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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 4
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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3

Zwölfjährig debütierte John in der Literatur. Es war ein falscher Start, denn ihn erwartete die Musik, nicht die Dichtung, und außerdem beging er ein krasses Plagiat.

Er hatte in der Zeitschrift Der gute Kamerad ein langes Gedicht in Hexametern gelesen, betitelt: Unsre Klasse.

Unsre Klasse gefiel ihm gleich so gut, daß er ein Kunststück fertigbrachte, wie es ihm vorher und nachher kein einziges Mal gelingen wollte: er lernte das Gedicht auswendig.

»Hört mal«, sagte er im Schulhof, »da habe ich ein famoses Gedicht gelesen ...«

Die Zuhörer zeigten sich nicht weniger begeistert als er, und in seiner Freude behauptete sein bester Freund, der im Ernstfall Old Shatterhand hieß: »Das hat er gar nicht gelesen! das paßt ja genau auf unsere Klasse! Das hat er selbst gemacht.«

John hatte nicht daran gedacht, aber jetzt stand er geblendet.

Sein Leugnen wurde schwächer, und als ein käsebleicher Mitschüler namens Depsich, dessen Eltern aus dem Pommerschen oder von sonstwo dort oben eingewandert waren, in der nächsten Stunde aufstand und dem Lehrer meldete: »John van Maray hat ein Gedicht auf unsre Klasse gemacht und kann es auswendig hersagen«, und gleichzeitig Old Shatterhand, der hinter John saß, ihm einen kräftigen Puff in den Rücken versetzte, da stand er auf und gab sein Gedicht auf ihre Klasse zum besten.

Sein Ruhm war groß und schnell vergessen, am gründlichsten von ihm selbst. So daß er vierzehn Tage später dem aus dem Pommerschen hergelaufenen Depsich ohne Arg das Heft des Guten Kameraden lieh, in dem sein Gedicht stand.

Das Gedicht war keineswegs anonym, sondern voll gezeichnet. »Fritz Meyer« stand unter dem letzten Vers: »Fritz Meyer, Quartaner (Apolda)«.

Und nun war es wiederum der Depsich, der in der Stunde aufstand und meldete: »John van Maray hat sein Gedicht aus dem Guten Kameraden gestohlen. Der Verfasser heißt Fritz Meyer und wohnt in Apolda.« Dabei hielt er dem Lehrer die Zeitschrift unter die Nase.

Kaum zu sagen, wie hämisch sein Grinsen war, das Grinsen des käsebleichen, hergelaufenen Depsich, als John sich umwandte, um das Loch im Himmel zu suchen, aus dem jählings der Donner der Vernichtung herabgefallen war! Die Köpfe der Mitschüler verschwammen zu einem feurigen Nebel. Nur das Gesicht des Depsich, das strebte teigig grimassierend zur Decke, als ob der Kopf lauter Luft enthielte. Nun, so war es wohl auch. Jahre lang sah John das Grinsen des pommerschen Luftballons deutlich vor sich. Es wurde ihm geradezu schlecht, wenn er daran dachte.

Die ungeheure Demütigung ging nicht so schnell vorüber wie der Ruhm, aber auch sie ging vorüber – wenigstens scheinbar. Als John abends in einer menschenleeren Gasse auf den Depsich gestoßen war und ihn windelweich gehauen hatte, war die Sache für sie beide abgetan. Er gehörte nicht zu Johns hervorragenden Feinden. John stand zu hoch, John war Winnetou. Als solcher machte er an der Spitze seiner Indianerbande die Zaberner Steige unsicher. Und was war der andre? Der Gefreite Depsich im Korps des ebenfalls hergelaufenen Colonel Smith.

Im folgenden haben wir es auch nur mit diesem zu tun, dem Colonel Smith, Erb- und Todfeind des Indianerstammes, Colonel Smith, der bald darauf den Besuch eines Verwandten aus Amerika erhielt.

Der Erb- und Todfeind war Befehlshaber des englischen Forts an der Zaberner Steige und galt für fast ebenso stark wie John, und wenn auch die Söhne der Steuereinnehmer, Kaserneninspektoren, Post- und Bahnassistenten, aus denen die Regierungstruppen bestanden, zum größten Teil waschechte Bleichgesichter waren, so legte Colonel Smith den Ureinwohnern der Jagdgründe doch beträchtliche Schwierigkeiten in den Weg.

