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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 5
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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4

Mitte Mai betrat die Sonne um sieben Uhr das Frühstückszimmer im Hause Rauchstraße 4. Erst um halb acht wurde gefrühstückt.

Die Sonne wußte, sie habe noch eine halbe Stunde frei, und unbekümmert um den dunkelblauen Diener und das Mädchen in weißer Haube, die ihr fortwährend in den Weg traten, ergab sie sich ihrem gewaltigen Spiel.

Sie schlug Feuerräder aus den Wänden und ließ goldene Kringel über die Decke flitzen. Die Kringel sprangen wie die flachen Kiesel, mit denen Buben das Wasser schneiden, nur daß es hier ein goldener Fluß war und jeder Kiesel aus eitel Sonne.

Manchmal trieb sie es toller und tat einen Ruck und Stoß, daß der ganze Raum in Goldklötze und grünliche Splitter sprang. Der Diener und das Mädchen deckten den Tisch.

Außer dem, was sich auch auf englischen Frühstückstischen findet, gab es da eine Unmenge von Früchten, aus dem Füllhorn einer ländlichen Gottheit auf den Berliner Tisch geschüttet und prächtig anzuschauen, wie sie in den alten böhmischen Granatschalen protzten und den Glaskörben aus Murano zur Last fielen. Die Glaskörbe waren neu und hatten viel Zoll gekostet.

Außerdem aber gab es zwei jüdische Spezialgerichte, Pastete und kalten Fisch.

An die Pastete, an den kalten Fisch dachte inbrünstig eine Dame im zweiten Stockwerk des Hauses, wo die Gastzimmer lagen, alle Kräfte ihrer Phantasie rief sie auf, um sie zu sehn, zu riechen, zu schmecken: die Pastete, den kalten Fisch. Hungrig war sie überall, über die Maßen hungrig, wo sie auf der Welt erwachte. Nirgends in der Welt bekam sie die Pastete, den kalten Fisch zu essen. Nur hier, in Berlin.

Die zehrende Askese dieser Stunde verlieh dem Geschäft des Bades, der Toilette, der Besinnung auf sich einen Klang von Pathos, einen leicht schmerzlichen Schwung. Sie hungerte als ein Held, der sich erst zu essen erlaubt, wenn die vorgesetzte Tat vollbracht ist.

›Was jetzt wohl John macht!‹ dachte sie, als sie in das Bad stieg, John war ihr Mann und weit weg – an der belgischen Küste.

Sie dachte: ›Lieber John! Geliebter John!‹

Nein. Sie fühlte, sie habe es nicht stark genug gedacht, und wiederholte es mit den Lippen.

So war es recht!

Doch das Bild Johns wollte sich bei weitem nicht so prall vor ihrem inneren Auge formen wie der Frühstückstisch, mit der Pastete, dem kalten Fisch. Das Bild Johns schwankte hinter ihrem Hungergefühl, noch undeutlicher als ihr Leib im grünlichen Badewasser. Vielleicht um John zu suchen, hob sie den Kopf, rückte links ein wenig, rechts ein wenig und musterte sich, Stück um Stück. Vorsichtig hob sie das eine Bein, dann das andre. Das Wasser schäumte und trieb Blasen. Sie fand sich erstaunlich und geheimnisvoll wie ein fremdes Tier in der Weiße ihres Körpers. Ja, es war ihr eigener Körper, der ihr unter dem schwankenden Wasser entglitt und plötzlich wieder in seltsamen Krümmungen auf sie zusprang.

Von John war nichts zu sehn. Geliebter John!

Sie verfehlte nie, ihrem Badewasser Kohlensäure beizumengen, um unter hell surrender Musik als wahrhaft Schaumgeborene dem Meer der Dunkelheit zu entsteigen. Es war ihre Art Sieg über die Nacht, über den Tod.

