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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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7

Habe ich nicht eben den Hals gereckt, genau wie eine Grasmücke auf einem Haselnußstrauch? (Taktaktaktak-fiieh-je! lockt das Tierchen, bevor es singt.)

Ein Hälschen: nicht dicker als mein Zeigefinger, gereckt: nicht höher als der Daumennagel – vor dem altgermanischen Ungeheuer der Nordsee?

Kein Haselnußstrauch zu sehn. Eine Holzterrasse, schwankend im Bumserwind. Ich kann nicht mehr singen. Das Chalet ein einziges Schlagwerk, Fenster, Türen, Gardinenstangen in Bewegung, keine Grasmücke, kein Haselnußstrauch, ich poltre melodisch.

Und warte doch, warte auf ein Wort von Johanna, auf daß die Geigen vom Himmel fallen im dröhnenden Wind und eine Kinderprozession anhebe unter blühenden Rotdornbäumen, auf einem Weg, der männlich zum Ziele führt. Sie sind fällig, die Geigen, schon vier Tage warten wir auf ihre Niederkunft – da flattert das Notenpapier aus dem Fenster und schaut nach ihnen aus!

Dornröschen in Berlin. Ein Betrunkener poltert melodisch vor der verzauberten Riesengarage.

Haltung. Arbeit. Arbeit. Bumfallera, das war die Kellertür. Scharfes Zeug, eine zuschmetternde Kellertür! Das ganze Chalet springt nach. Huiß-krackkrack-ooh-klik! Klik. Haaltung!

Nicht vergessen: bin ein Mensch, Geschöpf der festen Erde, gehißt über die Masse der übrigen Schöpfung.

Damit mir ja nicht einfalle, mit dem Meer anzubändeln in unwürdiger Vertraulichkeit, hat der Erdteil, zu dem ich gehöre, eine Barriere in Form einer abschreckend schwarzen Autostraße davorgelegt. Manchmal erscheint der Kontrolleur meines Festlandes. Ein Touren wagen saust heran und nimmt die Parade des Meeres ab. Im Vorbeifahren wirft er auch einen Blick auf mein Chalet, um festzustellen, daß ich mich ordnungsgemäß vom Meer nicht habe fressen lassen. Ich habe mir neulich eine kleine Fahne angeschafft, die schwenke ich dann und grüße den Herrn Siegelbewahrer meiner Art.

Bums!

So kann ich in dem Glanz von gefrorener Schmiere der Autostraße meine Muskelstärke bewundern, die es dem Element zeigt, ihm, das allein nicht gekuscht, nicht nachgegeben, sich seit undenklicher Zeit nicht geändert hat unter der Zwangsarbeit meines Geschlechts. Sogar die arme Seele eines Volkes in Not, die nachts draußen heult, haben wir ihm aufgezwungen. Denn es handelt sich, wie ich erfahren habe, um eine Heulboje, als Wegzeichen für unsre Schiffe im Meere verankert.

Eine Heulboje. Wird fabrikmäßig hergestellt. Das Meer muß einen Betonklotz schlucken, daran hängt eine Kette, und an der Kette schaukelt die Boje und heult, genau, wie wir es von ihr erwarten. Wenn ich nachts erwache, lausche ich auf das wimmernde Triumphgeheul, das unser Herrentum verkündet, und schnurre vor Stolz in meinem Bett.

Ich knurre ganz anders, mit der Demut eines Hundes vor seinem Herrn knurre ich, wenn der Briefträger den Rand der Straße heranschleicht, dunkel und gering, mit einem gelegentlichen winzigen Lichtspritzer an den Füßen, als habe sich an der Morgensonne ein abenteuerlicher Tropfen Teer von der Straße gelöst und reiße, mit Hilfe der Briefträgerschuhe, mühsam aus. Wohin reißt man hier aus?

Dreihundert Meter sind es vom letzten Haus der Stadt, und der Briefträger unternimmt den Marsch nur einmal am Tag, Er klettert nicht gern. Von der Straße muß man noch die Düne hinauf bis zu mir.

Demütig betrachte ich das Schauspiel des herannahenden Briefträgers, drücke mich in den Garten und beuge mich über die armen geschlagenen Blumen. Mein Herz ruft sie an. Hörbar pulst es und ruft. Der Garten besteht aus hundert Quadratmetern Sand, in den zwei Säcke Komposterde geworfen wurden.