Zumal als er die Feuerwaffe einführte, gewann er ein Übergewicht, das die andern in brennender Weise zu spüren bekamen. Sie brauchten eine gewisse Zeit, bis sie genug Taschengeld gesammelt, genug erhandelt und aus der mütterlichen Haushaltungskasse gestohlen hatten und endlich alle miteinander zum Kauf von Taschenteschings schreiten konnten. Sie planten nämlich einen vernichtenden Feuerüberfall auf den weißen Mann, der nicht durch vereinzelte, voreilige Schüsse aufmerksam gemacht werden sollte, daß die Rothäute sich heimlich die Donnerbüchsen der Zivilisation zulegten.

Um den Vorsprung wettzumachen, wählten die Indianer ein stärkeres Kaliber. Man konnte gröbere Salzstücke in die Schrothülse hineintun, auch knallte es doppelt so laut.

Der Entscheidungskampf war auf den nächsten schulfreien Tag, einen Donnerstag, festgesetzt, das Unternehmen sorgfältig vorbereitet. Unter anderm hatten John und seine Freunde den letzten Sonntag benutzt, um im Steinwall des englischen Forts eine Dynamitpatrone anzubringen. Die zwanzig Meter lange Zündschnur endete in einem Haselnußstrauch. Der Sohn eines Steinbruchbesitzers, ein ganz hervorragender Indianer, hatte sie zu Hause gefunden.

Drunten im Städtchen war Colonel Smith, der Quartaner Karl Friedrich Buttermann, und drunten im Städtchen waren John und er keine schlechten Freunde. John rief ihn Fitzi, wie seine Mutter ihn rief. Der Vater besaß eine kleine Bank bei der Pfarrkirche.

Von dem Besuch des amerikanischen Verwandten hörte man am Mittwoch. Da kam Fitzi mit einem goldenen Dollarstück auf den Schulhof, zeigte es her und sagte, der amerikanische Verwandte habe es ihm geschenkt. Er sah aus wie ein Pfennig aus dünnem gelben Gold. Alle durften es befühlen und auf die flache Hand legen, und dann gingen sie in die Eingangshalle, wo Fitzi sich niederkauerte und das goldene Dollarstück auf den Steinplatten klingen ließ. Es war echt. Gold, echtes Gold.

Auf dem Heimweg nahm John den Fitzi zur Seite und fragte ihn, was er für das Dollarstück haben wollte. Er bot an: zwei Bände Karl May, fünf Jahrgänge des Guten Kameraden, fünfzig leere Kakaobüchsen, einen Globus mit Sonne und Mond. Das waren Sachen, die ihm gehörten, aber Fitzi fand keinen Gefallen daran.

Da erzählte John ihm von dem Armeerevolver seines Vaters, den er im indischen Urwald getragen, und von einem echten malaiischen Menschenskelett, auch das konnte er haben. Der Vater hatte es in der Ecke seines Arbeitszimmers stehn. Der Revolver lag in einer Kiste im Speicher.

Fitzi begleitete John noch vor dem Essen nach Hause, um den Revolver und das Skelett zu besichtigen.

Er wählte aber das Briefmarkenalbum. Das lag bei John auf dem Tisch und war ein schönes, dickes Album, vollgeklebt mit Marken, für das schon Vater und Mutter gesammelt hatten und das er nur ›auf Probe‹ besaß, wobei es sich erweisen sollte, ob er schon groß genug sei, einen derartigen Schatz zu mehren. Das wählte er. Und »Topp« sagten sie.

John versteckte das Dollarstück in der hintersten Ecke der Schreibtischschublade.

Am nächsten Tag überfielen die Rothäute das englische Fort an der Zaberner Steige, verschossen ein Kilo Viehsalz, die gesamte Besatzung geriet in Gefangenschaft. Die Zündschnur der Dynamitpatrone hatte freilich versagt.

Die Regierungstruppen mußten bei Manitou schwören, nie mehr Dienst gegen die legitimen Herren der Jagdgründe zu tun, dann durften sie heimgehn und Kaffee trinken.

Colonel Smith aber wurde an den Marterpfahl gebunden. Und vor dem Marterpfahl wurde ein Reisigfeuer entzündet, wie es sich gehörte, und die Sieger tanzten heulend um den Pfahl, Tomahawks schwangen sie und Skalpiermesser und knallten die Teschings in die Luft.

