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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 3
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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2

Wer kurz nach dem Krieg ausländischen Boden betrat, traf hinter der Grenze auf ein Fest, dessen er sich bis an sein Lebensende erinnern wird.

Die ›herrliche Welt‹, daheim bis auf den Grund zerstört, hier stand sie noch und war nur hold durcheinandergeraten. Die Menschen bewegten sich mit gelösten Gliedern, körperlich geadelt, freiere, stolzere Wesen als früher. Ein Segen von Verschwendung hing vom Himmel. Durch den Tag wogte das Nachtfest weiter, von einem paradiesischen Dammbruch in Sonne getaucht. Es schien keine alten Frauen und keine Knaben mehr zu geben, geflügelt durchschritten die Geschlechter die Lebensalter. Ein endloser Tanz um den Freiheitsbaum, der ein Phallus war.

Nebenan ging der Reigen derer, die des andern Geschlechts nicht bedurften zur Liebe, und manche tanzten auf beiden Böden, hier im Freien und in der Laube dort. Die gleiche Musik galt für den ganzen Tanzboden, selbst für die aufgeriebene Garde der Tugend.

Wie überall war in Deutschland die erotische Kameradschaft zwischen den Geschlechtern, schon vor dem Kriege im Anstieg, während des vieljährigen Glücksspiels um Börse und Leben mächtig ins Kraut geschossen. Aber draußen zeigte die Entsündigung der Lust ihre große, fleischfarbene Blüte im Festlicht, und der Tanz galt dem Anbruch der versprochenen goldenen Zeit, der Gewißheit eines Sieges, wie ihn größer keine Menschheit je erringen könnte: das von der Angst entgiftete Leben frohlockte. Und noch eins. Neuen Reichtum gab es auch in Deutschland genug, doch wagte er sich noch nicht so offen hervor, weil inzwischen das alte Bürgertum vor aller Augen verarmte. Der Goldhelm der neuen Herren wartete im Schrank.

John van Maray hatte noch kein Volksfest gesehn. Er kannte nur Menschenmengen, die sich schier auffraßen vor hungriger Begeisterung oder denen, wenn sie sich als die schwächeren fühlten, drohende Muskelschauer über den Leib liefen wie einem wilden Tier.

Zwei Schritte hinter der Grenze geriet er in die unwahrscheinlichste Fülle, in etwas, wovon er in der Kindheit viel gehört hatte, ohne es sich recht vorstellen zu können: in die sagenhafte holländische Kirmes. Holland strotzte von frisch erworbenem Gut, und es gab kein altes Vermögen, das nicht der Krieg der andern gemehrt hätte. John wurde von Verwandten aufgenommen wie der verlorene Sohn. Er hatte sie bisher nicht gekannt. Nun aber gab er sich liebenswürdig, gleich einem Engel in Gottes Gunst, er leuchtete, ohne es zu wissen, er war ein Spiegel, der jedes Lächeln mit verzehnfachtem Strahlen zurückgibt, und da er Musiker war, dankte er, flehend um immer mehr, stürmte, klagte, erobernd, und siegte er in seiner Musik.

Gut spielte er, gut, wie ein glückliches Kind gut ist.

Er spielte in den Häusern, wo er eingeladen war, und nachher in den Hallen des Hotels und in Cafés und wo er sonst mit seinem Anhang herumzog. Und wenn er müde wurde, trank er. Er trank weiter, wenn er nicht mehr spielte. Dann kam die Jazzband.

Jede Nacht konnte man an diesem oder jenem öffentlichen Ort John van Maray sich unter die Mitglieder einer Jazzband niederlassen und die zwei, drei letzten Stücke unter einem Hagel von Einfällen dirigieren sehn. Scharen von Nachtbummlern fuhren durch die Stadt, bis sie den ›verrückten Maray‹ bei seinem privaten Schlußkonzert ausfindig gemacht hatten. Erst trieb er nur Spaß mit der Jazzmusik, behandelte sie als Gegenstand seines musikalischen Ingrimms, wobei er sich mühte, die Niggerei ins Maßlose zu übertreiben. Er hoffte, schließlich werde dem Publikum der Skandal klar werden, den er meinte. Das Publikum merkte nichts dergleichen, und John begann sich mit dem tönenden Unsinn aus Radau und Singsang zu befreunden. Denn der Jazz ist so verwandt mit dem Alkohol, daß er ihn fast ersetzen kann.

In England, wo er so weiterjuckte, kam er darauf, den Negerstimmen einen eigenen, ernsthaften Text unterzulegen. Es gelang. Tut! bäbä. Als sein Erfolg wuchs und er im frisch lackierten London des Nachkriegs zu seinem Erstaunen auf gebildete, feinfühlige Menschen traf, beschwor er aus dem pöbelhaften Taumel der Instrumente eine Strophe von Baudelaire oder Swinburne wie eine Erscheinung. Es gelang. Ein Hurra für John! Wieder wanderte er von Haus zu Haus und landete in den Sälen der Hotels, wo er Auszeichnungen erfuhr, wie sie in jenen Jahren sonst nur den berühmtesten Kriegsfliegern zuteil wurden.