In Wahrheit ein leichter Sieg. Die Nacht war ihr eine liebe Schwester, der Tod ein mißratener und verschollener Bruder, den sie nur wiedersähe, um ihn für immer aus den Augen zu verlieren. Seitdem sie ihre Eltern hatte sterben sehn, wußte sie: das Sterben geschieht außerhalb des Lebens, es hat nichts mehr mit ihm zu tun.

Dann stand sie, mit flüssigen Perlen übersät, vor dem Spiegel und schüttelte die Schultern, den Leib, die Oberschenkel und sah zu, wie die Wassertropfen in nichts zergingen oder aber, kurz entschlossen, kleine, eilige Wanderungen über Johanna van Maray antraten. Sie folgte ihnen mit den Augen, die der Hunger spitzte, und wägenden Gedanken. Jetzt war der Hunger kein Schleier mehr, kein Wunsch- und Spielverderber, sondern ein verbündeter Gott, der seinen Sitz im Spiegel hatte.

Sie war groß und von allseits gerundeter Schlankheit. Ihr Leib stand schmal, fast unmerklich gewölbt, die Schenkel gingen lang und fest, das Knie blieb rund, schmal standen die Füße. Den geraden Schultern entschlüpfte der Hals mit zwei heftigen Bewegungen, einer an den Schultern, einer unter dem Kinn, was ihr einen Ausdruck von Eigenwilligkeit und Kraft verlieh. Die rotblonde Mähne im beschlagenen Spiegel rauchte um eine Stirn, die hell und ebenmäßig hervortrat wie die Schultern. Die Augen starrten in einem aufmerksamen Halbschlaf. Sie waren blau, aber von einem gelblichen Schein überzogen, von dem man nicht wußte, ob er von den Goldspritzern in der Iris oder von der Weizenfarbe der Wimpern und Brauen herrührte.

Johanna konnte über den ganzen Körper erröten, so weiß war sie im Winter. Die ersten Sonnenbäder aber färbten sie rot, und dann glich sie einer Löwin.

Sie stellte fest, sie sei noch immer schön, und sie log nicht. Sie zählte fünfundzwanzig Jahre, und so wie sie gebaut war, versprach sie, es in weiteren fünfundzwanzig auf ihre Weise auch noch zu sein.

Der Ruck ihrer Hüfte, als sie vom Spiegel wegtrat, erinnerte sie an ihre Sommer- und Löwinnenzeit, wenn John zu ihr sagte: »Reisen wir in den Süden, wohin du gehörst, in den Dschungel!« Draußen ertönte schmetternd der erste Autoruf des Tages. Es war ein herrschaftliches Signal und verkündete die Abfahrt des Generaldirektors Deutermann.

Der Generaldirektor wohnte schräg gegenüber. Er liebte die Musik, er verehrte John. Bereits am Tag ihrer Ankunft in Berlin hatte er ihr einen riesigen Fliederstrauß geschickt. So feinhörig war der Musikfreund, daß sein Ohr im großen, lauten Berlin die Ankunft von Musikern und Musikerfrauen sofort vernahm. Deshalb hieß er auch, etwas umständlich, aber treffend: Die Berliner Musikbebenwarte.

Sicher dachte er an sie, da er jetzt am Hause vorbeifuhr ... Leise knurrend dachte sie an ihn. Der Mann war zu reich, aber auch viel zu trocken für das Lusthaus der Töne, dessen Doppeltür sich allabendlich in den schmalen Nickelbeschlägen drehte, worauf man durch drei Salons in einen Musiksaal wandelte, der alle toten und lebenden Heroen der Musik hätte fassen können. Die Salons mitsamt den Möbeln erinnerten an die Räume einer chirurgischen Klinik, der Musiksaal an ein Krematorium für Monisten, die auf die neue Sachlichkeit schwören. Daneben lag das Speisezimmer mit lauter Stilleben von Cézanne und Renoir. Wie tropische Gewächse wirkten die Bilder in der weißen Starrheit des Raumes.