Als sie Colonel Smith losbanden und aus der Rauchwolke ans Licht zogen, war er blau im Gesicht und keineswegs in der Lage, die Abbitte zu leisten, die sie ihm zumuteten. Sie schüttelten ihn tüchtig, trugen ihn auch noch, und dies dauerte eine schwere Stunde, durch Wälder und Wiesen hinunter bis an den Bach, wo er kräftig gewaschen wurde. Dann kam der Indianer mit der Kognakflasche, den John zu seiner Mutter entsandt hatte. Die Rothäute öffneten dem Obersten gewaltsam den Mund und flößten ihm Kognak ein, bis er sich verschluckte und ganz entsetzlich husten mußte. Davon erwachte er zum Leben.

Als Fitzi heimging, war er über die Maßen munter, keiner hatte ihn je so vergnügt gesehn.

Am Sonntag machte der Bankier Buttermann Besuch bei Herrn van Maray. Er trug das Briefmarkenalbum unter dem Arm. Gleich wurde John in den Salon gerufen.

»Wo hast du das goldene Dollarstück?« fragte der Vater. Die steile Falte über der Nasenwurzel war dreigezackt, und das bedeutete Orkan. John kannte seinen Vater.

Oh! das Dollarstück war schnell zur Stelle, mit einer stummen Verbeugung überreichte der Junge es Herrn Bankier Buttermann, stammelnd suchte er sich zu entschuldigen. »Du bleibst heute zu Hause«, schnitt ihm der Vater das Wort ab, und Herr Buttermann warf ihm einen schadenfrohen Blick zu.

John kannte seinen Vater. Als der nach Tisch geruht hatte und die Mutter zur Vesper gegangen war, brach der Sturm los. Der Sturm öffnete ruhig die Zimmertür, stand einen Augenblick da, als überblickte er sein Feld – dann brach er los. Es war ein Orkan, John hatte sich nicht getäuscht. Als Wrack ging er aus dem Naturereignis hervor.

Bereits am nächsten Tage wurden die Regierungstruppen sowohl wie der Indianerstamm von Amts wegen aufgelöst. Fitzi und John jedoch blieben fortan unzertrennlich, obwohl die beiden Väter sich in List und Gewalt überboten, um die Söhne auseinanderzuhalten – vielleicht auch deshalb. »Verstehst du«, hatte Fitzi gesagt, »nie im Leben wäre mir ein verräterisches Wort über die Lippen gekommen, aber ich war ja betrunken, völlig betrunken. Da habe ich gequatscht. Weißt du, es soll auch bei den Großen vorkommen.«

Im übrigen bereute er nichts.

Gemeinsam wandten die beiden sich dem Fußballsport zu.

Nun, mehr als zwanzig Jahre später, hatte John im Sanatorium, wo, wie gesagt, fleißig analysiert wurde, und als er gerade so auf der Lauer lag, um dem Arzt einen flagranten Fehlspruch über das Funktionieren der Wolfsgruben und Selbstschüsse in seinem Seelenleben zu entreißen, zwanzig Jahre später hatte er einen schlimmen Traum.

Sein Freund Fitzi war verschwunden. Bald hieß es, er sei getötet und die Leiche im Wald an der Zaberner Steige versteckt worden. Von wem? Niemand konnte es sagen. Als die Leiche ausgegraben wurde, stand John unter seinen Mitschülern und blickte voll ängstlicher Neugier in das arme, blau angelaufene Gesicht.

Unterwegs nach Zabern zurück begann man von Handelsleuten aus dem Lothringischen zu munkeln, wie sie an den Donnerstagen, dem Markttag, über den Paß in die Stadt kamen – die sollten Fitzi verprügelt und, als er plötzlich tot umfiel, im Wald verscharrt haben. Man erzählte in der Stadt davon, ohne genaueres zu wissen, und alles war klar. Dann wechselte die Szene.