Da kam ein Mann zu John und fragte, was er koste.

John sah gleich, daß er nicht spaßte.

Nach einer kurzen Unterredung wurde beschlossen, John solle eine Jazzband zusammenstellen und mit ihr durch Skandinavien reisen. Das Honorar betrug mehr, als John je besessen hatte. »Auf die Weise kommt Ordnung in Ihre Reise – und vielleicht auch in Ihr Leben«, sagte der Manager. Und: »Hier ist die Route mit den genauen Abfahrtszeiten«, sagte er. »Ich reise immer voraus und besorge alles. Verstehn Sie? Und hier ist ein Scheck.«

Darauf schüttelte der Mann ihm kräftig die Hand, und John sah ihn erst in Kopenhagen wieder, von wo der Manager mit den andern Musikern gesättigt nach England zurückreiste.

Für John ging die Tournee weiter. Er wanderte musizierend durch Belgien, Italien, Frankreich, bis nach Spanien hinein, manchmal allein, manchmal in Begleitung einer Frau. Manchmal mußte er ein Retourbillett für sie lösen, manchmal verschwand sie ohne Benachrichtigung. So ging es drei Jahre.

Ein viertes Jahr verbrachte er als Kapellmeister an einer Berliner Oper. Es war das anstrengendste von allen. Er rettete sich an das Stadttheater in Zürich. Hier erwartete ihn eine hochdramatische Sängerin, die in seinen Armen schwor, einen großen Mann aus ihm zu machen.

Zu spät. Mi-auh ...

John erkrankte.

Als er schließlich ohne allen Grund seinen Direktor ohrfeigte, empfahl ihm dieser brüllend das Sanatorium eines Schweizer Arztes. So nahmen vier wüste Jahre ein Ende.

Aus jener Zeit muß noch ein scheinbar geringfügiges Ereignis erwähnt werden, nämlich ein Trink- und Lügengelage zu Beginn der skandinavischen Tournee. Die Vorgeschichte, bei der wir stehn, wird jetzt etwas unordentlich. Dafür hat sie einen moralischen Schluß.

Auf seiner skandinavischen Tournee lernte John in Göteborg einen Arzt kennen, einen Menschen, der mit den pfiffigsten Augen der Welt nur für eines Sinn und Blick hatte: die Dämmerzustände der menschlichen Seele.

Von seinem Frohsinn bunt gescheckt und gewappnet, unter einem Helmbusch, dessen Farben im senkrechten Strahl einer höheren Erleuchtung flatterten, ein fahrender Ritter der Unterwelt, so tummelte sich der Schwede an den dunkeln, den gefährlichen Wassern, die unsre verschwiegensten Regungen und Gebärden widerspiegeln und die für ihn nicht die geringste Gefahr darstellten – nicht die geringste. Bäbä, tu. Bäbä, tut.

Er rieb sich listig die Hände und kugelte sich vor Vergnügen, als John ihm am Morgen nach einem Zechgelage im Hotel einen Traum erzählte. John erinnerte sich später nicht mehr, was das für ein Traum war. Er wußte nur, daß sie viel getrunken hatten und der Arzt ihm an Hand des Traumes die urhafte Grausamkeit seines Wesens klarmachte, so daß er sich eine Weile als ein Borgia vorkam. Es schmeichelte ihm nicht wenig. In solcher Stimmung ließ er sich überreden, statt, wie die andern Musikanten, mit der Bahn, auf dem Götakanal nach Stockholm zu fahren, gewissermaßen quer durch Schweden, von einem Meer zum andern.

Tut! bäbä, eine unbeschreibliche Fahrt! Mit Ausnahme der Trollhättafälle, die sie auf einer Eisenbahnfahrt von wenigen Stunden bequem hätten besichtigen können, war zwei Tage lang nichts zu sehn als flaches, waldumsäumtes Land, worin alle paar Stunden ein buntes Fachwerkhaus auftauchte. Nachts rasselten die Ketten in den Schleusen. Solcher mit einem infernalischen Weckwerk versehenen Krücken benötigt der Götakanal nicht weniger als achtundfünfzig, um endlich in den Mälarsee und nach Stockholm zu gelangen.

Natürlich schliefen sie nur bei Tag, obwohl sie kräftig tranken. Aber auch tags rasselten die Wecker der Schleusen, kaum daß sie eingeduselt waren. Einfach auf Deck nebeneinander zu sitzen und in sich hineinzutrinken, wie ein Trupp von Amerikanern es ihnen vormachte, erschien ihnen menschenunwürdig. Um ihrer Scham willen unterhielten sie sich. Sie taten, als ob sie nicht söffen, sondern austrocknende Gespräche führten. Und da der schwedische Doktor auf nichts so versessen war wie auf Träume, so erzählte John ihm Träume.

Serienweise lieferte er sie, im Dutzend und im Schock.

