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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 7
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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6

In keinem andern Hause Berlins stand um die Zeit die Sonne mit solcher Pracht – die Lichtfedern geplustert, klirrend und sausend mit einem Farbenspiel, das den Eintretenden lauter als Glocken begrüßte, um gleich darauf unter den Händen des zureichenden Dieners, unter dem beginnenden Gespräch zu verstummen.

Zumal Josephus Samtaug war ein so liebenswürdiger Hausherr, daß die Sonne selbst in diesem Raum, den er ausdrücklich ihr als Kapelle und nur nebenbei auch sich als Frühstückszimmer gebaut hatte, schon bei seinem Erscheinen magisch hinter den Stuhl zurücktrat, auf den er sich setzte, und nur noch ein verbindliches Leuchten zeigte, sobald der Bankier seine Augen und die Stimme erhob.

»Guten Morgen!« sagte er.

Damit begrüßte er den Tag, in den er durch die goldene Pforte getreten war, gebadet, rasiert und massiert, ein wenig eingeturnt auch auf den täglichen Feldzug, aus frischer Wäsche duftend, aus frischen Augen lächelnd, den Tag und sich selbst in ihm und das allgegenwärtige Glück.

Damit begrüßte er die Früchte und Speisen des Tisches, Kaffee, Tee und Grütze, zwischen denen er täglich von neuem wählen mußte.

Damit begrüßte er den Diener Karl, der nunmehr in feierlicher Eile zu zelebrieren begann, ja, ihn zuletzt, der immer zehn Sekunden vorher wußte, was Josephus heute vorzog: Grütze, Kaffee oder Tee.

Sie alle begrüßte und beschützte er mit seinem liturgischen »Guten Morgen!« und die ebenfalls frische, rundliche, aber in dieser frühen Stunde noch auffallend schlanke Gattin und den niemals fehlenden Gast. Auch der langhaarige Spaniel war in den Gruß einbeschlossen, er empfand es dankbar und turnte unter dem Tisch mit dem freundlich wippenden Bein seines Herrn, erst mit dem linken, dann mit dem rechten, schnell und präzis, als wäre er darauf dressiert.

»Guten Morgen!« antwortete mit bedachtem Lockenschütteln die Gattin.

Sie machte einen Knicks über den Teller hin: »Wir haben uns lange nicht gesehn ...«

Ein beißender Duft stieg aus ihren Haaren.
Da waren alle Blumen geschlagen.

Über dem Tisch duftete es nur noch nach dem neuesten französischen Parfüm, das, sehr passend, Matin doré, goldener Morgen, hieß.

Ruth Samtaug, so erwies es sich, war die kräftigste Blume am Tisch und die süßeste Frucht. Mit kindlichem Leuchten verweilten Samtaugs Augen auf ihrem Gesicht, aus dem ein ganz zarter Rauch zu steigen schien wie in der Sommerfrühe aus den Wiesen seines geliebten Buskow.

»Guten Morgen – Josephus«, stieß Johanna zwischen zwei Bissen hervor.

Decke und Wände des Zimmers bestanden aus goldenen Mosaikwürfeln. Ein zartgrüner Farbstreifen, tausendfältig verlaufend, bildete das Adernetz des goldenen Werkes. Auf das Mosaik waren kleine, absichtlich bunte Bilder gemalt, in denen ebenfalls Gold und Grün überwogen (ein Vogel Strauß, so strahlend, als wäre er von innen beleuchtet, ein Tiger, der tiefgebückten Hauptes aus dem Dschungel trat, ein turnender Affe, Kakadus und Papageien, ein Araber auf gebäumtem Roß, überhell und flüchtig, Bruchteil einer Fata morgana, und ähnliche Kurzweil mehr aus dem Morgenland). In verschiedener Höhe rings an den Wänden verteilt, wirkten sie als Lockpunkte für das Auge, als die dunklerfarbigen Laternen oder lebenden Inschriften des Strahlenraumes.

Während Johanna ihre Portion kalten Fisches beendete, suchte ihr Blick in den Schalen und Glaskörben nach der angemessenen Frucht dieses Morgens.

Die Augen hatten einen Ausdruck verträumter Gefräßigkeit.