John sah sich nur noch auf dem Schulhof und im Klassenzimmer. Wie in einem Gefängnis bewegte er sich darin, konnte nicht mehr heraus, obwohl er, zitternd vor unbegreiflicher Angst, immer wieder versuchte, aus dem Schulgebäude zu entkommen. Wenn er auf seine Kameraden zutrat, kehrten sie ihm den Rücken oder lösten sich in Dunst auf. Er suchte Old Shatterhand und entdeckte ihn endlich weit weg in einer Ecke des Schulhofes. Und Old Shatterhand schaute ihn an! Reglos schaute er ihn an und weinte vor sich hin. Da wußte John, daß auch sein bester Freund an seine Schuld glaubte. Er lief zu ihm hin und schrie: »Ich war es nicht, ich habe Fitzi nicht getötet – glaubst du, ich hätte ihn getötet?« Old Shatterhand rührte sich nicht, nur seine Augen, die strahlten vor Mitleid, und ein Tränenpaar nach dem andern trat gleichzeitig aus der Iris und rollte schnurgerade rechts und links über die Backen. Gleich darauf stand John vor Gericht.

Ein Haufen Geschworener füllte die ansteigenden Bänke. Unter ihnen saß sein Vater. Auch er schien traurig in seinem großen Zorn, der sein Gesicht rötete – die Adern auf den Schläfen waren geschwollen, und John sah deutlich die blauen Knötchen darin. Er schenkte dem Sohn keinen Blick.

Obwohl John wußte, daß er die Tat nicht begangen hatte und es beschwören wollte, fühlte er erschauernd, wie das Schuldbewußtsein gleich einer unaufhaltsamen Flut in ihm stieg, das Flüssige, Kalte, Gefährliche trat aus ihm heraus, es überschwemmte den Saal. Auf einmal wandten alle Geschworenen den Kopf und richteten drohend den Blick auf ihn. Am weitesten vorn, leuchtend vor wehmütigem Zorn, hing ganz groß das Gesicht seines Vaters.

Hatte er ein Geständnis abgelegt? Er hob die Arme, wollte widerrufen, entschlossen zu lügen, zu lügen, bis zum Ende zu lügen.

Es war ein schlimmer Traum. Denn jetzt wurde auch noch Freund Fitzi hereingetragen mit seinem blau angelaufenen Gesicht und als Zeuge gegen John auf einen Tisch gelegt. Das Ärgste aber: John gelang es nicht, aufzuwachen!

Er machte Licht, erkannte das blanke, kahle Sanatoriumszimmer, stand auf und zog den Schlafrock über. Er rückte den Stuhl an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief an die Hochdramatische des Züricher Stadttheaters zu schreiben. Er schrieb ihr und hatte dabei das deutliche Gefühl, zu lügen: ob er der Hauptschuldige am Tode seines Feindes Fitzi sei, wisse er nicht, alles in ihm sträube sich gegen die Annahme des Gerichts, nie hätte er sich, nie ihn irgend jemand für geldgierig gehalten. Wenn er jemand hätte ermorden wollen, so wäre es der Depsich und nicht der gute Fitzi gewesen. Doch da das Todesurteil in seinem Prozeß nun einmal feststehe, ziehe er es vor, sich selbst das Leben zu nehmen.

Hier hielt er in seinem Brief, als er endlich erwachte.

Bei der Morgenvisite erzählte er Dr. L. seinen Traum. Noch ganz demütig war er von der maßlosen Angst, die er ausgestanden. Unmöglich konnte der Schweizer Doktor glauben, daß er sich da eine Geschichte für ihn zurechtgemacht habe. Mit allen Spuren einer schweren Niederlage saß er vor dem morgenfrischen Doktor im Stuhl, seine Stimme bebte, noch viel mehr bebte sein Herz. Wortlos, ohne eine Miene zu verziehen, stand Dr. L. und hörte zu.

Als er mit den hundert entsetzlichen Einzelheiten des Traumes zu Ende war, klopfte Dr. L. ihm auf die Schulter:

»Gut«, sagte er. »Sehr gut!«

Seine Zähne blinkten in einem sauberen Lächeln, so verließ er das Zimmer. Er war von gewöhnlicher Größe, hielt sich gerade und trug einen unauffälligen Anzug.

Erstaunt erst, dann beleidigt, starrte John durch die geschlossene Tür hinter dem Riesen an Unglauben her. Auf einmal sah er den andern Doktor vor sich, den Schweden vom Götakanal. Ganz ungeniert reckte er sich in der Sonne und lachte John an aus weitgeöffnetem Mund, in dem es von Gold und weißen Zähnen schäumte. Wie ein Blitz wirkte das Lachen, quer durch Schweden, von Meer zu Meer.

»Das erzählen Sie einem andern!« rief er schallend, und seine Worte waren der Donner, der auf den Blitz zu folgen pflegt ...