Doch die Frauen kamen da an wie Königinnen, auch die ärmsten. Der alte Junggeselle verbeugte sich tief. Das war nun wiederum schön. Von allen Instrumenten der neuen und alten Zeit besaß er angeblich die besten, die Zimmer voll bis unters Dach, alle in nickelbeschlagenen Glasschränken geordnet. Und er kam nie auf den Gedanken, selbst zu musizieren. Ein anständiger Mann. Aber zu reich, viel zu reich für einen Freund.

Hatte Josephus nicht versichert, der Generaldirektor sei zwanzigmal reicher als er? Johanna schüttelte den Kopf. Womit man Geld verdiente, darüber hatte Johanna nie nachgedacht. Jede andre Art, als daß man ein Gehalt bezog, erschien der Beamtentochter im höchsten Grade fragwürdig. Einmal hatte John Geld, einmal hatte er keins, und viel war es nie. Sie nahm es hin wie der Fisch Ebbe und Flut und die Laune des nährenden Meeres ... Geheimnisvolles Berlin! Jetzt also fuhr Deutermann zu seinem Büro und verdiente das viele Geld. Er war der Frühaufsteher der Rauchstraße. Nun würde man lange keinen Autoruf mehr vernehmen. Bis halb neun bliebe es stiller, als es um die Zeit auf dem Land war. Alle Häuser standen mit großen Bäumen gewappnet, und in den Bäumen sangen die Vögel der Reichen.

Johanna gürtete die Lenden mit einem Band, an dessen herabhängenden Schnüren sie die langen Seidenstrümpfe befestigte, sie fuhr in eine Hemdhose, sie warf ein knappes, kurzärmeliges Kleid über und schritt zögernd, mit der fast tänzerischen Gemessenheit ihres bis zum Ende ertragenen Hungers, mit einer künstlich verlängerten, edlen Gier die Treppe hinunter.

Die Treppe schien für eine Ewigkeit von Geschlechtern aufgerichtet, Geschlechtern von Gästen der Familie Samtaug. Sie war aus schwarzpoliertem Mahagoniholz getürmt, ein cremefarbener Läufer besänftigte ihre düstere Feierlichkeit. Die Messingstängchen, die den Läufer auf den Stufen festhielten, hatten eine stumpfweiße Farbe. An der Decke des Treppenhauses hing ein schmiedeeiserner Kirchenleuchter, ein mächtiger Reifen, an dem das Muster der florentinischen Lilie mit dem des Andreaskreuzes abwechselte. Dazwischen saßen die Kerzen, die aus Glas und für Elektrizität eingerichtet waren. Der Leuchter stammte beglaubigterweise aus dem Dom von Siena.

In der offenen Tür des Frühstückszimmers am Ende des Ganges erblickte Johanna glühende Sträuße von Darwintulpen. Eine weiße Empirevase in der Ecke hielt die Blüten eines ganzen Fliederstrauches versammelt. Die Blumen kamen aus der Gärtnerei von Samtaugs Landgut Buskow, wo in allen Teilen der Landwirtschaft und Gärtnerei vorbildlich, wenn auch mit Verlust gearbeitet wurde.

»Großer Erfolg John van Marays in London«, rief Ruth Samtaug ihr entgegen. »Gesang: Ursel Bruhn, am Flügel Kollreuth – bitte, Kollreuth in Person! Hier, mein Kind, lies!«

Johanna nahm die hingehaltene Zeitung und schob sie zwischen die Fliederzweige in der Ecke.

»Ich finde, die Berliner Druckerschwärze riecht so schlecht dieses Jahr. Es könnte mir den Appetit verderben. Dort vergesse ich die Zeitung auch nicht. Ich schaue immer hin. Ich bin vernarrt in den Flieder dieses Jahr.«

»Dort vergißt du sie bestimmt«, behauptete Frau Samtaug, freundschaftlich gedämpfte Entrüstung in der Stimme.

Darauf erwiderte Johanna nur mit einem Ruck des Löwinnenhauptes, der eine Verneinung bedeutete.

Sie aß.

Beschwörend murmelte Ruth Samtaug:

»Spinnweb, Spinnweb an der Wand ...«

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