doch den Pfahl wieder in dasselbe Loch und ging ganz befriedigt von seiner Erfindung davon.

Als das Tier ihn weggehen sah, wieherte es, um ihn zurückzurufen, aber der Nichtsnutz ließ es allein, ganz allein fest gebunden, ohne einen Grashalm im Bereich seines Mauls.

In seinem Hunger versuchte das Pferd das fette Gras zu erreichen, das es gerade mit den Nüstern noch berühren konnte, es kniete nieder, streckte den Hals aus und schnalzte mit den starken Lefzen. Vergebens! Den ganzen Tag mühte sich das alte Tier unnütz ab in entsetzlicher Qual.

Der Hunger plagte es, der noch stärker wurde durch den Anblick der ganz grünen Nahrung, die sich ringsherum ausdehnte. Aber den Tag kam der Bengel nicht wieder; er strich im Walde herum, um Vogelnester auszunehmen.

Am nächsten Morgen kam er wieder. Coco hatte sich ganz schwach niedergelegt. Als er den Jungen sah, erhob er sich und wartete darauf, an einem anderen Fleck festgemacht zu werden. Aber der kleine Bauernjunge rührte sich nicht, er blickte das Tier an, warf ihm eine Hand voll feuchter Erde an den Kopf, der sich an dem weißen Haar breitdrückte, und pfeifend ging er davon.

Das Pferd blieb noch stehen, so lange es den Jungen sehen konnte. Da es wohl fühlte, daß seine Versuche, einen Grashalm in der Nähe zu erreichen,, umsonst waren, streckte es sich wieder auf die Erde und schloß die Augen.

Am nächsten Tage kam Zidor nicht wieder, als er sich am übernächsten Tage dem lang hingestreckten Loco näherte, entdeckte er: der Gaul war tot.

Da blieb er stehen, betrachtete das Tier, zufrieden mit dem, was er gethan, und doch zugleich erstaunt, daß es schon aus sei. Er berührte es mit dem Fuß, hob eins der Beine, ließ es zurückfallen, setzte sich auf den Gaul und blieb dann sitzen, indem er vor sich ins Gras starrte und nachdachte.

Er kehrte auf den Hof zurück, aber er sagte nichts von dem, was geschehen, denn er wollte noch zu den Stunden, wo er sonst immer das Pferd umsteckte, herumstreifen.

Am nächsten Tage ging er hin, Raben flogen fort, als er sich näherte, unzählige Fliegen saßen auf dem Aas und summten und brummten.

Als er heimkehrte, meldete er es. Das Tier war schon alt, so war niemand weiter erstaunt darüber, und der Bauer sagte nur zu zwei Knechten:

– Nehmt mal ein paar Schaufeln mit und macht eine Grube, wo er gerade liegt!

Die Männer verscharrten das Pferd genau an der Stelle, wo es vor Hunger gestorben war.

Und das Gras wuchs dicht, grün, kräftig, gedüngt von dem armen Leibe.

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