John sprang auf: »Nein, nein! Nie mehr.«

Mit weichen Knien trat er ans Fenster und blickte in den Park des Sanatoriums hinaus. Es war ein Schweizer Park, ordentlich angelegt, sauber gehalten. Die Allee von Rotdornbäumen stand in Blüte. Als er das Fenster öffnete, sprangen hundert Vogellaute in das Zimmer.

Still schwor er sich, keine Träume mehr zu erzählen, weder echte noch erfundene. Sie sind eine einzige Zigeunerbande, sagte er sich, die echten wie die erfundenen, und tauschen ständig die Masken.

Schließlich weiß man nicht mehr, welche echt und welche erlogen sind. Nicht einmal die Wissenschaft kennt sich aus. Heimlich und im Zwielicht kann ich ja gelegentlich auch so was aufsuchen, mit Vorsicht – immerhin mit Vorsicht. Handelt es sich doch um Usurpatoren und tiefsinnige Verderber des hellen Tages! Man sollte sie in Ketten legen, bevor man sich mit ihnen einläßt ...

Was ich zum Leben brauche, das sind Bäume, die deutlich im Licht stehn, ebensolche Menschen darunter, und Gott vergelt's, wenn die Menschen lächeln und die Bäume gar noch blühn. Was ich brauche, sind Schneeballsträucher, wie sie dort den Bäumen das Geleit geben, Gestalten aus einer Kinderprozession, und einen gelben Weg, der männlich zum Ziele führt ... Lieber Eckensteher im besenreinen Zürich als der fliegende Holländer auf einem Alkoholschiff!

Von dem Tag an war er gesund.

Sein erster Gang führte ihn auf das Postamt. Um den Frieden, den er mit seiner Seele geschlossen, auch vor der Welt zu bekräftigen, telegraphierte er an den Schweden, frei nach dem Bayernkönig und Dichter:

»Rechts stehn Träume, links stehn Träume
Und dazwischen Zwischenräume.
In der Mitte läuft ein Mann,
Der nicht sehn noch hören kann« –

was aber freundschaftlich gemeint war.

Die Hochdramatische in Zürich erhielt ein Blumenarrangement, ein wahres Denkmal, und einen Abschiedsbrief, der von bürgerlicher Lebensweisheit strotzte.

»Jetzt ist er ganz verrückt«, meldete sie dem Direktor. »Von John van Maray hören wir nichts mehr.«

Irrtum!

Bald las sie in einer Zeitung, daß John an der Charlottenburger Oper dirigiere. Eine günstige Kritik. Sie erschrak bis ins Mark.

Die berühmte Sängerin Ursel Bruhn kam nach Zürich. Was sang die Person? Lieder von John van Maray. Ja, der Dirigent der Züricher Tonhallenkonzerte schämte sich nicht, ein mißtönendes und liebloses Orchesterstück Marays aufzuführen. Als aber die Hochdramatische von Gastspielreisen des kleinen Spießers Maray hörte, begann sie von ihm zu träumen.

Eines Tages war er mit seinem Orchester in Zürich.

Kaum hatte er den Taktstock niedergelegt, da erhob sich in der ersten Reihe eine junge Dame mit braunrotem Haar und begab sich an der Spitze nachdrängender Musikfreunde in das Künstlerzimmer.

Kannte jemand die Person?

Im allgemeinen Lärm ging die Frage unter.

Und die Hochdramatische machte sich unter den Augen des applaudierenden Saales ebenfalls auf den Weg zum Künstlerzimmer. Sie lächelte. Sie lächelte wie ein aufziehendes Gewitter. Gleichzeitig suchte und fand sie ein stummes Schluchzen in der Kehle. Sie hielt es fest.

Vor der offenen Tür blieb sie stehn. Die junge Dame mit der braunroten Mähne rief den Musikfreunden zu: »Halt, erst ich!«, sie umarmte John und küßte ihn schamlos ab.

»Wer ist das aufdringliche junge Ding?« wandte sich die Hochdramatische an den Nächstbesten.

»Frau van Maray.«

Erst auf der Straße fielen die Tränen.

»Ich weine um mein verlorenes Glück«, sprach sie laut vor sich hin.

Sie hatte sich früher nicht viel aus John gemacht.

Aber sie gehörte noch zu der Generation, die den Ruhm über alles liebte.

 

Ende der Vorgeschichte.

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