Sie wählte einen kalifornischen Apfel und sagte mit plötzlich zusammengezogenen Brauen, wobei sie aussah wie ein Kind, das, ein wenig ängstlich, ein wenig trotzig, Schelte aus dem Jenseits entgegennimmt:

»Heute muß ich an John schreiben. Sonst vergißt er mich noch über seiner Symphonie.«

»Symphonie für Jazzband, Streicherkorps und Orgel«, deklamierte Ruth. »Ein Werk, ein œuvre, ein standard work.«. – »Scharfe Sache«, meinte Josephus. Johanna biß in den Apfel.

»Soviel, meine Lieben, daß ich vielleicht keinen Platz darin finde.«

Frau Samtaug tröstete:

»Wo John van Maray musiziert, da bist auch du, Johanna. Und wo du bist, da musiziert auch John.«

Dessen schien Josephus nicht so gewiß. Er hob den Blick und knipste ein ironisches Signallicht an, worin das Augendunkel zu schimmern begann.

»An deiner Stelle, Johanna, würde ich auf alle Fälle mal telegraphieren. Wenn du willst, lasse ich die Depesche im Büro aufgeben.«

»Nein, nein«, wehrte sie ab. Und während sie das Haupt mit der rostroten Mähne tiefer beugte:

»Nach so langer Trennung und seinen zwei Briefen kann ich nicht einfach telegraphieren. Einen Brief muß ich schreiben, eine unmenschlich lange Epistel. Übrigens hat er mir, glaube ich, drei Briefe geschickt, nicht zwei.«

Sehr bestimmt erklärte nun auch Ruth Samtaug:

»Ein Brief wäre allerdings das beste!« Sie entschied: »Wir bringen Josephus auf sein Büro. Von dort begleitest du mich zur Schneiderin. Dann fahren wir nach Haus, und du schreibst deinen Brief. Und vergiß nicht: heute abend gebe ich eine kleine Gesellschaft für dich.«

Johanna, kleinmütig verdüstert:

»Für mich?«

»Jugendfreunde, Jugendfreundinnen – das war ich dir doch schuldig! Außerdem paar Leute, die dich kennenlernen wollen. Insgesamt zweiunddreißig Personen. Versetze uns also, bitte, nicht.«

»Ruth, ich werde doch nicht auf einen Schlag zweiunddreißig Personen versetzen! Nein, Ruth, gewiß nicht.«

Beim Aufbruch blieb die Zeitung im Fliederbusch. Josephus bemerkte es, strahlte auf, wollte etwas sagen, unterdrückte es aber auf ein Zeichen seiner Frau.

Zu dritt marschierten sie hygienisch durch den Tiergarten, über die Linden, die Wilhelmstraße hinauf. »John«, sprach Johanna in ihrem Herzen. »Geliebter John ...«

Und, auf einmal, laut zu den andern:

»Ihr könnt sicher sein, er führt Krieg. Das ist folgendermaßen. Er setzt sich vor das Meer ans Klavier und fängt an, mit ihm zu handeln. Ohne Kragen, mit aufgekrempeltem Hemd. Tag und Nacht. Es muß schrecklich sein. Was soll ich ihm da mit einem liedhaften Brief!«

Ruth hob ein witterndes Näschen:

»Mit einem ...?«

»Stell' dir vor, Ruth, Josephus wäre mit einer großen Transaktion beschäftigt, einer Millionensache, und plötzlich fielst du mit der Tür ins Zimmer und verlangtest drei Mark Haushaltungsgeld.«

»Da bekäme ich allerdings was Liedhaftes zu hören«, rief Ruth und ergriff den Arm ihres Mannes ...

»Nicht wahr?«

Das Ehepaar lachte sich an, die prickelnde Süße und Kraft des Frühlings in den verschlungenen Armen, und sprach immer wieder von den drei Mark Haushaltungsgeld.

Johanna versank in Nachdenken.

Berlin glänzte feucht, von einer Flamme auf der Spitze der Siegessäule beseelt. Man sah die Göttin nicht deutlich. Wie eine ewige Ampel aus Gold glitzerte sie droben im Dunst, Erinnerung, Lockung, Versprechen, daneben brütete weich, gleich einer schief gestellten goldenen Tafel, die Kuppel des Reichstags.