Es wird Sommer. An der Mauer blühen Hornveilchen, lila und weiß, und im mittleren Beet eine altmodische Alpenkresse, deren Blütenköpfchen im Wind zittern. Sie sind weiß von Natur, aber blau vor Kälte. Auch mir beben die Knie, da ich mich neben sie kauere und ihre schlotternde Armut in die Hände nehme. Dies also ist alles, was mir vom Frühling übrigblieb.

Zu Hause blühen Goldregen, Schneeball, Feuerdorn, Zierarten der Johannisbeere, blutrote, gelbe und rosa, die Kerria an der Südwand des Hauses und Flieder. Und soviel andre Fackeln noch lachen dort im Wind! Die Wunderblume der weißen Roßkastanie nicht zu vergessen, von der ein jeder der dicht aufgesteckten weißen Blütenkelche mit einem Spritzer kostbaren Blutes gezeichnet ist, während die andern, die roten Blüten, in ihrem Schoß ein weißes Mal der Unschuld bewahren – in Erinnerung an welche verschollenen Feste des Dionys? Kleine zitternde Arabis der Düne! Hornveilchen ohne Duft! Meilenweit um den See duftet bei uns der Wind. Stillgestanden! für den Empfang der Geigen ...

Kannst stehn, bis du blau wirst!

Von den Strandhotels, die bei meiner Ankunft geschlossen waren, Türe und Fenster mit Brettern vernagelt, haben inzwischen zwei geöffnet. Ich sage ja: es wird Sommer. Wirklich sind auch einige Badegäste eingetroffen, in der Mitte der asphaltierten Straße stehn sie und stecken die Nase in den dröhnenden Wind. Gebadet hat noch keiner. Ebensowenig wie ich. Bin auch nicht da, um zu baden. Im dröhnenden Wind. Aber seitdem die Hotels geöffnet haben, ist das Meer in Bewegung.

Arme, über kristallene Steinbrocken zitternde Alpenkresse! So schrumpfe ich zusammen, wenn ich an Johanna denke. Lautlos an den Boden geduckt. Denn sie wird wiederum nicht geschrieben haben. Der Zuruf am Morgen, lachend wie eine Blütenfackel im Wind für den Tag und die Arbeit – bleibt wiederum aus. Leere, aus der Dröhnen des Meeres fällt. Ich verstehe es nicht, dies Gedröhn. Was man nicht versteht, macht einem Angst. Angst, Wut, Verachtung schauern in der Leere, sie sind es nicht, die im metallenen Wasserfall reden, im Blut habe ich sie, schauernd stumm, zehrend, und zwischen dem und jenem zieht die schwarze Straße einen Strich.

Verbannung. Zwangsarbeit.

Jetzt. Wie der Briefträger beim Heraufklettern die Füße setzt – merke ich, er trägt keinen Brief von Johanna. »Heutzutage schreiben sie nicht mehr, sind ganz dabei, hier wie dort«, wird er sprechen – und ein Grinsen krächzen, der Rachitiker. Im dröhnenden Wind.

So steht man am Pranger, einsam vor dem sinnlos wütenden Meer, und wird verhöhnt. Kleine, gerupfte, blaugefrorene Alpenkresse! Bis zehn Uhr werde ich herumgehn und der unverständlichen Drohung lauschen.

Da, zum erstenmal höre ich am Tag die Heulboje! Im dröhnenden Wind ...

Um zehn herum grüße ich mit der Fahne das Flugzeug, das mit Post und Passagieren vom Himmel schwebt, und bin wiederum stolz.

Stunden am Flügel, neben mir den Tisch mit dem Notenpapier. Angst, Haß, Verachtung prasseln gegen das Meer. Ohne Anfang, ohne Ende.

Vielleicht leiste ich mir ein flachstimmiges Schnadahüpfel, ein Stückchen Lied fast, ohne Anfang, ohne Ende, richte es mir an, serviere es mir, ach! und nehme es auf die Zunge (vielleicht hat sie heute, heute geschrieben), und wiederum Angst, Zorn und Erbarmen, im Dröhnen des Windes, prasselnd gegen das Meer, weithin über einen leeren Raum weg, so unbegreiflich fern ist das Meer hinter dem schwarzen Strich. Über Hohn, Zorn und Erbarmen stürzt sich Musik, die Musik geht in ihrem gelehrten Wellengang. Das Meer aber bleibt ein Angsttraum, in dem die fabrikmäßig hergestellte Boje winselt.