Während er sprach, erfand er sie, er brauchte sich nicht anzustrengen, die Begeisterung des Doktors und der eisgekühlte Rheinwein berauschten ihn in gleichem Maße.

Die meisten Träume spielten in seiner Kindheit. Denn wir finden es immer merkwürdig, wenn schon ein Kind von Empfindungen angewandelt wird, die das Vorrecht der Erwachsenen bilden sollten. John erzählte allerhand von junger Liebe. Dann schlug die Liebe in Haß um. Er bekam es mit einem Mitschüler zu tun, einem käsebleichen Gesellen, der ihn einmal schrecklich blamiert hatte und der, nach langem Verschollensein, plötzlich wieder in seiner Erinnerung auftauchte. Er führte geradezu Krieg gegen ihn, obwohl der Kerl ihn bei nüchternem Verstand nichts anging.

Sobald John mit einem Traum zu Ende war, begann der Schwede: »Also, hören Sie zu!« – es klang wie ein Manöversignal, und alsbald stieg er in John hinunter, jetzt war er dran, und er tat sich um. Was John da über sich zu hören bekam, war atemberaubend. Er konnte sich nicht satt hören an all den Gewalttaten und verzwickten Abenteuern, die in den Abgründen seiner Seele geschahen. Manchmal fragte er sich, wer von ihnen beiden als der phantasievollere Märchenerzähler zu gelten habe, der Schwede oder er. Es war eine Art Sängerkrieg auf dem Götakanal, quer durch Schweden, von einem Meer zum andern.

Er träumte auf dem Platz, mit offenen Augen. Nicht anders hielt es der schwedische Doktor. Die Farbe der Träume wechselte mit der Tageszeit, und gegen Abend, zur Stunde, da bei den Kranken das Fieber steigt, gerieten sie in Ekstase. Immer wieder schloß der Schwede John in die Arme und schwor ihm ›die weißglühende Freundschaft der Weisen‹. Material für Jahre wissenschaftlicher Arbeit habe er ihm geliefert, sagte er, Material ... für Jah-re ... John rief, daß er ihm ewige Dankbarkeit schulde – endlich habe er sich kennengelernt! Tränen standen ihnen in den Augen. Geistig und körperlich gebrochen, sanken sie auf das Sofa der Kabine, wo ihre Betten zurechtgemacht waren, und verbrachten eine spukhafte Nacht. Am Morgen schöpften sie neue Kräfte aus der getürmten Fülle von Broten, Fischen und Schnäpsen, ›die ein schwedisches Büfett‹ heißt.

Beim Abschied in Stockholm legte John dem kränklichen Lüstling und Arzt ein Geständnis ab. Alles sei gelogen, rief er, alles – bis auf den Traum im Göteborger Hotel, und den habe der Teufel ihm eingegeben. Der sei schuld an den folgenden Ausgeburten trunkener Langeweile quer durch Schweden, von einem Meer zum andern, schuld an allem. Man solle nie einen Traum erzählen!

John fand keinen Glauben. Der Schwede lachte, daß die Leute sich nach ihm umdrehten, wieherte ein vom Leuchten seiner Goldplomben entzündetes Lachen in den blauen Tag zwischen Himmel und See, umarmte John, schüttelte ihm kräftig die Schultern: »Erfunden haben Sie die ganze Menagerie, erfunden? Das erzählen Sie einem andern!« und stieß ihn aus dem Wagen, der sie vom Landungsplatz vor das Hotel geführt hatte. Lachend fuhr er weiter in seine Wohnung.

Als John van Maray nun das empfohlene Schweizer Sanatorium aufsuchte und es sich zeigte, daß dessen Leiter mit der psychoanalytischen Methode allerhand anzufangen wußte, hätte er sich gern analysieren lassen. Er sagte sich nämlich, dies sei das einzige, wozu er unter Umständen noch tauge. Jedoch der vorsichtige Schweizer Arzt, Dr. L., verschob es von Woche zu Woche, und schließlich sprach er überhaupt nicht mehr davon. Freilich waren Johns Erzählungen von den Traumorgien auf dem Götakanal nicht danach angetan, sein Vertrauen zu gewinnen.

Man hatte ihn eben kennengelernt!

Mit seinem seelischen Gleichgewicht stand es nicht zum besten, deshalb war er ja auch in einem Sanatorium, und da, auf der hohen See seines Spleens, lauerte er auf die Analyse wie ein Freibeuter auf das Postschiff. Enterhaken und Leitern lagen bereit, er trug ein Messer zwischen den Zähnen und Pistolen in jeder Hand.

Einem Querulanten weicht man am besten aus. Dr. L. hatte es aufgegeben, sich seinem Patienten zum Kampf zu stellen. So weit waren sie, als John ihm eines Morgens mit einem tollen Traum aufwarten konnte. Wahrhaftig, er hatte geträumt wie ein Buch.

Zuvor sei aber von einem Kindheitserlebnis John van Marays berichtet, das am besten hier seinen Platz findet.

(Bald hat die Unordnung ein Ende!)

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