Als stumpffarbene Tempeldiener standen die Schutzpolizisten vor den Toren der inneren Stadt. Zeremoniell hoben und senkten sie die Arme. (»Gestern die grimmigsten Feinde von uns Linksleuten«, sagte Josephus, »heute unsre Freunde.«) An den Polizisten vorbei stießen, sprangen, glitten die Fuhrwerke: Autos, Räder, Motorräder, mit und ohne Kasten, belfernde Renner, es schien, als gingen die Asphaltstraßen mit ihnen auf Wanderschaft, so schleiften besonders die Limousinen das matte Licht der Bahn hinter sich her. Aber alle, weich und blank gerieben, wie sie im Lärm daherkamen, waren deutlich die Geschöpfe der noch nicht ganz zum hellen Tag erwachten Straße. Ihre Hörner sangen eine Hetzjagd ein, die Metallteile schlitzten das Licht, es spritzte in kurzen, grellen Bündeln, und doch blieb jeder Baum am Weg ein frischer Gott, der sich anschickte, seine Macht zu üben.

»Wenn es uns Spaß macht, dürfen wir auch durch die Mitte«, sagte Ruth zu Johanna, als sie vor das Brandenburger Tor kamen.

Ja, die mittlere Durchfahrt, früher das Privileg des kaiserlichen Hofes, gehörte Samtaug und allen, wie der ganze gewaltige Triumphbogen mit dem sieghaft zum Ziele fahrenden Bronzegespann jetzt den namenlosen, geflügelten Wesen gehörte, den Nachfahren der Könige und Kaiser, und dies waren in Berlin alle, die Glück hatten.

Vor der Bank wartete Herr Brust mit dem Auto. Die Damen nahmen darin Platz.

Trotz aller Beschwörungen weigerte Johanna sich, mit ihrer Freundin zur Schneiderin hineinzugehn. Nein, nein, das war nichts für arme Leute, das weckte nur die Begehrlichkeit. Im Auto wollte sie warten.

Als Ruth wiederkam, war Johanna verschwunden.

Herr Brust gab Auskunft.

»Die gnädige Frau hat einen Taxameter genommen und ist davongefahren. Die gnädige Frau sah besorgt aus.«

Dabei machte er ein Gesicht, als erwarte er den Befehl, die Verfolgung des Taxameters aufzunehmen, worin das Kind saß.

Der feuchte Frühlingsmorgen umnebelte ihn wohlig. Er hatte die halbe Stunde, während deren Ruth anprobierte, einer Olympiade der Sperlinge zugesehn. Und sich für alle Fälle die Nummer des Taxameters gemerkt.

Am liebsten wäre er in die Mark hinaus und von einem See zum andern gefahren.

Seine Herrin schien nichts vom Frühling zu spüren.

Sie nickte vor sich hin.

Natürlich. Nur, um keine Gelegenheit zu haben, ihren Brief zu schreiben – tobt das Kind in der Stadt herum!

»Nach Hause, Herr Brust!«

Ich glaube, ich glaube – Berlin macht sie verrückt. Ich muß ihr helfen. Dafür bin ich ihre Freundin. »Bitte, Herr Brust, etwas langsamer! Wir sind hier nicht auf der Avus.«

In der Rauchstraße angelangt, verfaßte Ruth einen Brief an John van Maray. Sie erzählte ihm eingangs von Johanna, wie sie in prallem Entzücken durch ihr altes, so verändertes Berlin tanze, dann, drei Seiten lang, von sich, ihrem Gatten, Freunden und Bekannten, auch die letzten Konzerte vergaß sie nicht zu erwähnen. Zum Schluß kam sie auf Johanna zurück und sprach die Vermutung aus, die schöne tapfere, immer fröhliche Frau denke ›unermüdlich‹ an ihren großen Musiker, fände aber ›buchstäblich nicht die Zeit‹, ihm zu schreiben. Sie schloß französisch: » Que voulez-vous? C'est Berlin! Et elle est Berlinoise!« Sie hätte es auch englisch sagen können, aber englisch sprach sie besser, als sie schrieb. Mit dem Französischen verhielt es sich umgekehrt.

Den Brief schickte sie mit der Flugpost.

Ruth wartete einen langen Tag auf die Freundin.