Abends im Hafen. Es riecht gut. Das Dröhnen des Windes bekommt weiche Locken, blüht farbig auf, spitzt den Mund.

Hundert Augen, zweihundert steigen über ein schmales Brett vom Dampfer, zischend schießen die Bogenlampen an, dreihundert Augen, vierhundert umströmen mich hüftlings, Beine, Schultern, Arme, Schenkel, Frauen, demütig schaue ich das Wunder.

Whisky und Soda vor dem Hafencafé, Abendessen in dem Speisesaal des Hotels, leerem Konzertsaal, wo ich einsam in der Ecke melodisch für mich poltere, von der Spargelsuppe zum Zitroneneis. Whisky und Soda in der Halle. Leer, halbdunkel, sie sparen Licht. Heim im schwarzen Wind, den Höllenhund von einer Boje, stoßend, am rechten Knie.

Der Wind hebt mich die ersten dreißig Erdstufen in der Düne hinauf, die nächsten dreißig aber will er auf einmal für sich behalten, da sitzt er vorgebeugt und führt in der Finsternis dicke Tritte gegen mein Kinn. Mit Kopf und Schulter fange ich sie auf; Leeres Haus. Das elektrische Licht zittert vor Angst. Musik.

Whisky und Soda. Träume, Heulboje, Träume. Als wir heirateten, war es abgemacht, daß ich keinen Unfug mehr umtriebe – aus Musik in Alkohol, von Alkohol in Träume, quer durch Schweden, von einem Bett zum andern! Geigen fielen vom Himmel, damals, ein marschierendes, singendes Streicherkorps, das stellte sich vornedran, und wir folgten und setzten ordentlich die Füße.

Jetzt – wird der Briefträger den Kopf mit dem Käppi heben. Käppi, Lakaienmütze, Henkerlivree. Ich will nicht! Hinter das Haus.

Bedauernswerter Garten.

Alpenkresse.

Gartenhaus, Versteck ...

Warum steht die Tür auf? ...

Ich glaube, ich habe geschrien.

Mir scheint: ich höre es noch.

Ich habe geschrien.

Oder stockte der Herzschlag?

Ich sah gleich, daß sie tot waren. Schöne Menschen. Ein freudiger Schreck auf den Gesichtern. Beide tot, der Jüngling und das Mädchen. Schwarz angezogen – beide. Der Jüngling hält den Revolver in der Hand. Feine Hand. Hand eines Kellners, der es weit bringen kann. Er wollte nicht weiter. Als bis zu ihr. Ihre Haare sind gleich lang, fast vom selben dunkelfeurigen Blond. Ein rostbraunes Blond wie die Haare Johannas.

Etwas Blut an den beiden zugewandten Schläfen.

Sie müssen sich nebeneinander ausgestreckt haben, erst hat er sie in die linke Schläfe geschossen, dann sich selbst in die rechte Schläfe.

Daß ein gewaltsamer Tod so jede Spur von Gewaltsamkeit verlieren kann! Sie müssen sich heute nacht erschossen haben – im dröhnenden Wind. Ich fuhr auf einem Traumschiff im Sturm, vielleicht habe ich die Schüsse gehört, vielleicht nicht. Ich höre soviel auf den nächtlichen Fahrten, wenn ich im Schlagzeug des scheppernden Hauses mitspiele, und wir tanzen auf dem Meer. Was man nicht versteht, macht Angst, und ich versuche nicht zu begreifen.

In zwei schönen jungen Menschen lächelt wächsern die Angst – freudiger Schreck, mit gelblichen Glanzlichtern auf ihre Gesichter getupft, nackt hingelegt die Gesichter vor ihren Gott, in der Gewißheit des Urteils. Ach, wäre ich so schön wie du, Johanna – und so wunschlos wie du, mein Junge!

Wimmert nicht die Boje wie eine Totenglocke?

Beide haben blaue Augen. Kornblumenblau, mit einer Spur Gelb wie vom Weizen. Kristallen verwahren sie ihr Geheimnis. Wie Steine leuchten sie in der innern Nacht.

Ich will sie nicht schließen.

Die kleinen Hände des Mädchens sind geballt. Beiderseitig geballt an die Schenkel gedrückt. Die Beine gestreckt dicht aneinander. Wahrscheinlich hat sie sich zusammengenommen, als sie den kalten Lauf an ihrer Schläfe spürte. Er aber hat den einen Fuß über ihre geschlossenen Füße gelegt. Sie mußte vorgehn. Allein. Er folgte.

Tapfere Johanna.

»He! Briefträger! Hierher! Ja – ja –. Ja, bitte, melden Sie's. Ich kenne die Leute nicht.«

Der Briefträger kannte sie. Er wußte sogar, daß sie seit Wochen sich nachts hier trafen. Wenn man ihm Glauben schenken wollte, so wußte es die ganze Stadt. Würdig wie ein Arzt im Sterbehaus begann er eine Geschichte, gewissermaßen die Krankengeschichte. Er selbst, so häßlich er war, hüllte sich zärtlich in Leben, sein blaurasiertes Kinn glänzte, voll tierischer Wehmut schielte er über die Brillengläser. Bruder vom Festland, gepanzert im Leben, gepanzert gegen die Angst, unheimlicher Geselle! Er wußte alles. Für ihn gab es kein Geheimnis. Stolz hob er den Kopf mit dem Käppi, stolz hob er das Bein mit dem Trampelstiefel und schritt über den Tod hinweg ...

Da kam John van Maray ins Laufen. In Sprüngen setzte er die Düne hinab. Ein Brüllen in der Brust, eingepackt in dröhnenden Wind, ein Stück Wind selber, das rollend zur Lawine anschwoll, so lief er über die schwarze Bahn bis vor das Hotel.

Hier machte er halt und sah sich nach dem Briefträger um. Als er ihn endlich erblickte, wie er gemächlich die Straße heraufkam (Haltung, Maray, Haltung! Panik – ist keine Musik), betrat er das Hotel und verlangte ein Gespräch mit Berlin, Rauchstraße 4, die Telephonnummer wußte er nicht.

Er wartete eine Stunde. Ob der Kerl, der Briefträger, der Unterkontrolleur – ihnen die Augen zugedrückt hat? fragte er sich. Zugedeckt die hellen Steine, den Unterpfand des Sieges? Einen Strich unter das Geschehnis gemacht?

Er wartete zwei Stunden. Ihm schien, das Dröhnen des Meeres sei in die Telephonzelle eingesperrt.

Er machte das Gespräch dringend, gleich war es da.

Van Maray ging zur Telephonzelle und blieb vor der geschlossenen Tür stehn. Er stand mit hängenden Armen, die Fäuste geballt, und ließ es drinnen klingeln. Er stand, um dem rasenden Schlagwerk zu lauschen, das alles übertönte: den Wind, die krächzende Stimme des Briefträgers, das Meer, das Klopfen, das Sausen der Leere im Blut, sogar Johannas überhelle Stimme, die er einen Augenblick lang deutlich im Kopf hatte, und er stand auch, um zu verhindern, daß jemand auf das Klingeln herbeieilte und in die Zelle eindränge.

Ich will nicht! wiederholte er paarmal, die Fäuste geballt, mit hängenden Armen ... Es darf nicht sein ... Panik ist keine Musik. Er stellte sich Johanna tot vor, in den Armen eines andern, tot, ein rundes Loch in der Schläfe. Deutlich sah er sie vor sich: schwarz gekleidet, die rostbraune Mähne seitlich herabhängend, die Hände geballt, um nicht zu erschrecken. Neben ihr ein Jüngling, braun, breitschultrig, mit schmalem, blassem Gesicht, so wie John van Maray in jenen Jahren gewesen war, in jenen Jahren, als er ins Leben hinausging – ein Jüngling, der vielleicht ein großer Musiker geworden wäre, wenn er es überstanden hätte.

Endlich hörte das Klingeln auf.

»Fertig«, warf er dem Portier im Vorbeigehn zu.

Barhäuptig marschierte er die Straße hinunter, die von schwarzer Sonne glänzte, warf einen gleichgültigen Blick auf das Chalet, der weißblaue Himmel darüber war zum Zerreißen gespannt, marschierte weiter, immer geradeaus.

Die Brandung stand und zerschlug sich im Takt.

Die Schaumhände der hohen Wände zerzupften einen Regenbogen.

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