Als es Abend wurde, setzte sie sich zum Telephon und begann Johanna zu suchen. Sie verfolgte ihre Spur durch Berlin und fand sie endlich bei einem alten Geheimrat und Kollegen von Johannas Vater, den die Inflation aus dem Tiergartenviertel langsam bis hinter Dahlem abgedrängt hatte und der merkwürdigerweise noch Telephonanschluß besaß.

»Und was macht der Brief? Die unmenschlich lange Epistel an John?« fragte Ruth.

Gerade hatte die Geheimrätin Johanna ihren Schreibtisch überlassen – noch schnell vor dem Abendessen.

»Vor welchem Abendessen?«

»Hier. Ich muß natürlich hier essen.«

»Um Himmels willen, Kind – deine Gäste!«

»Ach – du – «

Pause der Ergriffenheit. Ruth bildete sich schon ein, durch das Telephon Johannas Herz klopfen zu hören. Doch plötzlich:

»Du, Ruth«, fegte es her, »Ruth, meine Ruth, es ist herrlich hier, genau so wie damals, als ich auf die Welt kam – verblüffend! Die Geheimrätin redet aufs Tüpfelchen wie meine Großmutter – weißt du, die lebte doch noch zuletzt am Kurfürstendamm bei uns, Ecke Fasanenstraße. Übrigens, dort war ich heute auch. Nicht wiederzuerkennen, toll, ganz toll, der Kurfürstendamm! Der Portier hat mir erzählt, der ganze Damm wechsle alle Monate das Programm – es scheint, alles geht pleite, weil die Mieten zu hoch sind, und wo einer pleite geht, fragen zwanzig nach, die auch pleite gehn wollen, eine Art religiöser Wahnsinn, was meinst du? Oder spielen sie Hasard und sagen sich: einmal muß es treffen!? Aber schön ist es doch. Denk' nur, Ruth, der Portier, der alte Feldwebel, ist Sozialdemokrat. In der Loge hängt links vom Bett Hindenburg und rechts der Ebert – was sagst du?! Und der Sohn – hörst du, Ruth? – der Sohn, der schon Tertianer war, ist Kommunist geworden, in der Tertia, verstehst du? Da hat der Alte ihn aus der Schule genommen und Schlosser lernen lassen. Warum? Jetzt staune! Damit er ist und bleibt, was er bleiben und sein will, hat der Alte geantwortet. Da war der Ebert ein andrer Kerl, hat er gesagt. Ach – du – Ruth, es wird schon zum Abendessen gegangen! Verzeih, verzeih, verzeih! Gleich nach Tisch komme ich und schreibe den Brief bei dir. Weißt du was? Schicke mir um neun Uhr den Wagen. Da kann dann keiner was dagegen machen.«

Als um elf der Wagen mit Johanna noch immer nicht da war, telephonierte Ruth wiederum an den Geheimrat. Sie erfuhr nur, daß Johanna um neun Uhr abgefahren sei.

Ruth, die eine ruhige Ehe führte, liebte es, die geringsten Ereignisse zu dramatisieren. Da ihre und Johannas Gäste gerade aus dem Speisezimmer kamen, trat sie vor sie hin, schaute genußsüchtig lächelnd an ihrem Stilkleid hinunter und sprach:

»Kinder, ich habe bei der alten Geheimrätin Kortsch angerufen, wo man Johanna van Maray ... ich denke mir: unter körperlicher Nötigung ... zum Abendessen behalten hatte. Ihr wart alle so gütig, sie zu entschuldigen. Nun aber – seit zwei Stunden ist Johanna in unserm Wagen unterwegs nach der Rauchstraße! Ich muß hinzufügen, daß Kortschs nicht in Magdeburg wohnen, sondern irgendwo bei Dahlem. Wenn ich Johanna nicht kennte oder vielmehr den Chauffeur, Herrn Brust, so würde ich mich fürchten.«

Beschwörend hob sie das Zeigefingerchen:

»Spinnweb, Spinnweb an der Wand –«

Niemand fürchtete sich ...

Alle hatten im stillen das Reifkleid bewundert oder gehaßt. Zwei Herren, die zum erstenmal im Samtaugschen Hause weilten, bekamen das Spinnweb gezeigt, das als Glücksbringer in einer Ecke des Zimmers unterhalten wurde.

Nebenan stimmte die kleine Jazzband die Instrumente. Man trank eilig den Kaffee, und der Tanz begann.

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